Kanzlerduell! Gestern sahen wir dieses harmonische Duett (nicht Duell) auf vier Fernsehkanälen. Es war eine von großem Einvernehmen geprägte Begegnung bekannter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.
Nun steht heute Abend gleich ein richtiger Fünfkampf auf dem Programm! Möge es kein harmonisches Quintett werden, sondern ein echter Fünfkampf … gewissermaßen ein Quintell! Sahra Wagenknecht, Cem Özdemir, Joachim Herrmann, Christian Lindner und Alice Weidel werden sich hoffentlich nichts schenken!
ARD, 20.15 Uhr!
Ein paar Fragen zum Thema Europa für den heutigen Wahlabend der fünf hätten wir da, diesmal aus dem Bereich Wirtschaft und Währungspolitik:
Sachstand:
a) Wie schon seit vielen Jahren weist die Eurozone (Euro-19) auch derzeit weiterhin konstant eine viel höhere Arbeitslosigkeit als der Größe nach vergleichbare Wirtschaftsräume (USA, China) auf.
b) Der Wirtschafts- und Währungsraum der 19 Euro-Länder (Eurozone) weist ein deutlich niedrigeres Wachstum und eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit als die EU außerhalb der Eurozone (z.B. Schweden, Polen) auf.
Frage an die Kandidaten der Linken, Grüne/B’90, CSU, FDP, AfD:
Was bedeutet diese außerordentliche Schwäche des Euro-Raumes für die EU, für die Euro-Zone insgesamt und für Deutschland im besonderen?
Wie erklären Sie das?
Wollen Sie, dass die Eurozone weiterhin deutlich schwächer bleibt als andere vergleichbare Wirtschaftsräume und dem Rest der Welt hinterherhinkt?
Sie sind doch überzeugte Europäer, oder etwa nicht? Wollen Sie diesen beschriebenen Zustand ändern, wenn Sie in den Bundestag kommen? Falls ja, wie?
Mutterschaft, PlanwirtschaftKommentare deaktiviert für Sicherer Job! Planbares Leben! Oder: Von der unermesslichen Last des Mutterseins
Sep.012017
Versagende Eltern, gefährdete Kinder, belastete Mutter-Kind-Beziehungen – das dürfte das enorm wichtige Grundmotiv sein, welches zwei Schriftstellerinnen in ihren neuen Büchern aufgreifen. Gut, bedeutend, es stimmt mich nachdenklich! Ist dies eine Bestandsaufnahme einer Situation, die jeden von uns unvorbereitet treffen kann?
Katharina, die Mutter in Mareike Krügels neuem Roman Sieh mich an, musste ihre Karriereträume beerdigen, nachdem sie ihren Mann Costas geheiratet und das erste Kind bekommen hatte. Sie erteilt jetzt, statt auf Konzertbühnen zu glänzen, Musikunterricht für Vorschulkinder und setzt das Orffsche Instrumentarium ein. Das schwierige Muttersein, schwierige Schwangerschaften und ihre eigene schwere Krankheit strichen ihre Lebensplanung durch. Sie sagt:
„Nichts ist mehr so, wie es gehört. Nichts ist so geworden, wie ich es wollte, gar nichts, und nun stehe ich da und muss mir selber zuhören, wie ich zu mir sage: War das nicht klar? Das hast du doch gewusst, Katharina, damit war doch zu rechnen.“
PLANBARES LEBEN! Das ist eine zentrale Verheißung, mit welcher eine bedeutende Partei, Die Linke, in diesen Bundestagswahlkampf zieht. Die Politik soll es einrichten, dass alles so kommt, wie man sich das wünscht und vorstellt. Und dann – dies! Krankheiten, Schwangerschaften und schwierige Kinder vermasseln einem die Lebensplanung.
Monika Helfer schildert in Schau mich an, wenn ich mit dir rede! eine U-Bahn-Szene. Eine Mutter nimmt ihre Tochter ins Verhör. Mutter und Tochter haben beide einen Stadtroller zwischen den Beinen, beide tragen eine Schildmütze auf dem Kopf. Die Mutter fragt:
„Und du? Du? Du? Magst du ihn immer noch, deinen lieben, lieben Vater? Ich will es wissen. Ich weiß schon, nichts darf ich, aber etwas wissen wollen darf ich wohl. Oder wollt ihr mir das auch noch verbieten?“
Der Mund des Mädchens nahm einen leidenden Zug an, und ich dachte, gleich wird sie weinen. Sie weinte nicht. Sie drehte sich weg von ihrer Mutter, sagte nur sehr leise: „Mmhm.“
Zwei kurze, meisterhaft verdichtete Miniaturen aus zwei lesenswerten Büchern! In Monika Helfers Szene fällt mir etwas auf, was für viele unserer Familien charakteristisch geworden ist: Die Einebnung der Unterschiede zwischen Eltern und Kindern. Die Eltern ziehen sich so an wie die Kinder, sie ziehen die Kinder aber auch in ihre eigene emotionale Verstricktheit hinein.
Das Kind wird behandelt, als sollte es ein gleichartiger Partner der Eltern sein. „Dein Kind – dein Partner“, so hieß der Ratgeber von Carl H. Schmitt-Rogge, den ich übrigens selbst als Jugendlicher las, um meine Eltern in ihrem Erziehungsstil besser zu verstehen.
