«Не ведали, где мы есть — на небе или на земле». Von der Überzeugunsgkraft des Schönen

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Jan. 072018
 

In der altrussischen Nestorchronik wird erzählt, dass Fürst Wladimir von der Kiewer Rus im Jahr 986 zur Einigung seiner noch ungefestigten Herrschaft für seine slawischen Heiden den passenden Glauben aussuchen ließ. In recht moderner Weise veranstaltete er einen öffentlichen Wettbewerb der Glaubenslehrer; er organisierte Übungen zum „Glauben auf Probe“. Wolgabulgarische Muslime, griechische Philosophen, chasarische Juden, römische und byzantinische Christen wurden zum zweistufigen Bieterverfahren eingeladen.

In der ersten Runde, bei der eine Probepredigt je eines Predigers verlangt wurde, setzte sich kein Bewerber durch. Deshalb war die zweite Runde unerlässlich. Hierzu wurden Fachkommissionen in die jeweiligen Verbreitungsgebiete der Religionen geschickt und um gutachterliche Berichte gebeten. Die Expertise fiel eindeutig aus: Das Alkoholverbot und eine gutachterlich konstatierte Freudlosigkeit brachten das Aus für den Islam. Mangel an Schönheit war das Argument gegen den römisch-katholischen Ritus. Auch das Judentum konnte in der chasarischen Spielart nicht überzeugen. Nur der Gottesdienst in Konstantinopel versetzte die Kommissionmitglieder in Entzücken. Voller Begeisterung erzählten sie:

«Не ведали, где мы есть — на небе или на земле». Wir wissen nicht, waren wir im Himmel oder auf der Erde, denn auf der Erde gibt es so etwas nicht zu sehen und keine solche Schönheit, und wir wissen nicht, wie wir davon erzählen können; wir wissen nur, dass Gott dort beim Menschen verweilt.“

Und so kam es, dass Fürst Wladimir den christlichen Glauben 988 durch die Taufe in byzantinischer Spielart annahm, alle slawischen Götzen in den Fluss werfen ließ und allen Untertanen die Taufe befahl. Bis zum heutigen Tag wird die Gründung der russisch-orthodoxen Kirche auf diese sagenumwobenen Ereignisse zurückgeführt.

In dieser legendenhaften Überlieferung, in der merkwürdigerweise die griechischen Philosophen recht sang- und klanglos ausscheiden, tritt etwas von der ungeheuerlichen Vitalität, aber auch dem kultisch-ekstatischen Grundzug des Christentums ans Tageslicht: die Fähigkeit, alle Sinne anzusprechen und in stärksten, ja berauschend, ja bestechend schönen Erlebnissen das kritische Kommissionsmitglied buchstäblich aus den Angeln zu heben, zu überwältigen und einzunehmen.

Das gilt auch heute. Vor allem die überwältigende Stärke und Schönheit des Gesanges trat ansatzweise beim heutigen Weihnachtsfest der orthodoxen Christenheit erneut hervor. Ich feiere es dieses Jahr in Moskau.

Leider kamen wir in der vergangenen Nacht in die Moskauer Erlöserkathedrale trotz langen Anstehens nicht hinein, da kein Platz mehr in dieser Kirche war. „Die Kirche ist wegen Überfüllung geschlossen.“ So die knappe Ansage der Milizionäre. Man sieht erneut: Der orthodoxe Glaube fasst in Russland Jahr um Jahr stärker Wurzeln, so sehr sich die Kommunisten auch 70 Jahre bemühten, ihn zusammen mit anderen Religionen wie ein Unkraut aus der Erde zu vertilgen.

Und so hörte ich subliminal am heutigen Tag etwas von der rauschhaften, ekstatischen Freude nachklingen, die sicherlich heute Nacht auch in den mehrstündigen Gesängen der Priester, Kantoren und Chöre zu erleben war. Ich ahnte sie nur, diese Gesänge, ich summte sie, ich hörte sie nachschwingen.

