Dez. 252007
 

heiligabend.jpg Hoch oben auf der Empore der Heilig-Kreuz-Kirche, auf den Treppenstufen hockend – denn es war kein Platz auf den Bänken – höre ich mir die Botschaft an:


„Habt keine Angst!“ Unser Kind schwirrt auf eigene Faust im gewaltigen Kirchenraum umher. „Habt keine Angst!“ Zuhause suchte und fand ich einen zeitgenössischen Deuter, der diese Freudenbotschaft, deren Verkündung ein Teil der Menschheit heute begeht, ganz wesentlich als Befreiung von Angst deutet. Von der Angst, die in mannigfachen Gestalten unser Dasein wesentlich bestimmt. Es ist Eugen Drewermann. Ich habe mir seinen Kommentar zum Johannes-Evangelium entliehen. Drewermann schreibt:

Verständlich machen lässt sich die „neue Wirklichkeit“ (Paul Tillich), die mit der Person Jesu in die „Welt“ getreten ist, wohl nur, wenn man sowohl individualpsychologisch als auch sozialpsychologisch die Mechanismen freilegt, die im Felde der Angst das gesamte Dasein des Menschen und seine Weltauslegung verformen. „In der Welt habt ihr Angst; aber faßt Mut: ich – besiegt habe ich die Welt“, sagt der johanneische Jesus (Joh 16,32).

Eugen Drewermann: Das Johannes-Evangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil: Joh 11-21. Patmos Verlag, Düsseldorf 2003, S. 8

Alle Weihnachtslieder singe ich mit, doch bricht mir manchmal die Stimme.

Ich werde gerade in diesen von Lohnarbeit freigestellten Tagen meine Studien zum griechisch verfassten Neuen Testament fortsetzen und beständig immer wieder in die dionysische Welt des Aischylos eintauchen. Höchst bemerkenswert, dass Drewermann wieder und wieder eine Nähe des Johannes-Evangeliums zum Dionysos-Kult zu belegen meint.

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Zuversicht oder Zukunftsangst? Die Einsichten des Wolfgang Schmidbauer

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Dez. 242007
 

Worauf ich mich jetzt zu Weihnachten besonders freue: viel Zeit mit der Familie verbringen – und nach Herzenslust Bücher lesen! Zum Beispiel dieses: Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst. Herder Verlag Freiburg im Breisgau, 2005, 208 Seiten.

Der Autor beleuchtet Angst in ihren zahlreichen persönlichen, sozialen und politischen Ausprägungen. Ein gewisses Maß an Angst ist überlebensnotwendig. Es warnt vor Gefahren und hilft Schmerz vermeiden. Ein Übermaß an nicht bewältigter Angst hingegen führt zu krankhaften Verfestigungen, kann lähmend wirken. Phobien, Panikattacken und Depressionen sind die Folge. Unsere Generation – Schmidbauer bezeichnet sie in polemischer Zuspitzung als Generation Angst – sei durch ein Zuviel an bewusst und unbewusst geschürten dumpfen Ängsten gekennzeichnet, das im eklatanten Gegensatz zur tatsächlich erreichten Daseinsvorsorge stehe. Die Politiker nutzten die Angst der Wähler häufig in unverantwortlicher Weise aus, ja schürten sie noch zusätzlich, um daraus Gewinn zu ziehen. Sie gaukeln den Wählern falsche Verheißungen, gleisnerischen Trost, nämlich die Abwehr aller Ängste vor. Seine ganze Fülle an klugen, beherzigenswerten Einsichten lässt Schmidbauer in einem Schlusskapitel Generation Zuversicht?, einem Plädoyer für eine weise, solidarische Angst ausklingen. Er schreibt auf S. 206: „Eine solche Generation wird gelernt haben, die gefährliche Angst, ungerechte Privilegien einzubüßen, zugunsten der solidarischen Angst aufzugeben, nicht rücksichtsvoll genug mit den begrenzten Möglichkeiten unseres Planeten umzugehen, dieses an wenigen Stellen prekär mit Leben überwachsenen Stäubchens im All.“

Das Buch passt auf jeden Gabentisch, ich werde versuchen, es noch einmal rechtzeitig zu beschaffen, um es zu verschenken.

