„…ob Dantes Commedia wohl etwas Komödiantisches innewohnt?“

 Dante  Kommentare deaktiviert für „…ob Dantes Commedia wohl etwas Komödiantisches innewohnt?“
Okt 122021
 

Fragt ich mich doch tatsächlich, ob am Ende wohl der Commedia Dante Alighieris etwa Komödiantisches, Spaßig-Burleskes innewohne! Kam mir doch gestern aus italienischer Kumpanei eine drollige Verkürzung der etwa 14233 Verse des von Lesern auch „Göttliche Komödie“ genannten Werkes auf 13 Minuten und 31 Sekunden zu. In dem Youtube-Video Michael Sommers wuseln puppenhafte Figuren umher, der Erzähler mischt bedenkenlos verschiedenste Sprachebenen durcheinander, wechselt von inszeniertem Ernst zu ausgelassener Fröhlichkeit, scheut nicht vor Wortspielen, pechschwarzem Humor und kindlicher Hinterlist zurück, greift tief in den Fundus der neuesten Videotechnik zurück!

Die Göttliche Komödie to go (Dante in 13,5 Minuten) – YouTube

Lustig, bäurisch-täppisch, ja geradezu komödiantisch nenne ich das Video Michael Sommers!

Ist dies statthaft, erlaubt, geboten, anständig?

Fragen wir also mit Thomas Bernhard: „Ist [Dant] es [Commedia] eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“

Um einer Antwort näherzukommen, greifen wir auf einen lateinisch verfassten Brief Dantes an seinen Gönner zurück, die Epistula XIII, in dem er sein Werk ausdrücklich als Komödie bezeichnet, und zwar mit folgenden Worten:

Libri titulus est: ‚Incipit Comedia Dantis Alagherii, Florentini natione, non moribus‘. Ad cuius notitiam sciendum est, quod comedia dicitur a ‚comos‘, villa, et ‚oda‘, quod est cantus, unde comedia quasi ‚villanus cantus‘. 29. Et est comedia genus quoddam poetice narrationis, ab omnibus aliis differens. Differt ergo a tragedia, in materia per hoc, quod tragedia in principio est admirabilis et quieta, in fine seu exitu est fetida et horribilis; et dicitur propter hoc a ‚tragos‘, quod est hircus, et oda, quasi ‚cantus hircinus‘, idest fetidus ad modum hirci, ut patet per Senecam in suis tragediis. Comedia vero inchoat asperitatem alicuius rei, sed eius materia prospere terminatur, ut patet per Terentium in suis comediis. 

Epistulae (Dantes Aligherius) – Wikisource

Dante stellt also fest, dass seine Komödie – wie überhaupt jede Komödie – mit einer Widrigkeit in irgendeiner Begebenheit beginne, aber dann den Stoff zu einem glücklichen Ende führe, wie es ja auch aus den Komödien des Terenz offen hervorgehe.

Dante selbst leitet sein Werk somit ausdrücklich vom „dörflichen/bäurischen Gesang“ ab, er warnt uns bzw. seinen Gönner Cangrande della Scala gewissermaßen eindringlich davor, seine ganze Komödie allzu ernst zu nehmen, und führt als Gewährsmann den alten vulgärlateinischen Possenreißer Terenz als Vorbild des eigenen komödiantischen Unternehmens an.

Und wie bei Terenz finden wir in Dantes Komödie neben der gezierten Gelehrtensprache die vulgäre Sprache des Volkes (il volgare), wir finden die Mischung verschiedenster Sprachwelten, inszenierten Ernst, ausgelassene Fröhlichkeit, abgefeimten Humor, pechschwarze Düsternis, der Dichter greift tief in den Bilderfundus seiner Zeit hinein… kurzum:

Die Comedia Dantis Alagherii ist eine Komödie im vollen Wortsinne.

