Jan. 282008
 

„In der Demokratie sind wir alle Bürger. Egal ob wir Nadelstreifenanzüge, abgewetzte Jeans oder Latzhose tragen.“ Endlich sickert es auch außerhalb dieses Blogs durch, – etwas, was ich mit diesen Worten bereits am 10.12.2007 hier unter dem Stichwort „Neue Bürgerlichkeit“ formuliert hatte, wenngleich ich mich altersbedingt einer wesentlich gesitteteren Diktion befleißigte als Burkhard Hirsch. Lesen Sie selbst im Spiegel online von heute:

Auch der frühere Innenminister von Nordrhein-Westfalen und Altliberale Burkhard Hirsch kritisierte am Montag gegenüber SPIEGEL ONLINE die einseitige Ausrichtung der FDP auf die Union. „Ich habe es immer für einen schweren Fehler gehalten, dass die FDP sich vor den Wahlen in einer solchen Art festlegt. In einem Mehrparteiensystem müssten die Liberalen in der Lage zu sein, mit allen demokratischen Parteien zu koalieren“. Der FDP-Politiker kritisierte auch die Verwendung des Begriffes vom „bürgerliches Lager“ durch CDU und CSU. „Die Konservativen können nicht für sich beanspruchen, festzulegen, wer Bürger dieses Landes ist. Da stehen mir die Haare zu Berge, das ist vergorener Quatsch aus dem 19. Jahrhundert“, so Hirsch.

Hirsch hat recht – liest er dieses Blog? Allerdings verfolgte ich gestern recht aufmerksam die „Berliner Runde“ der Generalsekretäre, und ich muss sagen: Die CDU- und FDP-Vertreter und leider auch die Journalisten nahmen – nebst zahlreichen anderen hölzern-vorgestanzten Wendungen – immer wieder Worte in den Mund wie etwa: „Ich hoffe immer noch auf eine bürgerliche Regierung“…. „das bürgerliche Lager wird vielleicht doch die Regierung stellen“. Auch hier in Berlin hört man immer wieder aus der CDU flehentliche Sätze wie: „Wir bürgerlichen Parteien dürfen dem linken Block nicht die Herrschaft überlassen etc.pp.“ und was dergleichen Leerformeln mehr sind. Ich freue mich, dass ein erfahrener Politiker wie Burkhard Hirsch den Standpunkt vertritt, den ich bereits seit Monaten hier in Berlin offensiv gegen alle Widerstände verfechte. Weiter so, Burkhard Hirsch! In der Sache haben Sie recht, im Ton sag ich’s persönlich etwas sanfter – bin halt leider sehr bürgerlich.

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Jan. 272008
 

Am Donnerstag traf ich mich mit einigen aktiven Mitgliedern vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). Thema: Gründung einer Kreuzberger Stadtteilgruppe des ADFC. Obwohl wir uns vorher nicht kannten, fanden wir sofort einen guten Draht zueinander. So macht Basisarbeit Spaß! Natürlich konnte ich fachlich meinen neuen Mitstreitern – darunter einem studierten Verkehrswissenschaftler – in keiner Hinsicht das Wasser reichen. Aber es geht überhaupt nicht darum, „Punkte“ für sich zu holen, sondern jede und jeder stellt das über Jahre und Jahrzehnte hin angesammelte Wissen in den Dienst der gemeinsamen Interessen: Förderung des Fahrradverkehrs, Schaffung eines günstigen Klimas für unser klimafreundliches Verkehrsmittel! Für uns alle stellt das Fahrrad zwar zunächst einmal nur das unübertroffen praktische Verkehrsmittel der ersten Wahl im innerstädtischen Verkehr dar, aber darüber hinaus fand ich auch viel Widerhall bei meinem Bekenntnis, dass Fahrradfahren auch eine Art Lebenseinstellung, eine urbane Heiterkeit wiedergibt: im Einklang mit sich und den Mitmenschen, körperbewusst, sportlich, fair, gesundheitsbewusst, umweltschonend, keine Ruppigkeiten, kein PS-Prahlen, keine selbstauferlegte Isolation gegenüber den Mitmenschen wie in den rollenden Blechkisten, den Autos (die sicherlich auch ihre Berechtigung haben – gerade für Alte, Kranke und Gehbehinderte, dann auch im Wirtschaftsverkehr und bei Lasttransporten).

Ich habe einfach schon bei diesem ersten Mal so viel hinzugelernt, dass ich mir sicher bin: Wir werden zusammen viel Gutes bewirken – nicht nur für uns, sondern auch für unseren Bezirk, für das Wohlbefinden aller! Besonders wohltuend empfand ich, dass ich alle meine Fragen, die ich mitgebracht hatte, im lockeren Gespräch klären konnte:

Was ist ein „Kreuzberger Bügel“? -Antwort: Ein Standardmodell für Fahrradabstellvorrichtungen, wie es sich insbesondere in Kreuzberg bestens bewährt hat. Das von mir favorisierte Modelll vom Schöneberger Ufer (dieses Blog berichtete am 21.12.2007) erhielt nicht die Bestnote, weil für bestimmte kleinere Fahrradmodelle die benötigte zweite Strebe fehlt.

