Was sind eigentlich „Kulturchristen“, „Ramadanmuslime“, „Passportjuden“?

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Apr. 252016
 

Manchmal höre ich in Diskussionen die Ausdrücke „Ramadanmuslime“, „Passportjuden“, „Kulturchristen.“

Was bedeuten diese Ausdrücke? Versuchen  wir eine  vorläufige, nicht eine wissenschaftliche Definition, so können wir sagen:

„Ramadanmuslime“ sind Menschen aus muslimisch geprägten Ländern, die sich nur im Ramadan äußerlich weitgehend an die Gebote des Islam halten – etwa in Deutschland lebende Türken oder in Deutschland lebende Kurden. Der Islam ist in ihren Augen eine unbestreitbare Grundtatsache ihrer Herkunftsgeschichte – vor allem auch insofern, als die nicht muslimisch geprägten Kulturen als fremdartig, als nicht zu einem selbst gehörend erlebt werden.  Der Islam ist ein unleugbares Phänomen ihrer Herkunftsgeschichte.

„Kulturchristen“ sind Menschen aus christlich geprägten Ländern, die anerkennen, dass das Christentum früher eine gewisse prägende Rolle in der Kultur ihres Landes gespielt habe oder spiele – etwa Deutsche, die zwar getauft, aber nicht gläubig sind, oder die – obwohl getauft – aus der Kirche ausgetreten sind, oder die nie einer christlichen Konfession angehört haben. Sie hören etwa in der Karwoche ein Mal pro Jahr die Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs und lassen sich zutiefst anrühren, würden sich selbst aber nicht als Nachfolger Jesu Christi bekennen. Sie wissen meist auch, was eine „Ecce-homo-Darstellung“ ist.  Das Christentum ist oder war in ihren Augen vor allem ein Phänomen der Kulturgeschichte.

„Passportjuden“ sind Juden, die in atheistisch geprägten Ländern, etwa in der früheren Sowjetunion, aufgewachsen sind, die keinen lebendigen Bezug zum Gott des Judentums, zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, zur jüdischen Religion, zu jüdischem Brauchtum und Traditionen aufbauen konnten und als Bürger der ehemaligen Sowjetunion nur noch die Nationalität Jude in ihren Pässen stehen hatten. „Jude“ war eben in der Sowjetunion keine Religion oder Kultur, sondern eine Volkszugehörigkeit, ein ethnisches Attribut – so wie Russe, Georgier oder Armenier. Die Sowjetunion arbeitete seit dem 1917 inszenierten  Putsch der Bolschewisten, also seit der sogenannten „Oktoberrevolution“, gezielt auf die Überwindung, Zurückdrängung, Auslöschung der Religionen hin. Religionen wie etwa Christentum, Islam oder Judentum sollten in der Öffentlichkeit und der Politik keinerlei Rolle mehr spielen dürfen. Trotzkij, der nicht verbarg, ethnisch von jüdischen Eltern abzustammen, der sich aber als „nicht-jüdischer Jude“ oder als „atheistischer Jude“ bekannte, ist die geradezu idealtypische Personifikation dieser Grundeinstellung.

Der Bezug der Passportjuden zum Judentum besteht heute überwiegend darin, dass sie wissen, von jüdischen Eltern abzustammen. Die Religion Israels spielt hingegen  in der Lebenspraxis fast keine Rolle. Von mehr oder minder erheblicher, oft überragender Bedeutung aber ist das Bewusstsein, von Juden abzustammen und selbst auch Jude zu sein. Aber worin nun das Judesein jenseits der Abstammung und jenseits der – meist unklaren – Zugehörigkeit zum jüdischen Volk liegt, darauf wird man meist keine klare Antwort erhalten. Die jüdische Religion, der jüdische Glaube ist in den Augen der „Passportjuden“ kein Kriterium. Allerdings scheint nach der Mehrheitsmeinung  der Rabbiner das Judesein durch den erklärten  Übertritt zu einer anderen Religion, etwa zum Islam oder zum Christentum, verloren zu gehen.

Diese zugegebenermaßen unwissenschaftlichen Definitionen scheinen mir nötig zu sein, um die in Europa derzeit höchst lebhaft geführten religionspolitischen Debatten zu verstehen.

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„Doch wo sind Sieg und Siegsbeweise…?

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Apr. 182016
 

20160416_125453[1]… aus dem von dir vertretenen Reich?“ So fragte Gottfried Benn in seinem Gedicht „Einsamer nie —„, und so fragt mancher Freizeitwerker sich.