Das Kind als Partner? Ich finde das bedenklich! Das Kind wird so allzu leicht hineingezogen in den Paarkonflikt. Und dies, so meine ich, stellt eine heillose Überforderung des Kindes dar. Das Kind wendet sich dann ab wie in der U-Bahn-Szene, es verweigert die Antwort.
Und der Grund ist: Es muss sich schützen. Das Kind möchte nicht Sparringspartner für die ungelösten Konflikte der Eltern werden.
Ich lese aus diesen beiden Grundkonstellationen zweierlei heraus: Ja, Kinder können alles durcheinanderbringen. Ja, das Leben ist fundamental nicht planbar. Ja, Muttersein ist nicht einfach schön. Es kann schrecklich sein. Muttersein ist nicht angeboren. Die Frau wird hineingestoßen in etwas, was ihre Pläne umwirft. Anders ist es meist für den Mann; ihm wird viel eher zugestanden, seine eigene Karriereplanung duchzuziehen.
Und ja, Kinder sind etwas anderes als Erwachsene. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist keine demokratische Beziehung zwischen Gleichberechtigten; es wird immer eine größere Macht, eine größere Verantwortung bei den Eltern geben.
Zwei Bücher, die jetzt, wo die Abende früher einsetzen, sicherlich das Lesen lohnen.
Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! Jung und Jung Verlag, Salzburg 2017, hier zitiert nach: Deutscher Buchpreis. Die Longlist 2017. Leseproben. Börsenblatt, Frankfurt 2017, S. 27-31, hier S. 28-29
Mareike Krügel: Sieh mich an. Roman. Piper, München 2017, hier zitiert nach: Petra Pluwatsch: Begrabene Träume. Mareike Krügel zieht eine bitterböse Bilanz des Mutterseins. Berliner Zeitung, 1. September 2017, S. 23
Einsingen 24/7, SingenKommentare deaktiviert für Und meine Stimme spannte weit ihre Flügel aus
Aug.292017
Von der Notwendigkeit des behutsamen Einsingens. Seit einigen Wochen versuche ich, eine geeignete Einstimmung für das tägliche Singen zu finden. Wie schnell zeigt sich die Stimme verschnupft, wie leicht ermattet sie, wenn sie zu schnell in die Höhe getrieben oder in die Tiefe gestoßen wird, wie leicht fängt man sich ein leichtes Brennen, eine kleine Verkrampfung ein, wenn man zu früh, zu hastig, zu steif lossingt!
Die verschiedenen Chorleiter, unter denen ich im Lauf der letzten Jahre singen durfte, haben mich jedoch nach und nach von derartigen Gewaltsamkeiten auf den richtigen Weg geführt.
Das Wichtigste scheint mir das allmähliche Herantasten, das Auflockern, das Vorwärmen des Körpers und der Stimme zu sein. Der ganze Leib soll sich allmählich aus seiner starren Alltagstauglichkeit lösen und sich zentrieren und hinfließen auf das Geschehen in der Stimme. Die Stimme stimmt buchstäblich den Körper ein, der Körper stimmt die Stimme ein! Ausdrücke des Staunens, der Freude, der Erwartung durchziehen den Körper und den Geist. Sie finden eine lautliche Gestalt im Ausruf, im Seufzen, im Lächeln, im Gähnen, im Lachen. Einzelne Silben werden geformt mit wulstigen Lippen, der Bauchraum lockert sich, die Atmung wandert hinein in den Leib. Man kann sich vorstellen, die Luft flösse durch die Kehle in alle Blutgefäße des Körpers hinein. Nach und nach wird dieses Gefühl zum Klang. Der Klang ergreift Besitz vom Körper, der Körper formt sich seinen Klang.
Schließlich wird die Stimme nicht mehr „hochgetrieben“ und nicht „in den Keller verbannt“. Nein, sie beginnt umherzuspazieren, sie schaut sich um, sie möchte buchstäblich hoch hinaus, sie steigt in die Tiefen hinab, schaut sich um. Sie geht auf Entdeckungsreise!
Aus einem solcherart eingestimmten Leib-Stimme-Verbund entsteht zwanglos das gezielte, methodisch geschulte Üben des Gesanges – ein Einüben und Hinführen der Stimme auf ein Geschehen, das schließlich das rein Physikalische überschreitet und den Sänger zum Hörer macht, wie umgekehrt auch der Hörer zum Sänger wird.
Und dann spannt die Seele im Gesang ihre Flügel aus!
Als Empfehlung verweise ich gern auf folgendes Heft, das mich seit einigen Sommerwochen kundig und treu begleitet:
Matthias Drievko: Die Seele in Klang verwandeln. Anregungen, Hilfestellungen und Übungen für die technischen Erfordernisse des Singens. Systematisches Trainingsprogramm für Sänger, Gesangslehrer und -schüler zum praktischen Gebrauch. Doblinger Musikverlag, Wien 2012, hier insbesondere Abschnitt II: Konzentrierte Vorbereitung: Atemtraining, Körperbewusstsein, Haltung, Lösen diverser Verspannungen etc., S. 14-17
Der krönende Abschluss einer derart vorbereiteten Übungsstunde kann folgendes Lied sein:
Robert Schumann: Mondnacht. Joseph von Eichendorff. Zart, heimlich. In: Das Lied im Unterricht. 61 Lieder für hohe Singstimme mit Klavierbegleitung. Herausgegeben von Paul Lohmann. Verlag Schott, Mainz o.J., S. 63-65
GoetheKommentare deaktiviert für Goethe unplugged. Zum 28. August 2017
Aug.282017
Ansprache am Rheinhessischen Weinbrunnen auf dem Rüdesheimer Platz. An Goethes Geburtstag
Goethes Geburtstag ist heute! Wir ehren heute das Andenken dieses größten Wandrers, dieses besten Begleiters und Reisegefährten, den die deutsche Literatur je erlebt hat, und wir brechen damit ein Bröckchen von dieser Ehre für uns selbst ab.
