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„Ella infame si rese!“ oder: Wer wirft den ersten Stein?

 Dalinda, Frau und Mann, Kupferstichkabinett  Kommentare deaktiviert für „Ella infame si rese!“ oder: Wer wirft den ersten Stein?
Mai 122023
 

Ella infame si rese, è l’orror d’ogni etade...“ – „Sie hat sich entehrt, sie ist der Schrecken jedes Zeitalters“ diese von uns Männern zu singenden Verse aus dem Libretto zur Dalinda kamen mir kürzlich in den Sinn, als ich die feine Ausstellung „Muse oder Macherin? Frauen in der italienischen Kunstwelt 1400-1800“ betrachtete. Gezeigt wird hier in diesem Kupferstich von Diana Montavana die Szene aus dem Johannesevangelium (Joh 8,1-11), in der einige Männer eine beim Ehebruch ertappte Frau vorführen und sagen: „Mose hat uns vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen.“ Aus diesen hämischen grinsenden, selbstgerecht verkniffenen Gesichtern spricht der ganze Männerabscheu gegenüber dieser einen Frau, die da an den Pranger gestellt wird. Warum eigentlich nur die FRAU? Warum wird nicht auch der Mann mit beigezogen?

Gericht der vielen Männer über die einzelne ohnmächtige Frau! Und was hier in dieser Szene geschieht, das geschieht auch in der Dalinda des Donizetti. Eine einzelne Frau wird aus dem Nichts heraus, aufgrund von Gerüchten und Berichten für alles Übel dieser Welt gewissermaßen in Haft genommen. Und wir machen das mit, wir – der Männerchor! Da mitzuhalten fällt mir mitunter schwer, ich gestehe es.

Ich selbst ergreife in den Probenpausen immer wieder Partei für Dalinda, versuche für sie werben, doch stehe ich auf weitgehend verlorenem Posten. Ich meine zu hören: „Wir wissen, was wir von dieser Frau zu halten haben! Denn wir kennen Lucrezia Borgia!“ Ja was ist denn das für eine Logik? Donizettis Dalinda für die angeblichen, vermuteten, nicht hinreichend belegten Missetaten der Lucrezia Borgia Donizettis verantwortlich zu machen? Das schlägt dem Fass den Boden aus!

Ich kann da nur den Kopf schütteln und fragen: Wer wirft den ersten Stein? Das Fehlen jeder verzeihenden, jeder um Verständnis ringenden Nachfrage bei uns Männern, die diese unglückliche Dalinda bedrängen, umringen, umketten, beschatten und belauern, missfällt mir. Mir missfällt die Abwesenheit jedes christlichen Erbarmens bei diesen christlichen (christlichen? -Fragezeichen!) Kreuzrittern im Heiligen (?) Land zur Zeit des dritten Kreuzzuges (Kreuz-Zuges???).

Hier noch eine mögliche andersartige Reaktion auf die Anprangerung der Sünderin:

Dies ist der ganze Kupferstich der Diana Mantovana (nach Giulio Romano), zu sehen noch bis 4. Juni 2023 im Kupferstichkabinett am Kulturforum Berlin in der Ausstellung „Muse oder Macherin? Frauen in der italienischen Kunstwelt 1400-1800″

 Posted by at 14:44

Wie kann es sein, dass…?

 Dalinda  Kommentare deaktiviert für Wie kann es sein, dass…?
Mai 112023
 

„Wie kann es sein, dass eine vollständige Oper, die 1838 komponiert worden ist, bis heute noch nie aufgeführt worden ist?“

Diese Frage beantwortete uns Felix Krieger, der Dirigent der Welturaufführung, die am 14. Mai im Berliner Konzerthaus gefeiert wird, mit folgenden Worten:

„Die Geschichte ist eine Geschichte der Verbote: Experten haben entdeckt, dass es sich bei Dalinda um eine alternative Version von Lucrezia Borgia handelt, die von Donizetti umgestaltet und zu einer eigenständigen neuen Oper ausgearbeitet wurde. Lucrezia zählt heute zu den populärsten Opern des italienischen Genies.
 
Die Oper um die Papsttochter Lucrezia Borgia wurde 1833 an der Mailänder Scala uraufgeführt, hatte aber von Anfang an aufgrund ihres für die damalige Zeit unmoralischen Inhalts große Probleme mit der Zensur und war zahlreichen Änderungen unterworfen. In Neapel, damals Lebensmittelpunkt Donizettis, wurde 1834 die Oper Lucrezia Borgia komplett verboten.
 
