Okt. 012011
 

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Das unübertroffene Muster und Urbild eines ganzheitlichen, alle Sinne, alle Fähigkeiten, alle Kräfte des Kindes ansprechenden Liedes ist vielleicht „Wer will fleißige Handwerker sehn, der muss zu uns Kindern gehn.“

Ich selbst singe und spiele es gerne in Kitas und Schulen. Ist es noch aktuell? Ich denke schon. Es ist sogar aktueller denn je! Grundschullehrer und Bildungsforscher beklagen seit Jahren den deutlichen Verfall der Körper-Koordination, der Körperbewusstheit, des Raumgefühls unserer Kinder. Jetzt kommt noch erschwerend hinzu, dass viele Kinder etwa in Kreuzberg in all den zehntausenden von Stunden, in all den 15 Jahren, die sie bis zum Abitur in Kreuzberger Kitas und Schulen verbringen, kein brauchbares Deutsch lernen. Und singen lernen sie auch nicht mehr.

Und die Handwerke? Nehmen wir die hier besungenen Gewerke Maurer, Glaser, Maler, Tischler, Schuster, Schneider, Bäcker. Diese Berufe bestehen heute – im Gegensatz zum Müller – noch als Lehrberufe. Sie haben sich verändert, aber die im Lied besungenen Grundfertigkeiten werden heute noch verlangt!

„Fleiß“, wie bei „fleißige“ Handwerker: Diese Grundtugend ist zwar heute recht gering angesehen, dennoch kann keine Gesellschaft auf Arbeitsamkeit, Leistungsbereitschaft und Bereitschaft zum Ertragen von Unlust verzichten. Bei uns in Berlin fehlt es am Fleiß gewaltig, man chillt lieber auf dem Trottoir bei einer Wasserpfeife, hängt herum, zischt sich ein Bierchen rein und geht zur Abwechslung zur Demo für kleinere Klassen, mehr Lehrer, bessere Schulen und geringere Arbeitszeiten. Dennoch vertrete ich die Ansicht, dass man Fleiß von Kindern einfordern und belohnen sollte. Die Türkei verlangt sogar jeden Morgen ein klares Bekenntnis zu Ehrlichkeit und Fleiß von ihren Kindern („Türküm, doğruyum, çalışkanım“), sodass gegen das Gebot des Fleißes und der Ehrlichkeit kein Einspruch von Seiten der selbsternannten Schutzmacht und Nebenregierung unserer türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu gewärtigen ist.

Gegen mehr Lehrer habe ich auch nichts, im Gegenteil, nur sind sie derzeit für Geld und gute Worte nicht zu haben.

Das Mauern „Stein auf Stein“, also insbesondere in Ziegelmauerwerk, hat eine prachtvolle Renaissance erfahren! Es gibt bautechnisch kaum etwas Nachhaltigeres als die gemauerte Wand! Die überdauert mindestens 300-400 Jahre, während Beton häufig schon nach 30 oder 40 Jahren sichtbar „altert“ und Qualität einbüßt!

Der Glaserberuf hat ebenfalls kräftig an Bedeutung zugelegt. Glas wird immer vielfältiger verwendet, großflächig verglaste Fassaden spielen eine entscheidende Rolle beim ökologisch sinnvollen Bauen. Mit neuartigen Klebstoffen eingeklebte Scheiben sind aus Hochgeschwindigkeitszügen und aus PKW nicht wegzudenken.

Der Beruf des Malers und Lackierers steht ebenfalls voll im Saft. Gebäudesanierung, Gebäudeerhaltung, Neubau, energetische Sanierung, Fahrzeugbau – die Einsatzbereiche der sich ständig weiterentwickelnden Arbeitsfelder des Malers und Lackierers sind vielfältig und verlangen eine gründliche Ausbildung.

Die im Liede besungenen Fertigkeiten, nämlich das Schichten, das Hämmern, das Pochen, Heben, Kleben, Rühren, Hobeln und Feilen sind derart grundlegend, dass sie in vielen Lebensbereichen und Berufen nützlich werden können.

