„Große Männer“, was bedeutet das?

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Aug. 272017
 

„Ich hoffe, daß in Deutschland bald gesunde Verhältnisse eintreten werden und daß dort in Zukunft die großen Männer wie Kant und Goethe nicht nur von Zeit zu Zeit gefeiert werden, sondern daß sich auch die von ihnen gelehrten Grundsätze im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewußtsein durchsetzen.“

Vorfreude auf den bevorstehenden 28. August erfasst mich! Wird es uns morgen gelingen, einen der in Deutschland heute fast nicht mehr gelesenen, fast nicht mehr gelebten, in deutschen Schulen und Hochschulen fast nicht mehr gelehrten, fast nicht mehr rezitierten, fast nicht mehr gesungenen, nicht mehr auswendig vorgetragenen Physiker, Juristen, Politiker, Biologen, Geologen, Botaniker, Zeichner, Schriftsteller, scharfsinnigen Historiker, Kunstsammler, Staatstheoretiker angemessen zu würdigen, dessen Geburtstag sich dann zum 268. Male jährt?

Ich hege Zweifel. Denn Kant, Einstein und Goethe – galten  die denn einst nicht als Vorbilder? Könnte es sein, dass sie als Leitbilder taugen, ja schlimmer noch – dass sie aufgrund unserer eigenen freien Wahl – , globale, europäische und – in diesem Falle auch – deutschsprachige Leitkultur bilden und abbilden? Hat er (Goethe) doch selber – ebenso wie später auch Einstein – völlig zutreffend erkannt: „Die Deutschen wollen mich loswerden“ – und sie sind ihn (wie später Einstein auch) losgeworden.

Doch hege ich auch Hoffnungen! Denn außerhalb Deutschlands wurde und wird Goethe in seiner Bedeutung durchaus erkannt und geschätzt. So hat etwa der am 14. März 1879 im württembergischen Ulm an der Donau geborene Albert Einstein im März 1933 – damals bereits in den USA sich aufhaltend – den Wunsch geäußert, die von Immanuel Kant und Johann Wolfgang Goethe gelehrten Grundsätze möchten sich in Deutschland „im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewusstsein durchsetzen“. Deutschland hat ihm diesen Wunsch damals nicht erfüllt.

Ich werde den Wunsch Albert Einsteins, die Deutschen möchten ihre großen Männer – also zum Beispiel Tilman Riemenschneider, Albrecht Dürer, Albert Einstein, Johann Sebastian Bach, Immanuel Kant, Goethe – stärker zu Herzen nehmen, im Original lesen, diskutieren, rezitieren, singen und weitersagen – gerne morgen und weiterhin weitertragen!

Diese großen Männer – Kant, Einstein, Bach, Goethe zum Beispiel – sind ja nicht schon deswegen böse Menschen oder verwerfliche Menschen, weil die Deutschen sie loswerden wollten, sich keinen Deut um sie kümmern und sie loswerden wollen. Sie sind, so meine ich, ganz im Gegenteil großartige Vorbilder für uns alle, da wir dank unserer gemeinsamen Mutter- und Arbeitssprache Deutsch einen sehr viel leichteren Zugang zu ihnen haben könnten als andere auf aller Welt, die sich erst mühsam Kenntnisse des Deutschen erarbeiten müssen, ehe sie diese großen Männer im Original lesen und genießen können.

Nachweis des Zitats von Albert Einstein:

Monika Stoermer: Albert Einstein und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. In: Akademie aktuell 1/2005, S.4-7

https://web.archive.org/web/20071211111139/http://www.badw.de/aktuell/akademie_aktuell/2005/heft1/01_stoermer.pdf

Zum deutschen Haß auf Goethe vgl. beispielhaft bereits des Dichters eigene Wahrnehmung:
Johannes Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt. Ein nachgelassenes Werk von Johannes Falk. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1832, hierin besonders das V. Kapitel: „Goethe’s Humor“.

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Ein Europäer von echtem Schrot und Korn

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Aug. 252017
 

„franczoisch, morisch, katlonisch vnd kastilian,
teutsch, latein, windisch, lampertisch, Rewsisch vnd roman –

dy zehen sprach hab ich gepraucht, wann mir zeran;
auch kond ich fidlen, trummen, pauken, pheyffen.
Jch hab umbfaren Jnsel und aren, manig land
auff scheffen gros, der ich genos von sturmes bant“

 

Also hast gesprochn vnd gsunga, du guter fidler und gesell,
sänger, landfahrer, kämpfer, komödiant
mir ham di erscht neili bsucht an deiner alten stell,
burg hauenstein ist sie genannt,
von dort hobm mir geschaut ins ganze land,
nunter auf di alm nach Seis, auffi zu die kofelspitzen,
mit schrofengelände und felsenritzen,
fiari nach sankt Valentin zur rechten hand,
und nachert hamma do no gsessn,
und ham die kaminwurzn alle gessen.

des ohngeacht
hamma vui glacht
oba freili, neili,
gschumpfn host a no wiara teifi.

