„Der Lechablaß von Bairischer Seiten her.“ Diese kolorierte Umrissradierung Johann Michael Freys zeigt die ungestüm tosende Macht des Flusses Lech von der rechten, der bayerischen Seite her. Damals, also um das Jahr 1795, wurden an dieser Stelle jedes Jahr etwa 3000 Flöße den Lech hinabgelassen. Sie trieben weiter Richtung Donau. Ich sah die Grafik soeben in einer Ausstellung im Schaezlerpalais.
Hummeln auf dem Grab meines Vaters,
wie sehr hätte er sich gefreut, wenn er euch sähe! Buschiger, widerspenstiger Lavendel, wie sehr hätte er dich eingeatmet mit weitgespannten Nüstern!
Wie sehr ergötzte ihn das Lachen der badenden Kinder am Kuhsee! Wie wenig zürnte er den Schnecken, die gefräßig und frech die Blümchen vom Saum seines Grabsteins abnagen!
Merkwürdig, wie wenig erschrickst du, wie tröstlich ist es für dich, auf diesem Grabstein deinen eigenen Namen zu lesen!
Zur Erinnerung an:
Johannes Hampel, geboren am 24. August 1925 in Troppau/Sudetenschlesien, gestorben am 4. April 2016 in Augsburg

„Europa graeca“ oder „Griechischeuropa“?

… pavet haec litusque ablata relictum
respicit et dextra cornum tenet, altera dorso
inposita est; tremulae sinuantur flamine vestes.
Rückwärtsgewandt, furchtsam schaut sie zurück, Europa, mit der rechten Hand hält sie das Horn des Stiers, die andere Hand liegt auf dem Rücken; vom Windhauch gebauscht flattern ihre Gewänder, – so, carissimi amici, beschreibt Ovid den heutigen Zustand Europas in lateinischer Sprache; und wie Europa den Stier nur mit einer Hand packt und furchtsam in die Vergangenheit starrt, so haben auch wir den Zustand Europas nur mit einer Hand gepackt – der wirtschaftlichen Hand, der politischen Hand. Vielmehr: Europa, vielmehr: die Europäische Union hat den ungebärdigen Stier nur mit einer Hand gepackt: der wirtschaftspolitischen Hand, der finanztechnischen Hand, der machtausübenden Hand.
„Wenn wirtschaftliche Gegebenheiten die Menschen auseinandertreiben und längst überwunden geglaubter Nationalismus neu erwacht, ist das Bekenntnis zum Dialog und zur Vielfalt des gemeinsamen Kulturraums wichtiger denn je. This is why the European idea, embodied in the legacy of Greek culture, will be a program focus at the Pierre Boulez Saal this season. Die europäische Idee, verkörpert durch das Erbe der griechischen Kultur, bildet deshalb einen Programmschwerpunkt im Pierre Boulez Saal.“ So schreibt es das in meinen Augen derzeit mit Abstand beste Buch zur europäischen Frage, welches auf meinem Schreibtisch aufgeschlagen ruht. Sein Titel: „Pierre Boulez Saal. Die Spielzeit 2018/19“. Geschrieben und herausgegeben hat es PIERRE BOULEZ SAAL.
Pierre Boulez Saal – wie unterstellen einmal, es handle sich um einen Autor – lässt also den europäischen Kulturraum mit dem griechischen Erwachen Europas beginnen. Das gesamte spätere Geschehen im europäischen Kulturraum begreift Saal als Nachfolge, Verwandlung, Weitergabe und gleichsam als flatternden Saum der vom gewaltsamen Stier weitergetragenen Europa. Von Homer weht uns alle der Windhauch an, der die Gewänder der europäischen Kulturen flattern lässt! Homer inspiriert Vergil, Ovid, Horaz. Platon inspiriert Cicero, Seneca den Philosophen, Augustinus. Euripides inspiriert Seneca den Tragödiendichter. Vergil inspiriert Dante. Demosthenes und Isokrates wehen Cicero den Redenschreiber an. Ovid inspiriert diese kleine Betrachtung hier.
