Apr. 152026
 

Der Ablaufplan der Verhandlungen im Salon Feurig „Zum ewigen Frieden“

In Sachen Krieg und Frieden wurde wie nachstehend verhandelt:

Entwurf eines wahrhaft kriegsbeendenden Vertrages zu einem jeglichen Friedensschluss, welcher als der Möglichkeit nach ewig würde zu gelten haben

vorgelegt 1795 vom Petenten: Immanuel Kant, Bürger und ord. Professor an der Universität Albertina zu Königsberg

Zeit: 10. April 2026, 19.00-21.00 Uhr

Ort: Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg

Textgrundlage: Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Königsberg 1795

Gesprächsleitung: Johannes Hampel

Folgende Aufgaben wurden gestellt und gemeinsam verhandelt:

Thema 1: Kann ein abwandernder Wolf falsche Entscheidungen vor Glaswänden treffen?

SPIEGEL: Was war in Hamburg anders [als bei anderen abwandernden Wölfen]?

Gesa Kluth: Meistens laufen die abwandernden Tiere nachts in die Städte hinein. Am Tag verstecken sie sich dann oder versuchen, wieder herauszufinden. In diesem Fall hat der Wolf offenbar mehrmals tagsüber versucht, aus der Stadt hinauszukommen und ist dabei letztlich in der Innenstadt gelandet. Er hat sich einfach nicht ausgekannt. Der Wolf hat in der Einkaufsstraße offenbar immer wieder viele falsche Entscheidungen getroffen, bis er festsaß. Er soll immer wieder gegen eine Glaswand gesprungen sein, weil er einfach nicht verstanden hat, wie er wieder herauskommt. (Quelle: Der Spiegel, 31.03.2026)

Wie bewertet ihr diese Erklärung?

Thema 2: Eine persönliche Einschätzung: Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ – Ewig zutreffend, zeitlos aktuell?

„Nun ja, ich meine, es ist ja straightforward, was er geschrieben hat. In einer idealen Welt liefe es so; Ansätze gibt es seit dem Völkerbund, wir sehen aber, Staatsmänner, die den Konsens der Anständigen verlassen, verunmöglichen es, und Realpolitik übernimmt und muss übernehmen. Man wüsste auch gern, ob es unter Republiken tatsächlich nie zum Krieg käme, man erinnere sich an klassische griechische Zeiten. Also, als philosophischer Entwurf ist es natürlich ewig zutreffend und zeitlos aktuell, in der Realität nützt dit nüscht, da kommt man mit Machttheoretikern wie good ol Machiavelli oder Foucault weiter. Um es mit Leonard Cohen zu sagen:
Though laws were carved in marble, they could not shelter men.
Though altars built in parliaments
They could not order men.“

Aber es ist wahrscheinlich der lesbarste Text, den Kant je geschrieben hat. (Bürgerin Schönebergs Christina R., 02.04.2026)


Was meint Ihr dazu?

Thema 3: Was ist nach Kants Meinung der Naturzustand, in welchem sich die Menschen vor der Stiftung von Staaten befinden? Oder: Ist der Mensch von Natur aus böse oder gut?

Was ist der „Naturzustand“ von Staaten vor der Stiftung eines allgemein gültigen Völkerrechts?

Thema 4: Was soll der Staat?

Was ist/sind Eurer Meinung nach der Hauptzweck/die Hauptzwecke des Staates?

Was ist laut Kants „Zum ewigen Frieden“ der Hauptzweck des Staates? Vergleiche seine Sicht mit Art. 1 GG!

Und nun … frisch Gesellen, seyd zur Hand bei der Beantwortung folgender Fragen!

Präliminarartikel 1 zum ewigen Frieden:

1. »Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.«

Was kritisiert Kant – für seine Zeitgenossen offensichtlich – an den Friedensverträgen des Jahres 1795?

Präliminarartikel 2:

2. »Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung, erworben werden können.«

Wie bewertet Kant die Grenzveränderungen zwischen Staaten ohne deren Zustimmung, z.B. die 3. polnische Teilung von 1795?

Präliminarartikel 3:

 »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.«

Wie beurteilt Kant die allgemeine Wehrpflicht / den Bürgerwehrdienst je nach Notwendigkeit / die Berufsarmee?

Präliminarartikel 4:

»Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.«

Wie würde Kant das Sondervermögen Bundeswehr bewerten (Art. 87a GG)?

Wie bewertet Ihr das Sondervermögen Bundeswehr (Art. 87a GG)?

Präliminarartikel 5:
Wie bewertet Kant den Interventionskrieg, z.B. zu humanitären Zwecken?

Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewaltthätig einmischen.

Präliminarartikel 6:

Was ist laut Kant die unerlässliche Grundlage jedes Völkerrechts im Kriege (ius gentium in bello)?
»Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder (percussores), Giftmischer (venefici), Brechung der Capitulation, Anstiftung des Verraths (perduellio), in dem bekriegten Staat &c.«

Erster Definitivartikel:

Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch seyn.

Welche Unterscheidung trifft Kant zwischen Republik und Demokratie? Wie beurteilt er beide Regierungsformen?

Zweyter Definitivartikel:

Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freyer Staaten gegründet seyn.

Welchen Einwand erhebt Kant gegenüber dem Vorschlag einer Weltregierung, wie ihn beispielsweise auch Albert Camus nach dem 2. Weltkrieg vorgeschlagen hat?