 

Zitat: Oswald von Wolkenstein: „ES fugt sich, do ich waz von zehn Jarn alt“. In: Gedichte 1300-1500. Nach Handschriften und Frühdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Eva und Hansjürgen Kiepe [=Epochen der deutschen Lyrik, hg. von Walther Killy, Band 2] dtv, Wissenschaftliche Reihe, München 1972, S. 193-197, hier S. 194

Bild: Blick von der Burgruine Hauenstein, zu einem Drittel im Besitz Oswald von Wolkensteins, auf das Dorf Seis, Aufnahme vom 16.08.2017

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24. August 1939 – Beginn der zunächst einvernehmlichen Zerstörung Europas

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Aug. 232017
 

Ein Tag der gesamteuropäischen Schande, ein Tag, der die Pforten zur Hölle auf Erden öffnete: so muss man wohl in der Rückschau den 24. August 1939 bezeichnen, den Tag, an dem der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet wurde. Während sich vor diesem Tag die fünf großen, hochgerüsteten europäischen Militärmächte Italien, Frankreich, Sowjetunion, Großbritannien, Deutsches Reich gegenseitig belauerten und ein wirres Geflecht zahlloser wechselseitiger Beistandserklärungen mit kleineren Mächten vereinbart hatten, schafften die Sowjetunion und das Deutsche Reich jetzt die Weltsensation: ein sehr konkret ausverhandeltes Bündel an militärischen, wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen, mit denen sie den gesamten Kontinent untereinander aufzuteilen gedachten.

Damit wurden die mörderischen Pflöcke eingerammt, die in den folgenden Jahren unseren Kontinent mit seinen Menschen so unsäglich quälten und zerstörten. Es begann mit der Zerstörung Polens und der baltischen Staaten durch die beiden Hegemonialmächte Deutsches Reich und Sowjetunion.

Der gut dokumentierte Handschlag, das bei der gemeinsamen Parade der sowjetischen Armee und der Wehrmacht in Brest-Litowsk gezeigte lächelnde Einvernehmen der Generäle Mauritz von Wiktorin (eines Österreichers), Heinz Guderian (eines Deutschen)  und Semjon Moissejewitsch Kriwoschein (eines sowjetischen Juden) lässt einem in der Rückschau das Blut in den Adern gefrieren.

Diese dramatischen Tage im August und September 1939 und ihre bis heute ganz unterschiedliche Wertung in Russland, der Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen und in den westlichen EU-Staaten prägen bis heute die einander widerstrebenden Gedächtniskulturen der 47 europäischen Staaten, die unseren Kontinent Europa bilden.

Vielleicht ermöglicht es die Besinnung auf diesen deutsch-sowjetischen Pakt, die Gründe für das bis heute völlig zersplitterte Geschichtsbild der jetzt 47 europäischen Länder zu erhellen.

Erschütterndes Archivmaterial in russischer und englischer Sprache in Ton und Bild ist heute mühelos abrufbar. Zwei drastische Videos der an jenem Tag, dem 24. August 1939 besiegelten deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft möchte ich heute hervorheben.

 

 

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Von der Freiheit des Absprungs

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Aug. 182017
 

Auf dem Anstieg zum Speikboden, einem bekannten Berg im Ahrntal, bestaune ich in etwa 2200 Meter Höhe gebannt die Vorbereitungen der Gleitschirmflieger. Wie sie sorgfältig ihre wulstförmigen Schirme ausrollen, wieder und wieder die Leinen überprüfen und richtig legen. Wie sie regelmäßig hinüber schauen zum gleichmäßig im Wind flatternden Fähnchen. Eine junge Frau probt wieder und wieder den Anlauf und bricht dann mehrfach ab. Zur gleichen Zeit erheben sich mehrere Flieger geradezu mühelos in die Luft. Erheben? Nein, sie lassen sich fallen, sie gehen ein paar Schritte und lassen sich dann hineinfallen ins Meer der Luft wie ein Schwan sich ins Wasser eines Teiches gleiten lässt, um dann gelassen, sicher und gleichsam mit einem grüßenden Lächeln seine Kreise zu ziehen.

