„Ich wollte das Haus mit dem Dache zu bauen beginnen“

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Aug. 102015
 

Schloss Wusterhausen20150808_173017

Unser denkwürdiger Besuch vorgestern im Jagdschloß Wusterhausen! Die ungelenken Malübungen des Königs, aufgehängt im Festsaal des Schlosses, verfehlten in all ihrer grotesken Übertreibung eine anrührende Wirkung nicht. Man merkt den Bildern an, aus welchen körperlichen und seelischen Schmerzen sie entstanden sein müssen. „Ich wollte das Haus mit dem Dache zu bauen beginnen“, bemerkt der König selbstkritisch einmal. Der König hatte Wassersucht und Gicht, das Malen war seine Ergotherapie. „Nun malte König Friedrich Wilhelm seine Bauern, wie er vordem immer sein Gesinde zu porträtieren pflegte, als sei ein treues Gesicht so rar, daß man es festhalten mußte! Fünf Tage brauchte König Friedrich Wilhelm für ein Bild; und wenn er gar zu große Schmerzen hatte, ließ er sich auch noch die Umrisse vorzeichnen“, schreibt Jochen Klepper in seiner Biographie „Der Vater. Roman eines Königs“.

„Ich muß sagen das ich mich nit Ruinieren kan weitter mein geldt wegzuschmeißen und ich es vor Gott und meine kinder nit verandtworten kan da Preußen mir klug gemachet. graben Bauen viehe kauffen ist aus und werde mit Gottes hülfe kein pfen mer verquaquelen den ich die Risee bin gewehsen von der gantzen Weldt und meine schöne verfassung armée und alles übern hauffen zu gehen sehr sehr nahe gewesen“

So äußerte sich – hier in originaler Schreibung wiedergegeben – König Friedrich Wilhelm I., als ihm eins der kühnsten Infrastrukturprojekte des 18. Jahrhunderts, der Elbe-Havel-Kanal vorgelegt wurde. Die damals nur vorgedachte, durchgehend schiffbare Verbindung zwischen Elbe und Havel wurde erst im 20. Jahrhundert hergestellt.

Man sieht: der Staatsbankrott, die Zahlungsunfähigkeit des Staates waren zu Beginn der Regierung von Friedrich Wilhelm I. nicht nur ein Schreckgespenst, sie waren eine echte Gefahr! Die Mittel gegen den drohenden Staatszerfall, die im Laufe der Jahre 1713-1740 zum Erfolg führten, dürften zum Teil überzeitlich gültig sein: Pflichttreue, Sparsamkeit (beginnend bei der Hofhaltung), drastische Sparmaßnahmen, Landesausbau, Förderung und Ansiedlung der Gewerbe, Ausbildung der Bauern und Bäuerinnen in Haus- und Feldwirtschaft,  Ansiedlungsmaßnahmen in schwachbesiedelten Gebieten – etwa im Oderbruch und im pestverheerten Litauen, gezielte Ansiedlung und Aufnahme von Vertriebenen und Asylanten (15.000 Religionsflüchtlinge aus Salzburg!), Kampf gegen Korruption und Bestechlichkeit, Verwaltungsreformen, Straffung der Administration, Herausbildung einer absolut loyalen Beamtenschaft, Beschneidung der Privilegien der oberen Stände.

Dann aber auch der Haß, das tiefe, unheilbare Zerwürfnis mit dem eigenen Sohn! „- er eigensinniger, böser Kopf, der nicht seinen Vater liebet!“, schreibt der Vater dem Sohn.  Klepper merkt an: „Der einundvierzigjährige Mann und der siebzehnjährige Jüngling saßen, durch wenige Stufen, Wände und Balken getrennt, am Schreibtisch und klagten sich in Briefen an, als gelte es, aller Welt und künftigen Zeit die Dokumente solcher Erbitterung zu überliefern.“

Die Briefe der beiden sind erhalten. Unfassliche Dokumente des abgrundtiefen Grams, die sich mühelos an die Seite der Gemälde des Königs stellen lassen.  Welches Bild des gequälten, verlassenen,  verworfenen Menschen tritt da hervor?