Zitat des Tages, aus diesem Buch, S. 13: „Autofahrer wissen schon lange, dass es nicht genügend Benzin für alle Zukunft gibt. Aber die meisten werden erst dann aufs Fahrrad umsteigen, wenn sie ihren Tank nicht mehr füllen können.“

So lasst uns denn aufs Fahrrad umsteigen!

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Dez. 232007
 

millais-christ-in-the-house-of-his-parents.jpg Das Weihnachtsfest begehen wir bescheiden im engsten Kreis, mit einigen Besuchen und einigen Geschenken. Dieses Bild von John Everett Millais gefällt mir heute am besten: es zeigt die Mühsal des Alltags in einer Schreinerwerkstatt. Es zeigt unsere Verletzlichkeit. Wie leicht schneidet man sich an herumliegenden Messern! Die rohe Geschöpflichkeit der beiden Schafsköpfe, die der Maler sich aus einer Metzgerei bringen ließ. Mein Namenspatron steht auch da: Ganz an der Seite – so als gehörte er nicht ganz dazu. Die Mutter ist verhärmt. Sie war eben nie auf Rosen gebettet. Da unser nächster und größter Nachbar pünktlich zum Weihnachtsfest ebenfalls zum Schengen-Raum gehört, zeige ich Euch, wie gut Ihr schon Polnisch könnt – denn das versteht Ihr doch, oder?

Zdrowych, spokojnych i radosnych Świąt Bożego Narodzenia oraz wszystkiego najlepszego w nadchodzącym Nowym 2008 Roku

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Von Löwen und Tigern: am Tresen der deutschen Geschichte mit Florian Havemann

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Dez. 222007
 

Vor mir liegt das Buch: Havemann. Von Florian Havemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Erste Auflage 2007, 1092 Seiten. In kleiner Runde saßen wir heute in der Küche und besprachen, was wir schon über das Buch gehört und gelesen hatten. Die eine kennt den einen, ich war schon in der Wohnung des anderen – unsere privaten Erinnerungen und Bekanntschaften vermengen sich mit den zwischen den grauen Pappdeckeln ausgebreiteten Reminiszenzen. Ich lese die ersten 43 Seiten. Es ist, als lehnte man in einer Kneipe neben einem Unbekannten, der dann nach und nach vieles auspackt, sodass man staunenden Mundes zuhört. Der Unbekannte zieht immer wieder ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto aus der Brieftasche. Etwa so: „Da schau her, das ist mein Onkel Richard,“ der zum ersten Mal in der ganzen Zirkusgeschichte Tiger und Löwen, Löwen und Tiger in einer Truppe vereint hat (S. 37).

Ich weiß: es werden noch viele solche Begebenheiten kommen. Am Schluss wird mein Bild von Robert Havemann ein anderes sein. Ich erinnere mich noch an den Ton, mit dem meine Eltern von diesem Robert Havemann sprachen. Havemann war ein Opfer, Havemann war ein unerschütterlicher Warner und Mahner. „Was ist mit Havemann?“, hörte ich raunen. Havemann bewies, dass etwas nicht möglich war, was andere für möglich hielten. Was? Ich verstand es nicht, konnte es im Alter von acht Jahren nicht verstehen. Ich erinnere mich an den Buchrücken: Fragen – Antworten – Fragen. Der Buchtitel kam mir damals im Alter von 11 Jahren merkwürdig vor. Warum ein Buch schreiben, – so dachte ich – das mit Fragen endet?

