Dez 082019
 
Stephen Shore: Mar Saba, das Sabas-Kloster in der Wüste Juda. Digitaler Fotoausdruck. Gesehen in der Fotoausstellung המקום זה / Dieser Ort, Jüdisches Museum Berlin. Aufnahme des Verfassers vom 28.11.2019

Stellt euch vor, der folgende Text wäre in dem obenstehenden Kloster gefunden worden. Ein unvollständiger, vielfach lückenhaft überlieferter Text wäre aus einer fernen Zeit in eure Hände gelangt. Ergänzt die fehlenden Textstellen! Was entdeckt ihr? Was legt ihr in den Text hinein? Schreibt den Text weiter!

“[…] Es ging jetzt etwas in ihrem Körper vor. Die Brüste füllten sich, durch die Adern an Armen und Beinen rollte ein dickerer Blutstrom, sie spürte ein unbestimmtes Drängen gegen Blase und Darm. Ihr schmaler Körper wurde nach innen tief, empfindlich, lebendig, fremd, eins nach dem anderen; ein Kind lag licht und lächelnd in ihrem Arm; von ihren Schultern strahlte das Goldkleid der Go[…] zu Boden, und die Gemeinde sang. Es war außer ihr, der H[…] […]en! […]”

Robert Musil: Clarissens geheimnisvolle Kräfte und Aufgaben, in: ders., Der Mann ohne Eigenschaften. Roman. Erstes und Zweites Buch, 4. Aufl., Januar 2018, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 435-445, hier: S. 436

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Nov 162019
 

Gutes dankbares Nachsummen und Nachsinnen über die Sprache der Psalmen, die mich seit meiner Kindheit begleitet! Psalmen sind Gedanken, Gefühle, Reden, Bekenntnisse, Gespräche mit dem abwesenden Übersteigenden in poetisch gegliederter Gestalt, verfasst in hebräischer Sprache über Jahrhunderte im alten Israel, hundertfach aufgenommen, weitergesponnen, übersetzt in alle alten und modernen Mundarten. Ich vergleiche die Psalmen gerne mit fließendem Öl, das sanft über die Schultern rinnt.

Die Psalmen 12, 90 und 133 stehen morgen auf dem Programm unserer kleinen französischen Abendandacht.

Hier der Beginn des Psalms 133 in moderner französischer Fassung:

C’est comme l’huile précieuse qui, répandue sur la tête,
Descend sur la barbe, sur la barbe d’Aaron,
Qui descend sur le bord de ses vêtements.

“Es ist wie wertvolles Öl, das, ausgeschüttet über dem Kopf, den Bart hinabrinnt, den Bart Aarons,
Das über den Saum seiner Gewänder hinabläuft […]”

In einer älteren französischen Fassung, die Claude Goudimel 1564 vertont hat, lautet dieser Beginn des Psalms 133:

Cela me fait de l’onguent souvenir
Tant precieux, dont perfumer je voy
Aaron, le Prestre de la Loy.

Hier fällt auf, dass die beglückende Erfahrung des Übersteigenden als Erinnerung an etwas Fließend-Flüchtiges gefasst wird – an etwas Abwesendes!

Sonntag, 17. November 2019, 18 Uhr:
Abendandacht. Mit geistlicher Musik aus Frankreich. Texte und Improvisationen
Claude Goudimel: Genfer Psalter (1565)
Jehan Alain: Messe modale (1923)
Johannes Hampel, Violine
Nadia Boldakowa, Violine
Ursula Hillermann, Viola
Albrecht Kleinlein, Violoncello
Frauenchor – Männerchor
Kathrin Freyburg, Leitung
Joachim Krätschell, Lesungen
Christian Hagitte, Improvisationen
Hochmeisterkirche, Westfälische Straße 70A, 10709 Berlin-Halensee

Bild: feuchte Holzbohlen, alte Farbreste, Schrauben, alter Sportschuh der Größe 47,5, Konzertplakat. Aufgenommen heute im Park vor dem EUREF-Campus


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Gesungenes Licht der Zuversicht. Eine Gnade

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Nov 052019
 
Zirbenwald im Ötztal

“Herr der Gnade, Gott des Lichts,
laß dein Alles und mein Nichts
mich zur Demut treiben…!”