Quellen:
Jochen Klepper: Der Vater. Roman eines Königs. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 5. Aufl. 1986, hier bsd. S. 488-489, S. 613-614, S. 620-621

„Geschichtsmächtiger Sonderfall der territorialstaatlichen Entwicklung: Brandenburg-Preußen“, in: Der große Ploetz. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte, 35. Aufl., Freiburg 2008, S. 916-920

Bild: Ansicht des Jagdschlosses in Königs Wusterhausen, Aufnahme vom 08. August 2015

 

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Katzentag

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Aug. 092015
 

20150807_194528
Können Katzen uns verstehen? Ich glaube, ja! Unserer Minka schickte ich eine Postkarte aus Rügen und legte sie ihr beim Nachhausekommen vor. Ich erklärte ihr das Woher, das Wohin, das Für-wen. Sie schien zu verstehen. Als ich wieder kam, lag sie auf der Postkarte, betrachtete sie und hütete sie wie einen Schatz.20150807_192116

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Nieselregen: im Bann des Hörselbergs

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Aug. 072015
 

Hörselberg
Hinter ragt uns die Wartburg, hinter uns ruht die Automobile Welt Eisenach! Der zweite Tag der Radtour beginnt in leichtem Nieselregen. Wir nehmen die Bahnhofstraße und folgen zunächst stur dem Straßenverlauf, bis wir merken, dass wir wegen zunehmenden Regens die Regenkleidung auspacken müssen. Wir halten in einer sanft geschwungenen Bushaltbucht an und kleiden uns mit dem Regenzeug theatermäßig um. Recht bald hört der Regen auf.

Wir fahren am Güterbahnhof entlang und biegen dann links in eine leicht holprige Sackgasse ab. Diese führt uns auf einen pappelgesäumten Radweg, welcher dem Laufe der Hörsel erst auf der einen, dann auf der anderen Seite folgt. Wir trauen der gut sichtbaren Beschilderung, überqueren die B7, und fahren unterm schnurrenden surrenden Klang der Fahrräder am Steinacker entlang, und dann immer rechts Richtung Kahlenberg. Hier halten wir an.

Da! Vor unseren Augen liegen endlich die sagenumwobenen Hörselberge. Das Foto oben zeigt sie.
Sie beschrieb Richard Wagner zu Beginn seines Tannhäusers mit folgenden Worten:

Die Bühne stellt das Innere des Venusberges Hörselberges bei Eisenach dar. Weite Grotte, welche sich im Hintergrunde durch eine Biegung nach rechts wie unabsehbar dahin zieht. Aus einer zerklüfteten Öffnung, durch welche mattes Tageslicht hereinscheint, stürzt sich die Höhe der Grotte entlang ein grünlicher Wasserfall herab, wild über Gestein schäumend; aus dem Becken, welches das Wasser auffängt, fliesst nach dem ferneren Hintergrunde der Bach hin, welcher dort sich zu einem See sammelt, in welchem man die Gestalten badender Najaden, und an dessen Ufern gelagerte Sirenen gewahrt. Zu beiden Seiten der Grotte Felsenvorsprünge von unregelmässiger Form, mit wunderbaren, korallenartigen tropischen Gewächsen bewachsen.

http://www.opera-guide.ch/opera.php?uilang=de&id=410#libretto

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Tugend, Liebe, Eintracht – Schlüsselwörter der Nationenbildung

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Aug. 062015
 

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Hier im Festsaal der Wartburg erhalten heute die Eisenacher Abiturienten jedes Jahr ihr Abiturzeugnis überreicht. Ein besonderer, ein erhebender Augenblick, wie uns unsere Burgerzählerin aus eigner Erfahrung versicherte!

Die Flagge links an der Wand geht auf die Burschenschaften vom Wartburgfest des Jahres 1817 zurück. Hier in Eisenach wurden 1817 erstmals die Farben Schwarz-Rot-Gold als Bekenntnis zum erstrebten deutschen Nationalstaat verwendet. Die Flagge der heutigen Bundesrepublik Deutschland und der früheren Deutschen Demokratischen Republik findet hier, in der Flagge der deutschen Burschenschaften ihren Ursprung. Die Studenten von 1817 wünschten sich einen einheitlichen, alle Deutschen im Geist der Freiheit und Gleichheit umfassenden Staat, der auf dem Gedanken des Volkswillens und des gleichen Rechts für alle aufruhte.

