„Wieder ein Glück ist erlebt“ … oder: Kinder brauchen gute Musik

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Mai 272009
 

Mit diesem Vers Hölderlins fasse ich zusammen, wie ich das heutige Mendelssohn-Konzert in der Fanny-Hensel-Schule erlebt habe. Den Morgen verbrachte ich damit, das Gedicht Heinrich Heines auswendig zu lernen, das den Reigen eröffnen sollte:

Ich wollt, meine Lieb ergösse sich
All in ein einzig Wort,
Das gäb ich den luft’gen Winden,
Die trügen es lustig fort.

Sie tragen zu dir, Geliebte,
Das lieberfüllte Wort;
Du hörst es zu jeder Stunde,
Du hörst es an jedem Ort.

Und hast du zum nächtlichen Schlummer
Geschlossen die Augen kaum,
So wird mein Bild dich verfolgen
Bis in den tiefsten Traum.

Ich lerne immer noch gerne Gedichte! Nach Rücksprache mit meiner Frau beschließe ich dann aber, die Gedichte nicht vorher aufzusagen, sondern jeweils nur eine Einführung  in das Thema zu geben. Die Kinder sollen einfach ein Bild haben, ein Gefühl spüren, dann wird die Musik sie schon tragen.
Punkt zwölf Uhr strömen die Kinder und Lehrer zusammen, auch einige Erwachsene von draußen gesellen sich dazu – eine besondere Freude ist es mir, Vera Lengsfeld zu begrüßen. Die Politiker sollen ruhig sehen, wie gut es sich hier leben und lernen lässt, man hört ja so viel viel Schiefes über Kreuzbergs Grundschulen!

Die Rektorin, Frau Köppen, eröffnet das Konzert aufs Herzlichste: „In der Musik können wir uns verstehen, auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen. Auch wenn wir aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen. Die Namen Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy stehen für Toleranz, für gegenseitiges Verständnis.“

Das Konzert läuft sehr gut, Wanja eröffnet wacker mit einem Marsch von Schumann,  wobei er ausdrücklich bittet, auf der Bühne zu stehen – nicht unten beim Klavier. Angela und Ira singen und jubeln in ihren glockenreinen Terzen und Sexten, dass es eine Wonne ist! Ich moderiere, wobei ich immer wieder Fragen stelle. Etwa die folgende zu dem Venezianischen Gondellied:

 Wenn durch die Piazetta
die Abendluft weht,
dann weisst du, Ninetta,
Wer wartend hier steht.
Du weisst, wer trotz Schleier
und Maske dich kennt,
du weisst, wie die Sehnsucht
im Herzen mir brennt.

Ein Schifferkleid trag‘ ich
zur selbigen Zeit,
und zitternd dir sag‘ ich:
das Boot ist bereit!
O komm jetzt, wo Lunen
noch Wolken umzieh’n,
lass durch die Lagunen,
Geliebte, uns flieh’n!

„Wenn ihr Ninetta wäret, würdet ihr denn mitgehen, wenn so ein venezianischer Gondoliere mit seinem Boot an  der Piazzetta stünde?“ Ein türkisches Mädchen meldet sich: „Nein, das wäre ja eine Entführung!“ Unwillkürlich denke ich: „Sehr gut, dieses Mädchen wird sicher mal nicht gegen ihren Willen verheiratet.“ Ihr seht: die Vorurteile wirken schon, wir können uns gar nicht freimachen von dem, was wir Tag um Tag lesen, hören und reden.

Natalia legt mit ihrer unglaublichen Ruhe, Zuversicht und Verlässlichkeit am Klavier den Grundstein des ganzen Erfolges. Ich selber lasse mich mit einem Satz aus dem e-moll-Violinkonzert hören – ein wunderbares Erlebnis für mich!

Die Kinder hören konzentriert und gesammelt über etwa 50 Minuten zu. Nur ganz wenige wippen unablässig mit den Beinen. Der Beifall der Kinder kommt von innen heraus. Er ist unser schönster Lohn – und auch die Blumen der Schule tragen wir stolz nachhause. Aber erst einmal gehen wir in die gegenüber liegende Bäckerei und essen Schoko-Croissants und ein dick belegtes Baguette und wir trinken auf das schöne Konzert und natürlich auf unseren Freund Felix Mendelssohn Bartholdy.

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Vorfreude auf das morgende Konzert

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Mai 262009
 

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Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847) war der Bruder Fanny Hensels. Seine Berliner Kindheit verbrachte er mit seinen drei Geschwistern in einem Haus an der Leipziger Straße 3. Mit großem Fleiß lernte er mehrere Sprachen, Musik, Mathematik, Literatur, Sport, Zeichnen und Geschichte. Der Vater ermahnte die Kinder immer wieder, auch wenn er auf Reisen war: „Tut was für eure Bildung, lernt, übt, arbeitet!“ Die Eltern mussten damals noch aus eigener Tasche für den ganzen Unterricht bezahlen. Mehrere Jahre lebte er dann in verschiedenen Ländern, weil er nicht wusste, wo er eigentlich hingehörte. Endlich, am 21. Februar 1832, schrieb er an seinen Vater: „Das Land ist Deutschland; darüber bin ich jetzt in mir ganz sicher geworden.“  

Voller Vorfreude auf das morgige Konzert in der Fanny-Hensel-Schule studiere ich Partituren und Skizzen, Bücher und hochgelahrte Abhandlungen. Denn ich musste soeben noch ein komplettes Programm schreiben, bosseln, häkeln, drucken und falten. Obiges ist der Lebenslauf, wie ich ihn für die Kinder, die uns morgen zuhören werden, geschrieben habe. Die Kinder sind zwischen 6 und 12 Jahren alt. Sie kommen aus ca. 12 Ländern.

Das Foto zeigt Angela Billington und den hier bloggenden Komödianten bei der Aufführung der Mozartischen Zauberflöte, letzte Woche in der Fanny-Hensel-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Den Theatervorhang haben die Kinder der Klasse 1 B selbst gemalt.

Und so habe ich die Künstler-Biographien zurechtgehübscht:

 

Angela Billington (Sopran) kommt aus England und hat in Cambridge studiert. In Berlin hat sie bei diversen Oper- und Kabarettprogrammen mitgewirkt. Sie hat in letzter Zeit Solokonzerte in Kalifornien und England gegeben. Sie interessiert sich besonders für die russische Oper.

 

Irina Potapenko (Alt) stammt aus Moskau. Ausgebildet als Opernsängerin in Moskau und Leipzig an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy. Sie ist freiberufliche Sängerin und lebt in Berlin. Preisträgerin beim Bach-Wettbewerb in Leipzig. www.musikerportrait.de/irina-potapenko/

 

Ivan Hampel (Violine) geboren am 28.05.2002, besucht die Klasse 1 B der Fanny-Hensel-Grundschule. Er nimmt bei Tamara Prischepenko Geigenunterricht. Seine berufliche Zukunft sieht er gleichermaßen als Lokomotivführer und Geiger. Seine beiden Sprachen sind Deutsch und Russisch.

 

Johannes Hampel (Violine) spielt seit 40 Jahren nach Herzenslust Geige. Er arbeitet als Konferenzdolmetscher für Englisch, Italienisch und Französisch und lebt fünf Tandem-Fahrradminuten von der Fanny-Hensel-Schule entfernt.

 

Natalia Christoph (Klavier) stammt aus Kaliningrad (Königsberg). Sie wirkte als Pianistin an zahlreichen Opernaufführungen in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz mit. Pädagogische Tätigkeiten: Moldauisches Konservatorium Kischinjow, derzeit an der UdK Berlin, Meisterkurse in Frankreich und Belgien. Sie begleitete unter anderem Ute Trekel-Burckhardt und Hanno Müller-Brachmann. www.natalia-christoph.de/

Und das ist unser Programm (Dauer 45 Minuten):

1. Robert Schumann: Marsch

    Ivan Hampel, Geige

    Irina Potapenko, Klavier

 

2. Felix Mendelssohn Bartholdy: 3 Duette

    Ich wollt, meine Lieb ergösse sich (Worte: Heinrich Heine)

    Herbstlied (Karl Klingemann)

    Lied aus Ruy Blas (Victor Hugo)    

Angela Billington, Sopran

Irina Potapenko, Alt

Natalia Christoph, Klavier

 

3. F. Mendelssohn Batholdy

    Andante. 2. Satz aus dem Violinkonzert e-moll

            Johannes Hampel, Violine

            Natalia Christoph, Klavier

 

4. F. Mendelssohn Bartholdy

    Frühlingslied  (Nikolaus Lenau)

    Gondellied (Thomas Moore)

            Irina Potapenko, Natalia Christoph

 

6. F. Mendelssohn Bartholdy

    Rondo capriccioso

   Natalia Christoph, Klavier

 

