Glückwunsch Ira!

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Jan. 082008
 

2112_14067_nbh_potapenko_190.jpg Zufällig entdecke ich auf der Homepage des Nachbarschaftsheims Schöneberg einen Bericht über Ira, die in der Kita am Kleistpark verschiedene Theateraufführungen gemacht hat. Glückwunsch, Ira! Wir sind stolz auf Dich!

Zitate:

Die Opernsängerin Irina Potapenko, Mutter eines Kindes in der Kita Am Kleistpark, hat dort vieles angestoßen. Gemeinsam mit dem Team initiierte sie das Projekt „Der kleine Amadeus“. Mittlerweile gibt es eine feste Kooperation mit der Musikschule des Bezirks, eine Musikpädagogin arbeitet in der Kita. Die aus Moskau stammende Alt-Sängerin musiziert in ihrer Freizeit ebenfalls weiter mit den Kindern.

Frau Potapenko, gerade haben Sie mit Kitakindern Mozarts Zauberflöte aufgeführt. Wie geht das mit Vierjährigen?
Wir haben mit acht Kindern und sechs Puppen gespielt, alles hat gut geklappt. Wir werden das wiederholen. Die Kinder, die mitgemacht haben, waren begeistert. Alle anderen haben gebannt zugehört. Dass sie klassische Musik kennenlernen, ist so wichtig! Es sollte sogar eine Selbstverständlichkeit sein. Dafür engagiere ich mich.

Das hört sich energisch an. Reißen Sie immer viele Menschen mit?
Ich muss zugeben, als mein Sohn im Jahr 2005 in die Kita kam, habe ich mich sofort eingemischt. „Wo ist das Klavier?“, war meine erste Frage. Es gab keins. Dann wurde es angeschafft, das hat etwas in Gang gesetzt. Gemeinsam mit meinem Mann Johannes Hampel, der Geige spielt, habe ich Konzerte auf den Fluren der Kita gegeben. Das war im Mozartjahr 2006. Jetzt folgte als weiterer Höhepunkt die Zauberflöte.

Sie haben auch die Figuren gebastelt?
So fing es an. Die Königin der Nacht habe ich aus Pappmaschee gemacht, dann konnte ich nicht mehr aufhören. Als ich die Puppen hatte, habe ich die Oper auf 40 Minuten Länge gekürzt. Die Arie der Pamina singt eine befreundete Sopranistin, die Orchesterbegleitung kommt von der CD. Ein Kita-Vater ist Tonmeister, er hat alles zusammengeschnitten. Alle Kinder sind wieder voll dabei, sie singen, malen, dekorieren. Auch die, die zu Hause mit Kultur oder Musik womöglich gar nichts zu tun haben. Genauso die Kinder, die zum Beispiel sprachliche Probleme haben. Die Sprache der Musik versteht jeder.

Weil sie die Seele wirklich öffnet, so wie Mozart es meint?
Kinder lügen in diesem Alter nicht, ihre Reaktion ist direkt und ehrlich. Wenn die Botschaft dieser Musik nicht ankäme, würde man es ihnen sofort anmerken. Aber sie kam bisher noch jedes Mal an, also habe ich immer weitergemacht. So machen wir mit der Kita auf uns aufmerksam. Für Eltern und Erwachsene aus der Nachbarschaft werden wir die Zauberflöte noch einmal aufführen. Das Haus soll ein Familienzentrum werden. Das unterstütze ich sehr

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Jan. 072008
 

Anhand der neuesten Forschungsliteratur überprüfe ich meinen aus dem Kopf verfassten Eintrag vom 30. Dezember, in dem das in Augsburg entdeckte hebräische Graffito יהוה dokumentiert und besprochen wurde. Ein vortreffliches, neu erschienenes Handbuch lege ich hierzu auf meinen Schreibtisch:

Jan Christian Gertz (Hg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. 2., durchgesehene Neuauflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007 [=UTB 2745]

Auf Seite 122 lese ich dort zum Problem des Augsburger Graffito:

Nicht unerheblich ist die Frage nach der Bedeutung des Namens: Nach Ex 3,14 in masoretischer Vokalisation liegt eine Ableitung von der hebräischen Wurzel HYY „sein, werden“ im Grundstamm vor, doch wird seit Julius Wellhausen die arabische Wurzel HWY „wehen“ als plausibler angenommen, u.a. weil sie dem theologischen Profil des Jhwh als eines urspünglichen Wettergottes (vgl. Ri 5,4f; Hab 3,3; Ps 68,8f.; Dtn 33,2) eher entspricht. Philologisch ist von der Basis HWY aus beides möglich. Daraus ergibt sich für den Namen Jhwh die Alternative einer Deutung als finite Verbalform des Langimperfekts 3. P. m. Sg. im Grundstamm „er wird/ist“ oder „er weht“. Bei JHW handelt es sich um die entsprechende Form im Kurzimperfekt bzw. Iussiv „er sei/werde“ oder „er wehe“. Nimmt man anstelle des Grundstammes einen Kausativstamm an, erweitern sich die Deutungsmöglichkeiten (Jhwh: „er lässt sein“ bzw. „schafft“ [s. W. F. Albright] oder „er lässt wehen“. Die Übersetzung der LXX von Ex 3,14 „Ich bin der Seiende“ ist der griechischen Ontologie verpflichtet.

