Als unbestechlicher, unerbittlicher Kritiker des erstarkenden Kolonialismus der Europäer in anderen Erdteilen zeigt sich Immanuel Kant in seiner Schrift Zum ewigen Frieden. Die sich selbst so nennenden „gesitteten Staaten“ brachten seiner Ansicht nach den unterworfenen, zum Teil staatenlos lebenden Völkern nur Krieg, Hungersnot, Verrat, Aufruhr und weiteres Übel. Aber lest selbst, was er in seinem Dritten Definitivartikel zum ewigen Frieden über die Kolonialpolitik schreibt:
Auf diese [pg 042]Art können entfernte Welttheile mit einander friedlich in Verhältnisse kommen, die zuletzt öffentlich gesetzlich werden, und so das menschliche Geschlecht endlich einer weltbürgerlichen Verfassung immer näher bringen können.
Vergleicht man hiemit das inhospitale Betragen der gesitteten, vornehmlich handeltreibenden Staaten unseres Welttheils, so geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerley gilt) beweisen, bis zum Erschrecken weit. Amerika, die Negerländer, die Gewürzinseln, das Kap &c. waren, bey ihrer Entdeckung, für sie Länder, die keinem angehörten; denn die Einwohner rechneten sie für nichts. In Ostindien (Hindustan) brachten sie, unter dem Vorwande blos beabsichtigter Handelsniederlagen, fremde Kriegesvölker hinein, mit ihnen aber Unterdrückung der Eingebohrnen, Aufwiegelung der verschiedenen Staaten desselben zu weit ausgebreiteten Kriegen, Hungersnoth, Aufruhr, Treulosigkeit, und wie die Litaney aller Uebel, die das menschliche Geschlecht drücken, weiter lauten mag.
Auf diese Frage liefert Immanuel Kant in seinem scharfsinnigen Entwurf „Zum ewigen Frieden“, der 1795 in Königsberg erschien, also in dem Jahr, in welchem die dritte Teilung Polens zwischen Österreich und Russland vereinbart worden war (3.1.1795), der Preußen sich später (24.10.1795) anschloss, in dem Jahr also, da das Königreich Preußen im Frieden von Basel (5. 4.1795) erstmals in eine vertragliche Beziehung zur Republik Frankreich – das damals unter der Herrschaft der Thermidorianer stand – getreten war, die folgende Antwort:
Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freyer Staaten gegründet seyn.
Völker, als Staaten, können wie einzelne Menschen beurtheilt werden, die sich in ihrem Naturzustande (d. i. in der Unabhängigkeit von äußern Gesetzen) schon durch ihr Nebeneinanderseyn lädiren, und deren jeder, um seiner Sicherheit willen, von dem andern fordern kann und soll, mit ihm in eine, der bürgerlichen ähnliche, Verfassung zu treten, wo jedem sein Recht gesichert werden kann. Dies wäre ein Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat seyn müßte. Darinn aber wäre ein Widerspruch; weil ein jeder Staat das Verhältnis eines Oberen (Gesetzgebenden) zu einem Unteren (gehorchenden, nämlich dem Volk) enthält, viele Völker aber in einem Staat nur ein Volk ausmachen würden, welches (da wir hier das Recht der Völker gegen einander zu erwägen haben, so fern sie so viel verschiedene [pg 031]Staaten ausmachen, und nicht in einem Staat zusammenschmelzen sollen) der Voraussetzung widerspricht.
Aus diesen und ähnlichen Grundgedanken sollten sich später der Völkerbund (ab 1919) und wiederum später die Vereinten Nationen (UNO) entwickeln.
Für Immanuel Kant wie auch für den Völkerbund, und ganz entschieden auch für die Vereinten Nationen war und ist die Verhinderung, ja sogar das Verbot von Kriegen das wichtigste Merkmal, der wichtigste Zweck eines solchen „Föderalism freyer Staaten“.