Der aus dem sorbischen Budyssin stammende Schriftsteller Simon Schaidenreisser ließ 1537 in Augsburg seine Homer-Übersetzung Odyssea mit einem herrlichen Holzschnitt erscheinen, der genau diesen Vorgang der aus Griechenland herwehenden Inspiration bildlich wiedergibt. Ein gewaltiger Luftzug geht aus dem Mund Homers hervor und bläst direkt in die offenen Münder Vergils, Ovids und Horaz‘ hinein, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Der Holzschnitt würde jedem Kupferstichkabinett dieser Erde zur Zierde gereichen, die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek aber hat ihn!
Ist Europa also etwas im Kern Griechisches? Ich meine: in dem hier betrachteten kulturellen Sinne geht Europa als Idee eindeutig aus griechischem Dichten, Denken, Bilden und Handeln hervor. Alle kulturellen Erscheinungen von europäischem Rang, das symbolische Band, das unser heutiges Europa zusammenhält, aber auch Sache und Begriff der Demokratie, entspringen nachweisbar aus griechischer Quelle. Schon die Römer selbst haben das so gesehen. Soweit wir heute noch römische oder lateinische Texte der Antike lesen, sind diese eingestandenermaßen aus Übersetzung, Umformung und Anverwandlung griechischer Texte entstanden. Das gilt für Vergil, Ovid, Cicero, Seneca, Caesar – sie alle strebten der griechischen Leitkultur nach, ihr höchster Ehrgeiz war es, den griechischen Vorbildern gleichzukommen oder sie noch gar zu übertreffen. Und alle großen europäischen Kulturleistungen entspringen aus dem Nachstreben! So versuchte etwa James Joyce Homers Odyssee zu übertreffen. Tomasi di Lampedusa strebte James Joyce nach und schuf etwas Neues – oder etwas Altes.
In diesem Sinne kann man tatsächlich von einer gewissen Einheitlichkeit der europäischen Kultur sprechen – sie reicht von Lissabon am Atlantik bis Jekaterinburg am Ural, von Edinburgh am Firth of Forth bis nach Heraklion auf Kreta.
Und das Politische? Politisch geeint war der Kontinent nie – vielleicht von 2 oder 3 Jahrhunderten des Imperium Romanum abgesehen. Europa, es war von jeher ein Kontinent staatlicher Vielfalt, politischer, ökonomischer, militärischer Konkurrenz – flatternder Säume, zerzauster Gewänder.
Zuversicht kann Europa zweifellos daraus erwachsen, dass es sich der gemeinsamen Tragwerke des europäischen Kulturraumes wieder bewusst wird.
Und noch etwas ist wichtig: Die europäische Idee ist etwas Körperliches, etwas Leibhaftiges. Sie lässt sich anfassen, anschauen, anhören. Die etwa 600 Lieder Franz Schuberts, die 32 Klaviersonaten Beethovens, die der Pierre Boulez Saal als kompletten Zyklus aufführen lässt, verkörpern, so meine ich, auf geradezu idealtypische Weise ein derartiges Tragwerk der europäischen Vielfalt. Ich werde mir diese europäischen Lieder anhören und sie singen.
Zitate:
Ovid Metamorphosen, Buch II, vv. 873-875
Pierre Boulez Saal: Demokratie und Europa. Der Nikos-Skalkottas-Schwerpunkt, in: Die Spielzeit 2018/19, Berlin 2018, S. 8-9
Der erwähnte Augsburger Holzschnitt findet sich in folgendem Buch:
Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. C.H.Beck Verlag, 3. Auflage, München 2018, Abb. 44, S. 697
Bild: Europa auf dem Stier. Metallskulptur von Olivier Strebelle. Moskau, Europaplatz, entstanden 2002
Wen meinte Max Frisch mit den „Akademikern“ in seinem „Biedermann und die Brandstifter“?
EISENRING:
Weltverbesserer!Er pfeift eine kurze Weile vor sich hin, ohne den Doktor anzusehen.
„Ich mag euch Akademiker nicht, aber das weißt du, Doktor, das sagte ich dir sofort: ’s ist keine rechte Freude dabei, euresgleichen ist immer so ideologisch, immer so ernst, bis es reicht zum Verrat – ’s ist keine rechte Freude dabei.
Er hantiert weiter und pfeift weiter.
