„Faut-il frapper du glaive?“ – „Sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“

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Nov. 272015
 

„Tous ceux qui prennent le glaive, périront par le glaive.“ – „Alle, die das Schwert nehmen, werden durch das Schwert umkommen.“

Eine klare Absage an die Gewalt! Ausgesprochen an einem bedeutenden Wendepunkt der Geschichte, ausgesprochen vor etwa 2000 Jahren, nur wenige Suchoi-Bomber-Flugsekunden vom syrischen Azaz im Nordwesten Aleppos entfernt.

Ganz unabhängig davon, ob man nun Jesu Aufruf zum Verzicht auf Gewalt folgt oder nicht folgt, gilt es doch – so meine ich – bei jedem Einsatz militärischer Gewalt Sinn und Zweck der Maßnahme zu befragen. Auch die unbeabsichtigten Nebenwirkungen und die große Frage nach dem politischen Danach gilt es zu bedenken.

Hier eine Gesamtbilanz der (in diesem Fall russischen) Luftangriffe im Regierungsbezirk Aleppo im Monat Oktober, wie sie das „Institut syrien pour la Justice“, eine aus Aleppo stammende, nach Gaziantep exilierte Vereinigung bietet, die von der Zeitung Le Monde heute als verlässlich eingeschätzt wird:

128 Luftangriffe gegen militärische Ziele
110 Luftangriffe gegen Wohngebiete
Unter den Zielen der Luftschläge waren nach Angaben der Monde (heute S. 4) auch:
16 Fabriken, 6 Krankenhäuser, 3 Schulen, 3 Moscheen
Todesopfer der Luftschläge im Monat Oktober im Bezirk Aleppo: 180 Zivilisten und 20 bewaffnete Kämpfer

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„Was ist für Sie deutsch?“

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Nov. 252015
 

Auf diese Frage antwortete gestern in der Süddeutschen der Magdeburger Theologe David Begrich: „Der preußische Ikarus. Immer noch.“ Ein klarer Hinweis auf die trutzig aufbegehrende Ballade unsere Nationalbarden Wolf Biermann! Du kennst sie doch!

[…]
dann steht da der preussische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguss
dem tun seine Arme so weh
er fliegt nicht weg – er stürzt nicht ab
macht keinen Wind – und macht nicht schlapp
am Geländer über der Spree

„Was ist für Sie deutsch?“

Darauf antworte ich mit einem vierfachen Glockenschlag:

Eins!
Der Magdeburger Dom mit seinem afrochristlichen Stadtpatron Mauritius, mit der ersten plastischen Darstellung eines Schwarzafrikaners im Norden der Alpen.

Vergiss es nicht ganz, o Magdeburg!

Zwei!
Die Magdeburger Stadtpatronin, Katharina von Alexandria, eine ägyptische Vorkämpferin der Frauenbildung und der Frauenemanzipation im Nahen Osten, die eine zahlenmäßig vielfach überlegene Schar an akademischen männlichen High-Potential-Philosophen in Grund und Boden disputierte.

Sei dir dessen bewusst und sei dankbar dafür, o Magdeburg!

Drei!
Das Magdeburger Stadtrecht, das modellhaft weithin strahlend in vielen Städten Europas Anwendung fand, darunter Königsberg, Kaunas, Vilnius, Warschau, Posen, Kiew und Minsk. Das Magdeburger Recht samt seinen Tochterrechten ermöglichte die Herausbildung städtischen Selbstbewusstseins, städtischen Eigenrechts in weiten Gegenden Europas. Städte – nicht die Territorialherrschaften waren die Keimzelle der Demokratie.

Gedenke dessen und vergiss es nicht, o Magdeburg!

Vier!
Otto I., römisch-deutscher Kaiser ab 962. Etwa ab dem Jahr 962 vollzog sich die Herausbildung eines mehr oder minder deutlich ausgeprägten Eigenbewusstseins der Deutschen. Erst seit etwas mehr als 1000 Jahren gibt es so etwas wie „deutsche Geschichte“ – oder besser „Geschichte der deutschen Lande“.

Schieb es nicht ganz weg, o Magdeburg!

Ein paar Zeilen seien rasch noch hingeworfen:

Magdeburger Mauritius an Preußens Ikarus

Du lass dich nicht verhärten
Von Eisen, Schuld und Stolz,
Von Riegeln und von Gerten,
Du bist aus weichem Holz.

Entfalt doch deine Flügel,
Steig raus aus deiner Gruft,
Tu ab den spröden Zügel,
Erheb dich in die Luft!

Zerspreng den Bann des Bösen,
Du kannst mehr als du denkst,
Lass dich vom Windhauch lösen,
Du fliegst so wie du lenkst.

Lass irre Tölpel keifen,
Flieg wie dein Herz dich trägt,
Lass deine Bahnen schweifen,
Zur Stelle die dich hegt.

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Das Wort in Fleisch und Blut hören. Vom Geheimnis Bachs

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Nov. 252015
 

Vielleicht kann man sagen, daß Beethoven, Schumann und die anderen Romantiker alle ihr eigen Fleisch und Blut zum Ausdruck gebracht haben. Bach steht auf einer anderen Ebene und wird in dieser Weite zum Sinnbild gleich seinem Gott.
Wir wenden uns zu Bach wie zu einer größeren Kirche, wie zu einem Heiland der Musik. Obgleich der Klang der Musik unantastbar ist, so daß man annehmen könnte, er sei nicht zu verderben, ist Bachs Musik doch gegen Mißdeutungen nicht gefeit, so wenig wie Christi Wort. Spätere Geschlechter haben nicht immer gehandelt, wie das WORT es gebietet.

So schrieb es Yehudi Menuhin im Jahr 1962, und aus diesen Worten spricht etwas, was mich ebenfalls bereits als 14-jährigen Knaben unerklärlich berührte und berückte, als ich erstmals die Sonaten und Partiten Bachs in einer Aufnahme mit Henryk Szeryng hörte und sie später selbst zu spielen versuchte. Was geschah in diesen Tönen der d-moll-Partita? Insbesondere bei dem unfassbaren Übergang, in der Ciaccona, zu D-Dur, von Takt 132 zu Takt 133? Es war etwas Unnennbares, das mich fast zu Tränen rührte und mich buchstäblich dazu antrieb, durch Wald und Felsen zu wandern. Es war ein unbegreiflich holdes Sehnen! Aber was, was war das?