Kurzum:

Das Lied „Wer will fleißige Handwerker sehn“ verdient es, wieder in den Kitas und Grundschulen gelernt und gespielt zu werden. Es ist ein immergrüner Klassiker.

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Sep. 302011
 

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Sehr schöner Tag an unserer deutsch-russischen Grundschule! Kinder, Lehrer, Mitarbeiter und Eltern singen ein paar Lieder, die Kinder tanzen. Ich selbst fiedle und singe ebenfalls. Anschließend spreche ich mit der russischen Lieder- und Opernsängerin Irina Potapenko über das Liedersingen und Nicht-Liedersingen. Sie erzählt von Rolf Reuter, dem bekannten Dirigenten von der Komischen Oper, er habe gerade in den Jahren vor seinem Tod immer wieder tieftraurig geklagt:

„Die Deutschen singen nicht mehr!“

Ich nehme an, Reuter war wie ich auch der Meinung, dass das Singen in der Kindheit der entscheidende Baustein für die Weitergabe der Musikkultur ist. Ich würde sogar weitergehen: Das Singen der bekannten deutschen Volkslieder stiftet gerade für Migranten einen goldenen Eingang in die deutsche Sprache, den sie jetzt zu Zehntausenden und Hunderttausenden Jahr um Jahr verfehlen.

Das größte Problem scheint mir zu sein, dass alle, sogar die Wissenschaft, sogar die Bildungsforschung den unverzichtbaren Rang des Singens in Kindergarten und Schule zugeben würden, wenn man sie denn befragte. Aber gerade weil der Wert des Singens so offen auf der Hand liegt, kann man damit keine Karrieren basteln. Am Singen ist nichts zu verdienen.  Ich habe selbst versucht, die Forderung nach regelmäßigem, verbindlich vorgeschriebenem  Kita- und Schulsingen in die bildungspolitischen Forderungen meiner Partei zur Abgeordnetenhauswahl 2011 einzubringen. Es gelang mir zwar – jedoch nicht als Forderung, sondern nur als „flächendeckendes Angebot“. Das fand ich bezeichnend, dass statt einer klaren, (wahl-)kämpferischen Forderung ein weiteres staatliches Angebot erscheint.

Die Berliner Landespolitik ist weiterhin Angebotspolitik, leider noch nicht Ermutigungspolitik, wie sie mir vorschwebt. Man macht es lieber alles etwas teurer als nötig, alles etwas größer als nötig. Statt zu sagen: „Montiert eure Satellitenschüsseln ab und geht wandernd&singend ins Gebirge!“ spendiert der Senat lieber kostbare Verzierungen im Wert von 60 Euro je Stück – die berühmten bunten Überzieher aus Plastik für die Satellitenschüsseln.

Statt ein einfaches, kostenloses Hilfsmittel wie „Singt in der Schule“ vorzuschreiben,  pumpt die Politik lieber Geld in die Bildungsforschung, in die ADHS-Syndrom-Forschung, in Strukturreformen, in zweite und dritte Lehrkräfte, in kleinere Klassen und mehr Klassenräume. Leitfrage ist dabei: „Warum können Kinder sich nicht mehr konzentrieren? Warum lernen unsere armen benachteiligten Migrantenkinder über Generationen hinweg kein Deutsch?“

Damit kann man sehr sehr viel Geld und sehr viele Projektmittel gewinnen! Es lebe die Bildungsforschung! Hip hip hurra!

Bild: die üppig wuchernde Wildnis im neuen Park am Gleisdreick, Kreuzberg. Erwandert gestern.

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Sep. 202011
 

Satt Schulfrust fangen wir das Singen an! An der Grundschule sammle ich eine Gruppe von Schülern zur Interessengemeinschaft „Singen“. Denn das Singen hat eine lernend-lehrende, gemeinschaftsbildende Kraft ohnegleichen.

Kosten des Singens: 0. Materialaufwand des Singens: 0.

Jeder, der eine Stimme hat, soll und kann singen.

