Okt 242020
 

Ich schaue hinaus auf den herbstlichen Park in den Sonnenschein vor meinem Fenster, und gerade in diesen Oktobertagen kommt mir da Uhlands “Frühlingsglaube” in der Vertonung durch Franz Schubert in den Sinn: 

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht was noch werden mag!

Blickt man hingegen in die Zeitungen, verfolgt man die tonangebenden Medien, so muss es eher heißen:

Die Welt wird schlimmer mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag!

Ein ungeheures, verwirrendes Datengereiße, Zagen, Zähneklappern, Zittern, Zahlengewirr, Zukunftslosigkeit, Zuversichtslosigkeit, ein alles einhüllender grauer Novembernebel, das ist es, was seit Wochen schon aus den Medien trieft. Die Massenmedien berichten doch fast nur noch Negatives. Ist es nicht so? Da ist keine Freude mehr, keine Sehnsucht nach Schönheit, kein Hinhören, kein aufmerksames Lauschen, keine Zwischentöne mehr. Eine Walze der Hoffnungslosigkeit. Ideologie der Negativität! Welch ungeheuren Schaden richtet das an zarten Kinderseelen an!

Und trotzdem! Es singt in mir: Eppure non ho mai amato tanto la vita, tanto la vita! Ich glaube. Ich erlebe viel Schönes. Es ist möglich, von dem Schönen etwas weiterzugeben und es weiterzuerzählen. Frühling im Herbst!

Die zarten Birken des Zukünftigen wachsen und gedeihen am Ufer des Sees der Schrecken.

Das Bild zeigt Birken im Park der Villa Liebermann am Ufer des Wannsees, direkt neben der Villa der Wannseekonferenz. Birken, gesehen, freudig erlebt, genossen am vergangenen Wochenende bei einer Radtour.

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Männlein holt sich so gern ein Selfie!

 Einstein, Natur-Park Schöneberger Südgelände  Kommentare deaktiviert für Männlein holt sich so gern ein Selfie!
Okt 142020
 
Kalb mit Albert Einstein, Tälchenweg, Naturpark Schöneberger Südgelände, 10.10.2020

Wo ich geh und wo ich steh,
stets ein Bild von mir ich seh;
auf dem Schreibtisch, an der Wand,
um den Hals am schwarzem Band.

Männlein, Weiblein wundersam
holen sich ein Autogramm.
Jeder muss ein Kritzel haben
von dem hochgelehrten Knaben.

Mensch, so frag in all dem Glück,
ich im lichten Augenblick:
Bist verrückt du etwa selber
oder sind die andern Kälber. Albert Einstein

Nun, der große Schöneberger Mitbürger, der zuhause in der Küche so gern Mozart auf seiner Geige spielte – und der auch gern auf den Spuren Heinrich Heines lustige, witzige und bissige Vierzeiler verfasste -, er würde das neueste Porträt, das ich am vergangenen Samstag in der quicklebendigen Kunstgalerie des Schöneberger Tälchenweges fand, sicherlich halb geschmeichelt, halb belustigt als eine der zahllosen auf ihn niederprasselnden Ehrungen über sich ergehen lassen.

Einstein lebt!

Zitatnachweis:
Sebastian Murken: Albert Einstein im Portrait. Sein Bild in der Kunst von 1920 bis 1955. Unter Mitarbeit von Antonia Güthoff. Katalog anlässlich der Ausstellung vom 23.10.2014 bis 27.02.2015 im Einstein Forum, Potsdam, S. 32, Rückumschlag

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Verkündende Öffnung!

 Deutschstunde, Hölderlin, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Verkündende Öffnung!
Okt 032020
 

[…] und um die grauen

Gewölke streifen röthliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
Wie Fluthen am Gestade, woogen
Höher und höher die Wandelbaren.

[…]

“Verkündende!” Eine gehobene festliche Stimmung ergreift mich, als wir heute früh am Sitz des Bundestages vorbeiradeln. Hölderlins Verse aus seinem Gesang “Des Morgens” kommen mir in den Sinn, ich deklamiere sie laut, sehr zum Erstaunen der kleinen Reisegruppe, mit der ich unterwegs nach Linum bin.