Erst vor wenigen Wochen, beim Lesen des Geleitwortes von Yehudi Menuhin zu einer Wiedergabe der Handschrift, fand ich eine mögliche Antwort auf diese Frage. Menuhin gibt eine, gibt SEINE Antwort, die für mich nunmehr ebenfalls sprudelnde Quelle einer tröstlichen Gewißheit geworden ist.

Quellen:
„Geleitwort“ von Yehudi Menuhin, in: Johann Sebastian Bach: SONATEN UND PARTITEN FÜR VIOLINE ALLEIN. Wiedergabe der Handschrift. Mit einem Nachwort herausgegeben von Günter Haußwald. Geleitwort von Yehudi Menuhin. Insel-Verlag, Leipzig 1962 [=Insel-Bücherei Nr. 655] S. 5-8, hier S. 8

J.S. Bach: Drei Sonaten und drei Partiten für Violine solo. Hrsgg. von Günter Haußwald. Revidierte Ausgabe von Peter Wollny. Urtext der Neuen Bach-Ausgabe. Bärenreiter Kassel, Basel, London, New York, Praha [=BA 5116] 2012, S. 36

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„… also sind alle Juden nach יהודי מנוחין benannt …?“

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Nov. 252015
 

„Sind denn alle Juden nach Yehudi Menuhin benannt?“ Diese Frage stellte sich mir gebieterisch in der ersten Stunde meines Hebräischunterrichtes, den ich vor etlichen Jahren in Schöneberg nahe der Julius-Leber-Brücke nahm. Mit der Eselsbrücke Yehudi Menuhin glaubte ich mir das hebräische Wort für Jude einzuprägen, eben יהודי -„Yehudi“. Denn dem Geiger Yehudi Menuhin wurde im April 1916 von seiner Mutter ganz bewusst dieser Vornamen beigelegt – wohl aus Trotz gegenüber jahrhundertelangen Erfahrungen der Anfeindungen in verschiedenen Ländern diesseits und jenseits des Atlantiks.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ganz stimmt die Eselsbrücke ja so nicht. Vielmehr stimmt die Richtung nicht. Der Esel geht umgekehrt über die Eselsbrücke. Nicht die Juden sind alle nach dem Geiger Menuhin benannt, sondern der Geiger Menuhin wurde nach allen Juden benannt.

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„Gibt die Bundesrepublik Deutschland ihren Bürgern eine Garantie auf Wohlergehen?“

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Nov. 242015
 

Der Magdeburger Theologe und Sozialwissenschaftler David Begrich sagt heute in der Süddeutschen Zeitung auf S. 11:

Die Flüchtlinge werden zur Projektionsfläche des Krisenbewusstseins. Dessen Kern liegt darin, dass der Kapitalismus nach der Wende das Versprechen gab: Wenn du fleißig tüchtig bist, kannst du es schaffen. Die Wahrheit ist: Es gibt auch im Falle von Fleiß und Tugendhaftigkeit keine Garantie mehr auf Wohlergehen.

Damit setzt der Magdeburger meiner Meinung einen Kristallisationspunkt der Debatte! Denn aus der Sicht der Flüchtlinge ist die Wahrheit genau das Gegenteil dessen, was laut Begrich viele ehemalige DDR-Bürger empfinden. Die Flüchtlinge denken eher: „Die Bundesrepublik Deutschland gibt dir, sobald du einmal einen ordentlichen dauerhaften Aufenthaltstitel in Deutschland hast, in jedem Fall eine Garantie auf lebenslanges Wohlergehen. Du brauchst nicht einmal fleißig und tüchtig zu sein.“ In der Tat ist es aus der Sicht der Neubürger genau so: Dank des unzerreißbaren Netzes an Sozialhilfe, Beihilfen, Zuschüssen, staatlichen Benachteiligtenkompensationsmechanismen, Wohngeld, Heizkostenzuschuss usw. usw. gelingt es allen Zuwanderern mit einem legalen Aufenthaltstitel, eine lebenslange Garantie auf Wohlergehen für sich und für ihre nachziehenden Angehörigen und Nachkommen zu erlangen. Das ist nun einmal so. Anders sieht es in echten Einwanderungsländern wie etwa den USA aus.

„Wer nicht arbeiten will, braucht auch nicht zu arbeiten.“ So hat es einmal ein Mitarbeiter eines Berliner Jobcenters anonym in einer Berliner Zeitung ausgedrückt. Und so ist es auch bei uns in Deutschland.

Wer hat nun recht – die Flüchtlinge mit ihrem Ruf „Auf nach Deutschland!“ – oder der Magdeburger Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus – Miteinander e.V. in Magedeburg? Ich denke, wenn man Wohlergehen als lebenslange Garantie auf Unterkunft, Essen, medizinische Versorgung, finanzielle Grundversorgung und Zugang zu kostenloser Schulbildung definiert, dann haben die Einwanderer – nicht David Begrich – recht. Es kann für Migranten deshalb derzeit weltweit nur die Devise geben: „Auf nach Deutschland! Dort haben wir alles: Unterkunft, Essen, medizinische Versorgung, reichlich Taschengeld, kostenlose Schulbildung – und keinen Zwang zu arbeiten und keine echten Verpflichtungen.“ Aus der Sicht von Menschen in den meisten anderen Ländern ist Deutschland in der Tat eine Art Garten Eden. Das Geld liegt auf der Straße. Voraussetzung ist eine amtliche Registrierung in Deutschland und die Zuerkennung eines vorläufigen oder auch dauerhaften Aufenthaltstitels.

Definiert man hingegen Wohlergehen als Berufserfolg, überdurchschnittliches Einkommen, Eigenheim, Frauengleichberechtigung, eigenes Auto, lebenslange Arbeitsplatzgarantie, dann kann „der Kapitalismus“ bzw. die Bundesrepublik Deutschland dies natürlich nicht garantieren.

Dann hat also David Begrich vollkommen recht.

Und die Wahrheit ist … ? Was ist überhaupt Wahrheit? Gibt es nur eine Wahrheit?

Was meinst du, lieber Leser?

Unbedingt lesenswert ist dieses Gespräch!