Auf die fundamentale Rolle des Gewaltverbots im internationalen öffentlichen Recht (auf Deutsch stets „Völkerrecht“ genannt) weist Kai Ambos in seinem höchst lesenswerten, am 7. April 2026 in der FAZ erschienen Aufsatz „Wir brauchen das Völkerrecht“ hin, wir zitieren daraus den Anfang:
Das Völkerrecht regelt primär die Beziehungen zwischen Staaten – so wie das nationale Recht die Beziehungen zwischen Bürgern. Diese Beziehungen sollten grundsätzlich gewaltlos ausgestaltet sein, denn die Abwesenheit von unregulierter Gewalt ist für jede Ordnung konstitutiv. Mit Gewalt kann es keinen Dialog, kein Gespräch zur friedlichen Streitbeilegung geben, sei es zwischen den gleichberechtigten Bürgern einer freien Gesellschaft oder den gleichberechtigten Staaten der Weltgesellschaft. In Anlehnung an Jürgen Habermas lässt sich sagen, dass die gewaltlose „soziale Interaktion“ die Grundvoraussetzung der Entstehung einer jeden „sozialen Ordnung überhaupt“ darstellt. Dabei kommt dem Recht die Funktion der „rechtlichen Zähmung naturwüchsiger politischer Gewalt“ zu. Die Herrschaft des Rechts tritt an die Stelle der Herrschaft der Gewalt, der Verzicht auf Gewalt wird so zur Voraussetzung einer rechtlich (gewaltlos) verfassten nationalen Gemeinschaft von Bürgern oder einer internationalen Gemeinschaft von Staaten. Dieser Erkenntnis und der Gewalterfahrung zweier Weltkriege trägt die UN-Charta mit ihrem Primat friedlicher Konfliktbeilegung (Artikel 1 Absatz 1, Artikel 2 Absatz 3) und dem Verbot militärischer Gewaltanwendung (Artikel 2 Absatz 4) Rechnung. Nach dieser Vorschrift „unterlassen“ die Staaten „in ihren internationalen Beziehungen jede […] Androhung oder Anwendung von Gewalt“.
Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden.
So stellte es lapidar Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht ALLE TAGE fest.
Ist dem so? Darüber müssen wir reden, und deshalb laden wir zum philosophischen Gespräch ein:
Aus endlosen Fortsetzungskriegen zum ewigen Frieden? Rückfragen an Immanuel Kant
1795 veröffentlichte Kant seinen philosophischen Entwurf Zum ewigen Frieden. Im selben Jahr wurde Polen als Staat durch seine drei Nachbarn von der Landkarte gefegt. Ganz Europa war in wechselnden Bündnissen durch ein Geflecht aufeinander folgender Kriege miteinander verkettet; etliche Staaten kämpften um ihren Fortbestand.
Was schlägt Kant vor, um einen solchen Zustand ständiger Nachfolgekriege und wechselseitiger Vernichtungsdrohungen, der ja in vielem der heutigen Weltlage ähnelt, zu beenden?
Wir erarbeiten an diesem Abend ein Grundverständnis von Kants kurzer Schrift, äußern Fragen und Hypothesen zu ausgewählten Texten, vergleichen 1795 mit 2026 und wagen uns – so steht zu hoffen – an Vorschläge wo nicht zum „ewigen“, so doch zu einem gerechten, dauerhaften Frieden.
Einführung in Kants Entwurf und Moderation der Kleingruppenarbeit: Johannes Hampel
Empfohlene Textausgabe: Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Herausgegeben von Rudolf Malter. Reclam Verlag, Stuttgart 2022, € 5,20
Zeit: 10. April 2026, 19.00 – 21.00 Uhr
Ort: Salon Feurig. Bei KONTAKTE KOHTAKTbI. Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg
Vorschau auf weitere Treffen im Salon Feurig: 20. April 2026, 19.00 Uhr: Es lebe die ukrainische Sprache! Märchen, Poesie, Politik. 30. April 2026: 19.00 Uhr: Mit Musik in den Mai. Gemeinsames Singen in mehreren Sprachen, Musizieren mit allerlei Instrumenten. Ohne Strom. Ohne Lautsprecher. Alles selbstgemacht.