7. Pjotr Ilijitsch Tschaikowskij: Zwei Duette

    Im Garten

    Duett der Lisa und Polina aus der Oper „Pique Dame“

    Angela Billington, Irina Potapenko, Natalia Christoph

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Mai 232009
 

Die Wahl des Bundespräsidenten verfolge ich im Radio. Besonders genau höre ich auf seine erste Ansprache nach der Wiederwahl hin. Hier kommt ein Ausschnitt:

 Schwarz-Gelb und die Köhler-Kür: Wahlkampf mit der Nummer 1 – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik
„[…] Bewahren, was wertvoll ist, verändern was notwendig ist – dabei möchte ich helfen. Wissen Sie, je älter ich werde, desto neugieriger werde ich. Ich freue mich auf die kommenden fünf Jahre und ich verspreche Ihnen, liebe Landsleute, ich werde weiter mein Bestes geben. Und Dir, Eva, möchte ich Danke sagen. Jede Stunde ist ein Geschenk mit Dir. […]“

Wie oft sprachen wir in diesem Blog von Vätern und Söhnen! Der ungelöste Konflikt zwischen Vätern und Söhnen brach am 2. Juni 1967 mit rasender Gewalt aus, geschürt und überlagert durch den feindlichen Gegensatz zwischen Ost und West. Die Kugel des Kurras legte die Lunte an diesen schwelenden Konflikt.

Und so frage ich mich: Welche Gefühle bewegen mich heute? Ich habe fast mein ganzes Leben in der Bundesrepublik Deutschland verbracht. Als ich geboren wurde, da war die Bundesrepublik eben 10 Jahre geworden. Als ich mit wachen Sinnen die Politik zu verfolgen begann, kam die sozialliberale Koalition ins Amt. Von den 60 Jahren der Bundesrepublik habe ich also volle 40 Jahre bewusst miterlebt, miterlitten und nach meinen bescheidenen Möglichkeiten in meinem winzigen Umfeld mitgetragen. Ich bin ein Kind dieser Republik. Aber ich überblicke auch zwei Drittel der Geschichte dieses so wunderbar gelingenden Staatswesens. Ich fühle mich also am heutigen Tag besonders dankbar, dass ich dazugehören durfte und auch weiter dazugehören werde.

Wie sieht sich Horst Köhler ausweislich seiner Antrittsrede? Dazu lohnt es sich, genau hinzuhören und zu lesen, wie er sich ausdrückt.  Er spricht davon, dass er „dankbar“ sei, dass er „neugierig“ sei. Köhler legt ein Versprechen ab: „Ich werde weiter mein Bestes geben.“ Wer spricht so? Ein Kind spricht so. Köhler, der höchste Repräsentant dieses Staates, beugt sein Haupt vor einer Wirklichkeit, vor einer Aufgabe, die ihm zukommt, die er allein nicht schaffen kann. Hier tritt ein Diener, nicht ein Herrscher sein Amt erneut an. Das – erlaubt mir dieses Geständnis – finde ich großartig!

Ich empfehle euch, diese Rede, die ich für eine seiner ergreifendsten, seiner besten, seiner in jedem einzelnen Wort treffendsten überhaupt halte, noch einmal genau durchzulesen. Ich gelange zu dem Schluss: Hier spricht ein Kind dieser Republik so wie wir alle. Der Bundespräsident stellt sich bescheiden und doch ermutigend in den Dienst seiner Aufgabe, die größer ist, als er allein sie bewältigen könnte. Er trifft dabei den richtigen Ton: wach, ermunternd, Zutrauen schenkend.

Mir fällt dazu ein Wort aus einem uralten Buch ein: Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz! Wie der Sohn Davids (1 Kö 3,9), so erbittet auch Horst Köhler, dieser Sohn unseres demokratischen Vaterlandes, Unterstützung. Er bittet um – Demut und Hilfe. Und wer als ein solcher Knecht, als ein solches Kind bittet, der ist in meinen Augen groß, der ist ein Vorbild für alle. Der stiftet wahrhaft Vertrauen und Versöhnung.

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„Seht ihr! Ich hab’s euch gesagt!“

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Mai 042009
 

12102008001.jpg Genau dieser besserwisserische Gedanke zuckt mir soeben durch den Kopf, als ich heute in der Süddeutschen Zeitung auf S. 38 weitere Vorabberichte über die geheimnisumwitterte neue Studie des Bildungsforschers Jürgen Baumert lese (dieses Blog berichtete am 02.05.2009). Schon seit Monaten tippe ich mir die Finger wund, um einen Gedanken unters Volk zu streuen, den offenbar nur wenige haben: „An die Eltern müssen wir ran! Die Familien – also die Eltern und die Kinder – sind viel entscheidender als die Schulen für den Bildungserfolg der Schüler. Wer Schulkarrieren beeinflussen will, muss vor allem Familien beeinflussen.“

Na, und was soll ich euch sagen? Endlich lese ich etwas Ähnliches auch in der neuen Auswertung der unter Leitung von Rainer Lehmann durchgeführten Element-Studie.  Ich bekomme sozusagen Munition für meine Redeschlachten! Zitat gefällig? Hier kommt sie, Süddeutsche von heute, S. 38:

Die auf sechs Jahre ausgedehnte Grundschulzeit muss demnach keineswegs zu Lasten besonders leistungsstarker Schüler gehen, wie das viele Eltern befürchten. Vor allem beim Lesen und dem Textverständnis, so die Studie, spreche viel dafür, dass der Entwicklungsprozess „von den Vorleistungen der Schüler und des Elternhauses lebt“. Die grundständigen Gymnasien könnten davon profitieren, ohne diese Entwicklung selbst aktiv zu fördern. „Generell ist fraglich, ob die Gymnasien die Förderung der Lesekompetenz als akademische Aufgabe aller Fächer bislang überhaupt entdeckt haben.“

Na bitte! Manche Familien fördern Aufmerksamkeit, Lesen, Konzentrationsfähigkeit, gute Sprachfähigkeiten bei ihren Kindern von Anfang an stärker als andere. Diese fördernden Familien neigen dazu, ihre Kinder dann ins grundständige Gymnasium zu schicken. Das Gymnasium nimmt diese Vorauswahl dankend entgegen und leitet seine Überlegenheitsansprüche von der Vorleistung der Eltern und der Kinder ab. Und jetzt kommt der springende Punkt: Werden diese von den Familien stärker geförderten Kinder eher gebremst oder gefördert, wenn sie mit allen anderen Kindern zusammen lernen? Darüber herrscht keine Einigkeit.

Was tun? Letztlich werden uns die Bildungsforscher keinerlei politische Entscheidungen abnehmen können! Sie können nur Hinweise geben. Die Ziele politischen Handelns müssen wir Bürger untereinander ausmachen. Wir müssen uns fragen: Wollen wir die De-facto-Apartheid der Schülerpopulationen weiter verstärken oder wollen wir sie abbauen? Wie jener ungarische Oberst Novaki, den wir vorgestern zitierten, stehen wir vor Alternativen: Wollen wir weiter in Grenzbefestigungen investieren, oder wollen wir die Grenzen abbauen?

Meine Überlegungen gehen in folgende Richtung:

Wir brauchen eine Schule, die allen Schülern jederzeit den Grenzübertritt ermöglicht.  Wie im Unterricht selbst, so muss auch in den Bildungsgängen ein hohes Maß an individuellem Lernen möglich sein. Die Sortierung in „höhere“ und „niedrigere“ Schulformen sollte aufhören. Es darf nicht sein, dass eine Schulform ohne eigene Leistung alle besser geförderten Kinder abzieht und die verbleibenden Kinder an Restschulen delegiert.

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Apr. 282009
 

„Wo sind die Väter?“, diese Frage stellte ich mir schon häufig: in den Elternversammlungen in der Kita, wo nur die türkischen Mütter erschienen, im Spreeewaldbad, im Prinzenbad. Die Kreuzberger Jungs wirken auf mich häufig wie verwaist, vollkommen alleingelassen. Und sie dürsten bei allem coolen Macho-Gehabe wirklich nach Gesprächen mit erwachsenen Männern. Versucht es, sprecht mit ihnen! Heute finde ich einige Antworten. Christian Füller zitiert Wiesbadener Sozialarbeiter: „Väter gibt es hier kaum. Es gibt immer wieder Männer, aber das sind quasi durchlaufende Posten. Eze spricht lieber ein bisschen über seinen echten Vater, der sich nach Nigeria aufgemacht hat. Und über sich“ (Die gute Schule, S. 75). „Lange Abwesenheit“, so fasste Brigitte Schwaiger bereits  im Titel ihres Buches ihre eigene Vater-Erfahrung zusammen. Und Kazim Erdogan berichtet heute aus seiner eigenen ehrenamtlichen Praxis ähnliches über die türkisch-deutschen Väter:

Türkische Männer: „Ein Ehrenmann schlägt seine Frau nicht“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Panorama
Erdogan: Sie stellen Regeln auf und bestrafen ihre Kinder – aber sie sprechen kaum mit ihnen. Manche wissen nicht einmal den Namen der Schule. Die sagen, mein Kind geht in einen Backsteinbau. In der modernen Welt aber müssen sie in der Kindererziehung am Ball bleiben, sie müssen wissen, wie es mit den Lehrern und Freunden läuft. In Neukölln lauern so viele Gefahren: Drogen, Gangs, falsche Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Darum kümmern sich aber nur die Frauen?