Was ist der ADFC – eine quasi-politische Vereinigung, die in Abstimmung mit einer bestimmten Partei ein umfassendes verkehrspolitisches Konzept verfolgt? Klare Antwort: Nein, der ADFC bildet vielmehr eine Lobby, also eine Interessenvertretung für alle jene Menschen, die beruflich oder privat das Fahrrad nutzen. Also eine Art ADAC für Radfahrer? Ja, kann man so sagen, scheint mir.

Wieviele Mitglieder hat der ADFC in Berlin? Über 10.000! Das ist beeindruckend – damit reicht er schon an den Mitgliederstand einer Partei heran.

Es wird zügig „wie auf zwei Rädern“ weitergehen – ich halte euch Blogger auf dem laufenden, Termin und Ort der Gründungsversammlung sind schon vorläufig abgestimmt, ich werde demnächst unser offizielles Einladungsschreiben auch hierher stellen, sobald es noch einmal im Wortlaut von den Teilnehmern der Vorbesprechung gebilligt und ADFC-intern geprüft und versandt worden ist!

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Als Schuldiger vor dem Kammergericht

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Jan. 242008
 

fahrrad-juli-2006-014.jpg Eine lehrreiche Erfahrung machte ich gestern vor dem Kammergericht in der Elßholzstraße. Und das kam so: Neuerdings begleite ich meinen fünfjährigen Sohn fast jeden Tag mit dem Rad zur Kita am Kleistpark in der Elßholzstraße. Er fährt voller Stolz auf seinem, ich auf meinem Rad. Da Kinder laut StVo § 2 Abs. 5 bis zum vollendeten achten Lebensjahr den Bürgersteig benutzen müssen, fährt er nicht auf der Straße und auch nicht auf dem Radweg. Meist fuhr ich – bis gestern – auf dem Bürgersteig knapp hinter ihm drein, mit Argusaugen wachend. Oft schon sind wir so an Streife gehenden Polizisten vorbeigefahren, die nie etwas beanstandeten. Gestern kamen uns vor dem Kammergericht zwei Außendienstmitarbeiter des Ordnungsamtes entgegen – sie erwarteten mich und sprachen mich an: „Es tut uns leid, aber Sie müssen absteigen. Auch als begleitender Erwachsener dürfen Sie nicht den Bürgersteig befahren.“ Ich gab mich dankbar für die Rechtskunde, zumal mir die Rechtslage nicht eindeutig bekannt war. Ich war aber erstaunt und grummelte ein bisschen herum: „Wir passen schon auf, es ist nie etwas passiert. Ich bin schon an vielen Polizisten vorbeigefahren.“ Sie erwiderten: „Egal, was die Polizei sagt, die erzählen viel Unsinn, wenn der Tag lang ist. Was glauben Sie denn, wenn Sie einen Unfall verursachen – dann kommt niemand für den Schaden auf. Zwar drücken wir und auch die Polizei öfter mal ein Auge zu, aber erlaubt ist es trotzdem nicht, dass Erwachsene zusammen mit Kleinkindern auf dem Bürgersteig fahren. Es hilft nichts: Sie müssen auf der Fahrbahn fahren und versuchen, Ihr Kind im Auge zu behalten. Und denken Sie an die Migrantenkinder, die schauen weder nach links noch nach rechts.“

Tja, das sah ich ein, zumal die Mitarbeiter sich wirklich sehr höflich verhielten. Ob aber die Ordnungshüter gemerkt haben, dass auch mein Sohn laut amtlicher Definition ein Kind mit Migrationshintergund ist? Ich schob das Rad die letzten Meter bis zum Kindergarten. Ab heute habe ich die neue Ordnung tatsächlich so eingeführt: Sohnemann fährt auf dem Trottoir, ich auf der Straße oder auf dem Radweg nebenher. Wanja sieht es ein und fährt zunehmend geschickter und rücksichtsvoller. Übrigens: Wenn ich ihn frage: „Wie möchtest du am liebsten zur Kita, mit dem Auto, der U-Bahn oder dem Fahrrad?“, dann sagt er stets: „Mit dem Fahrrad – aber mit dem eigenen.“

Was ich mir von Fahrrad- und Autofahrern wünsche: Einhaltung der Verkehrsregeln. Die Autos fahren in Deutschland grundsätzlich schneller als erlaubt ist – ich erfahre dies regelmäßig, wenn ich selbst PKW fahre. Oft sehe ich in Berlin PKWs, die bei Rot noch über die Ampel fahren. Die Fahrradfahrer halten sich – das muss ich leider so hart sagen – in der Mehrzahl auch nicht an die Regeln: Rotlicht kennen die meisten überhaupt nicht, viele fahren in der Dunkelheit ohne Licht, viele Erwachsene befahren den Bürgersteig, auch wenn sie ohne Kinder unterwegs sind. Das alles finde ich nicht gut für unsere Sache.