Goethe unplugged, so möchte ich meine erlesenen Abenteuer mit dem unbekannten, dem weniger gerühmten Goethe einführen; und dabei denke ich insbesondere an die Aufzeichnungen des Kanzlers Friedrich von Müller, der häufig vertrauliche Unterredungen mit Goethe pflegte und gleich anschließend ungefiltert Protokolle darüber führte, ohne sie doch, wie dies etwa Eckermann getan, noch erneut zur Gegenprobe vorzulegen. Goethe erscheint hier bereits mitten in dem großen, furchtbaren Zerwürfnis mit der deutschen Gesellschaft, das sich bis heute fortgesetzt hat. Er benennt die Missachtung, ja den Haß, den ihm viele Frauen und Männer in Deutschland aus Unkenntnis, Bequemlichkeit oder Missgunst entgegenbringen.
Eine weitere, weniger bekannte Seite Goethes ist seine Ablehnung des nationalen Überschwangs, des romantischen Taumels, die im Zuge der antinapoleonischen Kriege die deutsche akademische Jugend erfasst hatte. Auch den entstehenden Sozialismus der Saint-Simonisten lehnte er ab. Und schließlich widerstrebte ihm jeder gewaltsame utopische Zugriff auf die bestehenden Verhältnisse, jedes selbstgewisse Schwärmertum, das etwa unsere 68er Bewegung prägte, die eine offenbar unersättliche Gier nach Diktaturen und Gewaltherrschern mitschlepppte. In seinen Venezianischen Eprigrammen geißelt er die Selbstgerechtigkeit der selbsternannten Revolutionäre:
Jeglichen Schwärmer schlagt mir an’s Kreuz im dreißigsten Jahre;
Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm.
Die Gespräche mit Eckermann wiederum – eins der besten Bücher, die Goethe uns vermacht hat – beweisen, dass Goethe die politische Landschaft der europäischen Staaten mit wachem, nie nachlassendem Interesse verfolgte. Es unterliegt keinem Zweifel und muss wohl nicht eigens erwähnt werden, dass Goethe die Verbindung aus Nationalismus, Sozialismus und Rassismus, die im deutschen Nationalsozialismus und im sowjetischen Bolschewismus so furchtbar gewütet hat, aufs schärfste abgelehnt hätte. Die Deutschen sind Goethes Grundeinsichten in all jenen Jahren mehrheitlich nicht gefolgt. Zu ihrem, zu unserem Schaden und zum Schaden der ganzen Welt!
Und gerade bei der vielbeschworenen Integration, bei der in Europa so qualvoll unfruchtbaren Migrationsdiskussion hätte Goethe, der Wanderer zwischen allen Welten, zwischen Antike und Moderne, zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum, ein kräftiges Wörtlein mitzureden, wenn man ihn denn nur ließe. Wenn man ihm denn in Deutschland nur ein Ohr liehe! Wenn man doch wenigstens die Kinder und die Jugendlichen Schritt für Schritt heranführte an diesen reichen Schatz an Bildern, Geschichten und Versen, die Goethe uns und allen Menschen auf diesem Globus ausbreitet. Man brauchte sich um mangelnde kulturelle Integration keine Sorgen zu machen!
Ich komme zum Lobgesang auf die prachtvollste, strahlendste, überwältigendste Sprachmusik, die je ein sterblich Ohr in deutscher Sprache vernommen hat: die metrisch gebundene Sprache Goethes, seine Gedichte, seine Epen, seine in rhythmischer Bindung verfassten Dramen.
Ich darf nur eines sagen: Der Tag, an dem ich erstmals die Gedichte Goethes in einer schönen Gesamtausgabe des Birkhäuser-Verlags in die Hand nahm und sie dann Seite um Seite wendete, da mein Durst, immer mehr von diesem Mann zu lesen, immer unstillbarer wurde, dieser Tag hat mich verwandelt; und seither suche ich wieder und wieder diese Quelle auf. Ich dürste nach Goethes Versen, wenn der getrocknete Staub des Kulturgeredes sich über die Feuilletons ausbreitet, ich verlange nach Goethe, wenn unsere heutigen deutschen Schriftsteller, denen es an nichts Materiellem gebricht, endlose Klagen über sich selbst und über den beklagenswerten Zustand der Welt und ihres eigenen Ichs führen; wenn sie im Dauerlazarett ihrer Neurosen nach dem Psychiater schreien und doch jede Möglichkeit der Heilung ausschlagen; ich sehne mich nach Goethe, wenn jeder Sinn für Schönheit, jedes Gefühl für Klang, Rhythmus, Metrum in der erbarmungslosen Darre des Aktualitätengewitters ausgedroschen wird und erstirbt.
