Die täppischen Tanzbären in Friedrichshain-Kreuzberg, oder: wider den Missbrauch des Flüchtlings-Begriffs

 Erosion des Staates, Flüchtlinge, Geld, Gerhart-Hauptmann-Schule, Migration, Staatlichkeit  Kommentare deaktiviert für Die täppischen Tanzbären in Friedrichshain-Kreuzberg, oder: wider den Missbrauch des Flüchtlings-Begriffs
Sep. 252014
 

Lest den Berliner Tagesspiegel heute, S. 14, und dann dürft ihr laut auflachen: 45 ganz normale Menschen (fälschlich „Flüchtlinge“ genannt), laut „Tagesspiegel“ zugewandert ins autonome Gebiet Kreuzberg ohne Ausnahme aus sicheren Drittstaaten wie etwa Bayern, Rumänien, Italien, Thüringen führen das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und den Berliner Senat an der Pfeife spazieren wie täppische Tanzbären. Es sind gar keine Flüchtlinge, sondern Protestreisende, die sich gern in der Zeitung wiederfinden und gern die Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Sie beschäftigen Wachschutz, BVV, Polizei, Berliner Senat, und und und – Artikelschreiber, den hier schreibenden Blogger, Zeitungen zuhauf. Allein der Wachschutz kostet 160.000 Euro im Monat. Der Polizeieinsatz mit Kräften aus andern Bundesländern (etwa Thüringen) an der Kreuzberger ehem. Grundschule kostete 5 Millionen Euro.

Und die Politik? Ja mei … düster sieht’s da aus! Innensenator Henkel (CDU) hat sich durch sein nichteingelöstes Januar-Ultimatum vom Oranienplatz ins politische Abseits manövriert und tut jetzt – nichts oder fast nichts, Bürgermeister Wowereit (SPD) nimmt’s lächelnd hin wie immer und freut sich auf den wohlverdienten Rücktritt, Bürgermeisterin Herrmann (Grüne) schiebt den schwarzen Peter weiter an die Schwarzen  und tut – fast nichts. Und den Menschen in echter Not, den mindestens 450.000  Flüchtlingen in Syrien, Irak, Türkei wird damit nicht geholfen, im Gegenteil.

Der Begriff Flüchtling oder auch Refugee wird in Friedrichshain-Kreuzberg systematisch entwertet und missbraucht. Ich meine: Diese sogenannten „Flüchtlinge“ oder „Refugees“ sollen nicht den Wachschutz beschäftigen, sie sollen schleunigst dahin zurück, wo sie herkommen, also etwa nach Bayern, Rumänien, Italien und Thüringen. Der Berliner Senat und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, also Berlins SPD, Berlins CDU und Friedrichshain-Kreuzbergs Grüne sollten sich eines Besseren besinnen und zum Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit zurückkehren. Der Rechtsstaat verhandelt nicht mit Rechtsbrechern, verhandelt nie mit Rechtsbrechern darüber, ob seine Gesetze einzuhalten sind oder nicht. Wenn der Rechtsstaat mit Rechtsbrechern über die Gültigkeit seiner Gesetze zu verhandeln anfängt oder etwa ultimativ sagt: „Ab kommendem 15. Januar gelten die Gesetze“, höhlt er er sich selbst aus.  

Einsicht in das, was ist, wäre der erste Schritt zurück zur Rechtsstaatlichkeit.  Berlins SPD, Kreuzbergs Grüne und Berlins CDU müssen diesen Schritt nun tun.

 Dann sollte man echte Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen anfangen, also einem Dach über dem Kopf, Decken, medizinischer Versorgung, Schulbildung für Kinder.

Und: Kreuzbergs DACHDECKER und GERÜSTBAUER suchen händeringend Auszubildende! Das haben mir einige hart arbeitende Kreuzberger Dachdecker soeben direkt gesagt. Warum nicht junge Menschen aus Rumänien anlernen, ausbilden und hart arbeiten lassen, wenn die deutschen Jungs und Mädels sich zu fein dafür sind? Auch das funktioniert ja nicht in der EU. Wo bleibt eigentlich die berühmte Arbeitnehmer-Freizügigkeit? 

Bild: Die Demokratie unter Druck. Wachschutz und Polizei sichern die BVV-Sitzung in Friedrichshain-Kreuzberg, Aufnahme vom 8. Juli 2014

Streit um Flüchtlinge in Hauptmann-Schule: Eklat in BVV von Friedrichshain-Kreuzberg – Berlin – Tagesspiegel.

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Die See. Das Schiff. Der Anker.

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Sep. 232014
 
Bei einer Hafenrundfahrt durch den Hamburger Hafen fuhr unsere tüchtige kleine Barkasse  am Freitag auch unter der COSCO FRANCE durch, einem der sehr großen Containerschiffe der Welt. Von den riesenhaften Dimensionen des Welthandels erhält man bei einer solchen Fahrt eine schwache Vorstellung. Mehr als drei Viertel aller Transportleistungen an Stückgütern werden weltweit zur See erbracht: egal ab deutsche Schiffsrotoren aus gehärtetem Stahl, Billigjeans aus Bangla Desh  oder südkoreanische  Smartphones – die Massenware kommt über See zu uns und verlässt uns über See.
Hier der gewaltige Anker, schwebend über unseren Köpfen:
Und hier ein paar Daten zur Cosco France, die übrigens auf großer Fahrt nicht mehr als 12 Mann Besatzung braucht:
Baujahr:
2013
BRZ:
153666
Tragfähigkeit:
160000 t
Container:
13386 TEU
Länge:
366.00 m
Breite:
51.20 m
Tiefgang:
15.50 m
Leistung:
72240 kW
Geschwindigkeit:
22.5 kn
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Sep. 222014
 

Ich gäb was drum, wenn ich nur wüsst, wer heut der Herr gewesen ist, der heut vormittag in der Sendung „Di Mattina“ bei Rai News den gesamten Kladderadatsch der Euro-Fiskalpolitiken, die unter der weisen Aufsicht und Maßregelung des von allen weniger wichtigen Politikern angehimmelten Mario Draghi stehen, unter dem trockenen, geradezu teutsch-grobschlächtigen Sprichwort zusammenfasste:

Il Cavallo non beve. Das Pferd säuft nicht. 

