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„… hier wird niemand überwältigt“: Beethovens Streichquartett op. 18, Nr. 1

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Apr. 152013
 

Im Anschluss an den gestrigen Beitrag entspann sich folgendes Gespräch mit einem Leser:

„Also können Sie, wenn ich Sie recht verstanden habe,  mit dem menschheitsumgreifenden Pathos eines Beethoven, eines Friedrich Schiller nichts anfangen?“

„In der Tat bleibt ein gewisser Grundverdacht bestehen, sobald ich den Schlusschor aus Beethovens 9. Symphonie höre. Nicht umsonst hat ja die Europäische Union genau diese Melodie als ihre Hymne gewählt. Eine Hymne ohne Text! Etwas Herrisches, Hochfahrendes haftet der ganzen 9. Symphonie in d-moll an, insofern vergleichbar der von oben herab verfügten Einführung der Gemeinschaftswährung. Wer alle liebt, liebt im Grunde keinen, vor allem dann, wenn er diesen Glauben an die Liebe zu allen mit größtem Aufwand bekennt.  Niemand kann heute in Worten angeben, was der Sinn der Europäischen Union ist.“

„Sind Sie ein Euro-Skeptiker? Also verwerfen Sie Beethoven?“

„Nein, ganz im Gegenteil! Ich liebe ihn sehr, so wie vielleicht nur 5 oder 6 andere Komponisten. Ich empfinde großes Mitleiden mit ihm, wenn ich die 9. Symphonie höre. Allerdings ziehe ich derzeit bei weitem einige seiner Streichquartette den Symphonien vor…“

„Welche Streichquartette meinen Sie?“

„Ich meine insbesondere die Streichquartette op. 18, hier wiederum das 1. Quartett in F-dur, und in diesem wiederum den 2. Satz, das Adagio affettuoso ed appassionato.“

Wir hören eine Klangprobe in der Darbietung durch das Artemis Quartett, dem wir damals bereits in Fleisch und Blut im Kammermusiksaal der Philharmonie lauschen durften, worüber wir am 28.01.2009 berichteten:

Ludwig van Beethoven: Sämtliche Streichquartette (Artemis Quartett) (7 CDs) – jpc.

Vierklang. Artemis. Anfang. Eine Suche

„Hören Sie nicht den ruhig und unablässig pulsierenden, den gleichschwebenden d-moll-Herzschlag in den Begleitstimmen? Hören Sie, wie sich hier in Violine I ab Takt 2 aus dem pianissimo heraus ein Gesang an die Eine erhebt, das Beschwören der einzigen und Einen, der das „edelste Herz“ sich verschreibt? Alle vier Stimmen treten frei zusammen, alle Stimmen sind durchhörbar, hier wird niemand überwältigt und erschlagen!“

„Also hören Sie in diesem Quartettsatz die Stimme des freien Menschen, der in voller Freiheit liebt und zugrunde geht?“

„So ist es. Hier gelangt der Einzelne zu sich und zu seinem Anrennen gegen die Begrenztheit. Hier findet er zu dem einen, zu der anderen im — Tode. Man könnte an die Zeilen Romeos für die gestorbene Julia denken:

O my love! my wife!
Death, that hath suck’d the honey of thy breath;
Hath no power yet upon thy beauty:
Thou art not conquer’d; beauty’s ensign yet
Is crimson in thy lips and in thy cheeks,
And death’s pale flag is not advanced there.

„Shakespeares Gruftszene frei zitiert! Sie beeindrucken mich! Was würde wohl Beethoven zu Ihrer Deutung sagen?“

„Ich bin zuversichtlich, dass er ihr zustimmen würde. Er würde sich möglicherweise verstanden fühlen – sowohl in meinem tiefen Grundvorbehalt gegenüber der eigentlich menschen-unmöglichen 9. Symphonie wie auch im Lobpreis seiner frühen Streichquartette opus 18.“

„Was raten Sie angesichts der Krise?“

„Hören wir die freien Stimmen! Mehr Streichquartette opus 18 – weniger 9. Symphonie!“

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Liebe zur Menschheit oder Liebe zum Einzelnen?

 Fernstenliebe, Friedrich Schiller, Goethe, Liebe, Philosophie, Psychoanalyse  Kommentare deaktiviert für Liebe zur Menschheit oder Liebe zum Einzelnen?
Apr. 142013
 

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Das zutiefst Ungerechte der Liebe zum Einzelnen war den Philosophen oftmals ein Dorn im Auge. Montesquieu, so sahen wir vor wenigen Tagen, erwartet von der wahrhaft philosophischen Tugend eine gleichmäßig abstrahlende Hinwendung und Hilfeleistung. Tugendhafte Nächstenliebe, die Auswahl und  Bevorzugung im Erbarmen liefert, ist laut Montesquieu nicht vollkommen tugendhaft zu nennen!