Acht Gleitschirmflieger schweben schon dahin. Nach wenigen Sekunden erreichen sie eine Thermikzone. Jetzt beginnen sie in immer erneut wiederholten Kreisen den Aufstieg. Höher und höher fliegen sie. Sie umrunden uns, sie schauen schon auf uns herab.

Nun hat auch die junge Frau den Absprung geschafft. Sie findet die Freiheit des Absprungs. Aus dem krächzenden Mikrophon ertönt die Stimme ihres Betreuers oder Lehrers. Und schon ruht sie sicher in der Luft, als hätte sie dieses Fliegen, dieses Gleiten, dieses königliche Schwimmen nie lernen müssen.

Ein grandioses Schauspiel, das die Fliegenden mit ihren bunten Schirmen uns bieten! Vergleichbar dem Mobile in einem Kinderzimmer, wo beim Einschlafen bunte Fische hin und her schwimmen.

Ahrntaler Flieger, ich danke Euch!

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Schaurige Schönheit, nicht ungefährlich

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Aug. 172017
 

10. August

Mit der Gitsch-Gondelbahn fuhren wir bei strahlender Morgensonne hinauf zur Bergstation auf der Gaisraste, die in 2058 m Höhe liegt. Von hier bot sich ein herrlicher Rundblick über das Pustertal bis hin zu den Geislerspitzen.

 

 

 

 

 

 

Ein bequemer Weg brachte uns um den Rücken von Breiteleben herum an diesem plätschernden Brunnen vorbei. Etwa eine Stunde lang querten wir Wiesen und durchschritten einige Almweiden, auf denen das Vieh graste.

 

Dann wurde es ernst: Ein Hinweisschild kündigte den ungesicherten Schellebergsteig an, der an abschüssigem, felsdurchsetztem Schrofengelände quer durch die zerschrundene Westflanke des Fallmetzers (2568 m) führt.

Wir stiegen ein. Jetzt galt es, jeden Schritt sorgfältig zu setzen! Oftmals war die Trittspur ausgesetzt. sorgfältig sicherten wir uns mit den Händen ab.

Doch ließen wir auch den Blick hinab in das grüne Altfaßtal fallen, das sich in 300 m Tiefe unter unseren Füßen ausbreitete.

Am Ufer des Großen Seefeldsees, der auf 2271 m liegt, hielten wir die wohlverdiente Mittagspause.

„Wie ein Fjord hockt das Gewässer in einem engen Graben – wenn Wolken ziehen, Licht und Schatten rasch wechseln, ein Bild von schaurig-wilder Schönheit“, schreibt Eugen E. Hüsler in seinem Wanderführer.

An den Hängen des Talkessels fielen uns große Flächen auf, die üppig mit einer betörend schönen Blume besetzt waren. Ein zweiter Blick belehrte uns: Die bezaubernde, von emsigen Hummeln besuchte Alpenschönheit war nichts anderes als der Blaue Eisenhut. Die giftigste Pflanze ganz Europas, deren Wurzel von alters her als todbringendes Gift bekannt ist und auch als Pfeilgift bei Jägern Verwendung findet! Wer weiß, vielleicht wurde es schon in der späten Kupferzeit verwendet? Vielleicht fiel der hinterrücks mit einem Pfeil erschossene Ötzi ihm zum Opfer?
Hier ist er jedenfalls, der Blaue Eisenhut in all seiner Pracht:

Bald mussten wir von der rauhen Schönheit des Talksessels Abschied nehmen, denn für den Nachmittag waren Gewitter angekündigt.

Wir stiegen hinab ins Tal des Altfaßbaches, der sich mäandernd durch den Talboden schlängelt. In der Wieserhütte stärkten wir uns mit einem Teller Suppe.
Gegen Ende der Wanderung führte uns eine bequeme Sandstraße zurück nach Meransen. Hochwillkommen war uns dabei eine Kneippstation. Dort konnten wir im eisig kalten Wasser des Altfaßbaches Erquickung und Erfrischung für die Füße schöpfen.

Das letzte Stück lief wie von selbst. Jetzt wurde die Landschaft weicher, das Felsige verschwand, eine üppige Pflanzendecke breitete sich über die sanfter geschwungenen Hügel. Der Blick weitet sich ins Ungeahnte hinüber zu den entfernten Bergen jenseits des Pustertales.

 

 

Wir waren zurückgekommen. Eben als wir die Gondelbahn bestiegen, die uns zurück nach Meransen bringen sollte, fielen die ersten Regentropfen.

