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Antike Cheruskerpark Natur-Park Schöneberger Südgelände

Iam satis terris nivis misit pater … Gespräch mit dem Cherusker (2)

Vor wenigen Tagen hatte ich während eines Spazierganges in der Cheruskerstraße doch tatsächlich einen Cherusker kennengelernt, wie sich nach und nach herausstellte. Wie das? Nun, da er mich lateinisch mit den Worten “Quid agis?” angesprochen hatte, erwiderte ich ihm in derselben Sprache.

Doch merkten wir beide bald, dass wir das Lateinische nicht ganz frei von Akzentbeifärbungen sprachen. Bis gestern waren wir immer noch nicht im Bilde, woher wir stammten und was unsere Muttersprachen wären. So probierten wir es mit verschiedenen Varianten europäischer Sprachen, indem wir Sprichwörter und Zitate aus der gemeineuropäischen Literatur wie Tischtennisbälle hin und her flippen ließen.

“Iam satis terris nivis atque dirae…” begrüßte ich ihn gestern. Denn in der Tat war sein sehnsüchtiger Wunsch nach einem richtigen Winter endlich erfüllt worden!

“… grandinis misit Pater et rubente
dextera sacras iaculatus arces
terruit urbem …” ergänzte der Wandergefährte. Das war Horaz! Ich war entzückt! Endlich also hatte ich jemanden gefunden, der meine Liebe zu Horaz teilte!

“Broahut volli hut…” schlug er auf,

“all moanada gnug”, ergänzte ich treffsicher.

Gemeint ist mit diesem uralten alemannischen Sprichwort, das mir aus dem von Walsern besiedelten Flecken Issime bekannt ist, wenn es im Brachmonat Juni genug Schnee in den Hut schneie, dann habe man in allen Monaten genug davon!

Von der Cheruskerstraße, der via Cheruscorum, führte unser Weg uns in den nahegelegenen Hortulus Naturae apud stationem Crucem Meridionis positus. Und bald stellte sich heraus, dass mein neuer Bekannter das alte Germanische in verschiedenen Dialekten beherrschte, ja sogar bei den legendär zerstrittenen germanischen Stämmen, den Cheruskern, den Brukterern, Sueben, Tenkterern, Usipeten, Chatten usw., die sich in den Auseinandersetzungen mit den Römern zu verkämpfen drohten, so manche wertvolle Hilfe als Sprachmittler und vor allem als Menschenmittler hatte leisten können.

Seine Kindheit und Jugend hatte er, aus vornehmer Familie stammend, als den Römern gestellte Geisel in Rom verbracht, und so erklärte sich auch seine hervorragende Kenntnis des Lateinischen.

Wir hatten, in unsere Gespräche vertieft, den höchsten Berg der Gegend, den Mons insularum erreicht. Wir hielten inne und vertieften das angeschnittene Thema der verschiedenen Formen verschiedener europäischer Sprachen. Da traf es sich vortrefflich, dass wir beide erst wenige Tage zuvor die Netflix-Serie “Barbaren” gesehen hatten, und während wir mit der Darstellung der Römer völlig einverstanden waren, ja sogar begeisterte Ausrufe des Entzückens über das sehr gepflegte, sehr achtsam gesetzte Latein in dieser Fernseh-Serie ausgestoßen hatten, konnte uns das in den aufwändigen Streifen gesprochene Deutsch oder besser das “Schwundgermanische” nicht überzeugen.

Entsprach es doch allzu sehr jenem gängigen Vorurteil der Römer oder “Lateiner” bis in unsere Zeit, wonach das Germanische in allen seinen Varietäten roh, unbehauen, ungebärdig, fehlerhaft, dem Grunzen von Schweinen ähnlicher sei als dem feinziselierten Idiom der gesitteten Welt von südlich der Alpen.

(sermo continuabitur)

Quellennachweise:
Q. Horati Flacci opera ed. Wickham, cur. H.W. Garrod, Oxonii 1975, carminum liber primus, carmen II, vv. 1-4

GABRIELE IANNÀCCARO: Broahut volli a hut, all moanada gnug. Proverbi meteorologici nelle comunità walser a sud delle Alpi. Gefunden unter folgendem Link: (99+) (PDF) Barcellona Paper: Broahut volli a hut, all moanada gnug. Proverbi meteorologici nelle comunità walser | Gabriele Iannaccaro – Academia.edu

Netflix.com : Barbaren. Regie: Barbara Eder, Steve St. Leger

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Freiheit

Du, was ist dir – neben dem Frieden – der wichtigste Wert?

