Ginster am Fuß der Akropolis: Von Heisenberg zu Hegel

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März 032015
 

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Eine mit uns korrespondierende Kore übersandte uns gestern einige Bilder aus Athen: herrliche, unvergängliche Stadt, immer von neuem sprießen zu Füßen der Akropolis die Ginsterstauden auf! Eine Ahnung von Unsterblichkeit ergreift uns beim Betrachten dieses Ginsters.
Dieser große Atem der Jahrtausende erlaubt uns einen kühnen Sprung, einen Adler-Schwung zu tun. Wohin treibt unseren Adler auf seinem Flug heute der Frühlingswind?

Er treibt uns von Werner Heisenberg zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel, von Ferraris „Principe“ zu Hegels „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“! Wir erinnern uns: Heisenbergs Bemühen, der letzten, der kleinsten Teilchen der Materie habhaft zu werden, trieb ihn in eine Aporie hinein: die kleinsten Teilchen waren als Teilchen nicht durchgängig vorstellbar, ja sie waren als Teilchen unabhängig von ihrem Ladungszustand nicht einmal mehr messbar. Die Materie wurde damals, also in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, in der Weltgemeinde der Physiker zunehmend „dünner“, oder sogar „leerer“, sie, die Materie wurde im Grunde zu etwas Immateriellem. Die Materie ist – so Heisenbergs Einsicht – im Grunde nur noch als Nicht-Materie zu begreifen.

Hier ergreift Hegel das Wort: … und dieses Begreifen von etwas (zum Beispiel das Begreifen der Materie als Nicht-Materie) ist das Werden des Geistes. Aus diesem In-Eins-Denken des vorderhand einander Ausschließenden erwächst der Begriff des Geistes. So nennt es Hegel.

Sein Begriff des Geistes ist also ein relationaler, ein in Beziehungen sich entfaltender Begriff, so wie Heisenbergs Quantenbegriff ein relationaler, ein in Masse-Ladung-Relationen sich entfaltender Begriff ist. Heisenberg wird nachgerade durch Hegel besser verständlich!

Hegel schreibt beispielsweise unter der ersten Abteilung seiner Philosophie des Geistes in § 389 der Enzyklopädie:

„Die Frage um die Immaterialität der Seele kann nur dann noch ein Interesse haben, wenn die Materie als ein Wahres einerseits und der Geist als ein Ding andererseits vorgestellt wird. Sogar den Physikern ist aber in neueren Zeiten die Materie unter den Händen dünner geworden; sie sind auf imponderable Stoffe als Wärme, Licht usf. gekommen, wozu sie leicht auch Raum und Zeit rechnen könnten. Diese Imponderabilien, welche die der Materie eigentümliche Eigenschaft der Schwere, in gewissem Sinne auch die Fähigkeit, Widerstand zu leisten, verloren, haben jedoch noch sonst ein sinnliches Dasein, ein Außersichsein; der Lebensmaterie aber, die man auch darunter gezählt finden kann, fehlt nicht nur die Schwere, sondern auch jedes andere Dasein, wonach sie sich noch zum Materiellen rechnen ließe.“

Hegels Philosophie lässt sich mit einer unerschöpflichen, lebendigen Akropolis des Denkens vergleichen. Selbst die Erkenntnisse eines Werner Heisenberg, ja selbst noch der erbitterte Einspruch des aus dem schwäbischen Ulm stammenden Albert Einstein gegen Heisenbergs durch und durch relationales Denken der Materie dürfen bezogen werden auf den durch Hegel nachvollzogenen, ja vorvollzogenen Gang der europäischen Philosophie, dürfen eingeschrieben werden in diesen großartigen, in allen Teilen noch heute staunenswerten Versuch, das gesamte damalige und selbst noch das spätere Wissen in ein durch seine allseitige Offenheit beeindruckendes System einzutragen.

Quelle:
G.W.F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Hg. von Friedhelm Nicolin und Otto Pöggeler. 7. Aufl. 1969, erneut durchgesehen 1975, Felix Meiner, Hamburg 1975, hier S. 319
Bild: Athen, am gestrigen Tage

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„Die Kunst immer zu borgen und nie zu bezahlen“

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März 012015
 

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Einen vollkommen ernüchterten und gleichwohl hinreißenden Blick auf das römische Altertum warf der große deutsche Prosaschriftsteller Theodor Mommsen. Von der stillen Bewunderung, dem erhabenen Ah und Oh der Glyptotheken und der früheren Rom-Pilger war er meilenweit entfernt. Mit Blick auf das heutige Problem der überbordenden öffentlichen Verschuldung mag insbesondere folgendes feine, geradezu kupferstichartig ins Papier schraffierte Porträt des allmächtig-ohnmächtigen Diktators C. Julius Caesar (100-44 v. Chr.) eine Vorstellung von Mommsens meisterhaftem deutschem Stil bieten – wir zitieren das Prosa-Kabinettstück aus Bd. 3 der Römischen Geschichte:

„Auch er“, schreibt Mommsen und meint damit Caesar, „hatte von dem Becher des Modelebens den Schaum wie die Hefen gekostet, hatte recitirt und declamirt, auf dem Faulbett Litteratur getrieben und Verse gemacht, Liebeshändel jeder Gattung abgespielt und sich einweihen lassen in alle Rasir-, Frisir- und Manschettenmysterien der damaligen Toilettenweisheit, so wie in die noch weit geheimnißvollere Kunst immer zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame Stahl dieser Natur widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb sowohl die körperliche Frische ungeschwächt wie die Spannkraft des Geistes und des Herzens.“

Man lese sich den Abschnitt ruhig einmal halblaut murmelnd vor! Das klingt und singt! Dieses Deutsch hat Biss, es tanzt, es lächelt, es hat Rhythmus und Stil, es erkennt Größe und Jämmerlichkeit in wenigen Sekunden als Nachbarn an. Man wird erkennen, dass Mommsen hier sein geistvolles Spiel mit historischer Größe treibt; seine wissenschaftliche Prosa ist mehr als nur objektivierende Wiedergabe des Geschehenen, sie ist auch und in einem damit Kunst; hier bekennt sich Geschichtswissenschaft dazu, dass sie niemals gegenständliche Wahrheit ein für allemal wird festhalten können, sondern in der Form der Darstellung, die dem Inhalt keineswegs nur äußerlich ist, eine Art Kupferstich dessen, „was gewesen ist“, oder vielmehr dessen, „wie es gewesen sein könnte“, liefert.

Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 3: Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus. Leipzig 1856, hier S. 428

Bild:
Ein klassisches Fahrrad, abgestellt auf der Großbeerenbrücke, aufgenommen heute um 13 Uhr im Kreuzberger Sprühregen

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Europäisches Gegenglück: der Geist, das Wort, die Schönheit und Wahrheit

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Feb. 252015
 

Wo alles sich durch Macht beweist
Und tauscht das Geld und tauscht die Ringe
Im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
Dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Mon Dieu, c’est tellement beau! Kein anderes Buch hat mir in den letzten Wochen so viel Glück gegeben wie das Buch „Le principe“ von Jerôme Ferrari. Diese behutsame Annäherung, diese erfundene Zwiesprache eines offensichtlich gescheiterten, heute lebenden französischen Physikstudenten an den verstorbenen deutschen Physiker Werner Heisenberg ist der perfekte Gegenentwurf zu dem, was die verehrte Zentralmacht des Geldes nicht leistet, nicht leisten kann: das Verstehen-Wollen, das Anfragen, das An-die-Tür-Klopfen. Das Schreiben, das Hören, das Miteinander-Reden.

Was hat das mit Europa zu tun? Sehr viel! Denn Heisenberg versuchte nichts anderes, als was die Philosophen und Physiker Europas vor ihm seit Jahrtausenden, beginnend von den Zeiten eines Heraklit, Thales oder Platon wieder und wieder versucht hatten: ein einigendes Prinzip, eine leitende Idee, eine erklärende Formel all dessen zu finden, was sich in bunter Vielfalt darbietet.

Im philosophischen Bereich konkurrieren in Europa seit Jahrtausenden eher idealistische mit eher empiristischen Ansätzen.

„Das Wahre ist eins. Und das absolut Eine ist Geist. Die Materie ist für den Geist letztlich erkennbar. Der Geist kommt zu den Dingen selbst. Er trifft wahre Aussagen über Seiendes.“ So der Platon der Politeia, so der Hegel der Enzyklopädie.

„Nein! Das Wahre ist vieles. Und eine absolute Erkennntnis ohne Erkenntnis der mannigfaltigen Bedingtheiten des Erkennens ist unmöglich. Das Wahre ist eine Vielfalt von Einzelerkenntnissen. Das Ding an sich bleibt prinzipiell unerkennbar.“ Mindestens hierin kommen Aristoteles und Kant überein.

Heisenberg wiederum gelangte in Abhebung von Einsteins Relativitätstheorie zur Überzeugung, dass die Materie im subatomaren Bereich, also bei den sogenannten Quanten, dass Ort und Impuls eines Teilchens nicht mehr eindeutig, nicht mehr unabhängig vom Standpunkt des Messenden zu bestimmen seien. Im letzten, im kleinsten Bereich herrsche also ein „Unbestimmtheitsprinzip“, eine „Unschärferelation“, die nicht mehr hintergehbar seien. Das letzte gründende Prinzip der Physik wäre also nicht das Eine – sondern eine Relation zwischen dem Zweierlei aus Impuls und Masse, wobei weder Impuls noch Masse außerhalb dieser Relation existierten.

Etwas Übergreifendes, etwa Zusammenführendes vermochte Heisenberg noch im Erlebnis des Schönen, in der Musik etwa, im Erklingen etwa der Bachschen d-moll-Chaconne für Violine solo, im Anblick des Walchensees zu erkennen. Das Ding an sich, die unverhüllte Wahrheit bliebe unabschließbar, bliebe in der gegebenen langen oder kurzen Zeit unerfindlich.

Man könnte sagen: Lang oder kurz ist die Zeit, es ereignet sich allenfalls das Wahre.

Zu „erkennen“? Nein, das Letzte, den tiefsten Grund – so schildert es mehrfach Ferrari – den konnte er nicht mehr erkennen. Den kann er nur „heraushören“, oder „hineinhören“.

Ich höre jetzt den ungeduldigen Zwischenruf:
„Schluss damit! Einheit oder Vielfalt? Platon oder Aristoteles? Kant oder Hegel? Albert Einstein oder Werner Heisenberg? Wer hat denn nun letztlich recht? Es können doch nicht beide recht haben!“

Wenn man nur lange genug forsche, dann müsse doch auch einmal die wissenschaftliche Wahrheit ein für alle Mal hervortreten, sagt unser Gegenüber. So dachte auch ich als Kind, so denken heute noch viele. Und doch deutet bis heute nichts darauf hin. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass mit jeder neuen Erkenntnis die Unabschließbarkeit des Erkennens sich deutlicher offenbart.

Genau dieses Hin und Her zwischen Alternativen, diese unabgeschlossene Bewegtheit und Beweglichkeit ist es, die so etwas wie Freiheit eröffnet. Wenn es so ist, dass am Grund der Materie keine letzte Bestimmtheit herrscht, dann ist genau diese Unbestimmtheit auch eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Freiheit gedacht werden kann.

Und der bewusste Träger dieser Freiheit ist – was? Oder wer? Die Antwort lautet: Im einen Fall ist es Werner Heisenberg, im anderen Fall ist es Jérôme Ferrari. Oder der Leser Heisenbergs, der Leser Ferraris.

Inbild und Inhaber dieser Freiheit kann sein oder ist überhaupt und jederzeit, so er dies will – der Mensch: das Du, das Ich, das Wir. Alle. Il maggior dono di Dio all’uomo è la libertà.

Ich erlebte das öffentliche Gespräch über Ferraris „Principe“, zu dem die Französische Botschaft in Berlin eingeladen hatte, als rundweg gelungenes europäisches Miteinander über Sprachengrenzen hinweg, als Gegenglück, als lustvolles Eintauchen in den Kern des europäischen Freiheitsdenkens.

Und die Reaktion darauf waren – Tränen. Was ist ist inopportun oder schlimm an solchen Tränen?

Der Dichter sagte doch: Lasst mich weinen. Das ist keine Schande. Weinende Männer sind gut.

Zitat:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, hier bsd. S. 75 sowie S. 3 (handschriftliche Widmung des Autors)

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Dietrofront degli europei, ora sono scettici nei confronti dell’UE

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Feb. 252015
 

Kehrtwende der Europäer, jetzt sind die europäischen Bürger mehrheitlich EU-Skeptiker. Innerhalb weniger Jahre ist der Glaube an die heilbringende, die friedensstiftende Kraft der EU und namentlich der Einheitswährung Euro, welcher die führenden Politiker der EU beseelt, pulverisiert worden. Dies erstaunt, denn nachweislich haben die führenden Massenmedien in allen Ländern der EU stets das Hohelied der EU und des Euro gesungen.