Zitatnachweis: Ingeborg Bachmann: ALLE TAGE, zitiert nach: KRIEG, FLUCHT, VERNICHTUNG, in: Der ewige Brunnen. Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten. Gesammelt und herausgegeben von Dirk von Petersdorff. C. H. Beck, München 2023, S. 919-956, hier: S. 952
Passend zur Jahreszeit steht unser heutiger Salon-Feurig-Abend „Frost und Sonne“ ganz im Zeichen des erbitterten, keineswegs gewaltlosen Ringens zwischen den Mächten des Winters und des Frühlings.
Wie wird dieser Streit ausgehen? Das weiß niemand. Wir werden es ja hören und spüren!
Zeit und Ort: 12. März 2026, 19.00 Uhr, Salon Feurig. Kontakte, Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg
Mitwirkende:
Johannes Hampel, Tenor und Moderation Sergey Neller, Klavier
Programm:
– Lieder und Arien von Franz Schubert (4 Lieder aus Winterreise), Tschaikowski (Lenskis Arie aus Eugen Onegin), Richard Wagner (Winterstürme wichen dem Wonnemond aus Walküre), Richard Strauss (Freundliche Vision)
– Klaviersonate op. 22 von Nikolai Medtner
– Lyrik von Francesco Petrarca, Alexander Puschkin, Wilhelm Müller, Richard Wagner, Otto Julius Bierbaum, Ernst Stadler
Einige Restkarten gibt es wahrscheinlich noch an der Abendkasse ab 18.45 Uhr.
Bild: Frost und Sonne kämpfen um die Vorherrschaft am Teufelssee am Lindengestell im Schlangenfenn beim Großen Ravensberg nahe Bergholz-Rehbrücke im Landkreis Potsdam-Mittelmark, Aufnahme vom 1. März 2026
diese Verse aus dem Gedicht Der Leiermann von Wilhelm Müller kommen mir bei Betrachtung dieses Hin und Her zwischen Sonne und Frost in den Sinn. Die Großwetterlage scheint unentschlossen zwischen Winter und Frühling, die Nacht ist zwar sternenklar und kalt, der Tag strahlt in der frühen Märzensonne. Aber es wird nicht wirklich warm.
Man weiß nicht, was noch werden mag – laß gehen dahin!
O knackiges Knirschen griffiger Grödel im körnigen Grieß, O graupliger Schnee, o splittriges Eis, o warmes Licht! Wie gut es ist, wie frisch es streicht In weitgeöffnete Lungen! Das Licht und die Luft, Das Schreiten, das Weiten des Blicks, O Klarheit des Winters, den wir so lange vermissten! O Kälte, o Strenge, o Eindeutigkeit, o Zwang, o Freiheit, endlich!
Im aktuellen Spiegel (52/2025, 21.12.2025) findet sich ein sehr lesenswertes Interview mit Inken Schmidt-Voges, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Philipps-Universität Marburg, über die Familie im Wandel der Jahrhunderte. Sie bestätigt das, was meine eigene, ihrerseits als Ethnologin ausgebildete Schwester schon früher uns drei Brüdern immer wieder erklärt hat: die allermeisten Frauen haben über die Jahrhunderte hinweg in der überwiegenden Mehrheit fast überall innerhalb und außerhalb des Hauses auch Erwerbsarbeit geleistet, sie waren eigentlich kaum je allein auf die unbezahlte Mutter- und Hausfrauenrolle festgelegt.