Was ich unter festlich meine, ist aber genau dies: eine unbestimmte, morgendliche Ahnung, die Öffnung des Zukünftigen, etwas, was sich begrifflich nicht fassen lässt, sehr wohl aber im Gesang, in der metrisch gebundenen, in der leuchtenden Sprache aufscheint, etwa in den Oden Friedrich Hölderlins, die nur im lauten Vortrag ihren eigentlichen Sinnkern enthüllen.

Öffnung des Morgens aus der Nacht heraus, Öffnung des Morgen aus dem Heute heraus, Öffnung der kommenden 30 Jahre aus dem, was vor 30 Jahren geschah!

Zuversicht, Schaffensfreude, Vorfreude auf Zukünftiges, das ist es, was ich mit dem heutigen Tag verbinde.

Und so – kam ich unter die Deutschen, unter die Deutschen von heute, die Deutschen des 3. Oktober 2020!

Bild:
Das Reichstagsgebäude, Sitz des Deutschen Bundestages, eines Verfassungsorgans der Bundesrepublik Deutschland. Platz der Republik 1, 11011 Berlin. Ansicht vom 3. Oktober 2020, 08.03 Uhr

Nachweis des Hölderlin-Zitats:
Des Morgens. In: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge, herausgegeben von D.E. Sattler. Bremer Ausgabe. Band VII: 1799. Homburg. Empedokles I/II. Aufsätze zur Iduna. Emilie vor ihrem Brauttag. Ovid. Pindar-Übertragung. Luchterhand Literaturverlag, München 2004, S. 195

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Auf Flügeln des gesprochnen Wortes: Tennyson, Strauss, Kowalski, Albers

 Armut, Europäisches Lesebuch, Theater  Kommentare deaktiviert für Auf Flügeln des gesprochnen Wortes: Tennyson, Strauss, Kowalski, Albers
Sep 262020
 
Gleich öffnen sich die Flügel der Zauberbühne: Hier geht es zum Piano Salon Christophori, Uferstr. 8, Berlin-Wedding, gestern, 18.50 Uhr!

25.09.2020. 20.00 Uhr. Pianosalon Christophori, Uferstr.8, 13357 Berlin
Melodram “Enoch Arden ” von Richard Strauss. Jochen Kowalski und Günther Albers, Klavier

Der aus dem brandenburgischen Wachow stammende Sänger Jochen Kowalski leistete gestern Abend Verzicht auf die Flügel des Gesanges. Er verwirklichte seinen Traum, Schauspieler zu werden. Er vertraute an diesem Abend ganz der Kraft des gesprochenen, klaren, leuchtenden Wortes, das sich vor dem Hintergrund des Klavierspiels mühelos entfalten konnte.

Long lines of cliff breaking have left a chasm;
And in the chasm are foam and yellow sands;
Beyond, red roofs about a narrow wharf
In cluster; then a moulder’d church; and higher
A long street climbs to one tall-tower’d mill…

So beginnt im englischen Original Alfred Tennysons Gedicht Enoch Arden, 1864 erstmals veröffentlicht. Tennyson erzählt darin die Geschichte Enochs, des Mannes, der mit Gott wandelt, der nach 10 Jahren Verschollenheit in sein Heimatdorf zurückkehrt und dort erfahren muss, dass seine Ehefrau Annie mittlerweile seinen Jugendfreund Philip geheiratet hat und glücklich in neuer Familie lebt.

Jochen Kowalski leistete als Erzähler der deutschen Übersetzung Außerordentliches. Wir waren alle von der ersten bis zur letzten Minute gebannt. Er gab aber auch alles – wie er dies auch als Sänger tut. Wieder einmal wurde uns klar: Wenn man heute noch das gute, bis in den letzten Laut hinein gut gearbeitete Deutsch hören will, dann sollte man sich weniger an die Schauspieler, sondern mehr an die klassisch ausgebildeten Sänger wenden! Günther Albers sekundierte sehr einfühlsam, deckte niemals das gesprochene Wort Tennysons zu, leistete aber auch Führungsarbeit da, wo Richard Strauss ganz bewusst seine Musik als eine Art Resonanzboden den Faserverläufen des Textes folgen lässt.