Der Euro ist doch das absolut gesetzte Symbol, das Unterpfand, das quasi-religiös verehrte Sinnbild von Einheit, Größe, Macht, Frieden und Glück, dem insbesondere Europas Christdemokraten (die EVP), Europas Sozialdemokraten und Europas Grüne mit großer Leidenschaft anhängen.
„Ich bin stolz auf den Euro“, „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“, „ich freue mich, dass Europa wenigstens noch den Euro als einigende Klammer hat“, all die Litaneien vermochten die Bevölkerung bisher nicht zu überzeugen, oder vermögen sie nicht mehr zu überzeugen.

In Deutschland allein liegt der Prozentsatz der Bürger, die Vertrauen in die EU haben, noch oberhalb von 50% (53%), während in allen anderen befragten Bevölkerungen das Misstrauen gegenüber der EU größer ist als das Vertrauen in die EU.

So lässt sich das Ergebnis einer repräsentativen Meinungsumfrage des italienischen Instituts Demos e pragma zusammenfassen.

Noch schlechter als die EU insgesamt schneidet der Euro ab. In allen Ländern der Eurozone – übrigens auch in Deutschland – hält nur noch eine Minderheit der befragten Bürger den Euro für sinnvoll oder vorteilhaft. Außerhalb der Eurozone wünscht die befragte Bevölkerung in keinem Land die Einführung des Euro.

Hier bleibt weiterhin sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, damit die Bevölkerung endlich auch einmal das glaubt, was die Regierungen, die führenden Intellektuellen und die allermeisten Medien eins ums andere Mal vorbeten.
Aber – bildet euch selbst eine Meinung. Lest selbst die Ergebnisse, wie sie die italienische Zeitung La Repubblica bietet:

L’euro: solo una minoranza ristretta dei cittadini dei Paesi dove è stato introdotto lo ritiene una scelta vantaggiosa. Circa il 10% in Italia. Poco più in Germania. Il 20% in Spagna e in Francia. Mentre per la maggioranza della popolazione (45-50%) è un „male necessario“. Teme che abbandonarlo sarebbe peggio. Tuttavia, circa un terzo dei cittadini in Italia, se potesse, lascerebbe l’euro. E in Germania, la „guardiana“ (e la padrona) dell’euro, quasi il 37% ha nostalgia del marco. L’euro, peraltro, non suscita alcun desiderio nei Paesi dove non c’è. In Polonia e in GB poco più del 10% della popolazione (intervistata) sarebbe favorevole a introdurlo

via Dietrofront degli italiani, ora sono i più euroscettici – Repubblica.it.

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zu Ferrari, le principe, page 7 und Plutarch, De Pythiae oraculis, stephpage 404e

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Feb. 212015
 

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„Le maître dont l’oracle est à Delphes ne dit rien, ne cache rien – mais il fait signe.“
So zitiert es der 1968 n. Chr. in Paris geborene Schriftsteller Jérôme Ferrari im Anfang seines Buches „Le principe“, das im März 2015 in Paris erscheinen wird. Wir übersetzen aus dem Französischen ins Deutsche: „Der Herr, dem das Orakel in Delphi gehört, sagt nichts, verbirgt nichts – sondern er gibt ein Zeichen.“
Gestern hörten wir der Vorstellung des Buches in der Französischen Botschaft am Pariser Platz zu Berlin zu.
Was ist damit gemeint? Was bedeutet das?
Offenbar zitiert Ferrari hier eine Übersetzung einer Äußerung des etwa 525 v. Chr. geborenen Schriftstellers Heraklit von Ephesos, wie sie in der griechisch verfassten Schrift „De Pythiae oraculis“ des wahrscheinlich 45 n. Chr. in Chaironeia geborenen Schriftstellers Plutarch zitiert wird.

Wir schlagen heute den entsprechenden Abschnitt in Plutarchs Schrift auf, um dem rätselhaften Spruch Heraklits über das delphische Orakel auf die Spur zu kommen, und zitieren aus der im Internet bequem einsehbaren Ausgabe von Bernardakis, die 1891 bei Teubner in Leipzig erschien (Steph. p. 404e):

οἶμαι δὲ σὲ γιγνώσκειν τὸ παρ᾽ Ἡρακλείτῳ 2 λεγόμενον ὡς ‘ὁ ἄναξ, οὗ τὸ μαντεῖόν ἐστι τὸ ἐν Δελφοῖς, οὔτε λέγει οὔτε κρύπτει ἀλλὰ σημαίνει.’ πρόσλαβε δὲ τούτοις εὖ λεγομένοις καὶ νόησον τὸν ἐνταῦθα θεὸν χρώμενον τῇ Πυθίᾳ πρὸς ἀκοήν, καθὼς ἥλιος χρῆται σελήνῃ πρὸς ὄψιν.

Wir übersetzen aus dem Griechischen ins Deutsche! Plutarch schreibt hier in etwa:
Ich glaube, du kennst den bei Heraklit zitierten Ausspruch, dass „der Herrscher, dem das Orakel in Delphi gehört, weder sagt noch verbirgt, sondern bedeutet„. Nimm nun zu diesen treffenden Aussagen hinzu und bedenke, dass der hiesige Gott über die Pythia in Orakeln zum Gehörsinn spricht ebenso wie die Sonne über den Mond zum Sehsinn in Orakeln spricht.

Bild: Tief aus der Erde wächst ein hoch aufragender winterlicher Baum! Darunter ein kleines gelbes Haus. Schöneberg, Aufnahme vom 22.02.2015

Quellenangaben:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, Seite 7
Plutarch, De Pythiae oraculis 404e:
via Plutarch, De Pythiae oraculis, stephpage 404e.

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Fordern die „heiligen Texte“ der „drei monotheistischen Religionen“ in besonderer Weise zur Gewalt auf?

 31. Oktober 1517, Kanon, Mündlichkeit, Schriftlichkeit  Kommentare deaktiviert für Fordern die „heiligen Texte“ der „drei monotheistischen Religionen“ in besonderer Weise zur Gewalt auf?
Feb. 162015
 

Gewalt im Namen Gottes – dieses Thema brennt buchstäblich auf den Nägeln Europas.