Drei Zitate aus diesem bemerkenswerten Spiegel-Interview seien hier angeführt :
Zitat 1: „Bei der Ehefrau und Hausfrau lief die Organisation aller Aufgaben und Tätigkeiten zusammen, die die häusliche Wirtschaft betrafen. Kinderbetreuung, Produktion, Vorratshaltung und Buchführung waren bis weit ins 18. Jahrhundert hinein eng miteinander verbunden, in der Landwirtschaft genauso wie im Handelsgeschäft oder im Handwerksbetrieb. Männer brauchten schlicht einen Ersatz auf dieser zentralen Position, weil sie die ganze Organisation in der Regel nicht zusätzlich zu ihren eigenen Aufgaben übernehmen konnten.“
Zitat 2: „Das Ideal der Kleinfamilie verbreitete sich erst mit dem Aufstieg des Bürgertums ab Ende des 18. Jahrhunderts. Bis dahin gehörten auch Angestellte und mitwohnende Verwandte zur Familie, man lebte unter einem Dach und war eine Versorgungsgemeinschaft.“
Zitat 3: „Der Rückzug in die Kleinfamilie war eine Antwort auf den Nationalsozialismus. Zu dessen Ideologie hatte es gehört, die Erziehung der Kinder aus der Familie auszugliedern. In der frühen Bundesrepublik bildete sich gewissermaßen eine Gegenbewegung, man stellte die Familie unter den Schutz des Staates.“
Wen es interessiert: Ich persönlich würde Zitat 3 ganz oben aufs Treppchen stellen, Zitat 1 erhält von mir die Silbermedaille, Zitat 2 nur Bronze.
Das heutige Foto zeigt ein Ausstellungsplakat: Die Frau in Haus und Beruf. Ausstellungshallen Zoologischer Garten, Berlin, 24. Februar bis 24. März 1912. Exponat in der Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Jüdisches Museum Berlin, 11. Juli bis 23. November 2025. Fotografische Aufnahme des Vf. vom 29. September 2025
Heimat, SchönebergKommentare deaktiviert für Auf Widerruf gestundete Zeit: Schrott
Sep.152025
Ein Bild der Zerstörung bot sich meinen Augen bei der Heimkehr im noch kaum sich lichtenden Dunkel am vergangenen Freitagmorgen. Der Zugang zu meiner Wohnung war nur über Umwege möglich; der Schulhof der Teltow-Grundschule war mit Flatterband abgesperrt. Was war geschehen? Bald erfuhr ich’s: Eine gewaltige Explosion hatte einen vor dem Gashäuschen geparkten BMW zerfetzt. Um etwa 1.30 Uhr zerriss nächtens eine Bombe die Ruhe unserer Heimat. Ein Mann wurde dabei schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Ihm wünschen wir von hier aus rasche Genesung. Bis in den späten Abend hinein ermittelte eine Mordkommission, sicherte Zoll um Zoll die Spuren, erfasste den Tatort mit Drohnen und Präzisionskameras, konferierte, sichtete, sicherte, spürte, befragte.
Es kommen härtere Tage, die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar im Schrott.
Der Ort ist fortan gezeichnet. Einbruch der Gewalt in die brüchige Realität, unvermittelt!
Und zwei Tage später sind Spuren des Geschehenen noch sichtbar:
Als Bullshit, also „Bullenscheiße“ bezeichnete Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas gestern die Mahnungen des Bundeskanzlers Merz, wir könnten uns die wachsenden Sozialetats so nicht mehr leisten, wir lebten seit Jahren „über unsere Verhältnisse“.
Ist das volksnahe Sprache, die Ministerin Bas hier zeigt? Nein, es ist typisches halbgares Akademikergerede. Typische Halbbildung. Immer wieder mal US-Slang einstreuen, das kommt gut an bei der akademischen Elite unseres Landes. Und es schreckt die Arbeiter und die Menschen ohne Abitur ab. Das zahlt alles auf das Konto der AFD ein. Wetten? Und Geld Geld Geld hält laut Bas Deutschland zusammen. Echt jetzt?