Zu meiner Schullektüre der elften Klasse gehörte Max Frisch‘ „Lehrstück ohne Lehre“. Ich las es heute wieder durch, weil man doch das Vortreffliche, das man in der Jugend nur vorgesetzt bekommt, erst in höheren Jahren erwerben kann, um es wahrhaft zu besitzen.
So ging’s mir auch mit diesem Stück. Bei dem ominösen Dr. phil., der ganz im Zeichen der Fernstenliebe die Brandstifter zum Sturz der bestehenden Gesellschaft anstachelt, dachte ich sofort an all die meist hochintelligenten, akademisch sehr gut ausgebildeten Berufsrevolutionäre und Weltverbesserer, die ab 1917 in der Sowjetunion, in Italien, in Frankreich, in Deutschland und in fast allen europäischen Ländern auf die revolutionäre Zerstörung der bestehenden Rechtsstaaten hinwirkten. Lenin ist da an erster Stelle zu nennen, die überaus scharfsinnige Rosa Luxemburg ebenfalls, der brillante, hervorragend begabte Denker und Schriftsteller Leo Trotzki, wenige Jahre danach Benito Mussolini, der als einziger Teilnehmer der Münchner Konferenz von 1938 alle vier Verhandlungssprachen beherrschte, der rechtsextreme Charles Maurras, der promovierte Germanist Dr. phil. Joseph Goebbels usw. usw. Sie alle zeigten einen bemerkenswerten Schreib- und Rededrang, waren sprachbegabt, wussten politische Sachverhalte zu analysieren und wähnten sich aufgrund unbestreitbarer intellektueller Überlegenheit im Recht gegenüber den Massen und ungebildeten Nicht-Akademikern.
In seinem Stück „Biedermann“ zeigt Max Frisch auf geniale Art das Zusammenwirken privilegierter Weltverbesserer und sozial benachteiligter Handlanger auf. Beide, die geistigen Führer der Revolutionen und die bereitwilligen Vollstrecker und Mörder, brauchen einander. Sie bersten vor krimineller Energie. Sie gehen bedenkenlos über Leichen. Sie errichten im Zusammenspiel gemeinsam Systeme, die wir im Rückblick als die großen totalitären Terrorstaaten Europas bezeichnen müssen: Sowjetunion (ab 1917), Italien (ab 1922), Deutsches Reich (ab 1933), Französischer Staat (ab 1940).
Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter. Ein Lehrstück ohne Lehre. Mit einem Nachspiel. 21. Aufl. 2018, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Zitat S. 48
Auf einem Baum ein Kuckuck saß
Komm in den totgesagten park und schau
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erfüllt die weiher und die bunten pfade…
… und was siehst du dort hinten?
Ja, dort hinten, irgendwo in einem Winkel des totgesagten Parks der Erinnerung, da steht er, der runde Pavillon. Pavillon? Ein seltsames Wort für ein Gebäude, das es nur ein einziges Mal auf dieser Welt gab. In keinem Diktat kam es vor, kein Lehrer hätte es gewagt, uns dieses Wort zu diktieren: Páwioh sprach sich das aus. Aber es schrieb sich anders. Warum nannte sich dieses Gebäude der Volksschule Firnhaberau so? Ja, Firnhaberau, das war ein richtiges, ein gutes Wort, das uns hunderte Mal über die Lippen ging. Firnhaberau, das war die Heimat. Das gehörte zu uns. Wir gehörten zu ihr.
Aber Pavillon? Pavillon, das klang sehr rund, das musste irgendwie chinesisch aussehen. War der Pavillon rund, war der Pavillon chinesisch? Hatte er ein Pagodendach? Zweifel steigen in mir auf, während ich dies hier schreibe. War der Pavillon rund? War nicht vielmehr das kleine Pausenhäuschen im Schulhof rund? Und der Herr Mögele, lebt er noch? Waltet er noch seines Amtes? Nur er waltete seines Amtes; sonst gab es niemanden, der seines Amtes waltete. Uns schien es immer so, als ob die Lehrer wechselten, als ob die Schüler kämen und gingen, aber der Herr Mögele, „der Mögele“, wie wir ihn nannten, der blieb. Er waltete und waltete! Der überdauerte uns. Er war die Ordnung in den Gängen, er war der Herr der Sauberkeit. Nur er hatte die feinen, gummiartigen rötlichen Krümel, die Sauberkeit in Hof und Gang und Zimmer schufen. Nur er hatte den sehr breiten Besen, mit dem er die Krümel über die im Sonnenglanz schimmernden Holzbohlen zog. Und danach – war der Dreck weg. Der Herr Mögele, das war eine Art Zauberer.