In ihrer Einladung zum Wartburgfest schrieb die Jenaer Urburschenschaft 1815 folgende Sätze:
„Der Himmel segne unser gemeinsames Streben Ein Volk zu werden, das voll der Tugenden der Väter und Brüder durch Liebe und Eintracht die Schwächen und Fehler beider beseitigt.“

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Luthers Splitter

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Aug. 062015
 

Walknochen Luthers 2014-05-01 10.35.50
Dieser Wirbel eines Wales ist das einzige originale Exponat aus der Wartburg-Schreibstube Martin Luthers, das heute noch erhalten ist. Der Schreibtisch, auf dem er im Winter 1521/1522 das Neue Testament in sein geliebtes Deutsch übersetzte, wanderte in tausende feine Splitter zerlegt in den Händen und Taschen der Luther-Anhänger hinaus in die Weite!
WetzelsLuther20150716_141630

Dieses Bild stammt von Christoph Wetzel. Entstanden 1999. Es hängt im Museum der Wartburg. Gedankenverloren, sinnend, steht „Luther unter dem Kreuz“. Der intellektuelle, religiöse Superstar des frühen 16. Jahrhunderts scheint von Zweifeln geplagt. Was bleibt ihm – der Verweis auf einen, der ihn im Leiden um Kreuzeshöhe überragt? Das eine Auge wirkt trübe, so als könnte dieser Luther die ganze Tragweite seines Handelns nicht überblicken. Sein Blick scheint mir zu sagen:

„Ach! War das nötig? Musste das sein? War es ein Missverständnis? Werdet ihr – die Menschen des 21. Jahrhunderts – mich und IHN heute besser verstehen als ich mich und IHN damals verstand? Hätte es auch ganz anders ausgehen können? War es eine Tragödie? Habe ich das so gewollt? Hätte er, der HErr, das so gewollt?“ Und Luther sprach und schrieb doch ein so klares, verständliches, frisches Latein, dass ich ihm die folgenden Worte in den Mund legte: „Equidem puto totam nostram vitam poenitentiam ad Jesum Christum esse. At poenitentia, id est conversio sempiterna, id est recursus animae ad Deum.“

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Elisabeth, Venus, Klingsor – wofür stehen sie alle?

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Aug. 062015
 

Blick aus dem Palas20150716_132456
Immer noch stehen wir in Eisenach am 16. Juli. Dies hier ist ein Blick aus dem Palas, dem ältesten noch erhaltenen Bauteil der Burg, hinaus auf die Touristen. Und so ging es weiter: Endlich um 13.00 Uhr begann die Führung durch die Wartburg. Eine junge Eisenacherin in eleganten Schuhen führte uns. Immer wieder hob sie hervor „Willkommen bei UNS“, „WIR haben hier einen der schönsten Säle UNSERER Burg vor uns“, „Diese Legende gefällt MIR am besten“. Ein Kind der Stadt, zu Füßen der Wartburg groß geworden, führte uns also munter und witzig in einen Teil ihrer Regionalgeschichte ein. So muss es laufen! Ansonsten bleibt uns die deutsche Geschichte ein leblos-papierenes Bildungsgut. Die junge Frau stand erkennbar auf Du und Du sowohl mit Elisabeth von Thüringen als auch mit der Venus im Hörselberg, die Richard Wagners Tannhäuser verführt hat!
Sängerkrieg20150716_134747
So stellte sich Moritz von Schwind den Sängerkrieg auf der Wartburg vor: Heinrich von Ofterdingen hatte dem ausrichtenden Landgrafen (rechts) die Schmach angetan, ihn nicht über den grünen Klee zu preisen, dafür verlor er den Sängerkrieg und sollte wie in der Auslobung festgelegt sterben. Doch mithilfe des fernöstlichen Zauberers Klingsor (links im Bild) gelang es ihm, unter der aufschiebenden Wirkung eines Quizduells die Hinrichtung zur Bewährung aussetzen zu lassen.

Die Inschrift des Malers ungefähr aus dem Jahre 1855 lautet:
IN DIESEM SAALE WURDE DER SÆNGER= / STREIT GEHALTEN DEN 7ten JULI 1207 / DEM GEBURTSTAG DER HEIL. ELISABETH.

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Zukunftsperspektiven statt Flüchtlingselend für Afrika

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Aug. 062015
 

Soeben berichtete der Londoner Radiosender BBC 4 über den Bau der ersten Eisenbahnstrecke in Lagos, der Hauptstadt Nigerias. Lagos – mit 20 Millionen Einwohnern und derzeit noch unbeschreiblichem Verkehrschaos! Chinesische Unternehmen entwickeln gerade in Nigeria zusammen mit den Afrikanern eine zukunftsfähige Infrastruktur, bauen mit afrikanischen Arbeitern die erste Eisenbahn in Lagos, schaffen zusammen mit einheimischen Akteuren Arbeit, Industrie, Beschäftigung und folglich Wohlstand für die Menschen!

