Aug 292020
 

Ἰωάννης ἐστὶν ὄνομα αὐτοῦ. καὶ ἐθαύμασαν πάντες. “Sein Name ist Johannes. Und da gerieten alle in Verwunderung.”

So beendet der Evangelist Lukas die äußerst erstaunliche Geschichte der Namensfindung des nach christlichem Glauben letzten Propheten des alten Judentums, Johannes des Täufers. Beachtlich: Der Name wird dem jungen Juden beim Beschneidungsfest nicht durch den Vater, sondern durch seine Mutter Elisabet beigelegt. Sie ist es, die sich dem Wunsch der Verwandten und Nachbarn widersetzt und den vorgeschlagenen Vatersnamen Zacharias ablehnt. Sie ist es, die entgegen dem Drängen der Umstehenden NEIN sagt und anordnet: οὐχί, ἀλλὰ κληθήσεται Ἰωάννης. – “Nein, der wird Johannes heißen!” Der seit längerem durch Sprachverlust gezeichnete Vater Zacharias stimmt zu – und dank seiner Zustimmung gewinnt er seine Sprechfähigkeit wieder. Und da gerieten alle in Verwunderung.

Die Vorbesichtigung der neuen Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin am Freitag, dem 21. August, spätnachmittags bot uns reichlich Anlass, über die gegenstrebigen Verwebungen des Judentums und Christentums nachzudenken. Verwebungen, die sehr tief gehen, die die Sprachgrenzen überschreiten, die enge Verwandtschaften und Nachbarschaften verbunden und zerrissen haben, oft auf schmerzhafte Weise.

Am Beginn der beeindruckenden neuen Dauerausstellung wird man aufgefordert, den eigenen Namen ins Hebräische “übersetzen” zu lassen – ich gebe meinen Namen ein, und es erscheint mein deutscher Name in hebräischen Buchstaben transliteriert, wie man ihn heute in hebräischen Texten lesen kann: יוהנס

Ins Hebräische zurückübersetzt würde er anders lauten – nämlich   יֹוחָנָן / Jochanan , denn bekanntlich ist ja die griechische Namensform Johannes eine “Übersetzung” aus dieser hebräischen Namensaussage, die in etwa bedeutet: “Gott tut immer wieder mal aus eigenem Wollen etwas Ungewöhnliches, etwas Großes, etwas Tolles! Gott ist gnädig.”

Der ungewöhnliche Akt der Rebellion der weiblichen Namensfindung – gegen den Mehrheitswillen der Nachbarn und Verwandten – verhalf diesem Namen in der gesamten christlichen Welt zu einer ungeheuren Karriere, denn in allen europäischen Sprachen, aber auch im arabisch-islamischen Kulturraum ist er ein geläufiger Vorname geworden. Im deutschen Mittelalter wurde er etwa jedem zweiten männlichen Deutschen beigelegt. Johann Sebastian Bach und Johann Wolfgang Goethe sind zwei berühmte Träger dieses Namens, denen ich in meinen eigenen Leben seit vielen Jahren einen überragenden Platz gleich hinter jenem jüdischen Propheten, dem Weggefährten, Taufspender, Verwandten und Schicksalsgenossen Jesu zuspreche.

Was liegt an einem Namen? Viel, manchmal alles! Der Cheftrainer des FC Bayern München, Hansi Flick – bürgerlich Hans-Dieter Flick – besteht darauf, dass er mit seinem seit Kindheit vertrauten Rufnamen angesprochen wird. Auch dieses “Hansi” ist eine späte Verwandlung dieses erstaunlichen Namens Jochanan, der es nun bis auf den beifallumtosten Gipfel der europäischen Champions League gebracht hat. καὶ ἐθαύμασαν πάντες. Beim Triumph des Hansi Flick geriet die gesamte Weltfußballöffentlichkeit in Erstaunen, ja in Verzückung.

Die ungeheure Karriere dieses Namens Johannes geht also weiter. Er ist topaktuell. Und uraltes Erbe des Judentums.