Der große Dichter dieser allgemeinen, der menschheitsumfassenden Liebe ist Friedrich Schiller. Seine Hymne An die Freude – von Beethoven im Schlusschor der 9. Symphonie vertont – ist eine unüberbietbar pathetische Anrufung des universalen Bandes der Sympathie, das alle Wesen zusammenschlingt.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!

Einen deutlich begrenzteren, einen anderen Ton schlug Goethe in seinen Urworten. orphisch an.Er scheint hier direkt auf Schiller zu antworten:

Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
Doch widmet sich das edelste dem Einen.

Das ungesteuert Planlose, das letztlich Unverhoffte und Unverdiente der Liebe fasst Goethe sehr treffend. Liebe ist nicht etwas, was wir verdienen, wie das Ich Freuds es verlangt, sondern etwas, was uns entgegenkommt, etwas, was sich auf uns stürzt. Wenn sie gelingt, gar erwidert wird, sprechen wir von Gnade, wenn sie unerwidert bleibt, von Entbehrung und Leiden.

Sehr schön auch, wie Goethe hier das Androgyne, die Geschlechter Überspringende der Liebe fasst – SIE, denn wir sagen DIE Liebe. Und doch ER, denn es heißt DER Eros. In dieser Doppeltheit herrscht ein höheres Vorwaltendes, das die tiefe Vereinzelung des Menschen zu überwinden verheißt.

Ερως, Liebe

Die bleibt nicht aus! – Er stürzt vom Himmel nieder,
Wohin er sich aus alter Öde schwang,
Um Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,
Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder,
Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.
Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
Doch widmet sich das edelste dem Einen.

via Goethe, Johann Wolfgang, Theoretische Schriften, »Urworte. Orphisch« – Zeno.org.

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Apr. 132013
 

2013-03-25 14.01.41

„Rathe ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!

Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und Künftigen; höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen und Gespenstern.“

Also sang und summte einst Nietzsches Zarathustra. Ein klarer, schlagender Gegenentwurf zum Gebot der mosaischen Nächstenliebe, welches mehr oder minder abgewandelt dann auch im Christentum und im Islam weitergeführt wird!

Szenenwechsel!

„Wir steigen ALLE am Bahnhof Blissestraße aus! Jeder kümmert sich um sich selbst und seinen Nebenmann!“ So hörte ich mit lauter, angestrengter Stimme eine Lehrerin vor wenigen Wochen in der U7 zwischen Kleistpark und Berliner Straße ansagen. Die U7 war auch sehr voll, wie sonst hätte man sichern können, dass alle Schüler rechtzeitig ausstiegen? Mich brachte diese Ansage zum Nachdenken.

Jeder kümmert sich um sich selbst und seinen zufälligen Nebenmann!“ Diese Ansage der Berliner Grundschullehrerin, deren Zeuge ich zufällig wurde, scheint mir eine vollkommen alltagstaugliche Erklärung dessen, was zunächst und zumeist unter „Nächstenliebe“ gemeint ist. Die erste Hilfe, die der barmherzige Samariter leistet, ist nur ein mögliches Beispiel der Nächstenliebe. Nächstenliebe ist zunächst einmal etwas scheinbar Alltägliches, Triviales.

Die biblische Nächstenliebe ist im engeren Sinne keine „Liebe“ zu einem bestimmten einzelnen, sondern eine Grundhaltung der wechselseitigen Anteilnahme und Anerkennung, der wechselseitigen Solidarität und Fürsorge. Nächstenliebe ist kein Ding der Unmöglichkeit, sondern ein „leichtes Joch“ der Sorge für den Menschen und des Für-andere-Sorgens.

Von einer engeren persönlichen Beziehung zwischen dem Samariter und dem Verbrechensopfer ist bei Lukas keine Rede. Die Nächstenliebe beweist und bekräftigt sich in Handlungen, nicht in Bekenntnissen und nicht in Gefühlsausbrüchen.

Eine grandiose Verkennung, eine fulminante Missdeutung der biblischen Nächstenliebe liefert übrigens mein wirklich hochverehrter Sigmund Freud, den ich als einen der besten deutschen Schriftsteller und Geschichtenerzähler fast ebenso stark verehre und liebe wie den Autor des unsterblichen Romans „Josef und seine Brüder“.

Im Kapitel V seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ drückt Freud sein tiefes Befremden über die Forderung „Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst“ aus.

Warum sollen wird das? Was soll es uns helfen? Vor allem, wie bringen wir das zustande?“

So schüttelt Freud den Kopf. Das Gebot der Nächstenliebe erscheint ihm als etwas nahezu Übermenschliches, etwas der Menschennatur Zuwiderlaufendes, etwas im Grunde nicht Leistbares. Warum? „Wenn  ich einen anderen liebe, muß er es auf irgendeine Art verdienen.“

Freud nimmt Anstoß am Gebot der Nächstenliebe, weil er es missversteht. Er hält das Gebot für unerfüllbar. Warum? Er setzt die „Nächstenliebe“, also das Sich-Kümmern um den Nächsten, mit der exklusiv wählenden Liebe zwischen Erwachsenen oder mit der natürlich sich einstellenden Liebe zwischen Eltern und Kind, zwischen Verwandten gleich. Doch genau das ist meines Erachtens nicht gemeint.

