Feb 032020
 
Katze im Kerameikos, dem antiken Friedhof Athens, 29.12.2019

Zu den erstaunlichsten Geschöpfen auf unserer Reise gehörte diese Katze im Kerameikos, dem antiken Friedhof Athens. In trübem winterlichem Wetter wollten wir den Weg abschreiten, der einst längs dem Friedhof der Stadt hinaus zum Hain des Akademos führte, wo Plato seine Akademie leitete.

Dieses in sattem Grün triefende Tal hatte einst der Fluss Eridanos geprägt. Hier fand diese Katze sicher alles, was zu einem gelungenen Leben im Frieden mit den Toten und den Lebenden gehörte. Sie schien mit ihrem Leben sehr zufrieden zu sein, hörte auf unser Locken und Schnalzen …

… und doch wehte der Geist Platos herüber, denn das Tier war nicht zufrieden mit der Welt der sinnlichen Erfahrung! Vergleichbar den Gefangenen in Platos Höhlengleichnis dämmerte es ihr, dass es noch etwa anderes geben musste als nur die Welt der sinnlichen Erscheinungen. Sie strebte nach Höherem!

Sie reckte und streckte sich, mühte sich ab, kletterte, strebte empor an der alten verfallenen Mauer! Es war, als wollte sie uns eine Botschaft übermitteln – “Hinauf, hinauf strebt’s, es schweben die Wolken abwärts, das Höhere neigt sich mir entgegen, mir, mir… O nehmt mich auf und achtet mich nicht zu gering, ihr höheren Wesen!” Vergebens! Sie schaffte es nicht, diese Mauer zu erklettern.

Es war nur ein kurzer Augenblick im Kerameikos, eine Illumination, die sich mir gleichwohl unvergesslich einprägte!

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Jan 262020
 
“Orte des Schreckens, die wir nie vergessen dürfen”. Ein Denkmal des Schreckens, Berlin-Schöneberg, Kaiser-Wilhelm-Platz

Beachtenswert: Martin Schoeller, der einfühlsame Fotograf des Menschen, geboren 1968, erzählt heute im Tagesspiegel über die ungeheure Wucht, mit der etwa ab den 80er Jahren die Kinder und Jugendlichen an den Schulen in Deutschland mit der Nazizeit konfrontiert werden. Ein Zeugnis, wie ich es immer wieder von Kindern und Jugendlichen in Deutschland gehört habe.

„Als Jugendliche hat uns das Thema Aufarbeitung mit der vollen Kraft getroffen. Auf dem Gymnasium ging es um nichts anderes. Im Deutschunterricht, in Englisch, Französisch und natürlich Geschichte ging es nur um die Nazizeit“, erinnert sich Schoeller. „Ich habe das Gefühl, wir haben nie über die Römer oder die Griechen oder andere Länder geredet.“

Er sei mit dem Schuldbewusstsein aufgewachsen, „als würde man immer wieder eins über den Kopf kriegen“. Er habe sich trotzdem weiter für das Thema interessiert. Später, erzählt er, ist er nach Auschwitz und Buchenwald gefahren. Er habe sich immer gefragt, „wie konnte es kommen, dass Menschen aus meinem Land all diese furchtbaren Verbrechen begehen“.

Quelle:
Ingrid Müller: “Survivors. Die Überlebenden des Holocaust.” Veröffentlicht im Tagesspiegel online am 26.01.2020

https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/survivors-ueberlebende-des-holocaust/

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Jan 252020
 
EUREF-CAMPUS, Berlin-Schöneberg, November/Dezember 2019

“Für ein CO2-freies Berlin.” Mit diesem kraftvoll-knackigen Spruch setzt sich die Berliner GASAG, das bedeutende Berliner Energie-Unternehmen, für die Beseitigung des gesamten Kohlendioxids aus der Berliner Luft ein.

Die Tagesschau, jenes vielgerühmte Nachrichtenmagazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, unterstützt und erweitert diese Forderung nach vollständiger Befreiung nicht nur Berlins, nicht nur der Atmosphäre, nicht nur des Planeten Erde, sondern der Welt insgesamt von allem Kohlendioxid ins Grenzenlose.