Besen, Besen,
Dreck! Sei’s gewesen!
Und die Albrecht-Greiner-Singschule? Gibt es die noch? War’s nicht dort im Pavillon, wo du in der vierten Klasse einmal wöchentlich die Singstunde besuchtest? War es nicht das Ziel Albert Greiners, die menschliche Stimme, „gleichviel ob im Singen oder Sprechen, natürlich und schön klingen zu lassen“? Erlebtest du damals nicht bereits das singende Sprechen und das sprechende Singen? Etwa bei folgendem Lied:
Auf einem Baum ein Kuhuckuck saß
Simsalabim bambasala dudala dim!
Und dieses Lied war offenbar für dich geschrieben, denn ihr wohntet im Kuckucksweg 9. Dies war allgemein bekannt.
Uns so lerntest du es kennen, ein „System von kindgemäßer Stimmkunde, mit Gymnastik der Tonwerkzeuge, Atmung, Lagenausgleich, Vokalpflege, Notensingen, Rhythmik und dergleichen.“ Das hatte alles Albert Greiner ausgedacht. Auch er – musste eine Art Zauberer sein. So dachtest du, so erlebtest du das damals.
Und heute? Was erfährst du heute? Die Volksschule am Hubertusplatz gibt es immer noch, doch heißt sie heute Grundschule und Mittelschule Augsburg-Firnhaberau. Der Herr Mögele ist nicht mehr der Hausmeister. Der Pavillon der 60-er Jahre war kein Rundbau, – hier trog deine Erinnerung! -, sondern ein rechteckiger ebenerdiger Langbau. Die Albert-Greiner-Singschule besteht weiter, jedoch nicht mehr unter diesem Namen; sie heißt jetzt Sing- und Musikschule Mozartstadt Augsburg.
Und die Musik und die Lieder?
Am 21.06.2018 lud deine Schule deiner Kindheit zu einem sommerlichen Konzertabend ein. Zwei Bläserbands bliesen zum Auftakt, es folgten klassische Klarinettenduette, und der Grundschulchor sang, jedoch nicht von einem Kuckuck, der auf einem Baum saß, sondern von rostigen Rittern, russischen Jungen und radelnden Elefanten.
Die Erinnerung mag trügen, die Musik erklingt weiter, die Lieder wechseln, das Singen bleibt und lebt.
Zitat zu Albert Greiner:
Abschnitt „Singschulen“, in: rororo Musikhandbuch in 2 Bänden. Herausgegeben und bearbeitet von Heinrich Lindlar, Band 1: Musiklehre und Musikleben, Rowohlt Verlag, Reinbek 1973, S. 296-297, hier S. 296
Homepage der heutigen Grundschule und Mittelschule Augsburg-Firnhaberau:
http://www.gsms-firnhaberau.de/index.php
Bild:
Blick aus dem Park auf das Sommerbad am Insulaner, Aufnahme vom 12.07.2018
Ganz glühend im Wüstensand: Hagars Klage

Ganz offenkundig ließ sich Franz Schubert wieder und wieder von den Texten der Dichter zu seinen Kompositionen entzünden. Freunde haben beschrieben, wie sie, hier also Josef von Spaun und Johann Mayrhofer, Schubert einmal in diesem Zustand der durch Dichtung erzeugten ekstatischen Entrückung erlebten: „… wir fanden Schubert ganz glühend, den Erlkönig aus dem Buche laut lesend. Er ging mehrmals mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in der kürzesten Zeit, so schnell man nur schreiben kann, stand die herrliche Ballade nun auf dem Papier.“
HAGARS KLAGE, so lautet das früheste Lied Franz Schuberts, das uns heute noch erhalten ist. Geschrieben hat er es im Convicte im Alter von 14 Jahren. Unbeschreiblich muss den jungen Convicts-Schüler der Schmerz erschüttert haben, den Clemens August Schücking in sein endlos wimmerndes, geradezu aufschreiendes Gedicht HAGARS KLAGE einbrannte:
Hier am Hügel heißen Sandes
Sitz‘ ich, und mir gegenüber
Liegt mein sterbend Kind,
Lechzt nach einem Tropfen Wasser
Lechzt und ringt schon mit dem Tode,
Weint und blickt mit stieren Augen
Mich bedrängte Mutter an.