Herrliche, beseligte Augenblicke erlebte ich am Sonntag beim Singen von drei barocken Arien in der Hochmeisterkirche. Telemann bringt die demütigen und doch stolzen Worte des Matthäus Arnold Wilckens zum Leuchten, zum Schweben, zum Heben, zum Leben! Zum Niederknien, zum Aufschauen! Aug in Auge mit dem Übersteigenden, ergeben und herausfordernd sang ich in die Mauern hinein, durch die Mauern hindurch, hinauf zur Kirchturmspitze, wo der Falke ein und aus fliegt – und darüber hinaus! Danke an Kathrin, danke an Christian, die Ihr uns das möglich gemacht habt!

Diese drei Arien waren es:

“Auf ehernen Mauern, auf marmornen Gründen ruht
unserer Hoffnung Zuversicht…” TVWV 1: 96

“Seele, lerne dich erkennen,
lauter Stückwerk ist zu nennen,
was der Menschen Witz vermag…” TVWV 1: 1258

“Herr der Gnade, Gott des Lichts,
laß dein alles und mein Nichts
mich zur Demut treiben.
Ist, was mein ist alles dein,
ach! so muss ja dir allein auch was dein ist bleiben.” TVWV 1: 399

Gesungen nach folgender Ausgabe:
Georg Philipp Telemann: Sechs Arien aus dem Harmonischen Gottesdienst. Für hohe Stimme, Altblockflöte und Generalbass. Partitur. Carus Verlag, Stuttgart 1972/1992

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Seele, lerne dich erkennen!

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Okt 212019
 

Der Herbst zieht schon herein, kürzer werden die Tage, die auf Widerruf gestundete Zeit zeigt sich am Horizont. Da suchen manche wohl auch nach etwas, was tiefer eindringt als die blendende sommerliche Sonne – Töne, Klänge, Gedanken, Gefühle!
Davon erzählt die Musik, die wir euch allen in den nächsten Wochen schenken möchten.
Ich lade Euch dazu ein!


Sonntag, 27. Oktober 2019, 10 Uhr:
Gottesdienst mit Pfarrer Joachim Krätschell
Wer nur den lieben Gott lässt walten”
Duette für zwei Frauenstimmen aus Kantaten von Johann Sebastian Bach
Elisabeth Scharnick und Cosima Becker, Gesang
Johannes Hampel, Violine
Christian Hagitte, Basso continuo
Hochmeisterkirche, Westfälische Straße 70A, 10709 Berlin-Halensee

Sonntag, 03. November 2019, 11 Uhr:
Gottesdienst mit Lektorin Astrid Witten
“Seele, lerne dich erkennen”
Arien aus dem Harmonischen Gottesdienst von Georg Philipp Telemann
Johannes Hampel, Tenor
Christian Hagitte, Blockflöte
Kathrin Freyburg, Basso Continuo
im Anschluss Pellkartoffelessen
Hochmeisterkirche, Westfälische Straße 70A, 10709 Berlin-Halensee


Sonntag, 17. November 2019, 18 Uhr:
Abendandacht. Mit geistlicher Musik aus Frankreich. Texte und Improvisationen.Claude Goudimel: Genfer Psalter (1565)
Jehan Alain: Messe modale (1923)
Johannes Hampel, Violine
Nadia Boldakowa, Violine
Ursula Hillermann, Viola
Albrecht Kleinlein, Violoncello
Frauenchor – MännerchorKathrin Freyburg, Leitung
Joachim Krätschell, Lesungen
Christian Hagitte, ImprovisationenHochmeisterkirche, Westfälische Straße 70A, 10709 Berlin-Halensee

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“Mein Falk ist der Kapp und der Stange so leid”

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Okt 152019
 
Alles wartet auf Janine, das Sakerfalkenweibchen. Vorführung der uralten Kunst der Beizjagd mit dem Falken. Greifvogelpark Umhausen, Ötztal, 28.08.2019

Gespanntes Ausharren im weiten Rund des Greifvogelparks. Stille herrscht. Der Falkner wartet auf Janine, das Sakerfalkenweibchen. Gleich wird sie heranstürmen auf wendigen Flügeln! Wir wohnen einer Vorführung der uralten Kunst der Beizjagd mit dem Falken bei. Eine willkommene Gelegenheit, der vielfachen Erwähnungen der Beizjagd in Franz Schuberts Liedern zu gedenken, die weiterhin in meinem Herzen summen! “Mein Falk ist der Kapp und der Stange so leid”, heißt es im “Lied des gefangenen Jägers”.