Die biblische Nächstenliebe Jesu ist nicht wählerisch, nicht auf Verwandtschaft, Leidenschaft oder Zugehörigkeit begründet, sie erstreckt sich gleichermaßen auf Gut wie auf Böse, auf Fremde wie auf die „eigenen Leute“.

Eine Spielart der Nächstenliebe ist übrigens, so meine ich, die gleichschwebende Aufmerksamkeit des zuhörenden Psychologen, das bedingungslose Annehmen des Nächsten, der eben in diesem Fall der Patient oder Klient ist. Auch wird der Psychoanalytiker nicht davon ausgehen, dass der Klient sich die Zuwendung oder „Nächstenliebe“ des Analytikers verdienen müsse. Und ebenso wenig wird der Analytiker unterscheiden zwischen den „guten“ und „bösen“ Anteilen der Erzählung.

Drei Beispiel für Nächstenliebe haben sich unserem Auge dargeboten:

1) Die Hilfe des zufällig vorbeikommenden barmerzigen Samariters für das Opfer der Straßenräuber
2) Das gegenseitige Aufeinander-Achten der Grundschüler in der U7 beim Aussteigen in der Blissestraße
3) Das bedingungslose Zuhören des Therapeuten in der Gesprächstherapie

Der Nächstenliebe haftet also im Gegensatz zur leidenschaftlichen Liebe zu Einzelnen stets etwas Zufälliges an, sie wird ohne Vorbedingungen geleistet, sie bedeutet keine Selbstaufopferung, sie fordert keinerlei emotionale Vorleistung, die der Gebende nicht zu geben bereit ist.

Niemand muss um der Erreichung eines höheren Ideals willen im Namen der Nächstenliebe ein übergroßes Opfer bringen. Sie ist kein Ding der Unmöglichkeit.

Sie ist das „leichte Joch“, das zu tragen durchaus zumutbar ist.

Zitate:

Friedrich Nietzsche: „Von der Nächstenliebe“, in: Also sprach Zarathustra: Die Reden Zarathustras, hier zitiert nach Projekt Gutenberg online:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/3248/27

Sigmund Freud: „Das Unbehagen in der Kultur“, in: Sigmund Freud: Werkausgabe in zwei Bänden. Band 2: Anwendungen der Psychoanalyse. Herausgegeben und mit Kommentaren versehen von Anna Freud und Ilse Grubrich-Simitis. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1978, S. 367-424, hier v.a. S. 398-399

„Das leichte Joch“: Matthäus-Evangelium Kapitel 11, 30
„Gleichnis vom barmherzigen Samariter“: Lukas-Evangelium Kapitel 10, 25-37

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Wenn Blicke mehr als Worte sagen

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Apr. 122013
 

Gutes, gesammeltes Zuhören, ernstes Ringen um gemeinsame Einsicht, um das gute verbindende Wort bei Anne Will am 24.03.2013! Gesine Schwan, Jürgen Trittin, Edmund Stoiber, Nikolaus Blome und Anne Will lauschen im besten Sinne hellhörig, unverwandten Blicks mit beredten Mienen und buchstäblich offenen Ohrs und offenen Mundes den Ausführungen von Bernd Lucke. Es lohnt sich, diesen Mitschnitt der Talkshow mit stummem Ton anzusehen und sich in die Empfindungen der Lauschenden, der miteinander Redenden hineinzuversetzen!

Die weidlich erprobten Gesine Schwan, Jürgen Trittin, Anne Will, Nikolaus Blome, Edmund Stoiber scheinen in all ihren unwillkürlichen, auch vom geschicktesten Profi nicht steuerbaren, von der Kamera jedoch unbestechlich eingefangenen Gemütsäußerungen dem unerfahrenen Talkshow-Neuling Bernd Lucke zuzustimmen. Ihre Blicke besagen meines Erachtens eindeutig: „Bernd Lucke hat ja recht … “ Das ehrt alle!

Kuckt euch das erst einmal ohne Ton an.

Dank an alle Beteiligten, für Psychologen höchst sehenswert!

Alternative für Deutschland im Ersten – YouTube.

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„Nie wieder Krieg, nie wieder Deutschland“, oder: Die Deutschen sind an allem schuld

 Antideutsche Ideologie, Selbsthaß, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für „Nie wieder Krieg, nie wieder Deutschland“, oder: Die Deutschen sind an allem schuld
Apr. 122013
 

2013-04-07 10.55.18

Nie wieder Krieg – nie, nie, nie wieder Deutschland!“ Deutlich, unverkennbar und unwiderleglich war dies die zentrale, die dutzendfach skandierte Botschaft, mit der der amtierende Bundesverteidigungsminister vor 2 Tagen in der Humboldt-Universität am Reden gehindert wurde.