Ich meine, wir Fahrradfahrer sollten uns von den Autofahrern nicht ständig zu solchen vielen kleinen Verstößen verleiten lassen, sondern beweisen, dass wir uns an die Regeln halten und deshalb auch in unseren Rechten geachtet werden möchten. Nur so werden wir uns neue Freunde gewinnen und letztlich auch den Anteil des Fahrradverkehrs in Berlin steigern können.

Bild: mein derzeitiges Fahrrad, mit dem ich sehr zufrieden bin

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Jan. 222008
 

Nach all den Posen und Possen, die Wahlkampfzeiten mit sich bringen, waren meine Erwartungen eher niedrig, als ich gestern, am 21. Januar, das Symposium zur Jugendgewalt im Deutschen Bundestag besuchte. Eingeladen in den Fraktions-Sitzungssaal hatten die Abgeordneten Volker Kauder (Rottweil-Tuttlingen) und Hans-Peter Uhl (München). Und – Überraschung! – die ganze Veranstaltung war von der ersten bis zur letzten Minute lehrreich, wohltuend unaufgeregt, sachorientiert, von echtem Ringen um Lösungen geprägt. Das Verdienst daran war vor allem der Auswahl der eingeladenen Sachverständigen zuzuschreiben, die mit einer Fülle an Einsichten und Ansätzen aufwarten konnten. Es gab auch nicht den Anflug von billigem Populismus zu spüren. Besser kann man es nicht machen. Eine solche Anhörung verdient die Bestnote 1 in jedem Anti-Politikverdrossenheits-Training für hartgesottene Demokratieverächter!

Jens Weidner, Erziehungswissenschaftler und Kriminologe (Hamburg), breitete Fakten aus: Die Jugendkriminalität insgesamt steigt nicht, sehr wohl aber die Jugendgewaltkriminalität und die Rohheitsdelikte. Die Täter sind männlich, fühlen sich zwischen Rambo und Versager, und sie sind deshalb leicht kränkbar, unberechenbar. Ihnen fehlt die Fähigkeit, sich in das Leiden anderer einzufühlen. Die Gewalttaten werden maßgeblich vom 14. bis 24. Lebensjahr begangen, danach wächst sich diese Form der Kriminalität aus. Alle Gewalttäter seien, so Weidner, ohne Ausnahme ihrerseits Opfer einer katastrophalen Erziehung zum Bösen. Die Jugendgewalt in Deutschland sei stark international geprägt. Gewaltakte dienten als „Tankstelle für das eigene Selbstbewusstsein“. Weidner empfahl: „Einmassierung des Opferleids in die Seele der Täter“, Anti-Aggressivitäts -Training, zeitnahe Verurteilung, Warnschussarrest als Verstärkung der Ernsthaftigkeit einer Bewährungsstrafe (derzeit sind Arreststrafen als Ergänzung einer Bewährungsstrafe nicht zulässig). Die Erhöhung der Höchststrafe im Jugendgerichtsgesetz sei marginal, da sie sowieso nur für die seltenen Mordtaten verhängt werde. Wie soll man sich verhalten, wenn man zufällig Zeuge einer von mehreren begangenen Straftat wird? Wagemutig einschreiten, sich dazwischenwerfen oder weglaufen? Weidner empfahl nichts davon, vielmehr: „Halten Sie einen Sicherheitsabstand von 20 bis 100 Metern und rufen Sie: ‚Aufhören – ich habe gerade die Polizei gerufen!'“ Mehr lesen: tpjg_weidner_080121.pdf

Ergänzung einer aufmerksamen Leserin, die ebenfalls das Symposium besucht hat. Danke!