Beleg:
„Der geteilte Himmel“. Interview mit David Begrich. Süddeutsche Zeitung, 24.11.2015, S. 11

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Nov. 212015
 

Starkes Wiederauftauchen des Generals de Gaulle und des Gaullismus in genau diesen Tagen! Was für eine Gestalt! Der Sozialist Hollande greift in seiner kriegerischen Rhetorik klar auf ihn zurück! Und der Flugzeugträger, der de Gaulles Namen trägt, ist unterwegs ins östliche Mittelmeer.

Oskar Lafontaine bekennt sich heute im Magazin der Süddeutschen Zeitung „in einem Punkt als überzeugter Gaullist„: er setzt wie de Gaulle die sicherheitspolitischen Interessen Europas an die erste Stelle; und die lassen seiner Meinung nach einen Interventionskrieg nicht zu.

Lafontaine ist wehrrechtlich ein waschechter Nationalkonservativer. Er beschränkt das Recht zur Kriegführung wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf den Verteidigungskrieg. So steht es ja auch wirklich im Grundgesetz! Man sollte es nicht glauben, aber es ist so. Und auch die Völkerrechtler verneinen weltweit überwiegend das Recht auf den Interventionskrieg, während jedem Staat unstrittig das Recht zur bewaffneten Selbstverteidigung zugesprochen wird. Lafontaine sagt: „Für mich ist die Bundeswehr eine Verteidigungsarmee und keine Interventionsarmee.“

Mehr zufällig entdeckte ich dann beim Blättern in einem Buch über die Entstehung der Sowjetunion ein verschwommenes Schwarz-Weiß-Bild de Gaulles aus seinen frühen, den russischen Tagen als Kämpfer der Weißen Armee im Bürgerkrieg, dem sowjetisch-polnischen Krieg zwischen den Roten, den Bolschewiki einerseits, den Polen, Sozialdemokraten, Konservativen und Alliierten verschiedener europäischer Länder andererseits! Dem überragenden militärischen Geschick Trotzkijs, seiner Strategie des Terrors gegen die Zivilbevölkerung, der konsequenten Liquidierung der Gegner, der massenhaften Ermordung der innenpolitischen Feinde, der flächendeckenden Errichtung von Konzentrationslagern, der unerbittlichen Härte der von Trotzkij geschmiedeten Roten Armee hatten die Weißen keine annähernd gleichwertige Kampfkraft entgegenzusetzen. Auch fehlte ihnen eine konsequente Strategie.

Die Roten verjagten schließlich die Interventionsarmee der Weißen und setzten alsbald zu den Angriffskriegen auf das vorübergehend unabhängige Georgien, auf die vorübergehend unabhängige Ukraine, auf die vorübergehend unabhängigen baltischen Länder, auf das wiedererstandene Polen und auf Finnland an. Lenin, Trotzkij, Berija, Dzierzinski, Stalin, Sinowjew, Swerdlow schossen sich 1920/21 in einem gnadenlos geführten Bürgerkrieg ihren welthistorischen, mit Strömen von Feindesblut getränkten Weg frei und betrieben von da an, von den frühen 20er Jahren an konsequent eine militärisch aggressive Expansionspolitik selbst noch über die Grenzen des ehemaligen Russischen Reiches hinaus – mit dem vorläufigen Endpunkt der Besetzung Ostpolens in den Jahren 1939-41.

Die Rote Armee war ursprünglich zusammengeschmiedet als Bürgerkriegsarmee. Nach dem Sieg im Bürgerkrieg wurde sie umgeschmiedet zur Angriffsarmee, in deren Schatten die Tscheka, die GPU, der NKWD ihren Terror gegen die Volksmassen entfalten konnten.

Und De Gaulle? Er hatte seinen frühen militärischen Kampf gegen die Bolschewiki verloren. Hätte es sich aber der Rechtskonservative de Gaulle je träumen lassen, dass er in den 40er Jahren den Schulterschluß mit den früher erbittert bekämpften Bolschewiki, dass er das Bündnis mit der UDSSR suchen würde, um den gemeinsamen Feind, das Deutsche Reich und dessen Verbündete Italien, Finnland, Ungarn, Rumänien niederzuringen?

Im Zug nach Hamburg las ich als Dreingabe einen glänzend formulierten, höchst lesenswerten Aufsatz des Althistorikers Egon Flaig über den Historikerstreit, der eigentlich eher ein erinnerungspolitischer „Bürgerkrieg“ war, in dem es kaum um Fakten, sondern mehr um Meinungen über höchst selektiv erinnerte Fakten ging. Auch heute werden die über die letzten 25 Jahre gesammelten Erkenntnisse der Fachhistoriker zu den Ländern des ehemaligen Sojewtblocks im bundesdeutschen Feuilleton nur spärlich zur Kenntnis genommen. Die Sowjetunion bleibt die große Unbekannte im deutschen Erinnerungsdiskurs. So kann kein „Haus Europa“ gebaut werden.

Lesehinweise:
„Nur tote Fische schwimmen immer mit dem Strom.“ Interview mit Peter Gauweiler und Oskar Lafontaine. Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 47, 20.11.2015

Hugo Portisch: Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe. Mit zahlreichen Schwarzweißfotos. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, Foto des Majors Charles de Gaulle: Seite 127

Egon Flaig: Die ‚Habermas-Methode“ und die geistige Situation ein Vierteljahrhundert danach. Skizze einer Schadensaufnahme. In: Mathias Brodkorb (Hrsg.): Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre „Historikerstreit“. Adebor Verlag, Banzkow 2011

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Dienstbotengesänge

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Nov. 182015
 

„Wir beugen unser Haupt vor den Toten, niemals aber beugen wir uns dem Terror.“ So Bundespräsident Gauck am vergangenen Sonntag. Hier wollen wir uns einmal nicht mit den Reden, sondern mit dem Reden des Bundespräsidenten befassen, also mit seiner Art des Vortragens, Sprechens, mit seiner Wortfindung und Gedankenführung. Völlig zu recht wird ja immer wieder seine besondere rednerische Gabe, sein Geschick und seine Überzeugungskraft gerühmt. Worin gründet die besondere Rednergabe Joachim Gaucks? Was macht Joachim Gauck zu einem herausragenden Redner, was macht einen guten Redner aus?