Der folgende wertende Schluss drängt sich mir aus derartigen Berichten wie dem von BBC 4 auf: Die Chinesen haben offensichtlich eine bessere Hand mit dem afrikanischen Elend als wir Europäer. Sie arbeiten an der Beseitigung der Ursachen des Flüchtlingselends, soweit es in der wirtschaftlichen Misere afrikanischer Staaten begründet liegt. Chinesische Firmen mit dickem Finanzpolster investieren in afrikanischen Ländern. Sie bezeugen damit ihren Glauben an die Zukunft des Kontinents. Im Gegenzug erhalten sie vorteilhafte Kontrakte zur Nutzung bzw. Ausbeutung von Rohstoffen, etwa Mineralien und seltenen Erden, wie sie bei der Computerproduktion benötigt werden. So profitieren beide Seiten. Die europäischen Länder hingegen …? Sie geraten zunehmend ins Hintertreffen, verlieren immer stärker den Anschluss an die großen Wirtschaftsräume, befassen sich überwiegend mit der eigenen Misere, den eigenen, obendrein hausgemachten Finanz- und Flüchtlingsproblemen.

Was bieten wir den afrikanischen Ländern, besser: den afrikanischen Menschen an konkreten Zukunftsperpektiven außer „Entwicklungszusammenarbeit“, „Nothilfe“, „Migrationsanreize“ … Bieten wir Europäer den afrikanischen Menschen wirtschaftliche Chancen, Perspektiven, bieten wir echte Zusammenarbeit statt dauerhaft entmündigender Abhängigkeit?

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C’est dans moi que je trouve …

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Aug. 062015
 

Pascal schreibt: „Ce n’est pas dans Montaigne, mais dans moi, que je trouve tout ce que j’y vois.“ Pensées, Ms. p. 431

Pascal! Ist er ein Autor der Vergangenheit? Hat er wirklich früher, genauer: vom 16. Juni 1623 bis zum 19. August 1662 gelebt? Ich zweifle zwar nicht daran. Und doch gibt es für mich – vielleicht mit Ausnahme von Augustinus – kaum einen anderen älteren Autor, bei dem der zeitliche Abstand so gering wirkt, kaum einen europäischen Autor, bei dem das Ich so schnell zuhause ist, kaum einen Schriftsteller, bei dem das Ich sich so wiederfindet … wie eben Blaise Pascal. Die erstaunliche Konstanz und Unveränderlichkeit des Französischen mag einen nicht unwesentlichen Beitrag zu dieser Erfahrung leisten.
Ich würde also beim Lesen seiner Pensées ohne zu zögern sagen:
Ce n’est pas dans Pascal, mais dans moi, que je trouve tout ce que j’y vois.

Quellenangabe:
Pascal: Pensées. Préface et introduction de Léon Brunschicg. Le livre de poche. Librairie Générale Française, 1972, S. 23 [431]

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Eisenach, das Tor zur Thüringer Städtekette

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Aug. 052015
 

Residenzhaus 20150716_111809
Eisenach, 16. Juli 2015. Nach der Ankunft in Eisenach kauften wir gleich einen Radwanderführer zur Thüringer Städtekette, denn allzu leicht lässt man die Perlen seitab des Weges liegen und schaut nicht links noch rechts. Eine sorgenfreie Navigation ist wirklich sinnvoll, wenn man große Ziele vor der Nase hat, denn dann kann man sich ausgiebig dem Betrachten und Genießen von all dem Herrlichen widmen, das einen erwartet.

Unser erster Weg vom Bahnhof Eisenach führte uns gleich zu unserem „Residenzhaus“ für eine Nacht, das in einem alten Gebäude am Marktplatz eingerichtet ist und strategisch sehr günstig als Basislager für die Besteigung des Burgberges liegt (siehe Bild oben). Dort legten wir erst einmal unsere Packtaschen ab und begannen die Erkundung der Stadt.