Wir schließen mit dem russischen Weihnachtsgruß: С Рождеством!

Bild:
Weihnachtliche Straßenszene in Moskau, Puschkin-Platz, aufgenommen gestern

Lesehinweis:
Zur näheren Bekanntschaft mit den angesprochenen Ereignissen sei hier besonders empfohlen:

Wikipedia-Einträge zur Christianisierung Russlands:
https://ru.wikipedia.org/wiki/Крещение_Руси (russisch)
https://de.wikipedia.org/wiki/Christianisierung_der_Rus

„Испытание веp – Die Christianisierung Russlands“, in: Russland in kleinen Geschichten. Erzählt von Natalija Nossowa. Übersetzt von Gisela und Michael Wachinger. Illustriert von Frieda Wiegand. dtv München, 14. Aufl. 2015, S. 34-37

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Für die Freiheit des Einzelnen: Vom Sinn des Dreikönigstages

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Jan. 062018
 

„Unser Einsatz für die Freiheit des Einzelnen in einer dynamischen Gesellschaft, die auf sich vertraut, die war nicht hinreichend repräsentiert in diesem Papier.“
Das ist eine gute, gelungene Formulierung, mit der die FDP im November 2017 die quälend zähen Koalitionssondierungsgespräche abbrach!

Niemand hat damals diese Wendung „Freiheit des Einzelnen“ wahrgenommen. Sie steht sperrig, unverstanden in der heutigen deutschen Parteipolitik herum.

Fast alle maßgeblichen Parteien – CDU/CSU, SPD, Linke, Grüne, AfD – denken heute den Menschen zumeist vom Staat her. Sie teilen den Menschen nach politischem Ermessen Geld, Ressourcen, Wohnraum, Chancen zu. Ob es nun die Umverteilung von Geld oder die Umverteilung von Menschen ist – immer herrscht das Gebot des staatlichen Handelns vor. Der Staat gibt den Ton an! Die Gesellschaft soll folgen.

Die einfachen Bürger werden nicht befragt, ob sie das überhaupt so wollen. Wir gemeinen Bürger werden nicht gehört, ob wir daran glauben, was die staatliche Politik uns nach eigenem quantitativem Bedünken und schwankem Spiel des Augenblicks zumisst: so und so viel Geld, so und so viele Menschen (fälschlich „Flüchtlinge“ genannt) pro Jahr, so und so viele Elektro-Autos bis 2020, so und so viel C02-Ausstoß bis 2050. Alles wird geplant, bemessen, quantifiziert! Merk auf, o Einzelmensch in deiner Freiheit:

Wer Euro-Milliarden bedenkenlos hin- und herschiebt, der schiebt auch hunderttausende Menschen (fälschlich „Flüchtlinge“ genannt) bedenkenlos hin und her. Der Parteien Zank und Hader um die Menschenumverteilungsobergrenze (fälschlich „Flüchtlingsobergrenze“ genannt) war in meinen Augen der konzeptionelle Bankrott, der finale Offenbarungseid der drei Parteien CDU, CSU und SPD. Völlig zurecht sind diesen drei Mehrheitsparteien die Wähler in Scharen davongelaufen. Sie haben, wie wir in diesem Blog vorhersagten und wünschten, deutlich an Gesamtanteil verloren.

Denn die tiefschürfende inhaltliche Auseinandersetzung unterbleibt zwischen CDU/CSU und SPD. Die Politik plant, verfügt, bestimmt, schafft an.

Wer so sehr auf quantitatives Denken setzt wie diese drei famosen Parteien, der vergisst eben genau das, worauf die vielgescholtene Dreikönigs-FDP vielleicht noch einmal zurückkommen wird: die Freiheit des Einzelmenschen. Diese Freiheit schließt die Selbstverantwortung ein, sie schließt die Möglichkeit des Scheiterns ein. Sie verzichtet im Gegensatz zur jetzt noch herrschenden Politik auf weitreichende Planungssicherheit und vertraut auf die Gestaltungsmacht der Menschen, der Unternehmen, der Akteure!