1) Der gute Redner verfügt über eine gute Ausbildung der Stimme, der Sprechwerkzeuge. Er hegt und pflegt das Wort. Er vertraut dem Wort, und das Wort scheint ihm zu vertrauen. Sein Motto scheint zu lauten:

Lebendgem Worte bin ich gut,
das kommt heran so wohlgemut.

Wenn er redet, fällt das Verstehen leicht. Jeder einzelne Laut wird geformt, jedes Wort wird geformt, jeder Satz wird geformt und gewissermaßen in den Raum auf die Zuhörer hin gesprochen. Insbesondere bringt der gute Redner auch die Konsonanten zum Klingen. Das kann so weit gehen, dass auch die Konsonanten wie „gesungen“ wirken.

2) Der gute Redner lässt jede Silbe, insbesondere auch jede unbetonte Silbe gedeihen. Er verschluckt nichts. Der gute Redner sagt also „beugen“, nicht „beugn“, „aufgegangen“ statt „a’fggangn“, „haben“ statt „habm“, „wir loben dich“, nicht „wir lobm dich“. Ein sehr häufiger Fehler der schlecht ausgebildeten deutschen Schauspieler ist seit jeher – von Goethe in seinen „Regeln für Schauspieler“ bereits getadelt – das Verhuschen und Verschlucken der unbetonten Silben.

Als Hörbeispiel diene ein kurzer Wortwechsel aus Goethes Clavigo (1. Akt, 1. Szene):

Clavigo. Zwar ist mir’s weiter nicht bange; sein Einfluß bleibt – Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken –
Carlos. Und denken und thun, was wir wollen.

Man höre sich diese oder ähnliche Sätze in einer beliebigen Aufführung auf einer heutigen deutschen Bühne an – man wird rasch erkennen: Die Schauspieler machen oft mit dem Wortlaut, was sie wollen; sie sind oft nicht imstande, dem Wort zu dienen, sondern sie denken und tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Die Lautung wirkt zufällig, die Konsonanten werden gekappt, die Vokale sind undeutlich, die gesamte Sprechweise wirkt kurzatmig und flachbrüstig.

Und dann versuche man einmal, eben diese Sätze zuhause für sich, oder mit einer Partnerin gemeinsam, einzuüben. Nach und nach wird das Ineinandergreifen, dieses florettartige „botta e risposta“, dieses Schlag auf Schlag eines gut vorgetragenen Dialoges hervortreten. Dann erwächst auch allmählich die Freude am Sprechen wieder.

3) Der gute Redner liest nicht nur ab, er hört die Sprache auch, er hat die Sprache gehört, er vernimmt das Singen im Hintergrund, er hat mindestens eine gewisse Zeit mit der Poesie verbracht, er trägt all die Kinderreime aus Küche und Keller, die Märchenverse, die Rätsel und Lautmalereien mit sich herum. Im guten Redner klingt immer etwas von der Dichtung nach, in ihm klingen die Lieder nach, die er gesungen hat. Seine Stimme wurde durch Poesie gekräftigt.

4) Die 1906 im niedersächsischen Linden geborene deutsche Philosophin Hannah Arendt sagt: „Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

5) Atmen – Singen – Reden! Eine unersetzliche Übung für jede zukünftige Rednerin, einen unerschöpflichen Schatz zum Erwerb einer guten deutschen Aussprache – gerade auch im Unterricht mit Kindern und Lernenden nichtdeutscher Muttersprache – stellen die 100 oder 300 wichtigsten deutschen Volkslieder der letzten 300 Jahre dar, etwa das unsterbliche „Der Mond ist aufgegangen“. Wer mag und die Religion seiner Vorfahren nicht fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, der kann und soll ruhig auch die 100 oder 300 wichtigsten geistlichen Lieder der letzten 700 Jahre hören und singen.

Empfehlung für alle Redner, Schauspieler, Sprachlehrer und Menschen, die in der Öffentlichkeit reden müssen:
Der Mond ist aufgegangen, In: 100 deutsche Kinderlieder. Für Klavier mit Liedertexten. Bearbeitet von István Máriássy. Illustriert von Claudia Faber. K 148. Könemann Music Budapest 2000. € 5,95, S. 40-41

Zitat Hannah Arendts hier nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26
http://www.kulturstiftung.de/scherben-im-bachsand/

Empfohlen sei auch:
Egon Aderhold/Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag Berlin 2013

 Posted by at 13:05

Verteidigung des Regisseurs durch den Direktor. Nachspiel auf dem Theater

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Nov. 172015
 

Fast wie im Träumen wars mir doch, dass der Direktor mich, den Zuschauer, nach der Aufführung beiseite nahm: „Ihr wart unzufrieden. Ihr habt gelästert und das Stück verrissen. Ich sah’s: Ihr rührtet die Hände nicht! Auf ein Wort! Folgt mir hinter die Kulissen!“ Ich tat’s, willig-widerwillig. Kabel lagen herum, zwei Bühnenarbeiter mühten sich, ein Stahlrippengerüst abzubauen, es roch nach Terpentin, Kunstharzlacken und ranzigem Werg. Flackernde Windows-10-Bildschirme wurden gerade heruntergefahren.

Was folgte, war ein Strom wechelseitiger Vorwürfe, wutschnaubender Erklärungen, wohlmeinender Manifestationen des Willens, die hier mehr oder minder wortgetreu wiedergegeben seien:

DIREKTOR
„Was fällt euch bei! Was erdreistet ihr euch! Ihr wisst doch, dass heut auf unsern deutschen Bühnen ein jeder probiert was er mag!“

ZUSCHAUER
„Und genau das ist falsch!“, fuhr ich auf. „Diese Beliebigkeit! Ich verlange auch auf deutschen Bühnen ein klares redliches Wort, ich verlange eine fortlaufende Handlung! Ich will keine Apparate-Hochrüstung! Ich will das apparate-arme Theater! Armes Theater! Ich will mehr Jerzy Grotowski! Ich will nicht durch so eine Masse an Eindrücken und Effekten gezwungen werden, irgendetwas zu denken oder gar nicht mehr zu denken!“

„Die MASSE KÖNNT IHR NUR MIT MASSE ZWINGEN!, erklärte mir der DIREKTOR mit sanftem, aber bestimmtem Ton. „Ich gab dem Regisseur Lizenz zum Geldausgeben. Ich sagte ihm: Im Namen des DIREKTORS! Schont mir in dieser Inszenierung Prospekte nicht und nicht Maschinen, nutzt Projektoren und Himmelslichter, facht das virtuelle Feuer an, bietet alles auf, was der digitale Maschinenraum euch gibt!“

ZUSCHAUER
Und die armen Schauspieler? Sie kamen mir wie ohnmächtige Bestandteile einer riesigen Apparatur vor! Wo bleibt der Mensch im Schaupieler?