Nun, hier kommen meine Siegsbeweise! Vorgestern habe ich unter den Fittichen der SPD Schöneberg und der BSR  an einer BSR-Platzputz-Aktion „Kehrenbürger“ teilgenommen und zwei Müllsäcke in gut einer Stunde gefüllt. Darauf bin ich stolz! Ich darf mich zusammen mit einem guten Dutzend anderer freiwillig kehrender Bürger Kehrenbürger nennen und weiterhin stolz die zur Verfügung gestellten Handschuhe tragen. So wie hier oben sah die Ebersstraße nach unserer Aktion aus!

Und so sah es vorher aus:

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Kehrenbürger ist eine gute Sache: die BSR stellt Initiativen, Verbänden, Parteien, Firmen gern ihr Wissen und ihre Werkzeuge wie etwa Kehrbesen und Müllsäcke zur Verfügung und transportiert die Jagdbeute auch ab.  Die SPD Schöneberg konnte sich erfolgreich als Ausmisterpartei darstellen, wir kreuzbraven einfachen Bürger sind froh, dass endlich mal jemand unseren Eifer abruft. Also ran, lasst euch doch nicht von der Schöneberger SPD lumpen, werdet ebenfalls Berliner Ausmisterparteien! Ruft die Bürger zum kräftigen Schaffen auf! Der Ausmister-Wahlkampf ruft schon!

http://www.kehrenbürger.de/index.php

Unser Revier war der Park vor dem Gasometer und die Ebersstraße, und zwar von der Freifläche vor der Teltow-Schule an bis zur Herbertstraße. Das Motto Goethes lautet:
„Ein jeder kehre vor seiner eignen Tür
Und rein ist bald das Stadtquartier!“

Hier kommt unser Befund:

  1. Gehwege und Grünstreifen waren vor allem mit folgenden Müllarten übersät: Getränkepackungen aus Kunststoff und Pappe (Spitzenreiter!), sonstige Verpackungen, 1 alter Kühlschrank neben dem Bürgersteig, Bauschutt, benutzte Hygieneartikel.
  2. Statistisch stellen Zigarettenkippen die häufigste Verschmutzungsart dar. Bewohner und Passanten schnippen gleichermaßen überall in Berlin bedenkenlos zu Ende gerauchte Zigaretten auf die Straße.
  3. Hundekot stellt erstaunlicherweise in Schöneberg kein nennenswertes Problem mehr dar. Die vor wenigen Jahren eingeführte Hundekot-Beseitigungspflicht wird durch Hundehalter weitestgehend eingehalten.
  4. Ein Sonderproblem stellte der wilde Autoparkplatz am Ende der Ebersstraße direkt neben dem Hofgelände der Teltow-Schule dar. Hier fand ich immerhin etwa ein Drittel meiner gesamten Müllausbeute, darunter eine blutverschmierte Monatsbinde, Bauschutt,  einen alten Teppich. Man könnte von einer echten Mikro-Müllkippe sprechen!
  5. Besonders stark vermüllt mit Sperrmüll und Verpackungsmüll war und ist auch weiterhin die komplett umzäunte, nicht zugängliche Naturanlage längs der Gleise an der Ebersstraße.
  6. Unüberwindbare Grenzen des kehrenbürgerlichen Einsatzes sind: a) Zigarettenstummel. Die sind nicht mehr zu zählen. Händisch nicht zu schaffen! b) Der alte Kühlschrank. Er ist schlicht zu schwer. c) Bauschutt am Ende der Ebersstraße auf dem wilden Parkplatz d) Sperrmüll in der komplett umzäunten Naturfläche längs der ehemals genutzten Gleise. Hier muss man einfach sagen: Die Kräfte der einzelnen sind beschränkt. Der Bürger kann allein  nicht alles schaffen.
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Diese Fotodokumentation zeigt den Zustand vom vergangenen Samstag:
Ein Blick in das umzäunte Naturareal (unerreichbar für uns)  – die Ausbeute eines einzelnen Kehrenbürgers aus 1 Stunde – benutzte Arbeitshandschuhe – der Kühlschrank in der Ebersstraße, an dem wir uns die Zähne ausgebissen hätten und von dem wir die Hände ließen
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Spinoza oder Leibniz? oder: Hat Baum 2854 eine Seele?

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Apr. 172016
 

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„Ich glaube an den Gott Spinozas. Ich glaube nicht an einen Gott, der sich für das interessiert, was die Menschen tun oder lassen.“

So wird’s von Albert Einstein überliefert, den ein New Yorker Rabbi einst fragte, ob er an Gott glaube. Einsteins Antwort kam mir heute in den Sinn, als ich träge auf dem Berg Insulaner neben der Wilhelm-Förster-Sternwarte auf einer Holzbank im Sonnenschein lag und ruhte. Meine genaue Position: rücklings auf Holzbank, 13°21′ 11″ östliche Länge 52°27’32“ nördliche Breite, 78,40 m über NN.