Betrachten wir nun eine Illustration zu Dantes Komödie, wie sie im September 2021 beim Berliner Festival of Lights zu sehen war! Hier legt Dante seinem besorgten Weggefährten Vergil die Hand auf die Schulter. Sieht es nicht aus, als wollte er ihm genau dies zu verstehen geben? Dass es schon nicht so dunkel, düster, lastend sein wird, wie es den Anschein hat? Ist es nicht, als wollte er sagen:

„Non ti preoccupare troppo … non lasciare la speranza… è una commedia!“

Ich bin sicher, Dante hätte einen Heidenspaß an dem lustigen Video, danke! Ich hatte ihn gestern, den Heidenspaß!

Quelle:

Epistulae (Dantes Aligherius) – Wikisource

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Du bist der erste nicht!

 Goethe, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für Du bist der erste nicht!
Okt 062021
 
Blick vom Steubenplatz auf ein Brachfeld, Potsdamer Stadtschloss, Nikolaikirche, Wohngebäude mit Mittelbrandenburgischer Sparkasse, Bauzaun vor Bauplatz, 4 Baukräne. Aufnahme vom 4. Oktober 2021

Unaufhörlich bauet die Zeit, reißt wieder ein,
Was sie gebaut mit mächtigem Arm – es gilt ihr als nichtig.
Was du im großen entstehen hast sehn, nicht sinnst du es aus.
Merke dir, Wanderer, das und tue im kleinen desgleichen!

Diese Verse kamen mir unwillkürlich in den Sinn, als ich vorgestern mittags in Gedanken versonnen über den Steubenplatz meinen Weg zurück zu meinem Dienstort suchte. Wer mochte diese Hexameter wohl gedrechselt haben? Mir war es so, als kämen sie von weit weit her.

„Merke dir Wanderer, das …“, richtig: Goethe hatte diese Wendung in einem seiner Venezianischen Epigramme gefunden. Und in der Tat, es gibt kaum eine italienischer geplante, italienischer gebaute Stadt in Deutschland als es Potsdam vor seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg war. Das hier nicht zu sehende Museum Barberini, überhaupt der Alte Markt vermag heute wieder einen Eindruck davon zu geben.

Doch das Ganze drumherum, diese Einsicht in das notwendigerweise Unabgeschlossene jedes städtebaulichen Strebens und Wollens? Städte sind teils geplant, teils wuchern sie weiter, ergreifen Brachfelder, teils werden sie zerstört… Endgültiges ist nicht. Diese Erkenntnisse – ich war der erste nicht, der sie hatte – flossen schließlich zusammen in diese vier harmlosen Zeilen. So, und da stehen sie nun hier. Sie sind einfach so gekommen – gekommen um zu bleiben.

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Say something back. Zum Hieronymustag 2021

 Europäische Galerie, Europäisches Lesebuch, Gemeinschaft im Wort, Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Say something back. Zum Hieronymustag 2021
Sep 292021
 

Say something back

How do you think dying thoughts
when finally  the wind
between silence and echo
kisses you with promises of tomorrow?
When suddenly the rose in the front garden
freed from the hollow of winter laughs yellow?
Who thinks about shovels digging black earth
when in the park couples linger
lying on sun warmed grass    not beneath?
When children clap at the sight of a swan
not twisting its neck    not plucking it naked?
By the window overlooking the garden
where you buried a kit fox last summer
you’re thinking of making home
making love    checking his heart beat

*In response to Cardiomyopathy by Denise Riley in Say Something Back

Entnommen aus: Petra Hilgers: The heart neither red nor sweet.
erbacce-press, Liverpool UK 2021, ISBN: 978-1-912455-21-8

Mich erreichte im Juli aus Immenstadt die Anfrage, ob ich wohl einige Gedichte der Autorin Petra Hilgers aus dem Englischen übersetzen möchte. Ich las die beigelegten Texte durch und war auf der Stelle stark beeindruckt von diesen Gedichten! Sie schlugen sofort verschiedene Saiten in mir an. Eine Übersetzung ins Deutsche wäre ein Versuch, diese verschiedenen Saiten in einen Zusammenklang zu bringen und damit auch das englische Original zu stärkerem Schwingen zu bringen. Ich war sofort und ohne Einschränkung bereit, zu dem Vorhaben beizutragen, diese auf Englisch verfassten Gedichte der in Deutschland geborenen Petra Hilgers ins Deutsche zu übersetzen.