Für einen derartig gedrängten, mit mannigfachen Belegen untermauerten semantischen Abriss des hebräischen Gottesnamens kann man gar nicht dankbar genug sein. Ich empfehle das genannte Werk allen jenen, die die Hebräische Bibel (oder, wie manche sagen: das Alte Testament) mit Handreichungen durch die moderne Wissenschaft neu entdecken wollen.

Was ich allerdings in dem Band bisher nicht gefunden habe, ist eine fundamentale kritische Auseinandersetzung mit dem sicherlich anfechtbaren Begriff „Altes Testament“. Der Buchtitel „Altes Testament“ ist der Sammlung antiker Schriften nachträglich angeheftet und höchst problematisch. Manche Juden meinen mit gutem Grund, schon durch den Namen „Altes Testament“ werde ihnen ihre Schrift, ihre Bibel gewissermaßen enteignet. Selbst die frühen Christen nannten die Sammlung ihrer verbindlichen Schriften (Tora, Ketubim, Nebiim), zu denen nach und nach frühe Bekenntnisschriften der Jesusgemeinden hinzutraten, bis weit ins zweite Jahrhundert hinein nicht Altes und Neues Testament. Das hier angezeigte Buch hält sich übrigens dankenswerterweise von der früher häufig vorherrschenden rein christologischen Lesart der Hebräischen Bibel weit entfernt.

Nebenbei: Der Eintrag vom 30. Dezember in diesem Blog bedarf keiner sachlichen Korrektur.

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Stradivari-Geigen entzaubert?

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Jan. 062008
 

Erstaunlich, dass ausgerechnet der aktuelle englischsprachige Spiegel online die knappste und aktuellste mir bekannte Gesamtdarstellung des Mythos Stradivari bringt. Gute, ausgewogene Berichterstattung durch Autor Carsten Holm! Es wird sogar ausgiebig aus dem Nähkästchen der Händlertricks und Käuferfinten geplaudert. Zitat:

The cult surrounding the 300-year-old violins has sent prices through the roof, making the Italian masterpieces a coveted investment worth millions. Only a handful of dealers control the market — and they’re willing to pull any number of strings to maximize profits.

Lesenswert für alle, die dem Zauber der Stradivari erlegen sind – oder noch nicht erlegen sind! Zu den letzteren gehört aufgrund eigener Hörerfahrungen im Konzertsaal der Autor dieses Blogs.

Welches ist denn nun die beste Geige? Meine Meinung ist: Die beste Geige ist stets diejenige, welche du gerade spielst. Und selbst wenn sie es nicht sein sollte: Behandle sie so, als wäre sie es! Du wirst ein Wunder erleben, und deine Zuhörer auch!

Soeben erfahre ich durch einen aufmerksamen Leser, dass dieser Bericht im gedruckten Heft auch auf deutsch erschienen ist, und zwar am 10. Dezember 2007.  Ankündigung im damaligen Editorial des Spiegels:

Als SPIEGEL-Redakteur Carsten Holm, 52, in der Wiener Werkstatt des deutschen Geigenbaumeisters Marcel Richters, 49, zum ersten Mal eine bald 300 Jahre alte Stradivari in die Hände nahm, wurde ihm mulmig. Drei Millionen Euro war die Violine wert, und es beruhigte ihn kaum, dass das teure Stück Holz gut versichert war. Beim Versuch, den Mythos Stradivari zu ergründen, kam Holm während der Recherchen in Chicago, London und München den seltsamen, bisweilen sogar kriminellen Usancen der Geigenhandelsbranche auf die Spur. „Wenn mein Name erscheint, bin ich erledigt“, sagte ihm ein Insider, der Zeuge von Schwarzgeldgeschäften in Millionenhöhe war. Selbst Händler sprechen von der „Stradivari-Mafia“, manche mit Schrecken, andere, so Holm, „mit einem breiten Grinsen“ (Seite 160).

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Testen Sie Ihr Rechtsempfinden! Welche Strafe würden Sie wählen?