Das erste Lied ist: Das Wandern ist des Müllers Lust. Ein sehr bekanntes Lied in Deutschland, etwa 180 Jahre lang wurde es von jung und alt in allen Schichten Deutschlands gesungen. Erst seit etwa 20 Jahren lernen es die Kinder nicht mehr. Denn Müller gibt es nicht mehr, gewandert wird auch nicht mehr so viel, gesungen wird in Familie und Schule auch nicht mehr. Der vorangestellte Genitiv „des Müllers“ existiert noch und wird wohl nur noch einige Jahre existieren. Also wozu noch?

„Was ist denn ein Müller?“, frage ich, um neben der Melodie auch das Textverständnis zu sichern.

„Ich weiß es: Der Müller bringt den Müll weg!“, antwortet ein 11-jähriges Mädchen. Wirklich?, frage ich zurück. Gemeinsam erarbeiten wir im Gespräch eine mögliche Antwort auf die Frage, was ein Müller ist.

Sollen die Kinder heute noch deutsche Wander- und Volkslieder lernen? Sollen sie noch singen lernen? Sollen sie noch wandern? Sollen sie noch wissen, was ein Müller ist? Ist Wort und Beruf nicht ausgestorben?

Ich meine: Die Kinder sollten noch singen, noch wandern, noch erfahren, was ein Müller ist.

Denn der Beruf Müller ist nicht ausgestorben. Es gibt ja zum Beispiel den Windmüller. Alternative, regenerative Energien sind im Kommen. Kinder sollten noch wissen, was ein Müller ist. Sie sollten noch wandern. Zwar ist es ein deutsches Volkslied, aber dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden. An der türkischen Musikschule in Kreuzberg wird türkische Volksmusik gelehrt, warum sollte man an Berliner Schulen mit 98% Wandernden („Migranten“) nicht deutsche Migrationslieder singen?

Sie sollen noch den Genitiv lernen.  Sie sollen und können noch singen.

Wanderlieder bewahren einen riesigen Schatz an Erfahrungen der Migration, der kulturellen Differenz auf! Migration heißt ja Wanderung.

Deutsche Volkslieder sind ein wichtiges Mittel der Integration in die deutsche Gesellschaft, die ihr kulturelles Gedächtnis und ihre Sprache schon fast verloren hat.

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Weiß Kreuzberg, was es hat?

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Aug. 242011
 

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Eine phantastische Sängerin, die ich immer wieder gerne höre, ist die russische Altistin Irina Potapenko.

Das Beste: Sie wohnt in Kreuzberg. Jetzt kann man die Lieder von Fauré und Mendelssohn im Internet kaufen. Gute Sache! Ob wohl viele wissen, wer oder was sich hinter dem U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park verbirgt?

Fauré: Romances – Mendelssohn: Songs by Irina Potapenko & Evgenia Artemova – Download Fauré: Romances – Mendelssohn: Songs on iTunes

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„Und ihr seid wirklich mit dem Fahrrad aus Berlin gekommen?“

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Juli 272011
 

04072011814.jpg Immer wieder ernteten wir von den Kindern erstaunt-ungläubige Blicke, wenn sie bemerkten, dass wir weder mit dem Auto noch mit dem Flugzeug auf den Campingplatz angereist waren.

Dabei war es in Mecklenburg-Pommern zu DDR-Zeiten gang und gäbe, dass man ohne Auto und ohne Flugzeug in den Urlaub fuhr. Nur, für die heutigen Kinder sind das längst vergangene Zeiten! Viele heutige Kinder kennen die Erfahrung gar nicht mehr, dass sie sich über mehrere Stunden aus eigener Kraft auf ein Ziel hin bewegen müssen. Sie wissen nicht mehr, wie sich das anfühlt, wenn einen ein Regenschauer überrascht und durchnässt. Sie kennen die tiefe Erschöpfung nach einem durchwanderten Tag nicht. „Wozu wandern? Es gibt doch Autos!“

Ich meine: Es tut Kindern gut, wenn sie einmal erkennen, dass man ein Ziel auch zu Fuß oder mit eigenen Kräften erreichen kann.

Andererseits: Zum ersten Mal nach langer Zeit hörte ich auf dem Campingplatz einige Kinder in aller Frühe zusammen singen. Es waren die Kinder unserer Zeltnachbarn, Buben im Alter von 5 und 7 Jahren. Soll ich euch was verraten? Dies war eines meiner schönsten Urlaubserlebnisse.