Nach einigen Stunden, Tagen, Wochen des Sinnens, Nachsinnens, Singens entstand folgende Übersetzung, die ich der Autorin vorlegte, und der sie mit einigen wenigen Änderungen ihren Segen gab:

Sag etwas zurück

Wie denkst du sterbende Gedanken
wenn schließlich    der Wind
zwischen Stille und Echo
dich küsst mit Verheißungen von morgen?
Wenn die Rose im Vorgarten
befreit von der Höhlung des Winters     plötzlich gelb auflacht?
Wer denkt an Schaufeln die sich in schwarze Erde graben
wenn müßige Paare im Park
auf sonnwarmem Gras liegen      nicht darunter?
Wenn Kinder beim Anblick eines Schwans klatschen
ihm nicht den Hals umdrehen      ihn nicht nackt rupfen?
Am Fenster mit Blick auf den Garten
in dem du letzten Sommer einen Fuchswelpen begraben hast
denkst du daran ein Zuhause zu schaffen
Liebe zu machen    seinen Herzschlag zu prüfen

*Als Antwort auf Cardiomyopathy von Denise Riley in Say Something Back

Das Bild oben zeigt den Hl. Hieronymus in der Schreibstube. Kupferstich entstanden um 1435-1440. Als Urheber gilt der sogenannte Meister des Todes Mariae. Staatliche Museen Berlin, Kupferstichkabinett. Das Blatt ist noch bis 3. Oktober zu sehen in der Ausstellung: Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit. Berliner Gemäldegalerie

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Sep 172021
 

La serva padrona – Die Magd als Herrin Tickets, So, 14.11.2021 um 19:00 Uhr | Eventbrite

Zwei große Abende durften wir mit der Aufführung der Serva padrona erleben! Alle wirkten zusammen, die Theateratmosphäre knisterte, wir beflügelten einander im Spielen, im Singen! Glückes genug!

Das Singspielensemble Berlin. V.l.n.r.: Ursula Hillermann (unten, Violine), Johannes Hampel (Uberto), Eva Vo (unten, Violine), Gerardo Colella (Dirigent und Regisseur), Heike Borchardt (Serpina), Jürgen Grunewald (unten, Bratsche), George Stark (Vespone), Andreas Bährle (unten, Cello). Leider nicht auf dem Foto: Daniel Merkel (Kontrabass), Regina Knobel (Cembalo)

Viele versuchten umsonst, das Ernsteste ernsthaft zu sagen,
hier spielt es endlich, hier im Gelächter sich aus!

La serva padrona – Die Magd als Herrin Tickets, So, 14.11.2021 um 19:00 Uhr | Eventbrite

In der Tat, Pergolesi tänzelt und tändelt um die Abgründe der Kleinheit des Herzens, der Ichbezogenheit des Mannes herum. Was ist das doch für ein Typ, den ich da zu singen und zu spielen hatte! Dieser Uberto! Verlangt alles von anderen, nichts von sich selbst!

Mit List, Tücke, Hingabe, Zärtlichkeit erreicht es seine Ziehtochter Serpina, ihn für sich zu gewinnen. Sein Herz öffnet sich, sein Geldbeutel auch. Hä? Was lernen wir daraus? Nichts!

Von r.n.l.: George Stark (Capitan Tempesta/Vespone), Heike Borchardt (Serpina), Johannes Hampel (Uberto)

Und damit kommen wir auch schon zu den Grenzen dieses Stückes. Es belehrt uns nicht. Es führt uns in eine Offenheit der Deutung. Wir in der Truppe waren uns selbst nicht einig, ob es hier um echte Gefühle gehe oder doch nur um List, Täuschung und Eigennutz. Vielleicht ist es eine Mischung aus allem. Vielleicht sollte man das Ganze nicht tierisch ernst nehmen. Jedenfalls war es schön, hinreißend, ich fühlte mich vollkommen hineingetragen, hineingezogen in ein Spiel, das über die Begrenztheit des Ichs hinausgeht.