Die Tagesschau der ARD fasst nämlich am 23.01.2020 in einem redaktionell bearbeiteten Bericht zum Davoser Weltwirtschaftsgipfel ein Hauptanliegen des Treffens mit folgenden Worten aus dem Off zusammen:

Es ist eine der Kernfragen von Davos: Wie kann der Wandel zu einer CO2-freien Welt gelingen?

Schauen wir es uns an! Kohlendioxid, ein farbloses, geruchloses, ungiftiges, für den Menschen in den üblichen Konzentrationen unschädliches Gas, entsteht durch Oxidationsvorgänge, bei denen sich ein Kohlenstoffatom mit zwei Atomen Sauerstoff verbindet. Bei jedem Verbrennungsvorgang, der unter Kohlenstoffbeteiligung abläuft, wird Kohlendioxid freigesetzt. Organisches Leben tierischer Organismen, wie wir es kennen, setzt ebenfalls unvermeidlich Kohlendioxid frei.

Betrachten wir zum Beispiel – das Atmen! Die Atmung ist ein Gasaustausch zwischen einem Tier (z.B. dem Menschen) und der umgebenden Atmosphäre. Die Atmung bedeutet eine Entnahme von Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft, den Verbrauch dieses Sauerstoffes im körperinneren Stoffwechsel sowie die Abgabe von zusätzlichem, als Abfallprodukt entstandenem Kohlendioxid durch Ausatmen. Jeder Atemzug, den wir Menschen tun, erhöht naturnotwendig den Kohlendioxidanteil der aus unseren Lungen freigesetzen Abluft.

Jeder Verbrennungsvorgang mit kohlenstoffhaltigem Brennstoff, z.B. mit Holz, Pappe, Benzin, Kohle, Gas setzt ebenfalls zusätzliches Kohlendioxid frei.

Damit rücken wir einer Antwort auf die in der Tagesschau genannte Hauptfrage des Davoser Treffens näher: “Wie kann der Wandel zu einer CO2-freien Welt gelingen?”

Vorläufige Antwort: Es ist sicherlich nicht einfach, eine kohlendioxidfreie Welt zu erreichen. Zwei Vorbedingungen sind dafür aber unbedingt zu nennen:

Man verbiete oder beende einfach die Verbrennungsvorgänge jeglicher Art mit kohlenstoffhaltigen Brennstoffen wie Pappe, Holz, Gas, Kohle usw.

Man verbiete und beende zweitens das Atmen aller Tiere einschließlich des Menschen.

Damit ist freilich das angestrebte Ziel der CO2-freien Welt noch nicht erreicht. Aber zwei erste Schritte wären immerhin getan.

Wollen die GASAG, der Davoser Gipfel, die ARD-Tagesschau dies wirklich?

“Wie lange möchte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben?”, so fragte eine anonyme Karikatur unter dem Titel “Club der Denker” aus dem Jahr 1819.

Wir dürfen in genau diesem Sinne im “Club der Atmer” zu Beginn des Jahres 2020 fragen: “Wie lange möchte uns das Atmen wohl noch erlaubt bleiben?”

Beleg:

ARD, Tagesschau-Sendung, 23.01.2020, 20.00 Uhr Timecode: 09:45ff

https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3RhZ2Vzc2NoYXUvOWM5YTgzOTctODNmMS00YjNjLWJjMGEtNTE1ZWQyYjk2MjQw/tagesschau-20-00-uhr

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Jan 172020
 
Blick auf die Szenenbilder des Dionysostheaters, wo 442 v. Chr. die Antigone des Sophokles uraufgeführt wurde. Athen, Zustand am 28.12.2019 n. Chr.