Ich spreche Verse Goethes laut aus, wenn ich den Gipfelschnee auf den Dreitausendern der Dolomiten in der Ferne erahne, ja ich habe mich erst vor wenigen Tagen wieder einmal mit leicht abgewandelten Goetheschen Versen in ein Südtiroler Gipfelbuch eingetragen:
Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß,
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum,
Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
An klaren Tagen über Land und Meer geführt.
Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,
Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.
Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veränderlich.
Wandelnd! Wogenhaft! Veränderlich! Ja, so mag er uns weitergeleiten. Goethe, er wird auch die gegenwärtige Geringschätzung, Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit, die ihm an deutschen Schulen und Hochschulen, in den Medien und Kultureinrichtungen Deutschlands widerfährt, gekräftigt überdauern und schöner als vorher zu uns zurückkehren.
Er ist der beste, der größte Schriftsteller, den wir im deutschen Sprachraum haben, er ist der unerreichte Meister der deutschen Sprache, jeder nach ihm kommende Schriftsteller bezieht sich, ob er will oder nicht, bewusst oder unbewusst auf ihn.
Ich schließe mit einem Seitenblick auf Shakespeare, der für den jungen Goethe ein nachtvolles Erweckungserlebnis bedeutete. In seiner Rede „Zum Shäkespeare Tag“ tritt er 1771 ins Zwiegespräch mit dem großen Engländer ein – er spricht ihn an und spricht zugleich auch über sich selbst:
Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shaekspearen [also von Goethen], das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.
Auf, Zecherinnen und Zecher! Goethe wird uns nicht fressen! Goethe, du Pate, Unterstützer, Ermuntrer! Wie es auch sei, das Leben, es ist gut! Wir rufen dir zu mit Versen aus deinem Lied an Schwager Kronos, das Franz Schubert so großartig-brüderlich vertont hat:
Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll
Labe dich und uns auch mit diesem schäumenden Trunk
Und dem freundlichen Gesundheits Blick.
Erheben wir das Glas auf die berauschende Schönheit der Goetheschen Sprache, auf die leuchtende Vernünftigkeit seiner Prosa, auf den Gesundheitsblick Goethes und auf seine Wiederkehr! Bleibe bei uns!
Und jetzt Musik! Es singt für uns Goethes Lied „An Schwager Kronos“ der Sänger Heinrich Schlusnus.
Verzeichnis trinkbarer sowie gedruckter Quellen:
Rheingauer Weinbrunnenam Rüdesheimer Platz, Wilmersdorf. Täglich 15.00-21.30 Uhr. Nur noch bis 04. September!
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203
Weingut Ferdinand Abel, Oestrich
Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller. Herausgegeben von C. A. H. Burkhardt. Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1870
Weingut Adam Basting, Winkel
An Schwager Kronos. Goethe. Nicht zu schnell. Orig. D moll. In: Schubert-Album. Sammlung der Lieder für eine Singstimme mit Pianofortebegleitung von Franz Schubert kritisch revidirt von Max Friedländer. Ausgabe für tiefe Stimme. Band II, Edition Peters 7610, Verlag C.F. Peters, Leipzig o.J., S. 44-46
Weingut Wilhelm Nikolai, Erbach
Johann Wolfgang Goethe: Epigramme. Venedig 1790. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 208-236, hier S. 220 [Nr. 52]
„Ich hoffe, daß in Deutschland bald gesunde Verhältnisse eintreten werden und daß dort in Zukunft die großen Männer wie Kant und Goethe nicht nur von Zeit zu Zeit gefeiert werden, sondern daß sich auch die von ihnen gelehrten Grundsätze im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewußtsein durchsetzen.“
Vorfreude auf den bevorstehenden 28. August erfasst mich! Wird es uns morgen gelingen, einen der in Deutschland heute fast nicht mehr gelesenen, fast nicht mehr gelebten, in deutschen Schulen und Hochschulen fast nicht mehr gelehrten, fast nicht mehr rezitierten, fast nicht mehr gesungenen, nicht mehr auswendig vorgetragenen Physiker, Juristen, Politiker, Biologen, Geologen, Botaniker, Zeichner, Schriftsteller, scharfsinnigen Historiker, Kunstsammler, Staatstheoretiker angemessen zu würdigen, dessen Geburtstag sich dann zum 268. Male jährt?
Ich hege Zweifel. Denn Kant, Einstein und Goethe – galten die denn einst nicht als Vorbilder? Könnte es sein, dass sie als Leitbilder taugen, ja schlimmer noch – dass sie aufgrund unserer eigenen freien Wahl – , globale, europäische und – in diesem Falle auch – deutschsprachige Leitkultur bilden und abbilden? Hat er (Goethe) doch selber – ebenso wie später auch Einstein – völlig zutreffend erkannt: „Die Deutschen wollen mich loswerden“ – und sie sind ihn (wie später Einstein auch) losgeworden.
Doch hege ich auch Hoffnungen! Denn außerhalb Deutschlands wurde und wird Goethe in seiner Bedeutung durchaus erkannt und geschätzt. So hat etwa der am 14. März 1879 im württembergischen Ulm an der Donau geborene Albert Einstein im März 1933 – damals bereits in den USA sich aufhaltend – den Wunsch geäußert, die von Immanuel Kant und Johann Wolfgang Goethe gelehrten Grundsätze möchten sich in Deutschland „im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewusstsein durchsetzen“. Deutschland hat ihm diesen Wunsch damals nicht erfüllt.