Der erste Anstieg unserer Radtour führte uns gleich im strahlenden Sonnenschein den Burgberg zur Wartburg hoch. Das dichte Laubgeflecht der herrlichen alten Buchen schirmte uns vor den Sonnenstrahlen ab, aber die Steigung war uns doch zu beschwerlich, als dass wir sie mit Pedalkraft hätten bewältigen können. So schoben wir unsere Räder den größeren Teil des Anstiegs zur Wartburg hoch und parkten sie am Fuße der Burg auf dem Parkplatz vor der Bude mit den Thüringer Bratwürsten.

Thüringer Wald20150716_123410

Dort oben belohnte uns im Hof ein großartiger Rundblick weit in den Thüringer Wald hinein.

Wir kauften uns Eintrittskarten für die nächste Führung, die um 13 Uhr beginnen sollte. Treffpunkt war am Brunnen vor dem Eingang zum Palas der Wartburg. Bis dahin bestiegen wir erst einmal den Südturm und blickten ringsum hinein in die grüne sonnenbeschienene Landschaft.
Auch war Zeit genug, um sich ein paar Grunddaten der Wartburg einzuprägen! Gegründet wurde die Wartburg der Sage nach 1067 vom Grafen Ludwig dem Springer. Die vier wichtigsten Ereignisse, für die diese Anlage als Schauplatz genannt wird, sind:
Der sagenhafte „Sängerkrieg auf der Wartburg“, ein Motiv, das wohl in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aufblühte
Das Leben und Wirken der Elisabeth von Ungarn oder auch Elisabeth von Thüringen (1207 Pressburg (?) – 1231 Marburg), die sich durch tätige Nächstenliebe vor allem in Eisenach und Marburg für Arme, Kranke und Bedrängte einsetzte
Das politische Asyl vor der Verfolgung durch Kaiser und Reich, das Martin Luther 1521/22 hier genoß und das er zur Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Deutsche nutzte
Das erste „Wartburgfest“ deutscher Studenten und einiger Professoren am 18.10.1817, bei dem erstmals die schwarz-rot-goldene Flagge als Zeichen der nationalen Einheit gezeigt wurde.

Löwe20150716_125137

Oben auf dem Palas thronend bewachte uns aufmerksam ein mächtiger steinerner Löwe, das Wappentier der Landgrafen von Thüringen.

Hinweis zum Radwanderführer:
Gabi Weisheit: Der Thüringer Städtekette-Radwanderführer. Von Eisenach nach Altenburg. Verlag grünes Herz, 3. Aufl.. Ilmenau 2012

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Woher kommt der wirtschaftliche Mindererfolg der Eurozone?

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Aug. 042015
 

Ein Blick auf die aussagefähigen Datentabellen im aktuellen Economist (August 1st 2015) bestätigt ein verblüffendes Ergebnis, das schon seit Jahren immer konsistent wieder bestätigt wird:

Die wesentlichen wirtschaftlichen Kennziffern der Eurozone, also der EU-Länder, die den Euro als amtliches Zahlungsmittel eingeführt haben, liegen deutlich hinter vergleichbar großen Wirtschaftsräumen zurück. Die Eurozone schneidet seit Jahren in Sachen Arbeitslosigkeit, BIP und Industrieproduktion schlechter als China und die USA ab. Der Abstand zwischen USA und China einerseits und der Eurozone andererseits weitet sich folglich aus.

Hier die letzten verfügbaren Zahlen:
Arbeitslosigkeit/BIP-Veränderung/Industrieproduktion der USA:
5,3%/+2,9%/+1,4%
Arbeitslosigkeit/BIP-Veränderung/Industrieproduktion Chinas:
4,0%/+7,0%/+6,8
Arbeitslosigkeit/BIP-Veränderung/Industrieproduktion der Eurozone:
11,1%/+1,0%/+1,6%

Noch erstaunlicher, geradezu krass aber finde ich:
Die Nicht-Euro-Länder der EU (etwa Großbritannien und Polen) und die europäischen Nicht-EU-Länder (etwa die Schweiz und Norwegen) schneiden in den genannten drei Kriterien ebenfalls deutlich besser ab als die Eurozone. Der Abstand der Eurozone zu den Nicht-Euro-Ländern und zu den europäischen Nicht-EU-Ländern weitet sich im Laufe der Jahre also ebenfalls zu Ungunsten der Eurozone ebenfalls aus.

Fazit:
Die Eurozone schneidet seit längerem gemessen an Arbeitslosigkeit, BIP-Wachstum und Industrieproduktion signifikant schlechter als China und USA sowie konsistent schlechter als die anderen vergleichbaren europäischen Länder sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU ab. Die Eurozone weist schlechtere wirtschaftspolitische Kennziffern als der Rest Europas auf.