Und gleich neben mir der Baum Nr. 2854, noch unbelaubt. Erste Knospen hatte er aber schon vorsichtig austreiben lassen. „Vorsichtig“? Kann ein Baum vorsichtig sein? Das würde ein beseeltes, belebtes Weltbild voraussetzen. Wir meinen also, die Empfindungen eines Baumes nachfühlen zu können? Aber das ist doch unwissenschaftlich!

Dennoch, ich kam nicht umhin, dem Baum Nr. 2854 ein vorsichtiges, katzenartiges Sich-Recken und Sich-Strecken zuzuschreiben. Leibniz würde vom „Nisus“ des Baumes Nr. 2854 sprechen, vom Drang aller Wesen alles einzelnen Seienden, Lebenslust und Raum zu gewinnen, von einer Art göttlichen Grundkraft, die in der gesamten Kette des Seins wirke. „Weltseele, komm uns zu durchdringen“, wird Goethe dichten.

Baruch de Spinzoza würde müde lächelnd abwinken: „Alles nur Einbildung einer beseelten Welt, o carissime Godefride Guilielme! Sese illudis figmentis imaginationis tuae! Id est humanum, nimis humanum – at maxime absurdum!

Einstein? Würde sich sein Teil dazu denken, wenn er zwischen Spinoza und Leibniz säße. Er stand wohl eher auf Seiten Spinozas. Und doch … wer weiß …? Einstein spielte doch leidenschaftlich gern Geige … ein hölzernes, beseeltes Instrument, mit einer anima,  wie der hölzerne Stimmstock auf Italienisch heißt, gemacht aus dem Holz von Bäumen … wer weiß?

Daten zur Bilddatei:

Ort: 13°21′ 11″ östliche Länge 52°27’32“ nördliche Breite, 78,40 m über NN.

Zeit: 2016_04_17_ 16:35

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Fröhliches Kamel in Oase – so wollen Kinder ihr Umfeld

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Apr. 172016
 

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Und das haben die Kinder gezaubert: ein kleines Freiheitsdenkmal schmückt jetzt den Verteilerkasten in unserer Straße. Die Kinder wollen Erkennbares, die bunten Zwerge wollten selbst auch ein Zeichen der Freude und der Hoffnung in der Wüstenwanderung des Lebens setzen. Ein Kamel hat es bis zur Oase in Ägypten geschafft; hinten erblicken wir die Pyramide der Weisheit. „O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen!“ So dichtete einst Clemens Brentano!

Auf der anderen Seite winkt uns ein Affe zu. Der Affe grüßt das Kamel in Sonnenschein. Er winkt die dunklen Wolken der Weltenfinsternis einfach weg. In Ägypten herrscht also Frieden und Fröhlichkeit. Das ist die dichterische Macht der Freiheit, das ist das Einheitsdenkmal, das die Großen in Berlin wegen lumpiger 5 Millionen Euro nicht hinkriegen und einfach so absagen wollen!

Das haben uns die Kinder der Grundschule hingezaubert. Danke, Kinder, danke, Lehrer, danke Teltow-Grundschule!20160414_132934

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Was geht hier ab unter diesem Zelt?

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Apr. 162016
 

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Wer hatte denn dieses Zelt vor unserem Haus aufgespannt? Groß war unser Portal-Erstaunen am frühen Morgen! Ein weißes Partyzelt! Was gab es da zu feiern? Etwa das Gedicht Hendrik Rosts „Was ich noch sagen wollte“, ein herrliches poetisches Stilleben, hingetupft mit pinselartig verteilten Worten, oder der neueste Coup Bud Spencers, das Buch „Was ich euch noch sagen wollte“?

Nichts von alledem! Pustekuchen! Eine kleine Schar bunter Zwerge aus der nahegelegenen Teltow-Grundschule stand schon in spacigen Kostümen bereit, um einen Verteilerkasten neu zu bemalen! Die bunten Zwerge trugen Plastik am ganzen Leibe, sie trugen ganzkörperlich verhüllende Anzüge, sie trugen lustige schnorchelartige Atemfilter, und sie konnten sich nur bärenartig-täppisch bewegen! Manche klapperten schon ungeduldig mit ihren Döschen und Tübchen. Die Spannung rings um den Verteilerkasten stieg an! Welches Bild würde sich nach dem Schaffen und Werkeln der bunten Zwerge bieten?