Wir wollen heute nicht über den Frieden sprechen, denn im Augenblick bedroht uns unmittelbar kein Krieg. Aber sage mir doch, du, ja, du da, der du dies liest, sage mir doch: Was ist dir, neben dem Frieden, der wichtigste Wert, der dein persönliches Streben, der dein politisches Handeln leiten sollte?

Ist es Sicherheit, ist es Gleichheit aller, ist es die Gerechtigkeit, ist es der Umweltschutz, der Kampf gegen den Klimawandel, ist es das Erreichen niedriger Inzidenzwerte, ist es die größtmögliche Gesundheit möglichst vieler, ist es die Abwehr von schweren lebensbedrohlichen Krankheiten, ist es das Erreichen des höchstmöglichen Lebensalters für möglichst alle?

Ist es das Funktionieren unserer Gesundheitssysteme, ist es der Schutz vor Krankheit, ist es der Schutz vor dem Sterben, ist es der Schutz vor der Angst vor dem Sterben?

Kürzlich holte ich meinen von Moskau anreisenden Sohn vom Flughafen Willy Brandt ab. Wartend, war ich versunken in das Nachdenken über die oberen Leitwerte, welche derzeit unsere politische Debatte bestimmen. Mal wird da Sicherheit vor schwerer Krankheit als oberster Wert ausgegeben, mal das Funktionieren unserer Gesundheitssysteme, mal auch wiederum der Bestand der systemrelevanten Berufszweige, dann wiederum die Vernichtung aller Viren, die dem Menschen je bedrohlich werden könnten, dann die Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten durch die Gesundheitsämter. Dann ein emissionsfreies Wirtschaften. Die Politik will oder soll machen, dass die Menschen keine Angst vor Unglück, vor schwerer Krankheit zu haben brauchen. Das Verfolgen dieser, solcher oder ähnlicher obersten Ziele allen politischen Handelns rechtfertigt tiefe Eingriffe in die verfassungsmäßigen Grundrechte des einzelnen.

Wie fremd, wie merkwürdig, wie zutiefst unzeitgemäß muss hingegen die Antwort Willy Brandts erscheinen, die er für sich ganz persönlich und als öffentliches Bekenntnis an einem entscheidenden Endpunkt seines gesamten politischen Lebens gab, nämlich bei seiner Abschiedsrede als Parteivorsitzender am 14. Juni 1987, beim außerordentlichen Parteitag der SPD in der Bonner Beethovenhalle. Was für eine Zumutung ist dieses Bekenntnis doch! Willy Brandt sagte damals:

Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit. Die Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen. Freiheit des Gewissens und der Meinung.

Bilder: Innenaufnahmen aus dem Willy-Brandt-Flughafen, 26. November 2020

Leseempfehlung:

Rede Willy Brandts in der Bonner Beethovenhalle beim Außerordentlichen Parteitag der SPD, 14. Juni 1987

https://www.willy-brandt-biografie.de/wp-content/uploads/2019/09/WB_Abschiedsrede_1987.pdf

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Antike Cheruskerpark Latein Mären

“Quid agis?” – “Maxime valeo!” Gespräch mit einem Cherusker (Anfang)

Blick auf den Cheruskerpark. Aufnahme vom 21.01.2021


Pulcher mons, a.d. XI Kalendas Februarias MMXXI.- Heri ibam forte via Cheruscorum sicut est mea consuetudo, meditans quaestiones vari generis, totus in illis. Accurrit quidam notus mihi aspectu tantum arreptaque manu ‘quid agis?’ inquit. ‘Maxime valeo’, inquam, ‘vigeo et corpore et mente… etiamsi istam nefastam pestem universalem qua afflicti sumus non negligendam esse puto. At tu?’ ‘Ego quoque valeo. Non oportet me lamentari. Sed ubi est hiems, ubi sunt fulgores nivei qui semper me delectabant iuvenem…?” (sermo continuabitur)