„Nun, Kreuzberger, hast du denn deine Wittenberger Thesen an die Schlosskirchentür oder an den Durchgang zur Leukorea geheftet?“ So fragte mich eine Zuhausegebliebene in Berlin, kaum dass ich dem Regionalexpress  von Wittenberg nach Berlin-Südkreuz entstiegen war. Es war der Reformationstag des Jahres 2014.

„Nein“, erwiderte ich. „Die Schlosskirche in Wittenberg ist weiterhin durch einen Bauzaun eingerüstet, und am Durchgang zur Leukorea hatten zahllose Besucherinnen aus aller Welt bereits ihre Thesen angepinnt. Es war kein Platz für weitere schriftliche Thesen mehr vorhanden. So beschränkte ich mich darauf, einige mutige Antithesen zu Jan Assmanns 5 gewagten Thesen über den Zusammenhang von Religion und Gewalt in der mündlichen Aussprache vorzutragen.“

Sind die drei „monotheistischen Religionen“ besonders zur Gewaltausübung geneigt? Man könnte es meinen! Dazu lesen wir heute schwarz auf weiß in der FAZ gedruckt in einem Text aus der Feder von drei Mitgliedern des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster:

„Die heiligen Texte aller drei monotheistischen Religionen enthalten Passagen, die wörtlich genommen die unnachgiebige Vernichtung von Gottesfeinden, Gottesfrevlern, und -lästerern fordern, dies als Befehl Gottes an seine Auserwählten deklarieren und verheißen, dass diesbezüglicher Eifer durch Gott reich belohnt werde.“ 

Was ist über diese und ähnliche Behauptungen zu sagen?

Was haben wir aus Kreuzberger Sicht gegenüber diesen und ähnlichen Behauptungen der Wittenberger Disputanten gesagt?

Prima antithesis Kreuzbergensis contra professores
Der Begriff des „heiligen Textes“ ist mindestens für das Christentum in hohem Maße irreführend.

In der Nachfolge Jesu Christi gibt es strenggenommen keinen unantastbaren, unveränderlichen, heiligen Text und kein heiliges Buch. Zwar gibt es – oder gibt er, nämlich Jesus Christus – das gesprochene oder gesungene Wort Gottes. Es gibt in der Gemeinde Jesu Christi kanonische Schriften – namentlich die Bücher des Alten und des Neuen Testaments. Aber es gibt – oder Jesus gibt – keinen heiligen, unveränderlichen, maßgeblichen Text. Kein einziges Wort, kein Eigengut Jesu Christi ist im aramäischen Original erhalten.

Es gibt – oder Jesus Christus gibt – nur noch fundamental auslegungsbedürftige, grundsätzlich übersetzungsbedürftige, zu verdolmetschende, wandelbare und verwandelnde Worte. Die Bibel der Christen, der Gott Jesu ist kein feste Burg!

In einem lateinisch verfassten Brief schreibt der Bibelübersetzer Martin Luther an den Bibelübersetzer Johannes Lange aus der Burg Eisenach nach Erfurt am 18. Dezember 1521: Möge doch ein jede Burgfeste ihren eigen Dolmetscher haben, damit dies Buch in Sprach, Hand, Aug und Ohr jedes Menschen wandle und ihn verwandle.

Belege:

Gerd Althoff, Thomas Bauer, Perry Schmidt-Leukel: Wie auch Christen und Buddhisten metzeln. Das Gewaltpotenzial von Religionen steht nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen im Zentrum der Aufmerksamkeit und prägt die Wahrnehmung des Islams. Aber die anderen Weltreligionen stehen nicht zurück. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Februar 2015, S. 12

Jan Assmann: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag, München 2003.

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Entschlafen. Über dem Tode. Hinübergehen

 Berchtesgaden, Familie, Gerda, Mutterschaft, Person, Tod  Kommentare deaktiviert für Entschlafen. Über dem Tode. Hinübergehen
Feb. 112015
 

 

Schlaf ist ein kurzer Tod, Tod ist ein langer Schlaf. Am vergangenen Sonntag um 10.00 Uhr  ist unsere Mutter, Großmutter, Verwandte, Freundin, Weggefährtin Gerda nach langer Krankheit in völliger Ruhe und Gelassenheit im Schlaf hinübergegangen, hinübergeglitten in seine Hände.

Das letzte Geleit und Abschied:
Freitag, 13. Februar 2015, 09.00 Uhr
Requiem für Gerda Hampel, geb. Seiberl (28.07.1927 Berchtesgaden – 08.02.2015 Berlin-Kreuzberg)
Pfarrkirche Heilig Geist
Grüntenstr. 19
H
ochzoll-Nord
86163 Augsburg

 

Anschließend ab 10.20 Uhr:
Beerdigung auf dem Neuen Ostfriedhof
Zugspitzstr. 104
Hochzoll-Nord
86163 Augsburg

Nacht ruht in jeder Blume und schwarz ist geworden
der Mohn, kein Zittern, kein Lächeln mehr ist, und der Kuß
geendet: wie flügelt die Seele dann,
o wie schwebt sie, die unsre in eins gefaltete ruhelose,
über dem Tode.

Verse von Georg von der Vring

Quelle:
Erna Woll: Wo die Seele flügelbebend sich öffnet. Lieder für mittlere Singstimme und Tasteninstrument. Verlag P.J. Tonger, Rodenkirchen/Rhein 1971, S. 6-7

 

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„Bruch“, „Beugung“ oder „schleichende Umformung“ des bestehenden Rechts?

 Erosion des Staates, Europäische Union, Faschismus, Italienisches, Mussolini, Rechtsordnung, Trasformismo europeo  Kommentare deaktiviert für „Bruch“, „Beugung“ oder „schleichende Umformung“ des bestehenden Rechts?
Feb. 042015
 

Einen schwer übersetzbaren Begriff möchten wir in die EU-Debatte einführen, den des „trasformismo“. Wie vieles andere Bedeutende stammt er aus Italien. Trasformismo meinte in der jungen italienischen  Monarchie, dem neuen Nationalstaat Italiens im 19. Jahrhundert das Abschleifen der Gegensätze zwischen Links und Rechts, zwischen Einerseits und Andererseits, zwischen Regierung und  Opposition.  Trasformismo bedeutet das nachholende Einverständnis der Bürger zu einem Konstrukt, das die Bürger „eigentlich“ nicht haben wollten. Der italienische Trasformismo ist im Grunde das Vorbild für die „Alternativlosigkeit“ der Großen Koalition in der Bundesrepublik Deutschland.