Um dieses Verbot in Neapel zu übergehen und die Oper am berühmten Teatro San Carlo aufzuführen, schrieb Donizetti seine Lucrezia um, änderte alle Namen in der Oper, stellte Nummern um, versetzte die Geschichte in eine andere Zeit und in eine andere Umgebung und komponierte streckenweise einen ganz neuen 3. Akt.

Noch vor der geplanten Uraufführung von Dalinda  im Jahr 1838 kam die Zensurbehörde dahinter, dass es sich bei dieser neuen Oper um eine Art „versteckte“ Lucrezia handelt, und verbot auch dieses neue Werk sofort. Dalinda verschwand somit unaufgeführt und galt bis vor kurzem als verschollen. Vor wenigen Jahren wurde die Partitur in einer Bibliothek in Neapel wieder entdeckt. Die italienische Musikwissenschaftlerin Eleonora Di Cintio hat die Opern für Ricordi ediert.  
 
Opera Co-pro Ltd., mit denen die Berliner Operngruppe ko-produziert, hat vom RICORDI Verlag für ihre Mitglieder die Rechte für die internationale „Uraufführungs-Tour“ erhalten und ein kreatives Team um die italienische Regisseurin Giulia Randazzo engagiert, die ein kompatibles Konzept für verschiedene Formate entwickelt haben, auch für ein semiszenisches Format wie das der Berliner Operngruppe.

Dalinda wird nach ihrer Uraufführung in Berlin an zahlreiche andere Opernhäuser um die Welt gehen , u.a. nach Rom, New York und London.

Die Uraufführung im Konzerthaus wird daher ein historisches Ereignis.“

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Liebe in Zeiten des Hasses: Zur Handlung von Donizettis Dalinda

 Dalinda  Kommentare deaktiviert für Liebe in Zeiten des Hasses: Zur Handlung von Donizettis Dalinda
Mai 082023
 

Qual tradimento! Ove siam noi venuti?“, „Was für ein Verrat, wo sind wir hier hingelangt?“ so fragen wir singend im Chor, so singen wir fragend als abendländische Ritter aus dem fernen Westen in der uralten, mächtig und schroff über der Wüste Irans aufragenden Felsenfestung von Alamut! Fragen genug, um weiter auszuholen! Wo sind wir? Was wird hier eigentlich gespielt in dieser geheimnisumwobenen Oper Dalinda?

Nun, zu Beginn der Oper feiern wir ein Volksfest in den prachtvollen Gärten und üppig bewässerten Parks der Stadt Emessa, die auf syrisch-arabisch Homs heißt; muslimische Syrer, sephardische Juden, christliche Armenier beider Geschlechter ergehen sich in munterem Geplauder, blicken in Basare hinein, stimmen Jubelrufe an! Hier ist des Volkes wahrer Himmel, vergleichbar einem Osterspaziergang, nach einem bahnbrechenden Friedensschluss ist die multikulturelle, multireligiöse Gesellschaft im syrischen Homs Wirklichkeit geworden! Hinter die Massaker, die infolge der Invasion der abendländischen Franji an den verschiedensten jüdischen, islamischen und christlichen Gruppen vor und während der Eroberung Jerusalems 1099 verübt wurden, ist endlich ein Schlussstrich gezogen.

Die Handlung spielt einige Jahre nach der Rückeroberung Jerusalems, wir stehen also in der Zeit vor dem oder während des dritten Kreuzzuges.

Auftreten in ausgelassenem Frohsinn Garniero, Ubaldo, Ridolfo, Guglielmo, abendländische Milizionäre, berittene Kämpfer, ihnen beigesellt ist Corboga, der die Gewandung eines abendländischen Trovatore, eines Soldatenanwerbers trägt, aber in Wahrheit ein Dai, also ein Hofbeamter und religiöser Gesandter des Alten vom Berge ist und ein doppeltes Spiel spielt. Zu ihnen stößt Ildemaro, ein cavaliere di ventura, also ein berittener Kämpfer ohne klare Loyalität, offensichtlich ungeklärter Abstammung, der im Laufe seiner kriegerischen Karriere verschiedenen Herren dienen darf.

Corboga verkündet nun aus dem fernen iranischen Alamut eine beunruhigende Nachricht: Dort ist Dalinda eingetroffen. Dalinda! Ein Schauder durchfährt die Gebeine aller zuhörenden Männer: Der Name dieser Frau löst in ihnen Entsetzen aus, wütender Hass bricht mit Urgewalt aus ihnen heraus:

„Chi le sue colpe intendere, e non odiar la può?