Sinngemäß sagte der RAI-Studiogast, der ein „Economista e storico“, also ein „Wirtschaftswissenschaftler und Historiker“ ist: Die riesigen Summen an Liquidität, die die EZB unter den verschiedensten phantasievollen englischen Namen (Asset Backed Securities usw. usw.) über das Bankwesen in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen versucht, erreichen weder die Unternehmen noch die Arbeitslosen noch die Arbeiter. Weil: Es fehlt an Investitionsmöglichkeiten. „Perché l’investimento fa il reddito“, denn die Investitionen erzeugen letztlich den Gewinn, der dann den Unternehmen und den Beschäftigten zugute kämen.

Die gesamte Geld-Pump-Strategie der von Mario Draghi geführten EZB sei schon seit längerem für aller Augen erkennbar gescheitert, sagte der RAI-Studiogast. Mario Draghi müsse  zurücktreten, wenn er Anstand besäße, sagte der Economista.  Ein umfassender Umbau der EU sei unerlässlich, sonst werde der Laden auseinanderfliegen. Der Euro sei Symptom, aber nicht alleinige Ursache des verheerend schlechten Gesamtbildes, das die Euro-Zone insgesamt und Italien im besonderen biete, sagte der italienische Historiker bei RAI News.

Ich frage Euch, liebe Leser: Wie hieß er? Ich weiß es nicht mehr, denn ich sah die Sendung nur nebenbei, ich hörte sie eigentlich nur auf dem blitzblanken, niegelnagelneuen GALAXY-S5-SMARTPHONE, das mir mein Mobilfunkbetreiber als Dank für langjährige Verdienste – die er an mir einscheffelt – geschenkt hat. Dort kann ich jetzt überall RAI NEWS hören und sehen. Kostenlos.

Liebe Leser! Merkt euch diesen italienischen Merksatz: Il cavallo non beve.  Der Gaul der lahmenden EU-Wirtschaft säuft nicht. Da mögen die im Vergleich zum EZB-Direktorium weniger bedeutenden Politiker Europas ihr geliebtes Geld, ihre hochverehrte EZB, den Inbegriff der europäischen Einigkeit, vergöttern und anhimmeln, so viel sie wollen.

Der Gaul säuft trotzdem nicht.

Proverbi grossolani – Grobschlächtige Sprichwörter! Me li bevo dappertutto – die trink ich mir überall.   In tempo reale. In Echtzeit.

Rai News: le ultime notizie in tempo reale – news, attualità e aggiornamenti.

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„Wir waren alle Atheisten“ – unser Sieg

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Sep. 152014
 

Zu den beeindruckendsten und liebenswertesten Menschen, mit denen ich immer wieder sprechen durfte und sprechen darf, zählt die 1920 geborene Moskauer Augenärztin Lidia Ivanovna Sacharowa. Sie erlebte und überlebte als junge Sanitäterin die berüchtigten 1000 Tage der Blockade Leningrads. Darüber sprach sie auch im vergangenen Jahr im russischen Fernsehen:

Захарова Лидия Ивановна — Всероссийский проект „Наша общая Победа“.

„Wir waren alle Atheisten“, antwortet sie auf die Frage, ob sie in der grimmigen Todespein der Blockade nicht auch gebetet hätten.

Heute, nach 70 Jahren der ununterbrochenen Herrschaft des wissenschaftlichen Atheismus, ist die Gottesfrage in Russland wieder lebendiger denn je, wie einst zu Zeiten Belinskijs, Gogols und Dostojewskijs.

„Das russische Volk ist zutiefst atheistisch“ schrieb Belinskij in seinem berühmten Brief, den Dostojewskij laut rezitierend im Jahr 1847 im Petraschewskij-Zirkel vortrug.

„Nous serons avec le Christ“, zitierte demgegenüber Dostojewskij in französischer Sprache wenige Minuten vor seiner Hinrichtung am 22.12.1849 aus einem Werk von Victor Hugo. Pietro Citati erzählt diese Szenen sehr bewegend heute auf S. 21 in der italienischen Zeitung Corriere della sera.

Wir trafen unsere Lidia in diesem Jahr auf einem Begräbnis, dabei schenkte sie uns einen bunten, sehr reichhaltigen  Bildband über den russischen Gelehrten Michael Wassiljewitsch Lomonossow, der einige prägende Jahre in Deutschland verbrachte, als erster eine russische Grammatik verfasste und sich stets größter Hochschätzung erfreute. Von der Blockade Leningrads reden wir übrigens kaum. Uns eint das Gemeinsame, das Gute, das Schöne, die Musik, die gemeinsame Sorge für einige Menschen, die Liebe zu einigen Kindern, gemeinsame Trauer, der Glaube an eine Zukunft, die in unseren Händen und den Händen der Kinder liegt.

Nach Lomonossow ist auch ein Krater auf dem Mond benannt, den wir allerdings nicht gesehen haben, denn er liegt auf der erdabgewandten Rückseite des Mondes. Gibt es ihn? Glauben wir an ihn, diesen Lomonossow-Krater, auch wenn wir ihn nicht sehen? Ein paar Verse von Mathias Claudius kommen mir in den Sinn:

Du kannst ihn nicht ganz sehn;
doch ist er rund und schön,

So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost verlachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

So legt euch denn ihr Brüder
In Gottes Namen nieder,
Kalt ist der Abendhauch,
Behüt Euch Gott vor Strafen
Und lass uns ruhig schlafen,
Und unsern kranken Nachbar auch.

Pietro Citati: I dolori del giovane Dostoevskij. Morte e resurrezione di un genio. Corriere della sera, 15 settembre 2014, Seite 20-21

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… und auch über dieses gestohlene Fahrrad freuen sich andere!