Sie wird andererseits dann und nur dann gewährleistet, wenn die staatlichen Organe rechtstreu sind und rechtstreu bleiben und den rechtlichen Rahmen auch jederzeit sichern und durchsetzen und nicht in blanke Beliebigkeit in der Zuerkennung staatlicher Mittel abgleiten, wie dies leider derzeit oft und in viel zu großem Umfang der Fall ist.

Die Freiheit des Einzelmenschen ist das A und O der freiheitlichen Ordnung. Ohne sie ist alles Zahlenwerk mit hochtrabenden Plänen für die nächsten 5, 10 oder 50 Jahre für die Katz.

Hoffen wir an diesem Epiphaniastag, dass mehr und mehr Menschen in allen deutschen Parteien des überragenden Rangs der Freiheit des Einzelmenschen gewahr werden!

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Wann endet der Krieg?

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Jan. 052018
 

 

„Der Krieg ist nicht zuende. Er beginnt erst jetzt so richtig.“ So eine zentrale Aussage des Films „STAR WARS 8 – The last Jedi“, den ich heute in russischer Sprache im Kinocentr Caro in Moskau genoss. Luke Skywalker äußerte diese Kampfansage an den WIDERSTAND gegen Ende des Films.

An diesem Film sticht die Unerbittlichkeit des Ringens der verfeindeten Mächte ins Auge. Da ist keine Wille zur Versöhnung, keine Betroffenheit über das entsetzliche Gemetzel zu spüren! Außer der vollständigen Unterwerfung und Vernichtung des Feindes scheint es bei STAR WARS keine Möglichkeit der Lösung zu geben.

Bild:

Sowjetisches Ehrenmal in Buckow –  Erinnerung an einen unerbittlich geführten Krieg

 

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„Да и мы тоже.“ Dostojewskis universale Einsicht

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Jan. 042018
 

В большинстве случаев люди, даже злодеи, гораздо наивнее и простодушнее, чем мы вообще о них заключаем. Да и мы тоже.

Endlose, quälende Hustenanfälle in der Nacht treiben den schlaflos Schreibenden immer wieder hoch. Dieser Husten, dieser Schleim, ach all dieses Ungemach, das aus dem Inneren des eigenen Leibes hervorzuquillt! Wer oder was bringt hier Linderung?

Der Schreibende befindet sich in Russland, auf dem Land, in einer Datschensiedlung hart am Ufer der kraftvoll dahinströmenden Moskwa. Moskwa, Fluss des Schicksals, Fluss des Lebens, der die Jahrzehnte verbindet!

Hin und her streifen die Augen des Schreibenden über die Buchrücken, die in hundertjährigen Holzregalen vor ihm aufgereiht sind. Ich ziehe dieses und jenes Buch hervor, suchend irren meine Augen über die Seiten hin. Da – endlich ein Buch, dem ich verfallen war, das ich als Jugendlicher schon durchlas, dem ich dann erneut in Niederbayern nächtens begegnete beim Tode eines Onkels. Und auch damals las ich mich darin fest. Sollte jetzt der Augenblick gekommen sein, das Buch erneut vorzunehmen? Genau da, wo ich jetzt bin, genau jetzt, da ich an unstillbarem Husten leide?

Ich ziehe das Buch hervor, öffne die ersten Seiten. Da ist sie schon, die Stelle, bei der ich hineinspringe in diesen Fluss des Lesens! Da!

Da, da – Да и мы тоже, „… ja, und wir sogar auch…“ So beschließt Dostojewski das erste Kapitel seines Romans von den drei Brüdern. Ja, wir sind so auch, wir können so auch sein, wie die da, die Schlechten, die Verworfenen. Tröstlich stärkende Einsicht! Sie kann sogar den Husten stillen. Dieses Da, dieses Да eröffnet die Pforten zum Du! Ja, so könntest du auch sein! Denke daran, ehe du dich schlafen legst. Du bist wahrscheinlich auch ein Teil der Mehrheit, erkenne, dass Du einer aus der Mehrheit bist!