Dieses hier – so scheint mir – lässt kaum Fragen offen. Ich werde es weiterlesen, denn es bietet eine vermutlich recht genaue Schlüssellochperspektive auf die letzten hundert Jahre deutscher Geschichte. Verengt wie eben jede Schlüssellochperspektive, wohl auch einseitig, böse, hilflos liebend mit nachgetragener-unerwiderter Liebe, ressentimentgeladen und enttäuscht, aber dafür spannend, unersetzlich und aufschlussreich in den Details. Was für ein Brocken, was für ein Trumm Buch!

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Ist das Geheimnis Homers endlich entschlüsselt?

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Dez. 222007
 

assyrer.jpg Raoul Schrott bringt in der FAZ heute einen höchst lesenswerten Beitrag zu Homer. Seinem neuartigen Befund nach lebte der Dichter in Kilkien als griechischer Schreiber der assyrischen Machthaber. Vorbild für Troia war Karatepe, eine Hauptstadt Kilikiens. Schrotts Beobachtungen und Erklärungen sind faszinierend. Sie bestätigen, was ohnehin in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher herausgearbeitet worden ist: Die Blüte der griechischen Kultur im ersten Jahrtausend v.d.Z., die mit Homer einsetzte, nährte sich aus ganz unterschiedlichen Quellen, die jedoch fast ausschließlich in dem Gebiet liegen, das wir heute als Naher und Mittlerer Osten bezeichnen. Dazu gehört im weiteren Sinne auch Ägypten. Etwa ein Dutzend asiatischer Hochkulturen scheinen von den „Hellenen“ produktiv aufgenommen und umgeformt worden zu sein. Europa ist also ein Abkömmling Asiens. Ist diese Einsicht so brandneu? Nein, bereits der antike Mythos von Europa hatte sie. Löst Schrott das Rätsel Homers? Einige Rätsel löst er wohl, andere schafft er neu. Ist es denn so entscheidend, die Frage zu beantworten, quis erit, cui debuerit? Oder: Woher habt ihrs genommen, wie konnt es zu euch kommen?

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Dez. 212007
 

21122007.jpg Architekten weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig die Details für Qualität und Anmutung eines Bauvorhabens sind. Dann reden sie in lyrischen Tönen über Handläufe, Abstufungen, Durchwegungen und dergleichen Einzelheiten. Ein oft missachtetes Detail verdient alle Aufmerksamkeit: der Fahrradständer. Ein sehr gelungenes Beispiel fand ich heute in Kreuzberg vor dem Bürogebäude Tempelhofer Ufer 37 an der Schöneberger Brücke. Hier sind die griffartig geschwungenen, gut hüfthohen Edelstahlrohre als gestaltendes Element in einen mit Ziegel- und Natursteinen kleinteilig angelegten Eingangsbereich integriert worden. Eine optisch darauf abgestimmte Rampe ermöglicht Behinderten das mühelose Betreten des Gebäudes. Durch die in warmen Ocker-, Erd- und Rottönen gehaltenen Elemente entsteht eine einladende, zum Verweilen anregende Gesamtanmutung, die sich organisch an die Fassade anschließt. Die Fahrradständer sind nicht nachträglich „angeklebt“ worden, sondern markieren augenfällig das Sich-Beruhigen des noch in Bewegung befindlichen Besuchers, nicht unähnlich einer Art Wellenbrecher in der Brandung des Großstadtverkehrs. Da sie selbst die Kreisform eines im Boden verankerten Rades nachahmen, strahlen sie Verlässlichkeit, Bewegung und zugleich Ruhe aus. Funktional gesehen erfüllen sie ihren Zweck, den Diebstahl von Fahrrädern zu verhindern, auf vorbildliche Weise, doch verschmilzt die Funktion hier mit der Form zu einer überzeugenden Einheit. Form blends with function!

Ich selbst hatte übrigens keine Besorgung in diesem Gebäude, war aber versucht, mein Fahrrad dort abzustellen. Eine klug durchdachte Lösung eines häufig vernachlässigten Themas für die Aschenputtel des heutigen Stadtverkehrs, denen ihr großer Auftritt noch bevorsteht: die abgestellten Fahrräder.