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Sep. 142014
 

Wasgo 2014-05-19 22.45.47

Schon der zweite Diebstahl eines hochwertigen Fahrrades innerhalb von 3 Tagen! Heute traf es einen meiner Söhne, der sein 3 Monate altes Focus Wasgo 3.0 8G Nexus ordnungsgemäß mit hochwertigem Faltschloß an der Bushaltestelle Yorck-/Großbeerenstraße angeschlossen hatte. Ihm war bereits im Mai dieses Jahres ein ähnliches, sicher angeschlossenes, 1 Jahr altes  Fahrrad gestohlen worden.

So kommt allmählich in unserem Hof und unserem Haushalt eine satte Liste an gestohlenen Fahrrädern zustande. Traurig, dass dieses so praktische, umwelt- und menschenfreundliche Verkehrsmittel hier in Kreuzberg in diesen Jahren auch bei Einhaltung aller empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen offenbar nicht mehr sicher aufzubewahren ist, weder im Hof noch im Keller, weder auf der Straße noch auf Plätzen. Ärgerlich. Die Rahmennummer des heute gestohlenen Fahrrades lautet: HS4166157

Wer war’s? Ich vermute, das waren sicher Menschen!

 

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Dieses RENNRAD ist heute gestohlen worden!

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Sep. 122014
 

Felt 14052010004

„Ja, was ist denn das, das Schloss des Kellerabteils fühlt sich so anders an?“ Eben von dienstlicher Fahrt zurückkehrend stellte ich wie üblich das Herrenrad im Keller ab. Was war geschehen? Die Tür gab von selber nach, die Scharniere waren herausgedreht.

Dann durchzuckte mich die bittere Entdeckung:
Das Rennrad ist gestohlen! Unser mit einem Vorhängeschloss gesichertes Kellerabteil hier in einem mit Sicherheitsschloss abschließbaren Keller  in der Straße wurde heute zwischen 10:00 und 23.00 Uhr gewaltsam aufgebrochen, das Rennrad ist geraubt! Weg. Das ist traurig. Mich verbinden so viele herrliche Erfahrungen mit dem Felt F85, gekauft im Mai 2010! Ein Symbol der Freiheit, der Kraft, der Zuversicht! Gewaltsam weggerissen! Das Holz des Verschlags ist gesplittert.

So schrieb ich 2010 wenige Tage nach dem Kauf:

Viele Muskelfasern freuen sich schon auf den großen Velothon am 30. Mai! “Ob Sie als 2000ster oder als 4000ster ins Ziel kommen, ist unerheblich. Also fahren Sie vorsichtig. Gegen Schluss brennen bei vielen Rennfahrern die Sicherungen durch.” Im Radkreuz Kreuzberg, wo ich mir mein neues Rennrad kaufe, bekomme ich obendrein noch jede Menge Zubehör dazu und den einen oder anderen unersetzlichen Ratschlag. Eigentlich wollte ich “auf Sieg” fahren … wie es MÄNNER-ART ist. Aber gleich beim ersten Radrennen meines Lebens? Vielleicht gibt es ja Altersgruppierungen? Dann sähe es wahrscheinlich besser aus mit den SIEG-Chancen.

Das FELT F85 sieht sehr schmuck aus! Kraftvoll und doch filigran. Blau und weiß herrschen vor. Die Räder heißen Vittoria Rubino 23-622. Meine Jungfernfahrt mit den beiden Vittorias führt mich durch die duftende, frischgemähte Heide im Flughafen Tempelhof. Ich gewöhne mich rasch an das ruckfrei gleitende 18-Gang-Schaltwerk Shimano Tiagra CP.

Meine Reisegeschwindigkeit – oder cruising speed – pendelt sich bei 32 km/h ein. Der Wind streicht seitwärts zwischen den Speichen hindurch.

Ein herrliches Gefühl der Freiheit beflügelt mich.

Die Autofahrer am Tempelhofer Damm schließen mich und meine Rennmaschine sofort in ihr Herz, fahren viel dichter an mir vorbei als wenn ich mit meinem gewöhnlichen Herrenrad vorbeizockele. Das nehme ich alles sehr sportlich.

Die Rahmennummer des gestohlenen Rennrades lautet:
S9GK00799

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Terzo Mondo: Mageds Klang der Farben

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Sep. 082014
 

Starke, kräftige Farben verwendet Maged Houmsi, der Maler, dessen Ausstellung im Terzo Mondo in der Grolmannstraße ich am vergangenen Freitag zur Eröffnung besuchte.

Unter seinen Bildern entspringt sofort der Quell des Gesprächs.  Ich spreche bekannte und unbekannte Menschen an. Überall ergibt sich ein lockeres Geplauder, aber auch tiefe, in den Brunnen der Seele tauchende Gespräche.

Mohamed Majdeddin Houmsi, 1962 in Syrien/Aleppo geboren, lebt seit 1980 in Berlin. Seine Ausstellung im Terzo Mondo läuft bis 31.10.2014.

Jeder, der dort hingeht, kann diesen Sprung in die Freiheit, ausgelöst durch den Klang der Farben, erleben!

via Klang der Farben – Mohamed Majdeddin Houmsi – Terzo Mondo – Taverne • Galerie • Bühne.

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… чтобы преподать какой-то великий урок отдаленным потомкам … Hat uns Tschaadajew noch etwas zu sagen?