Wenn Schiller sagt, der Mensch sei nur da Mensch wo er spiele, so wage ich zu sagen: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er singt und spielt, wo er lacht und weint, wo er scherzt und trauert, wo er sich der Unabgeschlossenheit seines Schicksals stellt, wo er die Unplanbarkeit des Lebens als den Freiraum nutzt und genießt, in dem er zu Entscheidungen hingezogen oder vielmehr hingesogen wird, die er schließlich als seine eigenen empfindet.

Und noch etwas füge ich hinzu: Wir spielten die Dienerin als Magd in einer zweisprachigen Fassung, die wir selbst erstellt hatten, wobei wir Arien und Duette im italienischen Original sangen, die Dialoge der Rezitative hingegen in unserer eigenen Übersetzung, angereichert mit Improvisationen, mit komödiantischen Elementen darboten. Das ganze Stück funktionierte also nur im Zusammenspiel zwischen zwei unterschiedlichen europäischen Sprachen: Italienisch und Deutsch. Im Kleinen gelang es uns also, ein perfektes Zusammenspiel zweier Kulturen zu inszenieren; denn nur im Verständnis des Italienischen konnte sich das Deutsche weiter entfalten. Umgekehrt bedurfte das Italienische vor einem des Italienischen unkundigen Publikum unbedingt der Übersetzung, Verdolmetschung, Verdeutlichung durch Geste, Handlung, Mimik und schließlich auch durch die eingefügten deutschen Dialoge. Man könnte es so sagen:

Viele versuchten umsonst, Europa im Großen zu gründen,
hier gelang es im Kleinen, die Länder Europens zu einen.

Applaus, Applaus, Applaus! Für die Musik, das Theater, den Gesang, die Menschen, Mann und Weib, Witz, Gelächter, Körper, Geld und Geist!

Zitatnachweise (Plagiatejäger – hier wird euch geholfen!):

Schiller, Friedrich: Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen. [2. Teil; 10. bis 16. Brief.] In: Friedrich Schiller (Hrsg.): Die Horen, Band 1, 2. Stück. Tübingen, 1795, S. 88

Hölderlin, Friedrich: „Sophokles.“ In: ders., Gedichte. Stuttgart u. a., 1826, S. 122
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„Alle schick im Hause Uberto?“ oder: das Trio vor dem Sturm

 La serva padrona - Die Magd als Herrin, Singen, Singspielensemble Berlin, Theater  Kommentare deaktiviert für „Alle schick im Hause Uberto?“ oder: das Trio vor dem Sturm
Sep 022021
 
Das Trio vor dem Sturm: Heike Borchardt als Serpina, Johannes Hampel als Uberto, George Stark als Vespone

Mich erreichte im Frühling eine Anfrage, bei einer neuen Opernproduktion des Singspielensembles Berlin in der männlichen Hauptrolle mitzuwirken. Und welcher Sänger würde da zögern? Auf dem Spielplan steht:

Giovanni Battista Pergolesi / Gennarantonio Federico: La serva padrona / Die Magd als Herrin

La serva padrona – Die Magd als Herrin Tickets, So, 14.11.2021 um 19:00 Uhr | Eventbrite

Ein herrlicher duftiger Spaß, eine Erkundung der Tiefenschichten der männlichen, der weiblichen – nein: der menschlichen Psyche!

Worum geht es da?

Die Oper spielt in einem vornehmen Haushalt eines Edelmannes in einer italienischen Stadt, um 1730. Der alternde und mittlerweile sehr bequeme Junggeselle Uberto hat vor vielen Jahren die kleine Tochter verarmter Verwandten gnädig bei sich aufgenommen. Als Gegenleistung dient sie, zusammen mit dem Hausknecht Vespone, dem edlen Herrn als Magd.

Serpina ist mittlerweile zu einer reizenden Frau herangewachsen. Im Gegensatz zum armen Vespone, der arg unter ihrem Joch zu leiden hat, ist sie durchaus nicht auf den Mund gefallen. Sie besinnt sich ihrer aristokratischen Vorfahren und strebt nach Höherem. Doch im niederen Stand eines Dienstmädchens muss sie sich dafür etwas ganz Besonderes einfallen lassen…  Wird es ihr gelingen?

