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Vedi come storpiato è Maometo!

Noch Philipp Melanchthon, der Mitstreiter Martin Luthers, erblickte im Islam eine schismatische Bewegung innerhalb des Christentums oder vom Stamme des Christentums, worüber dieses Blog am 09.09.2010 berichtete:
http://johanneshampel.online.de/2010/09/09/arbeite-dich-aus-der-hilflosigkeit-hervor-o-mensch/

Und das war wohl im Mittelalter ebenso gewesen!

Vedi come storpiato è Maometo!”

“Schau mal, wie verzerrt [das Bild des] Mohammed [bei uns im Westen] ist!”,

könnte man im Blick auf die heutigen Kenntnisse oder besser Nicht-Kenntnisse des Islams bei uns  diesen Vers Dantes übersetzen.

Fredi Chiapelli, der Kommentator meiner reichlich zerlesenen Handausgabe der Divina Commedia, kommentiert zu diesem Vers 31 des Gesangs XXVIII des Inferno: 

“Maometto: Il fondatore dell’Islam (560-633). Nel Medioevo era considerato uno scismatico.” – “Der Gründer des Islam galt im Mittelalter als Schismatiker.” Der Islam galt jahrhundertelang – bis in die frühe Neuzeit hinein – als eine Abspaltung des Christentums, so wie das Christentum als Abspaltung des Judentums entstanden war.

Das lateinische Mittelalter stellte also Mohammed auf eine Stufe mit den griechischsprachigen Christen des Ostens, mit denen es 1054 zum Bruch gekommen war! Eine Aussöhnung mit der orthodoxen christlichen Ostkirche schien aus westlich-abendländischer Sicht lange Zeit ebenso unmöglich wie eine Aussöhnung mit dem Islam.

Goethe schrieb 1774 seine Ode “Mahomets-Gesang” wie an an einen Geistesverwandten:

Seht den Felsenquell,
Freudehell,
wie ein Sternenblick!
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.

Und was tun sich neuerdings für aufregende Perspektiven einer Wiederentdeckung des gemeinsamen Quellgrundes auf! Hierfür nur ein Beispiel: die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth. Sie greift den Felsenquell dieser uralten Traditionen, die für uns beispielhaft bei Dante Alighieri, Philipp Melanchthon und Johann Wolfgang Goethe fassbar werden, wieder auf!

Der Strom der asiatisch-europäischen Überlieferungen sprudelt noch. Er ist lebendig noch.

Ausgewählte Quellen:
Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 150

Johann Wolfgang Goethe: Mahomets-Gesang. In: Das große deutsche Gedichtbuch. Von 1500 bis zur Gegenwart. Neu herausgegeben und aktualisiert von Karl Otto Conrady. Artemis & Winkler, München und Zürich, 4. Aufl. 1995, S. 143-144

Angelika Neuwirth: „Der Koran als Text der Spätantike“. Ein europäischer Zugang. Verlag der Weltreligionen im Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 859 S., geb., 39,90 €.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/angelika-neuwirth-der-koran-als-text-der-spaetantike-lesarten-eines-korans-in-dem-europa-sich-erkennen-kann-1612985.html

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Armut Dante Geld Tugend

“Quella umile Italia”, oder: Um ein demütigeres, leiseres Europa bittend

Weder das Schwert noch das Geld bringen den Menschen Einigkeit und Glück. Dies ist eine Europa zutiefst prägende Einsicht, die beispielsweise in der heute weithin vergessenen und verdrängten Geschichte von Leiden und Sterben Jesu Christi musterhaft ausgebildet ist. Um der 30 Silberlinge willen, eines doch recht erheblichen Wohlstandes also, wurde die tiefste Freundschaft verraten. Und das Schwert, das dem Knecht Malchus das Ohr abhieb, brachte weder Frieden noch Rettung. Erst im versöhnenden Wort, das zu Füßen des Kreuzes in Freiheit gesprochen wird, finden die Menschen wieder zusammen.

Zurück vom Ring!“, so endet auch die vierteilige Geschichte, die Richard Wagner  mit großem – manche meinen:  mit allzu lautem Aufwand – auf die Bühne bringt. Das Gieren und Geifern nach dem Gold, das Lechzen nach anstrengungslosem Wohlstand säen Zwist, Verrat, Verleumdung, Lüge und Untergang. Und nebenbei lässt Richard Wagner seinen eigenen Versuch, sich vom jüdisch-christlichen Erbe loszusagen und eine germanisch gehämmerte Ersatzreligion anzubieten, im vernichtenden Feuerschein der Götterdämmerung enden.