Guten Morgen in die weite Runde, nur mal ganz rasch, habe mir gestern im Konzertsaal der UdK Berlin den Vormittag des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschulwettbewerbs (Gesang, 1. Runde) angehört. Hörte die ersten fünf Teilnehmer des Tages: Maria Skandalidou, Alexandra Köhler, Robin Grunwald, Carmen Artaza, Dongfang Xie. Bravi, bravi tutti. Sehr erhellend, sehr lehrreich!

Besonders hervorzuheben: das Pflichtstück Antigone (UA!) von Konstantia Gourzi. Ein phantastisches raffiniertes Ding, das jeder Gesangspädagoge für den Unterricht nutzen könnte! Der ganze Mensch wird da gefordert, die Rückseite des Körpers, die Vorderseite des Körpers, vom Scheitel bis zur Sohle. Il corpo umano, il canto a tutto tondo! Atmen, Keuchen, Singen, Flöten, malcanto tragico, belcanto aulico!  Vom Keller bis zur Dachstube. Das Klavier ersetzt glaubhaft den gesamten Bühnenapparat der attischen Tragödie (Chor, Szenenbilder, Masken)!  

Ich traute meinen Ohren nicht: Es erklangen dorische Skalen, “kirchentonartliche” Leitern, wie sie vielleicht auch zu Sophokles’ Zeiten erklungen haben mögen!

Der Text ist eindeutig ein Mischzitat aus einigen Stellen des griechischen Urtextes (v.a. – aber nicht nur – Vv. 69-77). Ich habe mitnotiert. Unverwüstliches Stück, diese Antigone von Sophokles, diese Antigone von Gourzi. 5 Mal gestern gehört, 5 Mal unterschiedliche Ur-Aufführungen – und doch erkennbar dasselbe Stück! Es funktionierte bei allen 5 Kandidaten, wird eigentlich immer funktionieren. Dieses Werk holte das beste aus allen heraus. Meine persönliche Entdeckung des Wettbewerbs. Diese Komposition MUSS es in das Abschlusskonzert am Sonntag schaffen – und dann auch über den Wettbewerb hinaus!

Schönen Tag noch in das weite Rund des ganzen Theaters!

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Jan 152020
 
Licht und Schatten, Schnee, Wolken, Hausdächer: Grautöne der verschiedensten Art. Blick vom Stadtteil Makrygianni Richtung Osten über Athen zum Kesariani-Vyronas-Wald am Hymettos, 28.12.2019

“Das wachsende Bewusstsein unserer kollektiven Unverantwortlichkeit in Umweltfragen wird Projektionsmechanismen verstärken, dank deren man die Schuld bei anderen sucht, um sich nicht selbst schämen zu müssen. Keine schönen Aussichten.

Was Hoffnung macht, ist eine Figur wie Greta Thunberg, die in der allgemeinen Verlogenheit die Wahrheit sagt. Und man darf hoffen, dass die moralischen Kräfte wachsen werden, wenn der Ernst der Krise ins allgemeine Bewusstsein gerückt sein wird.”

So schreibt es Vittorio Hösle, Professor für deutsche Literatur, Philosophie und Politikwissenschaft an der University of Notre Dame in Indiana (USA), in seinem 2019 in zweiter Auflage erschienenen Buch “Globale Fliehkräfte”. In diesem Buch, und insbesondere in Sätzen wie den eben zitierten fällt mir die unstillbare Sehnsucht des Menschen nach Wahrheit auf, die Sehnsucht nach dem Menschen, “der in der Wahrheit steht”, nach dem Menschen, der aus der Wahrheit lebt und die Wahrheit, in der er steht, auch unverhüllt ausspricht. O diese unwiderstehliche Anziehungskraft der Wahrheit, welche sich den Fliehkräften der Lüge entgegenstellt und welche beispielhaft in einzelnen, nach Wahrhaftigkeit strebenden Menschen wie etwa Greta Thunberg aufleuchtet!

