Feb 182024
 

Aus Italien erreichte mich soeben folgendes Rätsel:

Was ist die richtige Aussprache von „pera“, pèra mit offenem E wie Pèroxid, oder péra mit geschlossenem E wie in Péter?

Il blogger schöneberghese risponde:

La pronuncia corretta di pera dipende dal contesto.

La pèra era nel passato una tasca („Tasche, Ranzen“), una bisaccia („Satteltasche“). 

Pèra („er/sie möge sterben“), nel senso di muoiacrepi è il congiuntivo presente di perire.

Vedi per esempio il coro finale nella Dalinda del Donizetti: „Pera, pera, figlio suo, figlio suo, che orror!“

La péra („die Birne“) è un frutto carnoso commestibile.

A voi la scelta!

Francamente, io preferisco di gran lunga la péra alla pèra pesante del passato, per non parlare delle maledizioni di tipo pèra, pèra!

Fonti citate:

  • Newsletter Dizione.it, 18 febbraio 2024
  • Gaetano Donizetti: Dalinda. Dramma in tre atti. Napoli, 1838. Riduzione per canto e pianoforte a cura di Eleonora Di Cintio. Ricordi, Milano 2022, Rondò finale, pp. 253-256

Foto: Spuntano i primi crochi lungo il sentiero del parco Hans Baluschek, 18 febbraio 2024

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Feb 132024
 

„Es gilt viele Mauern abzubauen“ – der fröhliche kühne Luftzug der Freiheit war in den Jahren 1989 bis etwa 1998 zu spüren. Wer erinnert sich noch daran? Dieses Mauergemälde an der East Side Gallery, ob es heute wohl noch zu sehen ist? Ob die Menschen es heute noch verstünden?

„Spiegami un po‘ la politica tedesca…! C’è un rischio che la destra vinca?“ Erklär mir doch mal die deutsche Politik! Droht ein Sieg der Rechten?

So fragte mich ein freundlicher Italiener bei einer meiner langgestreckten Bahnfahrten.

Meine Antwort fasse ich – hier in deutscher Sprache – so zusammen:

Ich bemerke heute eine damals – beim Fall der Berliner Mauer – unvorstellbare, mir unfassbare Verzagtheit im Denken, im Fühlen der deutschen Gesellschaft.

Wo ist da der Wagemut, wo ist der Glauben an etwas Gutes, wo ist die Zuversicht abgeblieben? Es fehlt in Deutschlands Politik jede versöhnliche Geste, es fehlt heute in Deutschland schmerzhaft an Mauereinreißern, an Brückenbauern.

So weit ungefähr meine Darstellung gegenüber einem italienischen Bahnreisenden.

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Feb 122024
 

„Ci sono momenti in cui ciò che si colloca ai lati della nostra vita e che pare le farà da sfondo in eterno – un impero, un partito politico, una fede, un monumento, ma anche semplicemente le persone che fanno parte della nostra quotidianità – viene giù in modo del tutto inaspettato, e proprio mentre mille altre cose c’incalzano. Quel tempo fu così. Giorno dopo giorno, mese dopo mese, a fatica si aggiunse fatica, a tremore tremore. Per un lungo periodo mi sembrò di essere come certe figure dei romanzi e dei quadri che stanno ferme su una rupe o sulla prua di una nave fronteggiando una tempesta che però non le travolge e anzi nemmeno le sfiora.

„Es gibt Zeiten, in denen all das, was an den Randzonen unseres Lebens steht und den unerschütterlichen Hintergrund zu bilden scheint – ein ganzes Reich, eine politische Partei, ein Glaube, ein Denkmal, oder auch einfach nur die Menschen, die zu unserem Alltag gehören – völlig unerwartet zusammenstürzt, während tausend andere Dinge auf uns eindrängen. So war es auch in dieser Zeit. Tag für Tag, Monat für Monat türmte sich Mühsal auf Mühsal, folgte Erschütterung auf Erschütterung. Lange Zeit fühlte es sich an, als wäre ich wie so manche Gestalten in Romanen, auf Gemälden, die reglos auf einer Klippe oder am Bug eines Schiffes stehen und einem Sturm die Stirn bieten, der sie allerdings nicht hinwegfegt, sondern sie ganz im Gegenteil auch nicht ansatzweise streift.“

