It was a cold day in April …

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Apr. 172015
 

Kirche Moskwa2014-08-14 13.22.42

Was bringt uns denn dieser kalte Apriltag, dieser kaum sonnige kalte 17. April des Jahres 2015? Nun, er begann mit einer Niederlage. Aus einem Frankfurter Pub Quiz wurde ich gestern als Telephonjoker angerufen, wie ich heute morgen beim Frühstück entdeckte. Es war kein Joke!

Aufgabe: Aus welchem Roman stammt folgender Anfang:

„It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.“

Bozhe moj, da bekam ich aber kalte Füße! Dass mir das passieren musste! Na, hättet ihr es gewusst? Ich hätte es wissen müssen, denn das Buch gehörte zur Schullektüre im Fach Englisch an dem Gymnasium, das ich besucht habe. Ich hätte es also wissen können!

Mehr oder minder zufällig griff ich am heutigen kühlen 17. April in meine kleine Bibliothek, die ich mir am letzten Sonntag durch zwei Zukäufe auf dem wie immer gut sortierten Flohmarkt vor dem Schöneberger Rathaus erweitert habe. Der russische Schriftsteller Wladimir Solowjow ist ein guter Weggefährte, wenn es darum geht, den geistig-politischen Weg des heutigen Russland besser zu verstehen. Ich empfehle diesen Autor, insbesondere die 5 Seiten seines Vorworts zur 2. Auflage des Werks „Die nationale Frage in Rußland“, allen „Transatlantikern“ und „Russlandverstehern“ gleichermaßen, knüpft doch das heutige Russland und auch die derzeit stärkste Partei ganz ausdrücklich immer wieder an bedeutende russische Denker wie Solowjow, Aksakow, Iwan Iljin und einige andere an.

Was schrieb Solowjow beispielsweise in Moskau am 17. April 1888? Nun, er stellt sich die Frage nach dem politischen Auftrag und der kulturellen Bestimmung Russlands. Soll Russland durch Macht das Recht setzen? Oder soll es der Macht des Rechts folgen? Solowjew – der die politische Großwetterlage seiner Zeit erstaunlich hellsichtig analysiert – ist auch darin glasklar: Er erteilt jedem nationalen Egoismus eine scharfe Absage. Recht -sagt Solowjow – geht vor Macht. Macht muss sich an die Herrschaft des Rechts und an moralische Pflichten binden, die ihrerseits der Verfügung der politischen Macht entzogen sind. Wir zitieren:

Wenn Rußland seine moralische Pflicht nicht erfüllt, und auf seinen nationalen Egoismus nicht verzichtet, wenn es dem Recht durch Macht nicht absagen und an die Macht des Rechtes nicht glauben will, wenn es nicht aufrichtig und stark nach geistiger Freiheit und Wahrheit Verlangen tragen wird, dann kann es auch niemals einen sicheren Erfolg haben, weder in irgendeiner äußeren noch einer inneren Angelegenheit. […]

Moskau 17.4. 1888.

Zitat:
Wladimir Solovjeff: „Vorwort zur zweiten Auflage“, in: Die nationale Frage in Rußland. I. Teil., in: Wladimir Solovjeff: Nationale und politische Betrachtungen, Der Kommende Tag A.G. Verlag, Stuttgart 1922 [=W. Solovjeff, Ausgewählte Werke. Aus dem Russischen von Harry Köhler, Vierter Band] S.3-7, hier S. 7

Bidl: Eine christliche Kirche am Ufer des Flusses Moskwa, gesehen im August 2014

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Fleiß und Redlichkeit: ein Poster Slam an der Komischen Oper

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Apr. 162015
 

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Recht erstaunt war ich, als ich am vergangenen Samstag meinen Weg zum Hotel Maritim Pro arte in der Friedrichstraße radelte. Hart hinter der Russischen Botschaft zwang mich eine rote Ampel zum Innehalten. Ich erhob meinen Blick:

Überlebensgroß baute sich ein Mahner und Warner vor uns Rotlicht-Wartenden auf. Aus dem Bürogebäude erhob er seine Stimme von einem riesigen Plakat an der Kasse der Komischen Oper! Wollte er uns Radfahrern allen ins Gewissen reden? War dies sein Beitrag zur tagesaktuellen Lage? Schauen wir’s uns an!

Verkündet wurde am vergangenen Samstag:

Das Deutschland-Prinzip. Was uns stark macht.

EIGENVERANTWORTUNG fördern und mehr EIGENLEISTUNG von jedem fordern.“

Ich stutzte: Das sind höchst ungewohnte Töne! Gerade in der heutigen Zeit, gerade bei uns in Berlin, wo wir Bürger immer mehr und mehr von der Politik fordern und wir im Grunde von den meisten Parteien darin trainiert werden, uns als Benachteiligte, als förderbedürftige Objekte der Obrigkeit auszugeben! Wir Bürger wissen es doch: Die Obrigkeit in Deutschland und mehr noch in der Europäischen Union sorgt für uns, sie kümmert sich und schaut auf Stabilität des Geldes, sie sichert Wohlstand und europäische Einigkeit. Sie hält den Laden am Laufen.

Wozu bedarf es also noch persönlicher, individueller Tugenden?

Denken wir darüber nach! Übersetzen wir den Grundsatz der EIGENLEISTUNG ins überzeitliche Deutsch! Gemeint ist offenbar FLEISZ. Eigenleistung bedeutet schließlich nichts anderes als dass jeder sich selber anstrengen soll, statt immer nur die Hand aufzuhalten.

Und Eigenverantwortung lässt sich ins überzeitliche Deutsch zurückübersetzen als REDLICHKEIT. Eigenverantwortung bedeutet schließlich nichts anderes als dass jeder Rede und Antwort stehen kann für all das, was er tut und lässt, sagt und verschweigt.

Die Aufforderung des übergroßen Posters lässt sich in knackigem Markplatz-Deutsch also so wiedergeben:

Üb immer Fleiß und Redlichkeit
bis an dein kühles Grab.

Oder auch:
Verantwortung und Leistung sind von dir gefordert.

Wen oder was mag der Mann meinen? An Fleiß und Redlichkeit mangelt es also laut Aussage des überlebensgroßen Postermannes – nennen wir ihn mit einem deutschen Allerweltsnamen einfach Gerhard Schröder – uns Europäern oder uns Deutschen in der jetzigen Lage.

Wir sollten uns darüber unterhalten. Der Postermann hat vielleicht recht. Er hat einen Dunk versenkt, würde man im Basketball sagen, einen vortrefflichen Poster-Slam Slam-Dunk.

Bild: Aufnahme vom 11.04.2015, Berlin, Unter den Linden, Ecke Glinkastraße

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Schöneberger Kirschblüte

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Apr. 142015
 

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Kirschblüte bei der Nacht
Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
in kühler Nacht beim Mondenschein;
ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein.
Es schien, als wär ein Schnee gefallen;
ein jeder, auch der kleinste Ast,
trug gleichsam eine rechte Last
von zierlich weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
– indem daselbst des Mondes sanftes Licht
selbst durch die zarten Blätter bricht –
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
was Weißres aufgefunden werden.
Indem ich nun bald hin, bald her
im Schatten dieses Baumes gehe,
sah ich von ungefähr
durch alle Blumen in die Höhe
und ward noch einen weißern Schein,
der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,
fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
von einem hellen Stern ein weißes Licht,
das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergötze,
dacht ich, hat er dennoch weit größre Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

Gedicht von Barthold Heinrich Brockes
Bild: Ein blühender Kirschbaum vor dem Gasometer in Schöneberg, Ebersstraße, Aufnahme vom 12.04.2015

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Apr. 092015
 

Die Antwort auf diese Frage wird Hinz und Kunz leichtfallen! Selbstverständlich Deutschland!
Das abrufbare Schulwissen im Fach Geschichte dürfen wir zwanglos so wiedergeben:

„Das Deutsche Reich begann am 1. September 1939 mit dem Angriff auf Polen den 2. Weltkrieg. Der Zweite Weltkrieg endete am 8. Mai 1945 mit der Unterzeichnung der deutschen Kapitulation.“

So wird es heute wohl in den allermeisten Ländern überall in der Welt (außer in Russland) gelehrt.

Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg entfesselt; das ist in der Rückschau unumstritten; siehe hierzu etwa:

„Von den größeren Staaten Europas war keiner den USA ebenbürtig. Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg entfesselt hatte, war besiegt und wurde von den Siegermächten geteilt. Großbritannien war eine Siegermacht, aber durch den Krieg materiell so geschwächt, dass es 1945 fraglich war, wie lange es sein überseeisches Kolonialreich noch würde behaupten können.“

Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg zum Mauerfall, C.H.Beck, München 2014, digitale Ausgabe, Pos. 183, Fettdruck durch dieses Blog

Abweichend äußert sich hingegen der heute an der Universität Trier lehrende Neuzeithistoriker Christan Jansen. Er bezeichnet Deutschland und Italien als „die beiden Verursacher“ des Zweiten Weltkriegs:

Von den beiden Verursachern des Zweiten Weltkriegs erhielt Italien bereits im Februar 1947 – von geringen Einschränkungen abgesehen – die Souveränität zurück, die Bundesrepublik erst 1990. Allerdings empfanden die Italiener den Friedensvertrag überwiegend als >>Diktat<< und >>Schmach<<„.

Christian Jansen, Italien seit 1945, Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen 2007, S. 24, Hervorhebung durch dieses Blog

Wiederum abweichend äußert sich der britische, zuletzt an der University of London lehrende Neuzeithistoriker Norman Davies; er weist darauf hin, dass ein wesentlicher Bestandteil des Zweiten Weltkriegs, nämlich der japanisch-chinesische Kriegsschauplatz, bereits 1931 eröffnet worden sei:

„In any number of European history books, 1939 is the year when ‚the world went again to war‘, or words to that effect. In all chronologies except those once published in the USSR, it marks the ‚outbreak of the Second World War‘. This only proves how self-centered Europeans can be. War had been on the march in the world for eight years past. The Japanese had invaded Manchuria in 1931, and had been warring in central China since 1937.“

Norman Davies, Europe. A History. Pimlico, reprinted with corrections London 1997, S. 991, Hervorhebung durch dieses Blog

Und wiederum ein neues Licht auf die Verursachungskette, die zum Zweiten Weltkrieg führte, wirft der bereits mehrfach zitierte Heinrich August Winkler; er behauptet nämlich, die Sowjetunion habe einen Beitrag zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs geleistet:

Im Hitler-Stalin-Pakt hatten die beiden Diktatoren die Aufteilung Mitteleuropas in ihre Einflussbereiche besiegelt. Winkler, der aus seiner Kritik der russischen Politik gegenüber der Ukraine nie einen Hehl gemacht hat, wirft Putin vor, er rechtfertige indirekt die Annektion des damaligen Ostpolens und des Baltikums als „Gebot der sowjetischen Realpolitik“ – damit aber auch „den sowjetischen Beitrag zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges“

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Internet-Ausgabe vom 04.04.2015

Was oder wem sollen wir historischen Laien nun glauben, gerade wir Deutschen, wir „Nachkommen der Täter“, wie es so schön immer heißt, wir hier in Deutschland! Wir wissen doch, von wo die Zerstörung der ganzen Welt ausging! Wir sind doch am Zweiten Weltkrieg mit all seinen Schrecknissen und überhaupt an dem allen schuld, das wird man doch nicht ernsthaft bestreiten können! Das eint doch auch alle anderen Länder wie etwa Griechenland und Russland, dass wir Deutschen und nur wir Deutschen alle anderen Länder ins Verderben gezogen haben. Das haben Präsident Putin und Präsident Tsipras doch erst gestern wieder hervorgehoben: „Griechenland und Russland haben mehr als alle anderen mit ihrem Blut für den Kampf gegen den Faschismus bezahlt … Unsere Völker haben brüderliche Beziehungen geschmiedet, weil sie in kritischen Zeiten einen gemeinsamen Kampf geführt haben“, so wird Tsipras heute in der FAZ auf S. 2 zitiert.

Der heroische, letztlich siegreiche Kampf gegen den deutschen Faschismus und gegen Deutschland hält seit dem 8. Mai 1945 bis zum heutigen Tage – und heute mehr denn je – die europäischen Völker zusammen. Der Antifaschismus ist mehr denn je ein starkes Band!

Oder ist es etwa nicht so? Diesen Konsens darf man doch nicht in Frage stellen! Was machen denn die Historiker da?

Wir enthalten uns des letzten Urteils! Ich meine jedoch: eine gehörige Portion Skepsis gegenüber den heutigen Antifaschisten ist angebracht, insbesondere dann, wenn man immer wieder sieht, wie schnell in den Jahren 1943-1949 ein und dieselbe Person erst jahrelang fascista war und dann über Nacht antifascista wurde. Erst unterstützten sie – bis 1943 – Mussolini und Hitler, dann unterstützten dieselben Leute Stalin, Ho Tschi Minh und Chruschtschow.

Und die Sowjetunion unterstützte ab August 1939 bis zum 21. Juni 1941 das nationalsozialistische Deutschland militärisch und wirtschaftlich. Bis zum 21.06.1941 waren das nationalsozialistische Deutschland und die kommunistische Sowjetunion darüber hinaus enge militärische Bündnispartner, dafür gibt es viele Zeugnisse in Wort, Bild und Ton. Das wird leider sehr oft unterschlagen.

Und das alles zu Zeiten, als der GULAG längst bekannt war, als die grauenhaften „Säuberungen“ der Tschekisten auch im Westen öffentlich genannt wurden.

Es bleibt erstaunlich: Drei anerkannte, habilitierte, an Universitäten lehrende Professoren für Neuzeitgeschichte setzen vier einander widersprechende Meinungen zur Auslösung des Zweiten Weltkrieges in die Welt. Nur eine Sicht kann doch die richtige sein, oder? Irgendwann muss doch die Wahrheit endgültig ermittelt sein, oder täuschen wir uns?

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Appuntamento con la vita: stets nach vorne geht der Weg

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Apr. 052015
 

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Nach dem dumpfen Grabchorale
tönt das Auferstehungslied —
Stricke des Todes hielten mich einige Tage gefangen. Der heutige Tag befreite mich davon, von diesem starren Blick zurück. Nach vorne richtet sich die Erwartung! „Christus ist auferstanden“, mit diesem altrussischen Gruß begrüße ich in russischer Sprache zwei Freunde, die zu Besuch in Kreuzberg sind.
Rendezvous mit dem Leben: Die güldene Sonne schien uns direkt ins Gesicht. Gutes, freundliches Musizieren und Feiern, diesmal in St. Clemens.
Ostern ist kein Fest der Erinnerung, sondern ein Fest der Freude und der Erwartung, der Zuversicht und der Vorfreude auf all das Gute, das kommt und noch kommen mag. Dem alten Gevatter Tod wird gehörig der Zahn gezogen.