Belege:
Nestle-Aland. Novum Testamentum graece. 28., revidierte Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2012, S. 181-182 (Lc 1,59-66). Übersetzung aus dem Griechischen durch Johannes Hampel

Christian Eichler: Trainer Flick und seine Bayern-Bande. Der Champions-League-Sieger. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2020 (Online-Ausgabe)

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Aug 072020
 
Ein Geiger auf hölzernem Balkon spielt eine Serenade für Kind und Hund, für Groß und Klein, für Himmel und Erde. Massing, Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 2020

Nach 4 Wochen wieder in Berlin eingetroffen. Zunächst hatte ich arbeitsreiche Wochen im Schwarzwald. Nur am Wochenende fuhr ich jedes Mal ganz wild mit einem gemieteten Mountainbike in die Kreuz und die Quer. Herrlich, dieser Schwarzwald, so wild, so überraschend und so schön!

In Alpirsbach, wo ich einquartiert war, gibt es eine sehr gute Kirchenmusikszene unter der Organistin/Kantorin Carmen Jauch, die ich zwei Mal im Gottesdienst hörte und auch danach in einem Konzert mit geistlichen Liedern. Hier keimt in kleiner Besetzung nach tonloser Zeit das Neue auf, die Freude, die zur Musik wird. Möge sie weiter und lauter tönen!

Dann verbrachte ich eine Woche Urlaub in Mittelfranken im kleinsten lieben Kreise, wo es mir noch besser gefiel! Das bildkräftig und blütenreich verträumt hergerichtete Römerlager in Ruffenhofen, die konzentrierte Darbietung unseres großen Dichters Wolfram in Wolframs-Eschenbach, der herrlich frische Altmühlsee, der Igelsbachsee – es war eine Perlenkette an guten, erfrischenden, belehrenden heiteren Stunden! Und jeden Abend gab ich ein kleines Konzert mit deutschen und italienischen Liedern und Arien, und rahmte den Gesang stets auch mit der Geige. Ein richtiger Hausmusikant war ich für ein ganz liebes Publikum geworden, das mich immer unterstützte!

Zum Abschluss dann zwei richtige Konzerte im Garten in Massing/Niederbayern für das große Verwandtenfest mit unserer guten Tante Greti, alles mit vorher eingespielter Klavierbegleitung. Ich fühlte mich frei und sicher. Nach Wochen und Monaten des öffentlichen Verstummens endlich aus voller Brust und voller Hingabe zu singen und zu geigen! Im Freien, im Sommer, bei Tag und in der Nacht! Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküßt …!

Was Besseres kann einem nicht passieren, die Leute wollten mehr hören, sie klatschten, sie lagen hingeschmolzen flach auf dem Rasen! Also bitte! Bin sehr froh, dass ich das alles erleben durfte!

“Ich wollt als Spielmann ziehen und singen meine Weisen vor jedem Haus…!”

Wie bei Eichendorff! Das ist wirklich Manna, dieser lebendige Kontakt zum Publikum in Fleisch und Blut!
Werde das alles noch nachklingen lassen…!

“Schönes Bild! Aber was ist das am Fuße der Treppe? Ein kleiner Hund, ein Rucksack oder ein kleiner Affe?”, fragt mich eine Zuhausegebliebene. Antwort: Ich weiß es nicht.

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Aug 072020
 

“Uns wird zehntens die Frage vorgelegt, ob es etwas Falsches gibt.” Gibt es etwas Falsches? Oder ist es ein Widerspruch zu behaupten, das es etwas Falsches gebe? Ist denn nicht alles, was ist, wahr? Und ist denn nicht alles, was falsch ist, unwahr?

Entlang dieser Grundlinien entfaltet Thomas von Aquin in seinen Quaestionibus disputatis “de veritate”, hier articulus 10, das Problem, ob man sinnvollerweise behaupten könne, etwas Seiendes sei falsch.

Wie erfrischend ist es doch, im Pulverdampf der heutigen Publizistik und täglichen Meinungshascherei die alten Philosophen zu lesen – Immanuel Kant, Platon, Aristoteles und, ja, eben auch Thomas von Aquin. Warum denn nicht?