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Jan. 062008
 

In Wahlkampfzeiten wählen manche Politiker und Parteien das Thema Kriminalität oder „Innere Sicherheit“ gerne als ein Schwerpunktthema. Oft wird dabei der Ruf nach härteren Strafen laut. In diesen Tagen tut sich der gute alte Reader’s Digest (Ausgabe Deutschland, Januar 2008) mit einem äußerst lesenswerten Artikel hervor: Im Namen des Volkes. Welche Strafen halten die Deutschen für wirklich gerecht. Autorin Doris Kochanek konfrontiert die Leser mit einer Reihe von vor deutschen Gerichten tatsächlich verhandelten Fällen. Diese Fälle wurden in einer Untersuchung des Emnid-Instituts darüber hinaus einer Testgruppe vorgelegt. Ergebnis: In allen Fällen urteilten die „Laienrichter“ erheblich anders als es die Berufsrichter getan hatten – allerdings fielen die Abweichungen nicht einheitlich im Sinne härterer oder milderer Strafen aus. Jedoch urteilten die Laien meist in einer Richtung anders, nämlich milder, wenn es um die Sachdelikte ging, und einheitlich anders, wenn es um Delikte mit Eingriffen in Persönlichkeitsrechte ging, also etwa bei Körperverletzung oder Kindesvernachlässigung. Bei dieser Gruppe von Straftaten fällten die befragten Laien stets deutlich höhere Urteile als die zuständigen Gerichte es getan hatten. Zitat aus der Zeitschrift, S. 108:

„In diesem hohen Stafbedürfnis äußert sich das Bauchgefühl der Menschen. Das betrifft vor allem Delikte, die einem sehr fern und besonders unangenehm erscheinen. Bei denen man sich gleichsam sagt: „So etwas können nur Monster tun, und die muss man einsperren“, erklärt Professor Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. „Zum Vorschein kommt hier auch die Angst, selbst zum Opfer zu werden. Und dieses Gefühl wird von der oftmals reißerischen Berichterstattung über Straftaten noch geschürt.“

Tatsache ist: Die Zahl der Schwerverbechen in Deutschland sinkt.

Soweit das Zitat! Dabei fällt mir ein: Im Anschluss an einen eigenen Vortrag diskutierte ich vor wenigen Wochen mit einer Gruppe Berliner Politiker das Thema „Innere Sicherheit“. Mir wurde vorgehalten: „Sie können nicht leugnen, dass die Verbrechen in Berlin ständig zunehmen. Alle fühlen sich ständig immer unsicherer!“ Dem erwiderte ich: „Ich erlaube mir, dies zu bestreiten. Denn die neueste Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für Berlin weist einen leichten Rückgang der Deliktzahlen insgesamt aus.“ Sofort kam der Widerspruch: „Das hat nur damit zu tun, dass es immer weniger Polizisten gibt und deshalb immer weniger Straftaten angezeigt werden!“ Ich streckte damals buchstäblich die Waffen – wer amtliche Statistiken nicht als Grundlagen für Gespräche anerkennen will, bei dem hat der Kaiser sein Recht verloren. Ein solcher Mensch wird sich durch alles, was ihm begegnet, in seinem grundsätzlichen Gefühl der Bedrohung bestätigt sehen. Passiert ihm jetzt nichts, so ist dies nur ein Beweis dafür, dass jederzeit etwas passieren kann, weil überall die Bösen lauern. Denn sonst wäre es ja schon passiert. Die warten ja nur darauf!

Ich empfehle den Artikel aus Reader’s Digest mit Nachdruck. Nebenbei: Meine verstorbene Oma war Abonnentin dieser Zeitschrift. Ich habe diese Bände als Kind bei meinen glücklichen Ferienaufenthalten in Massing im Rottal/Niederbayern geradezu verschlungen, rümpfte dann als intellektueller Schnösel eine Zeitlang die Nase ob solch mundfertig vorverdauter Kost und finde sie heute erneut wieder sehr lesenswert. Wird so der Mann wieder zum Kinde?

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Shared space – Lösung für einen Teil unserer Verkehrsprobleme?

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Jan. 042008
 

Auf der Homepage der Berliner Grünen fand ich ein sehr interessantes Konzept, das mir als vielfach gebeuteltem Berliner Fahrradfahrer sehr vielversprechend erscheint: Shared space – gemeinsam genutzter Raum. Grundidee: Weniger Vorschriften, weniger Barrieren, stattdessen stetes Aufeinander-Achten aller Verkehrsteilnehmer. Dadurch werden angeblich alle tödlichen Unfälle vermieden. Was mir daran gefällt, ist, dass endlich der städtische Raum als gemeinsamer Lebensraum wiedergewonnen werden soll. Vermutlich bedarf es aber noch zahlreicher flankierender Maßnahmen, um die derzeit bestehende einseitige Bevorzugung des Autoverkehrs zugunsten eines gedeihlichen Miteinanders aller umzukehren.

Zitat:

„Das Konzept von „Shared Space“ ist verblüffend: An die Stelle von Schildern und Ampeln treten Aufmerksamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme in einem von allen VerkehrsteilnehmerInnen gleichberechtigt genutzten Straßenraum und der Grundsatz Rechts vor Links. Der Straßenraum wird den NutzerInnen nicht mehr durch Linien, hohe Bordsteinkanten oder Blumenkübel zugewiesen. Farbliche Kennzeichnungen und ein bis drei Zentimeter hohe Niveauunterschiede erleichtern die optimale Bewegung im Straßenraum. „Shared Space“ zielt auf die Gestaltung des öffentlichen Raumes, in dem Verkehr, Verweilen und andere Funktionen wieder miteinander im Gleichgewicht sind. Hans Monderman beschreibt den Zusammenhang zwischen der Qualität des öffentlichen Raumes und dem Verhalten der Menschen mit dem zutreffenden Vergleich: „Wer will, dass sich die Menschen wie in einer Kirche verhalten, darf keine Disko bauen.“

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Sind Menschen ohne schützende Karosserie eine Fehlkonstruktion der Natur?