„Wer kann ihre Untaten vernehmen und sie nicht hassen?“

In Dalinda betritt der Verkörperung des Bösen schlechthin, der Gegenstand tiefsitzenden Hasses die Bühne. Es wird spannend! Jetzt kommt das gewaltige Geschehen in Gang. Die pazifistische Grundstimmung der Anfangsszene ist dahin. Ildemaro will nichts von Dalinda hören und legt sich erst einmal aufs Ohr.

Während Ildemaro müde einschlummert, nimmt das Unheil nimmt seinen Lauf, in Gang gesetzt durch eine Frau: DALINDA!

Quelle:
– Gaetano Donizetti: DALINDA. Dramma in tre atti. Napoli 1838 [da Lucrezia Borgia: Melodramma in un prologo e due atti di Felice Romani]. Riduzione per canto e pianoforte condotta sull’edizione critica della partitura a cura di Eleonora Di Cintio. Ricordi, Milano 2022

Bild:

Starres Entsetzen – nackter Schauder lässt diesem Mann die Gesichtszüge einfrieren, schon seit Jahrhunderten! Die schroff über der Elbe aufragende Festung Königstein, Aufnahme vom 30.04.2023

Erfahre mehr:

URAUFFÜHRUNG: Gaetano Donizetti – DALINDA

Uraufführung am 14. Mai 2023 um 19.00 im Konzerthaus Berlin (semiszenisch)
Dramma in tre atti, Napoli 1838
(da Felice Romani: Lucrezia Borgia, melodramma in un prologo e due atti)
Kritische RICORDI-Edition von Eleonora Di Cintio

Lidia Fridman, Dalinda; Yajie Zhang, Ugo d´Asti; Luciano Ganci, Ildemaro; Paolo Bordogna, Acmet; André Moreno García, Elmelik; David Ostrek, Corboga; Kangyoon Shine Lee, Garniero; Fermin Basterra, Guglielmo; Egor Sergeev, Ridolfo; Kento Uchiyama, Ubaldo

Chor und Orchester der Berliner Operngruppe
Berliner Operngruppe
Felix Krieger, Dirigent
Giulia Randazzo, szenische Einrichtung
Steffen Schubert, Choreinstudierung

Tickets: Programm – Konzerthaus Berlin


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Wer sind eigentlich die „Franken“ in Donizettis Dalinda?

 Dalinda, Der Westen, Latein  Kommentare deaktiviert für Wer sind eigentlich die „Franken“ in Donizettis Dalinda?
Apr. 292023
 

Zufällig habe ich die Ehre, neben einem echten Franken im Chor der Cavalieri Franchi, der „fränkischen Ritter“ zu singen. „Des basst fei scho!“, murmeln wir einander zu. Wir sind doch wacker, frank&frei, frisch – wie eben die Franken ganz allgemein sind – und als Beweis dafür brauche ich nur den Dreggsagg Michl Müller, die Putzfraa Ines Procter oder auch schlicht die Altneihauser Feierwehrkapell’n zu nennen, die wir Jahr um Jahr in Veitshöchsheim bewundern dürfen.

Doch enttäuscht muss ich feststellen, dass wir uns haben in die Irre führen lassen, denn ausgerechnet die italienische Wikipedia klärt uns auf, dass als „Franchi“, oder auch „Franji“ in der Zeit der Kreuzzüge alle Angehörigen des Westens bezeichnet wurden:

„Nel Medio Oriente, in particolare in Terra Santa, ma anche in Grecia, dopo la Prima crociata tutti gli occidentali venivano indicati come „Franchi“ (Franji), indipendentemente dalla nazione d’origine, per via del massiccio numero e dell’importanza dei capi francesi (come Raimondo di TolosaStefano di Blois e Baldovino) che vi parteciparono.“

https://it.wikipedia.org/wiki/Franchi

Als Cavalieri Franchi sind wir also schlicht Kämpfer des lateinischen Westens, Vertreter der zügellos ins Land einfallenden Invasionsheere, die unter den Einheimischen im Nahen und Mittleren Osten Angst und Schrecken verbreiteten; und in genau diese Zeit der ersten Welle der sogenannten Kreuzzüge (von 1096 bis 1291) werden wir durch die Oper Dalinda hineinversetzt! Wir werden unvermutet Teil jener weltgeschichtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem Osten, die bis zum heutigen Tag auf der politischen Bühne, in den Köpfen und Herzen der Menschen inszeniert wird.