Ich werde den Wunsch Albert Einsteins, die Deutschen möchten ihre großen Männer – also zum Beispiel Tilman Riemenschneider, Albrecht Dürer, Albert Einstein, Johann Sebastian Bach, Immanuel Kant, Goethe – stärker zu Herzen nehmen, im Original lesen, diskutieren, rezitieren, singen und weitersagen – gerne morgen und weiterhin weitertragen!
Diese großen Männer – Kant, Einstein, Bach, Goethe zum Beispiel – sind ja nicht schon deswegen böse Menschen oder verwerfliche Menschen, weil die Deutschen sie loswerden wollten, sich keinen Deut um sie kümmern und sie loswerden wollen. Sie sind, so meine ich, ganz im Gegenteil großartige Vorbilder für uns alle, da wir dank unserer gemeinsamen Mutter- und Arbeitssprache Deutsch einen sehr viel leichteren Zugang zu ihnen haben könnten als andere auf aller Welt, die sich erst mühsam Kenntnisse des Deutschen erarbeiten müssen, ehe sie diese großen Männer im Original lesen und genießen können.
Nachweis des Zitats von Albert Einstein:
Monika Stoermer: Albert Einstein und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. In: Akademie aktuell 1/2005, S.4-7
Zum deutschen Haß auf Goethe vgl. beispielhaft bereits des Dichters eigene Wahrnehmung:
Johannes Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt. Ein nachgelassenes Werk von Johannes Falk. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1832, hierin besonders das V. Kapitel: „Goethe’s Humor“.
dy zehen sprach hab ich gepraucht, wann mir zeran;
auch kond ich fidlen, trummen, pauken, pheyffen.
Jch hab umbfaren Jnsel und aren, manig land
auff scheffen gros, der ich genos von sturmes bant“
Also hast gesprochn vnd gsunga, du guter fidler und gesell,
sänger, landfahrer, kämpfer, komödiant
mir ham di erscht neili bsucht an deiner alten stell,
burg hauenstein ist sie genannt,
von dort hobm mir geschaut ins ganze land,
nunter auf di alm nach Seis, auffi zu die kofelspitzen,
mit schrofengelände und felsenritzen,
fiari nach sankt Valentin zur rechten hand,
und nachert hamma do no gsessn,
und ham die kaminwurzn alle gessen.
des ohngeacht
hamma vui glacht
oba freili, neili,
gschumpfn host a no wiara teifi.
Zitat: Oswald von Wolkenstein: „ES fugt sich, do ich waz von zehn Jarn alt“. In: Gedichte 1300-1500. Nach Handschriften und Frühdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Eva und Hansjürgen Kiepe [=Epochen der deutschen Lyrik, hg. von Walther Killy, Band 2] dtv, Wissenschaftliche Reihe, München 1972, S. 193-197, hier S. 194
Bild: Blick von der Burgruine Hauenstein, zu einem Drittel im Besitz Oswald von Wolkensteins, auf das Dorf Seis, Aufnahme vom 16.08.2017
Ein Tag der gesamteuropäischen Schande, ein Tag, der die Pforten zur Hölle auf Erden öffnete: so muss man wohl in der Rückschau den 24. August 1939 bezeichnen, den Tag, an dem der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet wurde. Während sich vor diesem Tag die fünf großen, hochgerüsteten europäischen Militärmächte Italien, Frankreich, Sowjetunion, Großbritannien, Deutsches Reich gegenseitig belauerten und ein wirres Geflecht zahlloser wechselseitiger Beistandserklärungen mit kleineren Mächten vereinbart hatten, schafften die Sowjetunion und das Deutsche Reich jetzt die Weltsensation: ein sehr konkret ausverhandeltes Bündel an militärischen, wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen, mit denen sie den gesamten Kontinent untereinander aufzuteilen gedachten.
Damit wurden die mörderischen Pflöcke eingerammt, die in den folgenden Jahren unseren Kontinent mit seinen Menschen so unsäglich quälten und zerstörten. Es begann mit der Zerstörung Polens und der baltischen Staaten durch die beiden Hegemonialmächte Deutsches Reich und Sowjetunion.
Der gut dokumentierte Handschlag, das bei der gemeinsamen Parade der sowjetischen Armee und der Wehrmacht in Brest-Litowsk gezeigte lächelnde Einvernehmen der Generäle Mauritz von Wiktorin (eines Österreichers), Heinz Guderian (eines Deutschen) und Semjon Moissejewitsch Kriwoschein (eines sowjetischen Juden) lässt einem in der Rückschau das Blut in den Adern gefrieren.
Diese dramatischen Tage im August und September 1939 und ihre bis heute ganz unterschiedliche Wertung in Russland, der Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen und in den westlichen EU-Staaten prägen bis heute die einander widerstrebenden Gedächtniskulturen der 47 europäischen Staaten, die unseren Kontinent Europa bilden.
Vielleicht ermöglicht es die Besinnung auf diesen deutsch-sowjetischen Pakt, die Gründe für das bis heute völlig zersplitterte Geschichtsbild der jetzt 47 europäischen Länder zu erhellen.