„Vielleicht sollten Sie in Ihrem Blog noch ergänzen, dass für Herr Weidner richtiges hilfeleistendes Verhalten in Gefahrensituationen auch darin besteht, dass man nach dem Ruf, man habe die Polizei geholt, ruhig weglaufen darf.“ (Zuschrift vom 23.01.2008)

Gilles Duhem, früher Quartiersmanager, jetzt Geschäftsführer des Vereins Morus 14 (Berlin), hat mich persönlich besonders beeindruckt, weil er am anschaulichsten von der Beziehung zu den Tätern sprechen und das ganze Thema durch O-Ton-Dialoge mit Fleisch und Blut erfüllen konnte: Wie er klare Grenzen setzt, wie er sich aber auch nicht unterbuttern lässt, wenn seine Klienten ihn selbst als „Du Opfer“ anmachen: „Ich bin kein Fußabstreifer!“ Jugendgewalt sei in allen westlichen Ländern eine Querschnittsaufgabe, die sich nicht in das polarisierte Raster der Parteipolitik zwängen lasse. Auf die Frage der Abgeordneten Kristina Köhler (Wiesbaden), ob er nicht einen zunehmenden deutschfeindlichen Rassismus feststelle, antwortete er: Die ethnischen Gruppen sind auch untereinander spinnefeind und bekämpfen sich „wie die Hunde“. Für ihn sei die ethnische Herkunft zweitrangig: „Das sind für mich alles deutsche Menschen, die hier geboren sind und hier aufwachsen, egal, welchen Pass sie haben.“ Dringend nötig sei ein untereinander vernetztes Vorgehen der verschiedenen Akteure in Sozialarbeit, Schule, Polizei und Justiz. Bisher werde viel Geld durch Einzelmaßnahmen, die dann klanglos im Sande verliefen, also durch die berüchtigte „Puderzuckermethode“ verschwendet. Mehr lesen: tpjg_duhem_080121.pdf

Der Jurist Roman Poseck, Abteilungsleiter im Hessischen Justizministerium, hieb in dieselbe Kerbe: Bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität könne das Jugendstrafrecht nur ein Baustein in einem umfassenden Gesamtkonzept sein. Hauptziele bei einer wünschenswerten Überarbeitung des Jugendstrafrechts müssten sein: zeitliche Nähe zur Tat, Verfahrensbeschleunigung, breiteres Spektrum der Sanktionsmöglichkeiten mit großem Entscheidungsspielraum für den Jugendrichter, darunter auch „uncoole“, aber wirksame Maßnahmen wie etwa Handy- oder Fahrverbot. Auch im Stafrecht sollte das Erreichen der Volljährigkeit „grundsätzlich“ als maßgebliche Altersgrenze zugrundegelegt werden. Mehr lesen: tpjg_poseck_080121.pdf

Thomas Decken, Direktionsleiter der Kreispolizeibehörde Mettmann, konnte eindrucksvoll nachweisen, wie mithilfe eines klug durchdachten, alle Beteiligten einbeziehenden Konzepts die Raubdelikte im Polizeibezirk Hilden-Nord fast vollständig zurückgedrängt wurden. Zeitlich verkürzte Maßnahmen, so etwa die Diversionstage, bringen Polizei, Jugendgerichtshilfe, Staatsanwalt, Jugendliche und Eltern zusammen und hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Decken plädierte leidenschaftlich für mehr ehrenamtliches Engagement der Bürger. Mehr lesen: tpjg_decken_080121.pdf

Und da kann ich ihm nur zustimmen, denn oft wird die Lösung aller Probleme von „der Politik“ erwartet, dabei sind viele Probleme schlicht gesellschaftlicher Natur und müssen folglich in der Gesellschaft selbst behoben werden.

Kirsten Heisig, Richterin am Amtsgericht, berichtete eindrücklich aus ihrer Praxis am Jugendgericht. Sie bestätigte, dass Gewalt- und Rohheitsdelikte ständig zunähmen, wobei Täter mit Migrationshintergund überrepräsentiert seien. Ihre Vorschläge: Mehr Druck auf die Eltern, wenn diese Hilfe nicht annehmen, Durchsetzen der Schulpflicht, vermehrte Anwendung der vereinfachten Jugendverfahren nach § 76 JGG. Warnschussarrest ja oder nein? – Sie sei eher dafür, aber er sei in Jugendrichterkreisen höchst umstritten. Bei Kapitaldelikten wie Mord oder Totschlag sollte überlegt werden, ob der im Jugendstrafrecht geltende Erziehungsgedanke hinter dem der Schuldabgeltung zurücktreten müsse. Wie dringend Handlung geboten sei, ergebe sich schon aus der schlichten Tatsache, dass bereits jetzt jedes zweite Berliner Kind im Alter von 0 bis 2 Jahren einen Migrationshintergrund habe. Diese Kinder seien alle unsere Zukunft – wir hätten keine andere. Mehr lesen: tpjg_heisig_080121.pdf

Volker Kauder zitierte gegen Schluss aus einem Bericht des Stern (Nr. 3/2008): “ ‚Gewalt bestimmt ihr Leben, weil es ja sonst nicht viel gibt. Sie hören den Rap der Gangster von Aggro Berlin und fühlen sich auch so. In Wahrheit langweilen sie sich zu Tode.‚ Wäre es da nicht gut, die Rädelsführer aus dem Verkehr zu ziehen?“