Hinweis:

14. Mai 2023, 19 Uhr: Welturaufführung: Dalinda. Oper von Gaetano Donizetti. Dramma in tre atti, Napoli 1838 (da Felice Romani, Lucrezia Borgia, melodramma in un prologo e due atti). Kritische RICORDI-Edition von Eleonora Di Cintio. Berliner Operngruppe. Leitung: Felix Krieger. FABBRICA-Opera di Roma: Giulia Randazzo (szenische Einrichtung) / Gaia Tagliabue (Kostüme) / Giulia Belle (Ausstattung)‍. In Kooperation mit Opera Co-Pro. Konzerthaus Berlin, Gendarmenmarkt 2, 10117 Berlin

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Dalinda – die rätselhafte Schwester Lucrezias

 Dalinda  Kommentare deaktiviert für Dalinda – die rätselhafte Schwester Lucrezias
Apr. 222023
 

Die Chorproben für den öffentlichen Einzug Dalindas, einer verschollen geglaubten Schwester der Lucrezia, sind in vollem Gange! Mit größter Sorgfalt feilen wir an den erregten Zwischenrufen des Chores, der die aufgepeitschten Volksmassen zur Zeit des dritten Kreuzzuges mit unerbittlicher Schärfe verkörpert. Mal himmelhoch jauchzend, mal hämisch grinsend, mal friedensselig jubilierend, stets ein Spielball der Leidenschaften, – das sind wir — Männer eben! Und doch – ungelöste Rätsel bleiben! Vor allem der riesige Unterschied der Lebenszeiträume – trotz desselben Vaters! Die beiden sind Schwestern, haben denselben Vater, Gaetano Donizetti. Dalinda lebte, wirkte, litt Entsetzliches und starb als Ehefrau des ismaelitischen Herrschers Achmet zur Zeit des dritten Kreuzzuges.

Lucrezia, eine stolze Fürstin aus dem Geschlecht der Borgia, lebte von 1480-1519, tat es den mächtigen Männern nach, übertrumpfte die meisten Männer und starb hochgeehrt als Herzogin von Ferrara. Und beide Schwestern wurden immer wieder post mortem von der Öffentlichkeit ferngehalten – oder hemmungslos mit Lügen der Männer verleumdet.

Was ist Wahrheit bei den beiden Schwestern? Diese bohrende Frage wird hoffentlich am 14. Mai 2023 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt einer Antwort nähergebracht.

Hinweis:

14. Mai 2023, 19 Uhr: Welturaufführung: Dalinda. Oper von Gaetano Donizetti. Dramma in tre atti, Napoli 1838 (da Felice Romani, Lucrezia Borgia, melodramma in un prologo e due atti). Kritische RICORDI Edition von Eleonora Di CintioBerliner Operngruppe. Leitung: Felix Krieger. FABBRICA-Opera di Roma: Giulia Randazzo (szenische Einrichtung) / Gaia Tagliabie (Kostüme) / Giulia Belle (Ausstattung)‍. In Kooperation mit Opera Co-Pro. Konzerthaus Berlin, Gendarmenmarkt 2, 10117 Berlin

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In der Morgenröte gewappnet mit glühender Geduld

 Ostern  Kommentare deaktiviert für In der Morgenröte gewappnet mit glühender Geduld
Apr. 102023
 

In der Morgenröte gewappnet
mit glühender Geduld
AUFERSTANDEN
werden wir in die strahlenden
Städte einziehen

Mit diesen Versen Pablo Nerudas entließen sie mich, den in der Grabeskälte der ungeheizten Augsburger Moritzkirche bis auf die Knochen Fröstelnden, aus der morgendlichen Ostermette hinaus in die Stadt. Heimschreitend federnden Schritts sah ich schon von weitem an der Haltestelle Pilgerhaus eine kleine Gruppe raufender, kämpfender, schimpfender, fast tänzelnd einander in den Armen liegend ringender Jugendlicher; „siehe da, der alte Adam ist immer noch da, ecce homo, hi-ne Adam!“, dacht es in mir da! Auch am frühesten Ostermorgen brach also sofort wieder Gewalt aus! Ich trat tänzelnden, federnden, kampfbereiten Schrittes näher, gewappnet mit der Bereitschaft mich mit eigenen Armes Kraft zu verteidigen. Da scholl er mir, dem Vorbeischreitenden, schon aus beiden Mündern entgegen, „Servus“, der alte Augsburger Friedens- und Freundesgruß – und ich erwiderte gleichfalls: „Servus – und Frohe Ostern!“ „Auch Frohe Ostern!“, echote es aus beiden Mündern der freundlich lächelnden Männer.

Da erkannte ich meinen Irrtum und schlug mir lachend an die Stirn:

Nicht tänzelnd gerauft, sondern lachend getanzt,
Nicht geschumpfen, nicht gesumpft, nicht gerungen,
sondern gebrummt und gesummt und gesungen,
haben am Pilgerhaus die Augsburger Jungen.