Und warum war das Publikum so still? Warum hätte man eine Stecknadel fallen hören können? Warum erblühte die Akustik des Leeren?

Antwort: Kowalski tat im Grunde mit den gesprochenen Worten das, was jeder gute Sänger auch mit den gesungenen Worten tut: Er verströmt sich, er legt Hingabe, Zuneigung, Mitfühlen in jeden einzelnen Laut. Ihm bleibt beim Sprechen wie beim Singen kaum etwas anderes als die Stimme, um seine ganze Bühnenpräsenz zu entfalten. Leidenschaftlich steigerte er sich in die Wendungen des Erzählten hinein, wandte sich mitunter dem Klavierpartner zu, trug auch das eine oder andere Mal die im Text liegende Ironie deutlich auf, etwa beim Vers Miriam Lane was good and garrulous. Unterstützt selbstverständlich durch Gesten, durch Wendungen und Neigungen des Kopfes und des Körpers, das ja. Aber das dichterische, in Freiheit gesprochene Wort trug alles, trug uns alle wie auf Flügeln.

Als echtes Schatzkästlein auf der Seefahrt des epischen Wortes erwies sich der Pianosalon Christophori, an dessen Wänden wie in einer alten Schiffswerft zahllose hölzerne Bauteile hingen, wie etwa vor allem die Lyras, also jene kunstvoll geschwungene Stützen, an denen bei älteren Flügeln die Pedale angebracht waren, ferner Hämmer, Böden, Stege, Deckel: ein ganzes Arsenal an Resonanzräumen schuf diese in sich geschlossene prachtvolle Welt, in der die Erzählung erklingt, Musik zu den Worten spricht.

Gerade in Zeiten der kulturellen Verknappung, der seuchenbedingten Vereinzelung, der Kargheit zeigt sich der Reichtum, der seit Jahrhunderten in den allereinfachsten Mitteln des Bühnenkunst liegt: Worte, Blicke, Gefühle, Töne. Unplugged. Das sind die Zutaten. Mehr brauchst du nicht. Armes Theater am Ufer der Panke im Weddinger Industriegebiet, wie dankbar radelten wir durch das Brandenburger Tor mit seinem aufgeschmückten Festival of Lights nachhause, wie reich bist du!

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Schreit man, oder ist es totenstill?

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Sep 192020
 

Ein Gesprächspartner, den ich mir immer wieder gern ins Zimmer bitte, den ich aber auch gern gehen lasse, ist Robert Musils Ulrich aus seinem Mann ohne Eigenschaften. Ich höre ihm gern zu, lasse ihn reden, fange dies oder jenes Aperçu auf, vergesse bewusst vieles aus seinen Ausführungen, weil er eben auch leicht ins Dozierende verfällt, und bin doch jedes Mal wieder dankbar, wenn ich das Buch zuschlage, aus dem heraus er zu mir gesprochen hat.

Einmal prägte er die Wendung “Akustik der Leere” und erklärte sie knapp so: “Wenn eine Nadel in einem leer ausgeräumten Zimmer zu Boden fällt, hat der davon entstehende Lärm etwa Unverhältnismäßiges, ja Maßloses; aber ebenso ist es, wenn zwischen den Menschen Leere liegt. Man weiß dann nicht: schreit man, oder ist es totenstill?”

In dieser Leere, so scheint mir, entsteht etwas Neues – etwas greift Platz und wird laut. Etwas wird – Laut! Ein Akt der Schöpfung aus dem Nichts heraus.

Genau solche Momente stellen sich ein, wenn ein Riesenorchester eine Symphonie im pianissimo beschließt, oder wenn ein Steel Drummer an einem märkischen See die Lust verliert und man seinem Musizieren, das – ja! auch! – lästig war, hinterherlauscht.