An genau dieser Stelle meldete ich mich selbst am Saalmikrophon ungefähr so zu Wort: „Wir reden hier immer nur von Prävention und Repression. Diese Langeweile, diese absolute Inhaltsleere scheint aber eins der Hauptprobleme zu sein. Zieht man da einen Rädelsführer aus dem Verkehr, ändert dies nichts an der sinnleeren Langeweile. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass vieles auch wunderbar funktioniert. In der Kita am Kleistpark etwa, mit 80% Migrantenkindern, darunter mein migrantischer Sohn, singen und tanzen die Kinder zusammen. Sie spielen zusammen Theater. Musikschulen, Sportvereine, Kirchen und Moscheen gestalten Zeit, verleihen Struktur und Sinn, wenn Familien dies nicht schaffen. Lasst uns endlich die Musikschulen ausbauen – deren Wartelisten sind voll!“ Jugendrichterin Heisig erwiderte: „Ja, wir bekommen es natürlich nur mit der negativen Auslese zu tun.“

Fazit? Ich versuche, den gefühlten Konsens der Anhörung so zusammenzufassen:

Es gibt ein echtes Problem mit zunehmenden Gewalt- und Rohheitsdelikten bei jungen männlichen Straftätern, unter denen wiederum der internationale Anteil stark ist.

Gesetzgeberische Schnellschüsse durch bloße Strafrechtsverschärfung bringen nichts. Nötig und erfolgversprechend ist ein zwischen allen Akteuren abgestimmtes Konzept, das Prävention und Repression umfasst. Klare Grenzen und abgestufte Zwangsmittel sind unerlässlich.

Eins der effizientesten Mittel bei Straftätern scheint ein Anti-Aggressionstraining zu sein sowie die Erfahrung: „Ich werde gebraucht, ich gehöre dazu.“

Nicht härtere Strafen, sondern eine zeitnähere Verurteilung mit fühlbaren Konsequenzen sind geboten. Dafür sollten einige Änderungen im geltenden Jugendstrafrecht sorgfältig erwogen werden.

P.S.: Soeben lenkte ich mein Fahrrad am Fahrzeug eines stadtbekannten Berliner Müllunternehmens vorbei – der Geruch ist nicht der allerfeinste, aber der Spruch an der Seite des mächtigen Kippers, der für den gleichnamigen Sportverein wirbt, gefällt mir gut:

Dein Leben ist zu kurz für langweilig. Komm zu uns. Alba

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Jan. 202008
 

marie_luise18012008.jpg Mit einigen Büchern und einem USB-Stick im Gepäck radelte ich zu Marie-Luise. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren verspürte ich vor einem Vortrag oder Auftritt starkes Lampenfieber! Warum? Es war sicherlich ein titanisches Unterfangen, die Angst in einem Grenzgang zwischen Alt-Athen und Alt-Israel, zwischen Gegenwart und Antike, zwischen Psychologie, Literatur, Religion und Politik ausleuchten zu wollen. Aber es wurde ein sehr bewegender Abend für alle. Alle gingen mit starken Gefühlen schwanger – es war also keine theoretische Übung, sondern ein echtes Gastmahl für Kopf und Herz, zu dem jede und jeder etwas beitrug. Danke an euch alle, danke an Marie-Luise und Karl-Heinz!

Ein paar Folien, die man hier nachlesen kann, vermitteln einen ersten Eindruck von den Themen, dir wir erörterten: angst_eine-erregung.ppt

 Posted by at 20:11
Jan. 162008
 

bode_germanangst.jpg Entrüstungsmaximalismus – ein schönes Wort, das ich Sabine Bodes klugem Buch „Die deutsche Krankheit – German Angst“ entnehme (S. 251-3). Damals, im April 2006, ging es um das Attentat auf einen Deutsch-Äthioper in Potsdam. Heute geht es erneut um Jugendkriminalität, insbesondere bei jungen Männern. Damals wie heute werden einzelne Fälle herausgegriffen und überlebensgroß als Schreckensgemälde ausgespannt. Das ganze Angstszenario floß dann in politische Beratungen ein. Zitat aus dem Buch (S. 253):

Das zähe, jahrelange Verhandeln über ein Zuwanderungsgesetz ist ein Lehrstück darüber, wie nicht ausgedrückte Ängste eine vernünftige Politik blockieren können. Meiner Ansicht nach lag bei den Verfechtern der multikulturellen Gesellschaft wie auch bei den Befürwortern des Ausländerstopps dieselbe Ratlosigkeit zugrunde. Wäre die große gemeinsame Beunruhigung erkannt worden, dann hätte man sich eingestehen können: Wir haben Angst, weil wir nicht wissen, wie wir mit Fremden umgehen sollen.