Die erste längere Radtour des Jahres führte mich von Zeesen nach Lübben. Der Spreewald, die Landschaft um die Dahme glänzten unbeschreiblich klar. Noch hat der Frühling zu seinem Sprung nicht angesetzt.

Träge hoben einige Wollrinder die Schnauze, als ich sie anschaute, ein Habicht erprobte seinen Schwung.

Wollrinder 20150405_190010
Die Luft ruhte glasklar, kein Stäubchen trübte sie. Stets nach vorne geht der Weg. Das Rad schnurrte und summte dahin.

Staubfrei 20150405_191113

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Apr. 042015
 

Die gegenwärtige Passionszeit bringt eine erhöhte Häufigkeit an theologischen, pseudotheologischen und kryptotheologischen Aussagen an den unvermutetsten Stellen mit sich. Was Nietzsche seinerzeit einem Hegel, einem Schelling vorwarf, dass sie nämlich keine echten Philosophen, sondern eigentlich „noch“ Theologen oder nur „Halbpriester“ seien, – was freilich Hegel und Schelling nicht als Vorwurf verstanden hätten, – das gilt in noch stärkerem Maße mitunter von den heutigen Historikern.

Was soll man etwa von folgendem Satz halten:
Nazi-Deutschland war tatsächlich die Inkarnation des Bösen.

Ich meine: Dies ist ein rein theologischer Glaubenssatz, der nur vor dem Hintergrund des Johannes-Evangeliums sinnvoll zu verstehen ist (Joh 1,14). So wie in Jesus Christus Gott Fleisch geworden ist, also inkarniert ward, so ward in Deutschland und nur in Deutschland das absolute Böse inkarniert, also „eingekörpert“. Das ist der Dreh- und Angelpunkt so mancher Debatte, die sich damit von jeder Wissenschaftlichkeit entfernt. In solchen Sätzen entspringt die negative antideutsche Ideologie, die Germanophobie, die gerade in diesen Tagen wieder lebhaft beschworen wird.

„Nazi-Deutschland war tatsächlich die Inkarnation des Bösen.“ Mit diesem „Credo in unum malum“ wurde jüngst ein namhafter, bestens ausgewiesener Neuzeit-Historiker von der Universität Freiburg zitiert (SZ, 20.03.2015). Hat er es wirklich so gesagt? Dies zu glauben fällt allerdings schwer. Aber der Satz wird ihm so zugeschrieben.

Wie auch immer: Es wimmelt in den zeitgeschichtlichen und politischen Debatten von derartigen Glaubenssätzen, es werden auf Schritt und Tritt Frageverbote, Tabus und Anathemata aufgestellt, es werden Bannflüche gegen Häretiker und Zweifler erlassen und Einzigartigkeitsthesen in den Raum gestellt, wie sie zu gottgläubigen Zeiten allenfalls an den theologischen Fakultäten noch denkbar waren.

Der deutsche Historikerstreit der Jahre 1986/1987 etwa, der ja um den Begriff der Einzigartigkeit kreiste, war im Grunde eine Art kryptotheologischer Debattierklub, bei dem umfassende Quellenaufarbeitung, vorurteilslose Beiziehung aller verfügbaren historischen Zeugnisse in den 10 oder 12 wichtigsten europäischen Sprachen (darunter auch Italienisch, darunter auch Russisch) fast keine Rolle spielten. Eine wissenschaftliche Bankrotterklärung. Ein Verzicht des historischen Begreifens auf jede Historisierung, ein Verzicht auf Motivationsforschung! Und dafür, für diese Selbstaufgabe der Wissenschaft, kann man bis in unsere Tage wahrlich zahllose Beispiele anbringen.

Wie steht es nun mit der logischen bzw. theo-logischen Kategorie der Einzigartigkeit? Das Eine, das Einzige, gibt es das? Falls ja, welche Aussagen kann man über das Eine sinnvollerweise machen? Ein uraltes philosophisches Problem, das Platon in seinem „Parmenides“ in vortrefflicher, später nicht mehr oder allenfalls bei Hegel erreichter Komplexität durchdenkt und in letztlich nicht auflösbare begriffliche Aporien hineinführt.

Der nicht logische, sondern theo-logische Ausweg aus diesen Aporien, den die berühmten drei monotheistischen Religionen suchten, lautete in etwa: „Es gibt nur eine einzige einzigartige Wesenheit – wir nennen diese singuläre Wesenheit Gott.“ Es gibt nur einen Gott. Ein Gott! Und wenn es nur Einen Gott gibt, so gibt es in der Zeitgeschichte nur Einen Teufel – eben Nazi-Deutschland. So einfach ist das. Sancta Simplicitas! Man kann es aus lauter Verzweiflung nur noch ins Lateinische übersetzen, um sich den versteckten theologischen Hintergrund der aktuellen zeitgeschichtlichen Debatten verständlich zu machen: „Germania nationalis-socialista vere incarnatio diaboli erat.“

Deutschland als Inkarnation des Bösen! Das ist natürlich keine Theologie, keine Historie, es ist keine Wissenschaft, sondern … es ist ein unbeweisbarer und auch unwiderlegbarer Glaube an das absolute Böse, das in Deutschland Fleisch geworden sein und unter uns gewohnt haben soll.

Quelle:
Johannes Wilms: Krieger, Sieger und Besiegte. Elmau, die Tagung: Historiker untersuchen Europas gefährdeten Frieden [=Tagungsbericht zur Elmauer Tagung „A peace to end all peace“]. Süddeutsche Zeitung, 20. März 2015, S. 12

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Leistete auch die Sowjetunion einen Beitrag zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges?

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Apr. 042015
 

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Mit Riesenschritten naht schon die nächste Gedenkfeier heran: der 8. Mai 2015. Dieses Jahr wird also Heinrich August Winkler die zentrale Gedenkrede im Deutschen Bundestag zum Ende des Zweiten Weltkrieges halten. Zum ersten Mal wird ein Historiker und kein Politiker diese Aufgabe übernehmen!

Für den Roten Platz in Moskau dürfen wir auch für diesen 9. Mai getrost wieder eine Zurschaustellung der Macht und Größe der unvergänglichen russischen Nation und einen Aufruf zur weiteren Sammlung der russischen Erde über die bestehenden Grenzen hinaus erwarten.

In der heutigen Süddeutschen Zeitung wirft Winkler schon ein Schlaglicht auf den Tenor seiner Gedanken. Wir zitieren ihn aus der heutigen Ausgabe:

Winkler sagte der Süddeutschen Zeitung, er halte die politische Instrumentalisierung von Geschichte für erschreckend. „Besonders erschreckend ist die Rehabilitierung des Hitler-Stalin-Paktes durch den russischen Präsidenten Putin.

Im Hitler-Stalin-Pakt hatten die beiden Diktatoren die Aufteilung Mitteleuropas in ihre Einflussbereiche besiegelt. Winkler, der aus seiner Kritik der russischen Politik gegenüber der Ukraine nie einen Hehl gemacht hat, wirft Putin vor, er rechtfertige indirekt die Annektion des damaligen Ostpolens und des Baltikums als „Gebot der sowjetischen Realpolitik“ – damit aber auch „den sowjetischen Beitrag zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges“.

via 70. Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkriegs – Politik – Süddeutsche.de.

Eher ungewohnt dürfte es sowohl in den schuldbewussten deutschen als auch den siegesstolzen russischen Ohren klingen, wenn Winkler darlegt, auch die Sowjetunion habe einen Beitrag zur „Entfesselung des Zweiten Weltkrieges geleistet“.