Servus Ostern! Das fängt ja gut an!

Bild: Ein Blick geworfen auf die Fluten des Lechs vom Hochablass flussaufwärts. Aufnahme vom 09.04.2023

 Posted by at 09:22

Angelehnt an das Gitter der Zeiten: Bert Brecht

 Augsburg, Bert Brecht, Eigene Gedichte, Planwirtschaft  Kommentare deaktiviert für Angelehnt an das Gitter der Zeiten: Bert Brecht
Apr. 082023
 

Meiner Vaterstadt Dichter, wie find ich ihn doch?
Angelehnt ans lebensrettende Gitter
nimmt er die Gestalt eines weiß überstrichenen Tandems an.
Gemütlich lächelnd wacht er vor dem Haus,
das seinen Namen trägt.
Zwischen den Zahnrädern, nein zwischen den Zähnen
höre ich ihn pfeifen –
„Ja macht nur einen Plan, und macht noch einen Plan…“
Dann wendet er sich ab von dem Fremden,
der seine Vaterstadt mit ihm teilt.
Es ist ja Karsamstag. Tag der Grabesruhe.
Das war seine Erklärung zum heutigen Tag.

Fremd geworden, steige ich den altvertrauten Pilgerhausberg hinan.
Es regnet nieselnd, lächelnd im Regen
blickt mir der Dichter hinterher
angelehnt an das ihn haltende Gitter der Zeit.

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Finizio – eine Hütte für Kugelmenschen

 Antike, Eigene Gedichte, Frau und Mann, Mären, Platon, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Finizio – eine Hütte für Kugelmenschen
Apr. 042023
 

Eine Hütte für Kugelmenschen entdeckte ich vor zwei Tagen im Cheruskerpark!

Schön aufgeschlichtet aus sauber behauenen Planken
Von hellem Holz erhebt sich nun ein kleines Büdchen
Mit freundlichem Schornstein mitten auf kahlgetret’ner Wiese.
Wer mag darin wohnen, für wen ist das Hüttchen bestimmt?
Ein Blick auf die hell leuchtende Tür gibt Auskunft: die Kugelmenschen
Sind’s, von denen schon Aristophanes in Platons Symposium erzählt.
Denn ursprünglich gab es ja nicht die Unterscheidung in Mann und Frau,
Sondern die ersten Menschen besaßen Kugelform, bewegten sich
In alle Richtungen, rollten umher und gaben sich allerlei Freuden hin.
Drei Gattungen gab es, das männliche und das weibliche und auch das
Gemischtgeschlechtliche. Und so schillerte eine bunte Palette an
Unterschiedlichsten Mengungen. Keiner war eindeutig festzulegen.
Selige Vorzeit, als die schroffe Scheidung in männlich und weiblich
Noch nicht eingeführt war! An diesen Urzustand knüpft der heutige
Geschlechterdiskurs erneut an. Und so mag denn
In diesem Hüttchen zugleich Anfang und Ende der Menschheitsgeschichte
Verkörpert sein. Inizio heißt ja auf italienisch Anfang. Fine dagegen
Heißt Ende, und so ist auf wundersame Weise Anfang und Ende
In diesem kleinen Büdchen symbolisch vereinigt, und der Name des Büdchens
Lautet: Finizio. Trefflich gesagt, zu finden im Cheruskerpark zu Berlin, Schöneberg.


Aufnahme vom 2. April 2023

 Posted by at 17:40

Schön ist deiner Erfindung Pracht

 Angst, Apokalypse, Klimawandel, Natur, Natur-Park Schöneberger Südgelände  Kommentare deaktiviert für Schön ist deiner Erfindung Pracht
Apr. 022023
 

Sandstrohblume, Habichtskraut, Eberesche, Hartriegel, Rispenflockenblume, Rainfarn, Nachtkerze, Weinrosen – diese Pflanzenarten und noch viele mehr, nämlich über 350 Pflanzenarten sind hier im Schöneberger Südgelände nachgewiesen!

Friedrich Gottlieb Klopstock fasst die staunenswerte Fülle, die die natürliche Umwelt uns bietet, mit folgenden Worten:

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
Auf die Fluhren zerstreut ; schöner ein froh Gesichte,
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmahl denkt.

Die Natur – so erlebt der Dichter dies 1750 bei seiner Fahrt auf der Zürcher See – ist eine prachtvolle Erfinderin, deren Einfallsreichtum uns immer wieder in Staunen versetzt. Nicht der Mensch hat die Natur geschaffen, sie ist vor ihm da und wird ihn auch überdauern. Die Natur ist zunächst einmal nicht unser Gegenstand, sondern das uns Ergreifende, uns Entzückende.