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Jan. 032008
 

Der Tagesspiegel meldet heute auf S. 14 aus der Statistik: 2007 starben im Berliner Straßenverkehr 55 Menschen: 19 Fußgänger, 14 Radfahrer, zehn Motorradfahrer. Die restlichen saßen als Fahrer oder Beifahrer im Auto. „Besonders oft würden alte Menschen, Fußgänger und Zweiradfahrer Opfer von Verkehrsunfällen, da ihnen eine schützende Karosserie fehlt, sagte die Polizei.“

Aha! Uns fehlt also etwas, wir sind unvollkommen, sofern wir kein Auto fahren. Wir sind – in anderen Worten – selber schuld, wenn wir ohne schützende Karosserie herumlaufen oder herumfahren und uns umfahren lassen. Wer sich in Gefahr begibt, wird darin umkommen! Warum musste der Typ vor meinem Revolver ohne schützende Bleiweste herumlaufen: er ist selber schuld, sagte der Bankräuber.

Grotesk! Ein weiterer Beleg für die Umkehrung der Ursache-Wirkung-Beziehung im Straßenverkehr. Ob wohl ein gehbehinderter Rentner, der es nicht rechtzeitig bei Grün über die Ampel schafft, die ihn umstoßende Karosserie des heranfahrenden SUVs ebenfalls als schützend empfindet?

Anne Grieger berichtet in Fenster zum Hof, einem Berliner Blog, über ihre Erlebnisse als Fahrradfahrerin, kurz nach Silvester. Glasscherben zerlöcherten bei ihrem Fahrrad den Reifen. Letztes Jahr fing ich wiederum mir am 2. Januar einen Platten ein. Ärgerlich! Danach ließ ich “unplattbare” Mäntel von Schwalbe aufziehen – heute ging deshalb alles gut, auch weil ich an den schlimmsten Stellen abstieg. Die Glasscherben von den an Silvester zerdepperten Flaschen bleiben auf den Fahrradwegen liegen, auf den Straßen hingegen werden sie geräumt. Geärgert habe ich mich auch darüber, dass Straßen und Fußwege von Eis geräumt waren, nicht aber der Fahrradweg, z.B. an der Langenscheidtbrücke in Schöneberg: die reinste Rutschpartie – lebensgefährlich! Von der Kita kommend, fuhr ich deshalb heute, mit meinem Sohn auf dem Sessel, auf der Fahrbahn. Die Autofahrer zogen fingerknapp links an mir vorbei – an den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 1,5m halten sich die Berliner Autofahrer ebensowenig wie an Geschwindigkeitsbeschränkungen. Wir sind halt nur Verkehrsteilnehmer dritter Klasse. Dagegen müssen wir kämpfen!

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Zygmunt Bauman über soziale Ängste und Angstbefreiung

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Jan. 022008
 

In der italienischen Wochenzeitschrift L’espresso vom 03.01.2008 äußert sich Zygmunt Bauman über Funktion und Erscheinungsformen der Angst in modernen Industriegesellschaften. Er sieht Angst funktional: Weshalb wird uns Angst eingeflößt und zu welchem Ende sollen wir sie empfinden? Als gefügige Objekte der Angst und der Ablehnung in der modernen Massengesellschaft erkennt er die Migranten, insbesondere die Zigeuner – den Ausdruck „Sinti und Roma“ verwirft er als bloße Begriffskosmetik. In Zeiten hemmungsloser Globalisierung, die gepaart sei mit einem immer schwächeren Staat, seien es einzig und allein künstlich geschaffene Bedrohungsszenarien, die noch den Zusammenhalt, das Funktionieren der fragmentierten Gesellschaften gewährleisten könnten. Dies gelte insbesondere auch für das Zusammenspiel zwischen Terroristen, Massenmedien und politischen Machteliten:

„I terroristi possono contare sulla collaborazione dei media, che riportano su scala globale le loro azioni locali; su potenti armate che in rappresaglia per queste azioni semineranno distruzione e odio, procurando ai terroristi schiere di nuove reclute; sui governi che vedono nelle azioni terroristiche (quelle riuscite e quelle fallite, o pianificate o solo pensate, o in sospetto di essere pensate) una chance per dimostrare di essere vigili ed efficaci e di ottenere l’applauso degli elettori.“

Bis hierhin vermag ich Baumann zu folgen. Nehmen wir als Beleg nur unsere Lage in Europa: Jedes Jahr sterben in der Europäischen Union etwa 50.000 Menschen bei Verkehrsunfällen, viele mehr tragen schwere und schwerste Behinderungen davon, während die Zahl der Terroropfer in Europa regelmäßig nur einen winzigen Bruchteil davon, der in vielen europäischen Ländern eine runde Null ist, ausmacht. Wer spricht in der öffentlichen politischen Debatte von diesem grotesken Missverhältnis? Wer tut etwas gegen den nicht erklärten „Krieg auf den Straßen“, wie es ein Beitrag von Eva Tenzer in der Zeitschrift Psychologie heute im Januar 2008 in polemischer Übertreibung titelt?