Erdogan: Sie sind in den traditionellen, türkischen Familien für das tägliche Leben zuständig. Wenn dann die Ehen auseinandergehen, ziehen sie die Kinder meist alleine groß, und die Väter stehlen sich aus der Verantwortung. Gerade türkische Jungs brauchen aber ihre Väter, um zu lernen, dass es Grenzen gibt, die auch eingehalten werden müssen.

Das Fehlen von uns Vätern – darin erblicke ich eine der Ursachen für die hier in Kreuzberg weit verbreitete negative Grundhaltung gegenüber der Gesellschaft und dem Staat. Denn der Staat, vertreten im wesentlichen durch die Lehrerinnen, kann selbstverständlich die Vater-Rolle nicht ersetzen. Vater-Rolle aber scheint im besten Fall zweierlei zu bedeuten: Vorbild – der jüngere Sohn möchte aufschauen können, möchte den Wunsch hegen: „Später werd ich mal wie Papa!“

Und der Jugendliche muss sich später dann mühsam, mühsam abarbeiten können am Vater: „Der Vater macht alles falsch  – ich möchte später mal auf keinen Fall so werden wie Papa!“

Beide Haltungen – das kindliche Nacheifern und die jugendliche Empörung – halte ich für notwendige Stufen auf dem Weg zu gelingender Männlichkeit, zu echter Integration in die Gesellschaft der Erwachsenen.  Und wenn ein Kind ohne greifbaren Vater aufwächst? Dann, so meine ich, werden andere Wege beschritten. Ein Weg ist die stärkere Anlehnung an die Mutter oder an andere Vaterfiguren. Ein anderer Weg, aber nicht der einzige, scheint zu sein: Man sucht die streitige Auseinandersetzung mit dem abstrakten Vater – also dem Staat. Gesetzesübertretungen, kriminelle Taten führen den Jugendlichen in eine verwandelnde Begegnung mit der bisher fehlenden Vater-Instanz hinein. Die Jugendstrafanstalten, die Männergefängnisse sind gefüllt mit Männern, denen offensichtlich die gelingende  Auseinandersetzung mit dem Vater in der Kindheit verwehrt wurde. Dies ist sicher nicht die einzig mögliche Erklärung, aber für viele straffällige junge Männer dürfte sie zutreffen.

Schlussfolgerung: Söhne brauchen anwesende Väter. Der Staat kann nicht immer die Aufräumarbeiten hinterher machen. Das wird auch viel zu teuer. Besser sind Väterschulen, oder auch Elternschulen: also regelrechte Kurse, in denen Eltern aufgeklärt und, jawohl, belehrt werden.

Die Initiative des Neuköllner Sozialarbeiters Kazim Erdogan halte ich deswegen für wegweisend. Er versammelt türkische Väter, spricht mit ihnen, leistet HIlfestellung, damit die Väter ihre Verantwortung erkennen.

 Posted by at 11:00
Apr. 132009
 

Vorgestern nannten wir, gestützt auf unsere Gespräche mit türkischen, arabischen und deutschen Jugendlichen, diese Generation eine Generation der verlorenen Söhne. „Ich ficke deine Mutter“, „hey du Schlampe“, „du Opfer“, „du Jude“ und ähnliches sind einige jener häufigen Kraftausdrücke und Flüche, wie sie mittlerweile an deutschen Schulen, in deutschen Schwimmbädern gang und gäbe sind. Ich habe sie selbst oft gehört. Ungelöste Nöte mit der eigenen Sexualität, traditionelle Judenfeindschaft, Verachtung für die Schwachen, eine Verachtung der als allzu freizügig empfundenen westlichen Gesellschaften, eine Verachtung des eigenen Selbst, panische Angst vor Homosexualität,   – dies und vieles mehr drücken sich darin aus. An der Wurzel scheint eine völlige Orientierungslosigkeit, eine nüchterne Einsicht in die eigene Chancenlosigkeit zu stehen, ein hilfloses Suchen nach Halt, nach einem wie immer gearteten männlichen Vorbild, – und vor allem möchte man der Dominanz der Mütter und Schwestern entkommen.

Die deutsche Schule reagiert darauf offenkundig nicht oder nur ungenügend. Sie ist überfordert. Die Politik schaut ohnmächtig zu. Welches kulturelle Angebot können wir den türkischen und arabischen, den deutschen Jungmännern machen? Gibt es in der deutschen Kultur ein Werk, das diesen muslimisch geprägten Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Selbstbild ermöglicht? Ich sage: Ja! Ich schlage dazu vor ein Werk eines heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Autors, den aber noch die Generation meiner Tanten (die nur die Volksschule besucht hatten), auswendig kannte. Er gehörte früher einmal zu den Dichtern, die die Deutschen kannten und liebten.

Heute kennen die Deutschen ihre Dichter nicht mehr, lesen sie nicht mehr an der Schule, lernen sie nicht im Kindergarten kennen, und folglich können sie auch nicht wissen, was sie zu verlieren drohen. Man vertreibt sich die Zeit mit Einheitsbrei, mit Fernsehsülze und Dudelmusik. Im Deutschunterricht wird heute offenbar nichts Wesentliches aus der Vergangenheit mehr gelesen. Folglich wird den türkischen und arabischen Jungdeutschen auch kein brauchbares Identifikationsangebot gemacht.

In Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ können türkisch-deutsche und arabisch-deutsche Jugendliche eine taugliche Folie finden, in denen sie ihre eigenen Nöte wie in einem fernen Spiegel erkennen.

Zunächst einmal: In dem Stück wird kräftig und ausdauernd geflucht und geschimpft, es sind pubertäre Ergießungen, die den Kreuzberger Jungdeutschen im Prinzenbad sicherlich das Wasser reichen können. Und es wird geplündert und gebrandschatzt, dass die linksautonomen Brandstifter, die reihenweise Autos in Friedrichshain-Kreuzberg anzünden, ihre helle Freude hätten! Eine ganze böhmische Stadt wird durch die Räuber in Schutt und Asche gelegt – da können selbst unsere Jungs aus dem schwarzen Block nicht mithalten. Was den Schillerschen Räubern, den Jugendgangs aus Neukölln und dem schwarzen Block der Kreuzberger deutschen Linksautonomen gemeinsam ist: Jede individuelle Verantwortung wird abgelehnt, man versteckt sich im Dunklen, im schwarzen Block, im türkisch-arabischen Gruppen-Ich, das jede Selbstbefreiung verhindert. Man steht nicht zu dem, was man tut, sondern schiebt die Schuld auf andere.

Die Frauen werden  regelmäßig als Hure oder Metze bezeichnet – dies entspräche dem Ausdruck Schlampe im heutigen Neuköllner Männerbewusstsein. Der Räuberhaufen rühmt sich auch mit besonderer Inbrunst, wie er ein Frauenkloster überfällt, plündert und die Nonnen dann einer Massenvergewaltigung unterwirft. Grausamkeiten, wie sie viel später in deutschen KZs an der Tagesordnung waren, werden in Schillers Stück bereits vorweggenommen. So erzählt das Gang-Mitglied Schufterle, wie er ein Kleinkind in den Feuertod stürzt:

Armes Tierchen, sagt ich, du verfrierst ja hier, und warfs in die Flamme.

In der Gestalt des Banditen Spiegelberg wiederum haben wir das Zerrbild eines Juden vor uns, wie ihn die düsterste Phantasie eines rabiaten Berliner Antisemiten auf einer Al-Quds-Demo nicht besser ersinnen könnte.

Meisterhaft schildert Schiller sodann die Selbstrechtfertigung des Karl Moor: Seine Verbrechen rechtfertigt Moor damit, dass die Herrschenden, also die Gerichtsherren, die Fürsten, die Pfaffen erbarmungslos das Volk ausplünderten und bis aufs Blut aussaugten! Das ist leidenschaftlich erregte Kapitalismuskritik,  wie sie „im Buche steht“. Karl Moor sagt:

„Mein Handwerk ist Wiedervergeltung – Rache ist mein Gewerbe.“

Exakt dieses Grundmuster werden wir dann ab 1977 im deutschen Herbst wiederfinden. Die RAF – etwa Andreas Baader, Ulrike Meinhof und alle die anderen – hing bekanntlich ebenfalls dem pathologischen Wahn an, sich an der herrschenden Klasse rächen zu müssen für all das, was die herrschende Klasse dem Volk angetan hatte – auch in den Jahren 1933-1945. Was für eine Verblendung, was für eine Wiederkehr des Gleichen macht Schiller hier sichtbar!