Sie streiten mal wieder nur ums Geld. Bezeichnend. So abgehoben sind sie, unsere Politiker. Da lob ich mir doch Bert Brecht. Der sprach von lieben, schützen, Deutschland. Hände reichen.
Einen echten Coup hat der, wie ich finde, im guten alten Sinne redliche Bodo Ramelow da gelandet – er schlägt uns Brechts Kinderhymne als mögliche Nationalhymne für ganz Deutschland vor. Wie unzeitgemäß, wie mutig, wie kühn ist das doch! Ramelow schlägt allenthalben Ablehnung entgegen – nicht so jedoch hier!
Warum nenne ich Bodo Ramelows Vorschlag unzeitgemäß, kühn und mutig? Nun, lesen wir zunächst einmal die Kinderhymne Bert Brechts in einer wohlfeilen Volksausgabe:
KINDERHYMNE
Anmut sparet nicht noch Mühe Leidenschaft nicht noch Verstand. Daß ein gutes Deutschland blühe Wie ein andres gutes Land.
Daß die Völker nicht erbleichen Wie vor einer Räuberin Sondern ihre Hände reichen Uns wie anderen Völkern hin.
Und nicht über und nicht unter Andern Völkern wolln wir sein Von der See bis zu den Alpen Von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dieses Land verbessern Lieben und beschirmen wir’s Und das liebste mag’s uns scheinen So wie andern Völkern ihrs.
Zitiert nach: Bertolt Brecht, KINDERHYMNE, in: ders., „Kinderlieder“, in: Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Dritter Band: Gedichte 1, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main1997, S. 393-397, hier: S. 396-397 sowie Erläuterungen auf S. 506-508
Was ist daran, an diesem raffinierten, heute wieder höchst lesenswerten Gedicht unzeitgemäß, was rennt hier gegen den Strom an?
Vieles! Zunächst einmal das völlig zweifelsfreie, befremdliche Verwenden von Begriffen wie Volk, Deutschland, Anmut, Leidenschaft, Verstand,Mühe.
Fangen wir beim letzten Begriff an: Mühe!
Brecht fordert da doch tatsächlich die deutschen Kinder auf sich abzumühen! WAS ERLAUBEN BRECHT! Schon das passt nicht in unsere Zeit (wir schreiben den 31. August 2025) hinein. Landauf landab ist in Deutschland heute zu hören: „Niemand braucht sich zu mühen, der Staat und sein Sozialsystem müssen schließlich für uns alle sorgen – und tun dies ja auch mehr schlecht als recht.“
„Erkennt, o Kinder, in ein wie schlechtes, ungerechtes, kinderfeindliches Land ihr hineingeborenen seid.“ So singt und klingt es doch heute. Überall gähnen „marode Turnhallen“, es herrscht „Chancenungleichheit im Bildungsbereich“, überforderte Lehrer, kaputtgesparte Schulen! Kinderarmut, und schlimmer noch: Rassismus, Faschismus, Klimazerstörung, ja sogar Rechtspopulismus erreichen wieder einmal Rekordhöhe!
Keiner, fast keiner wagt es doch heute, wie der rechtschaffene Brecht damals zu mahnen: Tut was, lernt, das Leben ist kein Kindergeburtstag und auch kein Ponyhof. Ihr seid zu einem großen Teil selber für eurer Leben verantwortlich.
Wir setzen diese Betrachtungen bei den anderen Begriffen, etwa „gutes Deutschland“, „lieben“, „beschirmen“ morgen fort. Der heilsamen Zumutungen Bert Brechts – und somit auch Bodo Ramelows – ist so schnell kein Ende.