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Quellenhinweis:
Hendrik Rost: Was ich noch sagen wollte, in: Der große Conrady. Das Buch deutscher Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Erweiterte Neuausgabe. Ausgewählt und herausgegeben von Carl Otto Conrady. Erste Auflage, Patmos Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf 2008, S. 1300

Bud Spencer: Was ich euch noch sagen wollte. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016

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„Weil ich der Welt bin müde“, oder: An die Kinder denken: Frühling im Herbst

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Apr. 062016
 

Ecce homo Solario 20160313_152256

Was hat sich der Vater selbst zu Lebzeiten gewünscht? Er dachte an das, was nach seinem Tod kommen wird! Was er will, dass nach seinem Tod kommen möge für die, die nach seinem Tod leben! Seine schon beizeiten schriftlich niedergelegten Instructionen sehen nicht Trakls Lied „Verklärter Herbst“ vor, sondern das Lied „Komm süßer Tod“.

Der Tod sei kein letztes, denn wir seien nicht nur von dieser Welt. Der Tod sei kein Feind! Er sei ein Hineingehen in eine höhere, andere Wirklichkeit. Dies war der feste Glaube meines Vaters. Er floh den Gedanken an den Tod nie.

Dieses folgende Lied stellt eine unerhörte Entwaffnung des Todes dar. Wir werden es dem Willen des Vaters folgend während des Requiems singen und dazu auf das Musicalische Gesang-Buch Christian Schemellis zurückgreifen.

Für den Komponisten des Süßen Todesliedes, Johann Sebastian Bach also, waren stets und immer die Worte der Dichtung, die Worte des Evangeliums der Quell seines Schaffens. Bach war im eminenten Sinne ein Mann des Wortes. Die Musik dient dem Wort, verstärkt, belebt und schmückt das Wort.

Charles Marie Widor hat am 20.10.1907 in Paris erzählt, wie erst sein Schüler Albert Schweitzer ihm Aug und Ohr  für das zutiefst Sprachliche, das zutiefst „Redende“ der Bachschen Instrumentalmusik geöffnet habe. Die Orgel-Choralvorspiele und Orgel-Phantasien Bachs seien ihm, Widor, unbegreiflich geblieben, das Schroffe, das Unnatürliche, Widersprüchliche, ja mitunter Unnatürliche der Stimmung sei ihm verschlossen geblieben.

Natürlich muß Ihnen in den Chorälen vieles dunkel bleiben, da sie sich nur aus den zugehörigen Texten erklären.“ So die gut belegte Erwiderung Schweitzers. Und dann übersetzte Schweitzer aus dem Kopf die zugrundeliegenden deutschen Choraltexte ins Französische.

Das ist eine kühne, aber dennoch wahre Lehre des Schülers für den Lehrer! Schweitzer bahnte Widor und uns allen den Weg für eine völlig neue Sicht auf die Musik Bachs, ja die barocke Musik überhaupt. Belebte Klangrede, Einheit von Ton und Wort, und, ja,  – das mag viele Klassik-Fans vor den Kopf stoßen! – Vorgängigkeit des Wortes, Vorrang des Wortes vor der Musik, das sind die Grundgedanken, die man nie aus den Ohren verlieren sollte bei Bachs Vokalmusik und selbst bei Bachs Instrumentalmusik.

Nachzulesen in Widors Vorrede zum großen Buch „J.S. Bach“ von Albert Schweitzer, erstmals erschienen 1908.

1.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
Komm, führe mich in Friede,
weil ich der Welt bin müde,
ach komm, ich wart auf dich,
komm bald und führe mich,
drück mir die Augen zu.
Komm, selge Ruh!

2.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
Im Himmel ist es besser,
da alle Lust viel größer,
drum bin ich jederzeit
schon zum Valet bereit,
ich schließ die Augen zu.
Komm, selge Ruh!

3.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
O Welt, du Marterkammer,
ach! bleib mit deinem Jammer
auf dieser Trauerwelt,
der Himmel mir gefällt,
der Tod bringt mich darzu.
Komm, selge Ruh!

4.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
O, dass ich doch schon wäre
dort bei der Engel Heere,
aus dieser schwarzen Welt
ins blaue Sternenzelt,
hin nach dem Himmel zu.
O selge Ruh!

5.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
Ich will nun Jesum sehen
und bei den Engeln stehen.
Es ist nunmehr vollbracht,
drum, Welt, zu guter Nacht,
mein Augen sind schon zu.
Komm, selge Ruh!