Zitat:
“Die Siamesischen Zwillinge”, in: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Roman. I. Erstes und zweites Buch. Herausgegeben von Adolf Frisé. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Neuausgabe 2014, 4. Aufl. 2018, S. 899-909, hier S. 906

Bild:
Blick über die Krumme Lanke am 18.09.2020. Darin schwimmend: der hier Schreibende

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Bald begrenzt, bald begreifend: ein Abend an der Krummen Lanke

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Sep 192020
 

Es war ein schöner Abend im September jenes Jahres, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume mit ihrem letzten rötlichen Schimmer ins dunkle Grün der Krummen Lanke. Der unermüdliche Trommler aus Trinidad, der am Nordende jenes Sees Tag um Tag seine Steel Pan ungefragt erschallen lässt, hatte schon seinen monodischen Gesang eingestellt, und Schweigen zog endlich ein. Ich ahnte, dass sich jetzt ein neuer Vorhang auftun würde: der Vorhang der Nacht, des Verstummens. Jetzt war der richtige Augenblick, um ins kühle Wasser zu tauchen. Ich stieg beherzt in den See und vertraute mich dem andrängend-tragenden Element an.

Aus fernen Jugendtagen tönten nun, während ich mich auf den Rücken legte und den Kopf rundum eintauchte, wie vom Grunde des Sees jene Verse auf, die sich mir unauslöschlich bis zum heutigen Tage und darüber hinaus eingeprägt hatten:

ABEND

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt;

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt;

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

Bild: Am nördlichen Ufer der Krummen Lanke, 15. September 2020
Worte: Rainer Maria Rilke: ABEND, in: Das Buch der Bilder, in: Das dichterische Werk von Rainer Maria Rilke. Die Gedichte, die Prosa mit dem Roman “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”. Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, 3. Aufl., Leipzig 2015, S. 437-515, hier S. 450

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Weisungslos Wandern im Weglosen in den Werbelliner Wäldern

 Klimawandel, Natur, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für Weisungslos Wandern im Weglosen in den Werbelliner Wäldern
Sep 172020
 

Prachtvolle alte, beständig sich verjüngende Baumbestände durchwanderten wir am 30. August 2020. Als Wanderstrecke hatten wir am Vorabend die Route “Joachimsthal-Altenhof-Hubertusstock. Rund um den Werbellinsee” gewählt, und zwar nach folgendem, in vielerlei Hinsicht vortrefflichem Büchlein:

Bernhard Pollmann: KOMPASS Wanderführer+Karte Berlin-Brandenburg. 75 Touren. Innsbruck 2017, S. 188-191

Das Abenteuer im Weisungslosen begann bereits mit dem Schienenersatzverkehr ab dem Bahnhof Eberswalde, denn wegen Lokführermangels konnte die fahrplanmäßige Bahnverbindung zum Ausgangspunkt der Wanderung, dem Kaiserbahnhof Joachimsthal nur mit einem eiligst beorderten Bus bedient werden. Der sehr freundliche Busfahrer erkundigte sich nach der Strecke und nach unseren Fahrtzielen, und einige ortskundige Mitreisende schlugen ihm eine geeignete Route zu dem vorgegebenen Endbahnhof vor.

Betrachtet das Bild aus dem Inneren der Werbelliner Berge! Ihr seht mittig einen uralten Baumstumpf aufragen, der bis auf Schulterhöhe von einer Moosschicht überwachsen wird. Was mag den Riesen gefällt haben? Ein zuckender Blitzschlag, knickender Windwurf, jahrelang nagende Kernfäule? Schaut genauer hin: Schwämme klammern sich an den Flanken des gebrochenen Titanen fest, Spinnen haben an einigen Stellen ein feines Gespinst gewoben, um darin Fliegen zu fangen.

Die mächtige Krone der abgestorbenen Buche ist nicht mehr zu erkennen. Junges, frisches, aufsprießendes Grün hat Platz gegriffen, wo einstmals die weit ausgebreitete Baumkrone Licht in sich aufnahm und Wasser von Regengüssen aufsaugte. Büsche und junge Bäume suchen sich nun einen Platz, streben ungestüm dem Licht entgegen! Nicht alle werden sich behaupten, vielleicht wird nur ein einziger Baum die Größe, den Stammumfang des vormaligen Herrschers dieser Lichtung erobern.