War es schon immer so, dass die Fertilität der Frauen mit steigendem Einkommen und steigendem Wohlstand abnahm? Was sagen unsere alten Märchen dazu? Hören wir doch einmal, was die Brüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen dazu sagen! Der Anfang einer von ihnen aufgezeichneten Geschichte lautet:
Es waren einmal zwei Schwestern, die eine hatte keine Kinder und war reich, die andere hatte fünf Kinder und war eine Witwe und war so arm, dass sie nicht mehr Brot genug hatte, sich und ihre Kinder zu sättigen. Da gieng sie in der Not zu ihrer Schwester und sprach „meine Kinder leiden mit mir den größten Hunger, du bist reich, gib mir einen Bissen Brot.“
Wir sehen: Dieses Märchen bringt gleich zu Anfang eine in vielen Geschichten und Mythen vorkommende Konstellation: Geschwister, die ungleich reich sind, von denen das reichere keine Kinder und das ärmere viele Kinder hat. Erstaunlich ist hier, dass dieser Unterschied als solcher zunächst einmal hingenommen wird und die arme kinderreiche Schwester erst in höchster Not sich mit ihrer Bitte an die reiche kinderlose Schwester wendet. Was mag wohl die reichere Schwester nun erwidern? Hören wir es gleich an:
Die steinreiche war auch steinhart, sprach „ich habe selbst nichts in meinem Hause“ und wies die Arme mit bösen Worten fort. Nach einiger Zeit kam der Mann der reichen Schwester heim, und wollte sich ein Stück Brot schneiden, wie er aber den ersten Schnitt in den Laib tat, floss das rote Blut heraus. Als die Frau das sah, erschrak sie und erzählte ihm was geschehen war.
Beachtlich ist hier, dass entgegen der landläufigen Meinung im Mann ein stärkeres Erbarmen gezeigt wird als in der Frau. Ein doch recht auffälliger Gegensatz zu dem Weiblichkeitsideal, an das wir uns bei älteren Texten gewöhnt zu haben scheinen! Es ist der Mann, der hier den entscheidenden Schritt der Barmherzigkeit tut. Und so geht es weiter:
Er eilte hin und wollte helfen, wie er aber in die Stube der Witwe trat, so fand er sie betend; die beiden jüngsten Kinder hatte sie auf den Armen, die drei ältesten lagen da und waren gestorben. Er bot ihr Speise an, aber sie antwortete „nach irdischer Speise verlangen wir nicht mehr; drei hat Gott schon gesättigt, unser Flehen wird er auch erhören.“ Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so taten die beiden Kleinen ihren letzten Atemzug, und darauf brach ihr auch das Herz und sie sank tot nieder.
So endet diese traurige Geschichte ohne Moral, die unter dem Titel Gottes Speise in einigen Auflagen der Grimmschen Märchen enthalten ist, aber heute meist nicht mehr mit abgedruckt wird – vermutlich weil sie dem gängigen Schema des mit einem Happy End endenden Märchens überhaupt nicht entspricht und einen schonungslosen Blick auf charakterliche Deformationen wirft, die offenbar seit Menschengedenken mit allzu großem Reichtum einhergehen.
Die reiche, aber kinderlose Frau ist freilich etwas, was recht häufig im Märchen vorkommt, man denke nur zum Beispiel an Rapunzel, wo die Zauberin in einem schönen weiten Garten, der von einer hohen Mauer umgeben ist, ihre wundertätigen Pflänzlein züchtet – und doch offenkundig unglücklich ist, denn sonst würde sie ja nicht unbarmherzig der armen Nachbarin aus dem Hinterhaus das Kind rauben.
Wir dürfen also festhalten: zumindest in diesem Märchen wird durchaus die auch heute in der Demografie erneut festgehaltene Hypothese ausgesprochen, dass mit steigendem Wohlstand die Zahl der Kinder abnimmt. Sozioökonomischer Status und Fertilität stehen hier, wie die Sozialwissenschaftler sagen, in einer starken negativen Korrelation.