Diese Sicht, wonach die Sowjetunion – mit den Russen als wichtigster Nation des damaligen Vielvölkerstaates – eine Mitschuld an der Auslösung des Zweiten Weltkrieges trage, mag zutreffen oder nicht, jedenfalls wird sie keineswegs von allen westlichen Historikern und nur von wenigen Russen – wenngleich sicherlich von den meisten polnischen Historikern – geteilt; eine echte Kriegsschulddebatte, wie sie unter Historikern seit Jahrzehnten – bisher ohne Abschluss – zum Ersten Weltkrieg geführt worden ist und geführt wird, kommt zum Zweiten Weltkrieg ja gerade erst in Gang.

Im heutigen, stärker denn je nationalistischen Russland wird Winklers krude These, die Sowjetunion habe einen Beitrag zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges beigesteuert, als echter, ja als unerhörter, als unerträglicher Affront empfunden werden.

Man darf gespannt sein, ob Winkler den Mut haben wird, etwas Derartiges im Deutschen Bundestag vorzutragen. Winklers Behauptung einer Mitschuld der Sowjetunion an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs wird vielleicht in Moskau postwendend als schändlicher „Geschichtsrevisionismus“ oder „faschistischer Revanchismus“ verdammt werden.

A propos: Wann begann und endete der Zweite Weltkrieg eigentlich? Ein deutsch-russisches Kind, geboren im Mai 2002, hat den hier Schreibenden schon vor geraumer Zeit belehrt, dass der Zweite Weltkrieg nicht am Karfreitag des Jahres 1939, also mit dem Überfall Italiens auf Albanien, nicht am 1. September 1939, also mit dem Überfall Deutschlands auf Polen, nicht am 17. September 1939, also mit dem Überfall der Sowjetunion auf Polen, sondern selbstverständlich am 22. Juni 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf „Russland“ begonnen habe.

Schon über das Datum der „Entfesselung“ des Zweiten Weltkrieges besteht also zwischen den Ländern und den Generationen keine Einigkeit!

Ebenso wenig besteht Einigkeit darüber, wann der Zweite Weltkrieg eigentlich zu Ende ging – am 7. Mai 1945 um 02.41 Uhr, als Generaloberst Jodl in Reims die Gesamtkapitulation unterzeichnete, am 9. Mai 1945 um 0.16 Uhr, als in Berlin-Karlshorst die Kapitulation wiederholt wurde, – oder vielleicht doch am 2. September 1945 um 10.30 Uhr, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation durch Außenminister Shigemitsu und Generalstabschef Umezu?

Bild:
„Ja! Woher kommst du denn?
Bei welchen Heiden weiltest du,
zu wissen nicht, daß heute
der allerheiligste Karfreitag ist?“
Natürlich: Russische Birken und deutsche verkrautete Bahngleise im Sonnenschein: Karfreitagszauber auf dem Schöneberger Südpark.
Aufnahme von gestern.
Die Verse stammen aus Richard Wagners Parsifal.

 Posted by at 11:03
Apr. 032015
 

Gute, verheißungsvolle Ansätze zu einer ehrlichen Vergangenheitsbewältigung entdecken wir seit einigen Jahren in Italien. Während die vorherrschende Lesart in der breiten Masse Italiens immer noch ist, Italien sei 1940 von Deutschland wider Willen in einen Krieg hineingezogen worden, den es eigentlich nicht gewollt habe („la guerra non voluta“), wird nunmehr von immer mehr Italienern deutlicher gesehen, dass Italien ab 1921, besonders jedoch ab 1935 durchweg proaktiv eine rassistische, kriegsbefürwortende Haltung eingenommen hat. Ein gewalttätiger, neo-römischer Imperialismus, gepaart mit scharf und deutlich ausgeprägtem Rassismus vor allem gegen die Slawen (weniger stark gegen Juden), führte Italien zu blutigen, verheerenden Angriffskriegen gegen Äthiopien, Albanien, Jugoslawien und Griechenland. „L’Italia andò alla Guerra“, so lautet zutreffend eine Sendereihe der staatlichen Fernsehanstalt RAI 3, die auch am heutigen Karfreitag gesendet wird.

The loser takes it all! Seit etwa 1945 herrscht weitgehend ein stillschweigendes Einverständnis, das Deutsche Reich und nur das Deutsche Reich sei allein verantwortlich für alle seit 1935 bis zum Mai 1945 ausgefochtenen Kriege – also den gesamten 2. Weltkrieg einschließlich des japanisch-chinesischen Konflikts, des japanisch-sowjetischen Kriegs, des japanisch-amerikanischen Kriegs, des sowjetisch-finnischen Winterkriegs (1939), des italienisch-griechischen Krieges ab 1940, des ukrainisch-sowjetisch-russischen Bürgerkriegs schon ab 1931 … The Big Loser takes all the blame! Nazi-Deutschland und nur Nazi-Deutschland war und ist für die Mehrheit der Weltbevölkerung die echte „Inkarnation des Bösen“ in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Differenzierungen dieses Schwarz-Weiß-Befundes galten lange Zeit und gelten auch heute noch – selbst unter manchen ausgewiesenen, habilitierten Hochschul-Historikern – als unerwünscht, wobei wir Deutschen zweifellos unübertroffene Weltmeister (T.G. Ash) darin sind, fast alle Schuld für fast alles Unglück in der fast gesamten Weltgeschichte ab etwa 1871 (oder auch davor?) bis etwa 1945 (oder auch danach?) auf unser Haupt zu laden.

Aber so einfach ist es ja wohl nicht, dass letztlich nur „wir Deutschen“ als Trägervolk des Bösen an allem schuld sind. Ein bisschen mehr Differenzierung tut not. Und ein unendlich wichtiger Schritt zu einer notwendigen Differenzierung ist es, dass ehemalige italienische Unterstützer des Faschismus, also Männer, die in den Jahren 1921-1945 aus freien Stücken den Anschluss an die faschistischen Organisationen suchten und sich freiwillig in aller Öffentlichkeit zugunsten des faschistischen Italien und Hitlers hervortaten, nach vielen Jahrzehnten des Schweigens ihre damalige Parteinahme für den Faschismus und für Deutschland erzählen und zu erklären versuchen.

Giorgio Napolitano, der spätere kommunistische Politiker und Staatspräsident, der sich freiwillig dem GUF, dem Gruppo Universitario Fascista, also dem Faschistischen Studentenverband anschloss, Dario Fo, der spätere Nobelpreisträger, der freiwillig nach dem 8. September 1943 auf Seiten der neuen faschistischen Regierung für Hitler und Deutschland, für Mussolini und für ein Italien nach seinen eigenen Vorstellungen kämpfte, sie und einige andere sind gar nicht hoch genug zu loben für ihre schmerzende Redlichkeit. Sie gestehen und gestanden öffentlich ein, dass sie als junge Männer in diesem gewaltigen gesamteuropäischen Konflikt mindestens eine Zeit lang auf Seiten der Achse Hitler/Mussolini engagiert waren, ehe sie dann ab 1943 und verstärkt natürlich ab 1945 hinüberwechselten auf die Seite der italienischen Linken, des italienischen Antifaschismus, der sich stark an Stalin und die Sowjetunion anlehnte. Von Mussolini/Hitler zu Stalin, vom Faschismus zum Antifaschismus, vom Faschismus zum Kommunismus, von „Böse“ zu „Gut“ ging der verschlungene Weg. Signatur einer Epoche der europäischen Geschichte, – trasformismo europeo!