Dieses aufrüttelnde Bekenntnis Vittorio Hösles zur Wahrhaftigkeit setzt darüber hinaus die Welt der Lüge – oder besser die Lügenhaftigkeit der Welt – in scharfem Hell-Dunkel-Kontrast der Wahrhaftigkeit der einzelnen Lichtgestalt gegenüber. Er erklärt sich also mit Greta Thunbergs Weltsicht einverstanden, die ja ebenfalls “der Welt”, also den Mächtigen dieser Erde, eine abgrundtiefe Verlogenheit vorwirft – und zwar in Bausch und Bogen -, ohne irgendwelche Unterschiede zwischen den Parteien und Staaten zu machen; hierfür nur zwei beliebige Beispiele aus ihrem ebenfalls 2019 erschienenen Buch “No one is too small to make a difference”:

“And yet, wherever I go I seem to be surrounded by fairytales. Business leaders, elected officials all across the political spectrum spending their time telling bedtime stories that soothe us, that make us go back to sleep… It’s time to face the reality, the facts, the science” (Seite 86, Rede vor dem United States Congress vom 18.09.2019).

“If the emissions have to stop, then we must stop the emissions. To me that is black or white. There are no grey areas when it comes to survival. Either we go on as a civilization or we don’t” (S. 6, Rede auf dem Parliament Square zur Extinction Rebellion, London, vom 31.10.2018).

Nun aber: Kann ein vorbildlicher Mensch, der die Wahrheit sagt, sich auch einmal irren? Kann die Welt, die in “allgemeiner Verlogenheit” lebt, auch einmal der Wahrheit teilhaftig werden? Ich meine in beiden Fällen lautet die Antwort “Ja”. Das Reden von Wahrheit und Lüge setzt ja geradezu voraus, dass jedes Urteil auch nachprüfbar sein muss – und dass die ausgesprochene Wahrheit auch für andere Menschen erkennbar ist.

Der hier Schreibende erklärt hiermit – bei aller Sympathie für Menschen wie Greta Thunberg und Vittorio Hösle, die Sehnsucht nach der Wahrheit haben und aus der Wahrheit leben wollen – dass seiner Meinung nach die einmal erkannte Wahrheit stets von neuem befragt, bezweifelt und geprüft werden sollte. Es könnten ja neue Erkenntnisse auftauchen, die die schroffe Unterscheidung in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse in anderem Licht erscheinen lassen.

Roger Bacon hat die Einsicht in die Fehlbarkeit noch des vorbildlichsten Menschen in folgende Wendung gefasst: “Amicus est Socrates magister meus sed magis est amica veritas” (Opus majus, pars I, cap. VII).

Quellenangaben:
Vittorio Hösle: Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart. Mit einem Geleitwort von Horst Köhler. 2. Aufl. Verlag Karl Alber, Freiburg 2019, S. 17-18

Greta Thunberg: No one is too small to make a diffence. Penguin, London 2019

Roger Bacon Opus majus, pars I, cap. VII

https://archive.org/stream/b24975655_0003#page/16/mode/2up/search/socrates
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Jan 122020
 

Atene, sabato 28 dicembre 2019.- Provo stupore, ammirazione, brividi sulle pendici meridionali dell’Acropoli. Tappa obbligatoria: visita al teatro di Dioniso. Sì, è stato qui che furono rappresentate per la prima volta le tragedie di Eschilo, Sofocle ed Euripide. Cito, o canto piuttosto, alcuni versi del primo stasimo dell’Antigone di Sofocle:
πολλὰ τὰ δεινὰ κοὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον πέλει.
τοῦτο καὶ πολιοῦ πέραν πόντου χειμερίῳ νότῳ
χωρεῖ, περιβρυχίοισιν
περῶν ὑπ᾽ οἴδμασιν.

Ascolto per un po’ l’eco della propria voce, i riverberi di quasi tre milleni di storia umana… Poi cade il silenzio. Si respira un’aria falsamente fiduciosa in quello stasimo, mi pare. Dietro questo rigore, quest’iperbolico slancio dell’uomo che vuole vedersi padrone assoluto della terra si nasconde il dissidio totale tra gli esseri umani, l’assenza di riconciliazione tra le figure della tragedia, essendo Creonte ed Antigone in primis irrimediabilmente intrecciati in un contrasto aspro, crudele, senza la minima possibilità di una risoluzione vivibile. Nessuna pace dopo tanta guerra!