Nach und nach schleift sich alles ab, durch Geschenke, Versprechungen und durch Machtverheißung wird der anfängliche Widerstand gegen ein von oben herab verfügtes, in der Breite nicht bejahtes Rechtskonstrukt gebrochen. So festigten unterschiedliche Politiker wie Agostino de Pretis, Giovanni Giolitti und Benito Mussolini ihre Herrschaft, so gelang es ihnen, weit über eigene Parteigrenzen hinaus Zustimmung zu sichern. Die langjährige Herrschaft des Faschismus in Italien lässt sich ohne diesen habituellen Trasformismo nicht erklären! Dass selbst führende Politiker der späteren Kommunistischen Partei Italiens als junge Erwachsene während des Ventennio überzeugte Faschisten und aktive Mitglieder in faschistischen Organisationen waren, geht auf das Konto dieses schleichenden Wandlungsprozesses.

Eine winzige Facette zum augenfälligen Trasformismo der Europäischen Union steuert heute unter dem Titel „Bruch der Rechtstradition“  in der FAZ auf S. 16 Uwe H. Schneider bei, der Direktor des Instituts für Kreditrecht der Universität Mainz: „Am Kapitalmarkt sollen nur noch EU-Gesetze gelten“, und zwar werde nach dem Willen der EU-Kommission der Wortlaut der EU-Gesetze in allen Amtssprachen gleichermaßen gelten.

Es entsteht so eine „legislative Schnitzeljagd“, bei der die Richter ohne gute Kenntnisse der 24 Amtssprachen kaum Recht sprechen können, denn spezifisch deutsche Rechtsinstitute wie die berühmte „Gewährträgerhaftung der Gebietskörperschaften“, die „Tarifautonomie der Sozialpartner“, die „Weisungsungebundenheit der Zentralbank“ werden vor dem EU-Recht langfristig keinen Bestand haben können; irgendeine Fassung in einer der 24 Amtssprachen wird sich schon finden, um die Besonderheiten der nationalen Gesetzgebung auszuhebeln. Zug um Zug, Schritt um Schritt wird also die Rechtsordnung der Mitgliedsstaaten überformt bzw. „transformiert“, und zwar keineswegs nur in Randbereichen wie etwa dem Glühlampenrecht, sondern im Kernbestand der Marktordnung. Wer soll da noch den Überblick behalten?

Wer weiß, vielleicht einigt man sich entnervt irgendwann – dem Rat des Bundespräsidenten Gauck folgend – auf eine einzige Amtssprache (Englisch) und schafft die Besonderheiten der Rechtskulturen  der Mitgliedsstaaten komplett ab? Dies wäre nach der Gesellenprüfung der Einheitswährung das Meisterstück des Trasformismo europeo!

 

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Historische Tiefenprägungen: Griechenland als Teil des europäischen Ostens

 Der Westen, Europas Lungenflügel, Griechisches, Platon  Kommentare deaktiviert für Historische Tiefenprägungen: Griechenland als Teil des europäischen Ostens
Jan. 282015
 

Bezeichnend für den europäischen Osten, wie er sich etwa ab dem 8. Jahrhundert deutlicher und deutlicher vom Westen absetzt, ist das klare Bekenntnis der weltlichen Obrigkeit zu einer geistlich-kulturellen Obrigkeit. Als Beleg dafür mag gelten, dass der neue griechische Ministerpräsident Tsipras noch vor der Vereidigung seine Loyalität gegenüber dem Patriarchen der griechisch-orthodoxen Kirche bezeugt hat.  Der Osten pflegt seit mehr als 1000 Jahren – im Gegensatz zum europäischen Westen – bis zum heutigen Tage die Einheit von Thron und Altar, und zwar sowohl in den weiterhin christlichen Ländern, die eine echte Staatskirche, eine Staatsreligion haben, wie auch in der Türkei, dem mittlerweile komplett islamisierten Mutterland des Christentums, in dem das junge Bekenntnis nominell  im ersten Jahrhundert die erste Christengemeinde gründete. Auch die Türkei hat – wie Griechenland – bekanntlich eine Staatsreligion, den an allen staatlichen Schulen für alle Schüler  als Pflichtfach gelehrten sunnitischen Islam.  Griechenland hat – ebenso wie Russland wieder – eine Staatsreligion: die griechisch-orthodoxe bzw. russisch-orthodoxe Kirche.

Völlig konsequent ist es auch, dass Griechenland den engeren politisch-ökonomischen Schulterschluss mit dem orthodoxen Bruderland, mit Russland, sucht und findet.

Es ist ein Jammer, dass die EU sich eigentlich derzeit nur noch um das Geld dreht. Am Gelde hängt doch alles, zum Gelde drängt doch alles. Jammerschade, denn die EU böte eigentlich ein Dach, um die seit 1054 n. Chr. bestehende Spaltung in Westen und Osten durch die zeitüberdauernden echten Werte, die Werte der Demokratie, der Freiheit, durch den Dialog der der drei abramitischen Religionen im Geist der Solidarität zu überwinden.

Aber im Zeichen des Euro, unter dem Bann der philargyria (der schrankenlosen Liebe zum Geld, wie dies der griechischsprachige Apostel Paulus aus Tarsos nannte), befestigt sich die historische Tiefenspaltung Europas derzeit. Die europäische metanoia ist ausgeblieben.

Unerlässlich ist jetzt die Rückbesinnung, die Metanoia, auf die gemeinsamen – in griechischer Sprache verfassten – Grundpfeiler und Grundtexte Europas (die Philosophen Plato und Aristoteles, namentlich die Apologie des Sokrates, die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, also die Septuaginta, und das griechisch verfasste Neue Testament).

Die gegenwärtige EU-Politik hingegen mit der absoluten, pseudoreligiösen Anbetung des Geldes schadet der Einheit Europas in höchstem Maße, weil ihr jeder geistige und kulturelle Kompass fehlt. Es fehlt die Verankerung im griechischen Mutterboden. Es ist ein Offenbarungseid der Extraklasse.

Η εικόνα του ηγέτη του ΣΥΡΙΖΑ Αλέξης Τσίπρας απελευθερώνοντας ένα περιστέρι έχει γίνει με τον οικονομολόγο.

Σε μια κάπως ειρωνικό άρθρο με τίτλο «φτερά του», το βρετανικό περιοδικό αναφέρει ότι το στιγμιότυπο θα κάνει εκλογική τύχη του τίποτα, αλλά καλό.

 

via Economist: Ο Αλέξης Τσίπρας, ο Θεοφανείων και το περιστέρι … | Ορθόδοξοι περιοδικό Ορθόδοξη Περιοδικό.