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Das böse Tier oder: Wie Angst entsteht und wohin sie führen kann

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Dez. 202007
 

boses-tier.jpg Mit Wanja entdecke und singe ich gerne Kinderlieder. Diesmal durchblättern wir das Buch: Die schönsten Kinderlieder, herausgegeben von Gisela Walter, Ravensburger Buchverlag. Mit Bildern von Marlis Scharff-Kniemeyer. Es ist derzeit mein liebstes Liederbuch. Viele alte Bekannte treffen wir, aber auch Neues, z.B. das Lied

Wir wolln einmal spazierengehn in einem schönen Garten.

Wenn nur das böse Tier nicht wär, wir wolln nicht lange warten …

Nach und nach baut sich von eins bis zwölf eine immer stärkere Spannung, eine angstvolle Erwartung auf. Gibt es das Tier? Wie sieht es aus, wer hat es gesehen? Unklarheiten, Vermutungen, Ungenauigkeiten werden aufgebläht. Beim Singen kommt in mir eine echte Angstlust auf.
Wenn es dann heißt:

Um elf, da klopft’s

um zwölf, da kommt’s!

dann ist die Angst da – breit und groß und schaurig-schön! So entsteht Angst, so wird sie gelöst, so wird sie durch gemeinsames Singen bewältigt. Wanja sagt zum ersten Mal überhaupt: Dieses Lied lerne ich auswendig, das möchte ich vorsingen! Am nächsten Morgen kann er es auch schon auswendig. Ein echtes Einlernen war nicht nötig. Allerdings fragt er weiterhin nach den Einzelheiten des bösen Tiers. Wie sieht das böse Tier aus? Warum ist es im Garten? Ich antworte stets mit einem einen raunenden … Vielleicht ist es …

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„Habt ihr denn schon eine Schule für Wanja?“

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Dez. 192007
 

So fragen gleichlautend ein Leser aus Barcelona und eine Leserin aus Prenzlauer Berg. Ich darf antworten: Ja, wir haben Wanja ordnungsgemäß bei der für uns zuständigen Grundschule, nämlich der Fanny-Hensel-Schule, angemeldet. Gleichzeitig reichten wir dort einen Antrag auf die Einschulung in der Adolf-Glassbrenner-Schule ein. Wir hatten diese Schule am Tag der offenen Tür besichtigt (dieses Blog berichtete am 25.10.2007), Wanjas Bruder Tassilo hat sie ebenfalls besucht und ein gutes Zeugnis abgelegt, und sie liegt sehr viel näher an unserer Wohnung als die Fanny-Hensel-Schule, die eigentlich für ein Kind, das zu Fuß geht, schon zu weit weg liegt.

Dem jahrgangsübergreifenden Unterricht kann man jedoch hier an den Berliner Grundschulen nicht entgehen. Er erinnert mich an den jahrgangsübergreifenden Unterricht an den Dorfschulen, von dem die Urgroßväter erzählten (“ … und es ist doch noch was G’scheites aus uns ‚worden!“). Für Menschen, die aus einem stärker leistungsfördernden Schulwesen kommen, ist dies ein Schauspiel, bei dem man erst einmal die Luft anhält. Wird unser Wanja hier drei Jahre lang das Alphabet lernen bzw. es im Sinne besserer Sozialkompetenz anderen beibringen – das er jetzt schon ohne einen einzigen Tag Grundschule kann, und zwar in kyrillischen und in lateinischen Buchstaben?