Als weitere bedeutende freiwillige Mitglieder des Faschistischen Studentenverbandes, also gewissermaßen und cum grano salis als ehemalige Faschisten sind zu nennen Eugenio Scalfari, Giorgio Strehler, Pier Paolo Pasolini ... diese und viele andere bekannte prominente Namen der italienischen Zeitgeschichte schlugen sich damals als junge Männer offen und ohne gezwungen zu sein auf die Seite des Faschismus. Und aus diesem Faschismus erwuchs später — die geistige Hochblüte des italienischen Antifaschismus ab etwa 1946.

Giorgio Napolitano fand dafür in seiner höchst lesenswerten Autobiographie treffend die Formulierung, die Faschistische Studentenverbindung Neapels (der GUF) sei eine „richtiggehende Brutstätte antifaschistischer geistiger Energien“ gewesen – „un vero e proprio vivaio di energie intellettuali antifasciste“.

Empfehlenswerter Lesestoff:
Giorgio Napolitano: Dal Pci al socialismo europeo. Un’autobiografia politica. Ed. Laterza, Roma-Bari 2008, hier zitiert nach edizione digitale, marzo 2013, Pos. 398 (7%)
Filippo Focardi: Il cattivo tedesco e il bravo italiano. La rimozione delle colpe della seconda guerra mondiale. Ed. Laterza, Roma-Bari 2013
GUF – Gruppo universitario fascista – Eintrag in der italienischen Wikipedia, Stand vom heutigen Tage

D- Day, questa sera si parla di „quell’estate del ’43“.

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„Affe … hat … Affe getötet“, oder: Caesars revolutionäre Einsicht in die eigene Schuldfähigkeit

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Apr. 012015
 

Sturmtief Oskar

Der Film „Planet der Affen – Revolution“, 2014 in unserer Kinos gekommen, wird wohl in jedem nachdenklichen Menschen einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Als Regisseur des amerikanischen Streifens zeichnet Matt Reeves. Wir sahen das Kunstwerk mit Kind und Kegel und Popcorngeruch im Cinemaxx am Potsdamer Platz an einem feuchtkalten Sonntag des Jahres 2014.

Der im Original „Dawn of the Planet of the Apes“ betitelte Film spielt 10 Jahre nach einer allvernichtenden Katastrophe in der ferneren Zukunft. Eine düstere, von ständigen Regengüssen gepeitschte Landschaft ermöglicht vorläufig den wenigen überlebenden Menschen und den Affen eine vorläufige, jederzeit gefährdete Existenz, nicht weit entfernt von San Francisco.

Eine Horde Laboraffen, die tierquälerischen medizinischen Experimenten entkommen ist, hat den fast vollständigen Untergang der Menschheit überlebt, hat Lesen und Schreiben gelernt und baut sich mühselig auf den Trümmern der menschlichen Zivilation eine neue, äffische Kultur mit Brauchtum, Riten und Religion auf. Sie bilden also das, was man die „Urhorde“ nennen könnte.

Die gnadenlose Ausbeutung des Affen durch den Menschen ist eine fest verankerte, das kulturelle Gedächtnis der Affen prägende Erinnerung; ein Teil der Affen ist durch die erlittenen qualvollen medizinischen Experimente zutiefst traumatisiert; sie lehnen jeden Kompromiss mit den ehemaligen Unterdrückern ab. Sie schwören auf Rache und Vernichtung der wenigen überlebenden Menschen. „Mit den Menschen kann es keine Versöhnung geben; die Menschen werden sich nicht ändern; sie werden uns weiterhin jagen, quälen und töten! Töten wir sie, bevor sie uns töten!“ So etwa lässt sich der kulturelle Subtext dieser Affen-Ideologie zusammenfassen. Der Führer dieser Unerbittlichen ist Koba, ein außergewöhnlich groß gewachsener Bonobo, der unermessliche Qualen in einem medizinischen Labor der Menschen erlitten hat.

Dieser unversöhnlichen Feindschaft zwischen Affe und Mensch setzt Caesar, der charismatische Anführer der äffischen Urhorde, sein grundlegendes Tötungsverbot entgegen: „Affe nicht töten Affe“. Caesar predigt den solidarischen Zusammenhalt aller Affen und fordert den Verzicht auf Gewalt im Umgang der verschiedenen äffischen Sippen.

Gegenüber der Menschenhorde setzt Caesar auf Verhandlungslösungen, Abgrenzung der Territorien und gewaltlose Koexistenz. Caesar ermöglicht so, dass die Menschenhorde Zugang zu einem stillgelegten Kraftwerk hoch droben in den Bergen erhalten und sich so eine Grundlage für nachhaltige Existenz schaffen kann.

Doch sowohl bei der äffischen wie bei der menschlichen Horde behalten Scharfmacher und Hetzer vorerst die Oberhand. Bürgerkriegsartige Konflikte brechen auf, sowohl bei den Menschen wie bei den Affen. Die Mechanismen sind in beiden Horden die gleichen: Hetze, Verrat, Lüge, Gewalt.

Im Zuge dieser zahlreichen Scharmützel und gewaltsam ausgetragenen Binnenkonflikte wird auch der jugendliche Schimpanse Ash getötet, nachdem er sich aus Gewissensgründen und eingedenk der Lehren Caesars geweigert hat, unbewaffnete menschliche Zivilisten zu töten. Kein anderer als der Affe Koba ist es, der den Affen Ash gnadenlos hinrichtet! Ein Affe tötet einen Affen. Hier gefriert einem das Blut in den Adern. Tiefer Winter bricht im Frühling herein!

Einen gewaltigen Schritt in der Gewissensbildung der Affengesellschaft vollzieht jedoch der Schimpanse Caesar. Denn Caesar, der selbst durch Koba schwer an der Schulter verwundet worden ist und auf medizinische Hilfe durch die Menschen hofft, bricht in seiner schwersten Stunde zu der tiefen Einsicht durch. „AFFE … HAT … AFFE GETÖTET!“, seufzt er in seiner für Menschenohren schwer verständlichen Sprache, in seinem von Schluchzen unterbrochenen Bekenntnis. Er trifft diese bittere Feststellung ausgerechnet gegenüber dem Menschen Malcolm, und er gesteht damit ein, dass die eigene äffische Horde sittlich nicht besser ist als die bei den Affen doch so oft verachtete menschliche Horde.

„Wir selber, die eigenen Leute haben die eigenen Leute getötet. Wir Affen sind von Natur aus auch nicht besser als ihr Menschen.“ So deute ich mir Caesars Geständnis. Ich meine: Caesars Redlichkeit, Caesars Mut und Caesars Schuldbekenntnis sind der wahrhaft revolutionäre Durchbruch zu einer möglichen Versöhnung zwischen der Urhorde der Menschen und der Urhorde der Affen! Caesar nimmt aus dieser Position der Schwäche heraus auch Hilfe vom Menschen Malcolm an; er bittet sogar um Hilfe; er gesteht schuldhafte Verstrickungen der eigenen Leute ein. Und er reicht damit die Hand zur Versöhnung zwischen Affe und Mensch.

Caesars ursprüngliche Einsicht in die Schuldfähigkeit des Affen weist im Grunde auch die unerlässliche Voraussetzung zur Versöhnung der in Europa siedelnden Menschenvölker auf. Wie oft sehen wir doch, dass die Schuld für eine Katastrophe nur bei einem Volk allein gesucht wird!