Mit seinem Parsifal, dem letzten Werk, belebt Richard Wagner die alte jüdisch-christliche Erbschaft vom tätigen Mitleiden, vom freien erlösenden Wort wieder. Richard Wagner ist sozusagen ein Christ der letzten Stunde wie so viele andere auch. Ein durchaus schlüssiger Schritt, nachdem der rohe Kult der germanisch aufgeheizten Gewalt und des schnöden Verrats im Ring des Nibelungen in der völligen Verzweiflung endete.

Europa ist zweifellos da am stärksten, wo es das Schwache stark sein lässt, wo es nicht auf das dröhnende Schwert und nicht auf das laute Geld, sondern auf das leise Wort setzt. Es findet da am ehesten zu sich selbst, wo es dem rohen Kult der Gewalt, dem Jagen nach dem Gold, dem rücksichtslosen Durchsetzen des eigenen Willens auf Kosten anderer entsagt. Von daher kann Europa auch der freiwilligen, der aufgeklärten Armut, der mendicità istruita, einen erzieherischen Wert beimessen. Der Arme wird sozusagen hingeführt auf Werte, die weder Schwert noch Gold schaffen können.

Ein weiterer wichtiger Zeuge für diese zutiefst europäische Grundüberzeugung ist Dante – mein Dante, wie ich gern sage.

Er schreibt im ersten Gesang seiner Divina Commedia von einer gierigen Bestie der Gewalt, die sich in vielerlei Gestalt an den Erzähler heranschleicht:

ché questa bestia, per la qual tu gride,
non lascia altrui passar per la sua via,
ma tanto lo ‘mpedisce che l’uccide;

e ha natura sì malvagia e ria,
che mai non empie la bramosa voglia,
e dopo ‘l pasto ha più fame che pria.

Molti son li animali a cui s’ammoglia,
e più saranno ancora, infin che ‘l veltro
verrà, che la farà morir con doglia.

Questi non ciberà terra né peltro,
ma sapïenza, amore e virtute,
e sua nazion sarà tra feltro e feltro.

Di quella umile Italia fia salute
per cui morì la vergine Cammilla,
Eurialo e Turno e Niso di ferute.

Die unersättliche Bestie, die nach jedem Fraß stärkeren Hunger verspürt, ernährt sich von terra – also Immobilienbesitz – und von peltro, also von wertvollem Metall, Geld, Gold, Silberlingen.

Was setzt der Sänger – hier spricht Vergil –  diesem unersättlichen Gieren der Bestie entgegen?

Er sagt es selbst: sapienza, amore e virtute.

Sapienza: Einsicht, Klugheit, Weisheit, Bildung, können wir heute  sagen. Erkennen dessen, was ist. Einsicht in Strukturzusammenhänge, die klipp und klar benannt werden.

Amore: Zuwendung zum Nächsten, Mitleiden, Empathie, Öffnen des Herzens.

Virtute: das ist die vorbildliche Haltung, also Tugend, das Ausbilden aller Kräfte, die im Menschen ruhen.

Selbstverständlich ist dies nur ein Ideal, das zu Dantes Zeiten ebensowenig allgemein anerkannt war wie heute. Aber es gab damals Menschen wie den großen Europäer Dante Alighieri, die ihre Sehnsucht nach einer hiesigen Welt ausdrückten, in der nicht das Schwert und das immerwährende Starren auf das Geld, sondern die Mühsal der kleinen, notwendigen leisen Schritte des redlichen Wortes die Taktgeber waren.

Nicht der Ring des Goldes, nicht das Schwert, sondern das leisere Wort eröffnen den Raum der Freiheit, in dem Empathie, Zuwendung zum Nächsten sich entfalten können.

Dante sprach sehnsüchtig von jenem demütigen Italien, quella umile Italia, das er eher in den Hütten als den Palästen fand, eher in der aufgeklärten Armut als in der reichen Gewalt.

In genau diesem Sinne können wir heute uns ein demütiges, bescheideneres Europa wünschen, das auf das leise, gesprochene Wort hört: quella umile Europa.