 Posted by at 10:59
Jan. 152008
 

Für den Vortrag bei Marie-Luise am Freitag habe ich nunmehr die Textauswahl getroffen. Alle Zuhörer können sich vorab, so sie denn wollen und Zeit haben, mit diesen vorgeschlagenen Texten vertraut machen. Dies ist aber keine Bedingung – ich freu mich auf euch!

Aischylos: Perser insgesamt, jedoch besonders Einzugslied des Chores V. 1-155 vom Anfang und Monolog der Atossa, V. 598-622

Aristoteles: Rhetorik, 1382a-1383b; Poetik, 1449b-1450; 1453b11

Evangelium des Johannes: insgesamt, jedoch besonders 16,33

Biblia hebraica („Altes Testament“) in der griechischen Übersetzung der Septuaginta: Psalm 56 (Zählung der Septuaginta: 55, Zählung der evangelischen und katholischen Bibelausgaben: 56), Buch Genesis/Bereschit: Kapitel 3

Für alle Texte wird der griechische Text herangezogen, jedoch werden keine griechischen Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Alles wird ins Deutsche übersetzt werden.

Gute deutschsprachige Literatur:

Sabine Bode: Die deutsche Krankheit – German Angst. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Auflage 2007

Borwin Bandelow: Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006

Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst. Jeder hat sie. Keiner will sie. Was wir gegen Angst tun können. Herder Verlag, Freiburg 2005

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Die Perser gehen baden im Deutschen Theater

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Jan. 142008
 

Wir besuchten die vielgerühmte Inszenierung der Perser im Deutschen Theater. Die Schaupieler gaben sich redliche Mühe und sagten den wohleinstudierten, äußerst sperrig übersetzten Text mit großem handwerklichem Geschick ohne Stocken auf. Der Regisseur Gotscheff hatte sich offenbar viele Gedanken gemacht und überraschte mit manchem zirzensisch-hübschem Einfall.

Ich dachte an jene glorreichen Zeiten, als die Griechen nach einer Tragödienaufführung der „Zerstörung Milets“ ihr Holztheater kurz und klein geschlagen hatten vor überschäumenden Emotionen. Daraufhin baute man steinerne Theater. Gestern abend blieb alles heil. Es war alles halb so schlimm. Wir gingen nachhause, ruhig, wie uns beschieden ward, nicht ohne vorher geklatscht zu haben.

Ich erstand dann noch eine sehr gute Publikation: Erika Fischer-Lichte / Matthias Dreyer (Hg.): Antike Tragödie heute. Vorträge und Materialien zum Antiken-Projekt des Deutschen Theaters, Deutsches Theater Berlin 2007. Am Abend las ich darin noch zwei erhellende Aufsätze von Susanne Gödde und Anton Bierl.

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Jan. 142008
 

clown-toti.jpg Am Wochende besuchten wir das hübsche neue Salontheater „Endstation Sehnsucht“ in der Kreuzberger Obentrautstraße gleich zwei Mal. Am Samstag lud unser Nachbar Laurenz Schlüter zur Premiere seines Kurzfilms ein. Was für ein Vergnügen! Wir sahen zahlreiche Bekannte, Nachbarn und Freunde als Darsteller in einem veritablen, ironisch-versonnenen Kurzfilm! Vorher und nachher: Geplauder, Händeschütteln, Wiedererkennungen en masse, genießerisches Suppelöffeln – vortrefflich!

Mit unserem syrischen Hofnachbarn konnte ich bei einer Flasche Bionade auch den arabischen Namen Haschem klären (dieses Blog diskutierte): Seiner Meinung nach kommt der männliche Vorname einfach vom uralten Stamm der Haschemiten und ist insofern nicht mit dem hebräischen ha-schem verwandt.

Am Sonntag sahen wir am selben Spielort das Stück „Die tollsten Abenteuer sind im Kopf“ mit Tara Stalter und Thomas Ulbricht. Wir wurden nach einem lustigen Vorgeplänkel, bei dem ein wahrhaft „auf-sässiger“ Liegestuhl dem Clown Toti böse Streiche spielte, in einen finsteren Zauberwald entführt, wo die böse Hexe Baba-Jaga den Menschen die Augen klaute! Recht schaurig, aber die Kinder im Raum wurden zu kühnen Kämpfern gegen die Angst, die uns Großen mit Singen, Lachen und Mitspielen halfen, die Bangnis zu vertreiben und die ungeliebte Baba-Jaga zu versöhnen. Unser Wanja beteiligte sich auch und brachte die Lieder, die wir seit Wochen singen, eigenständig in dieses bewegende Theatererlebnis ein! Der Zauber des Theaters wirkte auf mich ein – hier, unter den Kleinen, oft nicht genug Gewürdigten. Vielleicht deswegen, weil Clown Toti immer wieder uns Zuhörer einbezog, zum Mitmachen und Mitlachen anregte.

Stelle einen Menschen auf eine Bühne – und du kannst die Welt bewegen!