Obwohl in diesem Film „Planet der Affen – Revolution“ die größere Schuld zweifellos beim Menschen liegt, tut der Affe Caesar den ersten Schritt zu Versöhnung und Frieden: er gesteht offen ein, dass auch die eigene Seite Verbrechen begangen hat. Eigene Verbrechen, die nicht schon dadurch gerechtfertigt werden können, dass „die andere Seite“ angefangen hat und ja bekanntlich weit schlimmere und zahlreichere Verbrechen begangen hat. Schwere und schwerste Verbrechen, die, so weiß Caesar, sowohl im Bürgerkrieg gegenüber den eigenen Artgenossen wie auch im Krieg der Horden gegeneinander gegenüber den Angehörigen anderer Arten begangen worden sind.

Echte Aussöhnung – dies ist die große, befreiende Einsicht, die ich 2014 aus diesem Film nachhause nahm – kann nur gelingen, wenn alle Seiten die Fähigkeit zur Einsicht in eigene Verfehlungen mitbringen, eigene Sünden offen bekennen und nicht immer die ganze Schuld nur bei den anderen suchen. Der Schimpanse Caesar weist den europäischen Völkern den Weg zu echter Vergangenheitsbewältigung!

Wird der Frieden gelingen, oder wird der am Ende des Films drohende Krieg zwischen Affen und Menschen in aller Rohheit ausbrechen? Wird echte Vergangenheitsbewältigung im offenen, ehrlichen Dialog der Bürgerkriegsparteien gelingen? Oder behalten die Hetzer auf beiden Seiten die Oberhand?

Wir wissen es nicht. Eine weitere Folge der Serie „Planet der Affen“ ist angekündigt; aber die Zukunft der Geschichte ist offen. Der Produzent und der Regisseur haben sich öffentlich noch nicht festgelegt.

Planet der Affen: Revolution | Jetzt als Digital HD.
http://en.wikipedia.org/wiki/Dawn_of_the_Planet_of_the_Apes

Bild von gestern, 31. März 2015, 08.55 Uhr. Winter im Frühling. Kreuzberg. Ein Blick durch den Park am Gleisdreieck auf den Potsdamer Platz. Dahinter, hier nicht sichtbar: das Cinemaxx-Kino.

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Carl und Giacomo … amici per la pelle

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März 242015
 

Durch schneidenden, sprühenden, scharf splitternden Regen bahnte ich mir am Samstag mit meiner Bratsche auf dem Fahrrad den Weg nach St. Canisius in der Witzlebenstraße. Nichts Großes, nichts Weltbewegendes, nichts Welthistorisches war angesagt, nur eine Kleine Passionsmusik von Carl Loewe und ein kurzes Requiem von Giacomo Puccini.
Zwei kurze, unscheinbare Werke also, dargeboten von zwei Kirchenchören und einer bunt zusammengewürfelten Musikerschar. Thema: Sterben, Tod, Weiterleben, Feindschaft, Hass, Einsamkeit, – und Schritte über Feindschaft, Hass und Einsamkeit hinaus. Wie ein grauer Nebel erhob sich der mit Dämpfer abgedunkelte Klang der Streicher in der kahl und unwirklich scheinenden Kirche.
Was geschah da? Einer starb da ganz für sich allein. Natürlich hat er sich von allen verlassen gefühlt, natürlich hat er an der Anwesenheit und Existenz Gottes gezweifelt, natürlich hatten sie ihm wieder und wieder Blasphemie, Tabuverletzungen ohne Zahl, Gottlosigkeit vorgeworfen. Spott über den Propheten steht in der Geburtsurkunde der Gemeinde. Sie hatten ihn verspottet und verlästert. So tief war er gesunken, dass er wie ein ganz gemeiner Verbrecher enden sollte. Schwere Stunde, schwerste Stunde!
Dennoch erhob sich ein Bratschensolo über der grauen, matten, sterbenskranken Stunde. Ja, was leistete sich denn Puccini da wieder einmal mit diesem Bratschensolo? Natürlich, ein Italiener! Das war doch ungeheuerlich. Da schwang sich etwas auf, da schwang sich etwas herab.
Die Bratsche sang, als hätte es keinen schneidenden Nieselregen auf der Hinfahrt gegeben, der Chor sang, als würde es Schritte über Tod, Haß und Feindschaft hinausgeben; ja, wir wussten oder ahnten, es war Schlimmes geschehen, es würde auch wieder Schlimmes geschehen. Nicht nur in der Weltgeschichte war Schlimmes geschehen, auch in unserer Kleinen Lebenspassion, in unserem eigenen kurzen Requiem war Schlimmes geschehen.
Und doch ist das Schlimme nicht das Letzte. Die Abwesenheit Gottes, die der Sterbende so deutlich als seine vorletzte Botschaft herausgeschrien hat, ist nicht das Letzte. Es geht weiter. Er ist noch nicht ganz fertig. Mit der Musik erbrachten wir den Beweis. Der Beweis wurde uns zu Ohren gebracht. Auf schneidenden, scharf splitternden, sprühenden Nieselregen folgt samtener, warmer Klang, folgt Aufsprießen der Narzissen, folgt gelbes klingendes Licht. Und der Regen war schon fast vergessen.

 Posted by at 11:32
März 202015
 

Ein zunehmend operettenhaftes Gepräge mit zweifelhaftem Unterhaltungswert bietet nicht ganz kostenlos die derzeitige europäische Bühne. Zum Glück wird meist nur mit Worten gefochten und nur ausnahmsweise mit erhobenem Zeigefinger oder auch einmal mit erhobenem Mittelfinger.

Aber im Ernst muss die Frage erlaubt sein: Sollte man eine italienisch-deutsch-österreichisch-bulgarisch-russisch-englisch-griechische-äthiopische Stiftung Erinnern – Aufarbeiten – Versöhnen begründen?

Ich denke – ja!

Die Tatsache, dass der griechische Ministerpräsident Tsipras erneut zum passendsten Augenblick eine Entschädigungsdiskussion der unsäglichen in Griechenland begangenen deutschen Verbrechen unter monetären Aspekten (wie in der EU üblich) aufgebracht hat, stößt auf lebhaftes Interesse bei einigen deutschen Politikern. Deutschland solle und müsse endlich zu seiner Verantwortung stehen, wird immer wieder von deutschen Politikern gefordert.

Gut, dann sei dem so! Aber die Italiener, die Bulgaren, die Österreicher, die Briten, also die anderen Besatzermächte Griechenlands in den Jahren 1941-49, müssen unbedingt bei der Diskussion dabei sein! Ich denke, wir Deutschen müssen uns daran gewöhnen, dass nicht alle Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung auf dem Balkan von „uns Deutschen“ begangen worden sind.

Deutsche, Italiener, Russen, Bulgaren, Griechen, wir alle fragen immer nur nach den deutschen Verbrechen. Die Verbrechen der anderen werden vergessen, verdrängt, unter den Teppich gekehrt. Am meisten verdrängt werden die Massenverbrechen, die die europäischen Mächte gegen Nicht-Europäer, beispielsweise gegenüber Afrikanern begangen haben.

Erinnern wir uns: Die Italiener haben ab 1935 ganz entscheidend den gesamten Mittelmeerraum einschließlich Griechenlands nach eigenem Gusto umgestaltet. Auf dem gesamten Balkan – dem damaligen Jugoslawien, Albanien und Griechenland – waren es die Italiener, die zuerst die Umvolkungsprogramme, also die Zwangsassimilation der als minderwertig erachteten slawischen Völkerschaften vorantrieben – nicht die Deutschen.