Bild: Omnia nostra nobiscum portamus – „Alle Habe tragen wir mit uns“. Unsere glorreiche Anreise im Regen, vor dem Klärwerk in Körkwitz.

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Juni 242011
 

Lothar Zweiniger, BVG-Personalvorstand, und Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der deutschen Polizeigewerkschaft sprachen gestern im Kreuzberger BVV-Saal auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema: „Wie sicher ist der öffentliche Nahverkehr?“

Einige Einsichten: Das Gefühl der Unsicherheit hat zweifellos bei vielen Menschen dramatisch zugenommen. Die vieldiskutierten Gewalttaten im Nahverkehr erfolgen – wie Lother Zweiniger berichtete – spontan, die Täter besitzen ein Ticket. Sie „rasten aus“, zu 90% geschehen die Taten unter Alkoholeinfluss.

Rechnen wir nach: Bei 930 Millionen BVG-Fahrgästen pro Jahr und 1360 Gewaltdelikten im Jahr 2010 ergibt sich, dass einer von 683823 Fahrgästen pro Jahr Opfer einer Gewalttat wird, oder dass man – bei 400 BVG-Fahrten pro Jahr – 1709 Jahre lang BVG-Nutzer sein müsste, um bei einer Gewalttat verletzt zu werden.

Umgekehrt ist die statistische Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens in einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, bei etwa 1. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, ist etwa 1700 größer als die Wahrscheinlichkeit, in der BVG Opfer einer Gewalttat zu werden

Statistisch gesehen sind die Verbrechen in Berlin insgesamt und auch bei der BVG  rückläufig. Das hilft den Opfern nicht. Es hilft der freien Presse nicht, dies zu erwähnen.

Um so größer ist das gefühlte Unbehagen, das häufig auch durch die Presseberichte geschürt wird. Die Presse berichtet nicht über 683822 unverletzte Fahrgäste, sondern über den einen verletzten.

Ich selbst lobte die heftig gescholtene BVG und das heftig gescholtene Prinzenbad über den grünen Klee und verwies begeistert auf folgendes Filmchen über einen Kopenhagener Busfahrer:

YouTube – Mukhtars Fødselsdag – Flash Mob – Bedre Bustur

Was lernen wir daraus? Wir sollten mehr lächeln, mehr lachen, mehr BVG fahren und mehr singen. Singen und Reden schafft gute Stimmung und vertreibt das Grundgefühl der Angst.

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März 312011
 

Aufm Kika verfolgten wir kürzlich den „Songkontest“ – begleitet vom üblichen elektronischen Gedaddel, sollten Kinder ein Lied ihrer Wahl singen. Spannend war, dass kein einziges Kind die in der EU am meisten gesprochene Muttersprache, also Deutsch verwendete, sondern alle Songlyrics – Englisch waren.

Deutsch wird also öffentlich von Kindern nicht mehr gesungen. Alles muss so cool sein. Marketingsprech hat die Kinderkanäle und Kinderherzen erobert. Das Rhythmusgefühl bei den Kindern wird nicht entwickelt, da die Beat-Maschinen alles vorgeben. Sowenig wie Kinder noch rückwärts gehen oder balancieren lernen, lernen sie auch den Ton zu treffen. „Hänschen klein“ – dieses Lied ist ein Lied von einem anderen Stern, es wird nicht mehr gelehrt. Stattdessen leistet man sich wahnsinnig teure Sprachförderprogramme, stellt Sozialarbeiter und Logopäden sonder Zahl ein.

Unfassbar.

Die Kinder werden zunehmend ins kulturelle Nirwana des Internationalismus gestoßen.  Da alles gleich und gleichgültig ist, setzt sich letztlich die am besten vermarktungsfähige Sprache durch, also das Englische. Nur in den Koranschulen wird weiterhin Hocharabisch gepflegt, die Jungs lernen Sure um Sure auswendig, und zwar nicht auf Englisch, sondern auf Arabisch! In den russischen Familien wird Russisch gepflegt, in den türkischen Familien wird türkisch gesprochen. Die Deutschen sprechen untereinander noch Deutsch oder auch Englisch.