Eine der bezauberndsten, ja verzauberndsten Begegnungen, die ich in den letzten Wochen erfahren durfte und noch darf, ist diejenige mit Elena Greco, geboren im August 1944, aufgewachsen in einem der armen Außenbezirke Neapels. Über sechs Jahrzehnte hinweg spannt sie den Bogen ihrer Ich-Erzählung; der unbestechlichen Autorin Elena Ferrante weiß ich es sehr zu Danke, dass sie diese Erzählungen getreulich aufgezeichnet hat, und zwar so, dass am Wahrheitsgehalt der berichteten Ereignisse sich jeder Zweifel verbietet.

Ich habe sogar hier in unserem kleinen schönen Randbezirk einen Lesezirkel gegründet, in dem wir Erfahrungen, Sorgen, Nöte aus der Lektüre miteinander teilen und das ganze tragische Geschehen vor unseren Augen abrollen lassen. Freilich ohne eingreifen zu können! Wir teilen als Leser das bittere Gefühl zu spät zu kommen, nichts mehr ändern zu können, zumal die vier Bände dieser Lebensbeschreibungen schon wohlgeordnet vorliegen.

„Ach, lassen wir sie handeln, wie sie handeln müssen! Sie sind alle unlösbar ineinander verstrickt, es ist doch ein unentwirrbarer Knaul, vergleichbar einer Tetralogie des Dionysos-Theaters“, entfuhr es mir einmal in tiefem Mitleiden. -„Ein Knaul? Nein, kein Knaul ist es, es ist ein wohlgeordnetes Ganzes, das sich freilich nur einem Gott in der Überschau zu erschließen vermöchte – nicht uns!“, erwiderte mir lächelnd eine Mitleserin.

Und so lasse ich es denn beruhen; diese Figuren – Lila, Lenù, Pietro, Nino, Dede, Elsa, und wie sie alle heißen – gleichen in der Tat Gestalten der attischen Tragödie, in die wir uns hineinversetzen mit Haut und Haar – und von denen wir doch getrennt bleiben, auf immer andere; hierher, nur hierher mögen wohl die folgenden Verse Goethes passen:

„Und sie scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um sie der hellste Tag,
Glücklich, dass das Schicksal, das sie quälet,
Sie doch nicht verändern mag.“

Zitatnachweis:
Elena Ferrante: Storia della bambina perduta. L’amica geniale. Volume quarto. Edizioni e/o, Roma 2014, 15a ristampa 2018, p. 354-355; deutsche Übersetzung des kleinen Bruchstückes vom hier schreibenden Johannes Hampel

Bild:
Das Eismeer. Gemälde von Caspar David Friedrich. Gesehen am 23. Januar 2024 in der Kunsthalle Hamburg

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Verlust und Gewinn, morgendlich

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Feb 052024
 

Früh ist es, da schleicht ein einsamer Wanderer an diesem kahlen Baum vorbei. Zauber der Stille im Innehalten! Wer hat denn dieses feine Geäst so zart, so ausgeglichen in die aufleuchtenden Wolken gezeichnet? Wer führte die Hand des Zeichners? Wer erkannte, dass hier ein Maler am Werke war, bei dem selbst ein Caspar David Friedrich in die Schule hätte gehen können?

Mehr noch: Wog diese einzige, greifbare, vergängliche Zeichnung des Morgens nicht alle Trauer über die Verluste auf, über den verlorenen steinigen „Ostseestrand“, den verbrannten „Hafen in Greifswald“, die hingeraffte „Augustusbrücke“, die zu Asche zerstobene „Abendstunde“ – alles Werke, die am 6. Juni 1931 im Münchner Glaspalast in Flammen aufgingen?

Ja, es ist noch nicht alles zu Ende. Immer wieder erhebt sich die Sonne. Es gibt Grund zu hoffen. Mit diesen Gedanken griff der Wanderer in seinen Rucksack, holte den Schlüssel zur Haustür hervor, öffnete die Tür. Jetzt – war er da. War angekommen im Tag.