Arien und Duette singt das Singspielensemble Berlin in italienischer Originalfassung aus dem Jahr 1733. Die Dialoge spielt es deutsch in einer taufrischen Übersetzung aus dem Jahr 2021.

Es singen und spielen:

Serpina: Heike Borchardt
Uberto: Johannes Hampel
Vespone: George Stark

Streichorchester: Ursula Hillermann, Eva Vo, Andreas Bährle, Jürgen Grunewald, Daniel Merkel
Klavier: Regina Knobel
Neue Prosaübersetzung ins Deutsche und für den Gebrauch als Singspiel eingerichtet: Johannes Hampel

Künstlerische Gesamtleitung: Gerardo Colella

Samstag, 11. September 2021, 19 Uhr

Sonntag, 12. September 2021, 19 Uhr

Zugang nur mit Nachweis über „geimpft oder genesen oder getestet“

Testmöglichkeit vor Ort

Unkostenbeitrag 10 Euro

Restkarten an der Abendkasse/Einlass ab 18 Uhr

Neue Bühne Friedrichshain, Boxhagener Str. 18, 10245 Berlin

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Gesang zu Goethes Geburtstag

 Goethe  Kommentare deaktiviert für Gesang zu Goethes Geburtstag
Aug 282021
 
Am Ursprung der Isar, 3. August 2021

„Seht den Felsenquell,
Freudehell,
Wie ein Sternenblick;
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.“

Wie ein Sternenblick so hell
Wardst du geboren,
Genährt durch gute Geister,
Guter Geist Goethe,
Am heutigen Tage des Jahrs 1749.

Deiner gedacht ich
Dankbar
Bei unsrer Fahrt zu den Isarquellen
Am 3. August dieses Jahres 2021.
Deiner gedenk ich
Auch heute.

Die Politik verspricht „sichere Jobs“,
„Sichere Arbeit“,
„Die gut ist auch fürs Klima“.

Ströme du weiter im Zeitenstrom,
Im ruhigen Fluten der Zeit,

Tanze, Geist Goethes,
Jünglingsfrisch
Aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder!

Zitatnachweise:

Goethe, Mahomets Gesang. Zitiert nach: Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. I. Abteilung, 2. Band. Weimar 1888. Fotomechanischer Nachdruck im Deutschen Taschenbuch Verlag, München 1987, S. 53

„Sichere Jobs“: Versprechen auf Wahlplakat der CDU, Berlin, Luisenstraße/Invalidenstraße, 28.08.2021
„Sichere Arbeit“: Versprechen auf Wahlplakat der SPD, Berlin, Luisenstraße/Invalidenstraße, 28.08.2021
„die gut ist auch fürs Klima“: Versprechen auf Wahlplakat der Grünen, Berlin, Luisenstraße/Invalidenstraße, 28.08.2021

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Beim Glockenschlag der Verirrten

 Aus unserem Leben, Italienisches  Kommentare deaktiviert für Beim Glockenschlag der Verirrten
Aug 182021
 

Rom, 11. Juli 2021

Genau um 9 Uhr abends treffen wir an der Herberge ein. Eben ertönt die Glocke La Sperduta („die Verirrte“) vom Campanile der Basilika Santa Maria Maggiore, als wir die Schwelle des Hotels überschreiten, das uns zwei Tage lang Gastlichkeit bereiten wird. In London wird genau zur selben Zeit das Endspiel zur Fußball-Europameisterschaft angepfiffen. Eine deutlich merkbare Anspannung hat die Straßen und Plätze der Stadt ergriffen. Es wird so leise! Das Lärmen, das Anfeuern, das uns bei unserer Anfahrt von Trastevere her umtost hatte, ist erstorben. Was mögen die nächsten zwei Stunden für das Schicksal Europas – oder Fußball-Europas – bereithalten? Bange Frage! Wir nehmen Platz in einer Trattoria vor der Basilika und bestellen einhellig Pizza mit prosciutto cotto und Bier. Das Foto zeigt unseren Blick von den Rändern der Pizza über das Bierglas auf die Hauptfassade der Kirche, von Osten her gesehen, wie sie sich während der ersten Halbzeit bot.