Ein erster Titel, den Schiller für sein erstes Drama wählte, lautete übrigens: „Der verlorene Sohn oder die umgeschmolzenen Räuber“. Welches Stück könnte besser auf unsere verlorenen Söhne passen!

Ich nehme an, dass dieses Stück von Friedrich Schiller an Berliner Schulen ebensowenig gelesen wird wie die Gedichte Hölderlins oder Bismarcks Lebenserinnerungen, ebensowenig wie das Kommunistische Manifest, der Koran, der Talmud oder das Neue Testament. Kein Kleist, kein Sigmund Freud, kein Goethe. Kein Nazim Hikmet. Keine Hadith.

Dabei bieten Schillers Räuber ein ideales Laboratorium der unfertigen, mit sich selbst mühsam ins Reine kommenden Männlichkeit. Würden Hauptschüler sich damit auseinandersetzen – etwa indem sie dieses Stück selbst erarbeiten und dann auf die Bühne bringen – sie hätten die riesige Chance, einen vergessenen Schatz der deutschen Kultur dem Vergessen zu entreißen. Und zugleich würden sie in einer Art Probehandeln die eigenen, zutiefst destruktiven Impulse beherrschen und umwandeln lernen. Sie könnten sich selbst gewissermaßen – wie im urspünglichen Titel angedeutet – „umschmelzen“.

Sie würden durch die praktische Theaterarbeit endlich auch eine gute, akzentfreie deutsche Aussprache lernen. Denn selbst das bringen die Berliner Schulen unseren Kindern nicht bei. Ich höre bei den arabischen und türkischen Jungdeutschen viel Nuscheln, Durch-die-Zähne-Sprechen, Stottern, Stammeln, Lallen.

Ich bin überzeugt: Durch die intensive Befassung mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ könnte ein Beitrag zu dem geleistet werden, was Necla Kelek die „Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes“ nennt.

Die Boote liegen zur Abfahrt bereit.

Um mehr zu erfahren: Besucht das Prinzenbad und das Spreewaldbad in Kreuzberg! Sprecht mit den Jungs, hört ihnen zu!

Lest mehr dazu in: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke. Erster Band. Gedichte. Dramen I. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 8., durchgesehene Auflage, Darmstadt 1987, darin: Die Räuber. S. 481-638

 Posted by at 18:03
Apr. 102009
 

Immer wieder lerne ich neue Wörter in meiner Muttersprache. So insbesondere dann, wenn ich mich, eingedenk des herannahenden Osterfestes, der religiösen Überlieferung zuwende. In der Zeitschrift FUGE. Journal für Religion & Moderne, Band 4, 2009, lese ich auf S. 28 folgende Sätze:

Die Bibel ist das meist-erforschte Buch der Welt. Vielleicht ist es auch der „überforschteste“ Gegenstand der Welt.

Gut, so sei die Bibel ein Kandidat für den Titel „Am meisten überforschter Gegenstand“. Ich schlage aber einen anderen Kandidaten vor: die Schule.  Was uns zu meinen Erlebnissen vom vergangenen Montag bringt.

Der kommunalpolitische Arbeitskreis der CDU Friedrichshain-Kreuzberg hatte ins Rathaus Kreuzberg eingeladen. Als Redner konnte gewonnen werden Oberschulrat Gerhard Schmid, der in der Schulverwaltung für unseren Bezirk zuständig ist.

Eine kleine Nachforschung im Internet ergibt: Schmid stammt aus meiner Heimatstadt Augsburg, er war damals einer der Wortführer der linken Protestbewegung, er wurde in der Augsburger Allgemeinen neulich sogar als der „Augsburger Rudi Dutschke“ bezeichnet! Er war also einer jener Aufrührer, vor denen meine Eltern mich besorgt warnten! Wir zitieren aus der Augsburger Allgemeinen vom 22.04.2008:

Im Frühjahr 1968 ist Schmid ein bekanntes Gesicht in der überschaubar kleinen linken Szene in Augsburg. Er organisiert die Ostermärsche, hält Vorträge über die Arbeiterbewegung und engagiert sich im Kritischen Seminar, einer Art Volkshochschule für Freidenker. Ein Kurs diskutiert über „Sexualökonomie und Orgasmustheorie“, ein anderer über die „sozialökonomische Struktur Südvietnams“.

Schmid ist so etwas wie der Augsburger APO-Chef. Dazu hat ihn zwar nie jemand gewählt, doch irgendwie, sagt er, habe er „das Ganze zusammengehalten“. Die Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze und den Krieg in Vietnam, die Schulstreiks und Sitzblockaden, die quälend langen Debatten mit Jungsozialisten und Jungdemokraten. „Heuchler und kalte Krieger“ sind sie 1968 für ihn, den Unangepassten. Wenige Wochen nach dem Happening in der Sporthalle schließt die SPD Schmid wegen „groben Verstoßes gegen die Parteigrundsätze“ aus. Heute sagt er: „Wir waren völlig verblendet.“

Was ihn aber heute nicht daran hindert, in der Schulverwaltung als Vertreter der Staatsmacht zu agieren. So sieht also der Marsch durch die Institutionen aus. Die CDU lädt einen Rudi Dutschke zu sich ein – und er stößt auf waches Interesse. So muss es sein!

Was sagt nun die Forschung zum gegenwärtigen Zustand unserer Schulen? Laut Schmid besteht keinerlei Anlass zu einer Strukturdebatte. Es gebe laut neuesten Forschungsergebnissen keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen Schulform und Lernerfolg. Ein hochgradig gegliedertes Schulsystem könne ebensowohl sehr gut als auch weit unterdurchschnittlich abschneiden, wie ein Vergleich zwischen Bayern und Berlin lehre. Die gleiche Variationsbreite herrsche bei Einheitssystemen – hier fällt mir der überlegene Stand der Schulbildung in der früheren Sowjetunion im Vergleich zu den USA ein. Entscheidend sei, fuhr Schmid fort, die Qualität des Unterrichts, nicht die Schulstruktur.

Damit stellte sich Schmid sozusagen von Anfang an windschief zu den verschiedenen Konzepten der Berliner Parteien. Die Parteien bosseln eifrig an Schulreformen und  Strukturdebatten, an Test-Ergebnissen, und üben sich in Unkenrufen. Als Mitglied der Schulverwaltung sieht Schmid hingegen seine Aufgabe eher darin, Erfahrungen  aus dem Schulalltag in Empfehlungen umzumünzen. Die Fachleute aus der Bildungsverwaltung, zu denen Schmid gehört, bereiten sich jetzt bereits darauf vor, die zu erwartenden Vorgaben der Berliner Landespolitik möglichst sinnvoll umzusetzen. Ideologie und Parteienbindung spielt dabei keine Rolle mehr. Das finde ich höchst erfreulich, denn seit meiner eigenen Schulzeit sind die Bildungseinrichtungen ein hart umkämpftes Feld für Weltverbesserer und Abendlandsretter geworden. Diese Streiterei ist ihnen insgesamt nicht gut bekommen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass der rot-rote Senat und die drei Oppositionsparteien mit ihren Gegenentwürfen tatsächlich das angesammelte Wissen aus den Schulämtern abrufen. Mein Eindruck bestätigte sich auch an diesem Abend.

Einigkeit schien zu herrschen: Alle Schulformen, alle Schüler müssen in dem gestärkt werden, worin sie gut sind – oder gut sein können. Praktische Begabungen sollen stärker zur Geltung kommen, etwa in dem neuen geplanten P-Zweig. Schmid berichtet anschaulich und überzeugend von Planungen, wonach in den P-Zweigen (den Nachfolgern der jetzigen Hauptschulen), Werkstätten eingerichtet werden sollen, in denen die jungen Leute mit ihrer eigenen Hände Arbeit Erfolg und sogar ein kleines Einkommen erzielen sollen.

Die gesamte zweite Hälfte des Abends und die Aussprache kreisten mehr um die Menschen, die in der Schule aufeinandertreffen. Welche Haltungen sind bei Schülern und Lehrern nötig, damit Schule gelingt? Welche Rolle spielen Fleiß, Konzentrationsfähigkeit, Sprachkenntnisse, Tugenden wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Pflichtgefühl, Höflichkeit?