 

Die für den Nachmittag angekündigten Gewitter setzten erst spät am Abend ein. Von unserem Quartier aus konnten wir Blitz und Donner verfolgen, und dann begann ein Hagelschlag ungeheuren Ausmaßes. Bis zur Größe eines Apfels hatten sich die Hagelgeschosse zusammengeballt, unseren Ohren bot sich ein betäubendes Trommelfeuer!
Am nächsten Tag wurde klar: es war in dieser Gegend am Eisack der schlimmste Hagelschlag seit vielen Jahren.

Beleg:
Eugen E. Hüsler: Tauferer Ahrntal mit Pfunderer Bergen. 50 ausgewählte Berg- und Talwanderungen. Rother Wanderführer. Bergverlag Rother GmbH, München 2016, darin: Route 47: Seefeldsee, 2271 m. Spannender Weg zu einem versteckten Alpenfjord, S. 142-143

 

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Am Abendhimmel blühen die Rosen uns auf

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Aug. 072017
 

Schau! Dort hoch am Weinberg steigt eine Nebelfahne auf. Säuberlich getreppt steigen die Zeilen mit den enggepflanzten Rebstöcken empor.

 

 

 

Erfrischt atmen die Rosen auf. Sie schmiegen sich eng an die Spaliere. So endet der Abend des ersten Tages voller Zuversicht auf das, was uns morgen erwartet.

 

Das Kloster Neustift empfängt und begrüßt jeden, der nicht mehr weitergehen kann. Es liegt eingebettet zwischen Weinbergen, Wegen, Rosen und dem Himmel.

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Macht des Wassers

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Aug. 062017
 

Der Eisack tobt mächtig durch sein enges Bett. Unaufhörlich strömt Welle auf Welle, einzelne Inseln werden abgetrennt, werden vom Wasser umschnürt. Wie lange werden sie halten?

 

 

 

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Zunehmendes Licht

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Juli 312017
 

„Wie ist es bei euch in Deutschland, Papa? Erzähl mir dein Leben in Märchen!“

„O mein Sohn, es ereignet sich einiges hier bei uns in Deutschland: Zunehmende Wärme wärmt uns, zunehmendes Licht erleuchtet uns!  Der Sommer kommt in die Gänge, keiner glaubt noch, er könnte schnell zu Ende gehen. Tief Zlatan, der nordische Jagdhund, dieses pelzige Ungetüm, der alte Spielverderber, zog sich grollend in die Berge zurück, weit hinter die sieben Berge. Auch mit einem 12-Zoll-Zoll-Teleskop kannst du ihn nicht mehr sehen, nicht einmal von unserem 7000er Gipfel, dem Insulaner!“

„Warum, Papa? Gefällt es ihm nicht bei euch in Deutschland?“

„Weißt du, hier sind mir die Menschen zu kalt, sagt Zlatan, zur Rede gestellt. Bei uns in Sibirien ist es außen kalt und dunkel, aber wir Hunde leuchten von innen.“

 

Unverhoffte Begegnung: Wir befinden uns in einem Schöneberger Buchladen, irgendwo in dem Quartier, das sie großsprecherisch Kreuz des Südens nennen.  Ein Kunde streift suchend vor den Regalen umher, legt seinen Kopf schräg, um die Buchrücken zu entziffern. Schreitet Schritt um Schritt voran. Zieht das eine oder andere Buch hervor, zunehmend rascher, ungeduldiger.

„Sie suchen nichts Bestimmtes?“, fragt ihn die Buchverkäuferin, die ihn schon einige Augenblicke beobachtet hat.

„Doch! Ich habe da einen neuen Spielfilm gesehen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Er hat mich erschreckt. Ich fand die Personen alle ziemlich klischeehaft. Pappmachéefiguren. Und es herrschte eine abgründige Lieblosigkeit, fast schon ein Hass zwischen den Menschen des Films, wie er sich eigentlich nur in echten Familien ausbilden kann, aber nicht in Filmen.

Und das reicht nicht, um einen guten Film zu machen,“ fuhr der Kunde fort. „Aber ich glaube, das Buch ist besser. Denn gelungene und weniger gelungene Literaturverfilmungen sind als geschäftige Kupplerinnen anzusehen: sie erregen eine unwiderstehliche Neugier auf das Original.“

„Das Buch wäre also besser als der Film? Wissen Sie das, oder glauben Sie es zu wissen?“, fragte die Buchhändlerin zurück.

„Ich weiß, das ich es glaube. Aber um es zu beweisen, möchte ich dieses Buch lesen. Wissen Sie, wer es geschrieben hat?“

„In Zeiten des abnehmenden Lichts – von Eugen Ruge? Das hatten wir gestern noch in einigen Exemplaren hier liegen. Schauen Sie hier!“ (Triumphierende Demut der Buchhändlerin)!