Wisse: In der Mehrheit der Fälle sind die Menschen, auch die niederträchtigen, viel unbefangener, zutraulicher als wir gemeinhin von ihnen annehmen. Ja sogar wir auch.

Dostojewski schreibt es so:

В большинстве случаев люди, даже злодеи, гораздо наивнее и простодушнее, чем мы вообще о них заключаем. Да и мы тоже.

 

Bild: Der Fluss Moskwa, am heutigen Tag. Bei Nikolina Gora

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Blüht, ihr Rosen rot und weiß!

 Freude, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Blüht, ihr Rosen rot und weiß!
Jan. 012018
 

Zwei Rosen fand ich heut am Straßenrand, die eine weiß, die andre rot. Achtlos weggeworfen, lagen sie neben dem ganzen Gemülle aus Böllermüll, Raketensprengköpfen, ausgebrannten Pappkartuschen. Kahle Stümpfe grinsten mich an, den Löchern ausgefallener Zähne ähnelten sie.

Wollt ihr mitkommen?, fragte ich die Rosen rot und weiß. Sie sprachen fein: Sollen wir zum Welken auf die Straße geworfen sein? Nein! Mensch, nimm uns mit!

Ich hob sie auf, trug sie nachhause, schnitt sie an und setzte sie in eine Vase. Damit ging ich auf den Balkon, und siehe: Da waren über Nacht zwei Margeriten frisch aufgeblüht. Die lachten mich an und riefen den Rosen zu: Willkommen bei uns, Schwestern!

Dies war heute mein kleines Neujahrswunder.

Die Rosen rot und weiß schenken länger Freude als die Böller laut und schwarz.

Die Margeriten blühen dann auf, wenn Du es nicht mehr erwartest.

Blühe, du neues Jahr, im Zeichen der Rosen rot und weiß. Lacht uns an, Margeriten, zeigt uns den Weg in ein frohes, zuversichtliches Jahr 2018!

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Die Welt aus dem Lachen des Kindes

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Dez. 262017
 

Singende, klingende Weihnachtsfreude bringt diesen Tag zum Leuchten. In der Hochmeisterkirche und in Sankt Norbert lasse ich mich vom Gesang der Chöre tragen. Und ich trage den schwebenden Gesang mit. Alles ist wohlbereitet. Die Welt wird an diesem Tag vom Kind her gedacht. Sie wird vom Kind her gemacht. Sie wird vom Kind her gelacht.

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Wer ist schuld? Und vor allem: Wann endet der Krieg?

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Dez. 202017
 

„Wer ist schuld? Erst wurden die Deutschen bezichtigt, unser äußerer Feind, dann der Zar, dann der Bolschewik, der Jude – enden wird der Krieg, wenn es heißt: Ich bin schuld.“

So schreibt es Michail M. Prischwin am 21. Februar 1918 in sein Tagebuch. Diese Sätze, so meine ich, drücken eine tiefe Wahrheit aus. Sie lassen sich zweifellos auf andere Länder übertragen. Diese Wahrheit gilt auch für unsere Zeit.

Zitiert nach:
1917. Revolution. Russland und Europa. Katalog. Herausgegeben von Julia Franke, Kristiane Janeke und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Sandstein Verlag, Dresden 2017, S. 105

Zusatz vom 18.09.2023:

Das Zitat im russischen Original:

Кто же виноват?

[…]

Началось обвинение с немца, нашего внешнего врага, потом немец становится внутренним, переходит на царя, потом на большевика, на еврея — кончится война, когда перейдет на себя: я виноват.