Recht ketzerisch und spielverderberisch meldete ich mich zu Wort und wagte den Einwand: Wenn Fleiß, Konzentrationsfähigkeit, gute Sprachkenntnisse, Tugenden wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Pflichtgefühl, Höflichkeit zusammenkommen – könnten wir uns dann die gesamte Debatte über Schul- und Unterrichtsformen sparen? Brauchen wir nicht eine andere Grundhaltung? Brauchen wir nicht – mehr als alles andere – einen Mentalitätswandel? Sind die endlosen Berliner Diskussionen um die Bildungspolitik im Grunde Schaukämpfe, die vom eigentlichen Problem ablenken? Ich schlug vor, ganz massiv an die Eltern heranzutreten und sie mit gezielter Mentalitätsbeeinflussung zu einer lernfreundlichen Haltung umzuorientieren. Die Kinder brauchen eine Umgebung, die sie zum Lernen ermuntert. Dazu gehört eine Abrüstung beim exzessiven Medienkonsum, frühe und bevorzugte Befassung mit der deutschen Sprache, Aufbrechen des „Migranten-„Ghettos, Selbstbefreiung aus dem Gestrüpp der Vorurteile. Es regte sich – kein Widerspruch. Ich hege die Vermutung, dass ein Großteil der Versammlung dieser Ansicht zuneigte.

Beim Nachdenken über diesen hochgelungenen Abend fällt mir noch ein Bericht über Michelle Obama ein. Im Gespräch mit französischen und deutschen Schülern, das im ZDF wiedergegeben wurde, erklärte sie vor wenigen Tagen sinngemäß:

„Ich hab mir immer Mühe gegeben, etwas zu lernen. Viele schwarze Mitschüler  haben mich damals schief angekuckt und gesagt: Du redest ja wie eine Weiße! Das hab ich auf mich genommen. Ich war eine Streberin. Das war voll uncool. Ich wollte gut sein in der Schule.“

Und genau diese Haltung brauchen wir auch in Berlin. An der Art der Schule liegt es sicher nicht, wenn Bildungsgänge scheitern. Keiner ist Opfer seiner Herkunft – niemand ist durch seinen Migrationshintergrund daran gehindert, in der Schule und im Leben Erfolg zu haben. Jede und jeder kann es schaffen. Evet, we can.

 Posted by at 22:27
Apr. 042009
 

Die Türken leben in ihrer eigenen Welt. Nein, dies ist kein Kommentar zum Nato-Gipfel, sondern ein Befund, den ich nach vielen Jahren Kreuzberg leider feststellen muss. Den Kreuzberger Deutschen ist es egal, was die Türken denken, tun, handeln, wie sie ihre Kinder erziehen, wie sie und ob sie Deutsch lernen. Die Kreuzberger Türken wiederum haben es sich behaglich eingerichtet in ihrer Klein-Türkei. Eine Notwendigkeit, gutes Deutsch zu erlernen, Kinder die angebotenen Chancen wahrnehmen zu lassen, sehen sie nicht. Lieber lassen sie über ihre Organisationen verkünden, sie würden von der Mehrheitsgesellschaft benachteiligt. Ein echtes Zusammenleben gibt es nicht. Man lebt nebeneinander her, teils in Gleichgültigkeit, teils in Ablehnung.

Wie im Kleinen, so funktioniert auch im Großen der Dialog nicht. Siehe Nato-Gipfel. Wie sollte er auch? Ich konstatiere allenthalben bei den Deutschen eine erschreckende Unkenntnis über türkische Geschichte, türkische Politik, türkische Kultur – oder soll ich sagen: kurdische, alevitische, jesidische, arabische, assyrische, tatarische usw. Geschichte und Kulturen? Denn die Türkei ist ein multiethnisches Land, die gewaltsame Türkisierung und erzwungene Assimilation konnte nicht verhindern, dass unter dem Firniß der einen großen Vaterlandsnation zahlreiche Sonderidentitäten bis zum heutigen Tage weiterbestehen. Gerade in diesen Tagen werden im Osten der Türkei riesige Massengräber entdeckt, in denen die paramilitärische JİTEM in den neunziger Jahren Hunderte, vielleicht Tausende von ihr ermordete unschuldige Zivilisten verscharrt hat.

Günstige Zahlen kann mein Heimatbezirk allerdings in der neuesten Berliner Sozialstatistik, dem sogenannten Sozialstrukturatlas, erwirtschaften: Wir haben uns um zwei Plätze nach vorne gekämpft, sind nicht mehr das Schlusslicht. Besonders erfreulich: Zusammen mit Pankow liegen wir im sogenannten Statusindex ganz vorne. Das heißt, der durchschnittliche Bildungsgrad ist hoch, und der Bezirk zieht mehr Menschen an, als aus ihm wegziehen. Das zeigt sich auch daran, dass man nicht mehr mitreden kann, wenn man nicht das Wort Gentrifizierung mindestens 5 Mal ohne Stocken in einem Satz unterbringt.

Auffallend aber, in höchstem Maße alarmierend ist der Rückgang der Kinder im Alter von 0-6 Jahren um 41 Prozent, der innerhalb von nur 3 Jahren eingetreten ist! Die Kinder ziehen mit ihren Familien weg. Der Bezirk bietet den Kindern offenbar keine Zukunft. Hier schlägt die dauernde Negativpropaganda über die Kreuzberger Grundschulen voll durch. Die deutschen Familien ziehen aus dem Ortsteil Kreuzberg weg oder melden sich zum Schein um. In der Klasse, die mein Sohn besucht, gibt es praktisch nur noch noch türkische und arabische Namen. Ich habe bisher weder einen deutschen Vater noch eine deutsche Mutter in dieser Klasse gesehen (mich selbst natürlich ausgenommen). Dabei wohnen wir noch in einem Umfeld, wo der Ausländeranteil sicherlich nicht über 30% liegt. Aber die deutschen Eltern tun alles, um nicht mit der türkischen Schülerpopulation in einen Topf geworfen zu werden.

Die Berliner Türken leben nunmehr dauerhaft in ihrer eigenen Welt. Das Motto könnte lauten: Türkei muss auch in Kreuzberg erkennbar sein!

Bei meinen Reisen durch die Türkei habe ich auf vielen Bergesgipfeln, auf noch dem kleinsten Eiland riesige türkische Flaggen gesehen, häufig auch Spruchbänder, die es über viele Kilometer hin verkündeten: „Die Türkei ist unser Vaterland!“ VATAN! „Überall, wo wir sind, ist Türkei“, in genau diesem Sinne hat sich auch der Staatspräsident Gül bei seinem Besuch in Köln geäußert.

Bezeichnend dafür ist das kleine Legoland, das ich vor wenigen Tagen in einer Kreuzberger Grundschule entdeckte: Groß und prächtig prangt die türkische Flagge neben zwei anderen, nicht näher erkennbaren Phantasieflaggen.

Die Deutschen interessieren sich nicht für die Parallelgesellschaft, die sich fest etabliert hat, sondern verschließen die Augen, ziehen lieber weg und geben viel Geld für Kongresse über Integration aus.

Das Bündnis Pro Reli ficht wacker für islamischen, christlichen und jüdischen  Religionsunterricht an staatlichen Schulen, ohne auch nur im mindesten islamische Lehrpläne, islamische Partnerverbände oder deutschsprachige Religionslehrer namhaft machen zu können. Haben alle, die da so vehement für Religionsunterricht streiten, den Islam wirklich kennengelernt? Haben sie den Koran gelesen?

Das niederschmetterndste Alarmzeichen für unseren Bezirk ist, dass die Kinderzahl wegbricht. Das heißt, der Bezirk wird für Familien unattraktiv, ja abstoßend. Der Bezirk verliert mit den Kindern seine Zukunft. Wer bleibt? Eine zunehmend gleichgeschaltete, gleichgekleidete, gleichdenkende, uniformierte Gesellschaft aus jungen und nicht mehr so jungen Erwachsenen, die ihren immer gleichen Parolen nachhängen, die in ihren immer gleichen „Freiräumen“ träumen und gegen Windmühlen kämpfen. Diese deutschen, kinderlosen, vom Staat oder den Eltern alimentierten Singles mit einer zum Tic verfestigten Trotzhaltung bestimmen zunehmend das Geschehen im Bezirk. Wer ihnen nicht passt, wie etwa der türkische Restaurantbetreiber Özkan Nas, wird verdrängt. Durch mafiaartige Einschüchterungsversuche werden die Menschen nach und nach vertrieben. Dann schmeißt man Buttersäure in Lokale, zündet Autos an (vgl. tip Nr. 08/2009, S. 19).

Unverbunden daneben her existiert eine türkisch-arabische Schicht, die sich immer stärker von der deutschsprachigen Gesellschaft abgekoppelt hat. Die Türken und Araber nehmen keinen Anteil am öffentlichen Leben des Bezirks. Die Kreisläufe der Kommunikation sind unterbrochen, Erstarrung macht sich breit.