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Der Mensch – unterwegs zur Unsterblichkeit? Das süße Gift der Rhetorik

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Jul 072021
 

Deutschlandweit wurden nach den neuen Angaben binnen 24 Stunden 48 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 56 Tote gewesen.“

Innerhalb 24 Stunden 48 Todesfälle! Diese Meldung aus dem Robert-Koch-Institut verzeichnet wörtlich so die FAZ heute, am 7. Juli 2021. Wir besinnen uns: Ja, früher, da war alles schlimmer! Denn früher, da gab es in Deutschland regelmäßig über 2200 Todesfälle! Etwa 2.200-2.600 Menschen starben jeden Tag in Deutschland. Wer erinnert sich noch daran?

Ist die Menschheit unterwegs zur Unsterblichkeit? Schreiben wir den vom RKI vorgezeichneten Trend fort, dann müsste sich die Zahl der Todesfälle allmählich der Null nähern. Der Mensch würde sich in Deutschland asymptotisch der Unsterblichkeit nähern!

Auch der aktuelle Economist setzt größte Hoffnung darauf, dass dank der Impfung jede Art von schwerer Krankheit und Tod überwunden werden könnte. Wir lesen im neuesten Heft der angesehenen Zeitschrift:

„Today’s variants are spreading even among the vaccinated. No mutation has yet put a dent in the vaccines’ ability to prevent almost all severe disease and death. But the next one might. None of this alters the fact that the pandemic will eventually abate, even though the virus itself is likely to survive.“

Wir übersetzen: „Die heutigen Varianten verbreiten sich sogar unter den Geimpften. Noch hat keine Mutation die Fähigkeit der Impfstoffe beeinträchtigt, fast alle schweren Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern. Aber die nächste Mutation könnte genau dies bewirken. Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass die Pandemie schließlich abebben wird, auch wenn das Virus selbst wahrscheinlich überleben wird.“

Verhinderung fast aller schweren Erkrankungen und Todesfälle! Brave New World! Traumhafte, glänzende neue Welt! Durch derartige Formulierungen, wie sie beispielsweise tagein tagaus das RKI, die FAZ oder der Economist bringen, wird unterschwellig die Hoffnung genährt, wir könnten uns nach und nach gegen jede Art von schwerer Krankheit wappnen, wir könnten dem Tod ein Schnippchen schlagen. Denn es wird auf geradezu tolldreiste Weise der Eindruck erweckt, nur an COVID-19 stürben die Menschen.

Eine wahnhafte Selbsttäuschung, finde ich. Denn selbstverständlich sterben in Deutschland auch weiterhin an den verschiedensten Krankheiten und in Unglücksfällen mehr als 2200 Menschen jeden Tag. Nur spricht man von denen nicht. Immer nur und ausschließlich von COVID-19 als möglicher Todesursache zu sprechen und alle anderen Todesursachen zu beschweigen, ist ein rhetorischer Kniff, ein süßes Gift, ist in höchstem Maße unredlich, so meine ich jedenfalls. Es schürt im Volk die irrationale Angst vor dem Tod durch COVID-19 und nährt andererseits die Hoffnung, man könnte sich endgültig den Stricken des Todes entwinden.

Das Ziel bleibt es offenbar, im Volk den trügerischen Anschein der Unsterblichkeit zu nähren. Und die erträumte Unsterblichkeit, die wird uns geschenkt durch — ?

Das frage du dich selbst, o Leser!