Du mußt sterben, du mußt sterben
Armes Würmchen!
[…]
Schubert hat das Gedicht zu einer dramatisch erregten, durchkomponierten Phantasie mit vielen Gefühlswechseln ausgestaltet. Sie eröffnet den Band V der großartigen Neuausgabe der etwa 600 erhaltenen, hier vollständig zusammengetragenen Schubert-Lieder.
Am 20. Oktober 2018 um 19 Uhr wird Mojca Erdmann dieses Lied im Pierre Boulez Saal singen, begleitet vom Pianisten Malcolm Martineau. Die Karten sind bestellt, wir sind schon sehr gespannt!
Zitate:
SCHUBERT. Lieder. Band 5. Herausgegeben von Walther Dürr. Urtext der Neuen Schubert-Ausgabe. Bärenreiter Verlag, Kassel 2011, Seite VII [zur Entstehung von Hagars Klage], Seite XXIII-XXIV [Text des Gedichts Hagars Klage von Schücking ], Seite 1-17 [Schuberts Lied Hagars Klage von Schücking]
SCHUBERT. Lieder. Band 1. Herausgegeben von Walther Dürr. Urtext der Neuen Schubert-Ausgabe. Bärenreiter Verlag, Kassel 2005, Seite VII [zur Entstehung von Schuberts Erlkönig von Goethe]
Konzert-Hinweis laut dem Buch:
Pierre Boulez Saal. Die Spielzeit 2018/19. Berlin 2018, S. 30-31
Bild:
Gemälde „Hagar und der Engel“ von Carel Fabritius. Sonderausstellung „Das Zeitalter Vermeers und Rembrandts. Meisterwerke aus der Leiden Collection“. Moskau, Puschkin-Museum, 8. Mai 2018
Analı babalı büyüsün (4), oder: Welch ein Wunder ist ein neugebornes Kind
„Welch ein Wunder ist ein neugebornes Kind!“, mit diesem Gedanken verabschiede ich mich heute von Jamal, dem 7 Tage alten Jungen. Jamal, das heißt Schönheit, und schön ist er, wie er da so liegt, umhegt und umsorgt von Mama und Papa. Welches Leben wartet auf ihn, was wird er bringen in seinem Leben? Uns bringt er jedenfalls schon Freude aus seinem Bettchen entgegen. Ich spreche seinen Namen nach, und er scheint darauf zu reagieren, denn ich nehme bei dem schlafenden Kind eine Lidbewegung war.
Obwohl Jamals Eltern aus Libanon und Palästina stammen, bringe ich – für Jamal unsichtbar, aber doch deutlich hörbar – meinen türkischen Segenswunsch an: Analı babalı büyüsün, und – wieder ein kleines Wunder! – eine türkische Bekannte, die Zeuge unserer kleinen Begrüßungszeremonie wird, übersetzt meinen türkischen – im Arabischen unbekannten – Spruch in fließendes Deutsch: „Das Kind möge mit Mama und Papa aufwachsen, und das ganze Leben lang mögen Mama und Papa mit dem Kind zusammen sein. Der Wunsch erstreckt sich auf das ganze Leben!“
Im arabischen Sprachraum sagt man eher: Möge Gott dich auf allen deinen Wegen begleiten.
Ein Bild kommt mir dazu in den Sinn. Ich sah es vor ein paar Tagen in der Münchner Alten Pinakothek. Den Besuchern – darunter der hier schreibende – werden seit dem 3. Juli 2018 in den restaurierten Räumen die Augen geöffnet! Gemalt hat dieses Mutter-Kind-Bildnis ein gewisser de’Santi, ein aus Urbino stammender Maler. Es öffnet die Augen für das Wunder des Auf-der-Welt Seins. Morgen der Welt, Welt des Morgens!
