Okt. 062010
 

Immer wieder spreche ich mit polnischen, russischen, italienischen Eltern und Eltern anderer Herkunftsländer über die Situation an Berlins staatlichen Schulen. Die meisten kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, was bei uns alles geht und nicht geht an deutschen Schulen. Ich fasse meine Eindrücke so zusammen:

Das Berliner Schulwesen gilt als  außerordentlich schwer durchschaubar, hochkomplex, teilweise dysfunktional und teilweise chaotisch. Die Anforderungen und der Leistungsstand sind weit niedriger als in Polen oder Russland, China oder Korea.

Die ausländischen Eltern erleben Berlins Lehrer häufig als zu vertraulich im Umgang mit Schülern, zu wenig autoritär, zu unbestimmt.

Die starke Präsenz von Kindern aus muslimischen Ländern wird nicht als Bereicherung erlebt. Das Verhalten des deutschen Staates gegenüber den türkischen und arabischen Zuwanderen wird von den anderen in Deutschland vertretenen Nationen meist als eine Art kriecherische Anbiederung oder Kapitulation vor der zahlenmäßigen Übermacht erlebt.

Typisch sind etwa folgende Kommentare ausländischer Eltern: „Und DAS lasst ihr Deutsche mit euch machen? Ihr und euer Sozialstaat werdet doch mit allen legalen und illegalen Mitteln ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Merkt ihr das denn nicht? Dann braucht ihr euch nicht zu wundern, wenn man vor euch auf den Boden spuckt!“

Soll man von „Deutschenfeindlichkeit“ sprechen? Ich meine dazu: Das beschriebene „Exklusionsverhalten“ oder „Mobbing“ richtet sich nicht gegen Deutsche als Deutsche, sondern gegen alle, die deutlich anders sind als die muslimische Schülermehrheit, also auch gegen Schüler aus anderen nichtmuslimischen Ländern.

Ich selbst erlebe derzeit, wie das gesamte Berliner Schulwesen auf die Bedürfnisse der neuen Schülermehrheiten hin umgekrempelt werden soll – freilich ohne dass dies jemand so eingestünde. Wenn an den Problemschulen wie etwa der Rütlischule zur Abwehr der Angst vor den Schülern jeweils mindestens 2 Lehrer (ggf. mit 2-3 Sozialarbeitern, Projektmitteln in Hülle und Fülle) pro Miniklasse verlangt werden, fehlen diese Lehrer, diese Mittel anderswo.

Denkbar ist, dass allein aufgrund der Etatzwänge die Klassenfrequenzen in den wenigen verbleibenden Schulen, etwa den Gymnasien, auf 50-60 Schüler hochgehen werden. Das muss so kommen. Denn wie anders sollte man all die erforderlichen Schulstationen, Mensen, Bewährungshelfer usw. bezahlen?

Insgesamt ist das beschriebene Problem eher ein „kulturell muslimisches Problem“. Ich stimme den Äußerungen des Neuköllner Bürgermeisters Buschkowsy (Tagesspiegel heute, Seite acht ) im Wesentlichen zu.

Buschkowsky im Interview: „Das ist ein kulturell muslimisches Problem“ – Berlin – Tagesspiegel

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Sep. 142010
 

Von den etwa 3 Millionen Türken, die dauerhaft in Deutschland wohnen, hat etwa ein Viertel bis ein Drittel die deutsche Staatsbürgerschaft. Die anderen sind türkische Staatsbürger. Der türkische Staat kann zu Recht beanspruchen, für sie und in ihrem Namen als „Auslandstürken“ zu sprechen.

Wer unter diesen Auslandstürken bezeichnet sich als Deutscher? Eine offene Frage!

Eines ist sicher: Wir haben in der Bundesrepublik mittlerweile eine klar erkennbare türkische Volksgruppe, eine wachsende türkische Volksgruppe, die in jeder Hinsicht mit der deutschen Volksgruppe in der damaligen Tschechoslowakei (ab 1919-1946) verglichen werden kann.

Es gibt auch Unterschiede: Die Deutschen besaßen wider Willen die tschechoslowakische, nicht die österreichische oder deutsche Staatsbürgerschaft. Sie waren seit Jahrhunderten autochthon, also nicht zugewandert. Und sie lebten in nahezu geschlossenen Siedlungsgebieten. Sie fühlten sich als Fremde in diesem tschechisch dominierten Staat.

Als Volksgruppe oder nationale Minderheit bezeichnet man eine Gruppe von Menschen innerhalb eines Staates, die durch gemeinsame Nationalität, gemeinsame Sprache, oft auch durch gemeinsame Religion und weitgehend abgeschlossene verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verbunden sind.

Dies galt für die Deutschen in der Tschechoslowakei, es gilt heute für die Mehrheit der Türken in Deutschland. Für die Mehrheit der Türken in Deutschland gilt: Sie haben nicht die deutsche, sondern die türkische Staatsbürgerschaft, sie sprechen fast nur Türkisch als Alltags- und Umgangssprache, sie haben eine gemeinsame Religion, sie sind verwandtschaftlich und familiär fast ausschließlich innerhalb ihrer Volksgruppe integriert.

Diese Trends nehmen zu, nicht ab.