Der Leserservice fügt eine deutsche Übersetzung an:
Schöneberg, 22. Januar 2021.– Gestern ging ich mehr oder minder zufällig die Cheruskerstraße entlang, wie es meine Gewohnheit ist. Dabei überlegte ich Fragen vielfältiger Art und war ganz in sie versunken. Lief ein Mann auf mich zu, den ich nur vom Sehen her kannte. Nachdem er mich mit der Hand ergriffen hatte, fragte er mich: “Wie geht’s?” “Mir geht’s super”, sagte ich, “sowohl körperlich wie geistig bin ich auf der Höhe der Kraft… auch wenn ich die unselige Pandemie, von der wir heimgesucht werden, für nicht zu vernachlässigend halte. Und selber?” “Mir geht’s auch gut. Ich kann nicht klagen. Aber wo ist der Winter, wo ist der schimmernde Schnee, der mich in meiner Jugend immer so froh gemacht hat…?” (Gespräch wird fortgesetzt)

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Angst Seuchen

“Wir sollten die Angst überwinden” – der mutige Weckruf der Mazarine Pingeot

Il faut dépasser la peur – tolles, ermunterndes Gespräch vom 12. Januar 2021 auf TV5 Monde mit Mazarine Pingeot, der Verfasserin des Buches “Et la peur continue”. Patrick Simonin stellt die richtigen Fragen an die Schriftstellerin! Klasse gemacht!

Ihre Botschaft: Angst gehört zwar dazu. Sie ist ein wichtiges Signal vor etwas, was nicht stimmt. Aber wir, wir haben derzeit ein Zuviel an Angst. Angst vor herabfallenden Ziegelsteinen, vor ich weiß nicht was, vor dem Tod, vor dem Sterben, vor dem Leben, und vor allem möglichen sonst auch noch…! So eine Stimme bräuchten wir in Deutschland, bräuchten wir in ganz Europa öfter! Wo sind sie denn, diese mutigen Stimmen in all den Todestabellen, Sterbezahlen, Inzidenzwerten, in dieser unfassbaren, ungeheuerlichen Angstbesessenheit, die in diesen Wochen, diesen Monaten ganze Gesellschaften durchrüttelt…?

Wo bleibt die Freude am Leben?

TV5MONDE – L’invité – Mazarine Pingeot

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Dante Natur-Park Schöneberger Südgelände

E non mi si partìa d’innanzi al volto: Begegnung in der Wildnis

Schöneberg, den 8. Januar 2021
Wieder einmal führt mich der Weg durch die Wildnis des verlassenen Bahngeländes. Eine undurchdringliche, wattige Nebelschicht lässt mich die Stunde des Tages nicht erkennen. Ich halte inne, ein gestreifter Intercity fährt weiter hinten vorbei, da sehe ich sehr geschmeidig und flink ein katzenartiges Wesen auf mich zukommen. In leichtem Trab kommt es mir entgegen, es scheint mich zu mustern. Ein Kräftemessen steht an! Das Tier weicht mir nicht von meinem Angesicht, vielmehr versperrt es mir den Weg, der vor mir liegt, sodass ich mich fast zur Rückkehr entschließen muss.

Da fallen mir ein paar Verse des Dichters ein, dessen Gedenkjahr wir 2021 begehen.

e non mi si partìa d’innanzi al volto,
anzi impediva tanto il mio cammino,
ch’i’ fui per ritornar più volte volto.

Vor einer Stunde habe ich die Nachricht erhalten, dass eine Einspielung mit Auswahltexten dieses europäischen Dichters soeben erschienen ist, bei der auch ich das eine oder andere Wörtlein mitzureden hatte. So sehr begleitet mich also dieser Dichter, dass selbst bei alltäglichen Begebenheiten ein Streiflicht von ihm auf die begegnende Realität fällt! Er erhellt seine, unsere dunkle Gegenwart mit einem unvergänglichen Schimmer!

Übrigens entpuppte sich das geschmeidige, flink trabende Tier sehr rasch weder als Panther, noch als Luchs noch auch als Pardelkatze, sondern als Fähe, die einer direkten Begegnung mit mir dann doch aus dem Weg ging. Stattdessen zog sie ihre Spur in einem weiten Bogen links von mir, schnürte dann vor meinen Augen von links zu meiner rechten Seite, witterte, äugte misstrauisch zu mir und setzte, immer wieder niederhockend, ihre Markierungen, um mir eindeutig mitzuteilen: das hier ist mein Revier, du wirst es mir nicht streitig machen!