Gegenüber diesen etwa 2 Dutzend jungen deutschen Männern empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Denn sie bestätigen schlagend meine zentrale These, wonach sich mittlerweile in ganz Europa, vor allem aber in Deutschland bei den akademisch höhergebildeten Deutschen selbst, ab etwa 1980 eine Art stillschweigende negative Theologie des Bösen, das im Deutschen wohne, gebildet hat. Kernsatz dieser vulgären antideutschen Ideologie ist: „Die Deutschen sind allem schuld.“ Die Deutschen sind das Trägervolk des Bösen. Man muss also die Deutschen kleinhalten, verdünnen, säubern, reinigen, alles Böse im Deutschen ausmerzen, indem man die Deutschen immer erneut beschimpft, anklagt, in Haftung nimmt. Jeder Anlass dazu ist recht, vor allem natürlich die gegenwärtige EU-Krise.

„Sobald durch die Deutschen selbst alles Deutsche beseitigt, vergessen oder ausgemerzt ist, etwa durch bewusssten Verzicht auf die deutsche Sprache oder weitestgehende Zurückdrängung der deutschen Kultur, wie sie vor 1933 bestand, durch möglichst weitgehende Anpassung an alle anderen Völker, wird auch das Böse in der Weltgeschichte beseitigt sein. Folglich wird auch der Krieg beseitigt sein, denn der Krieg ist das schlechthin Böse, das es zu vermeiden gilt. Nie wieder Krieg – nie wieder Deutschland!“

Das ist die meist unbewusst schlummernde, hier aber explizit geäußerte Kernüberzeugung der antideutschen Ideologie, die nirgendwo so kraftvoll, so wagnerhaft trompetend vertreten wird wie in Deutschland selbst von vielen akademisch gebildeten Deutschen.

Der Verteidigungsminister kommunizierte angesichts der feindlichen Übermacht nur noch schweigend über den Laptop: „Wer hat Angst vor einem Argument?“

Hier hätte ich, wenn ich dabei gewesen wäre,  gern gefragt: „Meint ihr, dass durch die Selbstabschaffung Deutschlands zugleich auch der Krieg verschwindet? Glaubt ihr denn wie Adolf Hitler, dass die Deutschen nach dem letzten verlorenen Krieg kein Recht mehr hätten weiterzubestehen und sich selbst beseitigen müssten? Seid ihr jungen Deutschen also die wahren Erben, die Kindeskinder Adolf Hitlers? Seid ihr die wahren geistigen Erben der Nationalsozialisten? Seid ihr Antideutschen die wahren, die reinrassigen Deutschen?“

In dem mittlerweile gelöschten Youtube-Video war ersichtlich, dass etwa 20 oder 30 junge, wohlgenährte, gutausgebildete, bestgelaunte Männer die Veranstaltung sprengten, während die Mehrheit im Publikum teils belustigt, teils feixend, teils betreten zusah und schwieg, wie ein Minister dieses Landes durch Brüllen und Plärren am Reden gehindert wurde.  „Ich hielt es  nur für einen Flashmob“, berichtete ein Zeuge im Internet. Wir verstehen! Man könnte sagen: Es war nicht ernst, nur Show, es wurden doch nur zwei ältere Herren durch zwei Dutzende junge Männer am Reden gehindert. Es war doch nur eine Inszenierung!

Eine Art Flashback-Gefühl stellt sich beim Betrachten dieses Flashmobs bei Youtube ein: Ich erinnere mich an Fotos, die zeigen, wie im Wien des Jahres 1938 nach dem Anschluss Österreichs einige alte österreichische Männer unter Anweisung des braunen Blitzmobs, der aus lauter gutgelaunten jungen österreichischen Männern besteht, mit Zahnbürsten die Bürgersteige reinigen. Die Mehrheit der Umstehenden schaut teils belustigt, teils betreten, teils feixend zu. Man könnte sagen: „Was ist denn so schlimm an dieser Situation? Es ist doch nur eine Inszenierung! Es ist nur ein blitzartiger Mob! Es werden nur ein paar ältere Herrschaften daran gehindert, normal weiterzuleben, sie sollen nun symbolisch mit Zahnbürsten die Bürgersteige reinigen und werden am Reden gehindert. Es ist doch nur Show!“

Ich habe selbst einige Male als passiver, widerstandsloser Zuschauer miterlebt, wie Veranstaltungen an deutschen und italienischen Universitäten gesprengt worden sind. Und auch ich habe meines Wissens damals meist nicht dagegen protestiert.