Von der schimmernden See weinvollen Ufer her,
Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf,
Komm im röthenden Strale,
Auf den Flügeln der Abendluft ;

Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter seyn,
Süße Freude, wie du ! gleich dem aufwallenden
Vollen Jauchzen des Jüngelings!
Sanft, der fühlenden Sch — inn gleich.

Während für das heutige besorgende, verwaltende Denken und Rechnen die Natur wie auch das Klima im wesentlichen nur noch als Lebensgrundlage des Menschen, als Menschendienliches, als eine Art gewaltige berechenbare Maschine erscheint, die es am Laufen zu halten gilt, gerät der Dichter außer sich, – er denkt über das reine Menschsein hinaus, er denkt – nach. Er weiß, dass er über die Natur (wie auch über das Klima) keine Gewalt hat.

Dies, so meine ich, sollten wir heute ebenfalls beherzigen.

Und wir Menschen – dürfen das mit Herz und Sinn, mit Verstand und Gefühl genießen. Für die durch die Medien maßlos hochgepeitschte, apokalyptische Angst vor dem vielbeschworenen Untergang der Welt, wie wir sie kennen, besteht, so meine ich, kein Anlass, nicht der geringste Anlass!

Der Natur-Park Südgelände ist ein prachtvolles Zeugnis für den Erfindungsreichtum der Natur – hier hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte fast ohne Zutun des Menschen auf einer verlassenen Eisenbahnbrache eine Lebensgemeinschaft herausgebildet, die artenreich, widerständig, lebensstrotzend, klimawandelresistent und wandelbar ist.

Gedruckte Erstfassung hier zitiert nach:
1750. Friedrich Gottlieb Klopstock: Zweyte Ode von der Fahrt auf der Zürcher See. In: Gedichte 1700-1770. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Jürgen Stenzel. [=Epochen der deutschen Lyrik in 10 Bänden. Herausgegeben von Walther Killy. Band 5], 2. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977, S. 243-245, hier: S. 243

Bild: Ein Blick in den Natur-Park Schöneberger Südgelände am heutigen 2. April 2023

 Posted by at 19:22

Kann das Volk überhaupt verstehen, was es gefragt wird und worüber es morgen im „Volksentscheid“ entscheiden soll?

 Angst, Apokalypse, Klimawandel, Religionen, Volk  Kommentare deaktiviert für Kann das Volk überhaupt verstehen, was es gefragt wird und worüber es morgen im „Volksentscheid“ entscheiden soll?
März 252023
 

Morgen steht bei uns in Berlin der „Volksentscheid über einen Gesetzentwurf zur Änderung des Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetzes“ an. Selbstverständlich werde ich hingehen, selbstverständlich werde ich eine Entscheidung treffen. Doch welche soll ich treffen?

Hierzu vertiefe ich mich in die 48 Seiten starke engbedruckte Broschüre, die der Landesabstimmungsleiter Berlin allen etwa 2,5 Millionen Wahlberechtigten zugesandt hat. Zusammen sind dies etwa 120 Millionen Seiten engbedruckten Papiers, die dem Volk zur Entscheidungsfindung verhelfen sollen.

Doch werden die 2,5 Millionen Wahlberechtigten auch verstehen, was sie gefragt werden? Hierzu lohnt sich ein Blick auf die Sprache dieser Entscheidungshilfe.

Mein Befund: Die Sprache des Heftes ist eine kunstvolle, alle Schichten der Seele ansprechende Mischung aus

a) angsteinflößenden Pauschalaussagen über die unmittelbar drohende Zerstörung, die Vernichtung, den bevorstehenden Untergang der Lebensgrundlagen, die Seuchen, die Schädigungen, die Verheerungen, die von uns zu verantwortenden menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, unsere koloniale, rassistische Vergangenheit, die Ausbeutung der Frauen, Kinder und ethnischen Minderheiten, die der „globale Norden“ (also wir) uns haben zuschulden kommen lassen und auch weiterhin verüben (man lese hierzu beispielhaft etwa Seite 16 des Pamphlets),

b) einem flickenteppichartigen Sammelsurium unterschiedlichster z.T. wissenschaftlicher, z.T. pseudowissenschaftlicher, auf subjektiven Einschätzungen und höchst zweifelhaften Computersimulationen beruhender Behauptungen über die fernere Zukunft einerseits und interessengeleiteter politischer Quellen andererseits, die wohl mit dem Ziel aneinandergefügt werden, das akademisch nicht vorgebildete Volk zu verwirren und ohnmächtig zu stimmen. Wichtige Belege werden zudem nur in englischer Sprache nachgewiesen – wie viele der 2,5 Millionen Menschen im Berliner Volk sind imstande, diese englischen Quellen auf Stichhaltigkeit nachzuprüfen?