„Wir müssen endlich mehr für die Integration der Zugewanderten tun!“ Müssen WIR, Herr Senator?
„Der entscheidende Punkt einer erfolgreichen Asyl- und Flüchtlingspolitik ist die Integration der Menschen. Ich sage das auch mit Blick auf die 90er-Jahre. Da hat der Berliner Senat gezielt Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon aufgenommen – ihnen dann aber 15 Jahre lang verboten, hier zu arbeiten. Zum Teil sind sie es, die heute kriminelle arabischstämmige Strukturen steuern. Darüber müssen wir jetzt reden. Wir dürfen nicht die gleichen Fehler machen wie früher. Der Bund muss erkennen, wie wichtig Integration ist. Es reicht nicht, immer nur über die Drosselung der Zuwanderung zu reden.“
Na, ob Herr Innensenator Geisel diese soeben veröffentlichten Äußerungen politisch überleben kann? Immerhin sind die Araber ja Semiten reinsten Wassers, denn sie sprechen – ebenso wie die meisten in Israel geborenen Juden – eine semitische Sprache. Ist das Reden von „kriminellen arabischstämmigen Strukturen“ also ein Hinweis auf Antisemitismus und Rassismus? Ich denke, es ist ein Grenzfall! Ich fände es weit übertrieben, den Senator des Rassismus und des Antisemitismus zu bezichtigen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Herr Geisel Rassist und Antisemit sein sollte.
Überaus wertvoll ist der Hinweis des Senators auf die hohe Zahl an arabischsprachigen Kurden, die die Bundesrepublik nach dem Ende des Libanonkrieges gezielt als Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen hat. Nach meinen Erfahrungen würde ich sagen: Die Flüchtlinge oder besser die nach dem Krieg Geflüchteten oder die nach dem Krieg Schutzsuchenden sind gezielt im Zuge einer ganz typischen nachholenden Kettenmigration nach dem Ende des Libanon-Krieges ins deutsche Sozialsystem zugewandert, zum Beispiel nach Neukölln und nach Kreuzberg-West, wo sie nach meinen eigenen Beobachtungen und Gesprächen sowie auch nach Auskunft etwa des Soziologen Ralph Ghadban bis zum heutigen Tage zu etwa 90 Prozent, d.h. fast ausschließlich (nominell) von Sozialhilfe leben.
Sie haben seit 1990 über all die Jahre ausreichend Hilfe zum Lebensunterhalt bezogen, sie kennen keine Armut mehr, alle dürfen seit vielen Jahren arbeiten, sie haben den deutschen Pass, und Arbeit gibt es wahrlich genug! Es fehlen Altenpfleger überall, es fehlen Erntehelfer, es fehlen Bäckerlehrlinge, es fehlen Friseurlehrlinge, es fehlen Lehrlinge in vielen Handwerksberufen, es fehlt an Polizeibewerbern, die ein deutsches Diktat schreiben können. Alle damals zugewanderten KurdInnen bzw. AraberInnen bzw. LibanesInnen genießen medizinische Versorgung, alle schulpflichtigen Kinder besuchen kostenlos mehr oder minder regelmäßig viele Jahre die staatlichen Schulen, sie sind alle „lmb“, d.h. von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit, sie dürfen alle Abitur machen, sie fahren – wie man sieht – gute und teure Autos, wenn sie wollen, sie dürfen alle Berufe erlernen, sie dürfen Richter und Richterinnen, Müllwerker, Bäcker und Bäckerinnen, Ärztinnen, Lehrer, Metzger und Metzgerinnen, Möbelpackerinnen und Staatsanwältinnen werden, wenn sie es wollen und wenn sie daran arbeiten.
Müssen wir mehr für die Integration der ins deutsche Sozialsystem Eingewanderten tun, wie es Senator Geisel insinuiert? Nein. Ich bestreite das rundweg. Wir müssen nicht mehr für die Integration tun. Sie müssten etwas tun. Wenn sie es wollten, könnten sie die sogenannte Integration erreichen. Wenn sie keinen Beruf erlernen und keinen Beruf ausüben, dann deswegen, weil sie es nicht wollen.