Was folgt daraus? Eine offene Frage!  Aber diese Fakten gilt es erst einmal zur Kenntnis zu nehmen, ehe man die nächste Runde der Integrationsdebatte einläutet.

All die Statistiken geben einiges her, aber viel wichtiger ist natürlich das alltägliche Empfinden. Mit wem rede ich? Neben wem sitzen meine Kinder auf der Schulbank? Wen lade ich nachhause ein? Woher suche und hole ich die Ehepartner für meine Kinder?

Wichtiger als Statistiken sind die Fragen: Was will ich? Will ich auch als Türke richtig gutes Deutsch lernen? Sehe ich dieses Land, in dem ich lebe, als Heimat an? Will ich den beruflichen Erfolg in meinem neuen oder meinem alten Heimatland – oder will ich ausschließlich innerhalb meiner Volksgruppe verbleiben?

Nun, ich meine, alle diejenigen, die sich selbst als zu ihrer deutschen Heimat zugehörig bezeichnen, die sich klar zu diesem Land bekennen, die hier leben wollen, die sind zweifellos in vollem Umfang Deutsche.

Deswegen begrüße ich die klaren Worte von Fatih Akin, Feridun Zaimoglu, Aylin Selcuk, Lamya Kaddor und anderen aus ganzen Herzen. Zu lesen heute auf S. 5 der Süddeutschen Zeitung.

Ich meine: Diese klaren Worte, dieses klare Bekenntnis zu Deutschland ist repräsentativ auch für ein Viertel bis ein Drittel der in Deutschland lebenden Türken. Dieser Anteil soll steigen!

Ich würde gerne darauf hinwirken, dass alle, die dauerhaft hier wohnen und leben, sich als in vollem Sinne zu diesem Land zugehörig bezeichen. Sie „sollten es wollen“. Wir sind aber sehr weit entfernt davon.

Man könnte hier die Bitte der 15 mutigen Deutschen, die einen Brief an den Bundespräsidenten geschrieben haben, aufgreifen und all diesen Unentschiedenen zurufen:

„Bekennen Sie sich zu uns!“

Sie gehören zu uns.

Ausländer: Wie die Türken das Deutsche wieder verlernten – Nachrichten Politik – Deutschland – WELT ONLINE

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Deutschland bleibt unsere Heimat

 Heimat, Identitäten, Integration, Migration, Vertreibungen, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Deutschland bleibt unsere Heimat
Sep. 142010
 

„Bekennen Sie sich zu uns!“ Mit diesen Worten wenden sich einige Deutsche an den Bundespräsidenten Christian Wulff. In einem offenen Brief bekennen sich umgekehrt diese 15 Deutschen zu ihrem Heimatland – zu dem Land, in dem sie geboren wurden und aufgewachsen sind. Darüber berichtet die Süddeutsche Zeitung heute auf S. 5.

Dass diese jungen Deutschen, diese „neuen Deutschen“ nun, 65 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg und nach den Vertreibungen der Deutschen aus ihrer angestammten Heimat nahezu wortgleich die Formulierungen der älteren Heimatvertriebenen aufnehmen, stimmt nachdenklich.

Ich meine: Dieses klare Bekenntnis zur Heimat, dieses klare Bekenntnis zum Staat Bundesrepublik Deutschland ist vorbildlich.

Gäbe es doch nur mehr solche vorbildlichen Deutschen wie Aylin Selcuk, Feridun Zaimoglu, Shermin Langhoff, Lamya Kaddor und Fatih Akin!

Die nationalen und demokratischen Untertöne, das klare Bekenntnis zu Werten und Worten wie Heimat, Familie, Staatspräsident sollte uns lauwarme „alte Deutsche“ jedoch nicht erschrecken.  Man soll und darf Deutsche wie Aylin Selcuk, Feridun Zaimoglu, Shermin Langhoff, Lamya Kaddor und Fatih Akin nicht in die rechte Ecke stellen oder ihnen die kalte Schulter weisen, nur weil sie ein klares Bekenntnis zu ihrem Heimatland ablegen.

Deutschland ist unsere gemeinsame Heimat!  Willkommen bei uns zuhause!

„Dieses Land ist unsere Heimat. Wir werden dieses Land nicht aufgeben.“ « Die neuen Deutschen

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„Der Deutsche liebt alte Bäume“, oder: Darf man verallgemeinern?

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Sep. 022010
 

Oft wird gesagt: „Sie dürfen doch nicht so verallgemeinern!“

Ich frage euch:

Stimmen folgende allgemeine Aussagen:

„Der DEUTSCHE hat was gegen Baumfällungen in Städten. Der DEUTSCHE hat was gegen Atomkraft und freut sich über viel GRÜN in der Großstadt. Der DEUTSCHE hat eigentlich nichts gegen Sex unter unverheirateten Jugendlichen, vorausgesetzt, er ist freiwillig.“

„Der TÜRKE hat was gegen Alkohol. Der TÜRKE ist warmherzig und freut sich über jeden Gruß und jedes gute Wort, das er hört. Der TÜRKE ist eigentlich gegen Sex unter unverheirateten Jugendlichen.“

Sind das alles unzulässige Verallgemeinerungen? Ich meine nicht. Man muss solche Dinge im Hinterkopf haben, um Erwartungen an seine Gesprächspartner heranzutragen. Ohne eine gewisse Vorbildung kann man DIE DEUTSCHEN und DIE TÜRKEN nicht verstehen.