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Jan. 132008
 

Im heutigen Tagesspiegel lese ich ein sehr bewegendes Gespräch mit Sabriye Tenberken. Es geht um ihre Angst, und wie sie sie überwunden hat. Auszüge:

„Als Sie neun Jahre alt waren, sind Sie durch eine Erkrankung langsam erblindet. Hatten Sie Angst?

Ich hatte Angst vor der Reaktion der Leute. Angst, allein zu sein, nicht mehr ernst genommen zu werden. Nicht vor dem Nichtsehen. Als ich sehen konnte, habe ich mir Blindheit als Dunkelheit vorgestellt, und als ich dann wusste, dass ich erblinde, habe ich auf die Dunkelheit gewartet. Aber es wurde nie dunkel.“

Ein großartiges Zeugnis der Überwindung der Angst, des mühsam errungenen Vertrauens – ich bin begeistert!

„Bekommen Sie Höhenangst?

Man kriegt nur Höhenangst, wenn man Zeit hat, sich auf die Höhe zu konzentrieren. Aber ich muss ständig auf meine Füße achten: Ist der Untergrund fest oder schlammig, Schnee, Eis oder Geröll? Und auf die Ohren: Jeder Blinde hatte ja einen sehenden Begleiter, bei mir war das Paul, und an seinem Rucksack hing ein Glöckchen, das mir die Richtung anzeigt.

Da müssen Sie dem Vordermann ja eine ganze Menge Vertrauen entgegenbringen.

Klar, wenn er einen Abgrund runterspringen würde, dann spränge ich hinterher im Glauben, es ginge nur eine Stufe hinunter. Aber er wäre ja blöd, das zu tun. Als Blinder muss man sowieso Vertrauen haben. Wir haben bei uns zum Beispiel eine sehr gefährliche Straße, da rasen die Autos mit 100 Sachen. Ich sage den Kindern: Keine Angst, die Leute helfen euch rüber.

Wie merken Sie, dass Sie jemandem vertrauen können?

Ich vertraue so ziemlich jedem. Das geht sogar so weit, dass ich beim Bezahlen das Portemonnaie offen hinhalte und sage: Such dir raus, was du brauchst. Die Leute sind so überrascht über dieses Vertrauen, dass sie es nicht missbrauchen. Wenn du dich als blinder Mensch mit Selbstverständlichkeit bewegen willst, führt Misstrauen zu nichts.“

Ich lese das Interview so: Der Gegensatz zu Angst ist nicht Mut oder Tollkühnheit, sondern Vertrauen. Dieses Vertrauen lässt sich nicht rational begründen, sondern nur beispielhaft am eigenen Leib erfahren, am besten durch das Vorbild eines anderen Menschen.

„Wenn Sie die Wahl hätten, sehen zu können oder blind zu sein, wofür würden Sie sich entscheiden?

Ich weiß nicht. Dadurch, dass ich etwas verloren habe, habe ich auch vieles gewonnen: Ich kann mich sehr lange stark konzentrieren. Und ich habe meine Angst verloren. Wenn man sehen kann, sieht man ein Problem, eine Sackgasse, und denkt: Da geht es nicht weiter. Ich habe diese Vorhersicht nicht, ich lasse mir Zeit und stelle mich ganz anders auf Leute und Probleme ein. Aus der Ferne scheinen Probleme manchmal unlösbar. Und wenn man davorsteht, dann begreift man erst: Hier ist eine Lücke, da kann ich durch.“

Wir müssen uns Sabriye Tenberken als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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Windows on the World: Ein postmoderner Roman über die Angst zum Tode

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Jan. 122008
 

Der Roman Windows on the World schildert die letzten 2 Stunden eines Vaters, der am 11. September 2001 zusammen mit seinen beiden Söhnen die Attentate auf die Zwillingstürme erlebt – ein fiebriger, überhitzter Abriss der letzten Gedanken eines weißen Amerikaners über die letzten Dinge. Ein einziger weitgespannter Essay-Roman über die Angst, Angst vor dem Nichtsein, Angst davor, umsonst gelebt zu haben, und davor, den Sinn (aber was ist das?) zu verfehlen. Mannigfaltig sind die offenen und versteckten Bezunahmen auf die Traditionen der alten Welt – insbesondere das Alte Testament, Buch Genesis, und die attische Tragödie. Zitat aus dem Kapitel 10 h 24: „Ce roman utilise la tragédie comme une béquille littéraire.“ Dieser Roman stützt sich auf die Tragödie als einen literarischen Krückstock.

