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Eigene Gedichte

“Beruhigt euch. Wir sorgen für euch.” Botschaft des Staates an seine neuen Siedler

Die Siedler

Hier ist es also. Hier sollen wir leben.
Die Blätter, der Regen im fahrenden Zug,
die Lichter. Niemand erwartet uns. Niemand
hat uns verabschiedet. Der Zeiger rückt vor.

Was heißt schon weggehen. Was heißt ankommen.
Die Sprache war dort eine andere. Die Sprache
ist hier eine andere. Falle, fiel, gefallen.
Die Falle, die Klappe, die Pillen in der Lade.

Beruhigt euch. Die Vorräte im Wasserturm sind gewaltig.
Wir sorgen für euch. Füllt Formulare aus, kauft
Fische in Dosen und Salz, unterschreibt Verträge.
Wartet. Ihr bekommt bescheid, bald. Denkt an morgen.

Geht dorthin. Bildet Schlangen. Kriechen, kroch, gekrochen.
Geht langsam vorwärts. Denkt an die Blindschleiche.
Die Zeigerarten: die Flechten, die Moose, die Farne.
Sucht euch Nischen. Richtet euch ein.

So aber, wenn der Abend kommt, fließen die Bäche
rückwärts, schimmern die Weiden hellgrau, rattern
Traktoren über riesige Felder. Rücken der Erde.
Lupinen am Wegrand, stürzende Habicht. Der Zeiger steht,
die Kinder müssen ins Bett. Die Geschichten kommen
von selbst, die Zunge klebt am Gaumen.
Wann sie löst sich

Geschrieben in Mannheim, August 1990, wieder aufgefunden in Schöneberg, Februar 2021