Dritter Definitivartikel:

»Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt seyn.«


Wie würde Kant die gegenwärtige Asylrechtsdebatte in Deutschland bzw. in der EU bewerten?

Thema 4: War Kant Pazifist?

Lest hierzu „Kant und die Theorie des demokratischen Friedens“, in: Herfried Münkler: Kritik des Pazifismus, in: Pazifismus. Politik und Zeitgeschichte. 28. März 2026, S. 21-22

Thema 5:

Können nichtstaatliche Gemeinwesen ebenfalls den Frieden schaffen und sichern? Oder bedarf es dazu des Staates bzw. des Völkerrechts?
Lest in unserer deutschen Übersetzung hierzu “Africa as a Success Story: Political Organization in Pre-Colonial Africa”, Dezember 2025

Quelle:

https://www.nber.org/papers/w34546

Africa as a Success Story: Political Organization in Pre-Colonial Africa

Soeren J. Henn & James A. Robinson

Wir geben einen Überblick über die Erklärungsansätze für die historisch relativ geringe Staatenbildungsquote in Afrika. Dabei dokumentieren wir erstmals systematisch, in welchem Ausmaß Afrika politisch dezentralisiert war, und meinen aufgrund eigener Berechnungen, dass es im Jahr 1880 wahrscheinlich 45.000 unabhängige Gemeinwesen gab, die selten nach ethnischen Gesichtspunkten gebildet waren. Höchstens 2 % davon konnten als „Staaten“ eingestuft werden. Wir bringen ein neues Argument für dieses sehr hohe Maß an  politischer Dezentralisierung vor und gehen davon aus, dass afrikanische Gesellschaften bewusst so gebildet wurden, um die Zentralisierung der Macht zu verhindern. Darin waren sie erfolgreich. Wir weisen auf einige Schlüsselaspekte afrikanischer Gesellschaften hin, die ihnen halfen, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Wir betonen zudem, wie die Ordnung der Wirtschaft diesen politischen Zielen untergeordnet war.

Quelle:

https://www.economist.com/middle-east-and-africa/2026/04/09/how-anarchist-was-africa

Im Schach ziehen zwei Staaten in den Krieg, wobei die Bauern geopfert werden, um den König zu retten. Beim Mancala, einem in Afrika beliebten Brettspiel, sind alle Spielsteine gleich viel wert; die Spieler versuchen, sie für sich und ihre eigene Seite zu gewinnen. Das zeige, wie Gesellschaften über Politik denken, argumentiert James Robinson, Politikwissenschaftler an der University of Chicago. Wenn mächtige Staaten im vorkolonialen Afrika selten waren, dann deshalb, weil die Afrikaner eben keine aufbauen wollten. Staatenlosigkeit war ein Zeichen des Erfolgs, nicht des Scheiterns.

Zumindest ist das seine These in einer aktuellen Studie zusammen mit Soeren Henn von der University of Wisconsin-Madison. Sie schätzen, dass es 1880 in Afrika etwa 45.000 politische Einheiten gab. Etwa 2 % davon waren „Staaten“, die etwa 44 % der Bevölkerung regierten. Die meisten Afrikaner lebten in Stammesgebieten mit einigen Tausend Einwohnern oder in noch kleineren Einheiten.

Anders als in Europa, wo Kriege Staaten schufen, fanden afrikanische Gemeinwesen Wege, einigermaßen schiedlich-friedlich miteinander auszukommen, so die These der Studie. Die Autoren fanden heraus, dass von 114 afrikanischen Sprachen 92 dasselbe Wort für „Gast“ wie für „Fremder“ verwendeten.

Die übliche Erklärung für die Schwäche afrikanischer Staaten lautet, dass der Kontinent dünn besiedelt gewesen sei; wenn Herrscher zu übergriffig geworden seien, seien ihre Gefolgsleute einfach in andere Gebiete weggezogen. James Robinson fand zunächst große Anerkennung mit der These, dass Institutionen die Ungleichheit zwischen Ländern erklärten. Nun sagt er, dass auch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielten. Das erklärt jedoch nicht, warum sich in einigen Teilen Afrikas Staaten bildeten und in anderen nicht.

Wie auch immer die Antwort lautet: Spielen solche unterschiedlichen politischen Muster heute noch eine Rolle? Martha Wilfahrt von der University of California, Berkeley, vertritt genau diese Sicht. Sie behauptet, dass dort, wo die vorkoloniale Macht despotisch gewesen sei, heute mehr Konflikte herrschten. Orte, die einst von lockeren Föderationen regiert worden seien, schnitten hingegen besser ab.

Henn und Robinson sind der Ansicht, dass die Dezentralisierung Afrika anfälliger für Sklavenhändler und koloniale Eroberungen gemacht habe. Anhaltendes Misstrauen gegenüber dem Staat könnte erklären, warum es heute so schwer sei, Steuern zu erheben. Aber afrikanische Traditionen hätten auch Gesellschaften hervorgebracht, die den Trägerinstitutionen der Macht skeptisch gegenüberstünden, offen für Unterschiede seien und soziale Mobilität aufwiesen, legen sie dar. Der Aufbau besserer Institutionen könne die Grundlage für künftigen Wohlstand bilden. ■

Thema 6: Die kürzeste und beste Friedensbotschaft des Jahres 2025:

Ich wünsche uns mehr Frieden:  mehr Frieden in uns selbst – mehr Frieden untereinander –  mehr Frieden in der Welt. Kirill Petrenko, Berliner Philharmonie, 31.12.2025

Schreibt nun am Ende dieses Abends die kürzeste und beste Friedensbotschaft des 10. April 2026! Sprecht sie laut aus!