Und wenn ein Türke wahnsinnig gerne viel Alkohol trinkt und es auch tut? Das kann er machen. Es steht ihm frei. Aber dann ist er eben kein typischer Türke, er widersetzt sich einer allgemeinen Erwartung, die vor allem seine eigene Volksgruppe an ihn heranträgt.

Ich behaupte also: Die Aussage „DER TÜRKE hat was gegen Alkohol“ bleibt in dieser Allgemeinheit richtig.

Und wenn ein Deutscher achselzuckend und kalten Herzens  vorbeigeht, wenn herrliche alte Bäume ohne Not in seinem Kiez gefällt werden? Auch ihm steht es frei, sich den Erwartungen zu widersetzen. Dann ist er eben kein typischer Deutscher. Denn: Der Deutsche liebt die herrlichen alten Bäume. Zu dieser Aussage stehe ich. Sie trifft sogar auf mich zu.

Ich liebe ebenfalls die herrlichen alten Bäume!

Und ich finde die Türken warmherzig.

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Aug. 242010
 

Naiv, unhistorisch, albern“ …  das sind nur einige der Aussagen, mit denen der Politiker Thilo Sarrazin die bisherige Integrationspolitik Deutschlands bezeichnet. Er stellt der politischen Klasse Deutschlands, der er selbst angehört oder vielmehr angehört hat, ein verheerend schlechtes Zeugnis aus. Hiermit hat er sicherlich in ein Wespennest gestochen, wie insbesondere die empörten Reaktionen vieler aufgeklärter Zeitgenossen belegen. Die Forderungen nach Parteiausschluss prasseln schon wieder einmal auf den angeblichen Islamfeind nieder. So etwa heute in der Berliner Zeitung auf S. 15.

„Islamfeind“? Das ist Unfug. Sarrazin schreibt im aktuellen SPIEGEL auf S. 139-140:

„Wenn ihr muslimischen Glaubens seid, o.k. Damit habt ihr dieselben Rechte und Pflichten wie heidnische, evangelische oder katholische Deutsche. Aber wir wollen keine nationalen Minderheiten. Wer Türke oder Araber bleiben will und dies auch für seine Kinder möchte, der ist in seinem Herkunftsland besser aufgehoben.“

Wir wollen keine nationalen Minderheiten„, damit meint Sarrazin sicherlich: Wir wollen, dass alle, die hier dauerhaft wohnen, sich als deutsche Staatsbürger begreifen – sicherlich mit französischer, libanesischer, vietnamesischer oder  türkischer Zuwanderungsgeschichte. Aber insgesamt als deutsche Staatsbürger erster Klasse, nicht als migrantische Bürger zweiter Klasse. Die Kinder der Zuwanderer sollen irgendwann – irgendwie zu Deutschen werden. Ich würde sagen: zu neuen Deutschen.

Selbstverständlich wird sich in diesem Prozess unser Bild von Deutschland ändern – wie es sich ja seit jeher immer wieder geändert hat.

Was ist daran böse? Was ist daran rechtsradikal?

Alle, die in Deutschland dauerhaft wohnen, sollen sich als deutsche Bürger erster Klasse fühlen. Zustimmung, Herr Sarrazin!

Und hier meldet sich eine erfahrungsgesättigte Stimme aus Berlin-Kreuzberg!

Ich meine: Die Aussagen und Analysen Thilo Sarrazins sollten vorurteilsfrei erörtert werden. Hierbei schreibe ich ihm schon mal als großes Verdienst zugute, dass er die Schuld für allfällige Missstände bei den Deutschen, insbesondere bei der deutschen Politik sucht. Das geht ja schon aus dem Titel seines Buches hervor: „Deutschland schafft sich ab“. Das ist – die zulässige Überspitzung abgerechnet – ein Eindruck, den mir beispielsweise chinesische, russische und französische Eltern ebenfalls erzählen, deren Kinder die deutschen staatlichen Grundschulen besuchen. Sie sind alle entsetzt, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen: „Was lasst ihr da mit euch machen!“

Der deutsche Staat diente sich unseren Neubürgern im letzten Jahrzehnt recht demütig an – und er lässt sich heute ausnutzen und ausnehmen wie eine gebratene Weihnachtsgans – früher zum Nutzen der deutschen Industrie, dann zum Nutzen der deutschen Immobilienwirtschaft, heute eher zum Nutzen des deutschen Integrationsgewerbes. Nicht zum Nutzen der Zuwanderer, denn die sind unzufrieden wie eh und je.

Das ist mein Eindruck, den ich nun wirklich mit tausenderlei konkreten Erfahrungen belegen kann. Muss ich deutlicher werden?

Sarrazins Anklage richtet sich dabei nie gegen einzelne Personen, sondern gegen ein kompliziertes Wechselspiel von  falschen politischen Weichenstellungen, kulturell geprägten Grundhaltungen und bequemem Wegsehen. Das ist alles legitim.