Hinweis:
Florian Illies: FEUER. In: ders., Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023, S. 13-77, hier bsd.: S. 13-14

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„Sermo potius quam oratio dicitur“. Note sulla traduzione erasmiana di Giovanni 1,1

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Feb 042024
 

Traduzione dal tedesco del post del 18 novembre 2016:

Per la comprensione della formula erasmiana „in principio erat sermo“ come traduzione del noto Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, l’uso ciceroniano del vocabolo sermo mi sembra abbastanza decisivo. Cicerone e, in misura minore, Cesare erano la linea guida vincolante di un buon uso esemplare del latino per gli umanisti come Erasmo. Nell’opera di Cicerone, sermo si riferisce a una conversazione, o a un discorso sciolto, fluente, gentile, non violento, in lingua naturale, come diremmo oggi. Mentre il discorso retorico, l‘oratio abilmente realizzata – sia in tribunale, sia nell’assemblea del popolo, sia in senato o durante le celebrazioni – suscita passioni, cerca di influenzare e sopraffare l’ascoltatore, il sermo filosofico coltiva un’interazione socievole; Il sermo cerca lo scambio, non la vittoria; l’incontro, non la sopraffazione; il dialogo, non il monologo (unius oratoris lucutio); la comunione nella parola, non l’unione forzata in una volontà collettiva. Cicerone scrive, ad esempio, nel suo Orator ad Brutum:

Mollis est enim oratio philosophorum et umbratilis nec sententiis nec verbis instructa popularibus nec vincta numeris, sed soluta liberius; nihil iratum habet, nihil invidum, nihil atrox, nihil miserabile, nihil astutum; casta, verecunda, virgo incorrupta quodam modo. Itaque sermo potius quam oratio dicitur. Quamquam enim omnis locutio oratio est, tamen unius oratoris locutio hoc proprio signata nomine est.

Cicero, Orator ad M. Brutum, 64

Il sermo lascia quindi all’interlocutore la sua libertà di scelta; l‘oratio mira ad accattivare, influenzare, incantare e persuadere – per cui ogni mezzo è giustificato, compresi gli insulti, le lodi, l’istigazione all’odio, il balbettio supplichevole.

Cicerone attribuisce la suddetta libertà di scelta in particolare al dialogo filosofico, non al discorso pubblico impreziosito.

Ora, con la sua proposta di traduzione di Giovanni 1 „In principio erat sermo“, Erasmo attribuisce anche questa libertà di scelta all’azione creatrice di Dio; viceversa, la frase del prologo di Giovanni acquista un nuovo e profondo significato in quanto questa libertà di dialogo viene attribuita anche all’uomo. Erasmo, che conosceva e venerava Cicerone, trasferisce il discorso informale del dialogo filosofico al dialogo di Dio con la creazione, al dialogo della creatura con Dio, al dialogo tra gli esseri umani.

Un concetto così ampio di libertà nettamente separa Erasmo da Lutero. Lutero non conosceva e non riconosceva la libertà in questo senso ampio e globale. La formula di Lutero era servum arbitrium; Erasmo, invece, ha abbracciato la causa del liberum arbitrium, la libertà del libero arbitrio. Questa è la fede erasmiana nella libertà, che lo distingue profondamente da Lutero, con la sua dipendenza assoluta e fatale dell’uomo dalla volontà di Dio.

Ma noi andiamo ancora oltre: con la formula „In principio erat sermo“, Erasmo rifiuta la dipendenza dell’uomo dal destino. La comunità di destino diventa una comunità di dialogo. Il dialogo divino da cui emerge il mondo non è già con Dio, ma piuttosto verso Dio (πρὸς τὸν θεόν), e quindi ci rende liberi. Ci libera dalla schiavitù della colpa. Livella la differenza abissale tra Dio e l’uomo. „Spianate nella steppa la strada“, questo versetto di Isaia (40,3), riferito a Cristo, significa: c’è un dialogo tra Dio e l’uomo, e colui che apre la strada a Dio, per la fede erasmiana nella libertà, non può che essere Gesù. In lui, attraverso di lui e con lui, si verifica l’emergere di un nuovo modo di pensare la libertà, che non esisteva in questa forma radicale prima del Vangelo di Giovanni, e che da allora è stato abbandonato tante volte.