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Kulturelle Differenzen wahrnehmen

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Dez. 162007
 

Necla Kelek, die türkisch-deutsche Soziologin, zieht in ihrem Beitrag für die FAZ vom 15.12.2007 „Freiheit die meine“ eine nüchterne Bilanz dessen, was geleistet wurde, woran die Beteiligten sich abmühen, und welche Erwartungen unrealistisch sind. Zitate:

Es handelt sich bei der Auseinandersetzung mit dem muslimischen Wertekonsens nicht um Probleme, die man nur „erklären muss, um sie zu verstehen“. Lange haben die Integrationsbeauftragten und Islamkundler so gearbeitet, haben sie für Verständnis geworben, um den Muslimen ein „Ankommen“ in dieser Gesellschaft zu erleichtern. Wenn wir aber genau hinsehen, werden wir erkennen, dass wir es mit einem Wertekonflikt zu tun haben. Er berührt die Grundlagen unseres Zusammenlebens und wird Europa verändern, wenn wir uns nicht zu einer eigenen europäischen Identität bekennen.

Dieser Konflikt ist seit einiger Zeit Thema auf der deutschen Islamkonferenz, an der ich teilnehme. Seit fast einem Jahr diskutieren wir mit den Islamverbänden über eine gemeinsame Erklärung zum Wertekonsens. Der strittige Text lautet: „Grundlage ist neben unseren Wertvorstellungen und unserem kulturellen Selbstverständnis unsere freiheitliche und demokratische Ordnung, wie sie sich aus der deutschen und europäischen Geschichte entwickelt hat und im Grundgesetz ihre verfassungsrechtliche Ausprägung findet.“ Die Islamverbände des Koordinierungsrates der Muslime weigern sich bis heute, dieser Formulierung zuzustimmen.

Wohltuend finde ich die klare, schnörkellose Sprache der Autorin, ihre entschiedene Parteinahme für „unsere Gesellschaft“ und ihre Art, wie sie aus dem eigenen Erleben erzählt – etwa, welchen Riesenschritt es für sie bedeutete, im Alter von 18 Jahren erstmals eine Bratwurst zu bestellen. Zitat:

Wir sprechen von unterschiedlichen Dingen, auch wenn wir dieselben Begriffe verwenden. Freiheit, Anstand, Würde, Ehre, Schande, Respekt, Dialog – mit alldem verbinden westlich-europäische Gesellschaften bestimmte Vorstellungen, die von der islamisch-türkisch-arabischen Kultur ganz anders definiert werden. Es müsste so etwas wie ein Wörterbuch Islam-Deutsch, Deutsch-Islam erstellt werden, das diese Differenzen benennt.

Der Mut zur Bratwurst

Ich selbst musste mir meine Freiheit nehmen, sonst hätte ich sie nicht bekommen. Ich war achtzehn Jahre alt, also volljährig und im letzten Ausbildungsjahr zur technischen Zeichnerin, als ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit allen Mut zusammennahm, um – was ich lange beschlossen hatte – eine Bratwurst zu essen.

Bratwürste aßen nur die gavur, die Ungläubigen, denn sie bestehen meist aus Schweinefleisch – und Schweinefleisch ist haram, verboten. Ich bestellte also die Wurst und erwartete, dass mit dem ersten Biss sich entweder die Erde auftat und mich verschlang oder ich vom Blitz erschlagen wurde. Die Wurst war nicht besonders lecker, aber das Entscheidende war, dass – nichts geschah.

Ich beschliesse, Keleks Buch „Die verlorenen Söhne“ zu lesen.

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Handverlesenes Publikum in der Tee-Lese

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Dez. 162007
 

Je weniger Zuhörer ein Konzert besuchen, desto enger ist die Bindung zwischen Spielenden und Hörenden, desto stärker beeinflussen die Hörer durch ihre Art der Aufmerksamkeit das Spiel. So war es gestern abend: Alle Finger einer Hand hätten nicht ausgereicht, um all die Zuhörer zu zählen! So bot unser Publikum uns denn das denkbar beste, empfangend-gebende Hinhören. Wir weihten unser neues digitales Klavier durch diese Darbietung ein. Es war eine Freude! Fortan sind wir unabhängig und können an jedem bewohnten Ort der Erde ein Konzert mit Klavierbegleitung geben, vorausgesetzt, ein elektrischer Stromanschluss ist vorhanden.

