Die Papyri in Syrakus

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Aug. 202010
 

29062010012.jpg Allen kreuzbraven Literaten, Kreuzberger Ökologinnen, klassischen Philologen, Pasolini-Verehrern, Klimaschützern, provinzialrömischen Archäologen und Alt-68ern sei heute die gestrige Nachrichtensendung von Rai Due empfohlen: Die Sendung wird beschlossen durch ergreifende Aufnahmen der in der Nähe von Syrakus am Flusse Ciane wild wachsenden Papyri, welche Pier Paolo Pasolini so sehr begeisterten! „Nur hier in Sizilien und in Ägypten wächst der Papyrus“, erklärte seinerzeit die Schauspielerin Adriana Asti dem Schriftsteller.

Der aus Nordafrika stammende Papyrus war über mehr als zwei Jahrtausende das wichtigste Trägermedium des kulturellen Gedächtnisses! Er löste in dieser Rolle das Auswendiglernen und das Rezitieren ab. Er trug, stützte, hegte die literarische Tradition viel länger als etwa das Pergament oder das Papier dies je geschafft haben.

Die getrockneten, kreuzweise in Streifen übereinandergelegten und gepressten Faserbündel der Papyrusstaude dienten in der gesamten Antike als wichtigster Beschreibstoff und haben in trockener Umgebung im günstigsten Fall bis heute überdauert, etwa in Gestalt der berühmten Codices vaticani.

Nur dank des Papyrus konnte der Kanon der Literatur, welcher zur Bildung Europas führte, auf uns gelangen! Ohne Papyrus hätten wir heute kein Neues Testament, keinen Caesar, keinen Cicero, keinen Platon, keinen Pasolini. Wir hätten die Schriften dieser Autoren nicht mehr! Und Pasolini wäre ein ganz anderer gewesen, wäre ein ganz anderer geworden.

Man spricht heute so viel von der digitalen Revolution. Der Papyrus löste aber im 1. Jahrtausend v. Chr. eine – wie ich glaube – noch wichtigere Revolution aus: die umwälzende Entdeckung, dass hochkomplexes menschliches Wissen sich in Zeichen speichern und transportieren lässt.

Die japanische Restauratorin Mila Ori (?), die in gepflegtem Italienisch einen Text Pasolinis über Die Papyri von Syrakus vorträgt, empfehlen wir ebenfalls allen Ökotussis usw. als eine Art akustische Kirschblüte.

Bild: Schützenswerte (?) Spontanvegetation, Magerbodenbewuchs mit Klimaschutzeffekt (?) in einem schlichten Betontrog, spätes 20. Jh. n. Chr.(?), am U-Bahnhof Gneisenaustraße, Kreuzberg, aufgenommen am 29.06.2010 (n. Chr.)

Video Rai.TV – TG2 – TG2 ore 20:30 del 19/08/2010

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Aug. 192010
 

Berlin – Moskau, aus der Sicht des Radfahrers mögen das gänzlich verschiedene Welten sein. Unser Bild zeigt ein Schild aus dem Technikmuseum der Stadt Moskau, aus dem hervorzugehen scheint, dass es von Berlin nach Moskau nur 65 km sind.

Und so gibt es Verbindendes.

„Pionier- und Zwischennutzung“ – derartige Schilder sind derzeit am Flughafen Tempelhof angebracht. Und eben solche „Pionier- und Zwischennutzer“ des Fahrrades entdeckte ich bei meinem Russland-Aufenthalt – ja, wir betätigten uns sogar selbst als eifrige „Pioniere des Fahrrades“.

Erste Trends sind klar: Die Kinder und Jugendlichen entdecken das Fahrrad für erste Ausflüge und Spritztouren. Mountainbikes gelten als Statussymbole. Fischer nutzen Mountain-Bikes für ihre Fangtouren und treideln am Fluss entlang. Im Alltagsverkehr hingegen spielt das Fahrrad noch keine Rolle. Man fährt Auto oder Metro, Bus oder Bahn, aber noch nicht Rad.