 Posted by at 19:08
Jan. 272015
 

Ein heute vor allem in Deutschland komplett vergeßner morgenländischer Dichter deutscher Sprache – sein Name sei hier unerwähnt – schenkte uns beim Auspacken von Umzugs-Bücherkisten folgende Botschaft:

Laßt mich weinen! umschränkt von Nacht,
In unendlicher Wüste,
Kameele ruhn, die Treiber desgleichen,
Rechnend still wacht der Armenier ;
Ich aber neben ihm berechne die Meilen,
Die mich von Suleika trennen, wiederhole
Die wegverlängernden ärgerlichen Krümmungen.

Lasst mich weinen! das ist keine Schande.
Weinende Männer sind gut.
Weinte doch Achill um seine Briseis;
Xerxes beweinte das unerschlagene Heer,
Über den selbstgemordeten Liebling
Alexander weinte.

Lasst mich weinen !  Tränen beleben den Staub.
Schon grunelts.

Quelle:
Lyrik des Abendlands. Gemeinsam mit Hans Hennecke, Curt Hohoff und Karl Vossler ausgewählt von Georg Britting. Carl Hanser Verlag, München 1963, S. 356

 Posted by at 14:59

Ist’s Abendland, ist’s Morgenland?

 Der Westen, Europas Lungenflügel, Verfassungsrecht, Was ist europäisch?  Kommentare deaktiviert für Ist’s Abendland, ist’s Morgenland?
Jan. 272015
 

Was meint eigentlich der vielstrapazierte Begriff  „Abendland“, der „Westen“, the „West“, „l’Occident“?

In alten Holzschnitten und Landkarten steht oft „Abend“ gleichbedeutend mit Westen, „Morgen“ mit Osten,“ Mittag“ mit Süden, „Mitternacht“ mit Norden.

Ich schlage vor, die Wörter Abendland, Okzident und Westen für die Zwecke dieser Betrachtung weitgehend synonym zu verwenden – zumal in den „westlichen“ Sprachen Englisch, Französisch und Italienisch ohnehin keine Scheidung der beiden Begriffe „Westen“ und „Abendland“ möglich ist.

„Der lange Weg nach Westen“, so fasst Heinrich August Winkler seine magistrale zweibändige Gesamtschau der deutschen Geschichte von 1806 bis 1990 zusammen. Der „Westen“, die „westliche Wertegemeinschaft“ steht bei H. A. Winkler und bei unzähligen anderen, meinungsprägenden Gelehrten, Intellektuellen und Politikern für „Rechtsstaat, Verfassungsstaat, Bundesstaat, Sozialstaat, allgemeines Wahlrecht und Parlamentskultur“ (Bd. I., S.2). Aufklärung, Sittlichkeit, Rechtsstaat, Demokratie kommen von „Westen“ her nach Deutschland, das gewissermaßen hin- und herschwankend zwischen dem fortschrittlichen, aufgeklärten Westen (dem Abendland) und dem rückständigen, autoritären, autokratischen Osten mühsam und unter unsäglichen Opfern seinen Weg gefunden habe.

Erst mit der deutschen Wiedervereinigung von 1990 habe Deutschland unverrückbar seinen Platz im Westen, im „Abendland“ also erhalten. Winkler schreibt: „Deutschlands Weg nach Westen war lang und auf weiten Strecken ein Sonderweg“ (Bd. II. S. 657). Wir dürfen das so verstehen, dass der Begriff des deutschen Sonderweges endgültig widerlegt sei: er sei gewissermaßen in sich erloschen.

Hochschätzung des europäischen Westens, Herabsetzung bzw. Unkenntnis des europäischen und asiatischen Ostens, das ist in der Tat eine fundamentale Grundkonstante unter den tonangebenden Intellektuellen der Bundesrepublik Deutschland. Das deutsche Vernichtungslager Auschwitz, dessen Befreiung durch die östlich-sowjetische Armee wir heute mit Tränen gedenken, wird so mitunter als Absage an die „westliche“, die „europäische“ Wertegemeinschaft gedeutet, als Verleugnung all dessen, was die „westliche Wertegemeinschaft“ ausmache, ja sogar als „asiatische Tat“ (Ernst Nolte). Ein absoluter Tiefpunkt! Darauf möchte man erwidern: Laßt uns weinen, umschränkt von Nacht; den Westen für gut und friedfertig zu halten, den Osten für gewaltgeneigt und rückständig – das ist eine allzu einfache, allzu holzschnittartige Darstellung. Könnte sie auch falsch sein?

Wie kam es aber zu diesem Spaltungsbewusstsein, zu dieser Dichotomie von Morgenland und Abendland, von Ost und West?

Eine entscheidende symbolische Wegmarke der Trennung Europas in „Abendland“ und „Morgenland“, in Westen und Osten, ist zweifellos das Morgenländische Schisma vom 16. Juli 1054: Papst Leo IX. lässt die Bannbulle auf dem Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel niederlegen, daraufhin beruft Patriarch Michael Kerullarios eine Synode ein und erklärt dem Papst seinerseits den Kirchenbann. Ostkirche und Westkirche hatten damit einander für ungültig, für minderwertig erklärt.

Seither herrscht eine scharfe, aber bis zum heutigen Tag wirksame Scheidelinie zwischen Ost und West in Europa. Der Westen, das Abendland, ist lateinisch geprägt, er übersetzt die Bibel aus dem Lateinischen in die Volkssprachen, der Osten ist griechisch-slawisch und zunehmend arabisch-türkisch geprägt, er übersetzt die Bibel aus dem Griechischen in die Volkssprachen.

Ein großer Teil des christlichen Morgenlandes wird in der unmittelbaren Folge des Morgenländischen Schismas islamisch erobert. In weiten Teilen des Ostens  gilt der Koran als Wort Gottes. Der seldschukische Sieg von Mantzikert/Malazgirt im Jahr 1071 und die Eroberung Konstantinopels durch Mehmed den Eroberer im Jahr 1453 schaffen die Grundlage für das, was man früher gern als islamisch geprägtes „Morgenland“ bezeichnete.

Aus der europäischen, der weltgeschichtlichen Gesamtschau gehören  – so meine ich entgegen der Geschichtskonstruktion H.A. Winklers – die deutschen Territorien in politischer wie auch kultureller Hinsicht seit Otto I. stets unverrückbar zum europäischen Westen; zwischen Westen und Osten hin und her schwanken, einen west-östlichen Sonderweg beschreiten insbesondere die östlich von Deutschland gelegenen Gebiete, namentlich die Polnisch-Litauische Union unter den Jagiellonen und die Gebiete der heutigen Ukraine.