 

Bild: Andrea Solario: Ecce homo. Olio su carta incollata su tavola – Öl auf Papier, geklebt auf  Tafel. Accademia Carrara, Bergamo. Gesehen von uns am 13. März 2016

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An den Vater denken: Herbst im Frühling

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Apr. 052016
 

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Wie von ungefähr, von weit weit her und um so unabweisbarer kamen mir am Montag diese Verse in den Sinn, als ich die Nachricht vom Tod meines Vaters erhalten hatte. Er selbst hatte sich lange Jahre auf das Sterben vorbereitet. Er, der Sohn eines Bauern oder Landmannes, kannte und liebte Georg Trakl, den er zu Lebzeiten einige wenige Male auch zitierte. Wir waren darauf eingestellt. Aber auch wenn die Sonne untergeht und du es schon vorher wusstest, schmerzt es.

Johannes Michael Hampel, geboren am 24. August 1925 in Troppau/Sudetenschlesien, gestorben am 4. April 2016 in Augsburg

Requiem mit anschließender Beisetzung am Freitag, 8. April 2016, um 9.30 Uhr in der Kirche St. Pius in Augsburg-Haunstetten, Inninger Straße

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Naus-Arrest für Hikikomori? Der Weckruf des Bud Spencer

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Apr. 012016
 

„Ich komme nicht mehr an meinen Sohn heran“, „die Jungs kapseln sich so ab mit Computer und Handy“, „früher war Hausarrest eine Strafe, heute ist Naus-Arrest samt Handy-Entzug eine Strafe: man muss die Jungs zwingen, ins Freie zu gehen„, „die Jungs verabreden sich nicht mehr im echten Leben, sondern spielen stundenlang ihre Videogames am Computer“ – beileibe keine vereinzelten Klagen sind das! Ich habe Gespräche mit anderen Eltern geführt, wo dieses Problem eindeutig als unser größtes Problem benannt wurde.

Dieses wichtige, europaweit diskutierte Thema der Jugendlichen, die sich weitgehend in die virtuelle Welt zurückziehen, greift der italienische Buchautor und Zeitkritiker Carlo Pedersoli – besser bekannt unter seinem Schauspielernamen Bud Spencer – in seinem neuesten, in diesen Tagen auf Deutsch erschienenen Werk auf. Die Japaner nennen es „Hikikomori“; dort ist das Phänomen schon seit den 80er Jahren erkannt und erforscht worden.

Als wirksames Gegenmittel gegen diese auch in Deutschland anzutreffende Selbstabschottung von Kindern und Jugendlichen in der virtuellen Welt empfiehlt der weltkluge Carlo Pedersoli nach seiner profunden Analyse heutiger Familienformen unter anderem regelmäßigen Sport, insbesondere Mannschaftssport. Und er verhehlt nicht, dass ihn das Phänomen der Hikikomori höchst besorgt stimmt. Lesenswert!

Bud Spencer: Sport vs. Avatar. In: Bud Spencer: Was ich euch noch sagen wollte … Mit Lorenzo de Luca. Aus dem Italienischen von Johannes Hampel. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016, S. 47-68

Bild: Carlo Pedersoli (Bud Spencer) und Johannes Hampel, Berlin 2012

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Hochzeit zwischen Köthen und Cremona

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März 282016
 

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Cremona, den 11. März, abends

Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert, lieben Freunde! Wie froh bin ich, dass ich weg von dort bin, vom graulichen Norden, wo der dunkel lastende Himmel mich umfing, und hier bin in Cremona, in der Geburtsstadt des Generals Publius Quinctilius Varus, der Amati-Familie, der Guarnieri, der Sängerin Mina, des Claudio Monteverdi sowie  des Antonio Stradivari  mich aufhalte. Des Nachmittags traf ich mit der Corriera, einem echten Schienersatzverkehr – wie man bei euch im Norden sagt – am Bahnhof in Cremona ein; links grüßt ich kurz hinüber nach Roncole, wo Verdi geboren ward und unser Giovannino Guareschi seine herrlichen Schnurrpfeifereien um Don Camillo und Peppone ersann.

Die Landschaft ist ebenmäßig, dabei doch nicht gleichförmig; häufig fielen mir beim Blick aus der Corriera die akkurat im Rechteck gepflanzten gesetzten Pappeln ein, die sich hunderte von Metern längs des Po erstrecken und der Ebene einen mystischen Carréschliff verleihen.