Quellenangabe: 5. „Gottes Speise“, 12. „Rapunzel“ in: In: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, S. 805 (Gottes Speise) und S. 84-88 (Rapunzel)
Bild: Die Grabstätte der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Alter St-Matthäus-Friedhof, Berlin-Schöneberg, Aufnahme vom 26. Juli 2025
Der perpetuus motus animi, in welchem laut Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, hält mich früh und spät am Laufen, Denken und Nachsinnen! Manchmal weiß ich mir bei meinen Hypothesen dabei keinen anderen Rat – ich will die Antwort sofort haben! So auch heute Abend. Und so gab ich nach kurzem Überlegen bei einer bekannten künstlichen Intelligenz meine folgende Frage ein:
„Weltweit sinken die Geburtenraten. Ich vermute, dass sinkende Geburtenraten in einer Gesellschaft mit höherem Wohlstand, also höherem Durchschnitteinkommen korrelieren. In den ärmsten Ländern werden mehr Kinder pro Frau geboren, in den reicheren Ländern mit höherem Wohlstand geht die Fertilität nach unten. Stimmt meine Vermutung?“
Folgende Antwort von ChatGPT (Open AI) kam nach 3 Sekunden:
Deine Vermutung entspricht tatsächlich einem sehr gut belegten Zusammenhang in der Demografie. Was du beschreibst, ist ein zentrales Muster der sogenannten „demografischen Transition“:
1. Allgemeiner Zusammenhang
Arme Länder (niedriges Pro-Kopf-Einkommen):
Hohe Fertilität (viele Kinder pro Frau)
Gründe: Kinderarbeit trägt zum Familieneinkommen bei, geringere Bildung der Frauen, kaum Zugang zu Verhütung, hohe Kindersterblichkeit (mehr Geburten als Absicherung).
Reiche Länder (hohes Pro-Kopf-Einkommen):
Niedrige Fertilität (oft unter 2,1 Kinder pro Frau)
Gründe: Bessere Bildung, Berufstätigkeit der Frauen, Kosten für Kinder steigen, Individualisierung, Zugang zu Verhütung, soziale Absicherung ersetzt die „Rentenfunktion“ der Kinder.
2. Demografischer Übergang
In der Forschung spricht man vom demographischen Übergang:
Phase: Hohe Geburtenrate + hohe Sterblichkeit
Phase: Sterblichkeit sinkt → Bevölkerung wächst schnell
Phase: Niedrige Geburtenrate und niedrige Sterblichkeit (Europa, Japan)
Phase (teils): Geburtenrate dauerhaft unter 2,1 → Bevölkerung schrumpft.
3. Datenbeispiele
Niger (armes Land): ca. 6,7 Kinder pro Frau
Deutschland: ca. 1,5 Kinder pro Frau
Japan: ca. 1,3
USA: ca. 1,6–1,7
4. Ausnahmen
Manche reiche Golfstaaten haben wegen Kultur und Migration etwas höhere Raten.
Einige ärmere Länder wie Bangladesch haben schon stark sinkende Raten durch Bildung und Familienplanung.
Fazit
Es gibt eine starke negative Korrelation zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Fertilitätsrate. Dieser Zusammenhang ist eines der robustesten Ergebnisse der Bevölkerungsforschung.
Weltweit sinken die Geburtenraten – und das ist kein Zufall. In den Statistiken zeigt sich sehr klar ein Zusammenhang zwischen dem Wohlstand einer Gesellschaft und der Zahl der Kinder, die Frauen im Durchschnitt bekommen.
In ärmeren Ländern, wo das durchschnittliche Einkommen niedrig ist, bekommen Frauen oft viele Kinder. Das hat mehrere Gründe: Kinder tragen dort häufig zum Familieneinkommen bei, es gibt weniger Zugang zu Bildung und Verhütungsmitteln, und eine hohe Kindersterblichkeit sorgt dafür, dass Familien mehr Kinder bekommen, um sich abzusichern.