 Posted by at 17:18
Apr. 102026
 

Als unbestechlicher, unerbittlicher Kritiker des erstarkenden Kolonialismus der Europäer in anderen Erdteilen zeigt sich Immanuel Kant in seiner Schrift Zum ewigen Frieden. Die sich selbst so nennenden „gesitteten Staaten“ brachten seiner Ansicht nach den unterworfenen, zum Teil staatenlos lebenden Völkern nur Krieg, Hungersnot, Verrat, Aufruhr und weiteres Übel. Aber lest selbst, was er in seinem Dritten Definitivartikel zum ewigen Frieden über die Kolonialpolitik schreibt:

Auf diese [pg 042]Art können entfernte Welttheile mit einander friedlich in Verhältnisse kommen, die zuletzt öffentlich gesetzlich werden, und so das menschliche Geschlecht endlich einer weltbürgerlichen Verfassung immer näher bringen können.

Vergleicht man hiemit das inhospitale Betragen der gesitteten, vornehmlich handeltreibenden Staaten unseres Welttheils, so geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerley gilt) beweisen, bis zum Erschrecken weit. Amerika, die Negerländer, die Gewürzinseln, das Kap &c. waren, bey ihrer Entdeckung, für sie Länder, die keinem angehörten; denn die Einwohner rechneten sie für nichts. In Ostindien (Hindustan) brachten sie, unter dem Vorwande blos beabsichtigter Handelsniederlagen, fremde Kriegesvölker hinein, mit ihnen aber Unterdrückung der Eingebohrnen, Aufwiegelung der verschiedenen Staaten desselben zu weit ausgebreiteten Kriegen, Hungersnoth, Aufruhr, Treulosigkeit, und wie die Litaney aller Uebel, die das menschliche Geschlecht drücken, weiter lauten mag.

 Posted by at 14:43
Apr. 092026
 

Auf diese Frage liefert Immanuel Kant in seinem scharfsinnigen Entwurf „Zum ewigen Frieden“, der 1795 in Königsberg erschien, also in dem Jahr, in welchem die dritte Teilung Polens zwischen Österreich und Russland vereinbart worden war (3.1.1795), der Preußen sich später (24.10.1795) anschloss, in dem Jahr also, da das Königreich Preußen im Frieden von Basel (5. 4.1795) erstmals in eine vertragliche Beziehung zur Republik Frankreich – das damals unter der Herrschaft der Thermidorianer stand – getreten war, die folgende Antwort:

Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freyer Staaten gegründet seyn.

Völker, als Staaten, können wie einzelne Menschen beurtheilt werden, die sich in ihrem Naturzustande (d. i. in der Unabhängigkeit von äußern Gesetzen) schon durch ihr Nebeneinanderseyn lädiren, und deren jeder, um seiner Sicherheit willen, von dem andern fordern kann und soll, mit ihm in eine, der bürgerlichen ähnliche, Verfassung zu treten, wo jedem sein Recht gesichert werden kann. Dies wäre ein Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat seyn müßte. Darinn aber wäre ein Widerspruch; weil ein jeder Staat das Verhältnis eines Oberen (Gesetzgebenden) zu einem Unteren (gehorchenden, nämlich dem Volk) enthält, viele Völker aber in einem Staat nur ein Volk ausmachen würden, welches (da wir hier das Recht der Völker gegen einander zu erwägen haben, so fern sie so viel verschiedene [pg 031]Staaten ausmachen, und nicht in einem Staat zusammenschmelzen sollen) der Voraussetzung widerspricht.

https://projekt-gutenberg.org/authors/immanuel-kant/books/zum-ewigen-frieden

Aus diesen und ähnlichen Grundgedanken sollten sich später der Völkerbund (ab 1919) und wiederum später die Vereinten Nationen (UNO) entwickeln.

Für Immanuel Kant wie auch für den Völkerbund, und ganz entschieden auch für die Vereinten Nationen war und ist die Verhinderung, ja sogar das Verbot von Kriegen das wichtigste Merkmal, der wichtigste Zweck eines solchen „Föderalism freyer Staaten“.

Auf die fundamentale Rolle des Gewaltverbots im internationalen öffentlichen Recht (auf Deutsch stets „Völkerrecht“ genannt) weist Kai Ambos in seinem höchst lesenswerten, am 7. April 2026 in der FAZ erschienen Aufsatz „Wir brauchen das Völkerrecht“ hin, wir zitieren daraus den Anfang:

Das Völkerrecht regelt primär die Beziehungen zwischen Staaten – so wie das nationale Recht die Beziehungen zwischen Bürgern. Diese Beziehungen sollten grundsätzlich gewaltlos ausgestaltet sein, denn die Abwesenheit von unregulierter Gewalt ist für jede Ordnung konstitutiv. Mit Gewalt kann es keinen Dialog, kein Gespräch zur friedlichen Streitbeilegung geben, sei es zwischen den gleichberechtigten Bürgern einer freien Gesellschaft oder den gleichberechtigten Staaten der Weltgesellschaft. In Anlehnung an Jürgen Habermas lässt sich sagen, dass die gewaltlose „soziale Interaktion“ die Grundvoraussetzung der Entstehung einer jeden „sozialen Ordnung überhaupt“ darstellt. Dabei kommt dem Recht die Funktion der „rechtlichen Zähmung naturwüchsiger politischer Gewalt“ zu. Die Herrschaft des Rechts tritt an die Stelle der Herrschaft der Gewalt, der Verzicht auf Gewalt wird so zur Voraussetzung einer rechtlich (gewaltlos) verfassten nationalen Gemeinschaft von Bürgern oder einer internationalen Gemeinschaft von Staaten. Dieser Erkenntnis und der Gewalterfahrung zweier Weltkriege trägt die UN-Charta mit ihrem Primat friedlicher Konfliktbeilegung (Artikel 1 Absatz 1, Artikel 2 Absatz 3) und dem Verbot militärischer Gewaltanwendung (Artikel 2 Absatz 4) Rechnung. Nach dieser Vorschrift „unterlassen“ die Staaten „in ihren internationalen Beziehungen jede […] Androhung oder Anwendung von Gewalt“.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/iran-krieg-friedrich-merz-sollte-die-illegalitaet-des-krieges-beim-namen-nennen-accg-200704629.html

 Posted by at 23:04
März 302026
 

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden.

So stellte es lapidar Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht ALLE TAGE fest.

Ist dem so? Darüber müssen wir reden, und deshalb laden wir zum philosophischen Gespräch ein:

Aus endlosen Fortsetzungskriegen zum ewigen Frieden? Rückfragen an Immanuel  Kant

1795 veröffentlichte Kant seinen philosophischen Entwurf Zum ewigen Frieden. Im selben Jahr wurde Polen als Staat durch seine drei Nachbarn von der Landkarte gefegt. Ganz Europa war in wechselnden Bündnissen durch ein Geflecht aufeinander folgender Kriege miteinander verkettet; etliche Staaten kämpften um ihren Fortbestand.

Was schlägt Kant vor, um einen solchen Zustand ständiger Nachfolgekriege und wechselseitiger Vernichtungsdrohungen, der ja in vielem der heutigen Weltlage ähnelt, zu beenden?

Wir erarbeiten an diesem Abend ein Grundverständnis von Kants kurzer Schrift, äußern Fragen und Hypothesen zu ausgewählten Texten, vergleichen 1795 mit 2026 und wagen uns – so steht zu hoffen – an Vorschläge wo nicht zum „ewigen“, so doch zu einem gerechten, dauerhaften Frieden.

Einführung in Kants Entwurf und Moderation der Kleingruppenarbeit: Johannes Hampel

Empfohlene Textausgabe: Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Herausgegeben von Rudolf Malter. Reclam Verlag, Stuttgart 2022, € 5,20

Zeit: 10. April 2026, 19.00 – 21.00 Uhr

Ort: Salon Feurig. Bei KONTAKTE KOHTAKTbI. Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg

Eintritt frei. Anmeldung erbeten über: johannesrhampel@gmail.com

Vorschau auf weitere Treffen im Salon Feurig:
20. April 2026, 19.00 Uhr: Es lebe die ukrainische Sprache! Märchen, Poesie, Politik.
30. April 2026: 19.00 Uhr: Mit Musik in den Mai. Gemeinsames Singen in mehreren Sprachen, Musizieren mit allerlei Instrumenten. Ohne Strom. Ohne Lautsprecher. Alles selbstgemacht.

Zitatnachweis: Ingeborg Bachmann: ALLE TAGE, zitiert nach: KRIEG, FLUCHT, VERNICHTUNG, in: Der ewige Brunnen. Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten. Gesammelt und herausgegeben von Dirk von Petersdorff. C. H. Beck, München 2023, S. 919-956, hier: S. 952

 Posted by at 19:13

Was läuft heute bei „Frost und Sonne“?

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März 122026
 

Passend zur Jahreszeit steht unser heutiger Salon-Feurig-Abend „Frost und Sonne“ ganz im Zeichen des erbitterten, keineswegs gewaltlosen Ringens zwischen den Mächten des Winters und des Frühlings. 

Wie wird dieser Streit ausgehen? Das weiß niemand. Wir werden es ja hören und spüren!

Zeit und Ort: 12. März 2026, 19.00 Uhr, Salon Feurig. Kontakte, Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg 

Mitwirkende:

Johannes Hampel, Tenor und Moderation
Sergey Neller, Klavier

Programm:

– Lieder und Arien von Franz Schubert (4 Lieder aus Winterreise), Tschaikowski (Lenskis Arie aus Eugen Onegin), Richard Wagner (Winterstürme wichen dem Wonnemond aus Walküre), Richard Strauss (Freundliche Vision)

– Klaviersonate op. 22 von Nikolai Medtner

– Lyrik von Francesco Petrarca, Alexander Puschkin, Wilhelm Müller, Richard Wagner, Otto Julius Bierbaum, Ernst Stadler

Gibt es noch Karten?

Hier gibt es Karten online:

https://www.eventim-light.com/de/a/69ab32472a1b6440e5be99a6/e/69aefc042a1b6440e5c0aa31

Einige Restkarten gibt es wahrscheinlich noch an der Abendkasse ab 18.45 Uhr.