Ich meine heute: Wer andere gewaltsam am Reden und Zuhören hindert, übt Zwang auf andere Menschen aus und ist kein Demokrat, sondern Rechtsbrecher.  Da hilft ihm die beste deutsche oder auch antideutsche Ideologie nicht.

Foto: „Die Juden sind an allem schuld.“ Hinweis auf die Sonderausstellung „Die ganze Wahrheit“ im Jüdischen Museum Berlin, Kreuzberg, Lindenstraße. Aufnahme vom vergangenen Sonntag, Berlin-Kreuzberg, Wilhelmstraße, Abzweigung Stresemannstraße

 

 

 Posted by at 11:32

Kriegsgründe erkennen – Kriegsgründe benennen: des Rätsels Lösung

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Apr. 112013
 

Vor drei Tagen fragten wir nach einem unbekannten deutschsprachigen Autor, der durch eine Äußerung hervorgetreten war, die wir nicht umhin kamen rassistisch zu nennen. Wir vermuten: Träte dieser Autor heute etwa in der Humboldt-Universität auf, begäbe er sich heutigentags etwa zum lockeren Plausch in das berühmte Gasthaus Hasir bei uns in der Adalbertstraße, würde er sich etwa in eine der beliebten Talkshows wagen, er würde keine 2 Minuten auf seinem Platz bleiben dürfen. Er würde sofort niedergebrüllt oder rausgeworfen, und zwar unter anderem wegen folgenden Satzes:

„Schon heute vermehren sich unkultivierte Rassen und zurückgebliebene Schichten der Bevölkerung stärker als hochkultivierte.“

Der Name des leibhaftigen Gottseibeiuns: Sigmund Freud.

Sigmund Freud, der bekanntlich vor den Nazis aus Wien floh, würde heute in London nicht mehr aufgenommen.

Zitat:

Sigmund Freud: Warum Krieg?, in: Sigmund Freud: Werkausgabe in zwei Bänden. Band 2: Anwendungen der Psychoanalyse. Herausgegeben und mit Kommentaren versehen von Anna Freud und Ilse Grubrich-Simitis. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1978, S. 483-493, hier S. 492

 Posted by at 14:22
Apr. 112013
 

2013-04-07 11.17.27

Bitte etwas mehr Differenzierung! Wir Polen/Deutsche/Russen/Juden  sind oder waren nicht alle so, wie ihr denkt … !“ So kann man es immer wieder bei geschichtlichen Debatten hören.

Gestern schlugen Studentinnen (?) und Studenten (?) der Humboldt-Universität bei einer grandios-simplifikatorischen Niederbrüllaktion gegen den Bundesverteidigungsminister vor, man solle einfach Deutschland abschaffen, dann würde auch der Krieg abgeschafft. „Nie wieder Krieg, nie wieder Deutschland!“ verkündeten sie grölend und plärrend, aber auch durch ein deutlich sichtbares Laken (Leichentuch?) gegen Deutschland. Hier kommt das entsprechende Video mit der zitierten Aufschrift:

http://www.youtube.com/watch?v=R65c3s0UjaQ

Könnte man also durch die von den Studierenden beabsichtigte Selbstauflösung Deutschlands zugleich den Krieg weltweit abschaffen? „So einfach ist es nicht!“

„Bitte etwas mehr Differenzierung!“ Tja, wer wollte dem widersprechen! Mehr Differenzierung tut immer gut. Aber daneben gilt es doch auch, das große Ganze in den Grundlinien zutreffend, einigermaßen vollständig zu zeichnen. Wir brauchen auch das holzschnittartige Geschichtsbild!

Ein einigermaßen zureichendes, holzschnittartiges Gesamtbild der europäischen Entwicklungen, wie es etwa in „Unsere Mütter, unsere Väter“ versucht wird,  ist aber ohne Einbeziehung der auf militärische Expansion zielenden Politik der Sowjetunion und auch Polens in den Jahren 1920-1941 nicht möglich.

Und so fällt mir an dieser wie auch an zahlreichen anderen Debatten immer wieder auf, dass das gesamte Schicksal Ostpolens in den Jahren 1919-1941 von den Nichtpolen, darunter offenbar auch vom ZDF, nahezu vollständig vergessen oder schlicht ignoriert wird. Hier, im damaligen Ostpolen bzw. der heutigen Ukraine wurde beispielsweise 1920 ein erbitterter Krieg zwischen Polen und der Sowjetunion ausgefochten, dessen Folgen sich weit in die 40er Jahre hineinschleppten. Polen gewann damals den bis heute historisch nicht völlig aufgearbeiteten Krieg und konnte ganz erhebliche Gebietsgewinne verbuchen.

Im September 1939 wiederum überfiel im Gegenzug die Sowjetunion mit ihren Truppen Polen von Osten her und besetzte die Osthälfte des gemeinsam mit Deutschland unterworfenen Landes. Damit trägt die Sowjetunion ab 1939 eine maßgebliche Beteiligung an der Entstehung der Verkettung all jener militärischen Konflikte, die später, etwa ab August 1941, in grober, holzschnittartiger  Vereinfachung als „2. Weltkrieg“ zu bezeichnen ist.