Den Abend spazierten wir fleißig durch Plätze und Gassen. Die von rückwärts erleuchtete Fassade des Domes wirkt leicht, vielfach durch Zierat gebrochen und höchst sinnreich gegliedert, als wäre sie aus Stuck gearbeitet. Länger verharrten wir vor der Auslage des Geigenbaumeisters Valerio Ferron, der dort, nur wenige Schritte vom Dom entfernt, seine Bottega führt. Er ließ uns eintreten. Ich spielte zwei Bratschen zur Probe; wie alle italienischen Meisterinstrumente, sprachen sie leicht an, sie sind im Schnitt kleiner und einige Gramm leichter als deutsche Instrumente.

Denkt euch, vorhin durfte ich dann noch auf einer von diesem Cremoneser Meister Ferron haargenau nachgebauten Kopie der Guarnieri-Violine „Il Cannone“  das Andante aus der a-moll-Solosonate von Bach spielen, ehe diese dann morgen, wohl in nicht mehr als 12 Stunden unwiederbringlich an einen nicht näher genannten Kunden verkauft wird. Was für eine Freude, wie leicht, wie perlend kamen doch die Töne aus dem Inneren der Violine hervor, wie mühelos! 1720 etwa schrieb Bach im sachsen-anhaltischen Köthen diese Musik, es ging uns nichts darüber! 22 Jahre später schuf Guarnieri dies Instrument – es war mir wie eine Hochzeit, eine unio mystica zwischen Norden und Süden, wie die Decke und Boden einer Geige passten in diesem Nu die beiden Hälften Europas zusammen.

Ich sende Euch grüßend diesen herrlich summenden und sagenden Ton der Geige zu, wie sie formgleich bereits Paganini selbst auf seinen Reisen mit sich führte. Ihr erinnert euch vielleicht, dass der spielsüchtige Paganini in Livorno eines Abends seine vortreffliche Amati am Spieltisch verspielt hatte, auf der andern Tages hätte spielen müssen. Livron, der reiche französische Musikfreund, half ihm aus der Klemme und schenkte ihm das Guernieri-Stück mit dem charakteristisch weißen Obersattel und dem prachtvoll gemaserten, aus zwei Stücken zusammengesetzten Boden. Es ging ihm nichts darüber, er nannte es Il Cannone, noch heute befindet es sich in Genua. Nach dem Willen des großherzigen Gönners Livron durfte nur Paganini diese Violine spielen.

Ich bedaure, dass ich zwei oder drei Proben in der nächsten Woche werde ausfallen lassen. Wie überreich werden wir alle belohnt sein, wenn ich euch nach meiner Rückkehr mehr erzählen kann. Die Dom-Herberge hat alle Zimmer benamset und das Zimmer, in dem ich einquartiert bin, heißen sie Paganini.

 

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Hi-ne Adam. Tja. So ist er. Ecce homo

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März 242016
 
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Morgen erwartet uns in der Karfreitagsliturgie eine einzigartige musikalische Erfahrung!  Wir führen in St. Norbert mit dem Kirchenchor die Johannes-Passion des Komponisten Hermann Schroeder (1904-1984) auf, eine ungewohnt schroffe, spröd-körnige, spannungsreiche Umsetzung der Passionsgeschichte nach dem Evangelisten Johannes.
Besonders anspruchsvoll fällt das Alleinsprecher- oder „Soliloquenten“-Rollenbündel des Petrus, des Pilatus, des Knechts und des Dieners aus. So fällt in diesem Bündel oder Gewirr widersprüchlicher Regungen auch das großartige „Seht welch ein Mensch / Ecce homo / Hi-ne Adam“ dem Soliloquenten in den Schoß!
Die Tonsprache der Rezitative wirkt nur vordergründig arm, sie beschränkt sich auf einen bescheidenen Vorrat an Tönen und Wendungen und ermöglicht gerade dadurch das Hervorstechen und Heraustreten dramatischer Zwischenfälle! Die Chöre hingegen sind wild, sind leidenschaftlich aufgewühlt, sie gleichen einer aufgepeitschten rauhen See.
Besonders spannungsreich gestaltet sich die Rolle des alleinsprechenden, zuletzt völlig vereinsamten Pilatus. Er „kommt zwar irgendwie erstaunlich gut weg“, aber er hat keine Chance gegen das Volk. Er wird zerrieben. Er scheitert und wird aus der Geschichte „hinausgeschrieben“ und hinausgesungen.
Hermann Schroeder: Johannes-Passion in deutscher Sprache. Für Solosänger und vierstimmigen gemischten Chor a capella. Schwann Verlag, Düsseldorf 1964
Die Liturgie in der Sterbestunde Jesu beginnt morgen um 15 Uhr. Alle, die hören wollen, sind eingeladen. Die Tür ist offen.
St. Norbert 
Dominicusstr. 17, 10823 Berlin 
zu erreichen mit Bus (M46, M48, M85, 104, 187, 248), 
U-Bahn Linie 4 (Rathaus Schöneberg), 
S-Bahn Linien 1, 41, 42, 46 (Schöneberg)
Foto: erstes zartes Grün auf dem Naturpark Südgelände, aufgenommen gestern
 Posted by at 23:01