Bild: Frost und Sonne kämpfen um die Vorherrschaft am Teufelssee am Lindengestell im Schlangenfenn beim Großen Ravensberg nahe Bergholz-Rehbrücke im Landkreis Potsdam-Mittelmark, Aufnahme vom 1. März 2026

 Posted by at 12:46

Barfuß auf dem Eise schwankend bei Frost und Sonne

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März 042026
 

Hier gibt es Karten online:

https://www.eventim-light.com/de/a/69ab32472a1b6440e5be99a6/e/69aefc042a1b6440e5c0aa31

Barfuß auf dem Eise
wankt er hin und her

diese Verse aus dem Gedicht Der Leiermann von Wilhelm Müller kommen mir bei Betrachtung dieses Hin und Her zwischen Sonne und Frost in den Sinn. Die Großwetterlage scheint unentschlossen zwischen Winter und Frühling, die Nacht ist zwar sternenklar und kalt, der Tag strahlt in der frühen Märzensonne. Aber es wird nicht wirklich warm.

Man weiß nicht, was noch werden mag – laß gehen dahin!

Hier das gesamte Gedicht von Wilhelm Müller:

Drüben hinter’m Dorfe
Steht ein Leiermann,
Und mit starren Fingern
Dreht er was er kann.

Baarfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her;
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an;
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen
Alles, wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter, 
Soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?

 Posted by at 21:43

Der Winter

 Freude  Kommentare deaktiviert für Der Winter
Feb. 092026
 

O knackiges Knirschen griffiger Grödel im körnigen Grieß,
O graupliger Schnee, o splittriges Eis, o warmes Licht!
Wie gut es ist, wie frisch es streicht
In weitgeöffnete Lungen!
Das Licht und die Luft,
Das Schreiten, das Weiten des Blicks,
O Klarheit des Winters, den wir so lange vermissten!
O Kälte, o Strenge, o Eindeutigkeit, o Zwang, o Freiheit, endlich!

Bild: Auf dem Kreuzberg, Berlin


 Posted by at 18:01
Dez. 222025
 

Im aktuellen Spiegel (52/2025, 21.12.2025) findet sich ein sehr lesenswertes Interview mit Inken Schmidt-Voges, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Philipps-Universität Marburg, über die Familie im Wandel der Jahrhunderte. Sie bestätigt das, was meine eigene, ihrerseits als Ethnologin ausgebildete Schwester schon früher uns drei Brüdern immer wieder erklärt hat: die allermeisten Frauen haben über die Jahrhunderte hinweg in der überwiegenden Mehrheit fast überall innerhalb und außerhalb des Hauses auch Erwerbsarbeit geleistet, sie waren eigentlich kaum je allein auf die unbezahlte Mutter- und Hausfrauenrolle festgelegt. 

https://www.spiegel.de/wissenschaft/patchwork-familien-waren-frueher-der-normalfall-historikerin-ueber-familienbilder-a-c2cc9dd1-95fc-4442-9af5-a37748807b13

Drei Zitate aus diesem bemerkenswerten Spiegel-Interview seien hier angeführt : 

Zitat 1: „Bei der Ehefrau und Hausfrau lief die Organisation aller Aufgaben und Tätigkeiten zusammen, die die häusliche Wirtschaft betrafen. Kinderbetreuung, Produktion, Vorratshaltung und Buchführung waren bis weit ins 18. Jahrhundert hinein eng miteinander verbunden, in der Landwirtschaft genauso wie im Handelsgeschäft oder im Handwerksbetrieb. Männer brauchten schlicht einen Ersatz auf dieser zentralen Position, weil sie die ganze Organisation in der Regel nicht zusätzlich zu ihren eigenen Aufgaben übernehmen konnten.“

 Zitat 2: „Das Ideal der Kleinfamilie verbreitete sich erst mit dem Aufstieg des Bürgertums ab Ende des 18. Jahrhunderts. Bis dahin gehörten auch Angestellte und mitwohnende Verwandte zur Familie, man lebte unter einem Dach und war eine Versorgungsgemeinschaft.“

Zitat 3: „Der Rückzug in die Kleinfamilie war eine Antwort auf den Nationalsozialismus. Zu dessen Ideologie hatte es gehört, die Erziehung der Kinder aus der Familie auszugliedern. In der frühen Bundesrepublik bildete sich gewissermaßen eine Gegenbewegung, man stellte die Familie unter den Schutz des Staates.“

Wen es interessiert: Ich persönlich würde Zitat 3 ganz oben aufs Treppchen stellen, Zitat 1 erhält von mir die Silbermedaille, Zitat 2 nur Bronze.

Das heutige Foto zeigt ein Ausstellungsplakat: Die Frau in Haus und Beruf. Ausstellungshallen Zoologischer Garten, Berlin, 24. Februar bis 24. März 1912. Exponat in der Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Jüdisches Museum Berlin, 11. Juli bis 23. November 2025. Fotografische Aufnahme des Vf. vom 29. September 2025

 Posted by at 10:20

Auf Widerruf gestundete Zeit: Schrott

 Heimat, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Auf Widerruf gestundete Zeit: Schrott
Sep. 152025
 

Ein Bild der Zerstörung bot sich meinen Augen bei der Heimkehr im noch kaum sich lichtenden Dunkel am vergangenen Freitagmorgen. Der Zugang zu meiner Wohnung war nur über Umwege möglich; der Schulhof der Teltow-Grundschule war mit Flatterband abgesperrt. Was war geschehen? Bald erfuhr ich’s: Eine gewaltige Explosion hatte einen vor dem Gashäuschen geparkten BMW zerfetzt. Um etwa 1.30 Uhr zerriss nächtens eine Bombe die Ruhe unserer Heimat. Ein Mann wurde dabei schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Ihm wünschen wir von hier aus rasche Genesung. Bis in den späten Abend hinein ermittelte eine Mordkommission, sicherte Zoll um Zoll die Spuren, erfasste den Tatort mit Drohnen und Präzisionskameras, konferierte, sichtete, sicherte, spürte, befragte.