Quellenangaben:

FAZ, 07.07.2021:

RKI meldet 985 neue Corona-Fälle, R-Wert erstmals seit April über 1 (faz.net)

The Economist, 3. Juli 2021:
The long goodbye to covid-19 | The Economist

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„Ora la mia gioia è completa“ – Freudige Zuversicht am Geburtstag des Täufers

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Jun 242021
 

αὕτη οὖν ἡ χαρὰ ἡ ἐμὴ πεπλήρωται – „Ora la mia gioia è completa.“

Das Gesicht des Täufers wird häufig zerfurcht von Sorgenfalten dargestellt, so etwa in dem Doppelporträt der beiden Johanneis, wie es Sandro di Mariano uns in seinem „Bardi-Altar“ geschenkt hat. Auch mir wird immer wieder vorgehalten, ich zeigte anlasslos zu viel Bekümmernis beim Reden, Denken, Spielen und Singen. Dabei verdanke ich Johannes dem Täufer – meinem Namenspatron – besonders bewegende Ausdrücke der Freude, der Zuversicht, der Erfüllung, der Daseinsfreude! So etwa den obigen, hier griechisch und italienisch wiedergegebenen Ausruf, überliefert vom Evangelisten Johannes (3,29). Der heutige Geburtstag Johannes des Täufers bietet mir Anlass, mit einem meiner Namensbrüder in Zwiesprache zu treten.

Heute rufe ich somit an meinen Namensvetter Giovanni Battista Pergolesi. In seiner Oper La serva padrona hat er einen der bezauberndsten Hymnen an die Freude komponiert. Das ist nicht weltumspannend wie in Schillers Hymne an die Freude, sondern inniges Zweisein, tief aus dem Inneren quellende Freude, mit Lust, mit Vorlust getönt, mit Vorfreude, aber auch mit der Überwindung von Zweifeln, von Schwanken zwischen Ja und Nein, zwischen Oben und Unten, zwischen „Ich will“ und „Ich will nicht“. Freude im Hier und im Jetzt, im Ich und im Du!

In den Worten Gennarantonio Federicos, der seinem Giovanni Battista diesen Juchzer an die Freude in seine Komponistenfeder dichtete:

UBERTO E SERPINA.
Caro. Gioia. Oh Dio!
Ben te lo puoi pensar.

Man höre sich einmal dieses Duett des immer so grummeligen Uberto und der immer so spitzbübischen Serpina an.

Nein: Man höre es nicht an – man singe es!

Und so kehrt am Abend des Geburtstages des Täufers auf die Züge des immer grummeligen, immer sorgenzerfurchten Gesichtes zu guter letzt ein freudiges Lächeln.

Quellen:

Sandro di Mariano: Thronende Maria mit Kind und Heiligen („Bardi-Altar“). Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Giovanni Battista Pergolesi: La serva padrona. Due intermezzi. Libretto di Gennarantonio Federico. Riduzione per canto e pianoforte a cura Mario Parenti, Ricordi, Milano 2007, p. 46-52

Bild: Freudig aufsprießende Natur. Südgelände, Schöneberg, Juni 2021


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Gelassenheit angesichts des Todes

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Mai 022021
 

„Wen wirst du mir nennen, der der Zeit einen wie auch immer gearteten Wert beimäße, der den Tag wertschätzte, der erkennte, dass er täglich stirbt? Denn wir täuschen uns insofern, als wir den Tod als etwas vor uns Liegendes betrachten. Ist doch ein großer Teil davon bereits vergangen: Alles, was an Lebenszeit hinter uns liegt, hält der Tod schon in seinen Händen. Mach es ruhig so, wie du es mir schreibst, lieber Lucilius, umarme alle Stunden! So wird es geschehen, dass du weniger vom Morgen abhängst, wenn du kühn ins Heute hineinlangst.“

Soweit ein kurzer Abschnitt aus dem ersten Brief Senecas in seinen Epistulae morales. Wir verdanken unserem Dr. Pegasus den Hinweis auf diesen Ratschlag, den er uns am 3. April 2021 nach seiner Astra-Zeneca-Impfung im ehemaligen Flughafen Tegel mit dem spaßigen Motto Per Astra Zeneca ad Senecam überbrachte.