Ich widerspreche dem ursprünglich aus Posen stammenden Soziologen aber, wenn er am Schluss des Interviews einen Ausblick auf die Möglichkeit entwirft, uns von der Angst überhaupt zu befreien („la speranza di liberarci dalla paura“). Meint er damit ein Leben frei von Angst? Das halte ich für ausgeschlossen. Ich meine sogar, jeder – utopistische – Vorsatz, die Angst völlig aus dem menschlichen Dasein beseitigen zu wollen, würde einen neuen Teufelskreis von Repression und neuen Ängsten einläuten. Unser Ziel kann es nur sein, sinnvolle, realitätsgerechte Angst zu empfinden, irrationale Ängste zu durchkreuzen und denen in den Arm zu fallen, die aus geschürten Ängsten Kapital schlagen wollen.

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2008: Vorrang für Fußgänger, Radfahrer, Busse und Bahnen

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Jan. 022008
 

fahrradgarage.jpg Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 02.01.2008 macht sich Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, für eine Umsteuerung in der Verkehrspolitik stark. Eine Mahnung zur Vernunft, der man sich nicht verschließen kann! Anlass für das Gespräch ist die Einführung der Umweltzone in 18 deutschen Städten, darunter Berlin. Allerdings stellt Troge auch heraus, dass erst das Ineinandergreifen mehrerer Instrumente auf längere Sicht den gewünschten Erfolg bringen wird. Ich vertrete seit längerem die Ansicht, dass wir den Autoverkehr in den Städten vermindern sollen. Ich setze (mich) aufs Fahrrad!

Eine Erfolgsmeldung bringe ich aus Dießen am Ammersee mit: Dort habe ich am Bahnhof eine vorbildliche Fahrrad-Abstellmöglichkeit gesehen: eine Fahrrad-Garage, also einen überdachten Abstellplatz, zum Schutz vor Dieben Tag und Nacht beleuchtet, mit massiven Bügeln ausgestattet, an die die Fahrräder angeschlossen werden können. Bild hier oben! Gibt es so etwas auch am neuen Berliner Hauptbahnhof? Wenn nicht, wäre dies ein schweres Versäumnis. Ausschnitt aus dem Interview, Hervorhebung durch dieses Blog:

„SZ: Nicht nur Rußteilchen, auch Stickstoff und Lärm setzen der Bevölkerung zu. Können die Umweltzonen Teil eines Konzepts sein, den Autoverkehr in den Städten generell zurückzudrängen?

Troge: Wir brauchen weniger Autoverkehr, dafür mehr Fußgänger, mehr Radfahrer und mehr Öffentlichen Personennahverkehr. Davor können wir uns langfristig nicht drücken. Aber wenn sie auf die City-Maut anspielen – dieses Instrument ist dort weniger geeignet, wo wir in den Städten mehrere Zentren haben wie zumeist in Deutschland. Außerdem ist die Maut nicht selektiv, sie unterscheidet nicht zwischen Fahrzeugen mit unterschiedlicher Schadstoffbelastung.“

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Neues Jahr – Neues Ja

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Jan. 022008
 

winteraugustinum.jpg Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein frohes, vom Ja zum Leben geprägtes Jahr 2008!

Das neue Jahr beginne ich mit Bachs E-Dur-Partita. Eine frohe, kraftvolle, glänzende Musik voller Bejahung des Lebens! Ich spiele sie auf der mich stets begleitenden Geige in aller Frühe vor dem Frühstück im Keller des Hauses, um die verschiedenen Langschläfer nicht zu behelligen.

Ringsum sind Bücher aufgestapelt. Ich entdecke das Exemplar eines Buches wieder, das ich lange vermisste: Uns eint vergossenes Blut. Juden und Polen in der Zeit der ‚Endlösung‘. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1987. Ich erinnere mich, dass der Autor etwa 1987 einen Abend bei Gesprächen in unserem Hause verbrachte. Ich wurde ihm damals vorgestellt, schüttelte ihm die Hand – aber ich wusste nicht, was ich ihn fragen sollte! Ich wusste: Dieser Mann hatte das Lager Auschwitz überlebt, er hat nach dem Krieg unter verschiedenen Beschuldigungen in verschiedenen polnischen Gefängnissen gesessen. Ich empfand Scham, aber auch eine gewisse moralische Unterlegenheit. Ich war überrascht, einen so freundlichen, zugänglichen und gut Deutsch sprechenden Mann kennenzulernen. Ich schlage das Buch auf: es enthält eine persönliche handschriftliche Widmung des Wladyslaw Bartoszewski an meinen Vater: „in der weltanschaulichen Verbundenheit“. Es ist gut, anhand solcher Zufallsfunde die fast schon verschwundenen Kindheitserinnerungen wiederzubeleben. Daneben bin ich dadurch auf Lebenszeit gefeit gegen die Jammerarien, welche insbesondere Teile der heutigen deutschen Gesellschaft ach so gerne über ihr hartes Los anstimmen! Als ob etwa Arbeitslosigkeit eine Entwürdigung, einen Verlust der Menschlichkeit darstellte!