Wie sieht es mit dem Kreislauf des Wirtschaftens aus? Der Bürgermeister Franz Schulz sagt:  „Der Kreislauf, dass Hauseigentümer mit dem Kauf und der Sanierung ihrer Häuser Profit machen können, muss unterbrochen werden“ (tip Nr. 08/2009, S. 8). Man lese diesen Satz zwei Mal! Mit Kauf und Sanierung von Häusern soll kein Profit gemacht werden – sondern, ja was? Verlust? Ein Nullsummenspiel? Ja, warum sollte dann überhaupt jemand sein Haus sanieren, wenn er damit nicht Geld verdienen kann?

Zu dem egoistischen Moralismus der Buttersäure-Werfer tritt also nun noch ein rabiater Dünkel gegen das Profitstreben. Mittelalterlichen Bußpredigern gleich, verwirft der Bürgermeister das Streben nach Gewinn, nach Besserung der Wohn- und Arbeitsverhältnisse. Alle sollen im Grunde von einer Art Subsistenzwirtschaft leben, z.B. von Hartz IV. Entwicklung wird abgelehnt. Das christliche Zinsverbot lässt grüßen, übermäßiger Gewinn galt bekanntlich als böse und wurde nur den Juden zugestanden. Es soll alles beim alten bleiben.

Lest selbst aus dem Bericht in der FAZ vom 3. April 2009, macht euch ein Bild. Vor allem: Versucht über den Tellerrand hinauszublicken, sprecht mit Kreuzberger Bürgern, den deutschen und den türkischen!

Aufstieg: Kreuzberg wird immer schicker – Hintergründe – Gesellschaft – FAZ.NET
Kreuzberg-Friedrichshain aber bildet eine eigene Kategorie: Die soziale Belastung ist hoch, aber insgesamt entwickelt sich der Bezirk günstig. Er hat die höchste Bevölkerungsdichte: Auf einem Hektar wohnen 217 Personen. Er gewann am stärksten an Bevölkerung: 12,6 Prozent zwischen 2002 und 2006. Seine Haushaltsgröße ist am kleinsten: 1,55 Personen (1,8 in Berlin). Er verlor viele Kinder (41 Prozent) unter sechs Jahren, hat aber anteilsmäßig die wenigsten Rentner und Pensionäre: 12,4 Prozent (22,5 in Berlin). Die Ausländerquote von Kreuzberg-Friedrichshain ist die zweithöchste Berlins: 23,23 Prozent. Der Bezirk hat die niedrigste Quote von abhängig Erwerbstätigen (59,7 Prozent, Berlin: 66,9), aber den höchsten Abiturientenanteil (45 Prozent). Die Arbeitslosenquote sank zwischen 2002 und 2006 um 6,4 Punkte. Das Pro-Kopf-Einkommen gehört zu den niedrigsten in Berlin: 825 Euro im Monat, nur in Mitte ist es niedriger – 800 Euro. In den Quartieren Wassertorplatz, Askanischer Platz, Mehring-, Oranien- und Moritzplatz leben die meisten Kinder in Hartz-IV-Haushalten, mehr als 70 Prozent. Die Lebenserwartung ist die niedrigste, 80,7 Jahre (statt 82) bei Frauen, 74,4 bei Männern (76,7 in Berlin).

So weit die Daten des Elends. Anders sieht es beim „Statusindex“ aus, der vor allem die Wanderungsbewegungen und die Schul- und Ausbildungsabschlüsse abbildet: Demnach sind die statushöchsten Bezirke Pankow und Kreuzberg-Friedrichshain. Letzterer gehört zu den vier Berliner Bezirken, in denen mehr als 70 Prozent der Bevölkerung in Gebieten mit überdurchschnittlich günstiger Sozialstruktur leben.

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Apr. 022009
 

mozartbild.jpg Dieses Bild zeigt die Kulissen einer Theateraufführung. Kinder aus der Kita am Kleistpark haben sie unter Anleitung von Irina Potapenko gemalt, Ira hat sie arrangiert und in unsere Mozartaufführung in der Kita eingebaut. Man muss an die Kinder glauben! Wir haben es geschafft: Die Kita am Kleistpark kommt groß raus – der Mozart, den Irina Potapenko in vielen Stunden mit eigenen Händen angefertigt hat, ziert sogar ein Foto in der Berliner Zeitung vom 31.03.2009. Meine Frau Irina und ich, wir haben unseren Sohn damals in die Kita am Kleistpark geschickt und den staunenswerten Aufschwung miterlebt.  Viele Hundert Stunden hat Irina als Mutter ehrenamtlich und ohne Bezahlung für die Kita gewerkelt, wir haben Konzerte und Puppentheateraufführungen gegeben, darunter mehrfach mit Mozart-Theaterstücken.

Sehr lesenswerter Artikel! Nur mit dem russischen Namen meiner Frau Irina Potapenko tun sich die deutschen Leute halt schwer. Den lässt man lieber ganz weg und schmückt sich mit den Früchten der geleisteten Arbeit. Die namenlose Mutti Ira Potapenko erscheint nur als „resolute Opernsängerin“. Dabei hat Irina Potapenko etwas getan, was wir öfter brauchen: Sie hat sich ehrenamtlich in die Kita eingebracht, hat mit Kindern gebastelt und gespielt, große Zauberflötenaufführungen vorbereitet und durchgeführt. Gut auch, dass es jetzt eine bezahlte und angestellte Musikerzieherin gibt, die dort gute Arbeit leistet und diese sehr gut verkauft! Ich meine: Jede Kita sollte ein solch gutes Programm für Musikerziehung haben. Lest selbst den Abschnitt aus dem unbedingt lesenswerten Artikel in der Berliner Zeitung:

 Dass sich die Kinder in der Kita am Kleistpark so viel mit Musik
beschäftigen, hat nicht etwa mit bürgerlichen Bildungsidealen zu tun.
Sondern auch mit Sprachproblemen vieler Eltern und Kinder hier, die
häufig einen Migrationshintergrund haben. Noch vor drei Jahren bangte
die Leiterin um die Zukunft der Kita. „Wir hatten das Problem, dass nur
türkische Familien ihre Kinder anmeldeten“, sagt Ute Kahrs offen.
Deutsche Eltern und Kinder blieben fern. „Mir war klar, dass
Integration nur funktioniert, wenn wir hier deutsche und ausländische
Kinder in Gruppen haben“, sagt sie.

Es gab dann dieses
Schlüsselerlebnis vor drei Jahren. Damals besuchte eine resolute
Opernsängerin die Kita. Die Frau aus Moskau sah sich skeptisch um in
den Räumen und sagte dann: „Kein Klavier? So etwas gibt es in Russland
nicht.“ Das wollte Kahrs nicht auf sich sitzen lassen. Sie besorgte ein
Klavier, und wenig später saß die Opernsängerin davor und gab ein
Klassikkonzert in der Kita. An diesem Abend beobachtete Kahrs die
Kinder, wie sie mit offenen Mündern der Musik lauschten. Das hatte sie
noch nicht erlebt: Kleinkinder, still und konzentriert.

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Sehnsucht nach dem Frühling, oder: Gibt es ein Sehnsuchtsglück?

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März 192009
 

18032009.jpg Gestern durfte ich wieder einmal den Sohn in die Schule bringen. Ein großes Projekt ist angesagt: das Frühlingsprojekt. Jedes Kind sollte etwas in den Unterricht mitbringen, das an den Frühling erinnert. Wir beschließen: unser Wanja bringt seine Geige mit und spielt darauf das Lied „Sehnsucht nach dem Frühling“. Während er sich die Geige unters Kinn klemmt, wärme ich das Publikum vor: „Sehnsucht nach dem Frühling – es geht so los: „Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün“, erkläre ich. „Wisst ihr auch, was Sehnsucht ist?“ Ein türkischer Junge, ein Drittklässler, meldet sich: „Sehnsucht ist, wenn man jemanden sehen will!“, antwortet er. „Sehr gut … und jetzt wollen wir hören, wie die Sehnsucht nach dem Fühling klingt.“ Wanja streicht das Lied fast ohne Stocken bis zum Ende durch, sogar das gis mit dem dritten Finger auf der D-Saite kommt fast sauber.  Großer Beifall – für mich als Vater ein echter Moment des Glücks!