Wie ist dieser schon seit Jahren andauernde relative Mindererfolg der Eurozone gegenüber allen anderen vergleichbaren Wirtschafts- und Währungsräumen zu erklären? Woran liegt es eigentlich? Ist der Euro als solcher eine Wachstums- und Beschäftigungsbremse? Ist der Euro als solcher nachteilig für die Wirtschaft insgesamt? Oder haben die europäischen Länder Schweiz, Norwegen, Polen und Großbritannien schlechterdings fleißigere ArbeiterInnen, schlechterdings klügere Köpfe, schlechterdings bessere PolitikerInnen oder einfach besseres Wetter als wir? Steckt ein Systemfehler hinter dem Euro, oder haben die Politiker etwas falsch gemacht?

Fing uns ein Wahn? Trog uns treuer Glaube an den Euro?

Quelle:
Economic and financial indicators, The Economist, August 1st 2015, Seite 72

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Am Steilufer

 Friedrichshain-Kreuzberg  Kommentare deaktiviert für Am Steilufer
Aug. 032015
 

20150803_101118[1]Liestu ma hier: Judith Luig: „Posse am Landwehrkanal“, Berliner Morgenpost, heute, S. 3: Eine ganze Seite ist dem Kreuzberger Landwehrkanal gewidmet. Hurra, das war ja unser Heimatkanal! 1000 Mal sind wir kopfschüttelnd oder auch nicht kopfschüttelnd schon am abgesperrten Grundstück am Paul-Lincke-Ufer vorbeigefahren. Heute erfahren wir, warum sich dort nichts ändert. Der Kreuzberger Gastwirt Firat Aygül vermutet, der Zaun schütze Menschen, „die hier Dinge machen wollen, die nicht jeder mitbekommen soll“. Der Kreuzberger Anwohner Thorsten Dembsky meint, das Geld für die Sanierung des Landwehrkanals sei „sicher in die Hauptmann-Schule geflossen“.
2 steile Thesen, steiler als das abgesperrte Ufer des Landwehrkanals! Welche von beiden stimmt? Wer weiß es? Wir nicht!

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Juli 312015
 

20150725_121112
Besondere Reiseerlebnisse brachte mir am 25. Juli eine Zugfahrt von Rovereto im Trentiner Etschtal nach Brixen im Südtiroler Eisacktal.

In Rovereto setzte ich mich – da eben noch ein Platz frei war – zu einigen jungen Männern ins Abteil, die mich freundlich begrüßten. „Woher, wohin?“, fragten wir, wie es Reisende tun, wobei wir uns teils des Englischen, teils des Italienischen bedienten. Wir plauderten dies und das. Zwei meiner Reisegefährten kamen aus Eritrea, zwei aus Albanien. Alle waren sie auf dem Weg nach Deutschland, während ich selbst mich in Brixen verabschieden würde. Einer der Albaner fragte mich, wie er von München nach Nürnberg-Zirndorf zu seiner Schwester gelange, und ich versuchte, ihm die passende deutsche Frage, nämlich: „Wie komme ich von hier nach Nürnberg-Zirndorf?“, beizubringen, was er aber ablehnte, da Deutsch furchtbar schwer sei.

„Ihr müsst fei vom ersten Tag an Deutsch lernen!“, sage ich den Migranten dann immer. Aber ich habe meist den Eindruck, damit auf taube Ohren zu stoßen. Umgekehrt erkennen meine geschärften Ohren das Albanische mittlerweile recht zuverlässig, und an das eritreische Tigrinisch werden sie sich auch noch gewöhnen.

„Wir haben keine Dokumente!“, klagten die Eritreer. „Ihr braucht wirklich keine Angst zu haben!“, sagte beruhigend einer der Albaner zu den beiden jungen Migranten aus Eritrea, ehe die Carabinieri bei uns im Abteil zur Passkontrolle vorbeikamen. Er hatte recht: Die italienischen Polizisten, die einerseits von mir als EU-Bürger und von den Albanern die Dokumente verlangten, lassen andererseits in der Tat alle afrikanischen Migranten, die eine Fahrkarte haben, ohne Dokumente und ohne jede Feststellung der Identität nach Deutschland durchreisen. Es genügt zu sagen „from Eritrea“, und die Carabinieri lassen dich ohne Rückfrage durch nach Österreich und Deutschland. Das ist gelebte europäische Solidarität, das ist praktizierte Willkommenskultur auf der Südseite des Brenners!