Manches an seine Ausführungen vermag ich nicht zu teilen. Gut aber gefällt mir etwa folgende Aussage (heute in der BILD auf S. 10):

Thilo Sarrazin: Neues Buch – „Deutschland schafft sich ab“ – Politik – Bild.de
Ein Teil der Deutschen – auch der Elite – hat das Problem noch gar nicht verstanden. In deren Lebens-, Wohn- und Arbeitswelt kommen muslimische Migranten ja nur als Reinigungskräfte oder als fremdartige Kulisse beim gelegentlichen Besuch in Berlin-Kreuzberg vor.

Das ist wirklich ein Treffer! Ich stelle immer wieder verblüfft fest, wie wenig echten Kontakt die Schönredner aus Berlin-Stadtrand oder Berlin-Ost zu muslimischen Deutschen haben. Viele können nicht einmal unterscheiden, ob ihr Mitbürger Türkisch, Russisch, Polnisch oder Arabisch spricht.

So war es seit je eine bekannte Tatsache, dass kein einziger unserer Berliner Politiker seine eigenen Kinder in eine staatliche Kreuzberger Grundschule schickt. Wie sollen sich die Menschen ein Bild machen von einer Realität, vor der sie selbst zurückscheuen wie ein Pferd vor einem Hornissenschwarm? Wie sollen sie Entscheidungen treffen, wenn sie stets auf Berichte aus zweiter oder dritter Hand angewiesen sind?

Wie oft habe ich die guten Deutschen angefleht, aufgefordert und gebettelt: „Schickt eure Kinder zu uns in die Migrantenschule – kommt in unsere Araberschule! Besucht uns! Macht euch ein Bild! Weist uns doch nicht die kalte Schulter! Wenn euch die Integration so wichtig ist, zieht nach Neukölln, nach Kreuzberg, nach Wedding, kommt ins herrliche Multi-Kulti-Land! Wenigstens mal zu Besuch!“ Umsonst!

Daneben habe ich immer wieder versucht, Journalisten linker und weniger linker Zeitungen für unsere Kreuzberger Schulen zu interessieren. Einige kamen, hörten, knipsten, schrieben – erschienen ist bisher nichts. Nichts! Warum? Hatte ich nur Käse erzählt?

In folgendem Punkt stimme ich jedenfalls Sarrazin zu: Die bisher nicht geglückte Integration der muslimischen Zuwanderer ist wesentlich auf Versäumnisse und schwere Fehler der deutschen Gesellschaft und der deutschen Politik zurückzuführen. Wir Deutschstämmige tragen die Hauptverantwortung. „Wir haben uns an den Kindern versündigt“, wie es Armin Laschet so treffend formuliert hat.

Bin mal gespannt, was morgen in der BILD erscheint. Die Überschrift lautet dann:

Erziehung und Bildung scheitern in Deutschland nicht am Geld, sondern am Willen.“

Das ist eine Behauptung, die ich in ähnlicher Form bereits mehrfach in diesem Blog aufgestellt habe.

 Posted by at 16:27
Juni 012010
 

30052010.jpg Klare Antwort: ja!  Ich meine natürlich: Fahrradfahren ist typisch für Deutsche ohne Migrationshintergrund. Es war schon spannend zu sehen, wem ich da so begegnete auf dem Berliner Velothon. So viel Blond auf einen Haufen! Sieht man sonst nirgends.

Oder aus welchen  Stadtteilen die Kinder beim Kid’s Velothon kamen. Immerhin: Bei den Kindern waren auch einige Reinickendorfer oder Charlottenburger mit spanisch, französisch und englisch klingenden Namen dabei. Und ein deutsch-russischer Junge ebenfalls.

Toll zu lesen auch der spannende Erlebnisbericht eines Berliner Polizisten, der auf Streife in Neukölln geht. Sehr erhellend! Die Autofahrer, um die sich der Polizist zu kümmern Anlass hat, sind alle sehr migrationshintergründig, die Fahrradfahrer hingegen sind alle umweltliebende, redliche Deutsche ohne Migrationshintergrund. Tüchtige, wackere Umweltschützer.

Das deckt sich mit meinen Erlebnissen. Ich habe es eingestellt, irgend jemanden auf der Straße oder auf dem Fahrrad ermahnen zu wollen. Wieso soll ich mich blöd anmachen lassen?

Ich schaue konsequent weg.

Erlebnisbericht: Was ein Polizist auf Streife in Neukölln erlebt – Polizei & Justiz – Berlin – Tagesspiegel
Ach, übrigens: Die 16 Fahrradfahrer – allesamt ohne Migrationshintergrund –, die mir heute rasant und ohne schlechtes Gewissen auf den Gehwegen entgegenkamen, mich fast umfuhren, möchte ich nur vollständigkeitshalber erwähnen. Von ihnen bekam ich fast immer dasselbe zu hören: „Ist denn das Fahrradfahren auf dem Gehweg verboten?“, oder: „Kümmern Sie sich lieber um wichtigere Dinge!“ – in der Mehrzahl verbunden mit dem Hinweis, wie ökologisch wertvoll ihr Beitrag zum Straßenverkehr sei. Ihr persönlicher „Persilschein“ für jegliche Verkehrsverstöße.