Zuhause blättere ich wieder dieses und jenes Buch durch – wie es meine Art ist. Und siehe da, ich stoße auf einen Abschnitt über Sehnsuchtsglück:

Aristoteles versteht unter dem normativen Leitbegriff, dem Glück, nichts, was man passiv an sich herankommen lässt, weder den glücklichen Zufall eines Lottogewinns noch die Erfüllungen aller Hoffnungen und Wünsche, das Sehnsuchtsglück. Im Gegenteil kann und muß man sich das Glück erarbeiten. Es ist kein Geschick, das sich dem Zufall oder äußeren Mächten verdankt, sondern ein „Strebensglück“, für das man selber verantwortlich ist. […] Das Glück, das sich mit ziemlicher Verläßlichkeit erreichen läßt und auch vielen offensteht (hier zeigt sich eine Demokratisierung des Glücks), bedeutet vielmehr, daß eine Biographie als Ganze glückt. Das Strebensglück besteht in einem guten, einem gelungenen Leben.

Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie, Verlag C.H. Beck, München 2005, S. 59

Was für eine gute Fügung! Das ist es ja genau, worum wir uns in diesem Blog seit Tagen bemühen: einen Glücksbegriff, der in die Demokratie passt. Ein Glück, das unabhängig von der ethnischen Herkunft und der religiösen Zugehörigkeit ist.

Eine bekannte deutsche Partei bat mich im Jahr 2007, kurz nach meinem Parteieintritt: Erklären Sie doch mal in einem oder zwei Sätzen fürs breite Publikum, warum Sie raten, dass man einer oder auch unserer Partei beitreten soll. Ich überlegte mehrere Tage hin und her und sandte dann per E-Mail den folgenden Satz: „In der Demokratie sind wir quer durch alle Parteien Schmiede unseres Glücks. Angela Merkel halte ich für ein begeisterndes Vorbild.“ Ist das logisch? Wohl nicht unbedingt, ich wollte damit in jedem Fall ausdrücken, dass Merkel eine Politikerin ist, die auf Wähler in allen Lagern attraktiv wirkt. Und solche Politiker braucht unser Land, nämlich Politiker, die sich in einen fairen Wettbewerb um Ideen, Lösungen, Perspektiven begeben – denn die anderen Politiker, die laut und großspurig verkünden „Mir san mir“, gibt es genügend.

Genau so wurde der Satz dann auch in einen Flyer gedruckt. Ob er wohl irgendjemanden überzeugt hat? Ich glaub nicht. Aber ich steh dazu. Und jetzt glaube ich sogar zu ahnen, dass Aristoteles mir – als seinem geringsten und verlorensten Schüler – auf die Schulter klopfen würde. Ich bin überzeugt: Es ist für unseren Staat in jedem Fall besser, irgendeiner Partei beizutreten, oder eine eigene Partei zu gründen, als immer nur beiseite zu stehen und abzulästern.

Heute abend geht’s ja bei Maybrit Illner um genau dieses Thema: Verdruß und Mißtrauen genüber den Parteien. Ich weiß noch nicht, ob ich mir die Sendung antue. Wahrscheinlich wird der Schwarze Peter mal wieder an alle Parteien gleichzeitig verteilt. Dem erwidere ich:

Bürger, geht rein in die Parteien, unterwandert sie in Scharen, arbeitet für euer Glück – euer Strebensglück. Hofft weder auf das Sehnsuchtsglück noch  auf das Versorgungsglück – weder vom Schicksal noch vom Kismet noch vom Staat noch vom staatlichen Rettungspaket. Ihr seid der Staat.

So – und jetzt kann der Frühling kommen! Das Foto zeigt unseren Schulweg, zwei Tage vor dem Frühlingsbeginn.

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„Das war voll schön“

 Geige, Gute Grundschulen, Kinder, Märchengeiger  Kommentare deaktiviert für „Das war voll schön“
März 122009
 

Jede Gelegenheit nutze ich, um meinen Sohn in die Grundschule zu bringen oder von dort abzuholen. Heute früh schaffte ich es, da ich beruflich nicht gebunden war. Ich bestaune die bunten Vögel und die schönen lustigen Bilder, die die Kinder gestern unter Anleitung meiner Frau geschaffen haben. Das Ganze dient als Vorbereitung und Kulisse einer neuen Zauberflöten-Aufführung, die wir demnächst anbieten. Denn Papageno braucht die gefiederten Gefährten, damit er so richtig herumwirbeln kann.

Plötzlich höre ich reden: „Das ist der Mann, der beim Fasching Geige gespielt hat!“ Aha, die Parallelklasse 1a erkennt mich wieder! „Und bist du die Prinzessin, der wir damals gratuliert haben?“ frage ich das Mädchen. „Nein, die Prinzessin steht da drüben“, erfahre ich. „Aber ihr seht alle so anders aus heute, warum? „Ja, damals war doch der Fasching! Wir waren alle verkleidet“, sagen die Kinder. „Ach ja, wie dumm von mir!“, mit gespielter Überraschung schlage ich mir an die Stirn. „Und kannst du auch Gitarre spielen?“, fragt mich ein Junge. Ich bleibe bei der Wahrheit: „Nein. Aber möchtest du Geige lernen?“ „Nein.““Woher kennt Ihr dieses Gedicht, von … ich weiß nicht mehr, wie der heißt“, fragt ein anderes Mädchen. Jetzt schaltet sich mein Sohn ein: „Das ist kein Gedicht, sondern eine Geschichte“, sagt er belehrend, eine Spur altklug wohl gar. „Das ist die Geschichte vom Stier Ferdinand. Ich habe sie von einem Geiger gehört. Dann wollte ich die Geschichte selber spielen und erzählen. Da habe ich mir die Noten und die Geschichte gekauft“, erkläre ich. „Von wem ist diese Geschichte?“ Ich antworte: „Die Geschichte ist von Munro Leaf, und die Musik für Geige hat Alan Ridout geschrieben.“

„Das war voll schön“, erwidert das kleine türkische Mädchen.

Und wisst ihr was, Bloggers im Lande, Freunde? Dass ich dies heute hören durfte, war für mich . . . ebenfalls, wie soll ich sagen? . . . voll schön. Und deshalb werde ich weiterhin meinen Sohn in unsere wunderbare kleine Kreuzberger Grundschule bringen, sooft meine Zeit erlaubt.

Nebenbei: Der Geiger, von dem ich die Geschichte hörte, heißt Daniel Hope. Er spielte die Geschichte in der Staatsoper, bei einem Kongress über frühkindliche musische Bildung.  DAS MÖCHTE ICH AUCH KÖNNEN!, dachte ich damals, – und ein Jahr später war es soweit.

Das find ich voll schön. Echt.

 Posted by at 15:46

Eindringlicher Appell der Grundschulen: Mehr staatliche Rundum-Versorgung

 Familie, Faulheit, Kinder, Migration, Sozialadel, Sozialstaat, Verwöhnt  Kommentare deaktiviert für Eindringlicher Appell der Grundschulen: Mehr staatliche Rundum-Versorgung
März 042009
 

Zum selben Thema – der Tagesspiegel heute. Gut und lesenswert hierzu: die Leserdiskussion in der Online-Ausgabe.

Einige Leser sprechen sich dafür aus, die Eltern stärker in die Pflicht zu nehmen.

Ich selber meine: Man muss an die Eltern ran, hier versäumen die Migrantenverbände offenkundig ihre Aufgabe und erwarten alles vom Staat.

Unser Staat bietet allen Bequemen und Unwilligen jetzt schon traumhaft viel mehr als die Staaten Libanon und Türkei, die keinerlei vergleichbare sozialstaatliche Versorgung anzubieten haben.  Eine Familie, die in Deutschland  von Hartz IV lebt, hat ohne jede Anstrengung wesentlich mehr Mittel zur Verfügung als ein hart arbeitender Arbeiter oder Lehrer in den genannten Ländern. Die Zuwanderung in unser vorbildliches Sozial- und Bildungssystem wird unvermindert anhalten.

Es wird ja auch keinerlei Druck ausgeübt, aus dieser erlernten Hilfosigkeit auszubrechen.

Mein Kind besucht amtlicher Zuweisung gemäß eine Kreuzberger Grundschule „in  sehr schwierigem Umfeld“, die von den Deutschen gemieden wird, als wären wir alles Aussätzige. Die deutschen Eltern seilen sich ab, melden sich um, ziehen weg: „Nein, nein, zu denen, zu den türkischen und arabischen Hartz-IV-Empfängern – gehen wir nicht.“ In meines Sohnes Klasse ist kein einziges anderes Kind mit wenigstens einem deutschen Elternteil. Er selbst hat laut amtlicher Statistik ebenfalls „Migrationshintergrund“.

Die Entsolidarisierung ist in vollem Gange – vor allem seitens der betuchten, gut ausgebildeten Deutschen.

Aber: Durch diese dauernde Negativpropaganda werden diese Schulen schlecht geredet. Sie sind viel besser als ihr Ruf. Sie sind stark gefordert, aber sie leisten auch enorm viel.