Erstaunlicherweise sind die Russen sogar heute teilweise immer noch der irrigen Meinung, für sie habe der 2. Weltkrieg erst im August 1941 begonnen. So war es aber nicht. Die Russen waren von Anfang an, ab September 1939  Teilhaber und Spießgesellen  der deutschen Beutezüge. Die Armeen des Deutschen Reiches und der Sowjetunion feierten denn auch ihren gemeinsam errungenen raschen Sieg über Polen am 22.09.1939 in einer großen gemeinsamen Parade in Brest-Litowsk. Deutschland und Russland blieben bis August 1941 enge militärische Partner und Verbündete gegen die Polen, die Briten und die Franzosen. Sowjets und Deutsche standen einander im Ausmaß des gegen die Polen, Juden, Ukrainer und Weißrussen verübten Terrors und der Vernichtung wohl kaum nach.

Ähnlich den Deutschen begingen die Sowjets, also die „Russen“, wie sie damals genannt wurden, schwerste Massenverbrechen: Massenerschießungen, Verschleppungen, Massendeportationen, Ausplünderung von Hab und Gut auf dem eroberten Territorium. Diese gut dokumentierten, aber während der Herrschaft des Kommunismus verleugneten Tatsachen sind bis heute  leider außerhalb Polens und außerhalb der Zunft der Osteuropahistoriker fast unbekannt. Auch in den Massenmedien – etwa bei Filmemachern – scheinen sie überwiegend nicht geläufig zu sein. Ein zureichendes Gesamtbild der europäischen Entwicklungen ist aber ohne Einbeziehung der auf militärische Expansion zielenden Politik Polens und der Sowjetunion in den Jahren 1920-1939 nicht möglich.

via „Unsere Mütter, unsere Väter“: ZDF reagiert auf Polen-Kritik mit neuer Doku – Medien – Tagesspiegel.

Bild: Blick entlang der Topographie des Terrors auf die Wilhelmstraße während des Halbmarathons am vergangenen Sonntag

 Posted by at 14:00
Apr. 092013
 

2013-03-25 14.01.41

Hassenden läuft der Hass nach, Liebenden kommt die Liebe entgegen. So spricht eine gezettelte Botschaft des Talmud auf der Wilhelmstraße.

Mit einem Lesezirkel hochbetagter, hochweiser Damen und Herren in der nämlichen Wilhelmstraße besprach ich Theodor Fontanes unsterbliches (es wird uns alle überleben!) Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Gemeinsam kramend, suchend stöbernd in den Herzkammern des Gedächtnisses, gelang es uns, einen Großteil des Gedichts wiederherzustellen, das früher jedes Berliner Schulkind kannte.

Merkwürdig, ja fast anstößig  ward mir beim Rezitieren folgende Strophe, und in ihr insbesondere die fettgedruckten Zeile:

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn – eine starke, harte, grob treffende Zeile!

Die Literatur, aber mehr noch die gesamte politische Debatte ist ja heute reich, überreich an Vorwurfsdiskursen der Jungen gegen die Alten. Hier bei Fontane erhebt einmal der Alte einen stillen Vorwurf gegen den Sohn. Könnte es sein, dass einmal, ein einziges Mal in der Weltgeschichte, die Väter bessere Menschen als die Söhne, die Mütter bessere Menschen als die Töchter sind? Ich hege diese Vermutung, ich bin davon überzeugt! Es können durchaus die Väter und Mütter mehr geleistet haben, mehr Bleibendes zum Wohl und Gedeihen der Nachkömmlinge hinterlassen als umgekehrt die Söhne und Töchter schaffen!

Insbesondere die 68er Generation brüstet sich in Teilen bis heute damit, erstmals das Versagen, Verdrängen und Vergessen der Vätergeneration in den Jahren 1933-1945 aufgedeckt zu haben.

Voll Mißtraun gegen den eigenen Vater – das könnte das Motto eines Christoph Meckel, eines Günter Seuren, eines Günter Grass, eines Bernward Vesper, einer Gudrun Ensslin, einer Ulrike Meinhof  und tausender anderer Kämpfer der 68er Generation sein! Diese Geisteshaltung prägt heute große Teile der meinungsprägenden Redaktionen und Feuilletons. All diese Söhne und Töchter bezogen ihre unerschütterliche Überzeugung der eigenen moralischen Überlegenheit aus dem wiederholten, ritualisierten, gemeinschaftlich vollzogenen Prozess gegen die eigenen Eltern – einer Art ständig wiederholten symbolischen Hinrichtung der Mörder.