 Europäische Bürgerkriege 1914-????, Freiheit, Lenin, Russisches  Kommentare deaktiviert für … чтобы преподать какой-то великий урок отдаленным потомкам … Hat uns Tschaadajew noch etwas zu sagen?
Sep. 062014
 

Engels 2014-08-10 09.18.19

„Мы жили и сейчас еще живем для того, чтобы преподать какой-то великий урок отдаленным потомкам.“

So schrieb es Pjotr Jakovlevich Tschaadajev, verdienter Offizier im Vaterländischen Krieg. Als leidenschaftlicher russischer Patriot und spitzzüngiger Polemiker  ging er in seinem berühmten ersten philosophischen Brief, erschienen 1836 in der Moskauer Zeitschrift Teleskop, sehr hart ins Gericht mit seinem Vaterland, für das er Leib und Leben riskiert hatte. Er vermisste in der nachnapoleonischen russischen Gesellschaft seiner Zeit den Willen zur Modernisierung; Russland, so führte er aus, habe den Freiheitsimpuls, zu dem es durch die Niederringung Napoleons und durch die Abschüttelung des französischen Jochs einen bedeutenden Beitrag geleistet hatte, nicht genutzt.

Wir erinnern uns: 3 Millionen Menschen in Europa hatten in den von Napoleon entfesselten Kriegen ihr Leben verloren; wozu waren sie gestorben, wenn die europäischen Völker, darunter auch die Russen, Polen und Deutschen, doch wieder in die Fürstenherrschaft und Despotie zurückfielen? Wozu der ganze „Freiheitskampf“, wenn die Fürsten Europas nach Willkürart doch wieder schalteten und walteten, wie sie wollten? So fragten Tschaadajew und seine „Westler“, aber auch die geistesverwandten „Göttinger Sieben“, darunter die Brüder Grimm, oder auch Heinrich Heine in Deutschland.

Napoleon hatte Europa mit Waffengewalt und willkürlich losgetretenen Angriffskriegen zu einen gesucht und war 1812 in Russland endgültig niedergerungen worden; gut 100 Jahre später, ab Oktober 1917  folgten ihm in den Fußtapfen  Lenin und die Bolschewiki, die ebenfalls mit Waffengewalt ganz Europa und dann die ganze Welt ins ewige Reich der Freiheit führen wollten; ihr sogenannter Befreiungskampf brachte ab 1917 erneut Blut, erneut millionenfaches Gemetzel  und Tränen über Russland und die eine, die östliche  Hälfte Europas einschließlich Russlands, der Ukraine, Polens, Ungarns, Estlands, Lettlands und Litauens; die Unfreiheit, die Lenin, Feliks Dzierżyński, Stalin, Lawrenti Berija und viele andere mehr von Russland aus über den ganzen Kontinent ab 1917 auszubreiten suchten, dieses von Russland ausgehende kommunistisch-sowjetische Joch wurde erst 1989/1990 endgültig abgeschüttelt.

Ab 1933 versuchte erneut eine diktatorische Gewalt, den ganzen Kontinent – diesmal von Deutschland aus – mit Waffengewalt ins 1000-jährige Reich der Freiheit zu führen. Auch dieser nach Napoleon und Lenin/Stalin dritte, auf Lüge und Gewalt gestützte Versuch der gewaltsamen Einigung Europas durch das Schwert versank in Terror, Blut und Gemetzel. Nach zwölf Jahren, 1945 war das deutsche Joch von den Völkern Europas abgeschüttelt.

Die kommunistische Gewaltherrschaft, die Lenin und Stalin ab 1917 über einen Teil Europas errichtet hatten, ging hingegen erst 1989/1990 zu Ende. Doch das Werk der Befreiung ist damit nicht vollendet! In allen vom Kommunismus befreiten Staaten, darunter Russland, Ukraine, Weißrussland, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, Polen, Tschechien galt und gilt es, die Trümmer und Hinterlassenschaften der jahrzehntelangen, von Russland ausgehenden, als „russisch“ empfundenen kommunistischen Diktatur, die auf Lüge und Gewalt gestützt war,  aufzuarbeiten. Kein Staat – selbst das seit 1989 von Marx, Lenin, Dzierżyński, Stalin befreite Russland – ist gefeit dagegen, wieder in Unfreiheit und Terror zurückzufallen.

Tschaadajew wurde 1836 für seine literarischen Beiträge, für seine satirisch-polemische Beleidigung des „heiligen“ Russentums  für verrückt erklärt und unter psychiatrische Beobachtung gestellt.  Über Tschaadajews  Diskussionspartner, die Dekabristen, ließ Zar Nikolaus Hinrichtungen, Verbannung und Internierung verhängen. Sie kamen nicht so gnädig davon. Straflager, Verbannung, Publikationsverbote, Einweisung in die Psychiatrie, das sind alles Methoden, die in Russland auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken.

Was hat uns Tschaadajew zu sagen? Hat er uns überhaupt noch etwas zu sagen?

„Мы жили и сейчас еще живем для того, чтобы преподать какой-то великий урок отдаленным потомкам.“
„Infine siamo vissuti e viviamo per servire da chissà quale grande lezione per i posteri lontani.“
„Wir haben gelebt und leben noch dafür, um den fernen Nachkommen irgendeine großartige Lehre zu erteilen.“

Was ist die „großartige Lehre“ der Russen des 19. Jahrhunderts?

Ich würde sagen: Es ist die Einsicht, dass der Freiheitsimpuls überall zu verteidigen und zu verstetigen ist. Napoleon wurde nicht deswegen abgeschüttelt, damit Zar Nikolaus oder die europäischen Fürsten der Karlsbader Beschlüsse ein mindestens ebenso gewalttätiges Regime installieren konnten.  Die europäischen Freiheitskämpfer der nachnapoleonischen Zeit, die oftmals Verse von Friedrich Schiller oder Puschkin, dem Jugendfreund Tschaadajews, auf den Lippen geführt hatten, sahen sich bitter enttäuscht durch die Oligarchen und Autokraten, die steinreichen Fürsten, Zaren, Präsidenten und Speichellecker der damaligen Zeit.

Tschaadajew verlangte – statt serviler Speichelleckerei und Prostration vor dem Zaren – Reformen und Modernisierung von Russland. Er wollte Russland für die Freiheitsideen des Westens öffnen. Ihm behagte das Dunkelmännertum, das bequeme Bündnis zwischen russischer Kirche und russischer Staatsmacht, zwischen Thron und Altar, symbolisiert im Schutzherrn und Oberhaupt aller Reußen, dem Zaren, nicht.