Mir geht es da so, wie es ein in Deutschland heute vergessener Dichter einmal gesagt und gesungen hat:

“Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen ernsten Geisterreich
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich —”

Ich verordne mir immer wieder diese und einige andere Autoren aus dem stillen ernsten Geisterreich, um heftige allergische Anfälle zu heilen, die unvermeidlich sind, wenn man einigermaßen up to date bleiben will und nicht als völlig unwissender Tor und weltfremder Tölpel erscheinen mag. Und up to date wollen wir doch sein, nicht wahr?

Ein solcher allergischer Anfall hätte mich vorgestern fast erwischt, als ich ein Interview über die größten Katastrophen der heutigen Zeit las.

https://www.corpusthomisticum.org/qdv01.html

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Jul 242020
 

Tief greifen die Wurzeln der Tanne in den Boden, leicht zieht sie mit ihren Fasern die Nährstoffe in sich ein. Schon lange steht sie hier auf dem Schöllkopf, nicht weit von Freudenstadt entfernt, wohl 250 bis 300 Jahre ist sie alt, sie, die nachweislich mächtigste Tanne des ganzen Schwarzwaldes! Erst stand sie freistehend, spendete Schatten dem unter ihr weidenden Vieh; später wurde rings um sie herum aufgeforstet.

Großvatertanne wird sie genannt. Da sie sich bester Gesundheit erfreut, mag sie durchaus das natürliche Höchstalter der Tanne, also etwa 400 Jahre erreichen. 46 Meter ist sie hoch, ihr Stammvolumen umfasst 36 Kubikmeter.

Tanne und Buche sind die beiden Baumarten, die von Natur aus hier auf etwa 700 m Höhe über dem Meer am besten gedeihen. Sie sind die Charakterbäume des Schwarzwaldes; die heute oftmals dominante Fichte wurde erst später durch den Menschen zur Ausbeutung als Monokultur nachgepflanzt.

Ich legte am Sonntag, dem 19. Juli 2020, meine Hand auf die merkwürdig sanft anmutende Rinde der Großvatertanne. Sie war schon lange vor mir da, sie wird auch lange nach mir noch da sein. Und doch kann ich Fühlung mit ihr aufnehmen. Beglückend!

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Jul 142020
 

Wo befindet sich mein schwarzes Rössle mit den azurblauen Fesseln, das mich jeden Tag von meiner Unterkunft zu meinem derzeitigen Dienstort trägt, verlässlich und treu? Das Rössle hört auf den Namen Haibike SDURO CROSS 5.0, statt Heu frisst es jeden Tag 0,2-0,4 KWh Strom, genügsam steckt es Wurzeln und spitze Steine weg, fröhlich packt es jede Steigung, hurtig wie der Wind rennt es die steilsten Hänge hinab. Und es liebt Rätsel!

Hier also das Rätsel: Ist das Rössle auf diesem Bild in Baden oder in Württemberg? Kleine Hilfestellung: Wir sind hier an der historischen Grenze zwischen dem Großherzogtum Baden-Baden und dem Herzogtum Württemberg (bzw. dem späteren Königreich Württemberg, 1806-1918). Weiter hinten hat sich die Kinzig ihren windungsreichen Weg durch die vermoorten Buntsandsteinhochflächen und felsendurchsetzen Flanken bis tief hinunter in das aus Gneis und Granit gebildete Grundgebirge gefräst.

Die Sonne lacht, der Sommer schickt seine Wärme in wehenden Wellen über die Wiesen hin, das Tal blitzt und blinkt, dass dir das Herz im Leibe springt.

Wo steht das Rössle auf obigem Bild? Weißt du es?

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Jul 122020
 
Die Orgelskulptur in der Klosterkirche Alpirsbach. Erbaut 2006-2008 von Claudius Winterhalter in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Armin Göhringer. 35 Register, 3 Manuale.

“Mit der güldnen Welle des Lichts nimmst du das Ungemach”, so sangen wir zaghaft hinter unseren Nasen-Mund-Masken versteckt heute in einem Lied zum Gottesdienst. “Du nimmst das Ungemach mit der güldnen Welle des Lichts?” Ha? Wie schön ist das denn! Kann man das erlösende Erlebnis des Tagesanbruchs besser beschreiben?