Die ab 1949 vollbrachte Aufbauleistung der Bundesrepublik Deutschland wurde und wird nicht gewürdigt. Sie wird verleugnet. Bis zum heutigen Tag brüsten sich Vertreter der 68er Generation damit, sie hätten den „Muff der Adenauer-Jahre“ beseitigt. Ein großer, ein grotesker  Irrtum, wie ich finde! Die deutsche Literatur der Jahre 1946 bis 1965 bestätigt die satte, selbstverliebte, selbstzufriedene moralische Überlegenheitsgeste der Jüngeren, also der ab 1935 bis 1960 Geborenen, schlechterdings nicht. Die frühen, vielgelesenen  Erzählungen Heinrich Bölls, die 1952 bei der Eröffnung des Mahnmals Bergen-Belsen gehaltene Rede des Bundespräsidenten Theodor Heuss zeigen ebenso wie zahlreiche Reden von Bundeskanzler Adenauer eindeutig, dass – von den Spitzen der Literatur und der Politik ausgehend – ein klares Bewusstsein von deutscher Schuld und Schande zu erwachsen begann.

Die 68er-Generation fiel jäh hinter den schmerzhaften Prozess der Gewissenserforschung der Väter und Kriegsheimkehrer zurück, sie prahlte, drohte, johlte, sie fiel zwar nicht auf Hitler herein, aber sehr wohl auf Mao, Ho Tschi Minh, Lenin, Fidel Castro, Che Guevara, später Ghaddafi  – diese waren aber wie Hitler allesamt Diktatoren, an deren Händen reichlich Blut klebte. Und die 68er – etwa Rudi Dutschke, ebenso Teile der späteren Grünen wie etwa Joschka Fischer oder Hans-Christian Ströbele  – bejahten Gewalt als politisches Druckmittel. Hinhören, Einfühlen, Verzeihen, Gewaltverzicht kannten sie nicht. Sie glaubten nicht an die Liebe, nicht an die Erinnerung, nicht an die Versöhnung.

Mahler, Dutschke, Cohn-Bendit, Günter Grass und viele andere haben damals ein Scherbengericht veranstaltet, mit dessen letzten Hinterlassenschaften wir uns heute herumzuschlagen haben. Die völlige Delegitimation der demokratischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland, die die 68er-Bewegung versuchte, brachte jahrelang, bringt auch heute noch ein erhebliches Potenzial an Gewaltbereitschaft hervor. „Wehrt euch“. Unser Bild zeigt einen gezettelten Anschlag auf der Ohlauer Straße/Reichenberger Straße, Kreuzberg, aufgenommen heute, direkt vor der besetzten Grundschule, einem der neu entstandenen rechtsfreien Räume.

2013-04-09 17.46.13

 Posted by at 21:35
Apr. 082013
 

„Rassismus tötet!“ „Rassismus schadet bereits in geringsten Mengen!“ „Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“ „Der Autor N.N. ist doch bloß ein Rassist, und ich hasse alle Rassisten!“ „Kein Fußbreit für Rassisten!“

Derartige Äußerungen stimmen nachdenklich. Keinem Zweifel darf unterliegen, dass Rassismus, also die Einteilung der Menschen in biologisch begründete höher- oder tieferstehende Rassen, auf den entschiedensten Widerstand aller aufrechten Demokraten und Menschheitsfreunde stoßen muss. Viele Rechtsordnungen sehen rassistische Motivation als straferschwerend bei der Verurteilung von Straftaten an.

Aber bereits rassistische Äußerungen als solche sind in einigen Ländern strafbewehrt. Der italienische Fußballspieler Paolo di Canio etwa sagte mit Unschuldsmiene zu seiner Verteidigung, nachdem er wieder einmal durch Zeigen des Grußes mit ausgestreckter Hand höchst unangenehm aufgefallen war: „Ich bin Faschist, aber kein Rassist.“ Damit stellte er klar eine Rangordnung her: Der Vorwurf des Rassismus wiegt für ihn weit schwerer als die Selbstbezeichung des Faschisten. Die italienische Repubblica spießt den Fall di Canio auf und führt noch an: „In England kann der Vorwurf des Rassismus nicht nur zur Disqualifikation auf dem Fußballplatz, sondern geradewegs ins Gefängnis führen.

Repubblica vom 15.05.2012 im Original:
„Il Mail ricorda che Di Canio fu punito e multato dalla federcalcio italiana per avere fatto ripetutamente il saluto a mano tesa ai tifosi della Lazio quando giocava a Roma. Il giornale sottolinea che, in passato, Di Canio disse: „Io sono fascista, non razzista“. In Inghilterra l’accusa di razzismo può portare non solo alle squalifiche in campo calcistico, ma dritto in prigione.“

via Di Canio, accuse di razzismo La FA apre un’inchiesta – Repubblica.it.

Um so wichtiger ist es, Rassismus zu erkennen, zu benennen und ihn zurückzudrängen! Rassisten dürfen keinen Platz im Fußball und in der Öffentlichkeit erhalten, in England werden sie mit Fug und Recht gleich ins Gefängnis geworfen.