Tschaadajew musste erkennen: Die Unfreiheit, die mit Unterdrückung, Waffengewalt und Terror arbeitet, hört nicht dadurch auf, dass die eine Gewaltherrschaft einfach durch eine andere ersetzt wird.

Insofern – wir sind gemeint! Wir sind auch einige der Nachkommen, für die die Westler im Russland des 19. Jahrhunderts kämpften, litten und starben.

Bild: „Der Pole Feliks Dzierżyński, der Georgier Stalin, der Russe Lenin sind nicht mehr da!“ Ihre Denkmäler sind aus dem Stadtbild Moskaus verschwunden.  Aber Friedrich Engels, der deutsche Kapitalist, hat seinen festen Platz in Moskau behalten und schaut sich seelenruhig die ihm gegenüberliegende Christus-Erlöser-Kirche an. Aufnahme des reisenden Bloggers vom 10.08.2014

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Sep. 032014
 

«Мы один народ», so äußerten sich in den letzten Tagen sowohl Gorbatschow als auch Putin. Sie beschwören damit hochheilig die ewige Bruderschaft, die ihrer Meinung nach die Ukraine seit jeher an Russland binden soll, ja die Ukraine geradezu zu einem Teil Russlands mache.

Ich besprach diese Aussagen in Russland mit einer Moskauer Kinderärztin. Unser gemeinsamer Befund dieser mittlerweile nur noch mit den Begriffen der Psychopathologie zu erfassenden Konfliktlage: Genau in diesen Aussagen Putins oder Gorbatschows liegt der Kern des Problems. Wenn der Stärkere sagt: „Ihr gehört uns, ihr seid unser“ und diesen Anspruch mit Waffengewalt durchsetzt,  der Schwächere aber das anders sieht, dann liegt genau hierin das Problem. Es ist der Keim des Krieges. Zwar mag es durchaus sein und es ist wohl auch so, dass ein Teil der Ukrainer sich als durch und durch russisch fühlt. Russland lockt darüber hinaus mit höherem Lebensstandard, höheren Renten, besserer Versorgungslage als die Ukraine. Wenn Russland meint, diese Lasten stemmen zu können, sollte es diese Neubürger innerhalb seiner jetzt bestehenden Grenzen aufnehmen und integrieren.

Noch wichtiger scheint aber die historische Tiefenprägung zu sein. Diejenigen Ukrainer, die sich zur Orthodoxie bekennen, suchen vielfach weiterhin den Zaren, den Herrscher, der beide Schwerter, das der weltlichen und geistlichen Macht, in einer Hand hält. Sie erblicken in Putin eine Art Sendboten des Weltgeistes, eine mächtige Kaiser- und Vatergestalt, dessen Macht sie sich willig unterwerfen: sie vollführen das seelische Sich-Niederwerfen, die Prostration  vor einer historischen Herrschergestalt. Der Zar stiftet die Brücke zwischen Gott und dem Volk. „Du betest jetzt für Putin!“ schrieen sie einen Popen an, der sich weigerte, sich politisch im Gottesdienst auf Seiten Russlands zu stellen. Dann wurde er von der aufgestachelten Menge mit Tomatensaft bespritzt. Er ließ es abprallen, verlor die Ruhe nicht. So verlief vor drei Wochen eine Szene im russischen Fernsehsender 1, die ich mit eigenen Augen sah! Die identitätsstiftende Rolle der Konfessionen in diesem Konflikt wird übrigens im Westen nicht ansatzweise erkannt. Sie ist nicht zu unterschätzen!

Diesen Menschen, die sich dem Blute nach als völkische Russen fühlen,  muss selbstverständlich freistehen, die ungeliebte Ukraine zu verlassen. Russland hat unendlich weite Steppen, unbesiedelte Räume; in ihnen sollten die Neubürger ihr Neu-Russland innerhalb der heutigen Grenzen der Russischen Föderation  aufbauen.

Ein sehr großer Teil der Ukrainer sieht sich aber eben durch historische Tiefenprägung nicht als Untertanen des russischen Autokrators. Das sind insbesondere die weiten Landesteile, die früher unter österreichisch-ungarischer bzw. polnisch-litauischer Hoheit standen und erst im 20. Jahrhundert an die Sowjetunion fielen.  Dieser große Landesteil der heutigen Ukraine kämpfte sowohl nach dem ersten wie nach dem zweiten Weltkrieg noch jahrelang gegen das sowjetische Joch. Letztlich behielten die Kommunisten die Oberhand. Aber die gezielten Ausplünderungen der Ukraine durch die sowjetische Führung, die Auslöschung der Kulaken zu Hunderttausenden unter dem Vorwand „antisowjetischer Umtriebe“, sind in der Ukraine zumindest unvergessen.

7000 eingesickerte Tschetschenen scheinen bereits in der Ukraine auf Seiten der Separatisten zu kämpfen.  So berichtete es mir eine Ukrainerin, deren Vorhersagen seit Monaten bisher alle eingetroffen sind. Diese nichtrussischen, durch die früheren Grenzkriege gestählten Kämpfer sind in der Tat nicht mehr zentral zu steuern.

Eine Aussöhnung zwischen diesen in der historischen Tiefenprägung so verschiedenen Bevölkerungsteilen hätte Offenheit, Klarheit, Versöhnungswillen und Transparenz auf beiden Seiten der Grenze verlangt. Daran hat es aber gefehlt. Daran fehlt es bis zum heutigen Tag. Und so mag denn das „Auseinandergehen“ ohne allzuviel Blutvergießen im Augenblick tatsächlich eine Art Lösung sein. So meine Eindrücke, die ich in Gesprächen mit Ukrainern und Russen gewinnen konnte.

via  ВЗГЛЯД / «Мы один народ».

In deutscher Sprache zu empfehlen:
Claus Leggewie: Holodomor: die Ukraine ohne Platz im europäischen Gedächtnis? In: ders., Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Beck Verlag, München 2011, S. 127-143.