Erschütterndes Archivmaterial in russischer und englischer Sprache in Ton und Bild ist heute mühelos abrufbar. Zwei drastische Videos der an jenem Tag, dem 24. August 1939 besiegelten deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft möchte ich heute hervorheben.
Auf dem Anstieg zum Speikboden, einem bekannten Berg im Ahrntal, bestaune ich in etwa 2200 Meter Höhe gebannt die Vorbereitungen der Gleitschirmflieger. Wie sie sorgfältig ihre wulstförmigen Schirme ausrollen, wieder und wieder die Leinen überprüfen und richtig legen. Wie sie regelmäßig hinüber schauen zum gleichmäßig im Wind flatternden Fähnchen. Eine junge Frau probt wieder und wieder den Anlauf und bricht dann mehrfach ab. Zur gleichen Zeit erheben sich mehrere Flieger geradezu mühelos in die Luft. Erheben? Nein, sie lassen sich fallen, sie gehen ein paar Schritte und lassen sich dann hineinfallen ins Meer der Luft wie ein Schwan sich ins Wasser eines Teiches gleiten lässt, um dann gelassen, sicher und gleichsam mit einem grüßenden Lächeln seine Kreise zu ziehen.
Acht Gleitschirmflieger schweben schon dahin. Nach wenigen Sekunden erreichen sie eine Thermikzone. Jetzt beginnen sie in immer erneut wiederholten Kreisen den Aufstieg. Höher und höher fliegen sie. Sie umrunden uns, sie schauen schon auf uns herab.
Nun hat auch die junge Frau den Absprung geschafft. Sie findet die Freiheit des Absprungs. Aus dem krächzenden Mikrophon ertönt die Stimme ihres Betreuers oder Lehrers. Und schon ruht sie sicher in der Luft, als hätte sie dieses Fliegen, dieses Gleiten, dieses königliche Schwimmen nie lernen müssen.
Ein grandioses Schauspiel, das die Fliegenden mit ihren bunten Schirmen uns bieten! Vergleichbar dem Mobile in einem Kinderzimmer, wo beim Einschlafen bunte Fische hin und her schwimmen.
WanderungenKommentare deaktiviert für Schaurige Schönheit, nicht ungefährlich
Aug.172017
10. August
Mit der Gitsch-Gondelbahn fuhren wir bei strahlender Morgensonne hinauf zur Bergstation auf der Gaisraste, die in 2058 m Höhe liegt. Von hier bot sich ein herrlicher Rundblick über das Pustertal bis hin zu den Geislerspitzen.
Ein bequemer Weg brachte uns um den Rücken von Breiteleben herum an diesem plätschernden Brunnen vorbei. Etwa eine Stunde lang querten wir Wiesen und durchschritten einige Almweiden, auf denen das Vieh graste.
Dann wurde es ernst: Ein Hinweisschild kündigte den ungesicherten Schellebergsteig an, der an abschüssigem, felsdurchsetztem Schrofengelände quer durch die zerschrundene Westflanke des Fallmetzers (2568 m) führt.
Wir stiegen ein. Jetzt galt es, jeden Schritt sorgfältig zu setzen! Oftmals war die Trittspur ausgesetzt. sorgfältig sicherten wir uns mit den Händen ab.
Doch ließen wir auch den Blick hinab in das grüne Altfaßtal fallen, das sich in 300 m Tiefe unter unseren Füßen ausbreitete.
Am Ufer des Großen Seefeldsees, der auf 2271 m liegt, hielten wir die wohlverdiente Mittagspause.
„Wie ein Fjord hockt das Gewässer in einem engen Graben – wenn Wolken ziehen, Licht und Schatten rasch wechseln, ein Bild von schaurig-wilder Schönheit“, schreibt Eugen E. Hüsler in seinem Wanderführer.
An den Hängen des Talkessels fielen uns große Flächen auf, die üppig mit einer betörend schönen Blume besetzt waren. Ein zweiter Blick belehrte uns: Die bezaubernde, von emsigen Hummeln besuchte Alpenschönheit war nichts anderes als der Blaue Eisenhut. Die giftigste Pflanze ganz Europas, deren Wurzel von alters her als todbringendes Gift bekannt ist und auch als Pfeilgift bei Jägern Verwendung findet! Wer weiß, vielleicht wurde es schon in der späten Kupferzeit verwendet? Vielleicht fiel der hinterrücks mit einem Pfeil erschossene Ötzi ihm zum Opfer?
Hier ist er jedenfalls, der Blaue Eisenhut in all seiner Pracht:
Bald mussten wir von der rauhen Schönheit des Talksessels Abschied nehmen, denn für den Nachmittag waren Gewitter angekündigt.
Wir stiegen hinab ins Tal des Altfaßbaches, der sich mäandernd durch den Talboden schlängelt. In der Wieserhütte stärkten wir uns mit einem Teller Suppe.
Gegen Ende der Wanderung führte uns eine bequeme Sandstraße zurück nach Meransen. Hochwillkommen war uns dabei eine Kneippstation. Dort konnten wir im eisig kalten Wasser des Altfaßbaches Erquickung und Erfrischung für die Füße schöpfen.