Wir legen uns die Szenerie des Liedes mit allerlei Ausschmückungen so fest. Dieses etwa denkt der gefangene Jäger:

Müde steht mein Roß im Stall. Es hebt kaum den Kopf. Es scheint zu fragen: “Und wer bist du?” Das lange Warten hat auch meinem Falken zugesetzt. Das beständige Sitzen auf der Stange hat ihn mißmutig gestimmt, die engsitzende Kappe betäubt ihn offenkundig. Gefangenschaft – diese Gefangenschaft! – macht krank. Dieses Leben hier widert mich an! Das edle Windspiel, das mein Vater mir zum 18. Geburtstag geschenkt hat, verweigert seit Tagen die Nahrungsaufnahme. Sein Blick – ein einziger langgezogener Vorwurf! O wie anders war es doch, als ich dem Hirschen im Buchenwald nachhetzte, den Bluthund auf seine Fährte setzte, den Bogen gespannt, als ich meinen Falken Jenny auf Fasanen und Rebhühner jagen ließ! […]

Hier der Text, den Schubert vertont hat. Es handelt sich um eine Übersetzung des “Lay of the imprisoned huntsman” aus Walter Scotts “Lady of the Lake”.

Mein Roß so müd in dem Stalle sich steht,
Mein Falk ist der Kapp’ und der Stange so leid,
Mein müßiges Windspiel sein Futter verschmäht,
Und mich kränkt des Turmes Einsamkeit.
Ach wär ich nur, wo ich zuvor bin gewesen,
Die Hirschjagd wäre so recht mein Wesen,
Den Bluthund los, gespannt den Bogen:
Ja solchem Leben bin ich gewogen.

[…]

Wie sagte und sang doch Walter Scott:

My hawk is tired of perch and hood,
My idle grey-hound loathes his food,
My horse is weary of his stall,
And I am sick of captive thrall.
I wish I were, as I have been,
Hunting the hart in forests green,
With bended bow and blood-hound free,
For that’s the life is meet for me.

“I hate to learn the ebb of time,
From yon dull steeple’s drowsy chime,
Or mark it as the sun-beams crawl,
Inch after inch, along the wall.
The lark was wont my matins ring,
The sable rook my vespers sing;
These towers, although a king’s they be,
Have not a hall of joy for me.

“No more at dawning morn I rise,
And sun myself in Ellen’s eyes,
Drive the fleet deer the forest through,
And homeward wend with evening dew;
A blithesome welcome blithely meet,
And lay my trophies at her feet,
While fled the eve on wings of glee, –
That life is lost to love and me!”

Nachweise:

Lied des gefangenen Jägers. Aus Walter Scotts Fräulein vom See. Etwas geschwind. In: Schubert-Album. Sammlung der Lieder für eine Singstimme mit Pianofortebegleitung von Franz Schubert. Nach den ersten Drucken revidiert von Max Friedlaender. Band II. Leipzig, C.F.Peters, o.J., S. 106-109

Lay of the imprisoned huntsman. In: The Lady of the Lake. By Walter Scott. Edited with introduction and notes by Elizabeth A. Packard. Head of English and History in the High School at Oakland, California. The Macmillan Company, Published April 1900, o.O., Seite 162-163

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Viel Glück und viel Regen

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Okt 082019
 
John Cage. Postcard from Heaven. Ein Wandelkonzert. Aufführung am 4. Oktober 2019

Geheimnisvolle Ragas, zyklisch gestaffelte Talas, immer wieder leicht abgeänderte Tonfolgen durchschweben die Räume in der Sammlung Hoffmann, wir wandeln an rätselhaften Kunstwerken vorbei. Draußen schüttet der Himmel immer wieder nach, er trommelt seine Wassertropfen in tränendem Tremolo an den Fensterscheiben nieder.