Ich kehre eine kurze Weile nach dem Schlusssegen zurück zu einem Konzert unter dem Titel “Musik dient Gott”. Raumfüllend eröffnet die 11 m hohe fahrbare “Orgelskulptur” mit dem ersten Satz der VI. Symphonie von Charles-Marie Widor die Abfolge von Liebesliedern: “Sehet, welche Liebe”.

Das Schifflein voller Musik mit sicherer Hand und strahlend durch die gewaltige Klosterkirche hindurchleiten! Das war die Aufgabe. Die Orgel ist der Anker des Gemeindegesanges, ist der Hort der Musik im Konzert, wenn sonst auch alle Stricke reißen und unsere menschlichen, allzu menschlichen Stimmen hinter Masken zittern und zagen. Die Orgel nimmt mit der güldnen Welle des Klanges das Ungemach von den Mündern der Menschen.

Sie strahlt wirklich skulptural, diese Orgel, hier versteht man jede Stimme, die in den Raum hineingedrechselt wird, man kann alles durchhören, wenn sie von so guten Organisten gespielt wird, es geht nichts verloren! Phantastisch, sensationell, dieses Zusammenspiel des Raumes und der Stimmen, auch der menschlichen Stimme, heute ausgefüllt durch den Bariton Christian Honold!

Und die Organisten sind das Instrument für dieses Zusammenspielen. Wie begnadet muss sich das anfühlen!

MUSIK DIENT GOTT. Klosterkirche Alpirsbach, Sonntag, 12. Juli 2020, um 11.15 Uhr. Orgel: Carmen Jauch. Bariton: Christian Honold

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Jun 292020
 

In aller flaumenleichten Frühe schwammen wir am gestrigen 28. Juni in den Templiner See hinaus. Kein Laut war zu hören außer dem taktmäßigen Schwingen, mit dem ein Reiher zur Jagd ansetzte, dem leisen Rascheln einer Ente im Ufergebüsch und ganz in der Ferne schon einem ersten ratternden Zug. Ich ließ mich ganz ins Wasser untergehen, mit einigen Tauchstößen schwamm ich die Hülle des vergangenen Jahres ab, zurück blieb die abgestreifte Hülle, der Kokon des Gedächtnisses, das fadenartige Gespinst an Ahnungen, Gefühlen, dämmernden Einsichten, getroffenen Entscheidungen, das Verlieren des Grundes unter den Füßen des Augenblicks. Und doch wieder das Getragenwerden, das Entgegenschwimmen auf eine Zukunft, die dich mit offenen Armen empfängt!

Der Schwielowsee öffnete uns beim Entlangradeln gegen Ferch hin immer wieder neue Kulissen vor den Augen, er zog mir die Theatervorhänge des neuen Lebensjahres auf, strahlend, eine Ouvertüre mit einem leicht metallischen Glanz, ohne Schärfe, mit Freude, mit Liebe.

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Jun 292020
 

Das Recht der Europäischen Union und das Verfassungsrecht der Mitgliedsstaaten stehen in einem vorderhand ungeklärten Widerstreit einander ausschließender Geltungsansprüche. Dies haben wir seit Jahren in diesem Blog wiederholt herausgearbeitet, darauf haben wir wiederholt hingewiesen, so etwa auch am 3. November 2015 unter dem Titel: “Unauflöslicher Widerspruch”.

Eine weitere Umdrehung im Rad der einander widerstrebenden Argumente vollzieht sich vor unseren Augen im Anschluss an das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 5. Mai 2020, 2 BvR 859/15. Dieses Urteil zur verfassungsrechtlichen Legitimität des EZB-Anleihen-Kaufprogramms hat europaweit einen Aufschrei des Entsetzens ausgelöst. Genau hierzu äußert sich heute nun ein Richter des zuständigen Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichtes:

Mit dem Aufschrei haben wir gerechnet, aber man muss eben sehen, dass das Verhältnis von Europarecht und nationalem Verfassungsrecht seit 60 Jahren in der Schwebe hängt. Die Luxemburger Kollegen postulieren, dass das Unionsrecht über allem steht, und wir und die anderen Verfassungsgerichte sagen: ,Nein, nur in dem Rahmen, in dem ihr durch unsere Parlamente ermächtigt worden seid.‘ Die Entscheidung zwischen diesen beiden Ansätzen ist keine Glaubensfrage, das sagen nur diejenigen, die nicht intensiv genug darüber nachgedacht haben. Ich bin der Überzeugung, dass es zwanzig Argumente für unsere Auffassung gibt und eineinhalb für die des Gerichtshofs.