 Posted by at 11:32
Apr. 132010
 

Bei meinen Besuchen in Russland fiel mir immer wieder auf, mit  welcher Kennerschaft und oft Liebe die Russen von bei uns in Deutschland längst schon vergessenen Menschen wie Robert Schumann, Heinrich Heine, aber auch Karl Marx (weniger Liebe bei dem, aber Kennerschaft) oder Friedrich Nietzsche sprechen. Die Bildnisse von deutschen Komponisten machen schon etwa die Hälfte der großen Komponisten-Galerie im Konzertsaal des Moskauer Konservatoriums aus. Wer kennt sie bei uns noch?

Ich meine: Das längere gemeinsame Singen sollte zu jedem Schultag in jeder Klasse in der Berliner Grundschule gehören – am besten zu Beginn und dann noch einmal mittendrin. Bitte nicht nur die Nationalhmyne – aber auch. Bitte auch alte Volkslieder, bitte auch Kinderreime, Abzählverse, Knackiges. Dann wird es gar nicht erst passieren, dass ganze Generationen an Schülern unsere Berliner Schulen verlassen, ohne auch nur einen einzigen korrekten deutschen Satz aussprechen zu können. Und ich übertreibe nicht. Geht ins Prinzenbad, fahrt mal U-Bahn bei uns in Berlin.

Lena Meyer-Landrut mit ihrem rasch hingeschmissenen Erfolg wird unseren Kindern als Vorbild hingestellt – in Russland heißt das Vorbild Anna Netrebko. Netrebko hat 15 Jahre hart an sich und an ihrer Karriere gearbeitet, und sie fährt jetzt die Ernte ein. Aber sie hörte auch schon als junges Mädle in der tiefsten Provinz die Fledermaus von Johann Strauss.

In Deutschland wird das Singen (oder Trällern?) dem raschen Lottogewinn untergeordnet. Alles muss ja schnell gehen, die schnelle Mark, der schnelle Euro, der schnelle Erfolg.

Was für ein Jammer!

Wir können doch nicht alle unsere Berliner deutschen, kurdischen, assyrischen, russischen, armenischen, tatarischen, polnischen … Kinder zur Erziehung und zum Deutschlernen nach Sibirien oder in die südrussischen Teilrepubliken schicken?! NACH SI-BI-RIEN! Zum deutschen Sprachurlaub. Ja, warum eigentlich nicht? Sibirien ist ein großes Land. Wir schaffen es bei uns in Berlin nicht, den Kindern Deutsch beizubringen, also müssen wir Eltern und Erzieher selber zur Strafe in die Verbannung nach Sibirien. Das ist nicht schrecklich, oder? Immerhin, dort in Sibirien scheint man den unvergleichlichen Wert des Singens von Liedern erkannt zu haben. Lest:

Wir singen | Статьи | Немецкие организации Сибири
Mitte März fand im Begegnungszentrum des Dorfes Nikolajewka, Deutscher Nationaler Rayon, ein Seminar für Gesang statt. Insgesamt 20 Lehrkräfte der deutschen Kulturzentren aus den Städten Rubzowsk und Barnaul und dem Deutschen Nationalen Rayon nahmen an dieser dreitägigen Veranstaltung teil.

Organisator war die deutsche Begegnungsstätte des Dorfes Nikolajewka. Dieses Seminar wurde von der Stiftung „Altai“ im Rahmen des Programms der Regierung Deutschland zugunsten der deutschen Minderheit in Russland finanziert.
Arbeit mit Liedern hat in der Tätigkeit der deutschen Zentren eine wichtige Bedeutung. Sie veranstalten oft verschiedene Feste, feierliche Unterhaltungs- und Konzertprogramme, in denen sie üblicherweise viele deutsche Lieder vorstellen. Daneben beteiligen sich die Begegnungszentren mit deutschem Gesang an verschiedenen örtlichen sowie an regionalen, föderalen und internationalen Veranstaltungen. Außerdem funktionieren in vielen Zentren verschiedene Gesangkollektive. Sogar im Deutschunterricht, den die Zentren den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen anbieten, spielen die Lieder eine große Rolle. Sie machen den Deutschunterricht noch interessanter und bereiten den Teilnehmern der Deutschkurse verschiedenen Alters Spaß. Aus diesem Anlass ist es für die Zentren immer aktuell, ihr Repertoire mit neuen deutschen Liedern zu erweitern. Deswegen war für die Zentrumsleiter dieses Seminar, das die BIZ-Multiplikatorin für Gesang aus Rubzowsk Irina Bekassowa leitete, sehr wichtig.
Im Seminar besprachen die Teilnehmer die Probleme bei der Arbeit mit Liedern in den Kinder- und Jugendklubs, und Irina Bekassowa berichtete über ihre praktischen Erfahrungen in diesem Bereich. Dann lernten die Lehrkräfte mit den Texten der Lieder richtig arbeiten, und machten sich mit neuen vokal-aussprachlichen Übungen für Sänger bekannt. Die Seminarteilnehmer selbst sangen die neuen deutschen Lieder mit großem Vergnügen.