Eine hammerartig eingebleute Angst vor dem Weltuntergang, Einschüchterung des Volkes, Demütigung der Nichtakademiker im Volk, bewusst eingejagte zermürbende Schuldgefühle, eine blasenartig verkapselte, pseudointellektuelle, pseudowissenschaftliche Sprache zeichnen diese ins Berliner Volk gefeuerten 120 Millionen Seiten Papier aus – es ist ein Artilleriebeschuss mit generell weder widerlegbaren noch nachprüfbaren Behauptungen, ein Trommelfeuer, ein dumpfes Dröhnen am Horizont, das einem jede Handlungszuversicht nimmt.

Jede einzelne Aussage in dem Heftchen lässt sich bezweifeln und muss bezweifelt werden!

Ich werde deshalb morgen mit NEIN stimmen.

Bibliografischer Quellenhinweis: Amtliche Mitteilung zum Volksentscheid über einen Gesetzentwurf zur Änderung des Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetzes am 26. März 2023. Herausgeber: Der Landesabstimmungsleiter Berlin, Klosterstraße 47, 10179 Berlin

 Posted by at 19:10

Tatenarm und gedankenvoll – Oblomow im Renaissance-Theater

 Krieg und Frieden, Russisches, Theater, Ukraine  Kommentare deaktiviert für Tatenarm und gedankenvoll – Oblomow im Renaissance-Theater
März 052023
 

„Tatenarm und gedankenvoll!“ Großer Theaterabend gestern im Renaissancethater! Der Oblomow in der meisterlichen Adaption von Volodia Serre und André Markowicz, das ist richtig gutes Sprechtheater, hinreißend auf die Bretter gebracht, wir atmeten im Publikum lachend, weinend, ergriffen mit!

Auch die im Parkett sitzenden Russen im Publikum bestätigten mir, dass sie „ihren“ Oblomow in dieser französisch-deutschen Gemeinschaftsleistung lächelnd und lachend wiedererkannten. Ein großer Auftritt für die große, die vielgerühmte russische Kultur!

Ja damals – damals las ganz Europa den Oblomow, fand sich in ihm wieder, erkannte in diesem Nichtstun eine große Gefahr und die Signatur der Zeit.

Und wir hatten anschließend mit den zufällig anwesenden Russen im Publikum Gelegenheit, uns aus erster Hand über die verheerende Vernichtungsorgie auf den neuesten Stand zu bringen, die nicht erst seit 24.02.2022, sondern schon seit 2014 von russischem Boden aus über das westlich angrenzende Nachbarland Ukraine hereinbricht und wie eine krebsartige Krankheit allmählich auch große Teile der russischen Gesellschaft zerfrisst und zerstört.

Wo findet sich Heilung? Sicher nicht im Oblomowismus! Sicher nicht im Nichtstun!

 Posted by at 19:52

„Wenn die Erde geschüttelt wird in ihrem Beben…“ Die „Last Generation“ des 7. Jahrhunderts spricht

 Angst, Antike, Apokalypse, C.H.Beck, Koran, Singen, Theater  Kommentare deaktiviert für „Wenn die Erde geschüttelt wird in ihrem Beben…“ Die „Last Generation“ des 7. Jahrhunderts spricht
Feb. 152023
 
„…Und siehe, dunkler Rauch wird verhüllen die Sonne, verlassen werden verrotten die letzten Gerätschaften der verschwundenen Menschheit.“ Ist dies schon das Weltenende? Aufnahme vom 25.12.2022, Natur-Park Schöneberger Südgelände

„Wenn die Erde geschüttelt wird in ihrem Beben …“ Ich lese summend, klingend, eben rezitierend wie ich auch die Bibel der Juden und die der Christen lese, die Sure 99 im Koran – in der sehr eindrücklichen Übersetzung von Hartmut Bobzin. Diese mekkanischen Suren sind ja „beherrscht von der Thematik des nahenden Weltenendes“, wie dies Bobzin treffend ausdrückt.

Wie leicht schlägt sich da der Verständnisbogen zur heutigen Zeit!