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/verfassungsrichter-huber-kritisiert-mangelnde-kooperation-der-ezb-16836457.html?premium
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2020

Ich halte dies für eine sehr gute Grundsatzanalyse des Richters des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts zur reichlich verkorksten europäischen Gemengelage! Was Peter Huber heute in der FAZ erklärt, trifft, so meine ich, ins Schwarze.

Es stimmt mich sprachlos und nimmt mich wunder, wenn wieder und wieder von den Politikern der EU versucht wird, durch beständig wachsende, in den Raum gestellte Geldbeträge oder eher Geldberge (derzeit sind es zusätzlich zu verteilende etwa 1500 Milliarden Euro) der Europäischen Union ein derart massives pekuniäres Gewicht zu verleihen, dass die Staaten schließlich gar nicht mehr anders können, als Teile ihrer durch Verfassungen geschützten Rechte an die Europäische Union zu übertragen. Zu diesem Zweck wird alle paar Monate ein neuer Ausnahmezustand ausgerufen! Und – das wissen wir seit Carl Schmitt – wer die Macht hat, den Ausnahmezustand auszurufen, der hat auch die Macht, die Rechtsordnung vorübergehend außer Kraft zu setzen und verfassungsrechtliche Vorschriften zu brechen.

Die hierdurch hervorgerufene, meines Erachtens nicht von der Hand zu weisende Befürchtung lautet: Die Gliedstaaten könnten gewissermaßen hineingleiten oder sanft hineinrutschen in ein Abhängigkeitsverhältnis von der höheren EU-Autorität, innerhalb dessen die Souveränität der Verfassungsstaaten zur leeren Hülle würde, da sie nicht mehr mit eigener Handlungsmacht unterlegt wäre. Die Staaten würden dann zu Bittstellern der übergeordneten EU-Autorität: europäischer Transformismus, der zum europäischen Autoritarismus zu werden droht!

Das Hauptargument für diesen Transformismus oder Autoritarismus lautet mit ermüdender Wiederholungsfrequenz, die globalen Herausforderungen seien einfach zu groß, als dass ein einzelner Staat sie bewältigen könne. Welche Herausforderungen sind aber gemeint? Nun, dafür werden immer wieder neue Kandidaten aufgetrieben: Mal ist es die Finanzkrise, mal ist es der Klimawandel, dann sind es die Europafeinde, dann wiederum die Energiewende, dann die globale Migration, dann der Rechtspopulismus in den “osteuropäischen” EU-Staaten, dann der Terrorismus, dann die Flüchtlinge des Südens, dann die Infektionsrisiken durch das Coronavirus, dann der Rassismus in den USA … die Hitliste der vom einzelnen Verfassungsstaat angeblich nicht mehr zu stemmenden Risiken wird monatlich länger bzw. monatlich überarbeitet! Die Überlebenszeiten der jeweils ausgerufenen globalen Katastrophen, die kein einzelner Staat mehr bewältigen könne, fallen hingegen. Die Namen der zahlreichen globalen Katastrophen, die jederzeit um die Ecke lauern, sind austauschbar. Das nervt.

Doch schließen wir positiv! Dem Verfassungsrichter Peter Huber gebührt heute Dank dafür, dass er als eine der sehr selten gewordenen Stimmen von Rang in der FAZ öffentlich (nicht bloß hinter vorgehaltener Hand) Stellung bezieht und sich für den Vorrang des demokratisch legitimierten Verfassungsrechtes der Staaten vor dem auf zwischenstaatlichen Verträgen gestützten Unionsrecht in die Bresche geworfen hat.