„Ha, danke, Sie sind noch eine Buchhändlerin von altem Schrot und Korn. Sie kennen also jedes Buch, das Sie hier vorrätig halten?“

„Fast jedes! Und alle anderen bestellen wir Ihnen, sofern lieferbar.“

Der Kunde war begeistert, kaufte das Buch, dazu noch eine Zeitschrift und eine Zeitung. Was mag er wohl beim Lesen des Buches empfinden?

 

Hier die Angaben:
Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9. Auflage, Februar 2017, Reinbek 2017

In Zeiten des abnehmenden Lichts. 2017. Regie: Matti Geschonneck.

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Im Schrofengelände unterwegs zu einem Siebentausender

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Juli 282017
 

 

Aus dem Tagebuch eines Berliner Bergsteigers, der sich geistig schon auf die anstehenden  Südtiroler Bergtouren vorbereitet:

28.07.2017. Schlechtwetter hielt uns mehrere Tage am Basislager auf Höhe von 3800 über NN gefangen. Sturmtief Zlatan zeigte uns wieder und wieder seine unbeugsame Macht. Nach zwei Nächten sintflutartiger Regenfälle klarte es endlich auf. Immerhin waren die Temperaturen  hochsommerlich warm geblieben und fielen auch nachts nicht unter 15°C. So beschlossen wir am 25.07.2017 kurz nach Sonnenaufgang, den Anstieg zum Gipfel zu wagen. Uns lockte insbesondere das alte Observatorium, das, beginnend ab den späten 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dort oben am Gipfelplateau in Höhe von 7840 über NN errichtet worden war.

Besonders der heute als technisch überholt geltende, aber handwerklich immer noch staunenswerte 12-Zoll-Bamberg-Refraktor hatte das Interesse der Astronomen in unserer Gruppe geweckt.

Schon nach kurzer Gehzeit im lichten Bergwald wurden die Schäden der verheerenden Unwetter der vergangenen  Tage und Nächte sichtbar: großflächig ausgewaschene Kare, von denen auch noch der spärlichste Bewuchs abgetragen war (siehe Foto oben), bröckelnde Felsen, die schon beim leichtesten Tritt abgestürzt wären!

 

 

Eine Armlänge neben unserem Weg lag eine umgestürzte hundertjährige Fichte, deren lautes Krachen wir zwei Nächte zuvor bis in unser Quartier hinein gehört hatten. Vor uns erstreckten sich jetzt zahllose ineinander mäandernde Schrofen. Bergseitig hatte sich eine mächtig aufragende Wand gebildet, von der ab und zu abgehender Steinschlag zu hören war (siehe nebenstehendes Foto). Wir hatten also jene Zwischenzone erreicht, in der ein Klettern noch nicht nötig, ein rüstiges Ausschreiten nicht mehr möglich war. Auch ein Luis Trenker hätte hier zu äußerster Vorsicht geraten. Wie sollten wir uns verhalten, wenn wir das Gipfelplateau sicher und heil an Leib und Leben erreichen wollten?

In seinem Buch „Meine Berge“ gibt der genannte Luis Trenker über dieses Zwischenreich des Nicht-mehr und des Noch-nicht folgenden Ratschlag:

Man hat keine einheitliche Bezeichnung für diese Mittelzone, dieses Mittelding zwischen Geh- und Kletterterrain, doch ist sie meist mit dem identisch, was man S c h r o f e n g e l ä n d e nennt, also ein mehr oder weniger steiles, noch mit Vegetation, langhaarigem Gras, einzelnen Latschen, mit kleinen Felswandeln, Zacken, Gesteinsrippen, erdigen oder schotterigen Rinnen, also Schrofen, durchsetztes Gehänge – über das man gewöhnlich den „Einstieg“, wo die reine Felsarbeit beginnt, erreicht.  Die Schrofenkletterei ist zwar die technisch leichteste, aber nicht die ungefährlichste Art des Gehens im Fels. Anfänger begehen gern den Fehler, sich möglichst bald, schon bei leichter Steilheit, an die geneigten Schrofen zu lehnen und womöglich auf allen vieren zu kriechen. Das ist verdammenswert schlecht. Der Körper muß unter allen Umständen aufrecht bleiben.

Nun, wir krochen nicht auf allen vieren, was ja verdammenswert schlecht gewesen wäre, sondern hielten uns aufrecht und an die Ratschläge Trenkers.  Nach nicht weniger als geschlagenen 900000 ms hatten wir unser Ziel erreicht. Wir genossen den Ausblick auf die weit unter uns hinter dem wogenden Baumwipfelmeer liegende Stadt. 