 Posted by at 08:53

Die neuen Deutschen (2)

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März 022010
 

Na, ich hab schon mal ein kleines feines Blog angelegt zu dem Thema

„Die neuen Deutschen“.

Einen echten Themen-Blog? Mal kucken, ob da mitdiskutiert wird:

Wer ist der erste Besucher? Wer wirft den ersten Stein, oder besser: das erste Steinchen, das erste Kommentärchen?

Die neuen Deutschen

http://dieneuendeutschen.wordpress.com

Bisher verzeichne ich: 0 Besucher, 0 Kommentare

 Posted by at 10:55
Feb. 282010
 

Die obige Frage mag wie ein Streit um des Kaisers Bart erscheinen. Dennoch stelle ich sie. Ihr könnt sie euch selber stellen. Ich werde keine Antwort liefern. Aber immerhin höre ich von Badr Mohammed, dem Präsidiumsmitglied der Deutschen Islam-Konferenz, folgende Antwort:

 „Meine Position ist die, dass die Einheit der Deutschen verschiedener Herkunft und Religion hergestellt werden muss.“

Aha! Badr Mohammed scheint also zu sagen: Die Einheit der Deutschen ergibt sich nicht von selbst, sie muss bewusst herbeigeführt werden! Wenn das so wäre, dann würde sich eine ganze Kaskade von neuen Fragen ergeben:

– „Hergestellt werden“ – durch wen? Durch die Bürger oder durch den Staat? Durch Programme oder durch Geld? Oder durch Umdenken? Durch Taten oder durch Worte? Von oben oder von unten? Oder aus der Mitte des Volkes heraus?

Es wäre doch spannend, hierüber ein Gespräch zu führen.

Hier noch der genaue Beleg für das angeführte Zitat aus der Morgenpost vom 28.08.2009:

Parteiübertritt – Berliner SPD-Politiker wechselt zur CDU – Berlin – Berliner Morgenpost
„Die entscheidende Frage ist für mich: Wie kann ich eine Spaltung in der Gesellschaft zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen verhindern? Meine Position ist die, dass die Einheit der Deutschen verschiedener Herkunft und Religion hergestellt werden muss.“

 Posted by at 09:14

Nimm Hack und Spaten: Wir brauchen Eisbrecher!

 Friedrichshain-Kreuzberg, Unverhoffte Begegnung, Vorbildlichkeit, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Nimm Hack und Spaten: Wir brauchen Eisbrecher!
Feb. 212010
 

03022010002.jpg Am heutigen Vormittag nahmen wir in der Universität der Künste (UdK) stolz die Siegerurkunde für „Jugend musiziert“ in Empfang! Es gab ein großartiges Konzert einiger der Preisträger.

Darauf folgte nach dem Mittagessen der Siegerfamilien wieder ein schöner Schlittennachmittag am Kreuzberg mit einigen Kindern – deutschen, russischen, türkischen, einem japanischen Kind. Das waren alles deutsche Kinder. Sie leben hier. Sie sprechen deutsch. Also sind es deutsche Kinder. In Kreuzberg.

Eine gute Nachricht schrieb auch gestern Cem Özdemir direkt als Kommentar in dieses Blog: Er ist wirklich ein Kreuzberger Mitbürger, wohnt hier, hat hier – entgegen meinen irrtümlichen Vorstellungen – seinen alleinigen Wohnsitz. Das freut mich natürlich besonders, denn ich meine, wir brauchen hier genau das: Zuziehende Familien von außerhalb mit Kindern. Familien, die erkennen, dass es sich lohnt hierherzuziehen.

Ich freue mich über Familien, die Wohlstand und Geld hierherbringen. Es müssen ja nicht gleich Car-Lofts sein. Ich begrüße in Kreuzberg Familien mit guten Kenntnissen im Deutschen und anderen Sprachen, mit interessanten Berufen. Ich begrüße gut ausgebildete, beruflich erfolgreiche Eltern, die dann ihre Kinder hierher in die staatlichen Kitas und Grundschulen um die Ecke schicken. Ohne Auto. Zu Fuß. Mit dem Fahrrad.

Einfach hier um die Ecke, und da um die Ecke! Weil es sich lohnt, hier in Kreuzberg gemeinsam etwas aufzubauen. Ich bin für die Durchmischung der Milieus. Es soll nicht sein, dass in Gegenden wie rings um den Kotti nur Drogen, nur Arbeitslosigkeit, nur Perspektivlosigkeit und kulturelles Vakuum vorherrschen. Dem ist nicht so, dem war nicht so! Aber der Anschein drohte!

Özdemir nennt diese Menschen die „Eisbrecher“. So berichtet es Armin Laschet in seinem Buch „Die Aufsteigerrepublik“ auf S. 146.  Am 30.06.2009 und am 25.07.2009 – also vor dem Erscheinen von Laschets Buch – erzählten wir bereits in diesem Blog von Menschen wie Mesut Özal – Menschen, die sich bewusst für dieses Land entschieden haben, obwohl ihnen auch eine zweite Option offenstand.