Doch damit nicht genug! Weitere Überraschungen erwarteten uns: die angekündigten Markierungen fehlten meist, oftmals erkannten wir an Weggabelungen oder Kreuzungen nicht, wie wir weitergehen sollten. Nach einigen Kilometern fanden wir denn doch noch einen Wegweiser auf einem morschen Zaunpfahl. Doch dieser Wegweiser war frei drehbar in beliebige Richtung, und die Richtung, in der jetzt zufällig gerade zeigte, führte weglos ins Unterholz. Einige Male endeten wir derart im Weglosen, im Unbegangenen – wir waren auf einem Holzweg! Holz lautet ja ein alter Name für Wald. Holzwege sind weisungslose Wege, die im Unbegangenen enden.

Und siehe da – wir gelangten auf einem kaum erkennbaren Pfad zu einem Ansitz, vor dem auf einem Pfahl ein mächtiger Salzstein in Kopfhöhe ausgelegt war. Hier soll wohl das Rotwild direkt vor die Flinte angelockt werden, und wenn es dann den Hals emporbeugt, bietet es sich dem Jäger auf dem Hochsitz ungeschützt zum Blattschuss dar.

Theodor Fontane ist es, der uns erzählt, dass der Werbelliner Forst weltweit an der der Spitze des Jagdwildbestandes liege – übertroffen nur vom Kopenhagener Tiergarten (“Dyrehave”), und er fährt fort:

Aber an Rotwild bleibt Werbellin à la tête. Seine Forsten umschließen dreitausend Hirsche, die größte Zahl, die, soweit die Kenntnis davon reicht, an irgendeinem Punkte der Welt, innerhalb eines abgegrenzten Reviers gehalten wird. Hier war denn auch, wie selbstverständlich, der Platz, wo sich die Zahl der getöteten Hirsche (denn trotz des Prinzips der Schonung müssen die alten weggeschossen werden) auf eine Höhe bringen ließ, die selbst von den Taten des Cooperschen »Hirschtöters« schwerlich erreicht worden ist. Der jetzt im Potsdamer Wildpark angestellte Wildmeister Grußdorf war dreißig oder vierzig Jahre lang Förster im Werbelliner Forst, und die Leute versichern von ihm, daß er derjenige Jäger sei, der in seinem Leben die meisten Hirsche geschossen habe. Er kannte nicht nur alle, die überhaupt da waren, er fand auch alle, die er finden wollte, und traf alle, die er treffen wollte. 

Wir können nicht vorhersagen, wie es an diesem verschwiegenen Ort bei Joachimsthal weitergeht. Doch wir sind gewiss: Die Natur wird sich behaupten, unter all den Pflanzen und Tieren bildet sich eine wandelbare Lebensgemeinschaft heraus, die auch über den Tod des einzelnen Lebewesens, etwa den Tod dieser uralten Buche hinausgeht.

Ein großartiges Theater, das sich abseits des Weges vor unseren staunenden Augen auf dieser begeisternden Wanderung entfaltete. Weisungslos! Denn ein menschlicher Regisseur für dieses beständig sich erneuernde, sich verjüngende Schauspiel des Lebens ist nicht zu erkennen.

Zitat
Theodor Fontane: “Am Werbellin“. In: ders., Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Herausgegeben von Gotthard Erler und Rudolf Mingau. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2005, S. 480-486, hier S. 483

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Zuhause ist dort, zuhause ist hier

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Sep 132020
 

Abenddämmerung über dem Templiner See, zwei Schwäne ziehen in den Westen, ab und zu tunken sie ihr Haupt in das Wasser. Langgezogener, warmer, geschenkter Sommer, der dem Nachsommer vorangeht! Eine ausgedehnte Tour hatte uns gestern nach Beelitz Heilstätten geführt.