Mit steigendem Wohlstand verändert sich dieses Bild. In reicheren Ländern, wo die Kindersterblichkeit sinkt und der Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Verhütungsmitteln besser wird, entscheiden sich Paare für weniger Kinder. Hinzu kommt, dass Kinder mehr kosten, Frauen häufiger berufstätig sind und soziale Sicherungssysteme die „Absicherungsfunktion“ von Kindern ersetzen.
Diese Entwicklung wird in der Demografie als „demografischer Übergang“ bezeichnet. Historisch durchlaufen Gesellschaften dabei mehrere Phasen: Zunächst gibt es hohe Geburten- und Sterberaten. Dann sinkt die Sterblichkeit, was zu starkem Bevölkerungswachstum führt. Schließlich sinkt auch die Geburtenrate – bis Gesellschaften in einem Gleichgewicht mit niedrigen Geburten- und Sterberaten ankommen. In vielen Industrieländern liegt die Geburtenrate heute sogar unter dem sogenannten Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau.
Die Zahlen machen das deutlich: In Niger liegt die Geburtenrate bei rund 6,7 Kindern pro Frau. In Deutschland sind es etwa 1,5, in Japan sogar nur 1,3. Die USA liegen bei etwa 1,6 bis 1,7.
Zwar gibt es Ausnahmen – zum Beispiel einige Golfstaaten oder ärmere Länder wie Bangladesch, in denen die Geburtenrate trotz niedrigen Einkommens schon stark zurückgegangen ist –, aber insgesamt gilt: Je höher das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes, desto niedriger ist im Durchschnitt die Zahl der Geburten pro Frau.
Dieser negative Zusammenhang zwischen Wohlstand und Geburtenrate gehört zu den am besten belegten Phänomenen der Bevölkerungsforschung.
Beispielwerte der Fertilitätsraten (2023, gerundet):
Niger: 6,7 Kinder pro Frau
Bangladesch: 2,0
Indien: 2,1
Brasilien: 1,7
Deutschland: 1,5
Japan: 1,3
USA: 1,7
(Quelle: ChatGPT, OpenAI – Antwort vom 25. Juli 2025)
Wie viele der Kinder im Alter von einem Jahr weltweit haben mindestens eine Impfung erhalten? A: 59% B: 69% C: 79% D: 89%
2. Welcher Anteil der Menschen weltweit hat Zugang zu Elektrizität? A: 62% B: 72% C: 82% D: 92%
3. Wie hoch ist die durchschnittliche Lebenserwartung – bei Geburt – weltweit? A: 43,5 Jahre B: 53,5 Jahre C: 63,5 Jahre D: 73,5 Jahre
Diese 3 Fragen stellte Hans Rosling zu Beginn seines im Jahr 2018 erschienenen Buches Factfulness. Auch Boris Palmer stellt listigerweise diese Quizfragen am Anfang des 2025 herausgekommenen Buches „Wir machen das jetzt! Über den Mut, neue Wege zu gehen“.
Wir wollen uns jetzt – im Juli 2025 – einmal den Spaß machen, genau diese Fragen noch einmal zu stellen, geben allerdings listigerweise statt 3 nun 4 Antworten vor.
Nun lieber Leser, liebe Leserin, nur Mut, rate auch du richtig! Ich traue es dir zu!
Eine – und nur eine – der vier Antwortmöglichkeiten ist zum jetzigen Zeitpunkt richtig!
Wenn du nicht sicher bist, dann entscheide einfach nach Gefühl! Horche in dich hinein! Was sagt dir dein dumpfes Gefühl?
Oder schau bei der UNICEF nach – oder frage Google – oder spanne eine künstliche Intelligenz deiner Wahl ein!
NUR MUT!
Quellen: Hans Rosling: Factfulness. Ten Reasons We’re Wrong About The World – And Why Things Are Better Than You Think. Sceptre, 2018
Lisa Federle/Boris Palmer: Wir machen das jetzt! Über den Mut, neue Wege zu gehen. Quadriga, 2025