DIREKTOR
Und selbst wenn es so wäre? Was verschlüge dies? Was wäre denn so schlimm daran, wenn ein Theater die Welt als riesiges Weltenapparatespiel darstellte, in dem der Mensch nur eine Fußnote bildete? Und überhaupt! Euer vielgerühmter Mensch, was ist er anderes als nur ein Heuschreck, der in jeden Quark seine Nase begräbt!

ZUSCHAUER
Verehrter Herr Direktor, ich war am Samstag im neuen James Bond im Odeon in Schöneberg. Spectre! Spektakulär! Spectre, der hat mir das geboten! Und das Wichtigste: Eine fortlaufende Handlung, eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse.

DIREKTOR
Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt. Ich gratuliere Euch zu diesem sicheren Urteil! Doch was das Gut und Böse angeht – woher wollt ihr dies wissen, was gut und böse ist?

ZUSCHAUER
Das höchste Gut, das innere Licht! Mein Gewissen sagt mir: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Und ich erwarte, dass das Theater den Menschen bessert und ihn zu neuen Einsichten führt! Dieser Meinung waren auch unsere Klassiker, unser Goethe und unser Schiller! Habt ihr Goethe und Schiller ganz vergessen? Bei eurem Stücke-Ragout tritt man fassungslos, ungetröstet in den Platzregen hinaus, während der Fesselballon der Phantasie am Boden bleibt.

DIREKTOR
Woher nehmt ihr diese Gewissheit? Das Publikum, es ist nicht so, wie ihr dies gerne hättet. Kennt Ihr den Faust von Goethe? Nein? Seht ihr! DAS ist euer Problem! Das Publikum, es will stark Getränke schlürfen. SPECTRE beweist es doch erneut! Doch es ist spät geworden, das Schichtende naht wie die Nemesis, die Bühnenarbeitergewerkschaft sitzt mir im Nacken! Mein Freund, wir müssen’s diesmal unterbrechen. Gehabt euch wohl.

Die Bühnenarbeiter hatten sich mit einem knappen Tschüß verabschiedet, wir waren die letzten Menschen im Theater.

So endete denn auch der kleine Wortwechsel zwischen dem Direktor und dem Zuschauer. Der Zuschauer trat auf den Platz hinaus. Starker Regen, echter Regen, kein Theaterregen fiel in dichten, schleierartigen Strömen auf herbstnasses Laub herab. Es war kühler geworden. Kein Mond stand am Himmel. Es roch nach fauligen Blättern, nach feuchtem Teppichboden, über den soeben ein Hund gelaufen war, nach Benzinflecken und Terpentin.

 Posted by at 12:06

Damit Goethe gelingt: von Kindern und Laien lernen!

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Nov. 142015
 

Schaffen die deutschen Theater Goethe noch? Zweifel bleiben! Der gestrige Theaterabend war wieder einmal niederschmetternd.

Aber ich habe außerhalb des Berufstheaters einige gute Goethe-Aufführungen erlebt: Zuletzt in diesem Jahr die Führung durch die Wörlitzer Parkanlagen durch eine kundige Gästebetreuerin aus dem Städtchen Oranienbaum: „Hier ists ietz unendlich schön..“ zitierte sie aus einem Goethe-Brief. Sie fühlte das, was Goethe schrieb, sie brachte es in leicht fasslicher, leicht sächsischer Lautung ohne Mikrophon, aber mit Gefühl uns zu Ohren. So ist es richtig, so trägt es!

Die andere sehr schöne Goethe-Aufführung erlebte ich vor einigen Jahren an der Kreuzberger Fanny-Hensel-Schule: einige Kinder trugen kleinere Gedichte und Balladen vor, darunter auch den „Erlkönig“ von Goethe. Das kleine Mädchen – nennen wir sie einfach mal Fatima, sie stammte wohl aus einer arabischen Flüchtlingsfamilie – trug das Gedicht fehlerlos, in guter Aussprache, in natürlichem Rhythmus und natürlicher Betonung, wenn auch nicht ohne Lampenfieber vor. Und so war es einfach schön, überzeugend, mitreißend. Danke, „Fatima“!

Flüchtlingskinder und Laien könnten so machen Schauspieler lehren, wie man mit Goethe umgehen kann. Goethes Sprache trägt dich, wenn du dich ihr anvertraust!

Jeder Schauspieler sollte sich an Kindern und Laien ein Beispiel nehmen. Regisseure sollten sich innerlich als Diener an Kindern, an Zuschauern, an Schauspielern, als Diener am guten Wort verstehen. Sie brauchen sich nicht so viel auszudenken. Sie sollten sich selbst und ihr großes großes Ego nicht in den Vordergrund spielen.

 Posted by at 17:59

Gebt ihr ein Stück, zerfetzt es gleich in Stücke: Goethes Clavigo am Deutschen Theater

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Nov. 142015
 

Wertvolle, nachhaltige Einsichten in die vielen Arten, wie man auf deutschen Bühnen ein beliebiges Theaterstück zerlegen, zerfetzen, zerstören kann, bot gestern das Opfer des Abends: „Clavigo nach Johann Wolfgang Goethe“. Als Spielstätte gab sich das Deutsche Theater her.

Hier die wesentlichen Regieanweisungen, mit denen es jedem Regisseur gelingen kann, jedes beliebige Stück von Aischylos über Goethe bis Heinar Kipphardt erfolgreich unkenntlich zu machen:

1) Gebt ihr ein Stück, gebt es gleich in Stücken! Kein Handlungsstrang soll erkennbar sein. Alles wird aufgelöst. Es geschieht sehr viel, aber es gibt keine fortlaufende Handlung mehr.

2) Solch ein Ragout, es muss euch glücken: Man begnügt sich nicht mehr mit einem Stück. Nein, mindestens drei Theaterstücke Goethes werden hineingequirlt, daneben noch Briefe, Kommentare, eine kleine Gardinenpredigt von Jean Ziegler darf auch nicht fehlen.