Unter dem Leitwort Mare Nostro erhoben die Italiener Hegemonialansprüche über das gesamte östliche Mittelmeer. Die EU hat – nebenbei erwähnt – vom faschistischen Italien die Bezeichnung Mare Nostrum für ihre eigenen Abwehrbemühungen gegenüber andringenden Völkern übernommen: ein weiterer Beweis für die erstaunliche, ohrenbetäubende historische Blindheit, mit der die EU-Politik geschlagen zu sein scheint.

Und ab 1935 hat Italien mit militärischer Gewalt an diesem Ziel der italienischen Vorherrschaft auf dem Balkan und im gesamten östlichen Mittelmeehr gearbeitet.

Die italienischen Angriffskriege gegen Abessinien bzw. Äthiopien (1935), Albanien (Karfreitag 1939) und Griechenland (1940) bereiteten ganz entscheidend die Bühne für den 2. Weltkrieg vor.

Die Italiener haben übrigens auch als erste europäische Macht Giftgas flächendeckend gegen eine feindliche Zivilbevölkerung eingesetzt.

Mit größter Bestürzung las ich heute in italienischer Sprache die Rede, mit der der äthiopische Kaiser Haile Selassie vor dem Völkerbund am 30. Juni 1936 in amharischer Sprache den mutmaßlich ersten industriell betriebenen, eliminatorischen Massenmord der europäisch-afrikanischen Geschichte, die Ausmerzung von Mensch, Tier und Natur durch Giftgas anprangerte. Lest selbst:

http://www.polyarchy.org/basta/documenti/selassie.1936.html

Sugli aeroplani vennero installati degli irroratori, che potessero spargere su vasti territori una fine e mortale pioggia. Stormi di nove, quindici, diciotto aeroplani si susseguivano in modo che la nebbia che usciva da essi formasse un lenzuolo continuo. Fu così che, dalla fine del gennaio 1936, soldati, donne, bambini, armenti, fiumi, laghi e campi furono irrorati di questa mortale pioggia. Al fine di sterminare sistematicamente tutte le creature viventi, per avere la completa sicurezza di avvelenare le acque ed i pascoli, il Comando italiano fece passare i suoi aerei più e più volte. Questo fu il principale metodo di guerra.

Ma la vera raffinatezza nella barbarie consisté nel portare la devastazione ed il terrore nelle parti più densamente popolate del territorio, nei punti più lontani dalle località di combattimento. Il fine era quello di scatenare il terrore e la morte su una gran parte del territorio abissino.

Zurück zum Gedanken von Erinnern – Aufarbeiten – Versöhnen!

Die Erinnerung an die im eigenen Namen begangenen Verbrechen bleibt eine Daueraufgabe aller europäischen Gesellschaften. Die Österreicher sollten sich ruhig ihrer Verbrechen erinnern, die Russen der ihrigen, die Italiener der ihrigen. Gern darf man darüber hinaus auch mit dem Zeigefinger auf die Deutschen und auf die deutschen Verbrechen zeigen, warum denn nicht? Wenn’s der eigenen Gewissensentlastung dient. Das machen doch alle so. Alle – Italiener, Deutsche, Russen, Österreicher, Belgier – zeigen wahnsinnig gern auf die deutschen Verbrechen. Es tut offenkundig so gut. Es baut offenbar das eigene Selbstbewusstsein wieder auf.

Ich meine jedoch: Sofern das Erinnern an all die unsäglichen deutschen Verbrechen nicht zum leeren Schul- und Schuldritual verkommen soll (was zweifellos in Teilen bereits der Fall ist), müssen auch alle anderen Völker zu ihren eigenen Verbrechen und Verbrechern stehen. Und das ist bis heute leider nicht im mindesten der Fall. Italien ist ein gutes, wenn auch keineswegs das einzige Beispiel dafür.

Der flächendeckende Massenmord der italienischen Luftwaffe an der äthiopischen Zivilbevölkerung im Abessinienkrieg, der erste systematische Giftgaseinsatz gegen Zivilisten in der europäischen Geschichte, für den das traurige Verdienst den Italienern zukommt, steht zweifellos zusammen mit dem 1940 entfesselten grundlosen Angriffskrieg Italiens gegen Griechenland im Lastenheft der „Italiani brava gente“.

Die italienischen Konzentrationslager in Dalmatien, die Zwangsitalianisierung der slawischen Völker, die erpresserische Demütigung des griechischen Volkes durch den Duce und seine Lakaien gehören zur vergessenen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts – und zur vergessenen Vorgeschichte des 2. Weltkrieges.

Das geradezu manische, das alleinige Starren der Europäer auf deutsche Verbrechen, in diesem Fall also das völlige Vergessen der Verbrechen der beiden anderen Besatzungsmächte Italien und Bulgarien in Griechenland, sowie auch das Wegdrücken der Verheerungen des innergriechischen Bürgerkrieges, der erst 1949 endete, lässt weiterhin wenig Gutes für ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein erwarten.

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The devastating effects of BIG MONEY: It’s all Greek to the Europeans

 Europäische Union, Gemeinschaft im Wort, Novum Testamentum graece  Kommentare deaktiviert für The devastating effects of BIG MONEY: It’s all Greek to the Europeans
März 102015
 

Ein heute weitgehend in Vergessenheit geratener syrischer Schriftsteller aus dem türkischen Ferienort Antakya mag wohl einen Hinweis über den richtigen Umgang mit Geld und Gut liefern. Von Beruf war er Arzt. Er schrieb nicht türkisch, sondern griechisch. Er legt im 16. Kapitel seiner früher viel gelesenen Lebensbeschreibung eine umfangreiche Abhandlung über Sinn und Unsinn des Schuldenmachens vor.

Entscheidend ist für den Verfasser – nennen wir ihn Lukas- , dass er dem Geld, also dem „Mammon“, wie er abschätzig sagt, keinen allzu hohen Rang zumisst.

Dennoch: Geld spielt eine riesige Rolle im gesamten Neuen Testament! Es ist die treibende Kraft hinter der Kreuzigung Jesu, es spaltet Gemeinschaften unheilbar.

In schroffem Gegensatz zur Europäischen Union und zu Europas Sozialdemokraten, und in denkbar schärfstem, in unüberbrückbar schroffem Gegensatz zu Europas „C“-Demokraten, die vor allem und fast ausschließlich im Geld das Bindeglied und das Unterpfand der Europäischen Gemeinschaft sehen, erblickt der mittlerweile ganz in den Hintergund gedrängte Jesus von Nazaret im großen Geld eher etwas potenziell Gemeinschaftsschädigendes. Und er hat damit recht. Der Mann hatte einen doch erstaunlich modernen Blick auf die Wirklichkeit. Ist Jesus doch irgendwie der bedeutendste Europäer? Man sollte manchmal noch an ihn denken.

Erstaunlich! Europas sogenannte „C-Demokraten“ setzen ihr ganzes Vertrauen in die einigende Kraft des Geldes; Europas C-Demokraten haben uns jahrelang eingeredet, dass wir dem Geld vertrauen sollen, dass jeder Zweifel am System Euro zu „Unfrieden“, „Krieg“ oder doch zu „Währungskrieg“ führen würde.

Was für ein abgrundtiefes Misstrauen in die menschliche Person offenbart sich in der Geldverhaftung der deutschen und der europäischen Christdemokraten! Jeder, der Zweifel am Euro-System anmeldete, wurde über Jahre hinweg verteufelt – oder als „Rechtspopulist“ stigmatisiert.