Gehab dich wohl, Fähe!

Genug! Für mich ist es Anlass, die drei zitierten Verse selbst ins Deutsche zu übersetzen:

und wich mir nicht von meinem Angesicht,
vielmehr versperrt’ sie mir so sehr den Weg,
dass ich beinah zur Rückkehr mich gericht.

Die Einspielung ausgewählter Textabschnitte des genannten Dichters ist nunmehr in 33 verschiedenen Sprachen unter folgendem Link abrufbar:

https://www.spreaker.com/user/emonsedizioni/de-dante-die-goettliche-komoedie

DE – Dante – Die Göttliche Komödie

From: Dalla selva oscura al Paradiso – From the dark wood to Paradise

Registrazione a cura di: Istituto Italiano di Cultura di Berlino Direttrice: Maria Carolina Foi Lingua: Tedesco Casa editrice: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Ditzingen, 2010 (vol. I), 2011 (vol. II), 2012 (vol. III) Traduttore: Hartmut Köhler Voci: Timo Weisschnur, Eva Maria Jost, Johannes Hampel

Un progetto del Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale in compartecipazione con il Comune di Ravenna e in collaborazione con il Teatro delle Albe/Ravenna Teatro. Si ringrazia la Civica Biblioteca Guarneriana di San Daniele del Friuli per aver concesso la riproduzione in copertina della miniatura (c.1r) del Manoscritto 200.

Zitat: Dante, La Commedia, I, 34-36


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Freude Natur-Park Schöneberger Südgelände

Das neue Jahr 2021, es regt sich munter, froh und quicklebendig – und hinterlässt erste Spuren!

Herrlicher Januar 2021! Seit heute liegt hier auch Schnee! Findet Ihr auf obenstehendem Foto das Eichhörnchen? Es wohnt hier in meiner Nähe in Natur-Park Schöneberger Südgelände.

Was für ein rätselhaftes Wesen mag hier heute im Schöneberger Hans-Baluschek-Park seinen Fußabdruck hinterlassen haben? War es Yeti, der Schneemensch? Wir fanden mehrere dieser Fußabdrücke in weitem Abstand voneinander.
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Weihnacht

Es wird noch wie’s gewesen: Der Kern ist nicht verletzt

Weihnachten 2020. Das Laserhaus der Künstlerin Felicitas Butt. Über einen Zeitraum von 3 Monaten wurden Faser- und Wollreste verarbeitet und im Mai 2019 innerhalb von 2 Tagen verarbeitet. Für den gesamten Dezember 2020 wird es beleuchtet im Natur-Park Südgelände ausgestellt. Zustand heute, am 27.12.2020

Bei klarem Wetter, starkem Wind und leichtem Frost betrachten wir die hauchdünne Schicht Eis, die sich auf Pfützen und in Wegfurchen hält. Was mag sich im Frühjahr unter dieser dünnen Schicht Eis regen?

Das Laserhaus der Künstlerin Felicitas Butt zieht uns an – wie innig verwoben, wie unauflöslich verfilzt und verwirrt, wie schützend und doch durchlässig ist dieses vorläufige Haus, das schützt, verbirgt und freigibt zugleich! Der Kern, um den sich dieses Haus legt, er ist unverletzt.

Jemand fängt – durch das Laserhaus und die Eisschicht angeregt – an, über ein Gedicht Rudolf Borchardts zu erzählen, das dieser Dichter im Versteck in Trins, einem Dorf im Gschnitztal, verfasste – mutmaßlich sein letztes Gedicht überhaupt, zweifellos eines seiner letzten, denn am 10. Jänner 1945 starb er in Trins im Gschnitztal und ist dort auch begraben. Er war im August 1944 zusammen mit seiner Frau in Italien von der SS verhaftet und nach Innsbruck deportiert worden.

Hier ein paar Zeilen aus diesem rätselhaft abschiednehmenden, zugleich verheißungsvollen Gedicht, das wie eine Antwort auf den ebenfalls aus Italien deportierten Tiziano Di Leo anmutet, der 1944 zu Weihnachten in Berlin ähnliches fühlte, empfand, dachte und niederschrieb.