Dabei sind die Boulevards in Moskau riesig breit, es böte sich an, die rechteste Fahrspur an den acht- bis 16-spurigen Ringstraßen ganz für die Radfahrer zu reservieren: Zukunftsmusik nach Art eines Leo Tolstoi, der sich für geradezu mönchische Bescheidenheit in der Lebensführung einsetzte! Das mag sein.  Aber diese Vorschläge sind dennoch nicht unrealistisch. Denn alle sind sich einig: Die Luft in Moskau und in Russland muss besser werden. Mehr Fahrrad statt Geländewagen wäre ein Weg dahin. Man kann auch durch die neueste Scheibenbremse am Fahrrad seinen Reichtum unter Beweis stellen.

YouTube – Radfahrer an der Rubljowka 15082010009

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Aug. 192010
 

18082010006.jpg18082010005.jpg Ein erster Spielplatzbesuch am Viktoriapark in Kreuzberg zeigte gestern frische, vor der Abreise unbekannte Graffiti: alle Hinweistafeln, in denen der Schutz der Grünflächen gefordert wird, waren durch weiße Farbe, durch Übersprühen und Bekleben unkenntlich gemacht.

18082010001.jpg Was Graffiti und Beschmierungen angeht, plädiere ich für eine Null-Toleranz-Politik.  Jedes Graffito sollte sofort entfernt werden, am besten durch die Verursacher selbst, ersatzweise durch Bürger – z.B. Schulkinder oder Arbeitslose – in Arbeitseinsätzen außerhalb der Unterrichtszeit, ansonsten notfalls eben auf Kosten der Steuerzahler.

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Dann fehlt halt das Geld – etwa für Bildung und Erziehung –  an anderen Stellen. Wenn Graffiti stehen bleiben, folgt bald die erste eingeschmissene Scheibe, dann bleiben die beeindruckenden Müllberge nach den beliebten Grillfesten unserer beliebten Mitbürger liegen.

Das Grillverbot im Viktoriapark halte ich für goldrichtig.

Hinweisschilder sind wichtig, um den Grünflächenschutz unserer Grünanlagen durchsetzen zu können. Schilder und Gebote sind wichtig für den Umfeldschutz. Wo kein Umfeldschutz möglich ist, kann man den Umweltschutz gleich vergessen, ganz zu schweigen vom Klimaschutz.

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„Regeln? Sind doch nur für Angsthasen!“

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Aug. 182010
 

16082010023.jpg Nach 1-2 Tagen habe ich mich schon wieder auf Berliner Verhältnisse eingestellt. Es ist hier 20 Grad kühler, die Umweltprobleme sind in Deutschland um den Faktor 20 kleiner, die Wassermelonenpreise sind hier um den Faktor 10 höher. Der gefühlte Staubgehalt der Luft ist um den Faktor 100 niedriger.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Spazierengehen in Nikolina Gora („Nikolsberg“) und Kreuzberg springt mich sofort an: Es begegnen einem in Russland auf den Bürgersteigen fast keine Radfahrer. Ich muss sagen: Die allseits beliebten Berliner Gehwegradler fehlten mir in Russland geradezu. Traurig!

Wie anders hier in Kreuzberg! Erst gestern lachten wir herzlich: Mein achtjähriger Sohn nahm sich auf dem Gehweg in der Hagelberger Straße, einer breiten, asphaltierten, kaum von Autos befahrenen Straße, die Freiheit, sein Fahrrad von der Parkposition zu schieben und es umständlich hin- und herschiebend zu wenden. Er versperrte somit für einige Augenblicke mit seinem Rad den Gehweg. Zwei Radfahrerinnen von etwa 25 Jahren radelten in seinem Rücken fröhlich plaudernd auf dem Bürgersteig auf ihn zu. Selbstverständlich gingen sie davon aus, dass der fahrradschiebende Junge ihnen, den doch etwa 15 Jahre älteren Damen, ehrerbietig Platz machen würde. Allein – er nahm sie nicht wahr, da er keine Augen im Rücken hat! Offenkundig hatte er sich noch nicht wieder darauf eingestellt, dass hier in Kreuzberg jederzeit von allen Seiten und in allen Geschwindigkeiten Radfahrer die Gehwege benutzen.

Mit Vorliebe dann, wenn die Straßen breit und wenig befahren sind; noch lieber dann, wenn direkt daneben Radwege oder Radstreifen sorgsam angebracht sind.