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Angststarre – Angstflucht – Angstlösung: eine Erregung

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Dez. 142007
 

 

200px-dionysos_mask_louvre_myr347.jpg Mit Marie-Luise und Karl-Heinz besprach ich nach dem Weihnachtsoratorium am Sonntag die Grundzüge des vereinbarten Vortrages über die Angst. Wir kamen überein, das Thema nicht zu trocken, nicht zu gelehrt, nicht zu abschreckend zu formulieren. Ira ist skeptisch! Termin: 18. Januar 2008. Vorläufige Ankündigung:

„Angst und Mitleiden“ – diese tiefen seelischen Erschütterungen sollen in der attischen Tragödie eine reinigende Wirkung entfalten. Was ist dran an dieser Sichtweise?

„In der Welt habt ihr Angst!“ Wie hat das Christentum unser Grundgefühl Angst überformt? Textbeispiele aus den Tragödien des Aischylos, den Schriften des Aristoteles, der hebräischen Bibel und dem Johannes-Evangelium werden ausgespannt als Hintergrund für die Frage: Wie gehen wir heute mit Angst und Ängsten um?

Begann meine Sammlung mit dem Eingangschor aus den Persern des Aischylos. In der Tat: schon in den ersten Strophen dieser ältesten uns überlieferten Tragödie wird ein Gemälde der Angst ausgebreitet (Vers 115-119):

115ταῦτά μοι μελαγχίτων
φρὴν ἀμύσσεται φόβῳ,
ὀᾶ, Περσικοῦ στρατεύματος
τοῦδε, μὴ πόλις πύθη
ται κένανδρον μέγ᾽ ἄστυ Σουσίδος,

„Mein Sinn wird durch Angst zerkratzt“ das Verb bezeichnet zerzausen, zerraufen, wie von Haaren etwa. Angst also als Widerfahrnis, erregt, durcheinander.

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Dez. 132007
 

Gabriele Faber schaut bei uns vorbei. Wir besprechen Ablauf und Zeitplan des nächsten Konzerts am Samstag, 15. Dezember, 19.00 Uhr, im neueröffneten Teeladen in der Großbeerenstraße 56 in Kreuzberg. Wir freuen uns auf diese ungewöhnliche Mischung aus Texten, Liedern und Musik. Der Eintritt ist frei für alle.

Endgültiges Programm: Denksprüche und Poesien zwischen Ost und West. Gabriele Faber liest. Irina Potapenko singt. Kaorou Mizoguchi spielt Klavier. Johannes Hampel spielt Geige.

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Blogger-Jugend braucht Vorbilder – z.B. Stefan Niggemeier

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Dez. 132007
 

Wie die gedruckte FAZ heute berichtet, wurde der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier von der Branchenzeitschrift Medium Magazin zum Journalisten des Jahres gewählt. Schön, ich gratuliere! Mir gefällt seine Hartnäckigkeit, die er in seinem Blog immer wieder unter Beweis stellt. Werde mir seinen Blog noch mal genauer anschauen. Was mir auffällt, ist, dass seine eigenen Einträge recht lang sind. So lange Beiträge traue ich mich noch nicht zu schreiben. Lest ihr so lange Einträge in den Blogs?

Die spätabends erscheinenden Moderatorinnen in den von ihm so angriffslustig bezichtigten TV-Gewinnspielen finde ich aber gar nicht so schlecht anzusehen. Bisweilen echt lecker! Leider werden ihre nackten Beine mitunter durch störende Einblendungen überdeckt, wie auch Ira vorgestern recht pampig anmerkte. Wir suchten übrigens rund um 23 Uhr einfach nur irgendwelche biederen Fernseh-Nachrichten zum Hausgebrauch, aber es gab nur genüsslich ausgewalzten Smalltalk über Tod, unheilbare Krankheit und Steuererhöhungen, daneben einige amerikanische Serien und eben – bestes gleisnerisches Call-in-TV. Mundus vult decipi – ergo decipiatur. Reiches Deutschland!

 Posted by at 12:20