Die Postcard from Heaven, die John Cage 1982 komponierte, entfaltet ihren unergründlichen Bann. Die 20 ausführenden Harfenistinnen, unter denen auch zwei Harfenisten weilen, suchen sich ihren Raum, versunken lauschend, nachsinnend, die Ohren spitzend zu den anderen Harfen hin. Hört jemand zu? Bange Frage! Ein beständiges Werben, Zirpen, Bitten, Flehen, Zupfen, Zagen durchzittert den Klangraum.

Unsere Geburtstagsglückwünsche gelten heute, am 4. Oktober 2019, Gerd de Vries, unser Dank der großzügigen Gastgeberin Erika Hoffmann.

Der Nachhauseweg auf den Rädern wird nass, sehr nass. Der Himmel hat den 20 Harfen zugehört, er sendet mehrstündige Segenswünsche über das nächtlich dunkle Berlin. Und in den Schuhen sammelt sich das Wasser an. Als gingen drei Viertel eines Jahrhunderts zu Ende.

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Was kann ich für das Klima tun?

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Sep 242019
 
Kinder beschreiben, was sie für den Klimaschutz tun. Freiluftausstellung der Finow-Grundschule, Ebersstraße, Berlin-Schöneberg. Heute! Jetzt! Hier!

“Ich kann Dreck aufräumen.”
“Ich laufe zur Schule.”
“Keine Silvesterraketen benutzen.”
“Schützt Tiere, fahrt Bus!”
“Lauft mehr, schützt Pflanzen!”
“Mit einem Ball spielen statt mit Geräten, die Strom brauchen.”
“Ich kaufe Dinge ohne Verpackung.”
“Ich kann zu Fuß gehen und ich kann nicht mit dem Auto fahren. Und ich fliege nicht.”
“Ich kümmere mich um Pflanzen.”

Mir gefallen diese Vorschläge, Zusagen und Berichte der Kinder in unserer Nachbarschaftsschule! Statt anzuklagen, höre ich aus ihren Werken heraus: “Und? Was kann ich tun? Schimpfen, anklagen, fordern, anderen ein schlechtes Gewissen einreden, das mögen andere machen. Ich aber will etwas tun! Ich bin verantwortlich. Zwar bin ich nur einer von über 7 Milliarden 737 Millionen Menschen. Aber ich kann sehr wohl etwas Gutes bewirken!”

Die kleine Ausstellung mit “Kinderkunst auf Papier” in der umhegten Anlage des Schulhofes sagt mir sehr zu. Sie ist ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht!

Gut. Sehr gut habt ihr das gemacht, Kinder! Eine echte Klimaverbesserung für das gequälte Gemüt! Danke!

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Lebendiges Farbenspiel des Wassers im Gebirg

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Sep 162019
 
Der Wannenkarsee, Aufnahme vom 03.09.2019

Der hinter uns liegende Wanderurlaub in den Ötztaler und Stubaier Alpen brachte uns die vielfachsten Mühen und Freuden.

So etwa diese: Nach mäßig anstrengendem Aufstieg durch das Windachtal erreichten wir am 03. September gegen die Mittagsstunden den Wannenkarsee auf etwa 2000 m Höhe. Ein herrliches Farbenspiel entfaltete sich plötzlich vor unseren Augen, schillernd-türkis, blau spielend, dann umschlagend ins satte, geheimnisvolle Grün unter einem nahezu glatt daliegenden Gewässer – ein Hochgenuss für die Augen! Die Lungen weiteten sich, sogen gierig die leicht eisig angehauchte Luft ein! Darüber etwas letzter Schnee! Alte zusammengeschmolzene Ferner, die den Sommer überlebt hatten! Ein Bild, wie es nur für diesen Augenblick Bestand hatte! Dann vorbei war.

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Aug 212019
 
Blick auf Sergijew Possad, Aufnahme vom 17.08.2019

Behutsam langsame Annäherung an Sergijew Possad am vergangenen Samstag, langsamen Schrittes wie die Pilger im Pilgerzug auf dem Weg zum Dreifaltigkeitskloster. Unser Pilgerzug ist die Elektritschka, der Vorortzug von Moskau her. Hinter Puschkino beginnt der endlose Einmarsch der fliegenden Händler: sie verkaufen nacheinander Tücher, Putzmittel, Hüte, Taschen, ja sogar einen Molekularkleber, der – im hohen Tenor des Verkäufers angepriesen – alles heilt, alles schweißt, was zerbrochen ist.

