
Paris, 22.15 Uhr, im Hotelzimmer
Gutes, kluges Gespräch mit dem französischen Soziologen Pierre Birnbaum, das da gerade jetzt im französischen Senatssender „Public Senat“ läuft! Die Sendung heißt „Livres & vous“. Nachdenken über Aufgaben und Bestimmung des Staates, das ist es, was er vehement einfordert in seinem neuen Buch „Où va l’État?“
Den Staat sieht Birnbaum als festes Institutionengefüge, das mehr als nur eine Schutz- oder Vermittlungsfunktion habe. Vielmehr schreibt er dem Staat, hier dem französischen Staat, eine hohe Würde zu. Der Staat solle und müsse sich als Hüter und Mehrer der Werte des Universalismus verstehen. Er sei in Frankreich – anders als in Spanien oder Italien – der Kulturträger par excellence. Er dürfe sich nicht in Geiselhaft einer gesellschaftlichen Gruppe begeben, wie er dies während der perversen faschistischen Zeit Frankreichs in den Jahren 1940-45 gemacht habe. Er sei aber auch nicht bloßer Überbau über dem gesellschaftlichen Gegeneinander der Interessen, der eine Art Schiedsrichterrolle spiele. Die Feindseligkeit gegenüber dem Staat, wie sie die 68-er-Bewegung manifestiert habe, sei deshalb im Grunde ebenso verkehrt wie die mythische, ja totalitäre Verschmelzung des Staates mit dem Volk, wie sie in Frankreich von 1940 bis 1945 geherrscht habe.
In Frankreich, insbesondere in der französischen Soziologie fehle es seit Durkheim fast völlig an einer deontologischen Bestimmung der Staatlichkeit! Kaum ein Soziologe habe sich ernsthaft an die Soziologie des Staates oder die Politiksoziologie herangetraut.
Äußerst reizvoll wäre es, das Nachdenken Pierre Birnbaums über die „Bestimmung des Staates“ einmal auf Deutschland zu übertragen!
Wir erleben ja derzeit, so meine ich, ebenfalls eine tiefe Krise der Staatlichkeit in Deutschland. Die Bundesrepublik Deutschland läuft – dies meine These – tatsächlich Gefahr, in Geiselhaft von platitüdenschwingenden Funktionseliten zu geraten – und damit meine ich nicht die Populisten, sondern ein ziemlich bräsiges, ziemlich selbstzufriedenes, sattes Geflecht an Massenmedien, Politikern, Fußballfunktionären, Wirtschaftsführern, die beharrlich der Frage ausweichen: „Was soll der Staat?“ Oder, um es mit Karl Jaspers zu sagen: „Wohin treibt die Bundesrepublik?“
www.seuil.com/ouvrage/ou-va-l-etat-pierre-birnbaum/9782021377576
https://www.publicsenat.fr/emission/livres-vous/ou-va-l-etat-avec-pierre-birnbaum-et-etat-des-lieux-avec-claire-chazal-84480



„Ach wenn ich doch nur einen Platz hätte!“ Diesen unhörbar leisen Satz oder Seufzer glaubte ich heute Vormittag in Schöneberg von einer älteren Dame zu hören, die soeben in die S-Bahn nach Wannsee eingestiegen war. Mühsam und leicht wackelnd hielt sie sich auf ihrem Gehstock aufrecht. Wir schrieben 28 Grad im Schatten. Alles war verrammelt! Kinder und Erwachsene standen dicht gedrängt vor den Sitzen, die alle belegt waren. Schwitzende Menschen in der S 1! Außerdem versperrte ein quer gestelltes Fahrrad den Zugang zu den wenigen freien Stehplätzen, die es noch gab. „Es tut mir leid“, sagte ich laut, „dass ich Ihnen nicht helfen kann! Es ist kein Sitz frei.“ Da hörte ich eine Stimme mir gegenüber: „Schauen Sie sich um, da wird ein Platz frei!“ Ich drehte mich um, in der Tat: Soeben war ein Sitz frei geworden, und das Fahrrad hatte sich wie von Engelsgebärde gerührt zur Seite gestellt, sodass eine schmale Gasse zu dem mittlerweile freigewordenen Sitz offen stand. Ach wie schön! Die Frau konnte endlich Platz nehmen. Sie war wohl 80. Sie ging wohl zum Arzt, dachte ich, so adrett und ordentlich war sie herausgeputzt. Nun fuhr sie weiter bis Mexikoplatz, wo sie ausstieg. Zum Abschied wandte sie sich noch an mich und sagte: „Wissen Sie, ich habe einen Arzttermin, und ich komme schon von Baumschulenweg!“ „Na, da haben Sie ja eine Odyssee hinter sich!“, erwiderte ich. Und so endete diese kleine Begebenheit. Einige Stationen später, in Nikolaussee, stiegen all die Kinder und Erwachsenen und ich aus. Schon bald danach konnten alle aufatmen: Vor uns lag das Strandbad Wannsee mit all seinen Herrlichkeiten!
In verschiedenen Berliner Bezirken wird derzeit die Frage diskutiert, wie man das Verleihen von Fahrrädern in geordnete Bahnen lenken kann. Es gibt Beschwerden über zu viele wild und regellos abgestellte Mieträder; Diebstahl, Verlust und Beschädigung der Leihräder sind und waren seit je Ärgernisse für Verleihfirmen und Entleiher gleichermaßen.