Wie steht es mit der Todesangst? Ist sie die größte, umfassendste Angst? Ist sie das eigentlich Menschliche, das uns vom Tier abhebt? Der fiktive Erzähler-Autor scheint dieser Ansicht zuzuneigen, und der Roman, der ja nicht zwei Stunden, sondern nur 1 Stunde 59 Minuten dauert, führt den Leser zielstrebig auf den Zeitpunkt 10 Uhr 30 zu – exakt die Minute, in welcher der Erzähler mit seinen Söhnen stirbt. Die Leser sollen also selber eine Art Todeserfahrung erleben. Um 10 Uhr 16 heißt es:

J’ai peur de la mort. Je suis fier de ma lâcheté. Mon absence totale de courage physique m’oblige à vivre sous la permanente protection de la police et de la loi. Mon absence totale de courage physique est ce qui me distingue de l’animal.

Frédéric Beigbeder: Windows on the World. Roman. Bernard Grasset, Paris 2003

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Vorfreude auf Die Perser im Theater

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Jan. 102008
 

Soeben habe ich zwei Karten für die Aufführung der Perser im Deutschen Theater Berlin bestellt. Am kommenden Sonntag, den 13. Januar, gehen wir hin. Ich bin schon gespannt, empfinde aber – noch – keinerlei Angst. Regisseur Dimiter Gotscheff beruft sich ausdrücklich auf die antike Katharsis-Deutung. Wird er uns wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken jagen? Am nächsten Sonntag wissen wir mehr! Wieso aber wohlige Schauer des Entsetzens?

Nun, Aristoteles bestimmt das Wirkungsziel der attischen Tragödie in seiner Poetik wie folgt:

Eine tragödienspezifische Lust, die im Erlebnis eines eigenartigen Gereinigtwerdens von zuvor in tieferschütternder Wucht empfundenen Affekten, an deren Spitze die besonders stark aufwühlenden Grund-Affekte ‚Mitleid‘ und ‚Furcht‘ (eleos kai phobos) stehen.

Hier frei zitiert (mit Auslassungen) nach folgender, nachdrücklich zu empfehlender Hinführung: Joachim Latacz, Einführung in die griechische Tragödie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993 [=UTB 1745], S. 65-66

So wiederum kündigt das Deutsche Theater Berlin selbst sein Unterfangen an:

DIE PERSER
480 v. Chr. verloren die Perser in der Schlacht bei Salamis gegen die von ihnen lange unterdrückten Griechen. Acht Jahre später schrieb ein Grieche aus der Sicht des besiegten Feindes die älteste überlieferte Tragödie der Weltliteratur. Die Perser: Ein Volk begreift, dass es ausgespielt hat. Ein »organisierter Nervenzusammenbruch«, so Durs Grünbein, ein einziger langer Schrei, übertragen in Worte. Aischylos lässt die Verantwortlichen für das Fiasko auftreten, vom Chor des Ältestenrates bis zu Xerxes, dem geschlagenen Feldherrn und König. Er wagt einen Blick auf gegenwärtige Geschichte, der Vergangenheit und Zukunft einbezieht. Die Sieger von heute sind bald wieder die Besiegten von morgen. Auch wenn die Toten verscharrt werden, sind sie präsent. In seiner Theaterarbeit ging es Dimiter Gotscheff stets um die klassisch griechische Tragödienwirkung einer umfassenden, auch körperlichen Reinigung.

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Angst vor etwas – warum eigentlich VOR?

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Jan. 102008
 

Der aktuelle Spiegel (Nr. 2 vom 7.1.2008) bringt auf S. 143 unter dem Titel Willkommen, oh Schattenreich eine gute Besprechung der Tagebücher Peter Handkes. Handke schreibt demnach in seinem Tagebuch:

„A. hat Angst vor meiner Unbeherrschtheit, noch bevor ich die Beherrschung verliere (auch so ein kleiner Teufeskreis).“

Ein vortrefflicher Satz! Er spiegelt genau das wider, was die Angst oft so schrecklich macht: Die Erwartung eines Unheils, das man schon von irgendwoher zu kennen meint, das aber noch bevorsteht. Angst scheint stets in die Zukunft gerichtet zu sein. Vor etwa vollständig Vergangenem, einem Unheil, das endgültig abgeschlossen ist, empfindet man keine Angst, sondern Trauer, Wehmut oder ähnliches. Bereits in der Behandlung der Angst (phobos) bei Aristoteles, in der Rhetorik (1382b-1383a), wird das Wägend-Ungewisse, das in die Zukunft Vorgreifende der Angst sehr schön herausgearbeitet, und zwar so, dass auch wir modernen Menschen jeden Satz daraus verstehen und nachvollziehen können.

Tritt das Wovor der Angst dann endlich ein, dann erscheint die Angst sofort gemindert – oder sie verschwindet gänzlich. Dies haben viele Verbrechensopfer, aber auch Soldaten berichtet.

Wahrscheinlich heißt es deswegen: Angst vor etwas haben, nicht nach etwas.

 Posted by at 16:40