3) Lasst sie schreien, stöhnen, nuscheln – doch lasst sie niemals sprechen. Sie, die Schauspieler, können nicht mehr bühnentauglich sprechen. Oder sie dürfen nicht mehr bühnengerecht sprechen. Es gab an dem Abend keinen einzigen Satz, der mit sinnvoller Betonung gesprochen worden wäre. Schönheit des gesprochenen, des dichterischen Wortes erwarteten wir ja schon nicht mehr. Aber Sinn. Die jüngeren Schauspieler bekommen in Deutschland offenbar keinerlei Sprechausbildung mehr. Ihre Stimmen tragen nicht. Deshalb müssen sie auch fast ohne Pause durch ein Mikrophon verstärkt werden. Alles wurde gepresst, geschrieen, verzerrt, vieles wurde durch den Computer gejagt. Arme Schauspieler!

4) Sprechtheater ohne Sprechen! Goethes Text wurde ohne Gefühl für Sprache, ohne jeden Respekt vor dem Wort, ohne Achtung vor dem Zuschauer angeboten. Es wird stattdessen ein gigantischer technischer und medialer Aufwand getrieben. Die Schauspieler werden zum Bestandteil einer übergroßen, überteuerten Maschinerie gemacht.

5) Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten. Clavigo, Beaumarchais, Buenco wurden durch Frauen gespielt. Ist ja nicht uncool. Aber warum? Sollte nachgewiesen werden, dass Genderrollen sozial konstruiert werden? Der Nachweis wäre misslungen. Das ganze Stück funktioniert so nicht.

6) Auf offener Bühne wurde gegen Ende ein versuchter Selbstmord vorgeführt. Ein/E Schauspieler/In zog sich eine Plastiktüte über ihr/sein/-en Kopf, doch brachte er/sie sich dann doch nicht um. Und es waren Kinder und Jugendliche im Saal!

7) Insgesamt wohnten wir einem suizidalen Umgang mit Sprache, einem suizidalen Umgang mit Texten, einem suizidalen Umgang mit Kunst bei. Goethe wird es vielleicht überleben. Vielleicht auch nicht. Es gibt Schlimmeres als einen solchen Theaterabend. Die Ereignisse in Paris brachten uns dies entsetzlich nahe. Es regnete, als wir das Theater verließen. Durchnässt wie ein Pudel kam ich zuhause an.

 Posted by at 16:46

Darf man heute immer noch straffrei behaupten, die Erde sei keine Kugel?

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Nov. 132015
 

„Es ist müßig, mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren“, sagte er demnach. Auf die Behauptung Haverbecks, dass es keine Beweise für den Holocaust gebe, habe der Richter geantwortet: „Ich muss auch nicht beweisen, dass die Erde eine Kugel ist.“

Mit dieser Begründung steckte ein Hamburger Amtsrichter gestern eine 87 Jahre alte Dame für 10 Monate ohne Bewährung ins Gefängnis. Ihre Straftat: Sie leugnete zum wiederholten Male den Holocaust.

Völlig richtig, Herr Richter! Es ist unnötig mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren. Muss man allerdings Leute akzeptieren, die bestreiten, dass die Erde eine Kugel ist? Muss man es hinnehmen, wenn jemand behauptet, dass die Erde keine Kugel sei, sondern ein abgeflachtes Rotationsellipsoid, also ein geometrisch unregelmäßig geformter, leicht abgeplatteter Körper?

Wer hat nun recht: Der Hamburger Amtsrichter, der die Tatsache behauptet, dass die Erde eine Kugel ist, oder der Wissenschaftler, der behauptet, die Erde sei ein abgeflachtes Rotationsellipsoid?

Ich meine: Das Leugnen von Tatsachen, das Lügen lässt sich als solches nicht bestrafen – außer, ja außer bei Tatsachen, die als wesentlich, als unverzichtbar, als im Sinne einer bestimmten Gesellschaft als schlechterdings nicht bezweifelbar gelten.

Unbezweifelbare Tatsachen werden seit Jahrhunderten unter Strafandrohung gestellt.

So galt jahrhundertelang Gotteslästerung oder Gottesleugnung als strafwürdiges Verbrechen; viele hartnäckige Gotteslästerer wurden durch Hinrichtung bestraft, z.B. Jesus, Giordano Bruno, Jan Hus oder Sokrates. Die Existenz Gottes bzw. die Existenz der Götter galten als unumstößliche Tatsache; Zweifel an dieser millionenfach bewiesenen Tatsache wurden bestraft.

In der Bundesrepublik gibt es heute nur ein klassisches Meinungsdelikt, im Grunde wird nur noch eine falsche Meinung, wird eine Lüge unter Strafe gestellt: die Holocaustleugnung. Man darf in Deutschland den ukrainischen Holodomor leugnen, man darf die systematische Ermordung von vielen Millionen sowjetischer Zivilisten während des 2. Weltkrieges schweigend übergehen. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Jakow M. Swerdlow die Zarenfamilie erschießen ließ. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Leo Trotzkij den systematischen Mord an Zivilisten, die systematische Vernichtung der Klassenfeinde befahl. Man darf die Kolonialgreuel in Belgisch-Kongo ignorieren oder leugnen. Man darf die Massenmorde des Pol Pot und der chinesischen Maoisten übersehen oder leugnen. Nur den Holocaust darf man nicht leugnen. Er ist in der Strafrechtspraxis das Factum absolutum der deutschen Rechtsordnung geworden.

Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor fasst diesen Prozess der Sakralisierung und absoluten Überhöhung des Holocaust im Anschluss an Überlegungen Alain Finkielkrauts so zusammen: „The Holocaust alone can provide the definition of evil.“ „Der Holocaust allein kann die Definition des Bösen liefern.“

Die enormen Vorteile dieser Absolutsetzung, dieser Sakralisierung des Holocausts als des schlechthin Bösen liegen auf der Hand. Es wird im Nu alles so einfach in der Welt!