Was tun? Die beiden Gehwegradlerinnen schienen gestern wenig erbaut, nahmen das unerwartete Verkehrshindernis aber dann doch gelassen und mit Humor.

„Das ist offenbar ein selbsternannter Hilfspolizist. Er möchte euch Gehwegradlerinnen erziehen“, rief lachend ein Mann, der die lustige Szene beobachtete. „Wir haben verstanden“, rief eine der beiden Radfahrerinnen lachend. Und sie radelten nebeneinander auf dem Gehweg weiter, fröhlich plaudernd.

Ich fasse das so auf: Die Radlerinnen wussten offenbar, dass sie etwas Verbotenes taten. Da aber die Verbotsübertretung ohne jede Folgen bleibt, wird das Verbot als nichtexistent angesehen. Die Verkehrsregeln gelten offenbar für die Radfahrerinnen nicht. Sie werden ignoriert.

Und weiter geht’s in derselben Tonart: Ein erster längerer, beruflich veranlasster Weg führte mich gestern von Kreuzberg nach Steglitz. Auf etwa 9 km Fahrt beobachtete ich wieder die vertraute allbezirkliche Rotlichtmissachtungsquote von mindestens 50% bei den Radfahrern – aber umgekehrt eben auch etwa die Hälfte aller Radfahrer, die bei Rot anhielten.

Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Es kommt darauf an. Am besten ist: Nicht drüber nachdenken!

Die Schulkinder merken jedenfalls schon von Anfang an, dass der Radverkehr in Berlin nicht so abläuft, wie es ihnen in der schulischen Verkehrserziehung beigebracht wird.  Sie lernen im Straßenverkehr sehr früh, dass man sich über über staatliche Regeln des Zusammenlebens ohne weiteres hinwegsetzen darf.

Was im Straßenverkehr hundertfach zu beobachten ist, kann für andere Bereiche nicht falsch sein: Gehäuftes Ignorieren der roten Ampel, Alkohol für 12-Jährige, Graffiti an Schulwänden, Zuspätkommen im Unterricht, kleinere Ladendiebstähle, das Überklettern der Zäune im Prinzenbad, kleine und große Lügen … das alles sind gleichermaßen wichtige außerschulische Lernerfahrungen für unsere Schulkinder. Diese Vergehen haben eines gemeinsam: Sie schädigen keinen anderen Menschen direkt und unmittelbar. Sie „sind doch nicht so schlimm“.

Unsere Schulkinder lernen im Straßenverkehr, vor allem im Fahrradverkehr, Tag um Tag sehr eindrücklich, dass man sich folgenlos über die Regeln, welche die Erwachsenen in der Schule verkünden, hinwegsetzen darf – oder kann – oder sogar muss! Der berüchtigte „Gruppenzwang“ setzt ein. „Wer hält denn schon bei Rot an!“ „Wer bezahlt denn schon an der Kasse! Doch nur die Angsthasen!“

Verkehrsregeln sind doch nur etwas für Angsthasen„, so erklärte mir diese Zusammenhänge vor einigen Wochen fröhlich lachend  der zehnjährige Wilhelm, ein Kreuzberger Schulkamerad meines Sohnes.

Die konsequente Nichteinhaltung der Verkehrsregeln, ja der Regeln des Zusammenlebens überhaupt, ist ein entscheidender Baustein für die spätere Karriere Wilhelms (dessen Namen wir verändert haben), die ihn – wie bereits jetzt seine älteren Brüder – mutmaßlich vor das Jugendgericht bringen wird, sobald er die Strafmündigkeit von 14 Jahren erreicht hat. Die zu erwartenden Folgen kann man dann nachlesen in Büchern wie etwa „Das Ende der Geduld“ von Kirsten Heisig.

Den erwachsenen Gehwegradlerinnen von der breiten, wenig befahrenen, gut asphaltierten Hagelberger Straße gilt mein herzlicher Dank, dass sie mir gestern erneut diese Einsicht vor Augen gerückt haben.

Übrigens: Meiner angestammten Leidenschaft, dem Fahrradfahren, habe ich selbstverständlich auch in Russland gefrönt. Dort oben seht ihr die zwei Fahrräder aus alten Zeiten, mit denen wir in den vergangenen Tagen die landschaftlich berückend schöne Gegend rings um das russische Nikolsberg erkundeten.