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Joy comes, grief goes: Aus dem Kupferstichkabinett der englischen Sprache

 Freude, Gedächtniskultur, Kupferstichkabinett  Kommentare deaktiviert für Joy comes, grief goes: Aus dem Kupferstichkabinett der englischen Sprache
Sep. 022014
 

Joy comes, grief goes, we know not how. Eine Weisheit, die ich heut gleich zwei Mal, fast anlasslos, im Gespräch mit Freunden anbrachte!

Eine sehr tiefsinnige Bemerkung, die James Russell Lowell in seiner Vision of Sir Launfal gewissermaßen fein in die Kupferplatte der englischen Sprache eingraviert! Ich werde sie alsogleich ins eigene Kupferstichkabinett meines geistigen „Oxford Pocket Book of Quotations“ einsticheln.

Joy Comes, we know not how. Die Freude kommt unverhofft, unverdient, sie „überkommt“ einen. Sie ist unerklärbar. Sie läutet kräftig, unüberhörbar, dauernd, hell bimmelnd, und ohne Vorankündigung – wie das Geläut der Christus-Erlöser-Kathedrale an der Ostoschenka in Moskau, das mich am Sonntag dem 10. August anrief. Ein helles, fröhliches, ein lachendes Läuten! Kurz, von oben herabfallend – es ist der Freude schöner Götterfunke, den Dante Alighieri im Paradiso in italienischer Sprache hört, die immensa gioia, die Friedrich Schiller in seiner Hymne „An die Freude“ in deutscher Sprache besingt.

Grief goes, we know not how. Die Trauer hingegen lastet schwer, sie, die Trauer, grief,  ist grievous, sagt der Engländer. Sie ist erklärbar. Trauer hat fast stets einen Anlass, einen Quell: den Tod eines nahen Menschen, den Verlust von etwas, was man lange besessen hat, das Nicht-Erreichen oder das Verlieren von etwas sicher Geglaubtem.   „Das wird nie vorbeigehen, das überlebe ich nicht. Mein Leben hat doch ohne den Verstorbenen, ohne diesen großartigen Menschen, keinen Sinn mehr“, denkt die abgrundtief Trauernde. Wenn sie dies dann auch ausspricht, hat sie schon den ersten Schritt zur Überwindung des Abgrunds getan. Lösende Tränen, tröstende Umarmungen  mögen hinzukommen. Und irgendwann wird die Trauer nachlassen. Dann verschwindet sie, wird verwandelt in Erinnerung. „Und von all dem Trauern schwebt ein Erinnern nur noch um das ungewisse Herz“, so mag es dann scheinen. Und schließlich denken wir: „Die Trauer ist gegangen. Ich weiß, dass ich eigentlich endlos trauern wollte. Und jetzt? Ich bin froh und dankbar, dass wir diesen großartigen Menschen erleben durften.“

Die ist der Schritt zur Heilung, zur Lösung von der Trauer.

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„Une politique étrangère vague et hasardeuse“ – Wohin treiben die EU-Außenpolitiken?

 Europäische Union, Krieg und Frieden, Syrien  Kommentare deaktiviert für „Une politique étrangère vague et hasardeuse“ – Wohin treiben die EU-Außenpolitiken?
Sep. 012014
 

Pierre Lellouche, der französische, Paris vertretende Abgeordnete, geht in der Monde vom 25. August 2014 (S. 15) mit der Außenpolitik Frankreichs und indirekt auch mit den Außenpolitiken  der EU sehr hart ins Gericht.

Angesichts der Waffenlieferungen verschiedener EU-Staaten an die Kurden fragt er, welches politische Konzept dahinter stehe. Man, also die französische Außenpolitik, wechsele jetzt im Schlepptau der USA die Fronten. Zu spät, ohne politisches Konzept, ohne echte Kenntnis der beteiligten Gruppierungen, ohne Blick auf die Zukunft unterstütze man den Widerstand gegen die IS, ohne im Gegenzug von den Empfängern der Waffenlieferungen auch nur einen verbindlichen Plan, geschweige denn Zusagen zum erwünschten Gebrauch der Waffen erhalten zu haben. Lellouche fragt in seinem rhetorisch brillanten Beitrag:

Quelle résistance, quelles armes et pour quels résultats?

Lellouche findet keine Antwort auf seine bohrenden Fragen. Nicht zuletzt dürfte ihm noch erinnerlich sein, dass eine andere bewaffnete Widerstandsgruppe, die in Afghanistan mit westlichen Waffen ausgerüstet wurde, die Taliban, sich nach einigen Jahren mit aller Macht und kraftvoll gegen die eigenen Waffenlieferanten gewandt hat. Lellouches  Fazit: Frankreich betreibe seit langem eine unklare, glücksspielartige Hasardeur-Außenpolitik. Fast alle militärischen Afrika-Einsätze der Franzosen seien mehr oder minder gescheitert, hätten nie das erwünschte Resultat gezeitigt, sagt der Abgeordnete.

Nun, auch der Deutsche Bundestag, die deutsche Bundesregierung müssen sich diese Fragen gefallen lassen, wenn sie sich anschicken, mit Waffen in einen laufenden militärischen Konflikt einzugreifen.

Wie schaut das Ganze aus der Kreuzberger Sicht aus? Wir haben ja hier in Kreuzberg eine sehr starke kurdische Bevölkerungsgruppe; ich bin mit einigen kurdischen Familien bekannt.  Die Kurden erfreuen sich darüber hinaus im herrschenden linksalternativen Milieu, aber auch auf den diversen interreligiösen Kalendern in Kreuzberger Kitas größter Beliebtheit. Kurdische Väter, kurdische Ehemänner haben es immer wieder in die Spalten unserer Berliner Tageszeitungen gebracht. Wie sind die Waffenlieferungen an die Peschmerga aus Kreuzberger Perspektive zu beurteilen?