Das letzte Stück lief wie von selbst. Jetzt wurde die Landschaft weicher, das Felsige verschwand, eine üppige Pflanzendecke breitete sich über die sanfter geschwungenen Hügel. Der Blick weitet sich ins Ungeahnte hinüber zu den entfernten Bergen jenseits des Pustertales.
Wir waren zurückgekommen. Eben als wir die Gondelbahn bestiegen, die uns zurück nach Meransen bringen sollte, fielen die ersten Regentropfen.
Die für den Nachmittag angekündigten Gewitter setzten erst spät am Abend ein. Von unserem Quartier aus konnten wir Blitz und Donner verfolgen, und dann begann ein Hagelschlag ungeheuren Ausmaßes. Bis zur Größe eines Apfels hatten sich die Hagelgeschosse zusammengeballt, unseren Ohren bot sich ein betäubendes Trommelfeuer!
Am nächsten Tag wurde klar: es war in dieser Gegend am Eisack der schlimmste Hagelschlag seit vielen Jahren.
Beleg:
Eugen E. Hüsler: Tauferer Ahrntal mit Pfunderer Bergen. 50 ausgewählte Berg- und Talwanderungen. Rother Wanderführer. Bergverlag Rother GmbH, München 2016, darin: Route 47: Seefeldsee, 2271 m. Spannender Weg zu einem versteckten Alpenfjord, S. 142-143
WanderungenKommentare deaktiviert für Am Abendhimmel blühen die Rosen uns auf
Aug.072017
Schau! Dort hoch am Weinberg steigt eine Nebelfahne auf. Säuberlich getreppt steigen die Zeilen mit den enggepflanzten Rebstöcken empor.
Erfrischt atmen die Rosen auf. Sie schmiegen sich eng an die Spaliere. So endet der Abend des ersten Tages voller Zuversicht auf das, was uns morgen erwartet.
Das Kloster Neustift empfängt und begrüßt jeden, der nicht mehr weitergehen kann. Es liegt eingebettet zwischen Weinbergen, Wegen, Rosen und dem Himmel.
SüdtirolKommentare deaktiviert für Macht des Wassers
Aug.062017
Der Eisack tobt mächtig durch sein enges Bett. Unaufhörlich strömt Welle auf Welle, einzelne Inseln werden abgetrennt, werden vom Wasser umschnürt. Wie lange werden sie halten?
„Wie ist es bei euch in Deutschland, Papa? Erzähl mir dein Leben in Märchen!“
„O mein Sohn, es ereignet sich einiges hier bei uns in Deutschland: Zunehmende Wärme wärmt uns, zunehmendes Licht erleuchtet uns! Der Sommer kommt in die Gänge, keiner glaubt noch, er könnte schnell zu Ende gehen. Tief Zlatan, der nordische Jagdhund, dieses pelzige Ungetüm, der alte Spielverderber, zog sich grollend in die Berge zurück, weit hinter die sieben Berge. Auch mit einem 12-Zoll-Zoll-Teleskop kannst du ihn nicht mehr sehen, nicht einmal von unserem 7000er Gipfel, dem Insulaner!“
„Warum, Papa? Gefällt es ihm nicht bei euch in Deutschland?“
„Weißt du, hier sind mir die Menschen zu kalt, sagt Zlatan, zur Rede gestellt. Bei uns in Sibirien ist es außen kalt und dunkel, aber wir Hunde leuchten von innen.“
Unverhoffte Begegnung: Wir befinden uns in einem Schöneberger Buchladen, irgendwo in dem Quartier, das sie großsprecherisch Kreuz des Südens nennen. Ein Kunde streift suchend vor den Regalen umher, legt seinen Kopf schräg, um die Buchrücken zu entziffern. Schreitet Schritt um Schritt voran. Zieht das eine oder andere Buch hervor, zunehmend rascher, ungeduldiger.
„Sie suchen nichts Bestimmtes?“, fragt ihn die Buchverkäuferin, die ihn schon einige Augenblicke beobachtet hat.
„Doch! Ich habe da einen neuen Spielfilm gesehen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Er hat mich erschreckt. Ich fand die Personen alle ziemlich klischeehaft. Pappmachéefiguren. Und es herrschte eine abgründige Lieblosigkeit, fast schon ein Hass zwischen den Menschen des Films, wie er sich eigentlich nur in echten Familien ausbilden kann, aber nicht in Filmen.
Und das reicht nicht, um einen guten Film zu machen,“ fuhr der Kunde fort. „Aber ich glaube, das Buch ist besser. Denn gelungene und weniger gelungene Literaturverfilmungen sind als geschäftige Kupplerinnen anzusehen: sie erregen eine unwiderstehliche Neugier auf das Original.“
„Das Buch wäre also besser als der Film? Wissen Sie das, oder glauben Sie es zu wissen?“, fragte die Buchhändlerin zurück.
„Ich weiß, das ich es glaube. Aber um es zu beweisen, möchte ich dieses Buch lesen. Wissen Sie, wer es geschrieben hat?“
„In Zeiten des abnehmenden Lichts – von Eugen Ruge? Das hatten wir gestern noch in einigen Exemplaren hier liegen. Schauen Sie hier!“ (Triumphierende Demut der Buchhändlerin)!