Es kommen härtere Tage, die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar im Schrott.

Der Ort ist fortan gezeichnet. Einbruch der Gewalt in die brüchige Realität, unvermittelt!

Und zwei Tage später sind Spuren des Geschehenen noch sichtbar:

 Posted by at 20:51

Ist es schlicht Bullshit, die Grenzen der Möglichkeiten des Sozialstaates aufzuzeigen?

 Bert Brecht, Deutschstunde, Friedrich Merz, Geld, Sozialstaat  Kommentare deaktiviert für Ist es schlicht Bullshit, die Grenzen der Möglichkeiten des Sozialstaates aufzuzeigen?
Sep. 012025
 

Vermögensdebatte: Das große Ringen um den Sozialstaat | taz.de

Als Bullshit, also „Bullenscheiße“ bezeichnete Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas gestern die Mahnungen des Bundeskanzlers Merz, wir könnten uns die wachsenden Sozialetats so nicht mehr leisten, wir lebten seit Jahren „über unsere Verhältnisse“.

Ist das volksnahe Sprache, die Ministerin Bas hier zeigt? Nein, es ist typisches halbgares Akademikergerede. Typische Halbbildung. Immer wieder mal US-Slang einstreuen, das kommt gut an bei der akademischen Elite unseres Landes. Und es schreckt die Arbeiter und die Menschen ohne Abitur ab. Das zahlt alles auf das Konto der AFD ein. Wetten? Und Geld Geld Geld hält laut Bas Deutschland zusammen. Echt jetzt?

Sie streiten mal wieder nur ums Geld. Bezeichnend. So abgehoben sind sie, unsere Politiker. Da lob ich mir doch Bert Brecht. Der sprach von lieben, schützen, Deutschland. Hände reichen.

 Posted by at 20:38

Zeiget Mühe und Verstand, liebet Volk und Vaterland! – Bert Brechts rechtschaffenes Bekenntnis zum Guten im deutschen Volk

 Bert Brecht, Die Linke, Kinderarmut, Kindergeburtstag, Leidmotive, Liebe, Lied der Deutschen, Positive Kommunikation, Sozialstaat, Tugend, Volk, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Zeiget Mühe und Verstand, liebet Volk und Vaterland! – Bert Brechts rechtschaffenes Bekenntnis zum Guten im deutschen Volk
Aug. 312025
 

Ramelow für neue Nationalhymne und Debatte über Flagge – Kritik aus anderen Parteien

Einen echten Coup hat der, wie ich finde, im guten alten Sinne redliche Bodo Ramelow da gelandet – er schlägt uns Brechts Kinderhymne als mögliche Nationalhymne für ganz Deutschland vor. Wie unzeitgemäß, wie mutig, wie kühn ist das doch! Ramelow schlägt allenthalben Ablehnung entgegen – nicht so jedoch hier!

Warum nenne ich Bodo Ramelows Vorschlag unzeitgemäß, kühn und mutig? Nun, lesen wir zunächst einmal die Kinderhymne Bert Brechts in einer wohlfeilen Volksausgabe:

KINDERHYMNE

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand.
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie anderen Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dieses Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Zitiert nach: Bertolt Brecht, KINDERHYMNE, in: ders., „Kinderlieder“, in: Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Dritter Band: Gedichte 1, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main1997, S. 393-397, hier: S. 396-397 sowie Erläuterungen auf S. 506-508

Was ist daran, an diesem raffinierten, heute wieder höchst lesenswerten Gedicht unzeitgemäß, was rennt hier gegen den Strom an?

Vieles! Zunächst einmal das völlig zweifelsfreie, befremdliche Verwenden von Begriffen wie Volk, Deutschland, Anmut, Leidenschaft, Verstand, Mühe.

Fangen wir beim letzten Begriff an: Mühe!

Brecht fordert da doch tatsächlich die deutschen Kinder auf sich abzumühen! WAS ERLAUBEN BRECHT! Schon das passt nicht in unsere Zeit (wir schreiben den 31. August 2025) hinein. Landauf landab ist in Deutschland heute zu hören: „Niemand braucht sich zu mühen, der Staat und sein Sozialsystem müssen schließlich für uns alle sorgen – und tun dies ja auch mehr schlecht als recht.“

„Erkennt, o Kinder, in ein wie schlechtes, ungerechtes, kinderfeindliches Land ihr hineingeborenen seid.“ So singt und klingt es doch heute. Überall gähnen „marode Turnhallen“, es herrscht „Chancenungleichheit im Bildungsbereich“, überforderte Lehrer, kaputtgesparte Schulen! Kinderarmut, und schlimmer noch: Rassismus, Faschismus, Klimazerstörung, ja sogar Rechtspopulismus erreichen wieder einmal Rekordhöhe!

Keiner, fast keiner wagt es doch heute, wie der rechtschaffene Brecht damals zu mahnen: Tut was, lernt, das Leben ist kein Kindergeburtstag und auch kein Ponyhof. Ihr seid zu einem großen Teil selber für eurer Leben verantwortlich.

Wir setzen diese Betrachtungen bei den anderen Begriffen, etwa „gutes Deutschland“, „lieben“, „beschirmen“ morgen fort. Der heilsamen Zumutungen Bert Brechts – und somit auch Bodo Ramelows – ist so schnell kein Ende.

 Posted by at 18:27

Sinkt die Fertilität mit höherem sozioökonomischem Status?