Leere Fensterhöhlen starren uns an, dahinter wittere ich Stroh, feuchte Bettlaken, allerlei Ungeziefer mag sich dort tummeln. Wo früher Lungenkranke über Wochen und Monate der pandemischen Lungenentzündung und Tuberkulose zu entkommen suchten und auf Genesung hofften, tummelten wir uns unbeschwert im Barfußpark 5 lange Stunden ohne Strümpf und ohne Schuh. Ja, damals gab es auch schon echte Volkskrankheiten – so wie heute den Diabetes II oder auch die pandemisch grassierenden Herz-Kreislaufsyndrome, an denen in Deutschland etwa 10 Millionen Menschen erkrankt sind.

Wonnig das Waten im Lehm, mag der Grieche seinen Ton zu Gestalten drücken, mag er Hammer und Meißel ansetzen, wir versinken lustvoll mit bloßen Füssen im feuchten Torf, im nassen Moor, im schlüpfrigen Schlick!

Der Schwielowsee erfrischt uns zum Schluss mit wirklich kaltem klarem Wasser. Ich höre italienische Stimmen an diesem Brandenburger See! Zwei Frauen und zwei Mädchen unterhalten sich. Sie sagen: “Usciamo … siamo entrate di qua.” Das weltoffene Brandenburg empfängt alle, hier stehen allen Menschen die Türen und Tore offen.

Zuhause angelangt, in Schöneberg! Wer begrüßt uns da? Gute Bezirksnachbarn aus alten Tagen – Hans “Hänschen” Rosenthal, Marlene Dietrich, Theodor Heuss, David Bowie, Albert Einstein! Das sind alles Schöneberger Nachbarn, Nachbarn gewesen, mindestens eine Zeit lang! Einstein? Richtig, zwar hatte er ein Sommerhäuschen am Templiner See und segelte leidenschaftlich über die glatte Fläche, auf der wir soeben die Schwäne ihr Haupt ins Wasser tunken sahen.

Aber zuhause war er werktags in Schöneberg, hier bei uns in der Haberlandstraße 5.

Gute Nachbarn haben wir, hatten wir. Zuhause ist hier.

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Wir haben Platz für – Autos oder Menschen?

 Gouvernance économique, Soziale Marktwirtschaft  Kommentare deaktiviert für Wir haben Platz für – Autos oder Menschen?
Sep 112020
 

“Derzeit werden viele Autos auf Halde produziert”, klagt ein Minister, und er hat recht. Der Markt braucht diese Autos nicht, es finden sich keine Käufer. Ein Blick auf die Straßen unserer Städte lehrt, dass die meisten Autos die meiste Zeit zwecklos herumstehen. Niemand kauft die neuen Autos, niemand braucht sie offenkundig. Es wird am Markt vorbei produziert. Es liegt hier eine klassische Fehlallokation volkswirtschaftlicher Ressourcen vor!

https://www.handelsblatt.com/dpa/wirtschaft-handel-und-finanzen-roundup-autogipfel-zusaetzliche-hilfen-fuer-unternehmen-koennten-kommen/26170046.html?ticket=ST-1766093-O10jLGOGzfBinPHx7IkN-ap5

Umgekehrt herrscht eine enorme Nachfrage nach Fahrrädern, die derzeit nicht gestillt werden kann. Der Markt will Fahrräder, keine Autos. Tja. So ist das eben in der Marktwirtschaft. Letztlich entscheiden die Käufer, was sie wollen und brauchen. Ein Eingreifen des Staates ist da nicht nötig. Staatlicher Interventionismus verstärkt sogar die vorhandene Fehlallokation.

https://www.apotheken-umschau.de/Sport/Corona-Trend-Fahrrad-fahren-statt-Auto-560431.html

Platz brauchen bei uns jetzt in Europa vor allem die obdachlosen Menschen in Moria und anderswo. Unterkunft, Nahrung, Grundversorgung für notleidende Menschen, das brauchen wir. Das ist der Bedarf. Die leer herumstehenden Autos haben doch bei uns reichlich Platz. Auch auf Halde. Tag und Nacht. Die obdachlosen Menschen in Moria wären froh, wenn sie wenigstens ein Dach (ein Autodach?) über dem Kopf hätten. Umsteuern ist angesagt.