Ich will es kurz machen: Die Vorstellung, dass die Kurden im Irak, in Syrien, in der Türkei die deutschen Waffen ausschließlich zur Verteidigung gegen die IS einsetzen würden, offenbart eine erhebliche Unkenntnis der kurdischen Gruppierungen,  Strategien und der kurdischen Kulturen. Die Peschmerga werden die deutschen Waffen zur Erreichung ihrer Ziele, derzeit sicherlich vor allem zum Zurückschlagen der IS einsetzen. Was aber kommt danach? Darauf muss eine Antwort verlangt werden. Niemand kann diese Antwort geben.

Wichtig ist auch zu wissen: Die Kurden haben im Durchschnitt eine andere, kulturell geprägte  Einstellung zur Gewalt und zum Gebrauch von Waffen als wir.  Für uns sind Waffen etwas Schreckliches.  Wir wollen Waffengebrauch auf ein Minimum reduzieren. Die meisten Kurden dürften das anders sehen. Dazu brauchen die Waffen auch nicht „in falsche Hände zu gelangen“, wie es immer wieder heißt. Es genügt schon ein „Seitenwechsel“. Und der Seitenwechsel der bewaffneten Gruppierungen ist nun einmal Normalität im gesamten Nahen und Mittleren Osten! Er ist seit Jahrzehnten Routine.

So haben die USA oder der „Westen“ lange die Aufständischen, also gewollt oder ungewollt auch die islamistischen Milizen  in Syrien unterstützt. Man wollte die amtierende säkulare syrische Regierung weghaben, man wollte den Regimewechsel von außen befördern. Jetzt stellt sich heraus, dass die IS eine echte Bedrohung für die säkulare amtierende syrische Regierung sind, dass also letztlich diese Regierung wieder durch den Westen unterstützt werden muss. Alles andere würde militärisch überhaupt keinen Sinn ergeben. „Rin in die Pantoffeln, raus aus den Pantoffeln“ – das ist keine Strategie, das ist das berühmte Stochern im Nebel der EU-Außenpolitiken.   Mit der Waffenlieferung an die Peschmerga reiht sich Deutschland also konfliktbefeuernd letztlich – ob es will oder nicht will – auf einer Seite in die Frontlinien der verschiedenen bewaffneten Konfliktlinien im Nahen und Mittleren Osten ein. Und es gibt weder in der EU noch in Deutschland eine außenpolitische Doktrin, über die man wenigstens streiten könnte. Es gibt nur die verschiedensten Außenpolitiken. Wohin treiben sie uns?

Der deutsche Bundestag hat heute eine große Verantwortung. Er muss die bohrenden Fragen, die ein Pierre Lellouche von der UMP stellt, ebenfalls stellen!

Beleg:
Pierre Lellouche: M. Hollande malmène son „domaine réservé“. Une politique étrangère vague et hasardeuse. Le Monde, 25. August 2014, Seite 15

 

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Aus ἐν ἀνθρώποις εὐδοκία wird в человеках благоволение. Zu Lk 2,14

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Aug. 312014
 

Erlöserkirche 2014-08-10 09.17.55

слава в вышних Богу, и на земле мир, в человеках благоволение

„Ehre in den Höhen Gott, und  auf der Erde Frieden, in Menschen Wohlwollen“

So übersetzt die russisch-orthodoxe Kirche in ihren maßgeblichen Ausgaben Lukas 2,14.

Verblüffend ist, dass die östlich-orthodoxe Übersetzung von einer etwas anderen, durch die ältesten Textzeugen gut gestützten griechischen Urfassung ausgeht als die römisch-katholischen und die lutherischen Fassungen! In einer Ausgabe des Novum Testamentum Graece, ed. Nestle / Aland, 27. Aufl. 1999, lässt sich ohne Mühe aus den Varianten des  textkritischen Apparates der vollkommen hieb- und stichfeste griechische Text erstellen, von dem die Kirche des Kyrill und Method ausging:

Δόξα ἐν ὑψίστοις θεῷ, καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη, ἐν ἀνθρώποις εὐδοκία

Die beiden  entscheidenden Unterschiede zu den westlichen Kirchen liegen hier darin, dass благоволение/εὐδοκία (eudokia) im Nominativ steht und dass die Präposition ἐν räumlich inklusiv als в als „in“ übersetzt ist. Nicht die Menschen des „Wohlwollens“ Gottes werden genannt; vielmehr äußern die himmlischen Heerscharen einen dreigliedrigen Wunsch, eine dreigliedrige Beschreibung:

Strahlender Glanz/Leuchten/Schein/Ehre/Ruhm [wird, ist oder sei] in den Höhen dem Gott
und auf Erde [wird, sei oder ist] Friede,
in Menschen [ist, sei oder werde] Wohlwollen/Wohlgefallen/gutes Genügen/Zufriedenheit

Hier haben wir als Notbehelf in eckigen Klammern mehrere Verben eingefügt, die in diesem verblosen Stil hinzugedacht werden können.

Die eudokia, der Zustand des innigen Behagens und Wohlgefühles, ist also nicht etwas, was von außen auf die Menschen herabregnet; vielmehr quillt sie von innen hervor; sie ist gewissermaßen ein Widerschein des Geschehens dort droben.

„In den Herzen wird’s warm
still schweigt Kummer und Harm“

– diese treuherzig-einfältigen Zeilen des Kinderliedes geben das in den Ostkirchen Gemeinte sehr gut wider. Noch weniger ist dieses innere Wohlbehagen eine Gnade, die die Menschen sich mühselig erarbeiten müssten. Die eudokia, das holde Bescheiden, wie Mörike einmal sagte, ist ein unverdientes Geschenk, das von innen in Menschen aufscheint und zum Zustand des Friedens mit den anderen und mit der Schöpfung führt.

Das Weihnachtsgeschehen kommt unvermittelt, plötzlich (exaiphnes, Lk 2,13) zugleich in der Höhe wie auch „in Menschen“ zum Vorschein. Die griechische Wortwurzel ist hier eindeutig – doxa und eudokia kommen von derselben etymologischen Wurzel doke her. Sie besagt „scheinend“, „leuchtend“.