Ganz anderes das Bild im kaltherzigen Norden. Am 28. Juli nahm ich den EC-Zug von Brixen nach München. Doch vor Rosenheim wurden wir über Lautsprecher aufgefordert, dort in Rosenheim umzusteigen, da der Zug wegen polizeilicher Ermittlungen einen längeren Aufenthalt in Rosenheim einlegen müsse. Kaum hatte ich den Zug verlassen, forderten mich die Schaffner am Bahnsteig auf, wieder einzusteigen. Die Ermittlungen sollten – entgegen der Ankündigung – im fahrenden Zug vorgenommen werden. Allein in dem einen nachfolgenden Zug seien 60 junge afrikanische Migranten. „Aber Ihre italienischen Kollegen lassen die Menschen alle nach Deutschland reisen!“, wandte ich gegenüber einem deutschen Grenzpolizisten ein. „Ja, das sollten wir auch einmal versuchen, einfach die Leute weiterschicken!“, erwiderte nur schwach schmunzelnd der deutsche Bundespolizist.

Was sollen wir einfachen Bürger davon halten? Sollen oder wollen die EU-Länder dem italienischen Beispiel solidarisch folgen und einfach alle ankommenden Migranten – fast immer sind es ja junge Männer – ohne Nachfragen in den nächsten Zug setzen und ins nächste EU-Land weiterschicken?

Diese italienische Solidarität einerseits, diese Hartherzigkeit von uns Deutschen andererseits sprechen sich natürlich herum unter den Migranten. Gelebte Vielfalt in Europa!

Bild: „Vom Wasser haben wirs gelernt!“ Ein Blick auf den tosenden Eisack in Brixen, Aufnahme vom 25.07.2015

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Aufbruch und Befreiung: von Berlin über Torgau nach Eisenach

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Juli 302015
 

Torgau 20150716_081319
Dieses Jahr hatten wir uns die Thüringer Städtekette, einen gut ausgebauten Radfernweg, als Urlaubsroute gewählt. Sehr früh brachen wir am 16. Juli auf. Die Bahn sollte uns beide – meinen Sohn Ivan und mich – mit zweimaligem Umsteigen nach Eisenach bringen.
AUFBRUCH in aller Frühe! Den Schlaf wischen wir schon vor dem Läuten des Weckers aus den Augen. Am Bahnhof Südkreuz sagen wir Berlin für 5 Tage Adieu. Die Stationen ziehen gemächlich vorbei. Wir blinzeln hinaus. Das Wetter ist frisch, sonnig, einladend. In Falkenberg steigen wir um. Der zweite Halt hinter Falkenberg erzählt eine Geschichte: Hier im nordsächsischen Torgau reichten sich am 25. April 1945 sowjetische und US-amerikanische Truppen am Ufer der Elbe die Hände. Es war genau dieses Bild vom Händedruck der Amerikaner und der Russen, von dem für mich als kleines Kind stets die tröstliche Gewissheit ausging, dass der schlimme Krieg und die böse Hitlerzeit vorbei war. Im Grundschulalter wurde also für mich ausgerechnet TORGAU die Stadt des Feiertages, die Stadt der Befreiung! Es gibt wohl nur wenige, denen die Kreisstadt Torgau als die entscheidende Stadt für die Wende zum Besseren im Gedächtnis steht. Ich hatte, vielleicht zufällig, vielleicht unter Anleitung der Eltern, dieses Bild in dem bayerischen Geschichtsbuch „Wir erleben die Geschichte“, das ich als 8-jähriger las, so wahrgenommen.

Bild: ein zufälliger Blick auf Torgau aus dem wartenden Zug heraus. 16. Juli 2015. Im Vordergrund sichtbar: die beiden Fahrräder der Reisenden, hier mit dem deutlich erkennbaren Lenkeraufbau zum Einstecken der äußerst hilfreichen Lenkertasche

Zur Reisevorbereitung und zur Einstimmung hatten wir übrigens folgendes Radtourenbuch genutzt:
Thüringer Städtektte. Die schönsten Städte in Thüringen. Ein original bikeline-Radtourenbuch. Verlag Esterbauer, Rodingersdorf 2012

 Posted by at 19:15