Rientriamo in albergo sul tardi. Sul cellulare ricevo un messaggio dal Piemonte. Raffaella Romagnolo ha lasciato proprio oggi un post bellissimo sul suo blog che tratta il tema della riconciliazione, quella cosa che sembra impossibile in contesti come quello dell’Antigone di Sofocle. Lo leggo subito:

RICONCILIAZIONE
Una cosa da tenere.
Berlino, giovedì 25 aprile, presentazione di Bella ciao, che è la versione tedesca del mio Destino. Ripeto: 25 aprile, Berlino, Bella ciao. Coincidenze che, in un romanzo, sarebbero effettacci da quattro soldi, roba che un editor segnerebbe con la matita rossoblù, ma la vita se ne infischia della Letteratura.

La sala è piena. Traduzione simultanea, calici di vino rosso, pile di libri. Per loro è un giovedì sera qualunque, la settimana lavorativa quasi finita, un po’ di svago intelligente. Per me è il 25 aprile. Così racconto della Benedicta. Ha il suo bello spazio, nel romanzo. «Il più grande eccidio di partigiani della storia italiana» dico. Entro nei dettagli. Immagino che la traduzione simultanea spari nelle orecchie dei presenti parole come rastrellamento e fossa comune. Intanto io penso Berlino e 25 aprile. Mi trema la voce, ma vado avanti.

Alla fine della serata si avvicina un uomo. Intorno ai cinquanta, suppergiù la mia età. «A mio padre sarebbe piaciuto questo incontro» dice. Capisco che il padre è morto. «Era un soldato della Wehrmacht» aggiunge, e io sento tutto il coraggio che gli ci vuole, in un giovedì sera di fine aprile, profumo di fiori e l’aria tiepida di un’estate che arriva anzitempo, per prendere la vita di suo padre e depositarla nelle mani di un’estranea. «Voleva la riconciliazione» conclude. Ha un bell’italiano, dice proprio così: riconciliazione. Pace, dopo tanta guerra. Quella parola me la porto dietro, me la tengo stretta.
https://raffaellaromagnolo.wordpress.com/2019/12/28/riconciliazione/

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Jan 072020
 

Die Korenhalle des Erechtheion am späten Nachmittag des 28.12.2019

Fast wankten mir die Knie beim Anblick dieser herrlich süßen, gleichsam von den Lüften ganz zart bewegten, singenden Mädchengruppe. Sie schienen die Stein- und Erdenschwere nicht zu spüren, sie überdauern den Wechsel der Jahreszeiten, ihre Gewänder schmiegen sich zärtlich an die Rundungen ihres Leibes. Sie scheinen zu singen, sie scheinen in einem statischen Tanz gefangen – sie SCHEINEN, sie SIND – etwas, was wir nicht kennen, nicht wissen und nicht so genau wissen wollen oder wissen sollen. Dieses Erechtheion war ein heiliger Ort seit Urzeiten. Hier wurden die mythischen Herrscher Kekrops und Erechtheus beigesetzt. Und was diese “Koren”, diese jungen Frauen genau bezwecken, konnten die Bauforscher bis heute nicht entschlüsseln. Die Koren blicken “chorisch” hinüber zum alten Athena-Tempel. Warum? Wir wissen es nicht.

Mir kommen – angesichts der Nähe des Dionysostheaters – die Chorlieder in den Sinn, die ja eine so wichtige Rolle in der attischen Tragödie spielten. Diese Chorlyrik blühte vor allem in Sparta auf, und nicht zuletzt deshalb wurden diese Chorlieder auch in Athen nicht in attischer, sondern in dorischer Mundart gedichtet und gesungen.