Ansonsten bildet sich nach und nach eine multinationale Patchwork-Gesellschaft heraus. „Berlin wird immer internationaler“, so stellt es Günter Piening, der Integrationsbeauftragte des Senats fest. Alle Nationalitäten sind gleichberechtigt, als gemeinsame Sprache der nachwachsenden Elite scheinen viele Englisch zu bevorzugen. Ansonsten plappert jeder drauflos, wie ihm der Schnabel wächst. Der Türke spricht Türkisch, der Kurde spricht Türkisch oder Kurdisch, der Araber spricht Arabisch, der Vietnamese spricht Vietnamesisch. Alle zusammen sprechen wir – gar nicht miteinander. Das ist die „Internationale der Stummen“.

Die Anträge auf Sozialhilfe liegen in zahlreichen Sprachen aus. Selbst zum Ausfüllen des Antrags auf Sozialhilfe bedarf es keiner Deutschkenntnisse. Great! We draw the crowds from everywhere!

Wird Berlin also immer internationaler? Ich meine, dass Berlin nicht „immer internationaler wird“, wie der gute Herr Piening meint bemerken zu dürfen, sondern sich zunehmend in Volksgruppen (Russen, Araber, Deutsche, Türken usw.) gliedert oder spaltet. Kuckt doch der Wahrheit ins Auge. So ist es doch.

31.03.2011: Die Mehrheit wird international (Tageszeitung Neues Deutschland)

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Feb. 052011
 

Durch ein bedauerliches Versehen veröffentlichte dieses Blog vor zwei Tagen eine irrige Fassung eines Abschnittes des Qualtinger-Liedes „Der Halbwilde“.

Höchst vorsorglich stellen wir fest, dass der Ausdruck „Der Halbwilde“ nicht als rassistisch oder diskriminierend gegenüber den Motarradfahrerinnen und Motorradfahrern  zu verstehen ist. Ebenso wenig vertreten wir – höchst vorsorglich – die Ansicht, dass Fahrradfahrerinnen beiderlei Geschlechts die besseren Menschen gegenüber den Motorradfahrern beiderlei Geschlechts seien.

Eine genaue Nachprüfung auf You toube ergab, dass der richtige Wortlaut des Liedes „Der Halbwilde“ der folgende ist:

I hab zwar kei ahnung wo i hinfahr
aber dafür bin i gschwinder durt

YouTube – Helmut Qualtinger – Der Halbwilde

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Žádnyj neví, co jsou Domažlice – niemand weiß, was Domažlice ist

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Jan. 232011
 

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Beim Spaziergang durch die kalte sonntägliche Großbeerenstraße fiel mir heute wieder das folgende tschechische Volksliedchen ein, das ich vor langen Jahren während des Tschechisch-Selbstunterichts gelernt habe – und das ich nicht versäumte vor mich hin zu trällern – sehr zum Erstaunen meiner Begleiterin – und wobei ich sicher war, seit langer Zeit der erste Mensch zu sein, der je vor dem HAU dieses Liedchen sang:

Žádnej neví co jsou Domažlice,
žádnej neví co je to Taus.

Taus je to Německy,
Domažlice česky,
žádnej neví co je to Taus.

Žádnej neví co je to železo,
žádnej neví co je kroužek.

Kroužek je železo,
má zlatá Terezo,
žádnej neví co je kroužek.
„Tschechien“ – so lautet ein vorzügliches Bändchen, das Markus Mauritz über die Geschichte unseres neben Polen zweiten großen slawischen Nachbarn herausgebracht hat und das ich heute las.

Erstaunlich!  Dieser Staat, die Tschechische Republik, ist das Endergebnis eines jahrhundertelangen Zusammenlebens unterschiedlicher ethnischer Gruppen in einem eng umgrenzten Raum – Böhmen und Mähren. Tschechen, Deutsche, Slowaken, Ungarn, Juden, Ruthenen, – das waren die Völker, die ab 28.10.1918 zum ersten Mal in Mitteleuropa in einem wahrhaft demokratischen, multiethnischen, multikulturellen Gemeinwesen zusammenleben sollten. Ein gewaltiges, letztlich gescheitertes Experiment, das intensives Studium verdient!