Die in der historischen Tiefenprägung wirksame Spaltung Europas in Osten und Westen wird auch heute noch bis in die tagespolitischen Verwerfungen hinein verhandelt, meist nur mit Worten und mit Schweigen; oft dreht sich der Streit um Schuld und Schulden;  aber leider wird derzeit auch mit Waffen gefochten.

Lese-Empfehlungen und Belege:
Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933. München 2000 [Bd. I], hier vor allem S. 1-13; Der lange Weg nach Westen II. Deutsche Geschichte 1933-1990.München 2000 [Bd. II], hier vor allem S. 640-657
Der große Ploetz. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte. 35., völlig neu bearbeitete Auflage, Freiburg im Breisgau 2008, hier vor allem S. 609-619, S. 644

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Von der Wichtigkeit des „Teufels vom Dienst“ in einer Gesellschaft ohne Gottesbezug

 Angst, Das Böse, Der Westen, Islam, Populismus, Verdummungen  Kommentare deaktiviert für Von der Wichtigkeit des „Teufels vom Dienst“ in einer Gesellschaft ohne Gottesbezug
Jan. 212015
 

Aus dem Kopfschütteln komme ich nicht mehr heraus, wenn ich das Tollhaus betrachte, das mittlerweile in der deutschen Politik, in den deutschen Feuilletons ausgebrochen ist. Meine Gespräche mit afrikanischen Zuwanderern und Flüchtlingen aus den teilweise noch multireligiösen Staaten Westafrikas, meine Gespräche mit Muslimen in Kreuzberg und anderen Berliner Bezirken zeigen eine massive Bedrohungslage auf. Die westlichen, die „abendländischen“ Moslems fühlen sich durch die Islamisten bedroht. Sie sind durch die machtvolle Islamisierung  stärker bedroht als die Nicht-Muslime!

Wie das denn? Wieso fliehen so viele Muslime und Christen und Nichtglaubende aus den Staaten des vorderasiatischen und asatischen Ostens, aus den Staaten Nordafrikas und Westafrikas zu uns? Wieso fliehen so viele Juden aus Frankreich, das doch eigentlich ein Teil des „Abendlandes“ ist, nach Israel? Sie alle – Juden, Christen, Muslime, Religionslose – fliehen vor einer beispiellosen Welle der Gewalt, vor einem expansiven, raumgreifenden islamistischen Terror.

Gefürchtet wird vor allem von den säkularen und aufgeklärten Muslimen (den „Ramadan-Muslimen“, wie sie SPD-nahe Türken gern nennen), von den säkularen und aufgeklärten Türken die schleichende oder auch bedrohlich-massive Re-Islamisierung der Muslime, die schleichende oder auch bedrohlich-massive Re-Nationalisierung, die Re-Türkisierung der Türken. „Muslime! Ihr seid doch alle Muslime! Lasst euch nicht durch die Gottlosen verderben!“ So lautet die Melodie heute.

Das Gespenst der neo-fundamentalistischen Islamisierung der Moslems geht um in Westeuropa!

Die abendländischen Muslime der Mehrheit wollen aber nicht in einen Topf mit den Islamisten geworfen werden.

Und doch geschieht genau das. Bei jedem Protest gegen das zunehmend massive Auftreten der teils gewaltfreien und der teils gewaltbereiten Islamisten im europäischen Westen tun sich namhafte deutsche Politiker als Pro-Islam-Aktivisten hervor. Sie tun so, als stellte nicht der Islamismus, sondern ausgerechnet der Protest gegen das massive Vordringen des Islamismus eine Gefahr dar. Und dass der Islamismus massiv vordringt, werden auch die gutwilligsten deutschen Politiker hoffentlich nicht mehr leugnen.

„A bas la France – A bas Charlie Hebdo!“.  Unter diesen und schlimmeren Parolen wird in Niger, in Pakistan, in den Kaukasus-Republiken, im Iran der Hass auf Frankreich, der Hass auf den europäischen Westen (das sogenannte Abendland) geschürt (siehe etwa Le Figaro, 19. Januar 2015, Seite 7). Was tun die deutschen Spitzenpolitiker angesichts der anti-westlichen Massenproteste der aufgehetzten Massen in den islamischen Staaten? Sie schließen fest die Reihen gegen die Islamisierungswarner!

Der „Westen“, das ist das „Abendland“, „the West“, „l’Occident“. Und der heutige europäische „Westen“, das sogenannte „Abendland“ hat sich ganz entscheidend herausgebildet in der Zurückweisung jedes Absolutheitsanspruches, wie ihn etwa die römischen Kaiser, später der oströmische christliche Kaiser erhoben oder die verschiedensten muslimischen Machthaber erhoben und erheben.

Den deutschen Politikern, die sich zur Sache äußern, muss ich zugute halten, dass sie es ja eigentlich gut meinen. Aber sie haben offensichtlich keinen direkten Kontakt zu den Millionen und Abermillionen unpolitischen Muslimen, zu den Menschen von der Straße. Alle Botschaften, die auf die Funktionäre und Spitzenpolitiker treffen, sind vielfach interessengeleitet, sind gesteuert, bezwecken etwas.

Und dadurch, dass Pegida verteufelt wird, dadurch, dass man „Hass“ und „Herzenskälte“ hinter den Ängsten der Pegida-Unterstützer vermutet, stellt man sie per kardiologischer Fern-Diagnose in die Ecke des Teufels.  Man sieht: Auch wenn eine Gesellschaft als ganzes den Gottesbezug verloren hat, braucht sie doch den Teufel, den personifizierten Feind, geradezu lebensnotwendig.

In den Berliner Grundschulen, in den Berliner Sozialämtern, in den Ausländerbehörden wird allerdings ganz anders gedacht als es in den Verlautbarungen der Spitzen aus Gesellschaft und Staat durchklingt.