Unwillkürlich mögen einem bei solchen Geheimnissen am Erechtheion hier die Verse des Alkman von Sparta, des frühesten uns bekannten Chorlieddichters in den Sinn kommen:

οὔ μ’ ἔτι, παρθενικαὶ μελιγάρυες ἱαρόφωνοι,
γυῖα φέρην δύναται· βάλε δὴ βάλε κηρύλος εἴην,
ὅς τ’ ἐπὶ κύματος ἄνθος ἅμ’ ἀλκυόνεσσι ποτήται
νηδεὲς ἦτορ ἔχων, ἁλιπόρφυρος ἱαρὸς ὄρνις.

Ihr honigklingenden heiligsingenden Mädchen,
Mir wanken die Knie! Wär ich doch nur ein Saker,
der über Wogengischt mit Blauspechten schwirrt,
kraftvoll packend, blutfarbiger heiliger Vogel!

Der griechische Text des Alkman (26 PMG = 10 LGS =90 Calame) ist nach folgender Quelle zitiert:

https://el.wikisource.org/wiki

Die hier vorgelegte deutsche Übersetzung, die sich einige poetische Freiheiten herausnimmt, stammt vom hier schreibenden Verfasser. κηρύλος dürfte eine Vogelart sein, die bis heute nicht eindeutig bestimmbar ist. Deshalb wurde hier ein deutsches Wort für einen Raubvogel gewählt, das in den Ohren der meisten rätselhaft klingen dürfte.

Literaturhinweis zur Baugeschichte des Erechtheion:
Klaus Gallas: Athen. Mit 30 Abbildungen sowie 9 Plänen und Grundrissen, Stuttgart 2013, hier insbesondere S. 78-88 [=Reclams Städteführer Architektur und Kunst. Athen]


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Jan 062020
 
Blick von der Akropolis auf den Areopag (Felsenhügel in der Bildmitte). Aufnahme vom 28.12.2019

28.12.2019. 11.30 Uhr. Überpünktliche Ankunft am Flughafen Venizelos. Sonnig-kühl, mit frischer, windgereinigter Luft empfängt uns die Stadt. Frei schweift der Blick auf die umliegenden Berge und macchiabewachsenen Hügel; die Temperatur beträgt 8° C. Mit der Metro, einer modernen, sehr gepflegten S-und-U-Bahn fahren wir 40 Minuten bis zum Syntagma-Platz. Je näher wir dem Zentrum kommen, desto mehr Menschen steigen zu. Schließlich ist der Waggon dicht gefüllt mit Menschen. Am Syntagma steigen wir um und fahren noch einen Halt bis zur Station Akropolis.

Il tempio “lascia intravedere il mistero” – Der Tempel “lässt das Geheimnis erahnen”. Blick auf den Nike-Tempel, gesehen vom Anstieg zur Akropolis. Aufnahme vom 28.12.2019

Endlich in Athens Mitte angekommen! Ein erster Gang führt uns bei strahlendem Sonnenschein hoch zur Akropolis. Ich lasse den Blick weit über die Stadt hin wandern: Ja, hier war es! Hier geschah all das! Der grazile Niketempel zieht uns hinan! Kaum zu glauben, dass wir hier, während wir unter den beiden Toranlagen, den lichtdurchfluteten Propyläen hindurchschreiten, weit unter uns schon den Areopag erblicken. Das “Schuldgebirge”, so möcht’ ich diesen kahlen Felsenrücken nennen, auf dem heute die bunten Touristen sich tummeln, denn hier stand das Gerichtsgebäude des antiken Athens; auch heute noch ist dies der Name des höchsten Gerichts in Griechenland!

Wir durchschreiten die lichtdurchfluteten Propyläen. Aufnahme vom 28.12.2019

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Jan 022020
 
Blick in das Παναθηναϊκό Στάδιο, das Olympiastadion von 1896 in Athen. Aufnahme vom 1. Januar 2020