Ben zi bena, gelid zuo gelida, so si geliminan sin! Man muss nur glauben an die Kraft des Klebers. Das war schon in uralten Zeiten so! Und so ist es auch heute.

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Wo einst “Shared Space” war, ist jetzt “Gated Community”

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Aug 202019
 
Der Schulhof der Teltow-Grundschule, Aufnahme vom 20.08.2019

Nachdenklich, fast traurig stimmt mich die Betrachtung des neuen Zustandes, in den der Schulhof der Schöneberger Teltow-Grundschule versetzt worden ist. Wir erinnern uns: Der Schulhof dient eigentlich der unbeschwerten Nutzung durch die Kinder in den Pausen, doch war er stets allen anderen Bürgern als Durchgang freigegeben. Die Radfahrer durften nicht durchfahren, sondern mussten zum Schutz der herumtollenden Kinder absteigen. Der Autoverkehr war ganz ausgeschlossen.

Doch nur die wenigsten Radfahrer hielten sich an das Durchfahrverbot, die meisten fuhren durch, sehr zum lauten Missfallen der Kinder. Über mehr als zwei Jahre versuchte man alles, um die Herren und Damen Radfahrer zum Absteigen und Schieben zu bewegen: Lustige bunte Plastikmännchen wurden aufgestellt, Blumenkästen verwandelten die frühere Rennstrecke der Radfahrer in einen Hindernis-Parcours. Gelegentlich kontrollierten Mitarbeiter des Ordnungsamtes oder auch Polizisten und ermahnten die fahrenden Radfahrer. Nichts half.

Im Gegenteil: Die Kinder lernten auf dem Pausenhof Tag um Tag von den Erwachsenen, dass man sich nicht an Verkehrsregeln halten muss, dass die Erwachsenen das nicht einhalten, was sie den Kindern immer wieder predigen.

Ich meine: Schon hier in der kleinen Welt des Schulhofes funktioniert das Zusammenleben nicht so richtig. Achtsamer, schonender Umgang miteinander, Einhaltung der Regeln sind eine Grundvoraussetzung für das gemeinsame Wachsen und Gedeihen der Gesellschaft. Wenn bereits hier immer wieder Rücksichtslosigkeit vorgelebt wird, wie soll dann das große Ganze klappen? Hat es dann einen Sinn von Klimaschutz, von der “Rettung der Welt”, von der Solidarität mit den Schwachen (also in dem Fall mit den Kindern) zu reden?

Ich meine: nein! Das ganze scheppernde Gerede von der Rettung der Erde, von der Klimarettung, von der klimaneutralen Wirtschaft und was dergleichen hochtrabende Reden mehr sind, hat doch keinen Sinn, solange nicht Tag um Tag, Mensch für Mensch vorgelebt wird, dass es uns ernst ist mit dem, was lauthals vorgeplärrt wird über alle Kanäle!

Nun, jetzt ist der ehemalige gemeinsame Raum, der “Shared Space”, wo spielende Kinder, schiebende Radfahrer, erwachsene Spaziergänger schiedlich friedlich hätten miteinander auskommen können, in eine “Gated Community”, eine umzäunte Gemeinde umgewandelt worden. Zäune schützen jetzt die Kinder in einem umhegten Raum, ein letztes schmales Band wird für die Radfahrer an der Seite freigehalten, die zusätzlich durch mächtige, aufgerüstete Blumenkasten-Balken am Durchbrettern gehindert werden. Die Postbotin muss nunmehr ihren Hänger vom Fahrrad abkuppeln, um überhaupt durchzukommen.

So weit ist es also gekommen. Kein bucklicht Männlein winkt uns mehr zu. Dann braucht man aber auch nicht mehr von Rettung der Welt oder vom Erreichen des 2-Grad-Zieles zu sprechen. Was im Kleinen, im Schulhofmaßstab nicht funktioniert, wird auch im Großen, im globalen Maßstab nicht gelingen.

 Posted by at 21:16