 Armut, Brüder Grimm, Demographie, Kinder, Mären, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Sinkt die Fertilität mit höherem sozioökonomischem Status?
Juli 272025
 

War es schon immer so, dass die Fertilität der Frauen mit steigendem Einkommen und steigendem Wohlstand abnahm? Was sagen unsere alten Märchen dazu? Hören wir doch einmal, was die Brüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen dazu sagen! Der Anfang einer von ihnen aufgezeichneten Geschichte lautet:

Es waren einmal zwei Schwestern, die eine hatte keine Kinder und war reich, die andere hatte fünf Kinder und war eine Witwe und war so arm, dass sie nicht mehr Brot genug hatte, sich und ihre Kinder zu sättigen. Da gieng sie in der Not zu ihrer Schwester und sprach „meine Kinder leiden mit mir den größten Hunger, du bist reich, gib mir einen Bissen Brot.“

Wir sehen: Dieses Märchen bringt gleich zu Anfang eine in vielen Geschichten und Mythen vorkommende Konstellation: Geschwister, die ungleich reich sind, von denen das reichere keine Kinder und das ärmere viele Kinder hat. Erstaunlich ist hier, dass dieser Unterschied als solcher zunächst einmal hingenommen wird und die arme kinderreiche Schwester erst in höchster Not sich mit ihrer Bitte an die reiche kinderlose Schwester wendet. Was mag wohl die reichere Schwester nun erwidern? Hören wir es gleich an:

Die steinreiche war auch steinhart, sprach „ich habe selbst nichts in meinem Hause“ und wies die Arme mit bösen Worten fort. Nach einiger Zeit kam der Mann der reichen Schwester heim, und wollte sich ein Stück Brot schneiden, wie er aber den ersten Schnitt in den Laib tat, floss das rote Blut heraus. Als die Frau das sah, erschrak sie und erzählte ihm was geschehen war.

Beachtlich ist hier, dass entgegen der landläufigen Meinung im Mann ein stärkeres Erbarmen gezeigt wird als in der Frau. Ein doch recht auffälliger Gegensatz zu dem Weiblichkeitsideal, an das wir uns bei älteren Texten gewöhnt zu haben scheinen! Es ist der Mann, der hier den entscheidenden Schritt der Barmherzigkeit tut. Und so geht es weiter:

Er eilte hin und wollte helfen, wie er aber in die Stube der Witwe trat, so fand er sie betend; die beiden jüngsten Kinder hatte sie auf den Armen, die drei ältesten lagen da und waren gestorben. Er bot ihr Speise an, aber sie antwortete „nach irdischer Speise verlangen wir nicht mehr; drei hat Gott schon gesättigt, unser Flehen wird er auch erhören.“ Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so taten die beiden Kleinen ihren letzten Atemzug, und darauf brach ihr auch das Herz und sie sank tot nieder.

So endet diese traurige Geschichte ohne Moral, die unter dem Titel Gottes Speise in einigen Auflagen der Grimmschen Märchen enthalten ist, aber heute meist nicht mehr mit abgedruckt wird – vermutlich weil sie dem gängigen Schema des mit einem Happy End endenden Märchens überhaupt nicht entspricht und einen schonungslosen Blick auf charakterliche Deformationen wirft, die offenbar seit Menschengedenken mit allzu großem Reichtum einhergehen.

Die reiche, aber kinderlose Frau ist freilich etwas, was recht häufig im Märchen vorkommt, man denke nur zum Beispiel an Rapunzel, wo die Zauberin in einem schönen weiten Garten, der von einer hohen Mauer umgeben ist, ihre wundertätigen Pflänzlein züchtet – und doch offenkundig unglücklich ist, denn sonst würde sie ja nicht unbarmherzig der armen Nachbarin aus dem Hinterhaus das Kind rauben.

Wir dürfen also festhalten: zumindest in diesem Märchen wird durchaus die auch heute in der Demografie erneut festgehaltene Hypothese ausgesprochen, dass mit steigendem Wohlstand die Zahl der Kinder abnimmt. Sozioökonomischer Status und Fertilität stehen hier, wie die Sozialwissenschaftler sagen, in einer starken negativen Korrelation.

Quellenangabe: 5. „Gottes Speise“, 12. „Rapunzel“ in:  In: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, S. 805 (Gottes Speise) und S. 84-88 (Rapunzel)

Bild: Die Grabstätte der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Alter St-Matthäus-Friedhof, Berlin-Schöneberg, Aufnahme vom 26. Juli 2025

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„Arm an Hab und Gut, aber reich an Kindern – reich an Hab und Gut, aber arm an Kindern“ – stimmt diese Mutmaßung?