Die Purpurlipp des neuen Jahres, die geschlossen war,
Holt halbgeöffnet erste kräft’ge Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, das Jahr
Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Der Jahreswechsel erlebte uns rastlos wandernd, staunend, prüfend, forschend in Athen, der Stadt, die wie keine zweite das bildete und prägte, was wir bis zum heutigen Tage als kennzeichnend für Europa empfinden und erkennen. Was auch mich persönlich geprägt und geformt hat! Die Akropolis, der Areopag, wo Paulus sein Rede über den unbekannten Gott hielt, das Dionysostheater, wo Aischylos und Sophokles ihre Tragödien zur Uraufführung brachten, die Pnyx, wo die demokratischen Volksversammlungen stattfanden, die griechische Agora, der Kerameikos, die Stoa des Attalos, die lächelnd hingebreitete, funkelnde See bei Piräus, diese Orte und viele andere mehr begeisterten mich über viele Stunden hin und über alles Maß, sie klingen jetzt noch nach, während ich dies hier niederschreibe.

Der erste Tag des Jahres wurde von uns schließlich gefeiert im Panathenäischen Stadion, dem modernen Nachbild einer um 330 v. Chr. angelegten, später ganz mit pentelischem Marmor ausgestatteten Wettkampfstätte. Was für ein Gefühl mochte das gewesen sein, hier anzutreten unter den wilden Schreien der wohl 50.000 Zuschauer! Es musste eine geradezu orgiastische Verzückung sein, eine weihevolle Eruption der Kampfeslust, der Gelingenszuversicht, die die Sportler und die Zuschauer zusammenschmolz und über den harten Alltag hinaushob.

Etwas davon spürte ich, als ich gestern die sehr angenehm zu laufende moderne Tartanbahn erprobte. Mir schießen jetzt, da ich dies zum Antritt des neuen Jahres 2020 schreibe, die Verse des Sophokles durch den Sinn:

ἄπορος ἐπ᾽ οὐδὲν ἔρχεται
τὸ μέλλον

zu deutsch also etwa: “Ratlos schreitet er gegen nichts, das da kommen mag”. So ist er, der Mensch, verlegen nie, er findet immer einen Weg zur Zukunft, denn er weiß: die Zukunft ist offen! So sei es auch uns, dieses neue Jahr, das wir froh und dankbar, unerschüttert und gekräftigt durch die munter weitersprudelnden Quellen des alten, sich beständig erneuernden Europa bestreiten werden! Empor geht die Reise, auf ins Offene!

Das Jahr beginnt im Sprung seine Flüge!

Zitate: Sophokles, Antigone, [Erstes Standlied des Chors], Vers 360-361, hier zitiert nach: Sophoclis fabulae, ed. A. C. Pearson, Oxford 1975
vgl. auch Eduard Mörike: An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang. E. Mörike, Werke, ed. H. Geiger, o.O. 1961, S.7-8

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Dez 272019
 
Johann Wolfgang von Goethe: Lebendmaske. Gips, schellackiert. Mastermodell gefertigt vor 1950. Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei (Original am Gesicht Goethes gefertigt im Oktober 1807 durch Carl Gottlieb Weißer). Fotografische Aufnahme gefertigt am 26.12.2019 durch den hier schreibenden Vf. in der Ausstellung “Nah am Leben. 200 Jahre Gipsformerei” in der James-Simon-Galerie Berlin

Zu den nützlichen, gefälligen, aber leider auch notwendigen Geschenken, die uns an Heiligabend überreicht wurden, zählen wir “Das magische Aufräumbuch” von Inga Scheidt. Durch fleißiges Lesen dieser Hinweise, die sich zwanglos in den Fächern “Loslassen, Ordnung schaffen, durchatmen” rubrizieren lassen, hoffen wir gleichsam magisch, wie im Handumdrehen eine noch bessere Ordnung in Schreibstube, Küche, Schlafgemach und Keller herbeizuführen! “Richten Sie sich ein Regal mit Ordnern für die wichtigsten Unterlagen ein”, lautet eine der durchaus beherzigenswerten Einsichten der Autorin.