„Ha, danke, Sie sind noch eine Buchhändlerin von altem Schrot und Korn. Sie kennen also jedes Buch, das Sie hier vorrätig halten?“
„Fast jedes! Und alle anderen bestellen wir Ihnen, sofern lieferbar.“
Der Kunde war begeistert, kaufte das Buch, dazu noch eine Zeitschrift und eine Zeitung. Was mag er wohl beim Lesen des Buches empfinden?
Hier die Angaben:
Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9. Auflage, Februar 2017, Reinbek 2017
In Zeiten des abnehmenden Lichts. 2017. Regie: Matti Geschonneck.
WanderungenKommentare deaktiviert für Im Schrofengelände unterwegs zu einem Siebentausender
Juli282017
Aus dem Tagebuch eines Berliner Bergsteigers, der sich geistig schon auf die anstehenden Südtiroler Bergtouren vorbereitet:
28.07.2017. Schlechtwetter hielt uns mehrere Tage am Basislager auf Höhe von 3800 über NN gefangen. Sturmtief Zlatan zeigte uns wieder und wieder seine unbeugsame Macht. Nach zwei Nächten sintflutartiger Regenfälle klarte es endlich auf. Immerhin waren die Temperaturen hochsommerlich warm geblieben und fielen auch nachts nicht unter 15°C. So beschlossen wir am 25.07.2017 kurz nach Sonnenaufgang, den Anstieg zum Gipfel zu wagen. Uns lockte insbesondere das alte Observatorium, das, beginnend ab den späten 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dort oben am Gipfelplateau in Höhe von 7840 über NN errichtet worden war.
Besonders der heute als technisch überholt geltende, aber handwerklich immer noch staunenswerte 12-Zoll-Bamberg-Refraktor hatte das Interesse der Astronomen in unserer Gruppe geweckt.
Schon nach kurzer Gehzeit im lichten Bergwald wurden die Schäden der verheerenden Unwetter der vergangenen Tage und Nächte sichtbar: großflächig ausgewaschene Kare, von denen auch noch der spärlichste Bewuchs abgetragen war (siehe Foto oben), bröckelnde Felsen, die schon beim leichtesten Tritt abgestürzt wären!
Eine Armlänge neben unserem Weg lag eine umgestürzte hundertjährige Fichte, deren lautes Krachen wir zwei Nächte zuvor bis in unser Quartier hinein gehört hatten. Vor uns erstreckten sich jetzt zahllose ineinander mäandernde Schrofen. Bergseitig hatte sich eine mächtig aufragende Wand gebildet, von der ab und zu abgehender Steinschlag zu hören war (siehe nebenstehendes Foto). Wir hatten also jene Zwischenzone erreicht, in der ein Klettern noch nicht nötig, ein rüstiges Ausschreiten nicht mehr möglich war. Auch ein Luis Trenker hätte hier zu äußerster Vorsicht geraten. Wie sollten wir uns verhalten, wenn wir das Gipfelplateau sicher und heil an Leib und Leben erreichen wollten?
In seinem Buch „Meine Berge“ gibt der genannte Luis Trenker über dieses Zwischenreich des Nicht-mehr und des Noch-nicht folgenden Ratschlag:
Man hat keine einheitliche Bezeichnung für diese Mittelzone, dieses Mittelding zwischen Geh- und Kletterterrain, doch ist sie meist mit dem identisch, was man S c h r o f e n g e l ä n d e nennt, also ein mehr oder weniger steiles, noch mit Vegetation, langhaarigem Gras, einzelnen Latschen, mit kleinen Felswandeln, Zacken, Gesteinsrippen, erdigen oder schotterigen Rinnen, also Schrofen, durchsetztes Gehänge – über das man gewöhnlich den „Einstieg“, wo die reine Felsarbeit beginnt, erreicht. Die Schrofenkletterei ist zwar die technisch leichteste, aber nicht die ungefährlichste Art des Gehens im Fels. Anfänger begehen gern den Fehler, sich möglichst bald, schon bei leichter Steilheit, an die geneigten Schrofen zu lehnen und womöglich auf allen vieren zu kriechen. Das ist verdammenswert schlecht. Der Körper muß unter allen Umständen aufrecht bleiben.
Nun, wir krochen nicht auf allen vieren, was ja verdammenswert schlecht gewesen wäre, sondern hielten uns aufrecht und an die Ratschläge Trenkers. Nach nicht weniger als geschlagenen 900000 ms hatten wir unser Ziel erreicht. Wir genossen den Ausblick auf die weit unter uns hinter dem wogenden Baumwipfelmeer liegende Stadt.
Endlich konnten wir auch den 12-Zoll-Refraktor in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Augenschein nehmen. So wurden wir für die Mühen des Aufstiegs im unwirtlichen Schrofengelände reich belohnt.
Hinweis:
Die Höhenangaben erfolgen in diesem Bericht in Zentimeter über Normalnull (NN).
Die Angabe der Gehzeit bis zur Wilhelm-Foerster-Sternwarte erfolgt in Millisekunden (ms).
Die Wilhelm-Förster-Sternwarte liegt auf dem Insulaner-Berg im Berliner Stadtteil Schöneberg.
Zitatnachweis:
Meine Berge. Das Bergbuch von Luis Trenker unter Mitarbeit von Walter Schmidkunz. Mit 190 Bildern im Kupfertiefdruck. Verlag Neufeld & Henius. Berlin 1932, S. 44