Über den Tag fahren wir nach Dießen am Ammersee, wo meine Mutter wohnt. Hinter Kissing umfängt uns bereits eine zauberhafte winterliche Landschaft.

Von meiner Mutter erbitte ich mir folgendes Buch zur Ausleihe: Borwin Bandelow, Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006. Ein außerordentlich gescheiter Autor, von dem ich vieles hinzulernen kann!

Auf dem Bahnhof lernen wir beim Warten auf den Zug zurück einen Geistlichen kennen. Wir sprechen über seelische Not. Wir kommen überein, dass alles Geld der Welt nicht gegen Hartherzigkeit, gegen das Leiden an der Einsamkeit, gegen seelische Wohlstands-Verwahrlosung und Schwermut hilft. Jeder Besuch in wohlhabenden Gegenden – wie etwa hier am Ammersee – bestätigt diese Einsicht aufs Neue.

Der Tag klingt aus in kleiner Runde mit russischem Essen und allerlei Walzermusik, die ich erneut auf der Geige zu produzieren versuche.

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Nachrichten aus einer befestigten Siedlung

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Dez. 302007
 

Wir melden uns aus Hochzoll-Nord, einem gutbürgerlichen Wohnviertel Augsburgs. Hier besuchen wir meinen Vater und Angehörige. Soeben kehren wir von einem Spaziergang zurück. Da ich hier aufgewachsen bin, kann ich die Veränderungen über die Jahrzehnte hin gut feststellen. Wir waren 2 Stunden auf den Beinen und sind nur fünf Menschen begegnet. Von Kindern keine Spur mehr! Stattdessen nimmt die Größe und Wuchtigkeit der vor den Türen geparkten Automobile von Jahr zu Jahr zu: ich zähle mehrere Mercedes der S-Klasse, zahlreiche SUVs (also massige Geländewagen), zahlreiche Schilder: „Ausfahrt freihalten – auch gegenüber“. Ein anderes Schild: „Vorsicht – Hund beißt manchmal.“ Aha! Es gibt auch hier einen Anflug von Humor. Wo sind die Menschen zu den Autos, wo sind die Leute zu den beißenden Hunden? Wo sind die Kinder? Ab und zu huscht eine Gestalt vorbei, packt etwas ins Auto. Ich grüße die wenigen verbleibenden Menschen freundlich und ernte aus Blicken zunächst Erstaunen darüber, dass: da grüßt jemand!

Wanja bekommt einen Schreianfall, kaum dass wir die Kirche Heiliggeist erreicht haben. Er hat Hunger, möchte sofort nachhause! Eine ältere Frau, bei der mein Vater sich für seinen schreienden Enkel entschuldigen zu müssen glaubt, schimpft verständnisvoll: „Ja, bei uns im Haus gibt es auch SO ETWAS. DAS führt sich auch so auf. Zu unserer Zeit hat’s ja SO ETWAS nicht gegeben.“ Ich schweige. Die Hausbesitzer in Hochzoll-Nord staffieren ihre Häuser zunehmend mit festungsartigen Trutz- und Schutz-Elementen aus: hier ein Türmchen, da ein neuer, höherer Zaun, dort eine krönende Zinne – ein unglaubliches stilistisches Durcheinander mit lauter Anleihen an die Zeit, als die Kleinadligen sich noch mit Wimpeln, Kutschen, Karossen und Zugbrücken hervortaten! Das ganze Geld scheint heute in PS-starke Autos, Häuser und Warnschilder zu fließen.

An der Wand der Heiliggeist-Kirche hat jemand insgesamt vier gleichlautende Graffiti aufgesprüht: Das hebräische Tetragramm, also die Selbstbezeichnung Gottes aus dem Tanach. Das rabbinische Judentum vermeidet etwa seit dem 1. Jahrhundert, diese vier hebräischen Buchstaben auszusprechen und verwendet im Kult stattdessen Bezeichnungen wie Adonaj („mein Herr“) oder Ha-schem („der Name“).- Mein erstes Empfinden: Großartig – es gibt also noch Menschen mit Sinn für Unordnung. Diese Geste, die Botschaft dieser Graffiti bleibt aber für mich schwer zu deuten. Was mag wohl in dem Menschen vorgegangen sein, der in hebräischer Quadratschrift den hebräischen Namen G’TT auf die Wand sprühte? Dachte er etwa: „Gott der Juden und Christen und Muslime, erbarme dich dieses ganzen Viertels!“? Oder wollte er die Christen daran erinnern, dass sie nur ein Abkömmling, ein Reis vom Stamm des alten Israel sind? Ferner: Wird der Hausherr die Anordnung zur Löschung des „Namens“ geben? Er ist da ganz schön in Tsores geraten! (Tsores ist übrigens ein altes jiddisches Wort für Drangsal, Zwickmühle).