Vangelo secondo Giovanni, Novum testamentum graece, ed. Erasmiana, 1,1-13

Foto:
Un dialogo. Affresco a Castel Roncolo presso Bolzano, foto del blogger chi scrive, 12/08/2016

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Mond, Meer und Rosen in allen Farben

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Jan 312024
 

O, wie schön leuchtet doch der Mond, ehe der Sänger seinen Gesang anhebt im Blackmore’s! „Der Mond, irgendein Mond?“ – „O nein, der Wonnemond, dem die Winterstürme wichen!“

Aber im Ernst: Aus Wagners Walküre diese „Winterstürme wichen dem Wonnemond“, begleitet vom wunderbar getreuen Begleiter Uwe Streibel, vortragen zu dürfen, war ein wildes, berauschendes, beflügelndes Erlebnis. Zum Ausgleich „Torna a Surriento“ sang ich von Ernesto de Curtis hinterdrein. Da ist lächelndes Einverständnis zu hören, eine Liebe, die allem Abschied voraus ist, weil sie fest an das Wiederkommen glaubt!

Und das Duett „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ von Carl Zeller passte zum Auftakt wundersam genug ebenfalls hinein – vorgetragen mit Heike Borchardt.

Stürmische Wogen spielten im milden Mondschein, Rosen in allen Farben leuchteten drein – ein verspieltes konzertantes Geburtstagsfest, ein geselliges Gesamtkunstwerk der Friends of Florence, an das wir gerne und lange zurückdenken!

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Langsam lesen, ja das ist’s!

 Knaul, Kochen, Mündlichkeit, Schöneberg, Schriftlichkeit  Kommentare deaktiviert für Langsam lesen, ja das ist’s!
Jan 272024
 

Close reading, langsam lesen, klingen lassen, vorlesen, hören, zuhören, eintauchen in das dichte Gespinst, das feine Gewebe, den teilweise unentwirrbaren Knaul aus Gedanken, Gefühlen, Erlebtem und Erfahrenem, diesen groviglio, garbuglio, o gnommero, wie es der dottor Ingravallo, von dem uns Carlo Emilio Gadda berichtet hat, immer wieder zu sagen pflegte. Das ist es! Das wäre es!

Darüber, über diesen Knaul der Vielfalt, schreibt Italo Calvino:

„Carlo Emilio Gadda cercò per tutta la sua vita di rappresentare il mondo come un garbuglio, o groviglio, o gomitolo, di rappresentarlo senza attenuarne affatto l’inestricabile complessità, o per meglio dire la presenza simultanea degli elementi più eterogenei che concorrono a determinare ogni evento.“

Nachweis: Italo Calvino: Molteplicità. In: Italo Calvino: Lezioni americane. Sei proposte per il prossimo millenio. Con uno scritto di Giorgio Manganelli. Milano, Mondadori 2023, Seite 103-122, hier Seiten 103 und 105

Foto: Tagliatelle con ragù alla bolognese – ein unentwirbarer Knaul. Gesehen, gegessen, genossen am 18. Januar 2024 im Talea, Botanisches Bistro, Ebersstr. 27A, Berlin-Schöneberg

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Jan 252024
 

Gewaltig ragt er da auf, unser Watzmann,
So dass jeder ihn bewundern kann,
Mir lange vertraut aus frühesten Kindertagen!
Doch kann ich der Befremdung mich nicht entschlagen,
War er auch damals so schroff, so weltenthoben,
Eiskalt ins Herz hinan, so schneebestoben?
Und drängte er seine Frau so patzig und grob
Zur Seite, wenn sie ihr Haupt erhob?
Und kümmerte er sich damals so wenig um seine sieben Kinder,
Die ihm zum Trotz mit Semmeln spielten und tobten, die Sünder?
Ja, ja, der Watzmann, er war ein Tyrann,
Der seine Rute über Weib und Kinder schwang,
Verhängnis bracht er über seinen Stamm,
Bis zum heutigen Tag versteint ist der König Watzmann
Mit seiner ganzen elenden Bagasch,
Da hängt er nun traurig und lasch
In der Hamburger Kunsthall an der Wand,
Wo ich ihn gestern im Menschengedräng fand.

Und doch bin ich ihm nicht gram,
Er ist eben doch – immerhin! – nicht zahm,
Ist ein Original, das Original von so vielen Fälschungen,
Von Schwindel, Hinterhalt und dreisten Täuschungen!