Diese bewusste Entscheidung für dieses Land – die scheint mir genauso wichtig wie die Entscheidung für diesen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.  Ich wünsche mir mehr Menschen, die sich bewusst für dieses Land entscheiden. Ich wünsche mir mehr Menschen, die sich bewusst für diesen Bezirk entscheiden. Es lohnt sich! Denn das Eis wird und muss tauen. So dick kann gar kein Eispanzer sein.

Wie sagt doch Goethe: „Nimm Hack und Spaten! Grabe selber!“

 Posted by at 22:29

Der einzige Deutsche

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Okt. 082009
 

„Rudi war der einzige Deutsche in der Glasfabrik. „Er ist der einzige Deutsche in der ganzen Umgebung“, sagte der Kürschner. „Anfangs haben die Rumänen sich gewundert, daß es nach Hitler immer noch Deutsche gibt. ‚Immer noch Deutsche‘, hatte die Sekretärin des Direktors gesagt, ‚immer noch Deutsche. Sogar in Rumänien.“

Die Manschettenknöpfe. Eine kleine bittere Prosa-Miniatur von Herta Müller. Bei Dussmann in der Friedrichstraße streife ich fuchsartig durch die Regale. Ich spüre das Buch Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt auf. „Wie haben Sie das geschafft?“, fragt mich ein Reporter vom Nicht-Ersten Deutschen Fernsehen. „Seit Jahrzehnten durchstreife ich die Weiten der Berliner Buchhandlungen“, so lautet meine listige Antwort. „Ich kenne die versteckten Winkel. Bei Herta Müller lernen wir, was es heißt, in der Diaspora zu leben. Sie hält die Fackel hoch. Sie verkörpert das leibhaftig Unselbstverständliche. Die Freiheit. Das gilt auch für ihre Sprache. Kein Wort in ihrer Prosa ist vorhersagbar. Vielmehr versuchen die Worte mühsam, einander die Hand zu reichen.“

Beim Nachhauseweg fällt mir ein, dass dieses Gefühl der Diaspora mich selbst immer häufiger befällt. Sogar in Deutschland. Ich beschließe, noch mehr von Herta Müller zu lesen! Aber ihren neuesten Roman Die Atemschaukel konnte ich heute nicht mehr erhalten.

Herta Müller: Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt. Eine Erzählung. Hanser Verlag, München 2009, S. 44 (Erstauflage: 1986, Rotbuch Verlag)

 Posted by at 20:26
Sep. 162009
 

Meine tiefe Bewunderung haben die Lehrerinnen und Lehrer in unserer Grundschule.  Sie betreuen und erziehen unsere Kinder mit liebevoller Zuwendung und Strenge. Das merke ich auf Schritt und Tritt. Ihre Geduld scheint unerschöpflich. Ich glaube, es sind die besten Lehrer an Berlins Grundschulen, die ausgerechnet in diese Kreuzberger Schule „an einem sozialen Brennpunkt“ zusammengerufen wurden.

Gestern fand die erste Elternversammlung des neuen Schuljahres an unserer Grundschule statt. Ich gehe hin. Der Saal füllt sich nach und nach. Ich sehe viele Frauen mit Kopftuch, aber nicht locker gebunden, wie ich es von den Türkinnen kenne, sondern den ganzen Kopf bis zu den Schultern bedeckend. Ich höre wenig Türkisch, aber viel Arabisch sprechen.

Die gesamte Elternschaft der Stufen 1-3 ist zusammengerufen worden. Der Religionslehrer stellt sein Konzept des „bewegten Unterrichts“ vor. In seinem christlichen Religionsunterricht geht es darum, wie Menschen ihr Leben leben. Um Angst, um Freude. Alle sind eingeladen, die Kinder dort anzumelden. Es fällt mir auf, dass von einem muslimischen Religionsunterricht nicht die Rede ist.

In meiner Schule gibt es fast nur muslimische Kinder. Nicht gemäßigt muslimisch, wie bei den Türken, deren Ditib vom Staat gesteuert wird. Sondern stärker wahabitisch, mit klar erkennbarer Abgrenzung zum Rest der Bevölkerung. Die meisten Frauen tragen Kopftuch. Sie würden mich nie von sich aus ansehen, und ich traue mich nicht ohne weiteres, sie anzusprechen. Das wird noch spannend! Mitunter sieht man den Tschador, die Burka. Die Jungs tragen den ganz kurzen Haarschnitt, wie er jetzt zur Unterstreichung der Männlichkeit gezeigt wird.

Die Türken haben diesen Teil des Bezirks schon weitgehend verlassen. Verdrängt. Zugezogen sind zahlreiche arabische Familien mit oft 8 bis 10 Kindern. Der Islam ist jetzt viel stärker spürbar. Man könnte sagen: Die Nachbarschaft der Schule, die Schule selbst ist durchislamisiert. Und das wird weitergehen. Das ergibt schon eine mathematische Berechnung. Die Elternversammlung wurde gestern eigens so gelegt, dass das Fastenbrechen des Ramadan um 19.30 Uhr eingehalten werden kann. Das Wort „Schweinegrippe“ wird nicht in den Mund genommen, da es die Gefühle der religiösen Mehrheit verletzen könnte.

Etwa ein Drittel der Kinder in meiner Klasse sind durch ihre Eltern vertreten. Die anderen Eltern fehlen unentschuldigt.  Wo sind sie? Wir erfahren viel Nützliches über das jahrgangsübergreifende Lernen, über die Art, wie die Kinder füreinander sorgen.