Zitat entnommen aus: „Es sind Flüchtlinge der 90er, die heute kriminelle Strukturen steuern“, Interview mit Berlins Innensenator, WELT, digitale Ausgabe, 09.07.2018 https://www.welt.de/politik/deutschland/plus178960534/Berliner-Innensenator-Es-sind-Fluechtlinge-die-heute-kriminelle-Strukturen-steuern.html
Abendlied, Görli
Ruhige, friedliche Landschaft am Görlitzer Park, träges Dösen im Sand, in reinlichen Kuhlen sauber verpackt der käufliche Stoff!
Süße wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land! „Hallo Papa“, grüßen dich freundlich die Männer aus Westafrika. Sie halten dich für verlässlich, wir alle wissen, ja, hier herrscht Frieden.
„Anne Anne“, die türkischen Kinder lieben und brauchen die Mütter. Die Väter grillen das leckere Fleisch. Disteln und Ginster verzieren den dürren Platz.
Im Westen versendet die sinkende Sonne glühende Strahlen, ein Scheideblick!
Wie lange dürstest Du noch, glühend Herz?
Komm, Heiterkeit, komm. Denn es will Abend werden.
Deutsch-russische Geschichte – Удивительная жизнь Адольфа Хампеля

Удивительная жизнь Адольфа Хампеля, судетского немца, полюбившего Россию, „Das wunderbare Leben Adolf Hampels, eines Sudetendeutschen, der Russland liebgewonnen hat“ –
unter diesem Titel konnten wir am 5. Juli 2018, also vorgestern, eine Radiosendung des russischen Echo Moskaus (Эхо Москвы) verfolgen.
Adolf Hampel, 1933 in Klein-Herrlitz in der Tschechoslowakei geboren, katholischer Priester und Theologe, der an der Universität Gießen lehrte, hat in seinem Buch „Mein langer Weg nach Moskau“ auf sehr ansprechende Art einen Rückblick auf einige Stationen seines ereignisreichen, wunderbaren Lebens geworfen. Das Buch ist mittlerweile durch Irina Potapenko ins Russische übersetzt worden und fand so das Interesse des Echos Moskaus. Der Autor kam nun in dieser Interview-Sendung in russischer Sprache zu Wort, und einzelne Abschnitte der russischen Übersetzung wurden vorgelesen. Angesprochen wurden Begegnungen mit Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, die Rückführung einer Ikone nach Kasan, Kapitel aus Kindheit und Jugend, Kriegserfahrungen, die Enteignung und Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei im Jahr 1946, der mühsame Neubeginn der Vertriebenen in den aufnehmenden Ländern. Einen breiten Raum nahmen dann im Gespräch die unermüdlichen Bemühungen Adolf Hampels um Begegnung, Austausch und Versöhnung mit Menschen in den Gesellschaften des Ostens ein. Er ist einer jener zahlreichen Pioniere der deutsch-tschechischen Aussöhnung, für die beispielhaft der Name Václav Havels stehen mag. Dabei öffnete ihm seine wundersam erwachte Liebe zur russischen Sprache auch das Tor zu allen Völkern der früheren Sowjetunion.
Ich meine: Gerade in der heutigen Zeit, wo – wie damals auch – ethnische Konflikte, Kriege, Flucht, Vertreibungen, der Wiederaufbau, die Versöhnung, das Erzählen, das Erinnern, das Teilen und das Weitergeben der Erinnerungen das Tagesgespräch bestimmen, stellen die lebendigen Erinnerungen Adolf Hampels einen unschätzbaren Denkanstoß dar. Sie verdienen sowohl im deutschen Original wie in der russischen Übersetzung größte Aufmerksamkeit.