Foto: Czeminskistr. Schöneberg, gestern: Viele leere geparkte Autos haben viel Platz, daneben gibt es auch Platz für einen Fußgänger und einen Fahrradfahrer. So wird die Ressource “städtischer Raum” bei uns alloziert.

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Freedom for Fruit Flies?

 Das Gute, Freiheit, Naturwissenschaften, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Freedom for Fruit Flies?
Sep 112020
 

Today, I would recommend reading a paper by biologist Björn Brembs, published in December 2010 in the renowned Proceedings of the Royal Society – B Biological Sciences.

Björn Brembs: Towards a scientific concept of free will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates.Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

In simple terms, the author examined the following question: Do fruit flies have something like freedom of will? The author analyzed whether fruit flies have the ability to choose between alternative actions. According to a trivial assumption, animals of the same species will always take the same decisions if they are in excactly the same starting position. Therefore, hungry fruit flies would always move towards a possible food source.

Surprisingly, this is not the case! In the experiments, there were always some animals that showed a deviation from the expected regular behavior. We can gather that even in simple stimulus-response situations, where a basic stimulus is likely to be answered by a highly predictable reaction, there will be individuals deviating from the crowd. We will always find curious outliers among the fruit flies. Most of the times, they amount to roughly 20 percent of the respective group.

But there is more to come! If these 20 percent of the test flies are excluded and the remaining individuals are exposed to a new experiment, the deviation rate is about the same.

Flies thus seem to seek solutions to problems – instead of simply having instincts guide them. Björn Brembs concludes:

The fly cannot know the solutions to most real-life problems. Beyond behaving unpredictably to evade predators or outcompete a competitor, all animals must explore, must try out different solutions to unforeseen problems. Without behaving variably, without acting rather than passively responding, there can be no success in evolution.

The behavior of insects is never fully predictable, even in the simplest standard situations. It seems that insects have a kind of discretionary power. The freedom of trial and error gives the species an evolutionary advantage.

Decisions for or against something seem to be possible even in the largest sub-group of the animal kingdom, in the sense that invertebrate animals are not neuronally determined in their behaviour. Under absolutely identical initial conditions, genetically similar or genetically identical insects “decide” differently even in fundamental questions of existence – for example, whether they should fly into the light or away from it!

Neurobiology – this lead science, which is so extremely hip at the moment – discusses whether something like free will can still be allowed or justified. Will freedom of will one day become obsolete, since it is becoming increasingly clear why our brain reacts the way it does?

In my opinion, Brembs’ paper proves that neuronal processes in animals do not clearly determine their actual decision to act.

For the age-old philosophical problem of the freedom of will in humans, I think I may resume these considerations in the following words:

A biological proof that we do not have free will cannot be provided. Many findings seem to indicate that not only we humans, but also animals can use a considerable scope for decision. The fact that we can actually decide, that we are endowed with freedom of will, that we are to a large extent “masters of our own actions”, is a basic concept that is accessible through subjective introspection. Moreover, it cannot be refuted by scientific experiments.

In saying so, we do not deny that acts of will are inextricably bound to material processes – i.e. ultimately to processes among neurons, synapses, messenger substances and excitatory potentials in the brain. But these processes are only substrates, carrier substances of the will.

Any human individual is free to a considerable extent. He or she decides to do something – or decides not to. Only through such a concept of freedom will responsibility become a justifiable philosophical option. By the same token, morality, the differentiation between right and wrong become conceivable only if we accept this fundamental principle of freedom. Thus, for instance, hardly anyone will concede an excuse to a murderer if she or he claims: “I just had to kill! I was overtaken by the impulse to kill!”

Apart from few cases of utter madness or mental incapacity, we will always say: “The murderer did not have to kill. He or she must answer for the consequences of their actions.”

In this sense, I am strongly committed to the concept of human freedom.

Picture: Kreuzberg blogger talking to Berlin children about freedom, good and evil in Mozart’s Magic Flute. Picture taken at Lomonosov Elementary School Berlin in 2011

This post was originally published here on 11 February 2011. Re-edited and translated from German by this blog’s author.

 Posted by at 11:46