Mehr dazu bald in diesem Blog!

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Aug. 172010
 

 Tief bewegende, ereignisreiche Tage im Gebiet Moskau liegen hinter mir.

Das Bewusstsein gemeinsam bestandener Gefahren stiftet Vertrautheit, das Gefühl starker Zusammengehörigkeit zwischen den Russen und dem hier bloggenden Deutschen.

Bild- und Videomaterial von dem Rauch habe ich aus Russland mitgebracht und werde dies in den nächsten Tagen nach und nach in diesem Blog sowie auf Youtube veröffentlichen. Einfach immer wieder mal reinschnuppern.

Bild: Am Fluss Moskwa, das rauchverhangene sogenannte „Diplomatenufer“ in der Siedlung Nikolina Gora im Landkreis Moskau.

YouTube – Russland. Wald- und Torfbrände. 2010

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blogs schweigen

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Aug. 072010
 

bis 16. August no blog. Blogger hockt, kuckt&kocht bei moskau. Poka!

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Juli 292010
 

Die Muslime in den USA gelten als besser integriert, als wohlhabender denn etwa die eingebürgerten Hispanics oder die Schwarzen, deren Vorfahren vor Jahrhunderten als Sklaven nach USA verschleppt oder verkauft wurden. Woran liegt dies?

Drei einfache Kriterien für gelingende Integration in den USA nennt Lamya Kaddor:

„Man ist dann integriert, wenn man erstens für die grundlegenden Werte der Freiheit, der Gleichheit und des Eigentums einsteht, wenn man zweitens seinen eigenen Lebensunterhalt verdient und wenn man drittens wenigstens soviel Englisch beherrscht, dass man sich verständigen kann“ (Muslimisch – weiblich – deutsch, S. 106).

Wann ist man als Zuwandrerin Deutschland erfolgreich integriert? Ich würde sagen: Man ist in Deutschland integriert, wenn man erstens nach acht Jahren Aufenthalt einen unbefristeten Aufenthaltstitel erlangt hat und damit unabhängig von der Staatsangehörigkeit alle gesetzlichen Ansprüche eines Bürgers gegenüber dem deutschen Sozialstaat geltend machen kann, wenn man zweitens ein Netz aus verwandtschaftlichen Beziehungen und staatlichen Fürsorgeleistungen geknüpft hat, das einem das Verharren in der Herkunftskultur ermöglicht, und drittens, wenn man durch Heirat mit einem Partner derselben ethnischen Herkunft die Ansprüche auf Versorgung und materielle Sicherheit generationenübergreifend verstetigt hat.

Ich übertreibe geringfügig, dennoch läuft es heute in den meisten Fällen bei uns in Berlin-Kreuzberg  so ab. Es war vor zwanzig Jahren noch nicht so, aber heute ist es überwiegend so. Besserung ist nicht in Sicht, solange man nicht grundsätzlich am Sozialstaat etwas ändert. Ich vertrete – übrigens weitgehend allein auf weiter Flur – folgende Ansicht: Mit der jetzigen Sozialgesetzgebung ist die Integrationsproblematik nie und nimmer zu bewältigen. Im Gegenteil: Es werden ständig neue überflüssige, ideologisch belastete Nebenkriegsschauplätze aufgemacht, so etwa jetzt das Burka-Verbot. Ein Zeichen der Hilflosigkeit, dass darüber in Frankreich und Holland so ausführlich diskutiert wird!

Sobald die einzelnen Familien, vor allem aber die jungen Männer gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt durch legale Beschäftigung selbst zu erarbeiten, werden die meisten Probleme der Integration „der Muslime“ sich innerhalb weniger Jahrzehnte wie in den USA in Luft auflösen. Die meisten – nicht alle.

Den Nikab, also die Ganzkörperverhüllung, bei der ausschließlich ein kleiner Augenschlitz freigelassen wird, den kenne ich aus der Schule und dem Supermarkt bei mir um die Ecke. Es sind Frauen aus nach außen extrem abgeschlossenen Familien, die neuerdings in Kreuzberg den Nikab tragen und die ich nach den deutschen Kriterien (nicht nach denen der USA) als hervorragend integriert bezeichnen würde. Schulnote 1.