„Der Ausnahmezustand wird zum Normalzustand“: Die Sehnsucht des Falk Richter

 1968, Ausnahmezustand, Autoritarismus, Freiheit, Hass und Hetze, Liberalismus, Parlament, Süddeutsche Zeitung  Kommentare deaktiviert für „Der Ausnahmezustand wird zum Normalzustand“: Die Sehnsucht des Falk Richter
März 222016
 

Flächendeckende Personenkontrollen in Frankreich! Schwerbewaffnete Polizisten vor öffentlichen Gebäuden!  Der deutsche Regisseur  Falk Richter kann sein Theater in Straßburg nicht betreten, ohne dass er durchsucht würde. Das Parlament in Frankreich hat ja den dreimonatigen Ausnahmezustand anstandslos bis Ende Mai 2016 verlängert.

Der große Freiheitsexperte Falk Richter, der tolle deutsche Künstler findet es richtig gut, ständig kontrolliert zu werden, wie er heute auf S. 11 der Süddeutschen Zeitung bekennt. Kuckstu ma hier! So schnell kann also man in den Glauben an den STARKEN STAAT abrutschen! So schnell gibt man fundamentale Bürgerrechte gegenüber der Polizei preis. Denn der Ausnahmezustand ist in Frankreich beileibe kein Pappenstiel. Versammlungsverbote, Ausgehverbote, Hausdurchsuchungen zu jeder Tages- und Nachtzeit, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und und und… die Liste der Freiheitseinschränkungen ist lang. Sie gehen weit über die deutsche Notstandsgesetzgebung hinaus, gegen die damals die glorreichen 68er auf die Straße gingen.  Das ist der große Rollback zurück.

Nächstes Beispiel für die neue deutsche  Autoritätshörigkeit: Jeden Monat nimmt der EZB-Direktor 80 Milliarden Euro in die Hand, um damit Anleihen vom Markt wegzukaufen. Der EZB-Direktor – sein Name sei gepriesen, sein Wille geschehe – macht also direkt Finanz-, Wirtschafts- und Haushaltspolitik. Er ist – so kann man durchaus glaubhaft begründen – der mächtigste Politiker Europas. Er dirigiert zentral vom Frankfurter EZB-Tower das Schicksal der Währungsunion. Und? Kein Hahn kräht danach. Unter der Chiffre „Super-QE“ wird durch das laufende EZB-Anleihenprogramm ohne jede Aufsicht jedes Jahr etwa drei Mal so viel Geld hin- und hergeschoben wie der Staat Belgien im selben Zeitraum einnimmt oder ausgibt. Kein Parlament, kein Pegida-Experte kuckt ihm auf die Finger. Dabei sind 80 Mrd. Euro pro Monat kein Pappenstiel. Oder?

Drittes Beispiel: Die EU hat zusammen mit der Türkei beschlossen, zusammen zigtausende Menschen hin- und herzuverfrachten. Rein in die Türkei, raus aus der Türkei. Werden die Menschen dazu befragt? Was, wenn sie dies nicht wollen, dieses Hin- und Herverfrachtetwerden? Was, wenn sie nicht folgen? Dürfen die Staaten dann Gewalt gegen die Menschen in Griechenland und der Türkei anwenden?

Jeder, der die aktuelle EU-Politik, insbesondere die Asylpolitik der EU kritisiert, der die aktuelle Geld- und Bankenrettungspolitik kritisiert, der gegen die dauerhafte Einschränkung der Parlamentsbefugnisse durch den Etat d’urgence protestiert, wird allzu leicht mit den „Europafeinden“, den „Europahassern“ in einen Topf geworfen.  Motto: Ist doch eh alles brauner Quatsch mit Soße! Ist die Welt des Falk Richter doch so einfach, sobald man einmal die „Hasser“ und „Hetzer“ erkannt hat. Das sind nämlich immer die anderen!

Falk Richter will den starken Staat. Er erklärt in der Berliner Schaubühne und auch heute im SZ-Interview manche, namentlich benannte Menschen explizit zu Feinden der bestehenden Gesellschaft.

Der Absturz des Falk Richter in die Autoritätshörigkeit, die Sehnsucht des Falk Richter nach dem starken Staat, seine kritiklose Zustimmung zur Verhängung der Notstandsgesetze in Frankreich sind ein Beweis dafür, wie schnell doch die Menschen bereit sind, fundamentale Freiheitsrechte der Gesellschaft zugunsten des starken Staates einschränken zu lassen. Was für eine tolldreiste Schaubühne!