Aufnahme: Graffito an der Außenwand der Heilig-Geist-Kirche, Augsburg-Hochzoll, aufgenommen am 30.12.2007

Wir gehen mit Vater spazieren, der seinen Rollator mit Mühe durch die engen Bürgersteige steuert. Im Vergleich zu Berlin weist dieses Viertel noch sehr viele bauliche Barrieren auf. Kein gutes Pflaster für Gehbehinderte! Kinder und Jugendliche gibt es hier allem Anschein nach nicht mehr. Ich komme zu dem Schluss: Das ist eine mögliche Zukunft der deutschen Gesellschaft mit ganz wenigen Kindern, vielen Straßen, Autos und Verbotsschildern. Wollen wir das?

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Quote of the day – the most salient political fear

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Dez. 282007
 

„Nevertheless, the most salient political fear, the one that most pervasively structures our lives and limits our possibilities, is the fear among the less powerful of the more powerful, whether public officials or private employers, far-off agents of state or local, familiar elites. And here we come to the crux of the argument. For all our talk today of the fear of terrorism, or, before that, of communism, the most important form of fear is that which ordinary Americans have of their superiors, who sponsor and benefit from the inequities of everyday life.“

Corey Robin: FEAR. The History of a Political Idea. Oxford University Press, New York 2004, 316 pages, here: p. 20

Stimmt dies? Nach Robins Sicht spielt Angst eine eminent wichtige Rolle beim Zusammenhalt von Machtstrukturen. Ängste werden bewusst eingesetzt, um Macht zu sichern. Die gerade „angesagtesten“ Ängste – also die vor Terrorismus, oder in Deutschland: die vor Arbeitsplatzverlust – sind willkommene Steuerungsmechanismen, um tiefersitzende, alltäglichere Ängste zu überdecken. Robins Buch ist erneut – wie schon das von Schmidbauer – ein herrlicher Gedankenschmaus! In diesem Buch werden die verschiedensten Spielarten all dessen, was die Griechen unter Phobos zusammenfassten, abgehandelt: Furcht, Angst, Terror, Schrecken, Entsetzen, Terrorismus, Einschüchterung – meines Wissens die umfassendste politische Analyse des Phänomens Angst aus jüngerer Zeit. Besonders lesenswert: die Ausführungen über Hannah Arendt.

Nebenbei: Nach einer Umfrage, die BILD heute auf Seite 1 brachte, flößt die „Angst vor sozialer Kälte“ den meisten Deutschen (58%) die größte Besorgnis ein – nicht die Angst vor Krankheit, Tod oder Terrorismus. Quelle der Meldung ist dpa; die Meldung selbst fand ich auch zum Nachlesen beim Fränkischen Tag.

Die Deutschen fürchten die soziale Kälte
Umfrage Fast jeder Zweite hält unsere Gesellschaft für kinderfeindlich.

von Dorit Koch, dpa

Hamburg – Die Angst der Deutschen vor Kinderfeindlichkeit und sozialer Kälte wächst: „Immer mehr Menschen sehen in diesen beiden Problemen die größten Zukunftssorgen. Umfragen haben ergeben, dass Deutschland damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern leider weit vorn liegt“, sagte Zukunftsforscher Prof. Horst Opaschowski. „Ganz persönlich sehnen sich die Deutschen vor allem nach Vertrauen, Geborgenheit und menschlicher Wärme.“ Die Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, deren wissenschaftlicher Leiter Opaschowski ist, hat bei Repräsentativumfragen in neun Ländern 11 000 Menschen dazu befragt.

Gestern wurde Benazir Bhutto ermordet. Und gerade deswegen ist unser Thema Angst angesagter denn je!

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Dez. 272007
 

Mit derart wörtlich gepflastertem hartem Gefüge könnte man den Vers 606 aus den Persern des Aischylos wiedergeben. Emil Staiger übersetzt weitaus gepflegter und beruhigter:

Derart verstört Unheilsbestürzung unsern Sinn.

Las gestern zur Nacht dieses Drama in einem Zug durch. Was für eine Orgie der Angst, was für ein Wühlen in der Verstörung! Vieles erschließt sich erst, wenn man den griechischen Originaltext liest, Wort um Wort dem ungewohnten, über weite Strecken mit persischen Fremdwörtern und Namen durchsetzten Text nachlauscht. Dieser gesamte Monolog der Atossa ist darüber hinaus eine der Stellen, in denen ausführlich über Ursprung und Wirkung der Angst verhandelt wird.