 Armut, Demographie, Digital, Familie, Kinder, Kinderarmut, Mutterschaft  Kommentare deaktiviert für „Arm an Hab und Gut, aber reich an Kindern – reich an Hab und Gut, aber arm an Kindern“ – stimmt diese Mutmaßung?
Juli 252025
 

Der perpetuus motus animi, in welchem laut Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, hält mich früh und spät am Laufen, Denken und Nachsinnen! Manchmal weiß ich mir bei meinen Hypothesen dabei keinen anderen Rat – ich will die Antwort sofort haben! So auch heute Abend. Und so gab ich nach kurzem Überlegen bei einer bekannten künstlichen Intelligenz meine folgende Frage ein:

„Weltweit sinken die Geburtenraten. Ich vermute, dass sinkende Geburtenraten in einer Gesellschaft mit höherem Wohlstand, also höherem Durchschnitteinkommen korrelieren. In den ärmsten Ländern werden mehr Kinder pro Frau geboren, in den reicheren Ländern mit höherem Wohlstand geht die Fertilität nach unten. Stimmt meine Vermutung?“

Folgende Antwort von ChatGPT (Open AI) kam nach 3 Sekunden:

Deine Vermutung entspricht tatsächlich einem sehr gut belegten Zusammenhang in der Demografie. Was du beschreibst, ist ein zentrales Muster der sogenannten „demografischen Transition“:

1. Allgemeiner Zusammenhang

  • Arme Länder (niedriges Pro-Kopf-Einkommen):
    • Hohe Fertilität (viele Kinder pro Frau)
    • Gründe: Kinderarbeit trägt zum Familieneinkommen bei, geringere Bildung der Frauen, kaum Zugang zu Verhütung, hohe Kindersterblichkeit (mehr Geburten als Absicherung).
  • Reiche Länder (hohes Pro-Kopf-Einkommen):
    • Niedrige Fertilität (oft unter 2,1 Kinder pro Frau)
    • Gründe: Bessere Bildung, Berufstätigkeit der Frauen, Kosten für Kinder steigen, Individualisierung, Zugang zu Verhütung, soziale Absicherung ersetzt die „Rentenfunktion“ der Kinder.

2. Demografischer Übergang

In der Forschung spricht man vom demographischen Übergang:

  1. Phase: Hohe Geburtenrate + hohe Sterblichkeit
  2. Phase: Sterblichkeit sinkt → Bevölkerung wächst schnell
  3. Phase: Geburtenrate sinkt (Wohlstand, Bildung, Verhütung)
  4. Phase: Niedrige Geburtenrate und niedrige Sterblichkeit (Europa, Japan)
  5. Phase (teils): Geburtenrate dauerhaft unter 2,1 → Bevölkerung schrumpft.

3. Datenbeispiele

  • Niger (armes Land): ca. 6,7 Kinder pro Frau
  • Deutschland: ca. 1,5 Kinder pro Frau
  • Japan: ca. 1,3
  • USA: ca. 1,6–1,7

4. Ausnahmen

  • Manche reiche Golfstaaten haben wegen Kultur und Migration etwas höhere Raten.
  • Einige ärmere Länder wie Bangladesch haben schon stark sinkende Raten durch Bildung und Familienplanung.

Fazit

Es gibt eine starke negative Korrelation zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Fertilitätsrate.
Dieser Zusammenhang ist eines der robustesten Ergebnisse der Bevölkerungsforschung.

Weltweit sinken die Geburtenraten – und das ist kein Zufall. In den Statistiken zeigt sich sehr klar ein Zusammenhang zwischen dem Wohlstand einer Gesellschaft und der Zahl der Kinder, die Frauen im Durchschnitt bekommen.

In ärmeren Ländern, wo das durchschnittliche Einkommen niedrig ist, bekommen Frauen oft viele Kinder. Das hat mehrere Gründe: Kinder tragen dort häufig zum Familieneinkommen bei, es gibt weniger Zugang zu Bildung und Verhütungsmitteln, und eine hohe Kindersterblichkeit sorgt dafür, dass Familien mehr Kinder bekommen, um sich abzusichern.

Mit steigendem Wohlstand verändert sich dieses Bild. In reicheren Ländern, wo die Kindersterblichkeit sinkt und der Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Verhütungsmitteln besser wird, entscheiden sich Paare für weniger Kinder. Hinzu kommt, dass Kinder mehr kosten, Frauen häufiger berufstätig sind und soziale Sicherungssysteme die „Absicherungsfunktion“ von Kindern ersetzen.

Diese Entwicklung wird in der Demografie als „demografischer Übergang“ bezeichnet. Historisch durchlaufen Gesellschaften dabei mehrere Phasen: Zunächst gibt es hohe Geburten- und Sterberaten. Dann sinkt die Sterblichkeit, was zu starkem Bevölkerungswachstum führt. Schließlich sinkt auch die Geburtenrate – bis Gesellschaften in einem Gleichgewicht mit niedrigen Geburten- und Sterberaten ankommen. In vielen Industrieländern liegt die Geburtenrate heute sogar unter dem sogenannten Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau.

Die Zahlen machen das deutlich: In Niger liegt die Geburtenrate bei rund 6,7 Kindern pro Frau. In Deutschland sind es etwa 1,5, in Japan sogar nur 1,3. Die USA liegen bei etwa 1,6 bis 1,7.

Zwar gibt es Ausnahmen – zum Beispiel einige Golfstaaten oder ärmere Länder wie Bangladesch, in denen die Geburtenrate trotz niedrigen Einkommens schon stark zurückgegangen ist –, aber insgesamt gilt: Je höher das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes, desto niedriger ist im Durchschnitt die Zahl der Geburten pro Frau.

Dieser negative Zusammenhang zwischen Wohlstand und Geburtenrate gehört zu den am besten belegten Phänomenen der Bevölkerungsforschung.

Beispielwerte der Fertilitätsraten (2023, gerundet):

  • Niger: 6,7 Kinder pro Frau
  • Bangladesch: 2,0
  • Indien: 2,1
  • Brasilien: 1,7
  • Deutschland: 1,5
  • Japan: 1,3
  • USA: 1,7

(Quelle: ChatGPT, OpenAI – Antwort vom 25. Juli 2025)

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