Am 17.07.1992 erklärte sich der slowakische Landesteil zum souveränen Staat. Dies war das Ende des Experiments eines multethnischen demokratischen Staates.

Nicht einmal die Tschechen und die Slowaken, die angeblich nahverwandten slawischen Brudervölker haben es also miteinander ausgehalten! Damit ist der mich immer wieder verblüffende Zustand eingetreten, dass fast alle europäischen Demokratien nunmehr Nationalstaaten geworden sind. Die beiden Ausnahmen sind Belgien und Schweiz.

Die Bundesrepublik Deutschland meint immer noch, ohne den Begriff der „Volksgruppen“ auskommen zu können, obwohl wir mit den Türken eine annähernd 3 Millionen Menschen umfassende, klar umrissene ethnische Minderheit bei uns haben. Nicht umsonst spricht etwa der einflussreiche Türkische Bund in seiner Satzung eindeutig davon, dass er „Minderheitenrechte„, also echte Gruppenrechte für die türkische Volksgruppe einfordert.

Besonders nachdenklich stimmt mich die Tatsache, dass die Tschechen und die Deutschen über Jahrhunderte hin in wechselnden staatlichen Gebilden miteinander und nebeneinander herlebten, aber sich nirgendwo tiefgreifend vermischten. Es war über die Jahrhunderte meist für jeden Bürger sofort klar, ob er Deutscher oder Tscheche war.

Weder unter den Fürsten noch in der Demokratie bildete sich eine übergreifende, multiethnische, multikulturelle neue Identität heraus.

Wird es also auch mit unseren Türken so sein, dass sie noch in Hunderten von Jahren sich als „Türken in Deutschland“ und nicht als „Deutsche mit türkischem Hintergrund“ sehen? Ich halte dies für höchst wahrscheinlich.

Das faktenreiche, klug abwägende Buch von Markus Mauritz sollte jeder lesen, der zum Thema Integration und Mulitkulturalismus mitreden will.

Hier die Angaben:

Markus Mauritz: Tschechien. Verlag Friedrich Pustet Regensburg. Südosteuropa-Gesellschaft München 2002.

Amazon.com: Tschechien. (9783791717692): Markus Mauritz, Horst Glassl, Ekkehard Völkl: Books

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Gemeinsames Singen Tanzen Märchenerzählen … alles von gestern?

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Mai 132010
 

Immer wieder habe ich mich bei Gesprächen mit Familien und mit Lehrern für das gemeinsame Singen, das Märchenerzählen, das Gedichterezitieren, das Musizieren und Tanzen eingesetzt. Warum? Das Singen und das Rezitieren schaffen eine gemeinsame Anmutung, eine Sicherheit, eine Geborgenheit im gemeinsamen Tun. Ich bin der Meinung, die Kinder sollten in der Schule jede Stunde ein gemeinsames Lied singen und ein paar Gymnastikübungen machn.

Ich weiß, dass all diese schönen Dinge in der modernen Didaktik wenig Platz haben. Es geht heute mehr um das „kindzentrierte Entdeckenlassen“, das „behutsame Fördern“, das „Wachsenlassen.“ „Jeder macht das, wozu er Lust hat.“ Wenn es nicht klappt, dann legt das Kind die Füße auf den Tisch. Ich halte diese weitverbreitete verwöhnend-vernachlässigende Grundhaltung dem Kind gegenüber für einen Irrweg.

Zum Glück treffe ich manchmal auf Menschen, die ähnliche Meinungen vertreten. Einer von ihnen: Gerald Hüther. Immerhin ein veritabler Neurobiologe. Er hat die Gabe, die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch in leicht fassliche Ermahnungen und Gebote umzumünzen, etwa in die Aufforderung, mit Kindern viel zu singen, Kindern viele Märchen zu erzählen, Kinder zu viel Bewegung anzuleiten. In seinen Worten:

Gerald Hüther: Wofür ich arbeite
Bei meiner Darstellung und Vermittlungen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse und dem Herausarbeiten der Implikationen dieser Erkenntnisse für die Lebenspraxis wende ich mich neben Führungskräften aus Politik und Wirtschaft auch all jene gesellschaftlichen Kräften zu, die sich um das bemühen, was für eine Kultur des Zusammenlebens und der Entfaltung menschlicher Potenziale zumindest ebenso wichtig ist: das gemeinsame Singen, Tanzen, Spielen, Lesen, Märchenerzählen, gemeinsame Naturerfahrungen und die Entdeckung des eigenen Körpers durch Bewegung, Sport und durch körperorientierte psychotherapeutische Interventionen.