Weihnachten 1944
von Rudolf Borchardt

Wir haben keine Kerzen
[…]

Wir haben keine Schrift
Die Botschaft zu verlesen;
Es ist ein giftig Wesen
Das diesmal uns betrifft.
Da hilft ein Gegengift:
Gedenken was gewesen
Daß doch, wie Weihnacht sagt:
Kurz nur die Nacht ist und es bald schon tagt.

[…]

[…]
O krank und halb genesen
O Liebste und zuletzt
Ich der Euch singe jetzt
Wie ich Euch sonst gelesen,
Es wird noch wie’s gewesen,
Der Kern ist nicht verletzt
– Denn Weihnacht bringts vom Herrn,
Daß Nacht nur Schale, und der Tag ihr Kern.

[…]

Nachweis:
Rudolf Borchardt: Weihnachten 1944, hier zitiert nach: Deutsche Gedichte. Hgg. von Hans-Joachim Simm, 3. Aufl. 2013, Frankfurt: Insel Verlag, S. 848-849

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Advent

Alimentare l’amore reciproco – vom bleibenden Sinn des Weihnachtsfestes

Weihnachtsbäumchen im Tälchenweg, Naturpark Schöneberger Südgelände, Dezember 2020

“E’ incominciato dicembre e si avvicinano le feste più belle dell’anno…”

Am 3. Dezember 1944 trägt in Berlin der italienische Zwangsarbeiter Tiziano Di Leo folgende Sätze in sein Tagebuch ein, die wir ins Deutsche übersetzt haben, da sie wie in unsere Zeit hineingesprochen erscheinen:

“Der Dezember hat begonnen und die schönsten Feiertage des Jahres stehen vor der Tür: Weihnachten, Neujahr und das Dreikönigsfest. Die schönsten? Ja, sie waren einmal die schönsten, als die ganze Welt noch in Frieden lebte und die Familien an diesen Abenden zusammenkommen konnten, um die gegenseitige Liebe zu pflegen und hegen, die sie einte. Weihnachten und Neujahr waren einmal Tage so voller Heiterkeit und Freude, dass sie unauslöschlich im Gedächtnis bleiben, festliche Ereignisse, die heilsame Wirkungen auf die Seelen hatten, und es schien, als würden wir dadurch bessere Menschen. Jetzt ist das alles vergangen, und obwohl es in der Erinnerung lebendig bleibt, scheint es sehr weit weg zu sein. Ich weiß noch nicht genau, wie ich die kommenden Feiertage verbringen werde, aber […]”

Hier das italienische Original:

“E’ incominciato dicembre e si avvicinano le feste più belle dell’anno: Natale, Capodanno e l’Epifania. Più belle? Erano sì le più belle una volta, quando tutto il mondo era in pace e le famiglie poteva­no riunirsi in quelle sere alimentando l’amore reciproco che le univa. Natali e Capodanni di una volta, giornate così piene di serenità e di gioia da rimanere indelebili nella memoria, solen­nità che avevano negli animi effetti salutari e ci facevano sembrare più buoni. Ora tutto è passato e, pur restando vivido nella memoria, sembra tanto lontano. Non so ancora con precisione come trascorrerò le prossime feste, ma […]”

Zitatnachweis in der italienischen Originalausgabe:
Tiziano Di Leo: Berlino 1943-1945. Diario di prigionia. Fabriano: Centro studi Don Giuseppe Riganelli, 2000, S. 159

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Freiheit Freude Singen

Abhängig? Ja! Na und? Also einfach mal — abhängen!

Britzer Garten, Berlin-Neukölln, 29. November 2020

Gewisse Dinge können wir nicht ändern. Wir hängen Tag um Tag von vielen anderen Menschen ab. Wir hängen von Naturgesetzen ab, wie etwa der Schwerkraft auf dieser Erde. Uns ist es nicht gegeben, die Bedingungen unseres Hierseins und Soseins vollständig zu steuern. Und gerade deswegen ist es befreiend, im Bewusstsein der Abhängigkeit einfach einmal … abzuhängen. Sich hineinzubegeben in die Schwerkraft dieser Erde, sich langziehen zu lassen, minimale Bewegungs- und Freiheitsspielräume zu erkunden. Denn etwas kann man doch immer machen! Man muss nicht nichts machen! Man kann zum Beispiel diesen Hampelmann in leichte Bewegung bringen. Man kann sich hochziehen und damit etwas zur Stärkung seiner Muskelkräfte unternehmen.