 

 

 

Endlich konnten wir auch  den 12-Zoll-Refraktor in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Augenschein nehmen. So wurden wir für die Mühen des Aufstiegs im unwirtlichen Schrofengelände reich belohnt.

 

 

 

 

 

 

Hinweis:
Die Höhenangaben erfolgen in diesem Bericht in Zentimeter über Normalnull (NN).

Die Angabe der Gehzeit bis zur Wilhelm-Foerster-Sternwarte erfolgt in Millisekunden (ms).

Die Wilhelm-Förster-Sternwarte liegt auf dem Insulaner-Berg im Berliner Stadtteil Schöneberg.

 

Zitatnachweis:
Meine Berge. Das Bergbuch von Luis Trenker unter Mitarbeit von Walter Schmidkunz. Mit 190 Bildern im Kupfertiefdruck. Verlag Neufeld & Henius. Berlin 1932, S. 44

 

 

 

 

 

 Posted by at 14:29

„The healing Sounds dispel his Cares“. David gibt den Ton an

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Juli 272017
 

 

 

 

 

 

Ein erneuter Besuch in der Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts führte uns gestern bei herbstlichem, trübstem Regenwetter zu diesem Chiaroscuro-Holzschnitt von oder nach Frans Floris. Dargestellt ist eine Szene aus dem 1. Buch Samuel (Kapitel 18): Der strahlende Sieger David spielt vor dem König Saul, den ein böser Geist überfallen hat. In ihm lodern Verdacht, Eifersucht und Neid auf. Voller Ingrimm packt er den Speer und fasst den Beschluss, David an die Wand zu spießen. Nur mühsam gelingt es seinen Angehörigen und Hofbeamten, ihn davon abzuhalten.

Doch Davids Harfenspiel und sein Gesang üben immer wieder eine heilende Wirkung auf den König aus. Die abgrundtiefe Schwermut, der Verfolgungswahn und der Jähzorn Sauls werden durch den Klang der Musik vertrieben. Vertrieben? Nicht ganz, aber doch vorerst „zerstreut“.

In mir stiegen die Nachklänge jener großartigen Aufführung des Oratoriums „Saul“ von George Frideric Handel auf, der ich am 15. Januar 2017 im Kammermusiksaal der Philharmonie lauschen durfte.

Dort sang die Sopranistin Marie Luise Werneburg betörend schön als Sauls jüngere Tochter Michal die folgenden Worte zu dieser im Holzschnitt dargestellten Szene:

Fell Rage and black Despair possesst
With horrid Sway the Monarch’s Breast;
When David with Celestial Fire struck,
Struck the sweet persuasive Lyre:
Soft gliding down his ravish’d Ears,
The healing Sounds dispel his Cares;
Despair and Rage at once are gone,
And Peace and Hope resume the Throne.

So tritt denn das überwältigende Erlebnis jenes Konzerts im Kammermusiksaal durchscheinend hinter die Auffrischung in der Darbietung für die Augen  durch den flämischen Meister. Das ist Musik in den Augen! Das Kupferstichkabinett erweist sich so als der Kammermusiksaal der bildenden Künste; und so wurde es ja auch völlig zu recht schon bei der Eröffnung der diesjährigen Sommerausstellung bezeichnet.

Bezüge:

Die Bibel. 1. Buch Samuel, Kapitel 18

Georg Friedrich Händel: SAUL. HWV 53. Berliner Figuralchor, Cantores minores. Berlin Baroque. Leitung: Gerhard Oppelt. Aufführung am 15. Januar 2017. Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin. Textzitat aus dem Programmheft

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog Nr. 38

 

 

 

 

 Posted by at 16:30
Juli 242017
 

Das Samaritergleichnis erschließt einen Nahbereich. Im Grunde, so Jesus, spielt sich das Leben des Menschen wesentlich im Umfeld der Nahen und der Nächsten ab.

Die moderne Welt der Medien, gerade die elektronischen Medien erschließen hingegen das Fernste. Der typische Vertreter dieser fernsten Dimension sind die Nachrichten.

„Wie kannst du noch ruhig schlafen angesichts des Übels in der Welt! Hast du denn nicht die Nachrichten gesehen? Und hast du denn schon vergessen, was in der Weltgeschichte alles an Schlimmem passiert ist? Kannst du denn die Millionen und Millionen von Toten vergessen, die wir Deutschen alle für alle Zeiten auf dem Gewissen haben, direkt oder indirekt? Grad DU ALS DEUTSCHER!“

Was hat Jesus auf derartiges Starren auf die Schrecken der Vergangenheit geantwortet, in dem ja wir Deutschen die unübertroffenen Weltmeister sind?