Zitiert nach:

Книга Дневники 1918-1919 Михаил Пришвин читать онлайн бесплатно | Флибуста (flibusta.org.ua)

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„Veni Emmanuel!“ Adventskonzert am Sonntag in St. Bonifatius

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Dez. 162017
 

Adventskonzert_Rufina[1]

Eine einhüllende Dunkelheit wird zerspalten durch den Ruf den Ruf: „Veni Emmanuel!“ Es wird Licht. Der dämmrige Kirchenraum wird bespielt, er erwacht zum Leben. Hirtenfeuer flackern auf! Empfindungen der Einkehr und der Heimkehr erwarten uns morgen bei dem gemeinsam gestalteten Adventskonzert, zu dem ich als Musikant eingeladen worden bin und zu dem ich euch einlade. Kommt, denn alles ist bereitet!

Sonntag, 17. Dezember 2017, 18.00 Uhr, St.-Bonifatius-Kirche, 10965 Berlin-Kreuzberg, Yorckstr. 88C
Rufina Kalschnee: Sopran
Klara-Maria Kalschnee: Mezzosopran
Instrumentalensemble der St. Bonifatius-Kirche
Stefano Barberino: Orgel

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Tanti auguri, caro Lucius, tanti auguri a te!

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Dez. 152017
 

Geburtstagsfeier heute im Gesamteuropäischen Kindergarten! EinE BetreuerIn fragt die Kinder:
– Wer hat denn heute, am 15. Dezember Geburtstag, liebe Kinder Europas?
– Der Lucius!
– O, unser berühmter Lucius! Was für ein schöner, modischer Name! Und wie heißt seine Mama?
– Agrippina! So ein schöner Name! Und wer ist sein Vater?
– Der Gnaeus!
– Ja, der Gnaeus Domitius! Fein! In welcher Sprache singen wir das Geburtstagslied?
– Auf Italienisch, der Muttersprache des europäischen Gesangs!
– Jaaa! Wisst Ihr, was mir der Nikolaus gebracht hat? Ein italienisches Liederbüchlein. Kinder, es ist super, es ist so cool! Ich singe es euch vor!
– Juhuu, jaa!

Die Kinder des Europa-Kindergartens und ihre BetreuerInnen singen auf Italienisch das Lied „Tanti auguri a te“, wobei sie den Namen des Geburtstagskindes Lucius einfügen. Die Melodie des Liedes stammt von Mildred Hill, der Text von Patty Smith Hill. Beide Schwestern waren Kindergärtnerinnen im Kindergarten von Louisville, Kentucky (USA).

Sie verwenden folgendes vortreffliche Büchlein:

Canzoni d’Italia. 52 canzoni popolari d’Italia e del Ticino. Herausgegeben von Elisabeth Profos-Sulzer. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19909, Stuttgart 2017, S. 140

Rätsel des Tages:
Wer ist dieser Lucius? Tipp: Er war einer der ersten Europäer, die sich von einem Mann zur Braut nehmen und heiraten ließen. Seine Mutter Agrippina ließ er ermorden. Sein voller Name lautete bei der Geburt: Lucius Domitius Ahenobarbus. Unter welchem Namen kennt ihn Europa heute?

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Die gerettete Poppea

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Dez. 142017
 


Gestern kurzweilige Stunden in der Staatsoper unter den Linden bei der Aufführung von Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“! Was für eine tolle Sache war das!  Sehr körperbetontes Singen und Spielen, gerade bei Roberta Mameli als Poppea und Katharina Kammerloher als Ottavia! Mitreißend. Mameli schwebt dahin, sie scheint den herbeigesungenen Gefühlen höchstpersönlich zu glauben! Ein gesungener Schein, aber man möchte diesem Schein glauben, so schön ist er! Und so glaubt man ihm.

Max Emanuel Cencic weigerte sich als Nerone beharrlich, endlich erwachsen zu werden. Deshalb – konsequent Countertenor: Stimmig, aber gewöhnungsbedürftig.- Erstklassige Textverständlichkeit – das Italienische wirkt frisch, der Text bietet überhaupt alles, was der heutige Theaterbesucher erwartet: Tolle Volten, abgründige Verworfenheit, Schluchzen, Stöhnen, Seufzen, Jubeln. Abgefeimtheit: Hingerissenheit.