Erstens, er ist vorbei. Er liegt in der Vergangenheit. Laor schreibt: „The great advantage of this is that the Holocaust took place in the past and is now over; we can congratulate ourselves on having awoken from a nightmare.“ Er ist damit der Nullpunkt der moralischen Argumentation geworden. Das absolute Böse, der Holocaust, ist glücklicherweise vergangen; solange man den Holocaust erinnert und eine Wiederholung des Holocaust verhindert, ist alles andere ja nur halb so schlimm. Das Wichtigste, aber auch das Tolle, das Phantastische, das Herrliche an der Weltgeschichte ist, dass der Holocaust einzigartig ist und sich deshalb nicht wiederholen kann. Es wird also automatisch alles immer besser in der Weltgeschichte, solange man nur verhindert, dass der Holocaust sich wiederholt.

Zweitens, es gibt ein eindeutiges Tätervolk, das dafür „Schuld und Verantwortung trägt“, wie es der Deutsche Bundestag erst kürzlich wieder festgestellt hat: die Deutschen, oder besser gesagt: „wir Deutschen“. Die Vorteile für alle anderen europäischen Staaten, die in den Jahren 1939-1945 vorübergehend oder dauerhaft mit dem Deutschen Reich verbündet waren (Sowjetunion, Finnland, Frankreich, Italien) sind unleugbar: Die Deutschen sind das Tätervolk.

Drittens: Die Holocaustleugnung und die ganze Klasse verwandter Delikte lassen sich problemlos unter Strafe stellen. Holocaustleugnung, aber mittlerweile auch die Historisierung, die historische Einbettung des Holocausts in eine Ereigniskette, die Relativierung, die Vergleichung des Holocausts mit anderen systematischen Ausrottungspolitiken der Weltgeschichte ist ein in der deutschen Öffentlichkeit weithin als solches eingestuftes Meinungsdelikt. Dieses Meinungsdelikt zu begehen erweist sich immer wieder als selbstmörderisch für den eigenen Ruf. Man kann nur davor warnen. Selbst bestens ausgewiesene Historiker wie Ernst Nolte haben wegen dieses Meinungsdelikts ihren früher guten Ruf, Politiker wie Martin Hohmann, Schriftsteller wie Martin Walser haben aufgrund dieses Delikts ihren bis dahin unbescholtenen Leumund eingebüßt. Sie stehen bis heute am Pranger.

Viertens: Unabhängig von Geisteszustand oder Alter des Meinungsverbrechers erreicht die deutsche Justiz und die deutsche Gesellschaft die Gewissheit, auf der Seite des absoluten Guten zu stehen. Denn wer gegen die Leugnung des absoluten Bösen kämpft, muss auf der Seite des Guten stehen.

Fünftens: Das Verbot der Holocaustleugnung hat einen umfassenden, disziplinierenden Effekt auf die öffentliche Meinung. Der gemeine Bürger fängt aus Angst im Unterbewusstsein schon an zu überlegen: „Es gibt also Lügen, die in Deutschland unter staatliche Strafe gestellt werden. Wenn schon eine 87-jährige Frau, eine offenkundig verwirrte oder fanatisch verblendete ältere Dame wegen einer sonnenklaren geschichtlichen Lüge für 10 Monate ins Gefängnis gesteckt wird, hmm, darf ich das oder das dann noch sagen? Darf man noch an unumstößlichen Tatsachen zweifeln, z.B. an der Konstantinischen Schenkung, an der Goldenen Bulle, am Holodomor, an den Stalinschen Säuberungen, an der Sinnhaftigkeit des Euro, an der Legitimität der Rechtsakte der Europäischen Union? Darf man noch am Klimawandel zweifeln, oder wird man dafür irgendwann auch ins Gefängnis gesteckt werden?“

Der Staat bestraft falsche Meinungen, der deutsche Staat bestraft das hartnäckige Lügen, sofern er ihm das Potenzial zur Volksverhetzung beimisst. Das dürfen wir nie vergessen.

Das gestern ergangene Urteil des Hamburger Amtsrichters wirft – trotz aller hier aufgewiesenen strategischen Vorteile, die mit ihm einhergehen – viele Fragen auf.

Belege:
Yitzhak Laor: The Shoah Belongs to Us (Us, the Non-Muslims). In derselbe: The Myths of Liberal Zionism. Verlag Verso, London New York 2009, S. 15-35, hier bsd. S. 32

http://www.stern.de/panorama/stern-crime/nazi-oma–87-jaehrige-ursula-haverbeck-muss-wegen-holocaust-leugnung-in-haft-6551784.html

 Posted by at 13:15
Nov. 122015
 

Πᾶσα ψυχὴ ἐξουσίαις ὑπερεχούσαις ὑποτασσέσθω. „Jede Seele soll sich den herrschenden Institutionen einordnen“, so (in eigener Übersetzung) der bekannte Briefeschreiber Paulus von Tarsos im Römerbrief, Kapitel 13. Eine unendlich oft – auch von Luther selbst – kommentierte Stelle! Für die Entstehung der lutherischen Kirchen ab 1517 und vor allem für das Verhältnis zwischen irdischen Gewalten und Christengemeinden bereits ab dem ersten Jahrhundert nach Christus von überragender Bedeutung.

Das gilt auch heute noch, wie ein Blick die WELT vom heutigen Tage lehrt (S.6)!

Humanität und Menschenwürde kennen keine Grenzen„, so Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nun? Was folgt daraus? Hat denn irgendjemand behauptet, dass Humanität und Menschenwürde nur in Deutschland zu finden seien, und außerhalb Deutschlands (also z.B. in Luxemburg) keine Humanität und Menschenwürde zu leben seien?

„Wir brauchen keine Grenzen“, „No borders!“, „keine Nationalstaaten mehr!“, „wir brauchen mehr Europa“, „wir brauchen mehr WELT, wir leben in EINER Welt, weg mit den Grenzen, weg mit dem Staatsrecht, weg mit dem Rechtsstaat, weg mit den Institutionen!“

Fast schon verzweifelt lehnen sich noch vereinzelte Stimmen wie etwa der ehemalige deutsche Verfassungsrichter Udo di Fabio, der ehemalige Verfassungsrichter Roman Herzog gegen die Begeisterung für grenzenlose Barmherzigkeit, gegen die kühne, handstreichartige Außerkraftsetzung des institutionell verankerten Rechtsrahmens auf.

„Der Nationalstaat liegt als Projekt hinter uns! Wir brauchen mehr Europa!“

„Das neue Deutschland nach 1949 und 1989 hat seine großen Erfolge in der Wirtschaft-, Sozial- und Außenpolitik nicht als klassischer Nationalstaat, sondern als ein demokratisches, weltoffenes und in Europa integriertes Land erzielt.“

So zuletzt – nur als ein Beispiel von vielen – Heiner Geißler von der CDU. Nun, dem vermag ich in aller Bescheidenheit nicht so schnell zu folgen.