Ich gewann an jenem schönen Sonntag im November 2020 weitere Beweise für meine Zuversicht, dass die Welt mit jedem Tag schöner wird, wenn man sie richtig anschaut. Nach langer Suche hatten wir endlich die Hampelmänner im Britzer Garten gefunden. Andere Spaziergänger trällerten mit ihren Kindern gerade das herrliche Lied:

Jetzt steigt Hampelmann, jetzt steigt Hampelmann
Aus seinem Bett heraus, aus seinem Bett heraus
Oh du mein Hampelmann, mein Hampelmann bist du.

Dieses ermutigende Kinderlied, dass ich noch aus meiner Kindheit kenne, gab mir den Schwung und die innere Zuversicht, in ein Spiel mit Abhängigkeit und Freiheit einzutreten.

Wer hätte gedacht, dass Neukölln so herrliche, so schöne Stellen bietet wie etwa diese herbstdurchsonnten Pfade im Britzer Garten!

Ja, es stimmte auch und gerade im November 2020, was Ludwig Uhland damals über den Frühling sagte und sang:

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag!

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Advent

“Fodder dir ein Zeichen, es sey hunden in der Helle oder droben in der Höhe.” Heilender Gesang in zeichenloser Zeit

Von sangloser Zeit können wir wohl in diesem Advent sprechen. Hauptziel alles öffentlichen Handelns scheint nunmehr die Todesvermeidung zu sein.

Wo aber ist eine Stimme der Lebensbejahung, der Zuversicht, der Lust, der Vorfreude, der Mit-Freude, der Zukünftigkeit?

Vielleicht in diesen vier Stücken bzw. Arien, die wir uns für den 3. Advent vorgenommen haben:

“Gott will Mensch und sterblich werden”, aus dem “Harmonischen Gottesdienst” von G.P. Telemann, Kantate zu Verkündigung Mariae, Jesaia 7,10-15
“Benedictus” aus der Messe in h-moll von J. S. Bach, BWV 232
Siciliana aus der Sonate für Flöte und Cembalo in Es-dur von J. S. Bach, BWV 1031
“Frohe Hirten, eilt, ach eilet” aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach, BWV 248 

Gott will sterblich werden, er sagt ja zur Endlichkeit des Menschen, er bejaht den Menschen, er möchte werden wie er. Er WIRD wie er. So lässt sich der Dialog zwischen dem HERRN und König Ahas im Buch Jesaja, Kapitel 7 verstehen. Und den Beweis dafür, dass es so ist? Den bietet der HERR dem Ahas an, doch Ahas fordert kein Zeichen. Das Vertrauen zwischen dem HERRN und dem Menschen ist – die Menschwerdung Gottes selbst. Die Menschlichkeit Gottes, sein Ja zur Sterblichkeit, zur Begrenztheit reicht aus. Darüber hinaus gibt es keine Rückversicherung. Nur das Vertrauen zählt. Einen Beweis für die Richtigkeit des Handelns kann es in dieser Beziehung des sehenden Vertrauens nicht geben.

Die Geschichte unseres Glaubens wird hier, in diesen drei Arien von Telemann und Bach mit bezwingender Klarheit zu heilendem Gesang in sangloser, heilloser Zeit!

3. Advent, Gottesdienst mit Taufe und festlicher Musik
Pfarrer Joachim Krätschell
Sonntag, 13. Dezember 2020, 10:00 – 11:00 Uhr
Ort: Kirche der ev. Kirchengemeinde Halensee, Westfälische Straße 70A, 10709 Berlin

„Gott will Mensch und sterblich werden“. Barocke Arien zum Advent
Musik von Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann

Johannes Hampel, Tenor; Franziska Ritter, Flöte; Kathrin Freyburg, Orgel und B.C.

Zitat: Buch Jesaia, Kapitel 7, Vers 11, in der Übersetzung Martin Luthers