Der aus Ägypten stammende Deutsche Hamed Abdel-Samad schrieb gestern auf Facebook dazu:

„Frau Fahimi von der SPD lehnt einen Dialog mit Pegida ab. Wie steht sie denn zu jungen Muslimen, die die Demokratie ablehnen und die Salafisten nicht nur toll finden, sondern auch den Dschihad in Syrien? Sie würde sagen, wir müssen um die Herzen dieser Menschen kämpfen, denn sie sind marginalisiert und entwurzelt; wir müssen sie nicht ausschließen, sonst sind sie den Islamisten ausgeliefert! Sie würde sagen: unsere Jungs werden radikalisiert und wir müssen etwas dagegen tun. Sie würde sagen: versöhnen statt spalten!
Hat die SPD es abgelehnt, mit der Hamas Dialog zu führen? Nein. Mit den Muslimbrüdern? Nein. Oder mit dem Iran? Nein. Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Niels Annen hat sogar mit Ali Akbar Velayati im Iran vor wenigen Wochen Dialog geführt: Velayati ist übrigens der Drahtzieher des Mykonos-Mordanschlags gegen kurdisch-iranische Oppositionelle in Berlin im Jahre 1992
Was ist los mit der SPD?“

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Die Angst der Muslime vor der Zwangsunterwerfung und der Re-Islamisierung

 1917, Angst, Flüchtlinge, Islam, Migration  Kommentare deaktiviert für Die Angst der Muslime vor der Zwangsunterwerfung und der Re-Islamisierung
Jan. 212015
 

Ball grotesk – so muss man das wohl sehen, was derzeit in den deutschen Feuilletons und Kommentarspalten abgeht.

Libanon, Syrien und die Länder Westafrikas wie etwa Mali, Niger, Côte d’Ivoire, Nigeria, ja selbst Indien sind derzeit noch multikulturelle, derzeit noch multireligiöse Staaten im Afrika südlich der Sahara, im Nahen Osten (also im „Morgenland“)  und in Asien. Sie zittern  vor den erbarmungslosen Unterwerfungsfeldzügen des „Islamischen Staates“, „Boko Haram“ und anderer Milizen.

Zugleich finden sich hier in wenigen deutschen Städten Protestierende zusammen, die vor einer angeblich drohenden, schleichenden angeblichen partiellen „Islamisierung des Abendlandes“, einer „Landnahme“  warnen, wie dies vor Jahren bereits die Zeitung taz gemacht hatte, die Zeitschrift DER SPIEGEL in ihrer Titelgeschichte (Nr. 13/2007) gemacht hatte,  – und diese „Islamisierungskritiker“ (der SPIEGEL, die Pegida, die taz … und die ganze Mischpocha)  werden flugs als „islamfeindlich“ etikettiert.

Ihnen, diesen „Islamisierungs-Warnern“ von taz, Pegida und SPIEGEL und der ganzen Mischpocha stellt sich eine dicht geschlossene Phalanx der selbsternannten Anständigen in verschiedenen Pro-Bewegungen entgegen: bedingungslos Pro-Zuwanderung, bedingungslos Pro-„Weltöffnung“ (auch gegenüber allen Tschetschenen, auch gegenüber allen Serben, auch gegenüber allen Tunesiern), bedingungslos Pro-„Weltoffenheit“, bedingungslos Pro-Immigration. Augen zu – und durch – und immer fest Draufschlagen auf die Unanständigen, auf die „Islamfeinde“, so scheint das Motto zu lauten.

Ich finde, hier tut mehr Differenzierung not.

Das Hauptargument der Pro-Islam-Contra-Pegida-Bewegungungen lautet, es gebe keinerlei Gefahr einer „Islamisierung des Westens“, da rein statistisch die fundamentalistischen Islamisten innerhalb der Gesellschaft und auch innerhalb der Muslime eine Minderheit darstellten. Es gebe keinerlei Aussicht einer flächendeckenden oder begrenzten Islamisierung des „Abendlandes“. Manche schaut tief als gelernte Kardiologin hinein in die Herzen der Mitmenschen, entdeckt „Hass und Kälte“ im Herzen der Islamisierungskritiker, mancher entdeckt, wie warm und liebevoll sein Herz doch für die Muslime schlägt, von denen er freilich meist – wenn der Augenschein nicht trügt – im Alltag keine kennt.

Aus Kreuzberger Sicht stellt sich der Frontverlauf übrigens ganz anders dar als eben skizziert. Das riesige Privileg von uns Kreuzbergern in einigen Wohnvierteln wie dem meinen ist ja, dass wir bereits inmitten einer mehrheitlich durch weitgehend islamisch geprägte Zuwanderung geprägten Wohn-Umgebung siedeln.

Wie schätzen nun die hier in Deutschland ansässigen Muslime und Nichtmuslime, die aus den Staaten des Nahen Ostens und Afrikas zu uns kamen, die Lage ein? Sehen sie die Gefahr einer schleichenden Re-Islamisierung, einer expansiven „Landnahme“ oder Re-Islamisierung oder Neu-Islamisierung der aufgeklärten, der ehemals zum Teil multikulturell geprägten Länder des europäischen Westens, der westlich-säkularen und multikulturellen Staaten wie etwa Syriens oder Libanons?

Die Antwort darauf lautet: ja. Ganz offensichtlich ist dies so. Sie haben Angst.

Und das Argument der geringen Zahl? Gilt nicht. Gewaltsame, revolutionäre Bewegungen haben sich stets aus einer Minderheitenposition durchgesetzt.

Die russischen Bolschewiki etwa waren zunächst einmal eine Minderheit – sowohl in der Bevölkerung wie auch nicht zuletzt in der russischen SDAPR  selbst. Dann schlugen sie zu, als die Stunde günstig war; sie zertraten und vernichteten aus einer absoluten Minderheitenposition heraus ihre Feinde im Innern des eigenen Staates.

Und bis 1989 beherrschten sie, die Bolschewiki und ihre Nachfolger, dann die Hälfte Europas einschließlich Prags, Warschaus, Brodys, Czernowitz‘  und Budapests. Dann erst, in den Jahren 1989/1990 fiel der eiserne Vorhang.

Genaueres Hinsehen tut not. Ein Blick in die Seiten des für Flüchtlinge und Migration zuständigen Bundesamtes der letzten Jahre lehrt: Tschetschenien, Serbien, Tunesien waren je nach Jahr und je nach Bundesland mit die wichtigsten Herkunftsländer für Asylbewerber, obwohl diese Länder nachweislich damals bereits befriedet waren. Immer nur draufschlagen auf Kritiker und Warner wie SPIEGEL, Pegida und taz, und alle Türen für alle zuwandernden jungen Männer aus allen Ländern öffnen, wie dies nachweislich in den letzten Jahren geschah, kann nicht die Lösung für die Probleme von Tschetschenien, Serbien und Tunesien sein.

Wer aber in Not ist, soll unsere Hilfe bekommen. Er hat Anspruch darauf.

 Posted by at 09:28