Er antwortet schroff und barsch: ἄφες τοὺς νεκροὺς θάψαι τοὺς ἑαυτῶν νεκρούς „Lass die Leichen doch ihre Leichen begraben“(Mt. 8,22). Tot ist tot. Widme dich den Lebenden. Die Lebenden sind wichtiger als die Toten, sie verlangen unsere ganze Aufmerksamkeit.

In ähnlichem Geist schrieb es Primo Levi am 27. Januar 1945 in sein Tagebuch, als er vor der Frage stand, ob er einen Toten bestatten oder eine Latrine leeren sollte:

Ci sono lavori più urgenti: non ci si può lavare. Bisogna vuotare la latrina. I vivi sono più esigenti. I morti possono attendere. 

Es gibt dringendere Arbeiten als die Totenbestattung. Man kann sich nicht waschen. Man muss die Latrine leeren. Die Lebenden sind anspruchsvoller. Die Toten können warten.

Saubere Abwasserentsorgung, eine Grundbedingung sicheren Trinkwassers, sicheren Lebens für alle Menschen, das war damals so und ist auch heute noch so. Über die Toten haben wir keine Gewalt.

Die sittlichen Lehren Jesu Christi richten sich stets an den einzelnen, nie an Staaten. Seine Trinitätslehre ruhte auf der Gottesbeziehung, der Beziehung des Menschen zum Menschen, der Beziehung des Menschen zum Selbst. Gottesliebe, Selbstliebe, Nächstenliebe, das ist seine Dreieinigkeit. Wenn Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe im Lot sind – so Jesu Lehre – dann ist auch das Wohlergehen der Seele und des Leibes besorgt. Diese drei können auch Quelle von politischem Engagement werden, aber doch nur im übergreifenden Horizont dieser intimen Beziehung der Person zum eigenen Selbst, zum Nächsten und zu Gott. Der primäre Kampf richtet sich auf die Wahrheit der Person, nie auf die Wahrheit der Macht.

Politisches Handeln ist allenfalls ein Sekundärphänomen, niemals setzt der Kampf für eine bessere Welt bei der Welt an, sondern stets bei dem Kampf für eine liebevollere Beziehung zum eignen Selbst, zu Gott, zum Nächsten. Make yourself a better place for God, könnte das Motto lauten. Jesus war kein Weltverbesserer!

Christus hat es ausdrücklich abgelehnt, in den gewaltigen politischen Konflikten, die damals Palästina erschütterten, Stellung zu beziehen. „Gebt dem Caesar, was des Caesars ist, und Gott, was Gottes ist“, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“, damit hat er im Grunde der Sphäre der Politik die höheren Weihen entzogen. Er tritt im Prozess vor Pilatus seinem Richter mit einem ungeheuren Selbst- und Gottesvertrauen entgegen. Er duzt ihn ohne Titelangabe, er wirft sich nicht in den Staub vor der Autorität des Kaisers, er führt ein Gespräch auf Augenhöhe. Er respektiert ihn wie jeden anderen Menschen auch, aber er dient sich ihm nicht an, er unterwirft sich ihm nicht.

Und er nimmt aus der aufgeheizten politisch-religiösen Diskussion seiner Zeit den Dampf raus.

Und so meine ich, man sollte den erstickenden moralisch-metaphysischen Dampf aus den politischen Debatten nehmen. Politische Fragen sind, so meine ich, zunächst einmal praktische, nicht ideologische Fragen. Jede politische Betrachtung ist eine Betrachtung dessen, was in einem Staat, also im politischen Nahbereich der Fall ist.

Danach sollten wir fragen: Und? Sind wir damit zufrieden, wie es bei uns ausschaut? Können wir es dabei belassen? Oder wollen wir es ändern?  Falls ja: Können wir es überhaupt ändern? Oder muss der Anstoß zur Änderung in anderen Staaten von diesen anderen Staaten, von diesen anderen Menschen erfolgen? Sollen wir Europäer das Leben der Amerikaner und der Asiaten verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Sollen wir Europäer das Leben der Afrikaner verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Haben wir Europäer von heute für die Amerikaner eine fundamentale Verantwortung? Für die Afrikaner von heute?