Wahnsinn des Eigendünkels, Wahnsinn der Geldgläubigkeit! Jetzt hat die EZB das Weisungsrecht gegenüber der Politik erreicht. Irre. Ein geistlicher Bankrott. Das glatte Gegenteil dessen, was das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland festgelegt hat. Und die C-Parteien haben das sehenden Auges zugelassen.

Was für ein grauenhafter Missbrauch des „C“ im Parteinamen! Jesus Christus, der einen deutlich realistischeren Blick aufs Geld als unsere führenden europäischen C-Politiker hat, erkennt den spaltenden, ja den verheerenden Einfluss von schlecht verwaltetem, von allzu sehr geliebtem Geld.

Geld, Big Money ist der Spaltpilz der Gemeinschaft, daran lässt Lukas nie einen Zweifel; man lese nur noch einmal die Geschichte von Hananias und Saphira in der Apostelgeschichte.

Und wenn einem schon das Geld ausgeht, sagt Jesus, dann sollte man es so ausgehen lassen, dass es menschliche Beziehungen nicht unrettbar zerstört.

Die vier Evangelien erzählen sehr viel vom Geld. Hergeschenktes Geld kann Gutes bewirken – zum Beispiel im Gleichnis vom Samariter. Uneinigkeit über das anvertraute Geld hingegen untergräbt zwischenmenschliche Beziehungen unrettbar, höhlt Vertrauen aus.

Zwei Einsichten treten immer wieder aus den vier Evangelien hervor: Geld ist sehr wichtig, aber nicht alles. Geld kann niemals gestörte menschliche Beziehungen kitten. Wer nicht einmal mit Geld vertrauenswürdig umgeht, dem wird auch kein Vertrauen entgegengebracht, wenn es um das Entscheidende, das „Wahre“ geht.

Lies auf Griechisch im Evangelium nach Lukas, Kapitel 16, Vers 9:

εἰ οὖν ἐν τῷ ἀδίκῳ μαμωνᾷ πιστοὶ οὐκ ἐγένεσθε, τὸ ἀληθινὸν τίς ὑμῖν πιστεύσει;

via Greek Bible.

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Wer ist das Trägervolk des Bösen?

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März 042015
 

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Im Evangelium des Johannes lesen wir unter Kapitel 4, Vers 22:
ἡμεῖς προσκυνοῦμεν ὃ οἴδαμεν ὅτι ἡ σωτηρία ἐκ τῶν Ἰουδαίων ἐστίν.

Das ist aus dem Griechischen verdolmetscht in roh gepflastertes, unbehauenes Deutsch: „Wir strecken uns ganzkörperlich vor etwas nieder, was wir wissen, dass die Rettung aus den Juden ist.“

Sammeln wir ähnliche Sätze dieses Typs:
1) „Das Heil kommt von den Juden“ (Johannesevangelium 4,22)
2) „Die Juden sind unser Unglück“ (H. v. Treitschke, 1879)
3) „Deutschland verrecke“ (übermenschlich große öffentliche Inschrift auf Berliner Hausdach, Revaler Straße, sichtbar 2013- ?)
4) „Die Verwüstung des afrikanischen Kontinents nahm politisch und ökonomisch 1884 von Berlin aus ihren Anfang“ (Beilage des Festivals „Return to Sender“ in der Tageszeitung taz vom 28.02.2015, S. 3)
5) „War es doch unser Land, von dem aus alles Europäische, alle universellen Werte zunichtegemacht werden sollten“ (Bundespräsident Gauck am 22.02.2013)

Was eint diese Sätze?

Antwort: Diese 5 Sätze schreiben einem Volk, einer Stadt, einem Land das Merkmal des schlechthin Guten, des Heils, oder des schlechthin Bösen, des Ursprungs der Wertevernichtung zu.

1) Für den Evangelisten Johannes sind es die Juden, von denen das Heil der Welt kommt.
2) Für den Historiker Treitschke sind es demgegenüber die Juden, aus denen das Unglück kommt.
3) In Friedrichshain-Kreuzberg gilt Deutschland heutzutage in aller Öffentlichkeit als minderwertiges Land, von dem es besser wäre, wenn es sofort qualvoll verschwände.
4) Bei den Kolonialismus-Kritikern des gegenwärtig laufenden, öffentlich geförderten Festivals „Return to Sender“ gilt Deutschland und die Berliner Afrika-Konferenz von 1884 als der eigentliche Ursprung der Zerstörung eines ganzen Kontinents.
5) Für den Bundespräsidenten gilt „unser Land“ Deutschland als Ursprung der Vernichtung des Europäischen, der universellen Werte.

Stimmen diese 5 Sätze? Sind sie wahr?

Antwort:
Diese 5 roh hingepflasterten Sätze sind für sich genommen weder beweisbar noch widerlegbar. Man kann sie glauben oder auch nicht glauben. Es sind zweitens gewissermaßen theologische Sätze, die im Zusammenhang ihrer Entstehung gedeutet werden müssen. Und es sind drittens von völkischem Denken geprägte Sätze. Sie schreiben einem einzelnen Volk (also den Juden an sich bzw. den Deutschen an sich) den überzeitlich wirksamen Keim des Guten oder des Bösen zu.

Viele Fragen bleiben!

Etwa diese:

Nahmen der Kolonialismus, der Sklavenhandel, die Ausplünderung der Rohstoffe, die kolonialistische Zerstörung Afrikas wirklich 1884 von Berlin aus, von Deutschland aus ihren verhängnisvollen Lauf? Oder gab es auch vor 1884 einen Sklavenhandel, eine Ausplünderung des afrikanischen Kontinents? Oder spielten auch andere Länder, andere Völker eine ursächliche Rolle dabei?

Wir Deutsche neigen – wie die Sätze 3-5 zeigen – dazu, die Hauptschuld für alles Böse in der gesamten Weltgeschichte etwa ab 1884 auf unser Haupt zu laden. Jetzt sollen „wir Deutschen“ – nach den beiden Weltkriegen I und II, dem Holocaust usw. usw. usw.- also auch noch die entscheidenden allein- oder doch zumindest hauptschuldigen Auslöser für die verheerenden Folgen des gesamten Kolonialismus ab 1884 (oder auch bereits vor 1884?) sein.

Sind wir Deutschen wirklich das Trägervolk des Bösen in der gesamten Neuzeit?

Das kann man so glauben. Man muss es aber nicht glauben.

Ich konstatiere ein geschichtlich absolut negativ geprägtes Selbstbild der Deutschen. Und damit wird man niemanden gewinnen können, am allerwenigsten die jungen Deutschen und die berühmten „neuen Deutschen“. Irgendwo muss es doch auch was Gutes geben in der deutschen Geschichte!

Zum Beispiel? Zum Beispiel – die Berliner Abwasserkanalisation, maßgeblich bewirkt durch Rudolf Virchow. Die geordnete Entsorgung des keimbelasteten Abwassers, die geordnete Versorgung der Bevölkerung mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser hat seit Virchows Taten Millionen und Abermillionen Menschen in Deutschland und anderswo Leben und Gesundheit bewahrt. Sie ist ein unerlässlicher Bestandteil der socialen Medizin.

War also Rudolf Virchow, der in Deutschland heute längst vergessene Erfinder des Prinzips der „socialen Medizin“ oder der „Public-Health-Philosophy“ wie man heute korrekterweise sagen muss, ein im Grunde Guter, obwohl er doch nur ein Berliner, nur ein Deutscher war? Gab es denn auch zwischendurch zur Abwechslung etwas Gutes in der deutschen Geschichte?

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/return-to-sender/

via Greek Bible.

 Posted by at 13:01