 Posted by at 19:33
Apr. 132010
 

Bei meinen Besuchen in Russland fiel mir immer wieder auf, mit  welcher Kennerschaft und oft Liebe die Russen von bei uns in Deutschland längst schon vergessenen Menschen wie Robert Schumann, Heinrich Heine, aber auch Karl Marx (weniger Liebe bei dem, aber Kennerschaft) oder Friedrich Nietzsche sprechen. Die Bildnisse von deutschen Komponisten machen schon etwa die Hälfte der großen Komponisten-Galerie im Konzertsaal des Moskauer Konservatoriums aus. Wer kennt sie bei uns noch?

Ich meine: Das längere gemeinsame Singen sollte zu jedem Schultag in jeder Klasse in der Berliner Grundschule gehören – am besten zu Beginn und dann noch einmal mittendrin. Bitte nicht nur die Nationalhmyne – aber auch. Bitte auch alte Volkslieder, bitte auch Kinderreime, Abzählverse, Knackiges. Dann wird es gar nicht erst passieren, dass ganze Generationen an Schülern unsere Berliner Schulen verlassen, ohne auch nur einen einzigen korrekten deutschen Satz aussprechen zu können. Und ich übertreibe nicht. Geht ins Prinzenbad, fahrt mal U-Bahn bei uns in Berlin.

Lena Meyer-Landrut mit ihrem rasch hingeschmissenen Erfolg wird unseren Kindern als Vorbild hingestellt – in Russland heißt das Vorbild Anna Netrebko. Netrebko hat 15 Jahre hart an sich und an ihrer Karriere gearbeitet, und sie fährt jetzt die Ernte ein. Aber sie hörte auch schon als junges Mädle in der tiefsten Provinz die Fledermaus von Johann Strauss.

In Deutschland wird das Singen (oder Trällern?) dem raschen Lottogewinn untergeordnet. Alles muss ja schnell gehen, die schnelle Mark, der schnelle Euro, der schnelle Erfolg.

Was für ein Jammer!

Wir können doch nicht alle unsere Berliner deutschen, kurdischen, assyrischen, russischen, armenischen, tatarischen, polnischen … Kinder zur Erziehung und zum Deutschlernen nach Sibirien oder in die südrussischen Teilrepubliken schicken?! NACH SI-BI-RIEN! Zum deutschen Sprachurlaub. Ja, warum eigentlich nicht? Sibirien ist ein großes Land. Wir schaffen es bei uns in Berlin nicht, den Kindern Deutsch beizubringen, also müssen wir Eltern und Erzieher selber zur Strafe in die Verbannung nach Sibirien. Das ist nicht schrecklich, oder? Immerhin, dort in Sibirien scheint man den unvergleichlichen Wert des Singens von Liedern erkannt zu haben. Lest:

Wir singen | Статьи | Немецкие организации Сибири
Mitte März fand im Begegnungszentrum des Dorfes Nikolajewka, Deutscher Nationaler Rayon, ein Seminar für Gesang statt. Insgesamt 20 Lehrkräfte der deutschen Kulturzentren aus den Städten Rubzowsk und Barnaul und dem Deutschen Nationalen Rayon nahmen an dieser dreitägigen Veranstaltung teil.