Ich meine: Wir sollten schon erklären, ob wir eine „weiche“ Integration nach US-amerikanischen Vorbild oder eine hervorragend gelungene, systemisch verankerte Integration so wie bisher in Deutschland haben wollen.

Es hat sich doch überall herumgesprochen, mit welchen Kniffen und Angaben man – unabhängig von der Staatsangehörigkeit – die Integration ins deutsche Sozialhilfewesen erreichen kann.

Ich meine ferner: Was die Deutsche Lamya Kaddor sagt, etwa auch in einem aktuellen Interview zum Thema Freiheit, zum Thema Burka-Verbot, sollte man mindestens diskutieren:

Deutschlandfunk – Interview – „Ich würde nie so weit gehen, ein ganzes Verbot auszusprechen“
Darüber hinaus hat übrigens gestern das Pew-Forum in Amerika eine Umfrage veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass die meisten Europäer diesem Verbot zustimmen, aber die meisten Amerikaner interessanterweise eben nicht, und man muss sich fragen: Woran liegt das. Leider wird die Begründung nicht aufgeführt, da werden also nur die Zahlen, die Statistiken benannt. Ich glaube, das hat sicherlich auch damit was zu tun, dass dem Begriff der Freiheit, der persönlichen Freiheit in Amerika einfach eine viel größere Bedeutung zugemessen wird, als man das hier in Europa tut – leider.

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Deutsche Lehrerin bietet Geert Wilders ein öffentliches Forum in der Schule!!

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Juli 282010
 

Sie steigt und steigt in meiner Hochschätzung. Wer? Lamya Kaddor. Wie das? Neben vielen anderen richtigen Einsichten, die sie in ihrem Buch ausbreitet, hat sie es gewagt, den Film „Fitna“ von Geert Wilders im islamisch-christlich gemischten Religionsunterricht einer zehnten Klasse vorzuführen – als „problemorientierten Einstieg in das Thema religiöse Vorurteile“. Wohlgemerkt ohne einen Vorab-Kommentar zu liefern!

Als der Abspann lief, hatte die ganze Klasse Fragezeichen in den Augen“ (S. 124).

Eine Journalistin einer namhaften deutschen Tageszeitung war anwesend, spitzte die Ohren.

Aber so sind wir doch gar nicht“ – so die einhellige Reaktion der Klasse, die zu 80% aus muslimischen Jugendlichen bestand. Dennoch entspann sich ein lebhafter, im Streit geführter Dialog.  Ein Dialog zwischen rassistischen Vorurteilen, verletztem Stolz und – allmählichem Umdenken auf seiten des „Rassisten“.

Ich halte das Vorgehen Kaddors für vorbildlich. Den Gegner auf seinem Feld stellen, Vertrauen in das offene Wort setzen, vorhandene negative Empfindungen anerkennen, ernstnehmen – und im Gespräch und mit viel Geduld eine Wandlung, eine Läuterung im Gegenüber herbeiführen. Diese Wandlung durch Umdenken ist ein zutiefst jüdisch-christlich-muslimischer Gedanke!

Andreas, der Schüler, der offen rassistisches Gedankengut geäußert hatte, meldete sich zu Wort: „Also, ich wollte euch und Ihnen, Frau Kaddor, noch etwas sagen. Was ich da gesagt habe, mit den Ausländern und den Arbeitsplätzen und so, das tut mir leid.“

Staunen in der Klasse, dann brandete Applaus auf!

Ich empfehle allen, die in Berlin mühsam um ein Zusammenkommen der drei abrahamitischen Religionen ringen, die Seiten 124-128 in dem Buch „Muslimisch – weiblich – deutsch“ zu lesen.

Lamya Kaddor: Muslimisch – weiblich – deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag C. H. Beck. München 2010

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Sein Name sei Burâq!

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Juli 282010
 

14052010004.jpg Ein äußerst verlässliches, leistungsstarkes Ross ist in alten Darstellungen der Burâq: halb Pegasus, halb Kentaur, vereint er ein Menschenantlitz mit dem Körper eines Pferdes, das mit Flügeln begabt ist. Die antike griechische Vasenmalerei bringt zahlreiche Darstellungen dieser fabelhaften Mischwesen, Goethe lässt den Kentauren namens Chiron im zweiten Akt des Faust II wertvolle Dienste als Leichtflugzeug und enzyklopädisch gebildeten Berater erbringen.