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Jun 272020
 

“Jeszcze Europa nie zginęła”, dieser polnisch zu singende Weckruf kommt mir in den Sinn, wenn ich an die Verleihung des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises 2020 zurückdenke, der ich am 23. Juni 2020 als stumm lauschender Zuhörer über das Internet in der virtuellen Realität beiwohnte.

Der Mitschnitt der Preisverleihung ist weiterhin online abrufbar:
https://lcb.de/programm/verleihung-des-deutsch-italienischen-uebersetzerpreises-2020/

Willst du wissen, Leser, was ich dazu meine? Nun, ich meine ganz persönlich, zu Zeiten, da andere Stimmen drei- oder gar vierstellige Euro-Milliardenbeträge in hymnischen Tönen aufrufen im festen Glauben, die europäische Einigung mit solchen Mitteln wesentlich zu befördern oder zu erkaufen, haben die Minister Monika Grütters und Dario Franceschini, die Übersetzerinnen Verena von Koskull, Friederike Hausmann und Carola Köhler, die Redner Maike Albath, Ingo Schulze und Claudio Magris alle ihren kaum mehr zu vernehmenden, stillen Gegenglückston gesetzt: die Einigung Europas im Geist, im guten gelingenden Wort, im kulturell gebundenen Austausch, im Sich-Hineinversetzen in die andere und den anderen, in das andere und die anderen: in der Gemeinschaft im Wort!

Ich gebe gerne zu, die weitere europäische Einigung wird sicherlich nicht zum Nulltarif zu haben sein, aber machen wir uns nichts vor: Das große Vorhaben kann nur gelingen, wenn es die Menschen auch wollen und so “sagen und singen”, und wenn es durch ein einigendes symbolisches Band umschlungen und beglaubigt wird – das mag das Möbius-Band sein, welches ab 1. Juli 2020 die deutsche Ratspräsidentschaft überwölbt, das kann und soll aber vor allem, so meine ich, das endlose geflochtene Band des versöhnenden, menschenverändernden Wortes sein. Und dieses Wort kostet nichts …  nichts außer einer inneren, sozusagen menschen-übersetzenden Wandlung! 

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Jun 242020
 
Das Ergebnis von seit 5. September 2006 über 7 Milliarden verbauten Euro: Der neue Berliner Flughafen am 21. Mai 2020, bisherige Betriebstage: 0

750 Milliarden Euro, eine atemberaubende, pharaonische Summe, so möchte man meinen, die im Wesentlichen ab 2022 den begünstigten Staaten Europas, also denjenigen benachteiligten Staaten, die in den 5 Jahren von 2014 bis 2019 die höchsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, z.B. die höchste Arbeitslosigkeit verzeichneten, als redlich verdiente Corona-Wiederaufbauhilfe zugute kommen wird! Ein kolossales Vorhaben der EU-Kommission, dem gutes Gelingen zu wünschen ist. Hendrik Kafsack versuchte vorgestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit allen seinen Kräften, um Verständnis für dieses Unterfangen zu werben. Hat er es geschafft? Überlegt selbst, liebe Leserinnen und Leser!

Von der vereinenden, versöhnenden, alles ausgleichenden Bindekraft des Geldes konnte man sich jedoch in Europa nicht erst gestern oder vorgestern überzeugen, nein, ein bereits 1992 im schwäbisch-sparsamen Stuttgart erschienenes Büchlein bringt in lateinischer Sprache diese ureuropäische Einsicht als hymnischen Lobpreis des “nummus”, der “Münze”, der “Währung” also zum Ausdruck:

Manus ferens munera
pium facit impium
nummus iungit federa
nummus dat consilium

Die Hand die Geschenke reicht
macht fromm den Unfrommen
Geld schließt Bündnisse
Geld schafft Rat

(Übersetzung aus dem Lateinischen von dem hier Schreibenden)

Quellenangaben:
Hendrik Kafsack: Corona-Aufbaufonds der EU. “Wer braucht das Geld wirklich?” FAZ, 22.06.2020
Carmina Burana. Lateinisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Günter Bernt, Philipp Reclam jun. Stuttgart 1992, S. 12

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