Die Aufführungsfassung von Diego Fasolis und Andrea Marchiol bedient sich freimütig bei anderen Komponisten wie etwa Cavalli, Laurenzi, Sacrati: hochmodernes Patchwork-Komponieren! Begriffe wie „Originaltreue“, „historische Aufführungsperaxis“ gab es zu Monteverdis Zeiten nicht; gerade heute beziehen solche rundweg gelungenen Inszenierungen wie etwa diese, von Eva-Maria Höckmayr besorgte, ihre Überzeugungskraft aus dem Abweichenden, dem Verrat am Werk! Es wird alles verraten, und deswegen stimmt es schon wieder. So verriet der Freund den Freund, und rettete ihn dadurch der Nachwelt. Judas verriet Jesus und überlieferte ihn uns dadurch, Max Brod verriet Franz Kafka, er widersetzte sich seinem testamentarischen Willen und überlieferte den Autor uns!

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Von Judas lernen (2)

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Dez. 132017
 

Seit einigen Jahren habe ich mir angewöhnt, neben den geläufigen Übersetzungen der neutestamentlichen Schriften, etwa ins Lateinische oder Französische, stets auch die griechisch verfasste Urschrift zu bedenken. So auch bei dem Heilig-Blut-Altar des Tilman Riemenschneider, die der deutsche Schnitzer ab 1499 für die mittelfränkische Stadt Rothenburg fertigte. Das Retabel findet sich heute noch in der Stadtkirche St. Jakob. Ich sah es und bestaunte es in glühender Dankbarkeit im August dieses Jahres, zweifellos ein einsamer Höhepunkt meines Kunstjahres 2017!

Ich blickte forschend in die Gesichter Jesu und Judas hinein; da stellte sich wie von selbst jener griechische Satz ein, der sich mir unauslöschlich eingeprägt hat:

ὃ ποιεῖς ποίησον τάχιον. Was du tust, das sollst du schneller tun. So Jesus zu Judas bei Johannes 13,27. Ich hege keinen Zweifel: Um genau diesen Satz war es Tilman Riemenschneider zu tun!

Warum aber hat man hier vor allem an das vierte Evangelium zu denken? Nun, nur beim Evangelisten Johannes werden Jesus und Judas als gleichberechtigte Partner dargestellt, mehr noch: Jesus fordert Judas aktiv auf, den notwendigen Schritt zu tun, und zwar nicht zögernd, sondern rasch und entschlossen. Jesus führt also den Judas in die Versuchung hinein; im Gegensatz zu den anderen drei Evangelien taucht Jesus bei Johannes bewusst gleichzeitig mit Judas den Bissen ein. Er wählt Judas aus! Jesu Blick ist nicht böse, sondern verständnisvoll, wenn auch von herber Entschlossenheit geprägt. Nur zwischen Judas und Jesus herrscht in dieser Abendmahlsgruppe ein tiefes Einverständnis. Der Lieblingsjünger Johannes schläft hingegen; er scheint nicht alles mitzubekommen. Riemenschneiders Petrus denkt offenkundig als großartiger Theatermensch, der er war, schon an seine zukünftige Größe.

Nur Judas und Jesus stehen im Johannesevangelium zentral und mittig durch Worte und den gemeinsam eingetauchten Bissen verbunden im Bild! Nur Judas und Jesus sind bei Riemenschneider im Bilde!

Eine ungeheuerliche Leistung, die Tilman Riemenschneider hier vollbracht hat! Er wirft sich dem jahrhundertelangen Hauptstrom der Judas-Verdammung, der leichtfertigen Aburteilung über den „Verräter“ in den Weg! Amos Oz, der Israeli, Verfasser eines wichtigen Judas-Romans, hätte seine tiefe Freude an dieser Darstellung, dessen bin ich gewiss!