Erdbeben, Wirbelstürme, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen galten damals wie heute als ein Anzeichen des Weltenendes! Ähnlich wie die Zeit Jesu von Nazareth, ähnlich wie die Zeit Martin Luthers war das 7. Jahrhundert ganz offenkundig eine Epoche der „Naherwartung“. So waren bekanntlich auch Martin Luther (gegen Ende seines Lebens) und Jesus von Nazareth selbst – wie die Last Generation unserer Zeit, die sich angsterfüllt an Autobahnen festklebt – zutiefst erfasst und durchzittert von der Erwartung des in Bälde bevorstehenden Untergangs dieser Welt „wie wir sie kennen“.

Ich meine: Die „Letzte Generation“ des 7. Jahrhunderts spricht auch heute noch zu uns. Ähnlich wie die „Last Generation“ unserer Tage waren damals viele Menschen überzeugt, dass es hienieden keine Zukunft mehr geben würde – durch unsere Schuld, durch unsere Schuld, durch unsre übergroße Schuld.

Ich werde am 17. Februar mit großer Freude erneut das Korano-Drama, diesmal den 2. Teil, besuchen. Das Leben hienieden, das Erkennen, das Erfahren, Staunen, Summen und Singen – es geht ja weiter!

Lesehinweis:

Der Koran. Aus dem Arabischen neu übertragen von Hartmut Bobzin unter Mitarbeit von Katharina Bobzin. C. H. Beck Verlag, 4. Aufl., München 2022, Sure 99, sowie auch bsd. S. 602 im Anhang

Veranstaltungshinweis:

Artistic Enactment of Quran. Eine künstlerische Aufarbeitung der Koransure 99 zum Mitmachen und Miterleben. Katholische Akademie in Berlin, Hannoversche Straße 5, 10115 Berlin, 17.02.2023, 14.00-19.00 Uhr

Artistic Enactment of Quran – Katholische Akademie in Berlin e.V. (katholische-akademie-berlin.de)

 Posted by at 22:22

Und täglich grüßt das Murmeln hier: „Mehr Geld, mehr Personal, mehr Zentren, mehr Staat, mehr Sozialarbeit, mehr Betreuung“

 Jugendgewalt  Kommentare deaktiviert für Und täglich grüßt das Murmeln hier: „Mehr Geld, mehr Personal, mehr Zentren, mehr Staat, mehr Sozialarbeit, mehr Betreuung“
Jan. 122023
 
Max Liebermann: Truppeneinzug auf dem Pariser Platz. 1918. Schwarze Kreide über Vorzeichnung auf Papier (vélin). Aufnahme vom 15.12.2022, Ausstellung „Liebermann zeichnet“ im Max Liebermann Haus, Pariser Platz, Berlin

Nach Silvester-Krawallen lädt Giffey zum Gipfel gegen Jugendgewalt | rbb24

Bekannte, sehr volkstümliche Melodien erklingen heute, zum Auftakt des durch Bürgermeisterin Giffey für heute einberufenen „Gipfels gegen Jugendgewalt“.

Die Begleitmusiken ändern sich im Laufe der Jahrzehnte, die Probleme bleiben die gleichen, gefordert wird seit Jahrzehnten mit unterschiedlichen Etiketten dasselbe:

Ein „Jugendstärkungspaket“ wird da von den Grünen verlangt, dann wiederum „bessere finanzielle und personelle Ausstattung“, „Familienberatungsstellen, Familienzentren, Schulsozialarbeiter:innen und das Quartiersmanagement (QM)“; der Katalog wird seit Jahrzehnten stetig um neue Forderungen an staatliches Handeln erweitert, lediglich das modische Genderisieren war damals noch nicht so im Schwange wie heute.

Das Vertrauen in das Geld, in die Heilkräfte des fürsorglichen, mittelverteilenden Staates ist offenbar ungebrochen. Aufschlussreich ist für mich der Blick in eigene Aufzeichnungen, die ich nach einem Symposium zur Jugendgewalt im Deutschen Bundestag bereits am 22. Januar 2008 niederschrieb:

Hoffnungsträger Bundestag – Schöneberger Blog (johanneshampel-online.de)

Zu den Referent:innen gehörten damals bei jenem Symposium im Jahr 2008 Kirsten Heisig und Gilles Duhem. Lang ist’s her: Franziska Giffey war damals laut Wikipedia noch nicht Bezirksstadträtin, sondern Kassiererin im Vorstand der Neuköllner SPD. Die Analysen zu den Ursachen der Jugendgewalt sind seit damals kaum verändert, die Karawane der Symposien, Konferenzen, Gipfeltreffen etc. pp. zieht eine Runde weiter. So vergeht wenigstens die Zeit.

 Posted by at 09:53