Mein Eindruck: Es läuft alles sehr gut. Die Lehrerinnen hängen sich enorm rein.

Ich bewerbe mich mit einer schlichten Rede in einfachem Deutsch als Sprecher der Eltern in meiner Klasse:

„Das ist ein sehr gute Schule. Wir haben sehr gute Lehrer.  Ich bin stolz, zu dieser Schule zu gehören. Ich möchte, dass wir als Klasse 1-3 d stolz nach außen treten und sagen: Seht her, das sind unsere Kinder. Das ist unsere Klasse.“ Ich werde mit großer Mehrheit zusammen mit einer Mutter aus Syrien gewählt. Ich freue mich auf dieses Amt.

Anschließend spricht mich die Lehrerin an: „Sie sind aber kein Deutscher, oder?“ In der Tat: Wenn man in der verschwindenden Minderheit ist, wie ich als Deutscher unter all den arabischen und türkischen Eltern, dann wird man seiner selbst unsicher. Wie soll man sich verhalten? Was darf man sagen? Darf ich einfach eine verschleierte Mutter ansprechen? Eine VERHEIRATETE Frau? Oder wird mich dann gleich der Ehemann mit einem Messer bedrohen? Ein  Vater? Ich spüre meist eine große Unsicherheit, wenn ich die Schule betrete. Es ist doch eine deutsche Schule, das steht doch draußen auf dem Schild! Die Lehrer sind doch Deutsche! Wir sind doch in Deutschland, nur 1 km vom Reichstag, nur 300 m vom Potsdamer Platz entfernt. Das ist doch die Schule, der wir laut Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg nach dem Wohnortprinzip zugewiesen sind!

„Deutschland muss auch noch in Kreuzberg erkennbar bleiben.“ Für diesen Satz wurde damals der Parteiausschluss von Kurt Wansner verlangt, die halbe Republik fiel über ihn her. Ich meine dennoch, er hatte recht. Wo sind denn all die Eltern, die damals so schimpften, all die Gutmenschen und Allesversteher? Sie besuchen jetzt die Spezialschulen nach Montessori, oder sie sind weggezogen.  Ich bin sicher: Genau die, die damals so schimpften, die würden ihr Kind niemals zu uns geben. Zu uns, den Arabern.

Am Abend traf ich am Rande einer Veranstaltung die italienische Europa-Abgeordnete Laura Garavini. Ich gratuliere ihr artig zur gewonnenen Wahl ins Europäische Parlament. Ich berichte ihr. Und dann setze ich hinzu: „Auch ich habe soeben eine sehr wichtige Wahl gewonnen.“ Sie versteht sofort, dass in der Tat meine Wahl genauso wichtig ist wie ihre. Und sie gratuliert mir.

 Posted by at 20:32
Aug. 272009
 

Na bitte! Das ist Wasser auf meine Mühlen! Nicht nur den Germanozentrismus – also die Haltung, wonach der 2. Weltkrieg der „Krieg der Deutschen“ (wie der SPIEGEL fabuliert) gegen den Rest der Welt gewesen sei, gilt es zu überwinden, sondern auch den Eurozentrismus. Der Skandal um die Zensur in der Werkstatt der Kulturen belegt, wie viel an Aufklärung noch zu leisten ist. Es gab nicht nur in allen wichtigen Regionen der Welt überzeugte Waffenbrüder und Kollaborateure der Nationalsozialisten, sondern es gab auch ganze Staaten und Länder, die auf Seiten der deutschen Nationalsozialisten und der italienischen Faschisten gegen die Bolschewisten, die Kapitalisten und die Kommunisten und ferner gegen die angebliche „jüdische Weltverschwörung“ kämpften oder besser zu kämpfen glaubten.

Selbstverständlich lebt die Mär von der „jüdischen Weltverschwörung“ in der arabischen Welt bis zum heutigen Tage ungemindert weiter, sie dient weiterhin als Rechtfertigungsgrund für Terrorattacken wie etwa die vom 11. September 2001.

Applaus für das Kölner Journalistenbüro Recherche International, das heiße Eisen mutig anpackt! So konnten sie unter anderem nachweisen, dass die deutschen Islamwissenschaftler und die deutschen Lateinamerikanisten über Jahrzehnte hinweg mit unbequemen Wahrheiten über die Unterstützung deutscher Nationalsozialisten durch hochgestellte Kreise in der arabischen und südamerikanischen Welt nichts zu tun haben wollten.

Die Presseerklärung des Veranstalters der verdrängten Ausstellung empfehle ich nachdrücklich eurer Aufmerksamkeit:

Ausstellungsort verlegt – Presseerklärung vom 24.8.2009
Vom 1. bis 30. September sollte die Ausstellung «Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg» in der Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln ihre Premiere erleben, bevor sie bis Ende 2011 durch zahlreiche weitere Städte touren wird. Als Tag der Eröffnung wurde bewusst der 1. September gewählt, der 70. Jahrestag des Kriegsbeginns in Europa (!), um der gängigen eurozentristischen Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg eine globale Perspektive entgegen zu setzen.

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