Quellen:

Mt 8,22; Mk 12,17; Joh 18-20 passim
Primo Levi: Se questo è un uomo. La tregua. Einaudi tascabili, Turin 1989, Seite 153

 

 

 Posted by at 19:25

„Bäume muss man ziehn, solange sie jung sind“

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Juli 222017
 

Leichtes, gefälliges Hineinplätschern in das Wochenende! Gern packe ich mir bei Schwimmbadbesuchen das eine oder andere Kinder- und Jugendbuch ein, um mich an zeitüberdauernden Werten und Einsichten zu stärken und zu ergötzen! Besonders gefällt mir das fesselnde Jugendbuch über Giovanni Falcone, diesen vorbildlichen, unerschrockenen und mutigen Richter. Hier wird von einem Richter-Kollegen namens Rocco erzählt, der in die Schulen geht, um den jungen Menschen rechtzeitig etwas über Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit und Mut zu erzählen. Früh muss man den Kindern dies beibringen, sagt der Richter Rocco, das sei wie bei einer Pflanze, heißt es:

„Quando la pianta è piccola è più facile raddrizzarla. Più cresce storta, più sarà difficile raddrizzarla. – Wenn die Pflanze noch klein ist, kann man sie leichter geradebiegen. Je mehr sie krumm wächst, desto schwieriger wird es, sie gerade zu richten.“

Dieses Bild der Erziehung des Menschen, der wie eine Pflanze beizeiten in die richtige Richtung gezogen werden muss, kenne ich auch aus einem meiner Lieblingsmärchen der Grimms – dem Meisterdieb. Auch hier wird gezeigt, wie leicht sich die junge Pflanze in die falsche Richtung verknorzt und dann schlechterdings nicht mehr strack, also gerade wachsen kann.

Der Meisterdieb kehrt unerkannt nach langer Zeit in sein Elternhaus zurück und fragt den Vater bei einer Besichtigung des Gartens:

„Aber sagt mir,“ sprach der Herr, „warum bindet ihr den krummen knorrichten Baum, der dort in der Ecke fast bis auf den Boden gebückt liegt, nicht auch an einen Pfahl, wie diesen, damit er strack wächst?“ Der Alte lächelte und sagte „Herr, ihr redet wie ihrs versteht: man sieht wohl daß ihr euch mit der Gärtnerei nicht abgegeben habt. Der Baum dort ist alt und verknorzt, den kann niemand mehr gerad machen: Bäume muß man ziehen, so lange sie jung sind.“

Quellen:

Luigi Garlando: Per questo mi chiamo Giovanni. Con la prefazione di Maria Falcone e un’intervista all’autore. BUR ragazzi, 19a edizione, Milano 2016, S. 56

192. Der Meisterdieb.  In: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, S. 759-767, hier S. 760

 

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Gläserklirren, Besteckklappern, Gemurmel bei Beethovens 2. Symphonie? Skandal!

 Kupferstichkabinett, Musik  Kommentare deaktiviert für Gläserklirren, Besteckklappern, Gemurmel bei Beethovens 2. Symphonie? Skandal!
Juli 212017
 

Ein dumpfer Klangteppich aus klirrenden Gläsern, das Aufflackern von Zigarren und Zigaretten, Stoßen und Schubsen der Kellner umgibt den Augenblick, da Benjamin Bilse den Taktstock erhebt. Er ist dem Publikum zugewandt, die ersten Geigen sitzen von ihm aus gesehen rechts, die zweiten links, die vier Kontrabässe stehen mittig ganz hinten. So hat es Adolph Menzel festgehalten. Seine Gouache ist seit heute in  der großartigen Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts zu sehen.

Johann Ernst Benjamin Bilse – er war der führende Dirigent der klassischen Musikszene Berlins, bereiste ganz Europa mit Dirigaten, seine Bilse’sche Kapelle galt als Berlins bestes Orchester, und doch knarrte und krachte es allenthalben! Die Musiker fühlten sich unter Wert gehandelt, unter Wert behandelt, und als Bilse sich 1882 erdreistete, die Musiker in der vierten Klasse der Eisenbahn auf eine Konzertreise zu schicken, kam es zur Sezession: 52 Musiker verließen im revolutionären Zorn die Bilse’sche Kapelle und schlossen sich zum Berliner Philharmonischen Orchester zusammen.

Es wurde eine echte Orchesterdemokratie und ist es bis heute geblieben! Man nennt sie heute weltweit die BERLINER PHILHARMONIKER.

Adolph Menzel: Konzert bei Bilse. Gouache 1871

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog herausgegeben von Catalina Heroven und Dagmar Korbacher. Erschienen im Imhof Verlag, Petersberg 2017, darin: Abb. 44 (Kat. 107)

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