Je mehr Geld man hineinsteckt, desto weniger werden die Eltern sich kümmern.

 Eindringlicher Appell der Grundschulen
In alarmierender Weise beschreiben die Pädagogen die Situation der Schüler: erwerbslose Eltern; eine vielfach „widersprüchliche und gewalttätige Erziehung“; beengte Wohnverhältnisse. Den Kindern fehle häufig sowohl die „physische Grundversorgung“ als auch emotionale Zuneigung. Sie hätten weder einen geregelten Tagesablauf noch eine gesunde Ernährung, „grundlegende Kultur- und Sozialtechniken“ seien ihnen fremd. Und schließlich führe der frühe Kontakt zu kleinkriminellen Milieus und Gewalt zu „sozialdarwinistischem Verhalten“.

„Die Schüler müssen erst delinquent werden, damit man sich um sie kümmert“, kritisiert Nabil Rachid vom Dachverband libanesischer Vereine. Vertreter des Türkischen Bundes sagten, dass man allein mit ehrenamtlicher Arbeit in den Schulen nicht mehr weiterkomme. Der Senat müsse das Engagement der Migranten – etwa als Elternlotsen – auch finanziell unterstützen. Zu den 14 „unabdingbaren Punkten“, die die Initiative formuliert hat, gehören verpflichtender Ganztagsbetrieb, Pädagogen mit Migrationshintergrund als „kulturelle Mittler“, kleinere Klassen, feste Anwesenheitszeiten von Schulpsychologen und eine Vertretungsreserve von zehn Prozent. „Es ist doch besser, jetzt in die Grundschulen zu investieren als später die Schulabbrecher aufwendig zu fördern, sagte Jürgen Schule, der die GEW im Gesamtpersonalrat vertritt.

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Soll man klagen oder soll man träumen?

 Kinder  Kommentare deaktiviert für Soll man klagen oder soll man träumen?
Feb. 262009
 

Klagen gehört zum Geschäft, verriet mir kürzlich ein angehender Rechtsreferendar hinter vorgehaltener Hand. Ich aber, ich klage nicht, denn: Heute abend wird einer meiner Träume wahr – ich darf alle 5 Direktkandidaten meines Wahlkreises zusammen erleben! Genau das habe ich mir doch gewünscht und diesen heimlichen Wunsch auch diesem Blog  am 22.01.2009 anvertraut! Das beste: Ihr könnt auch kommen!

Donnerstag, 26. Februar 2009, 19 Uhr, Rathaus Friedrichshain, Petersburger Straße 84-90, 10243 Berlin, Raum 301.  Bezirkselternausschuss Kita. Zum Thema vorschulische Bildung. Zugesagt haben alle Bundestagsdirektkandidaten unseres Wahlkreises.

Grund genug, ein paar Erinnerungen und Gedanken zum Thema frühkindliche Bildung zu Bildschirm zu bringen!

Zu meinen großen politischen Vorbildern gehört – eine Kita-Erzieherin meines Sohnes. Was mir an ihr auffiel: Ich hörte sie nie klagen – sie war bestens ausgebildet, sie kümmerte sich um jedes einzelne Kind, hatte ein Ohr für die Eltern, und sie trat uns auch mal schonend auf die Füße, wenn „Nachbesserung“ bei unserem Sprössling angesagt war. Die Spannungen zwischen einzelnen Kindern entschärfte sie – wie genau, das weiß ich nicht. Aber sie leistete erstklassige Arbeit, wie die Kita am Kleistpark überhaupt. Leider mussten wir diese Kita im vergangenen Sommer altersbedingt verlassen. Dieses Blog berichtete getreulich am 13.07.2008.

Wir erlebten natürlich auch die Umsetzung des hochtönend-großmächtigen Berliner Bildungsprogramms mit, das vor 5 Jahren beschlosen wurde. Es zeigte sich schnell: ein immenser Schreib- und Verwaltungsaufwand, der an der Situation vor Ort nichts änderte! Das Kita-Bündnis klagt, dass deswegen 1500 zusätzliche Erzieher benötigt würden. Die Berliner Zeitung berichtet heute ausführlich darüber:

Brandbriefe aus den Kitas – Berliner Zeitung
Vor bald fünf Jahren wurde das ambitionierte Berliner Bildungsprogramm beschlossen – seitdem sollen Kita-Erzieher nun unter anderem den kindlichen Lernfortschritt genau dokumentieren, sie sollen mehr Zeit haben für Teambesprechungen, Projektorganisation und Elterngespräche. Ein Jahr später wurde eine Qualitätsvereinbarung zwischen Senat und Kita-Trägern vereinbart. Dabei wurde auch festgelegt, dass der personelle Mehrbedarf für das neue Berliner Bildungsprogramm bis 2009 ermittelt werden sollte. Die Bildungsverwaltung macht aber bis heute keine Angaben zum benötigten Mehrbedarf an Personal.

Eine wissenschaftliche Studie im Auftrag des Kitabündnisses hatte zuvor ergeben, dass Erzieher wöchentlich neun Stunden zusätzliche Zeit braucht, um die beschriebenen Bildungsziele zu erreichen. Derzeit stehen einem Kita-Erzieher aber für diese „mittelbare pädagogische Arbeit“ nur zwei bis drei Stunden pro Woche zur Verfügung. Deshalb macht das Kitabündnis, in dem sich die Berliner Kita-Träger zusammengefunden haben, einen Mehrbedarf von gut 1 500 Erziehern geltend.

Die Erzieherinnen und das Kita-Bündnis treten dem Senator Zöllner auf die Füße, der Getretene gelobt: „Ich werde mich für eine weitere Stärkung der Kitas einsetzen“, nicht ohne hinzuzufügen, dass Eltern in anderen Bundesländern von Berliner Kita-Bedingungen nur träumen könnten.

An den Einlassungen beider Seiten ist was dran! Was die Unterbringung angeht, hatten wir es eigentlich in Berlin sehr gut: Wir bekamen verlässlich Unterbringung unseres Sohnes von 8.00 bis 18.00 Uhr zugesichert, das reichte uns auch vollkommen aus – wir riefen dieses Angebot nur sehr selten in vollem Umfang ab. In anderen – vor allem den westlichen – Bundesländern sieht es bei weitem nicht so gut aus.

Und auch von den Verhältnissen aus anderen Ländern und Zeiten sind wir weit entfernt. Ich hörte aus der Sowjetunion, dass dort eine Erzieherin allein für 40-60 Kinder zuständig war, und aus der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre weiß ich, dass der Betreuungsschlüssel ebenfalls weit höher war als heute: 20 bis 25 Kinder auf eine Erzieherin waren normal.

Ich hätte mir oft mehr Austausch mit den anderen Kreuzberger und Schöneberger Eltern gewünscht, was aber häufig daran scheiterte, dass ich nicht genug türkische oder arabische Sprachkenntnisse mitbrachte, um mit der Elternmehrheit ins Gespräch zu kommen.

Ich vermisse in der aktuellen Debatte, dass unsere Familien, also ich und meine Miteltern, stärker an ihre Pflichten erinnert werden. Der Staat allein kann nicht allen einzelnen Kindern mühselig die Landessprache Deutsch beibringen. Der deutsche Staat, der Berliner Senat tut bereits sehr viel – jetzt sind wir Eltern stärker gefordert. Davon bin zutiefst überzeugt. Vor allem die Väter und Mütter sollten sich bemühen, die deutsche Sprache zu lernen. Gerade gestern habe ich wieder versucht, mit zwei Kreuzberger türkischen Müttern ein einfaches Gespräch zu führen. Es war nicht möglich, da ich praktisch kein Türkisch kann. Und sie praktisch kein Deutsch. Mit Händen und Füßen klappt es einigermaßen – man versichert sich gegenseitig seine Hochschätzung und sein Wohlwollen, das ist auch sehr wichtig.

Etwas weniger türkisches oder arabisches Satellitenfernsehen scheint mir angebracht. Weniger teure Handys, weniger teure Video-Spiele. Warum nicht mal die herrliche Sendung mit der Maus gemeinsam kucken – und zwar in deutscher Sprache? Oder mal ein deutsches Kinderbuch lesen?

Soll man klagen oder träumen?

Ich meine – weder noch! Man soll anpacken, sich Mühe mit seinen Kindern geben, und nicht das Spiel Schwarzer Peter endlos weiterspielen. Diesen Aufruf richte ich an die Eltern, nicht an den Staat und nicht an die Erzieherinnen und Erzieher. Jetzt sind wir Eltern dran.

Und ja: Ich bin für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen für unsere Erzieherinnen und Erzieher. Das bedeutet vor allem: mehr Zeit für Kinder – weniger Schreibarbeit. Die Berliner Kitas leisten Hervorragendes. Sie sind meine Vorbilder.

 Posted by at 12:07