Organisator war die deutsche Begegnungsstätte des Dorfes Nikolajewka. Dieses Seminar wurde von der Stiftung „Altai“ im Rahmen des Programms der Regierung Deutschland zugunsten der deutschen Minderheit in Russland finanziert.
Arbeit mit Liedern hat in der Tätigkeit der deutschen Zentren eine wichtige Bedeutung. Sie veranstalten oft verschiedene Feste, feierliche Unterhaltungs- und Konzertprogramme, in denen sie üblicherweise viele deutsche Lieder vorstellen. Daneben beteiligen sich die Begegnungszentren mit deutschem Gesang an verschiedenen örtlichen sowie an regionalen, föderalen und internationalen Veranstaltungen. Außerdem funktionieren in vielen Zentren verschiedene Gesangkollektive. Sogar im Deutschunterricht, den die Zentren den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen anbieten, spielen die Lieder eine große Rolle. Sie machen den Deutschunterricht noch interessanter und bereiten den Teilnehmern der Deutschkurse verschiedenen Alters Spaß. Aus diesem Anlass ist es für die Zentren immer aktuell, ihr Repertoire mit neuen deutschen Liedern zu erweitern. Deswegen war für die Zentrumsleiter dieses Seminar, das die BIZ-Multiplikatorin für Gesang aus Rubzowsk Irina Bekassowa leitete, sehr wichtig.
Im Seminar besprachen die Teilnehmer die Probleme bei der Arbeit mit Liedern in den Kinder- und Jugendklubs, und Irina Bekassowa berichtete über ihre praktischen Erfahrungen in diesem Bereich. Dann lernten die Lehrkräfte mit den Texten der Lieder richtig arbeiten, und machten sich mit neuen vokal-aussprachlichen Übungen für Sänger bekannt. Die Seminarteilnehmer selbst sangen die neuen deutschen Lieder mit großem Vergnügen.

 Posted by at 08:53
Dez. 172009
 

1194272589___irinapotapenkoport.jpg Zu den beeindruckendsten Opernregisseuren der Gegenwart zählen für mich Christoph Schlingensief (Deutschland, Österreich, Burkina Faso usw.) und die russische Opernsängerin Irina Potapenko (Schöneberg, Kreuzberg). Was haben die beiden gemeinsam? Sie bringen die Oper als Kunstform an ungewöhnliche Orte. Sie gehen zu den Kindern, den Armen, den Vergessenen. Zu den Unterschichtlern dieser Erde. Sie glauben an die verwandelnde Kraft der Kunst, des Gesanges. Kultur, Musik, Gesang, Oper – nennt es doch wie ihr wollt! – ist etwas für alle. Sie ist so wichtig wie das täglich Brot.

Was ist der Unterschied? Schlingensief findet viele Mitstreiter. Das schreibt die ZEIT über ihn und sein afrikanisches Opernhaus:

»Ich meine das ernst«, sagt Schlingensief. In seinem Opernhaus sollen Künstler aus Afrika und Europa zusammenkommen. Er hat sich die Unterstützung von Außenminister Steinmeier geholt, vom Goethe-Institut, und er hofft auf private Spender – etwas mehr als eine Million Euro wird Schlingensief wohl brauchen. Und nun ist er hier in Burkina Faso mit einem fünfköpfigen Team, um nach einem geeigneten Ort zu suchen.

Irina Potapenko kommt ohne Subventionen, ohne Team, ja sogar ohne Außenminister aus. Die Puppen bastelt sie selbst in ihrer Freizeit. Einige davon hat sie schon verschenkt. Ihre Spielorte sind Kitas und Schulen, sind die berühmten Schimmel- und Asbestkieze Kreuzbergs und Schönebergs. Finanzielle Unterstützung erhält sie keine. Mit ihrem lustigen dreirädrigen Lastenrad fährt sie die Requisiten zur Bühne, werkelt, malt und hämmert selbst. Sie führt Regie, malt mit den arabischen und türkischen Kindern die Bühnenbilder, singt selbst, lässt Kinder als Mitwirkende auftreten, spannt auch ihren willfährigen Ehemann, nämlich den hier schreibenden Blogger, als Helferlein ein. Und das Beste daran ist: Keine einzige Zeitung nimmt Ira Potapenko wahr. Sie macht es um der Kinder willen, um der Kultur willen.

Irina Potapenko ist für mich die Opernregisseurin des Jahres 2009. Wirklich – nur für mich! Bitte, bitte: Nicht weitersagen, dass das Gute so nah liegt! Pssst!

 Posted by at 12:21