Hier kann man die Sendung nachhören, indem man einfach mit der Maus auf den Link klickt und dann ganz oben auf dem Bildschirm das „Abspielen“-Symbol anklickt:
https://echo.msk.ru/sounds/2234122.html
https://echo.msk.ru/programs/diletanti/2234122-echo/
Adolf Hampel: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012; russisch: A. Hampel: Moi dolgij put v Moskvu, übers. von I. Potapenko, Verlag Pero, Moskwa 2017, ISBN 978-5-90633-76-8
„Continual state of being on the way to…“ Zu Joh 1,1

Zu den erregendsten geistigen Erfahrungen überhaupt gehört es für mich, das Zusammenfließen, das streitige Miteinander-Ringen jüdischen und griechischen Sprachdenkens nachzuzeichnen. Ich könnte ein ganzes imaginäres Kupferstichkabinett mit Blättern aus der Geschichte dieses jahrtausendealten Versuches anhäufen! Einen herausgehobenen Platz nähme in diesem Kabinett zweifellos das vierte Evangelium ein.
Über etwa drei Jahrhunderte hinweg führten griechisches und jüdisches Denken eine besonders intensive Gesprächsbeziehung, und in genau diesen Jahrhunderten bildete sich das nachbiblische Judentum heraus; es entstanden aber auch auch die vier Evangelien, unter denen wiederum dem vierten, dem Johannesevangelium eine einzigartige Scharnierfunktion zukommt.
An einer intensiven Einbettung des Prologs zum Johannesevangelium in den Kontext der zeitgenössischen Midraschim versucht sich der in London und Melbourne lehrende Andrew Benjamin.
Ein genaues Nachlesen pagan-griechischer und geistlich-hebräischer Quellen führt ihn zu dem Schluss, dass insbesondere der erste berühmte einleitende Vers Joh 1,1 – wie mehrfach von dem hier Schreibenden behauptet – in der Tat vorrangig als Gerichtetsein, als Unterwegssein zu deuten und zu übersetzen ist. Eine dynamische, spannungsvolle, nicht ausschöpfbare Beziehung, die jeden dogmatischen Einhegungs- und Festlegungsversuch unterläuft! Benjamin fasst dies in Anlehnung an Franz Rosenzweig in die Wendung: „A continual state of being on the way“.
Beleg:
Andrew Benjamin: Hermeneutics and Judaic Thought, in: The Routledge Companion to Hermeneutics. Edited by Jeff Malpas and Hans-Helmuth Gander. Routledge, Oxon, New York 2015, S. 692-706, hier besonders S. 694
Bild:
Surferin auf stürmischer See. Antoniusaltar. Klosterkirche St. Anna im Lehel
L’art de vivre à la munichoise

Oh spectacle insolite des surfeurs
sur les flots de la rivière qui traverse
le jardin anglais!
Oh vous qui prenez la vague artificielle,
créée par un ressort de beton impitoyable,
je vous adore!
Oh vous qui respirez le poumon vert
de la capitale bavaroise,
qui distille un air tout à la fois
catholique et méridional,
je vous admire!
Start up! Ein Tag im Leben eines digital vernetzten Boten
Ein erfolgreiches Start-up im Bereich Logistik wird in einem sehr gelungenen Video gezeigt, das ein deutsch-russischer Jugendlicher gestern ins Netz gestellt hat. Name des erfolgreichen Start-ups: Peschkariki. Leistung: Kurierdienste. Standort: Moskau.
Die Logistikbranche wandelt sich weltweit rasant – eine Folge dieses Wandels sind raschere Zustellintervalle, kleinere Bestellmengen, stärker kundenspezifische Lösungen. Digitalisierung ist unerlässlich! Sie ist die andere Seite der stärkeren Nachfrageorientierung der Logistik weltweit. Nur das Internet ermöglicht in der heutigen Wettbewerbslandschaft der großen Städte konkurrenzfähige Lieferzeiten und unschlagbare Flexibilität! Es wird immer weniger in großen Mengen bestellt und geliefert. So erklärt sich der starke Boom der Fahrradkuriere in den Millionenstädten der Welt.
Nennen wir den berichtenden Boten einfach mal Ivan. Zur Abwicklung seiner Aufträge setzt er auf einen integrierten Einsatz von Leihfahrrädern und schienengebundenem Nahverkehr.
Er erzählt einen Tag aus seinem Kurierleben, mit witzigen Kommentaren zur Fußball-WM und Bildern aus dem Alltagsleben des heutigen Moskau. Sehr gut gemacht, absolut sehenswert. Ich sag mal: Note 5 auf der russischen Schulnotenskala.