Zu den Schülern, die sich als Deutschlerner am damals noch bestehenden Goethe-Institut Rothenburg aufhielten, gehörte übrigens der aus Argentinien stammende Theologe Jorge Bergoglio; 1986 lernte er am Goethe-Institut Rothenburg Deutsch; wahrscheinlich dachte und betete er auch hier das eine andere Mal über den Sinn der Formel nach: Führe uns nicht in Versuchung.

Genau diese Bitte aus dem Vaterunser ist es, die Jesus hier bei Riemenschneider NICHT zu erfüllen bereit ist. Er führt vielmehr den Judas in die Versuchung hinein. Er schickt ihn in die Erprobung! Der Evangelist Johannes schildert es mit folgenden Worten:

26ἀποκρίνεται [ὁ] Ἰησοῦς· ἐκεῖνός ἐστιν ᾧ ἐγὼ βάψω τὸ ψωμίον καὶ δώσω αὐτῷ. βάψας οὖν τὸ ψωμίον [λαμβάνει καὶ] δίδωσιν Ἰούδᾳ Σίμωνος Ἰσκαριώτου. 27καὶ μετὰ τὸ ψωμίον τότε εἰσῆλθεν εἰς ἐκεῖνον ὁ σατανᾶς. λέγει οὖν αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς· ὃ ποιεῖς ποίησον τάχιον.

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Alldimensionales Singen

 Klimawandel, Naturwissenschaften, Ökologie, Philosophie, Quantenmechanik, Singen  Kommentare deaktiviert für Alldimensionales Singen
Dez. 122017
 


Im Unterrrichtsgespräch mit der Maestra modello ergab sich gestern jenes Gefühl des Singens im alldimensionalen Raum. Was heißt das? Nun, die Stimme des Sängers ist mitnichten nur nach vorne hin, zum Publikum also gerichtet. Sie strahlt vielmehr ebenso sehr nach unten, nach hinten und nach oben hin aus – in alle drei Dimensionen des euklidischen Raums also. Daneben aber erstreckt sie sich auch in die Binnendimension des Körpers des Singenden, denn der Ton soll buchstäblich Körperfülle gewinnen. In die zeitliche Dimension des Vorher und des Nachher, in die geistige Dimension des Verschollenen und Versteckten, in das augenfällige Aufstrahlen des optischen Wahrnehmens, in die taktile Erschütterungsdimension des Leidenschaftlichen langt der Ton des Sängers hinein. In beliebig viele Dimensionen lässt sich also die Singstimme einspannen, vergleichbar der in den Saitenhalter eingespannten Saite. Der „Ton“ ist ja der „Tonus“, die Spannung also, welche in die verschiedenen Dimensionen gewissermaßen eingehängt ist.

So ergibt sich also unser Ideal: das Singen im alldimensionalen Raum.

In der Quantenmechanik hat sich übrigens durchaus der Ausdruck alldimensional eingebürgert. So lassen sich – um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen – in alldimensionalen Rechenmodellen theoretisch die komplexen Wechselwirkungen zwischen molekularem Wasserstoff und Kohlenmonoxid in einem sehr weit gefassten Temperaturbereich erfassen und berechnen:

J Chem Phys. 2017 Feb 7;146(5):054304. doi: 10.1063/1.4974993.
All-dimensional H2-CO potential: Validation with fully quantum second virial coefficients.
Garberoglio G1, Jankowski P2, Szalewicz K3, Harvey AH4.

Klimamodelle wiederum beruhen heute auf derartigen hochkomplexen Gleichungen nichteuklidischer Art, bei denen zahlreiche Unbekannte gleichzeitig einfließen und so mögliche Entscheidungspfade beschreiben, die freilich stets mit Unsicherheitskoeffizienten behaftet sind; von daher lässt sich schon aus theoretischen Gründen die unhaltbare Annahme widerlegen, aus Klimaberechnungen könnten sich eindeutige Handlungsempfehlungen für die staatliche oder zwischenstaatliche Politik ergeben, etwa des Typs: „Alles kommt darauf an, den Kohlendioxidgehalt unter der Schwelle von x ppm Kohlendioxid zu halten. Sonst ist alles aus. Das Klima kippt unumkehrbar, sobald die Schwelle von x ppm Kohlendioxid überschritten ist.“ Eine nähere Befassung mit alldimensionalem Denken immunisiert gegen derartige Versuchungen des allzu leichtfertigen Denkens.