Gelassenheit gegenüber dem Tod, Einsicht in die Nichtplanbarkeit des Sterbens, das ist es, was zweifellos in unserer Gesellschaft fehlt. Dabei haben und halten wir ohne jeden Zweifel einen in der gesamten Menschheitsgeschichte nie dagewesenen Rekord an Langlebigkeit. Nur die allerwenigsten von uns hätten in früheren Zeiten das heutige durchschnittliche Sterbealter von etwa 80 Jahren erreicht. Die Kindersterblichkeit lag in allen Jahrhunderten deutlich höher als heute; als hohes „biblisches Alter“, das zu erreichen schon als besondere Gnade galt, wurden allgemein über die Jahrhunderte 70 Jahre angenommen. Ohne die Segnungen der modernen Medizin läge das Sterbealter weit darunter. Selbst das Durchschnittsalter der aktuell an Covid-19 Verstorbenen liegt mit über 80 Jahren deutlich, nämlich etwa 10 Jahre, über dem, was noch vor 100 Jahren als bestes erreichbares Sterbealter galt.

• Infografik: 89% der Corona-Toten waren im Alter 70+ | Statista

Es scheint also eine Art natürliche Alterungsgrenze zu geben, jenseits derer ein weiteres Leben oder Überleben nur mithilfe kultureller, also medizinischer Errungenschaften möglich ist. Je älter man ist, desto mehr steigt offensichtlich die Anfälligkeit für schwere Verläufe von Krankheiten, insbesondere von wenig erforschten Krankheiten. Die Corona-Erkrankung bildet darin keine Ausnahme. Sie ist keine Ausnahme. Sie ist in der reichen, wahrhaft vielfältigen Welt der Krankheiten nichts Neuartiges. Sie rechtfertigt nicht das Ausrufen eines dauerhaften allgemeinen Ausnahmezustandes und die allgemeine, dauerhafte Außerkraftsetzung grundlegender Bürgerrechte.

Dies zu akzeptieren, fällt in den Zeiten des die aktuelle Politik beherrschenden Planbarkeitswahns schwer. Und doch haben immer wieder Philosophen wie etwa Seneca oder Lukrez, religiöse Menschen wie etwa Jesus oder Dante sich der Unausweichlichkeit des Todes gestellt, sich produktiv damit auseinandergesetzt.

Für Seneca stellte die Tatsache der Sterblichkeit kein Übel dar; ein Übel ist es in seinen Augen, das Leben in Angst vor dem Tod zu verbringen, der nun eben gerade kein Übel ist, vor dem man sich fürchten müsste. Wer Angst vor dem Tod hat, der versäumt sein Leben.

Für Jesus oder Dante wiederum, die ohne Zweifel Todesangst erlebten und auch davon Zeugnis ablegten, war der Tod kein letztes. Er war zunächst einmal schrecklich, gewiss. Aber er war nicht das Ende aller Dinge. Er war eine Chance, über die Endlichkeit und Sterblichkeit hinauszulangen, hinauszuahnen in etwas, was uns, den Sterblichen verschlossen war.

In den letzten Gesängen seiner Komödie schreitet Dante auf diese eigene Sterbenserfahrung zu, und zuletzt gelingt es ihm, über die Sterblichkeit hinauszulangen und jenes höchste Licht zu sehen, das sich weit über Sterblichkeitsbegriffe hinaushebt —

O somma luce che tanto ti levi
da‘ concetti mortali …

sagt er im 33. Gesang des Paradiso (Vers 67-68).

Ich bemängele an der aktuellen Debatte fehlende Einsicht in die Unverfügbarkeit des Todes, ja in die naturgegebene Sterblichkeit des Menschen überhaupt.

Hier noch die von Dr. Pegasus vorgetragene Seneca-Stelle im lateinischen Original, zitiert nach: Seneca: Ad Lucilium epistulae morales, Epist. 1, Auswahl von Anton Klein. Text. 11./12. Aufl., Münster 1966, S. 47

Quem mihi dabis qui aliquod pretium tempori ponat, qui diem aestimet, qui intellegat se cotidie mori? in hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna pars eius iam praeterit; quicquid aetatis retro est, mors tenet. fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas complectere. sic fiet, ut minus ex crastino pendeas, si hodierno manum inieceris.

 Posted by at 22:22