Was folgt daraus? Viel. Bei einem meiner letzten Russland-Aufenthalte feierte ich einen strahlenden, von Klang und Gesang erfüllten Gottesdienst in der Moskauer Christus-Erlöserkirche über die volle Länge von mehr als 2 Stunden mit. Es war am 10. August 2014. Dort trat ich in eine stumme  Zwiesprache mit der ausgestellten Reliquie Johannes des Täufers. Dort vollführte ich mit anderen zusammen die rituelle Prostration des byzantinischen Ritus. Ich warf mich also zusammen mit anderen Feiernden vor dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie er sich in Jesus Christus gezeigt hat, ganzkörperlich und öffentlich auf den Boden nieder. Dort lauschte ich dem Evangelium in russischer Sprache und den Predigten des Patriarchen über die Angst als ständige Begleiterin im Schiffchen des Lebens. „Wir werden die Angst nicht los. Sie gehört dazu“, sagte er. Er sprach auch über den Wert des Betens. „Beten ist in unserer Gesellschaft aus der Mode gekommen. Wenige beten noch. Beten heißt durch Bitten etwas Herbei-Wünschen, was ohne dieses Wünschen vielleicht nicht eintreten würde.“

Mitten im August erblickte ich in dieser riesigen Hauptkathedrale der russisch-orthodoxen Kirche eine Weihnachtskrippe aufgebaut. Weihnachten wird also in der russisch-orthodoxen Kirche über das ganze Kirchenjahr hinweg in Erinnerung gehalten.

Die Christus-Erlöserkirche ist – dies sei nur nebenbei gesagt –  die Kirche, in der auch die russische Staatsmacht  neuerdings  so gern sich zum christlichen Glauben bekennt. Auch Präsident Putin lässt sich hier demonstrativ zu Weihnachten filmen, wie er in bescheidener, kindlicher Frömmigkeit ein Weihnachts-Kerzlein entzündet. Er bekennt sich damit öffentlich zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie er sich zu Weihnachten in der Person Jesu Christi ankündigt.

Der Weihnachtshymnus der himmlischen Heerscharen, wie ihn Lukas gestaltet, ist ein kraftvolles Alternativprogramm zum Einsatz der Waffen und Panzer, zur Überwachung und Beherrschung der Menschen, wie sie die Politiker, die Staatsmächte,  derzeit diskutieren und einzudämmen versuchen. Denn christlich angeleitete Politik möchte weg von dem Mehr-Haben-Wollen. Sie traut den niedrigen Menschen mehr als den Mächtigen, sie findet ihren Weg eher zu den Katen der Hirten als zu den Palästen und riesigen Datschen der Mächtigen. Die Geschichte  von Weihnachten spricht alle an – im Osten wie im Westen, die Christen wie die Nichtchristen, zu Weihnachten ebenso wie in den Hundstagen dieses Augusts, der in diesen Minuten so ungewiss zu Ende geht.

Aber sie macht auch klar, dass der Friede kein Automatismus ist. Er ist ein plötzliches Aufscheinen mehr als eine Verhandlungsmasse, er ist ein Sich-Bescheiden in das strahlend Beschiedene, in das, was da gerade in den Menschen geschieht.

via Russian Bible: Luk-2.

Bild: So bot sich uns die Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau dar, als wir gemeinsam zu Fuß  am 10.08.2014 zur Liturgie wanderten.

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Oh gioia: Freude, der Götterfunke, das Weltenlächeln

 Dante, Das Gute, Donna moderna, Freude, Katharina, Magdeburg  Kommentare deaktiviert für Oh gioia: Freude, der Götterfunke, das Weltenlächeln
Aug. 302014
 

Aus dem fernen New Hampshire, einem der 13 Gründerstaaten der USA, erreichte uns vor einigen TagenHl. Katharina 2014-01-03 10.28.03 hier in Kreuzberg eine Leserzuschrift zum Lächeln des Bamberger Engels. Dort in den USA wird offenbar das alte, das lächelnde, das glaubende Europa geschätzt, gewürdigt und geliebt!

 

 

 

 

 

 

 

 

Lest selbst:

Ciò ch’io vedeva mi sembiava un riso
de l’universo; per che mia ebbrezza
intrava per l’udire e per lo viso. 6

Oh gioia! oh ineffabile allegrezza!
oh vita intègra d’amore e di pace!
oh sanza brama sicura ricchezza! 9

Dante, aus dessen Paradiso unser Leser mitten im amerikanischen New Hampshire zitiert, schildert eine strahlende, von innen herausbrechende Freude. Der Leser schreibt:

„Das Lächeln des Bamberger Engels ist von unglaublicher Kraft, Ausdruck überbordender Freude.“

Der Bamberger lachende Engel entstand wohl etwa zur selben Zeit wie die Divina Commedia Dantes, und auch zur selben Zeit wie die Statue der Hl. Katharina von Alexandrien im Magdeburger Dom. Doch ist der Gesichtsausdruck Katharinas verhaltener, ruhiger, gefasster, dennoch nicht weniger sprechend als das selige Aufscheinen des Weltenlachens im Bamberger Engel.

Carl Streckfuß übersetzte diese Stelle (La Divina Commedia, Paradiso, Canto XXVII, Verse 4-9) mit folgenden Worten:

Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,
Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit
Durch Aug’ und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.

O Lust! O unnennbare Seligkeit!
O friedenreiches, lieberfülltes Leben!
O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid!

Wir danken Dante, danken dem einsamen Leser in New Hampshire für die Zuschrift, danken den unbekannten Bildhauern des 13. oder 14. Jahrhunderts von Bamberg und Magdeburg, danken dem vorzüglichen Übersetzer Carl Streckfuß – und wir beschließen diesen durchsonnten Nachsommertag mit einem überbordenden Lächeln ins Weltall hinein.

 Posted by at 21:43