Ja, hänge da nun, ruhe da nun, nichts hast du zu tun.
Also sei ruhig und lass dich bestaunen,
Lass die Leut raunen.

„Du hoitst as Mai!“

Bildnachweis:

Caspar David Friedrich: Der Watzmann. Öl auf Leinwand. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Leihgabe der Deka Frankfurt am Main.

Gemälde gesehen am gestrigen Abend, dem 23. Januar 2023, in der Kunsthalle Hamburg

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Die Schrift ein Knaul

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Jan 132024
 

„Dasjenige, was von meinen Bemühungen im Drucke erschienen, sind nur Einzelnheiten, die auf einem Lebensboden wurzelten und wuchsen, wo Thun und Lernen, Reden und Schreiben unablässig wirkend einen schwer zu entwirrenden Knaul bildeten.“

Eine höchst merkwürdige Selbstaussage Goethes ist dies, die mir seit einigen Wochen nachschleicht und beschäftigt hält! Hatten wir uns nicht angewöhnt, in Goethe einen Zögling und Meister der Form zu erblicken? Wie konnte er so spät, nämlich im Jahr 1816, rückblickend auf sein eigenes Leben jede Form, jedes literarische Gestalten als vorläufigen, als tastenden Versuch des Ordnungsschaffens in der Wirrnis erklären?

Ist es nicht so: Allzu oft erwarten wir vom gedruckten Wort, vom wohlgeformten Werk eines Dichters oder Schriftstellers eine Botschaft über das, was das Leben ist und meint, was der Sinn ist oder sein könnte: und doch werden wir immer wieder enttäuscht! Ja, der Dichter selbst wird immer wieder enttäuscht. Die Schrift ist nichts Endgültiges: sie ist etwas Abgeleitetes, etwas aus dem unklaren Erfahren und Erleben buchstäblich Herausgesponnenes. Sie ist also kein Abbild dessen, was ist oder sein könnte, sondern ein Versuch, sich einen „Reim auf das Ungereimte“ zu machen. Die Literatur, die Schrift ist nichts Letztes, ist nicht der Weisheit letzter Schluss und wird es nie sein.

Möglicherweise waren es solche Gedanken, die Goethe im letzten Drittel seines Lebens wieder und wieder beschäftigten, die ihn dazu führten, sich selbst, sein ganzes vielbändiges Werk als einen Versuch zu sehen, Licht ins Dunkel zu werfen, Unerklärliches zu erklären und dann wieder im Dunklen, im Unerklärlichen stehen zu lassen – oder besser: verschwinden zu lassen.

Zitat:

Johann Wolfgang Goethe: Summarische Jahresfolge Goethe’scher Schriften. Über die Ausgabe der Goethe’schen Werke. Morgenblatt 1816. Nr. 101. Zitiert nach: Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. 42. Band, Erste Abtheilung. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1904, Seite 81

Foto:

Blick vom Goetheturm am Sachsenhäuser Landwehrweg auf die Stadt Frankfurt. Foto mit Skizzenbuch des Verfassers, 20. Oktober 2023

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Vorbildlicher Mut bei der Verteidigung der Menschenwürde und der Heimat

 Berchtesgaden, Heimat, Nationalsozialismus  Kommentare deaktiviert für Vorbildlicher Mut bei der Verteidigung der Menschenwürde und der Heimat
Jan 072024
 

https://www.theguardian.com/world/2024/jan/03/residents-of-hitler-alpine-home-berchtesgaden-rise-up-against-neo-nazi-visitors-germany

Der britische Guardian berichtete gleich zu Jahresbeginn, am 4. Januar 2024, wie in der Berchtesgadener Musikkneipe Kuckucksnest ein Grüppchen Neonazis auf einen behinderten Mitbürger losging und mutwillig eindrosch. Das mutige Eingreifen einiger Stammgäste und des Wirts vom Kuckucksnest verhinderte Schlimmeres.

„Einschüchtern heißt für die Feiglinge, einem geistig Beeinträchtigten ins Gesicht zu schlagen und dann davonzulaufen“, sagt Palm. „Ihr wisst gar nicht, was ihr da angestellt habt.“ So berichtet die Münchner Abendzeitung über diesen Vorfall.