Ἄτοσσα
φίλοι, κακῶν μὲν ὅστις ἔμπειρος κυρεῖ,
ἐπίσταται βροτοῖσιν ὡς ὅταν κλύδων
600κακῶν ἐπέλθῃ πάντα δειμαίνειν φιλεῖ:
ὅταν δ᾽ δαίμων εὐροῇ, πεποιθέναι
τὸν αὐτὸν αἰεὶ δαίμον᾽ οὐριεῖν τύχην.
ἐμοὶ γὰρ ἤδη πάντα μὲν φόβου πλέα
ἐν ὄμμασιν τἀνταῖα φαίνεται θεῶν,
605βοᾷ δ᾽ ἐν ὠσὶ κέλαδος οὐ παιώνιος:
τοία κακῶν ἔκπληξις ἐκφοβεῖ φρένας.
τοιγὰρ κέλευθον τήνδ᾽ ἄνευ τ᾽ ὀχημάτων
χλιδῆς τε τῆς πάροιθεν ἐκ δόμων πάλιν
ἔστειλα, παιδὸς πατρὶ πρευμενεῖς χοὰς
610φέρους᾽, ἅπερ νεκροῖσι μειλικτήρια,
βοός τ᾽ ἀφ᾽ ἁγνῆς λευκὸν εὔποτον γάλα,
τῆς τ᾽ ἀνθεμουργοῦ στάγμα, παμφαὲς μέλι,
λιβάσιν ὑδρηλαῖς παρθένου πηγῆς μέτα,
ἀκήρατόν τε μητρὸς ἀγρίας ἄπο
615ποτὸν παλαιᾶς ἀμπέλου γάνος τόδε:
τῆς τ᾽ αἰὲν ἐν φύλλοισι θαλλούσης βίον
ξανθῆς ἐλαίας καρπὸς εὐώδης πάρα,
ἄνθη τε πλεκτά, παμφόρου γαίας τέκνα,
ἀλλ᾽, φίλοι, χοαῖσι ταῖσδε νερτέρων
620ὕμνους ἐπευφημεῖτε, τόν τε δαίμονα
Δαρεῖον ἀνακαλεῖσθε, γαπότους δ᾽ ἐγὼ
τιμὰς προπέμψω τάσδε νερτέροις θεοῖς. ̓́ Vielleicht werde ich diesen Abschnitt überhaupt bei dem Angst-Vortrag zugrunde legen. Er scheint mir passend. Bis zum 18. Januar ist noch Zeit. Was das Johannes-Evangelium angeht, so steht 16,33 bereits fest – ein Spitzensatz johanneischen Denkens, der unabsehbar in die Ferne gewirkt hat, bis hin zu Kierkegaard, Heidegger, Paul Tillich, ja selbst der Ägyptologe Jan Assmann bezieht sich ausdrücklich auf ihn.

Wieso erwähne ich Assmann? Nun, im Februar 2007 besuchte ich Angst. Kon(junk)turen eines Gefühls, die Tagung des Einstein Forums Potsdam, bei der Assmann seine Überlegungen im Anschluss an dieses Jesus-Wort vortrug. Das Beste kommt jetzt: Diesen Vortrag kann man ebenso wie einige andere nachhören – was hiermit nachdrücklich empfohlen sei!

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„Fürchtet euch nicht!“

 Angst, Mären  Kommentare deaktiviert für „Fürchtet euch nicht!“
Dez. 262007
 

Erneut lasse ich den Tag heute geruhsam angehen. Ich finde fast zufälllig beim Lesen von allerlei klugen Büchern über Angst die folgenden Worte, die häufig Nelson Mandela zugeschrieben werden. Er soll sie in seiner Antrittsrede als Staatspräsident 1994 gesagt haben:

Our deepest fear is not that we are inadequate. Our deepest fear is that we are powerful beyond measure. It is our light, not our darkness that most frightens us. We ask ourselves, Who am I to be brilliant, gorgeous, talented, fabulous? Actually, who are you not to be? You are a child of God. Your playing small does not serve the world. There is nothing enlightened about shrinking so that other people won’t feel insecure around you. We are all meant to shine, as children do. We were born to make manifest the glory of God that is within us. It’s not just in some of us; it’s in everyone. And as we let our own light shine, we unconsciously give other people permission to do the same. As we are liberated from our own fear, our presence automatically liberates others.

Diese mittlerweile berühmten Worte stammen allen Belegen nach, die mir vorliegen, von Marianne Williamson, und zwar aus ihrem 1992 erschienenen Buch: A Return to Love. Die Zuschreibung an Mandela ist eine Mär, die sich hartnäckig hält. Dieses Gedicht findet sich in dem veröffentlichten Manuskript seiner Rede nicht.

Ich selbst fand den Hinweis auf dieses Zitat übrigens in folgendem, durchaus lesenswertem Aufsatz: Linda Briendl: Archetypen der Angst und das sich ängstigende Individuum, in: Jan Baldewien, Hans Erich Loos (Hg.): „Angst essen Seele auf“. Vom Umgang mit den Ängsten. Evangelische Akademie Baden, Karlsruhe 2006, [= Herrenalber Forum Band 46], S. 9-29

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