In nur einer Nacht konnte ein solcher Burâq genannter Kentaur seinen Reiter von Mekka nach Jerusalem und wieder zurück bringen.

Wir haben beschlossen, unser himmelblau und nachtschwarz geschecktes Stahlross mit dem Namen Burâq zu benennen. Bergab läuft Burâq so schnell und sicher, dass man in der Tat abzuheben meint. Auch bei Geschwindigkeiten weit jenseits der 50 km/h hält er den Geradeauslauf trefflich, schluckt Unebenheiten gutmütig weg. Wittert er den Stall, so legt er noch ein Quentchen zu. Dies stellte er am vergangenen Sonntag beim Zieleinlauf in der Brühlschen Gasse am Terassenufer in Dresden unter Beweis:

dresr10ost00571.jpg

Unsere Darstellung ganz oben zeigt den Burâq unserer Wahl auf dem Flugfeld Tempelhof, bereit zum Abheben.

Wer an älteren Darstellungen des Burâq interessiert ist, der sei auf zwei persische Darstellungen aus dem 15. Jahrhundert verwiesen, die bequem in folgendem Fundort nachzuschlagen sind:

Der Koran für Kinder und Erwachsene. Übersetzt und erläutert von Lamya Kaddor und Rabeya Müller. C.H. Beck Verlag, München 2008, S.  87 und S. 221

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Juli 272010
 

kaddor32cda952-a1ac-443f-9daf-9c773554bf52g300.jpg Jeder, der das neue, heute bereits vergriffene Buch von Kirsten Heisig nicht erhalten hat, sollte zunächst einmal das Buch „Muslimisch – weiblich – deutsch“ von Lamya Kaddor lesen. Ich sage mit dem Kirchenvater Augustinus: Tolle lege! Oder, wie es Koran zu Beginn sagt: Iqrâ! Was für eine begeisternde Geschichte! Glauben im Hier und Jetzt – das vollzieht sich als das ganz persönliche Ringen, Prüfen, Erzählen, Beten der einzelnen Gläubigen. Darin sind Islam und Christentum einander sehr verwandt. Lamya Kaddor findet einen kräftigen, lebensbejahenden, mutigen Ich-Ton. Sie erzählt ihre Geschichte – und damit erzählt sie zugleich die Geschichte ihrer Religion in ihrem Heimatland, also in … nein, nicht „Nordrhein-Westfalen“, sondern „Deutschland“.

Ein Satz wie „Ich glaube – mit Wenn und Aber“ stößt genau jene Tür zu einem in der Zeit stehenden, modernen Islam auf, wie ich ihn mir so sehr wünsche von meinen vielen muslimischen Nachbarn und Bekannten und Mit-Eltern.

Ich halte dieses Buch für das derzeit beste Werk zum Thema „europäischer Islam“, ein echter Meilenstein auf dem Weg der „Vermittlung“. Islam als Religion der „Vermittlung“, warum denn nicht? Das ist doch eine großartige Vision!

Von der persönlichen Erzählung  über die historische Belehrung hin zur politischen Forderung geht das Buch. Architektonisch klar gegliedert wie eine Moschee. Ein geistiger Genuss, der mir heute den Nachmittag verschönte, den ich mit meiner Familie im heimatlichen Prinzenbad abschloss, wo einige Arabisch sprechende Jugendliche unschuldig herumtollten und planschten.