Lesenswert! So schnell kann also ein einzelner Mensch abrutschen.

Beleg: „Wie schnell eine Gesellschaft abrutschen kann“. Schützen, was Europa ausmacht. In: Süddeutsche Zeitung, 22. März 2016, S. 11

 Posted by at 13:42

Per l’UE si va nella città dolente, oder: wo in der EU wirkliches Weh herrscht (1)

 Cremona, Europäische Union, Italienisches, Vergangenheitsbewältigung, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für Per l’UE si va nella città dolente, oder: wo in der EU wirkliches Weh herrscht (1)
März 162016
 

20160313_100941Zahlreiche heitere, gelassene, kluge und fröhliche Gespräche führte ich aus privatem Anlass in Cremona bei meinem letzten Italienbesuch. Besonders gefiel mir der Ratschlag des in Italien viel gelesenen Dichters und Liedermachers Isaia aus der wunderschönen Region Giuda des Belpaese. „Nu macht euch doch keinen Kopf über die Vergangenheit. Kuckt in die Zukunft, lasst es mal kräftig durchlüften. Ich fang wieder von vorn an mit euch.“  So sinngemäß seine aus dem  Italienischen rezitierten Tipps („Il Libro di Isaia„, Lied Nr. 43, Vers 18).

Das kleine Reiselied von gestern stammt übrigens aus der Feder Hugo von Hofmannsthals.

Die oben umschriebene Lesung des Jesaja (Jes 43, 18-19) trug ich aus dem sonntäglichen Gottesdienst im Dom zu Cremona.

Weniger erbaulich hingegen das allerletzte Gespräch, das ich kurz vor der Weiterreise mit einem Cremoneser Kioskbetreiber führte: „Cremona sta un po‘ morendo. C’è poco lavoro, i giovani se ne vanno, anche molti laureati se ne vanno.“ Das ist zu deutsch:  „Cremona stirbt gerade ein bisschen. Es gibt wenig Arbeit, die jungen Leute ziehen weg, auch viele ausgebildete Akademiker gehen weg.“

Und das bringt uns zur aktuellen wirtschaftlichen Lage Italiens und derjenigen der Eurozone. Doch davon mehr im nächsten Beitrag!

 

Bild: so schön sind die Straßen Cremonas!

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Marmorstirn. Cremona. In aller Frühe

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März 152016
 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Singst du mir ein Lied zum heutigen Geburtstag?“
Ja, ich singe Dir ein Lied zu deinem heutigen Geburtstag, – ein Reiselied, das ein anderer geschrieben hat!

Hier ist es:

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

Marmorstirn, Marmorstirn? Was steckt hinter diesem Wort? Zweifellos – die Fassade. Marmorstirn ist ein anderes Wort für Fassade. Fassaden sind Stirnseiten von Gebäuden aus Marmor, wie hier diese Fassade des Domes in Cremona.

Marmorstirn und Brunnenrand, in diesen beiden Worten fügte Hugo sein Italien-Erlebnis zusammen. Siehst du es? Der Stein wird so leicht, dass Vögel ihn forttragen könnten.

Wir besuchten ihn am vergangenen Sonntag in aller Frühe in voller Nüchternheit. Die Marmorstirn lächelte uns entgegen. Sie war geöffnet. Die Türen standen offen und wir traten ein.

„Non ricordate più le cose passate,
Non pensate più alle cose antiche!
Ecco, faccio una cosa nuova:
proprio ora germoglia, non ve ne accorgerete?“

scholl die Stimme uns laut und deutlich aus den alten geöffneten, ewig jungen Mauern  entgegen.  Schaut nicht in die Vergangenheit, sondern blickt nach vorne! Diese alte Fassade lädt dazu ein, mutig und froh nach vorne zu schauen.

Ja! Schau hier, ich mach was Neues! Wir dürfen aufschauen, dürfen und sollen nach vorne schauen. Jeder Tag mit dieser Wahrheit ist ein Geburtstag, ein ganz schöner wie der deine heute, hier und jetzt. Das bedeutet kein Vergessen oder Verleugnen dessen, was vergangen ist. Wie könnten wir all das Schöne, all das Schreckliche der Vergangenheit vergessen?

Aber wir lassen das Licht des Kommenden herein, das gerade jetzt aufkeimt, wir erwarten, wir eilen, wir gehen nach vorne!

Bemerkt ihr dies nicht?

 Posted by at 14:58