Bin stolz auf meinen Verwandten Jakob Palm, den Wirt vom Kuckucksnest (dessen Urgroßvater Karl Seiberl übrigens auch mein Großvater war). In seinem Instagram-Post hebt Jakob ausdrücklich hervor: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dieses Gebot gilt uneingeschränkt auch dann, wenn wir uns der rohen Gewalt entgegenstellen und die Hilflosen schützen.

Vorbildlicher Mut von Berchtesgadener Bürgern, sich nun dem extremistischen Nazi-Mob und auch dem NS-Kult entgegenzustellen! Gute Initiative, die Von-Hindenburg-Allee endlich umzubenennen! (Ich bin sowieso immer viel lieber die Kälbersteinstraße entlanggegangen). Hindenburg passt sicher nicht – oder heute nicht mehr – nach Berchtesgaden; man sollte zwar wissen, wer er war und welche Rolle er gespielt hat, aber durch eine Straße sollte man ihn nicht weiterhin ehren.

Widerstand in Berchtesgaden: „Wollen keinen Nazi-Tourismus“ | Abendzeitung München (abendzeitung-muenchen.de)

Bild: Erinnerung an den Berchtesgadener Volkskundler Rudolf Kriß. Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus leistete er neben einigen anderen in Berchtesgaden Widerstand gegen das vor aller Augen verübte Unrecht.

 Posted by at 20:23

Zum Antritt des neuen Jahres 2024

 Eigene Gedichte, Freude  Kommentare deaktiviert für Zum Antritt des neuen Jahres 2024
Jan 012024
 

Du blick dich um von deines Insulaners Gipfel!
Das neue Jahr beginnt verhalten,
Es übernimmt so manche Last vom alten,
Und gibt die Sicht frei über kahler Bäume Wipfel.

Da hinterm Gasometer, da wohnst du,
Und da ist deines Daseins kleiner Kreis,
Da wartet auf dich, was noch keiner weiß,
Und dort gärt auch die Stadt, stets ohne Ruh.

Dann sammle dich, erkenne, was du bist, 
Beschränke dich, doch nicht zu sehr,
Der kleinste Fluss fließt ja doch auch ins Meer.
Nun freue dich auf das, was dir erreichbar ist!

Johannes Robert Hampel, Blick vom Insulaner auf das Gasometer Schöneberg, am 1. Januar 2024

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Vom heilenden Blick eines Hundes

 Erosion des Staates, Freude, Liebe, Unverhoffte Begegnung  Kommentare deaktiviert für Vom heilenden Blick eines Hundes
Dez 132023
 

Unverhoffte Begegnung. Langsam setzt sich die S-Bahn in Bewegung. Draußen ziehen streifig die Häuser vorbei, an dunklen Fichtenästen schmelzen letzte Schneereste. Die gesperrte Fußgängerunterführung von Eichwalde wartet seit vielen Jahren auf den Fortgang der Bauarbeiten. Seit sechs Jahren wartet die ebenfalls gesperrte Fußgängerunterführung von Zeuthen auf den Fortgang der Bauarbeiten. Ich spreche eine Mitreisende an. Was ist da los? „Nicht einmal das klappt also in diesem Land!“ – An einer simplen Bahnunterführung scheitert schon die Planungs- und Handlungsfähigkeit der staatlichen Akteure. „Das stimmt mich höchst besorgt über den Zustand unserer Wirtschaft in Deutschland überhaupt“, erklärt mir die mitreisende Eichwalder Bürgerin, mit der ich angeregt in der S-Bahn plaudere. „Dass die Bahn es nicht schafft, unsere Bahnhöfe, die eigentlich Schmuckstücke sind – damals, im 19. Jahrhundert gebaut in wenigen Monaten! – oder sein könnten, in einigermaßen zugänglichem Zustand zu halten! Die Kioskbetreiber kämpfen um das nackte Überleben.“

Ich suche beim Heimfahren einen festen Halt in der Umgebung. Da – eine Frau mit Hund steigt ein. Der Hund legt sich unter die Bank mir gegenüber, betrachtet mich unverwandten Blicks. Ich merke auf: Die Augen dieses treuen Hundes strahlen etwas zutiefst Menschliches aus, dem kein noch so hartes Menschenherz widerstehen kann! Seine Herrin weiß und fühlt das. Sehen kann sie es nicht. Denn sie ist ja blind. Unverhofft strahlt mich dieses Wunder in der S46 an, irgendwo zwischen Eichwalde und Johannisthal. Und vertreibt alles Grämen und Barmen ob der Handlungs- und Planungsunfähigkeit staatlicher oder staatsnaher Akteure selbst bei kleinen Projekten.