Lamya Kaddor: Muslimisch – weiblich – deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag C. H. Beck. München 2010

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Kreuzberger Michelin-Männchen springt Besenwagen von der Schippe

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Juli 262010
 

dresr10ost0020.jpgNo child left behind – Niemand darf zurückbleiben – niemand soll abgehängt werden!“ So hört man es immer wieder. Und diese Worte klangen mir im Ohr, als ich beim Dresdner Jedermannrennen „Race Day Dresden“ gestern einige Kilometer hinter dem Feld herfuhr. Denn nach etwa 10 Kilometern konnte ich den Anschluss an das Peloton nicht halten: Ich musste den Helm lockern, die Kapuze von über dem Helm abnehmen, Kapuze wieder aufziehen, Helm wieder aufsetzen. „Das sind die Letzten …“ riefen Zuschauer einander zu, als wir hinter Pirna einen 700 m langen Berg hochstrampelten.  Hinter mir tuckerte im ersten Gang ein bulliger Diesel. Er ließ sich nicht abschütteln.  „POLIZEI – Schlusswagen“ stand bedrohlich auf ihm. Ich bin sonst immer polizeifreundlich gesonnen, aber gestern war sie mir UNSYMPATHISCH. „Jetzt durchhalten! Jetzt weißt du also, wie sich die Benachteiligten in unserer Gesellschaft fühlen! Du bist das hintere Drittel, du bist der Letzte! Du bist der Schulabgänger ohne Abschluss.“

Ich schnappte am Verpflegungspunkt eine Banane und versuchte, die herrlichen Ausblicke in die Sächsische Schweiz zu genießen. Der POLIZEI-Schlusswagen fuhr weiter! Der BESENWAGEN hattte mich überholt! Ich war draußen! Ich trat in die Pedale, kämpfte mich heran. Ich überwand den Schlusswagen. Überholte die vorletzte Rennfahrerin, sprach ihr Mut zu: „Wir schaffen das!“ „Irgendwie werden wir es schaffen!“, lächelte sie zurück.

Nach und nach trocknete die füllige blaue Regenjacke, die ich am Start übergestreift hatte. Denn es hatte zu Beginn des Rennens eine Stunde lang ohne Unterlass geregnet. Die Regenjacke wölbte sich, blähte sich im Wind, ein Abbremsen auf den langen Schussfahrten wurde überflüssig. Und sie sorgte dafür, dass der Anstieg nicht zu leicht wurde. Die Rennschuhe waren vollkommen durchnäßt, statt zweier Füße spürte ich das ganze Rennen über zwei bewegliche Eisbeutel kreisen.

So fuhr ich gestern zwei Drittel des Dresdener Jedermann-Rennens im festen Bewusstsein, der Letzte im Feld zu sein. Mein einziges Ziel war es, innerhalb der geforderten Zeit (Durchschnitt 25 km/h) anzukommen und nicht disqualifiziert, nicht vom Besenwagen eingesammelt zu werden.

Ich erreichte die Zieleinfahrt vor der Semper-Oper nach dreieinhalb Stunden mit weichen Knien und unter dem herzlichen Beifall der Zuschauer.

Ich plauderte mit einigen Mitstreitern. Alle fanden das Rennen ungewöhnlich schwer. Angeblich hatte ein ehemaliger Weltmeister das Rennen gewonnen. Die Jedermann-Rennen sind, wie man vernimmt, für Ex-Profis lukrativ geworden.

Zu meiner Überraschung muss ich heute im Internet feststellen, dass ich keineswegs der Letzte war, sondern unter den 170 männlichen Teilnehmern des 88-km-Rennens Rang 129 herausgefahren habe. Ich kann mir das nur so erklären, dass sich verschiedene Felder gebildet hatten – bei einem hatte ich abreißen lassen müssen, und das nächste Feld hatte mich offenbar nicht eingeholt.

Mein selbstgestecktes Ziel, nämlich unter die besten 70% der 182 Teilnehmer zu fahren, habe ich also um 1-2 Plätze verfehlt. Aber unter den schlechtesten 30% war ich (fast) der Schnellste.

Merke, oh Unqualifizierter, Benachteiligter, Letzter dieser Welt: Du bist nicht so schnell der Letzte, wie du denkst. Besser ist es, zu kämpfen als aufzugeben. Aufgeben, nur weil man der Letzte ist? Niemals! Denn: So mancher, der sich für den Letzten hielt, wird der Erste unter den Letzten sein.

Ein spannendes, lehrreiches Rennen! Ich schließe dieses herrliche Rennen in mein Gedächtnis ein im Bewusstsein, der Erste unter den Letzten gewesen zu sein.

UND: Nächstes Jahr fahre ich ohne Michelin-Regenjacke – da mag es schneien und graupeln so viel es will.