Ich selbst meine, dass der auf Recht gestützte Staat, also der „klassische Verfassungsstaat“ noch nicht ganz ausgedient hat. Der klassische Verfassungsstaat (etwa Frankreich, Deutschland, Polen, Ungarn…) hätte erst dann ausgedient, wenn die Souveräne dieser Staaten, also die Völker, sich dazu verständigt hätten, sich als „postklassischer übernationaler Verfassungsstaat“ zusammenzuschließen. Und das haben sie noch nicht getan. Einige Völker der EU, z.B. die Franzosen, haben dies sogar ausdrücklich per Volksabstimmung abgelehnt.

Ich bekenne mich als ein Anhänger des klassischen parlamentarischen Verfassungsstaates mit seiner klassischen Gewaltenteilung; ich bin ein (übrigens auch durch öffentlichen Eid) eingeschworener Anhänger der derzeit bestehenden Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland.

Selbstverständlich bin ich für die Einhaltung aller internationalen Verpflichtungen, die Deutschland eingegangen ist.

Selbstverständlich soll man Menschen vor Not, Elend und Hunger bewahren; aber eine komplette – auch nur vorübergehende – Außerkraftsetzung des geltenden Rechts wäre das berühmt-berüchtigte „Paradies auf Erden“. Ein Schritt ins Verderben.

Die Genfer Flüchtlingskonvention, das Völkerrecht, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, die vertraglichen Verpflichtungen aus den EU-Verträgen, der methodische und rechtliche Vorrang des Bundestages vor der Bundesregierung, das sind die Grenzen, an denen wir nicht rütteln sollten, an denen aber derzeit tatsächlich heftig gerüttelt wird.

Wir brauchen nicht einmal Paulus Rö 13, um an die Einhaltung der geltenden Rechtsordnung zu erinnern.

Nachweise:
Antieuropäische Ressentiments: Nationales Gedankengut wird hoffähig | Geißlers Nachschlag – Berliner Kurier – Lesen Sie mehr auf:
http://www.berliner-kurier.de/geisslers-nachschlag/antieuropaeische-ressentiments-nationales-gedankengut-wird-hoffaehig,11561998,25797542.html#plx1435918713

http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article148748357/Fluechtlingskrise-reisst-eine-Wunde-in-deutsches-Recht.html

Bild:
Ein Blick in Dantes Inferno, vom Rande des Europa-Rechts her gesehen. In: Ausstellungskatalog:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett. Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

20151112_111433[1]

 Posted by at 14:38
Nov. 122015
 

Herrliche, tiefe Gespräche führe ich immer wieder mit Männern aus verschiedenen Ländern in Afrika und Syrien und aus Libanon und aus Jordanien! Zentrale Themen sind in unseren Gesprächen – Familie, Kinder und Religion! Hurra, Kinder, Religion und Familie, drei zentrale Fragen! Und immer wieder höre ich in verschiedenen Variationen folgende zwei Fragen:

„Warum glaubt ihr Deutschen nicht an Gott?“
„Warum habt ihr Deutschen nur so wenige Kinder?“

Ich versuche dann immer, in ganz schlichten, leicht fasslichen Worten zu antworten, so gut ich kann.

Zunächst die zweite Frage, ein Gefährte aus Homs stellte sie mir: „Ich habe sechs Kinder. Und du?“ Ich nannte die Zahl meiner Kinder. Rückfrage: „Warum habt Ihr in Deutschland so wenige Kinder?“

Meine Antwort: „Für uns in Deutschland steht der Einzelne ganz im Mittelpunkt. Das Ich ist der King. Jeder und jede sucht sein größtmögliches Glück, Geld und Gesundheit. Kinder gelten in Deutschland oft als hinderlich. Eins oder zwei kriegt man meist noch mit Müh und Not unter, aber oft fehlt halt einfach in Deutschland das Geld für Kinder. Und der Job geht vor. Für mehr Kinder fehlt uns Deutschen oft das Geld. Und es fehlt oft der sichere Job.“

Meine Antwort stößt auf Zweifel, Staunen, Fassungslosigkeit bei den Menschen aus Homs, aus Lagos, aus Damaskus. Für sie sind Kinder mit das Schönste. „Ohne Kinder ist das Leben nur halb so schön.“ Nicht zuletzt stiften die Blutsbande ein unzerreißbares soziales Netzwerk. Über viele Länder hinweg reicht das Netzwerk. Jeder hilft jedem, das Wohlergehen der gesamten Familie steht im Mittelpunkt, selbst wenn ein Mitglied der Familie oder ein Teil der Familie nach Deutschland ausreist, wird doch stets materiell und auch finanziell die Verbindung in die Heimat gehalten.

Dagegen soll in Deutschland jeder einzelne Mensch ein Höchstmaß an Wohlstand, beruflichem Erfolg, gesellschaftlicher Anerkennung, körperlicher Fitness, politischer Partizipation, politischer Macht und sozialer Gleichstellung und körperlicher Schönheit erzielen. Und Kinder sind dabei in der Tat eher hinderlich. Das gilt insbesondere auch für Frauen. Die deutsche Politik legt sich mächtig in die Ruder, damit keine Frau sich gegen Kinder entscheiden muss, weil das Geld und der sichere Job fehlen. Viele deutsche Kinder wachsen dennoch in Armut auf. Aber der Sozialstaat hilft, so gut er kann. Viele sagen: Deutschland ist nicht kinderfreundlich.

Also Kinderlosigkeit bei den Deutschen aus Geldmangel! Kinderlosigkeit bei den Deutschen wegen des hohen Armutsrisikos in Deutschlands! Staunen, Fassungslosigkeit, Lachen bei den Flüchtlingen.

Was für Länder wie Syrien, Nigeria oder Jordanien das unzerreißbare, grenzüberschreitende Netz der Verwandtschaft, das ist für uns in Deutschland das unzerreißbare Netz des Sozialstaates. Er trägt und hält uns alle. Er ist der gute, der fürsorgliche Leviathan. Er ist der „sterbliche Gott“, wie ihn Thomas Hobbes genannt hat.

 Posted by at 13:23