Neben dem Lesen des magischen Aufräumbuches fanden wir gestern zum ersten Mal auch Zeit, die neue James-Simon-Galerie ausführlich zu erkunden, und zwar nicht als Durchgang oder Übergang zu den fünf verschiedenen Museen der Museumsinsel, sondern um ihrer selbst willen! Ein derartiger Besuch lohnt sich! Uns überraschte zunächst der freie herrliche Ausblick, den man vom Kolonnadengang aus auf den Lustgarten und den Kupfergraben genießt. Hier der Beleg:

Hervorheben möchten wir heute die Ausstellung “Nah am Leben”, in welcher die Gipsformerei ihr gesamtes Handwerk und ihre Kunstfertigkeit an ausgewählten Beispielen zeigt. Besonders tat es mir gestern unter allen ausgestellten Stücken die Lebendmaske Goethes an, die der Alte vom Frauenplan im Jahr 1807 von seinem Gesicht abnehmen ließ. Es waren genau die Monate, in denen Goethe seine Wahlverwandtschaften verfasste! Und siehe da, auch hier spricht er das Thema des Ordnens, Aufräumens und Loslassens an. Er schreibt im vierten Kapitel des ersten Teils über den reichen Baron Eduard:

Zwar von Natur nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine Papiere nach Fächern abzutheilen. Das, was er mit Andern abzuthun hatte, was bloß von ihm selbst abhieng, es war nicht geschieden, so wie er auch Geschäfte und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam von einander absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemühung übernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag.

Sie errichteten auf dem Flügel des Hauptmanns eine Repositur für das Gegenwärtige, ein Archiv für das Vergangene, schafften alle Dokumente, Papiere, Nachrichten aus verschiedenen Behältnissen, Kammern, Schränken und Kisten herbei, und auf das Geschwindeste war der Wust in eine erfreuliche Ordnung gebracht, lag rubricirt in bezeichneten Fächern. Was man wünschte, ward vollständiger gefunden, als man gehofft hatte. Hierbei gieng ihnen ein alter Schreiber sehr an die Hand, der den Tag über, ja einen Theil der Nacht nicht vom Pulte kam und mit dem Eduard bisher immer unzufrieden gewesen war.

Ich kenne ihn nicht mehr, sagte Eduard zu seinem Freund, wie tätig und brauchbar der Mensch ist. Das macht, versetzte der Hauptmann, wir tragen ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet hat, und so leistet er, wie du siehst, sehr viel; sobald man ihn stört, vermag er gar nichts.

Ein Vergleich zwischen den beiden Autoren Scheidt und Goethe ergibt: Scheidt setzt beim Bewußtseinswandel im einzelnen Menschen an. Sie verlangt vom Aufräumenden “einen Entschluss, den entscheidenden Klick im Kopf”. In Scheidts Weltsicht soll das Ich gewissermaßen endlich Herr im eigenen Hause werden; die äußere Ordnung spiegelt dann eine innere seelische Gestimmtheit, spiegelt Einklang mit sich und der Welt wider.

Goethe dagegen erzählt zu Beginn der Wahlverwandtschaften die Herstellung der Ordnung als Gemeinschaftsleistung mehrerer tätiger Individuen; nur im Zusammenwirken gelingt wie im Handumdrehen die wohltuende, entlastende, zeitsparende Ordnung, die neben dem Seelenfrieden auch Muße und Gelassenheit für das gemeinsame Erleben des Schönen schafft. Der einzelne Mensch allein schafft es nicht!

Wer hat nun recht, Goethe oder Scheidt? Die Entscheidung hierüber ist nicht abstrakt zu treffen. Sie ruht letztlich beim tätigen Erleben, beim Handeln und Anpacken, bei der Veränderung! Ein unbestreitbares Moment des Wahren steckt zweifellos in beiden Ansätzen, das erst im verändernden Zugriff auf Welt und Umwelt seine Wirklichkeit erweisen wird.

Quellenangaben:
Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. in: Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Fünfter Band. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1885, S. 316-499, hier S. 334

Inga Scheidt: Das magische Aufräumbuch. Loslassen, Ordnung schaffen, durchatmen. Naumann & Göbel Köln, ohne Jahresangabe, hier bsd. S. 16 und S. 91

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