Danke, du lieber Hund!

 Posted by at 22:46
Nov 232023
 

Wie sehen uns Deutsche die anderen? Um diese Frage zu beantworten, ist es immer gut, die Auslandspresse zu lesen, so etwa heute die Neue Zürcher Zeitung! Besonders zu empfehlen ist der folgende Kommentar:

René Höltschi: Besoffen von den Staatshilfen. Milliarden für Chipfabriken und Wasserstoffprojekte, eine Ermässigung der Stromsteuer für Teile der Wirtschaft, eine Bürgschaft für Siemens Energy: Deutschland hat sich in einen Rausch der Subventionen getrunken. Nun erwacht es mit einem bösen Kater. Neue Zürcher Zeitung. Internationale Ausgabe, 23.11.2023, S. 13

Hier wird der Deutsche als glücklich schlummernder Kater dargestellt, der immer wieder einen Schluck aus der Pulle der staatlichen Subventionen nimmt. „Doch Subventionen sind wie Drogen: Sie machen süchtig.“

Zum Hintergrund:

Das Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Urteil 2 BvF 1/22 vom 15. November 2023 entschieden, „dass das Zweite Nachtragshaushaltsgesetz 2021 mit Art. 109 Abs. 3, Art. 110 Abs. 2 und Art. 115 Abs. 2 Grundgesetz (GG) unvereinbar und nichtig ist“.

Wesentliche Teile des staatlichen Handelns – die Hoheit über die staatlichen Haushaltsgesetze ist nun einmal die Kerndomäne der Parlamente – erweisen sich somit als grundgesetzwidrig und nichtig.

Wie kam es dazu? Der Autor der Zürcher Zeitung meint, die tieferen Ursachen dieser verfassungswidrigen Staatsverschuldung Deutschlands in allzu freigebiger Ausreichung von staatlichen Beihilfen, Zuschüssen, Vergünstigungen, Erleichterungen zu erkennen. Seien diese im Haushaltsjahr 2023 mittlerweile auf 208 Milliarden angestiegenen Finanzhilfen früher zum Teil noch durch die Ausrufung von Krisenzuständen zu rechtfertigen gewesen, so müsse spätestens jetzt eine Besinnung auf die verheerenden Auswirkungen des staatlich gelenkten, wesentlich auf Subventionen beruhenden Wirtschaftens einsetzen. Höltschi zitiert den Präsidenten des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, mit folgender pointierter Aussage:

„Der Staat ist zwar nicht gut darin, die Gewinner von morgen zu finden, aber ganz sicher finden die Verlierer von gestern den Staat.“

Welchen Ausweg schlägt der Schweizer René Höltschi uns Deutschen vor? Er schreibt:

„Statt einzelne Unternehmen und Branchen zu fördern, sollte der Staat die Standortbedingungen für alle verbessern.“

Das hieße: Ordnungspolitik für alle statt Begünstigungspolitik für einige.

Das ist ein höchst bedenkenswerter Ratschlag, wie ich finde! Wir Bürger Deutschlands sollten uns – sofern ich René Höltschi richtig verstehe – weniger als am staatlichen Geld nuckelnde „Kater“, sondern mehr als „Füchse“, als gewitzte, selbständig handelnde Menschen sehen, die jederzeit bemüht sind, aus eigenen Kräften Nahrung zu finden.

(2) René Höltschi auf X: „#Deutschland hat sich in einen Rausch der #Subventionen getrunken. Nun erwacht es mit einem bösen Kater. Das Haushalts-Urteil aus #Karlsruhe böte Anlass zum Entzug. Ein Kommentar. https://t.co/fesI7hOJrX via @NZZ“ / X (twitter.com)

Bild: Ein Fuchs auf Nahrungssuche, gesehen vorgestern am S-Bahn-Gelände beim Hans-Baluschek-Park in Berlin-Schöneberg

 Posted by at 14:26