Ein paar Impressionen findet ihr auf Youtube:

Start Race Day Dresden 122 km 

Startvorbereitung Race Day Dresden 88 km

Mitschwimmen im Hauptfeld Race Day Dresden

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„Niemand opfert sein Kind für die Integration“

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Juli 262010
 

Derartige Vorwürfe musste ich armer Kreuzberger Vater mir immer wieder anhören – von anderen deutschen Eltern, von Sozialarbeitern … dafür, dass wir unseren Sohn in eine ganz normale staatliche Schöneberger Kita und staatliche Kreuzberger Grundschule geschickt haben. Dort wo teils türkische, teils arabische Schüler mit ihren allgemeinen Lernbedürfnissen die absolute Mehrheit stellen und die wenigen deutschen oder nichtmuslimischen Kinder mit ihren besonderen Lernbedürfnissen eher nebenher laufen. Wobei die Politiker des linken Parteienspektrums mit ihrem leidenschaftlichen Faible für das „gemeinsame Lernen“ sich bemerkenswerterweise stets vornehm zurückhalten.

„Das Wertvollste, was du hast, den eigenen Sohn, das kannst du doch nicht DIESER Welt opfern …!“ DIESE Welt? Darüber schreiben Güner Balci, Kirsten Heisig, Kazim Erdogan, Heinz Buschkowsky und einige andere.

Kein Zweifel:

Hier in Berlin, vor allem Kreuzberg und Neukölln, droht die deutsche Gesellschaft
der Zukunft komplett auseinanderzubrechen – und wir sind mittendrin!

Knackpunkt, an dem alles bricht und fast zerbricht, ist die Schule. Von einer gemeinsamen Grundschule kann schon lange keine Rede mehr sein. Obwohl wir hier im Bezirk die Grünen als größte Partei genießen dürfen, ist wahrscheinlich nirgendwo sonst – außer in Neukölln und Wedding – die Absetzbewegung aus dem öffentlichen Grundschulwesen so stark wie hier.

Die Eltern, die für ihre kleinen Kinder etwas vorhaben, ziehen weg in das ehemalige Ost-Berlin, oder sie melden sich um, oder sie melden die Kinder in privaten Grundschulen an.

So wie etwa Güner Balci, die ebenfalls aus Kreuzberg weggezogen ist in den Bezirk Mitte – es ist anzunehmen: den Teil von Mitte, der im ehemaligen Osten liegt.

Und das titelgebende Zitat entnehmen wir nicht nur Gesprächen mit verschiedenen Kennerinnen, sondern es wurde auch von Güner Balci exakt so geäußert:

Neukölln-Roman von Güner Balci: Ein Fluchtweg für die Arabqueen – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Kultur

Die 35-Jährige ist von Kreuzberg ins schicke Berlin-Mitte gezogen. Sie ist gerade Mutter geworden. „Niemand opfert sein Kind für die Integration“, sagt sie.

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Race Day Dresden 2010 ruft!

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Juli 242010
 

Letzte Vorbereitungen zur Abfahrt nach Dresden. Kaum Hektik, kaum Nervosität. Wir sind gemeldet zum Race Dresden 2010. Habe diesmal als erwartete Durchschnittsgeschwindigkeit 32 km/h angegeben. Rechne mir im Ziele eine Platzierung im Mittelfeld aus (=besser als die langsamsten 30%). Das ist mein Ziel. Es ist mein erstes Radrennen in und durch das Bundesland Sachsen. Werde versuchen Ehre für meinen Heimatbezirk Friedrichshain-Kreuzberg einzulegen.

Hier ’n paar Takte aus dem Grußwort der Oberbürgermeisterin Helma Orosz:

Race Day Dresden 2010
Für die engagierte Vorbereitung danke ich besonders dem Verein Internationale Sachsen-Tour e. V., der für einen erneuten Höhepunkt im Sportkalender der Landeshauptstadt Dresden gesorgt hat. Ich bin überzeugt, die Dresdnerinnen und Dresdner werden die Fahrerinnen und Fahrer wieder gebührend an der Strecke empfangen. Zahlreiche Fans säumen dann die Straßen in und um Dresden, wo die Sportler unter den Anfeuerungsrufen ihre Höchstleistungen zeigen können.

 Posted by at 10:14