Bild: Diese syrischen Busse stehen physikalisch zunächst im dreidimensionalen euklidischen Raum vor dem Brandenburger Tor. Aber sie sind phänomenologisch eingespannt in zahlreiche Verweisungszusammenhänge, die wir als n-te Dimensionen beschreiben können. Erst eine alldimensionale Beschreibung würde der Bedeutung dieser beiden Busse gerecht.
Aufnahme vom 23. November 2017

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Von Judas lernen (1)

 Das Böse, Gnade, Jesus Christus, Judas, Selbsthaß  Kommentare deaktiviert für Von Judas lernen (1)
Nov. 252017
 

Auf einem Kapitell der Basilika Maria Magdalena im burgundischen Vézelay ist in der einen Leibung der nackte Judas zu sehen, der sich soeben erhängt hat. Aus dem weit aufgesperrten Mund ragt seine übergroße Zunge löffelartig heraus. Der linke Arm ist wie im Krampf nach vorne verrenkt. Der rechte Arm wirkt unnatürlich verlängert. Alles zieht ihn herab. Dem Judas hängt sein Leben buchstäblich zum Hals heraus. Leer starren die weit aufgerissenen Augen uns an. Er hat sich selbst verworfen. Fußlos wachsen die Beine in das Gesims. Sie sind steinhart erstarrt. Da geht nichts mehr! Es ist aus.

Ist es wirklich aus? Wir lassen den Blick über einige Akanthusblätter hinüberschweifen nach rechts. Übereck sehen wir die Gestalt des Guten Hirten, der den Erhängten abgenommen hat. Leicht fällt ihm dies nicht. Der Erhängte ruht schlaff herabhängend über beiden Schultern. Er hat endlich die Augen geschlossen. Er hat Frieden gefunden. Die Leichenstarre scheint von ihm gewichen. Er wirkt weich und ergeben. Er hat die Erstarrung der Schande und der Scham hinter sich gelassen. Jesus muss sich schon anstrengen, fast sieht es aus, als würden seine Füße abgleiten in den Abgrund. Jesus scheint zu zweifeln, er verzieht fast verzagt das Gesicht. Aber er packt es! Er trägt den Leib des Selbstmörders in eine neue Existenz hinein. Da geht noch was!

Ho imparato da Giuda che la vergogna è una grazia„, ich habe von Judas gelernt, dass die Scham eine Gnade ist. So schreibt es Franziskus in seinem neuen Buch, das den Titel Padre nostro trägt.

Scham, Selbstverwerfung, Selbsthass, Selbstvernichtung bis zum Äußersten. Diesen Durchgang stellt der Steinmetz von Vézelay dar. Franziskus spricht mit seiner Deutung der Scham als eines unverdienten Geschenks etwas Tiefbewegendes aus: Die Selbstverwerfung muss kein Letztes sein. Scham und Schande (und das Wort für Scham und für Schande lautet im Englischen wie im Italienischen gleich) sind Durchgänge, sind Übergänge!

Um diese Steinmetzarbeit rankt sich die Legende, dass Christus beim Jüngsten Gericht sich zuerst um Judas kümmern wird. Er wird ihn aufnehmen, ihm verzeihen und ihn weitertragen. Nicht um Petrus wird er sich zuerst kümmern, nicht um Johannes, sondern um Judas! Das Bildwerk in der burgundischen Basilika verleiht dieser Legende von der Erlösung des Judas eine besonders strahlende Wahrheit.

Zitat: La preghiera di Francesco. Le riflessioni del Papa sul Padre nostro. Corriere della sera, Giovedì, 23 Novembre 2017, Seite 28

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