Wie erkennt man nun aber Rassismus? Teste dich selbst! Wie ist folgende Aussage zu bewerten:

„Schon heute vermehren sich unkultivierte Rassen und zurückgebliebene Schichten der Bevölkerung stärker als hochkultivierte.“

Hier wird mir wohl jeder zustimmen: Das ist eine eindeutig rassistische Aussage. Schlimmer geht’s fast nimmer. Es ist geradezu Rassismus pur, der hier vertreten wird. Denn der Verfasser unterteilt die Menschen in „Rassen“, die er anschließend in „unkultivierte“ und „hochkultivierte“ einteilt. Ferner werden unbewusste Ängste vor Überwältigung und „Überfremdung“ der „hochkultivierten Rassen“ durch die „zurückgebliebenen“ „Rassen“ und Schichten der Bevölkerung geschürt. Jeder wird hier zustimmen: Von dieser Aussage hin zur rassistischen Hetze ist es nur ein kleiner Schritt.

Ist also der Urheber solcher Äußerungen ein Rassist? Ja – oder doch nicht?

Ehe wir zu einem Urteil gelangen, empfiehlt es sich, den zitierten Rassisten den Gesamtzusammenhang herstellen zu lassen, indem wir das ganze Textstück des rassistischen Autors widergeben, aus dem die rassistischen Äußerungen stammen:

„Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozeß der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Civilisation). Diesem Prozeß verdanken wir das beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden. Seine Anlässe und Anfänge sind dunkel, sein Ausgang ungewiß, einige seiner Charaktere leicht ersichtlich. Vielleicht führt er zum Erlöschen der Menschenart, denn er beeinträchtigt die Sexualfunktion in mehr als einer Weise, und schon heute vermehren sich unkultivierte Rassen und zurückgebliebene Schichten der Bevölkerung stärker als hochkultivierte. Vielleicht ist dieser Prozeß mit der Domestikation gewisser Tierarten vergleichbar; ohne Zweifel bringt er körperliche Veränderungen mit sich; man hat sich noch nicht mit der Vorstellung vertraut gemacht, daß die Kulturentwicklung ein solcher organischer Prozeß sei.“

Würde der Verfasser dieser rassistischen Äußerung auch nur einen Tag frei in England herumlaufen dürfen, wenn er seinen Fuß auf die Insel setzte? Zweifel sind angebracht. Nur die Tatsache, dass er seine rassistischen Äußerungen bereits vor einigen Jahren in seiner Mutter- und Arbeitssprache Deutsch zum Druck gegeben hat, würde ihn zunächst vor Verhaftung, Anklage und Gefängnisstrafe schützen. Denn zunächst müsste das Gericht die skandalösen Äußerungen des deutschsprachigen Autors ins Englische übersetzen lassen.

Quizfrage für alle: Wie lautet der Name des zitierten rassistischen Autors, der heute in England sofort bei der Einreise verhaftet und dann verurteilt würde, während in Deutschland immer noch bis zum heutigen Tage ein Literaturpreis nach ihm benannt ist:

a) Sigmund Freud
b) Georg Büchner
c) Heinrich von Kleist
d) Ernst Moritz Arndt
e) August Graf von Platen

Bitte fleißig diskutieren! Die Auflösung des kleinen Rätsels folgt am Donnerstag!

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„Wir brauchen Solidarität mit allen Menschen gleichermaßen! Eine sozial gerechte Gesellschaft!“ Der Einwurf Montesquieus

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Apr. 072013
 

2013-03-24 10.55.08

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium galt noch bis vor wenigen Jahrzehnten als Gemeinbesitz aller europäischen Völker. In den ehemals sozialistischen Staaten und in weiten Teilen der Berliner Jugend, bei einem Großteil der Berliner Kinder ist hingegen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter heute gänzlich unbekannt, wie ich mich immer wieder überzeugen kann. Die mir bekannten Ethik-Lehrbücher für den staatlichen Schulunterricht verlieren über die Gleichnisreden Jesu kein Wort mehr. Im Berliner Deutschunterricht wird offenkundig fast nichts mehr behandelt, was noch die Prägekraft der antiken Gleichnisreden widerspiegeln könnte. Es herrscht eine allgemeine Allergie gegenüber dem gleichnishaften Reden und gegenüber nahezu allen Formen der bildhaften, emotional durchtränkten Erzählweisen der Religionen und überhaupt des alten Europa – vor allem eine Aversion gegenüber dem Christentum, weniger gegenüber dem Judentum, weniger gegenüber dem Islam.

Unbefragt hingenommen werden dagegen die mannigfachen Ersatzformen des Religiösen (Fankult, I-Phone-Manie, Autowahn, Computerwahn, Politikgläubigkeit).

So versiegt der jahrtausendalte Brunnen.

In der deutschen Rechtsordnung ist „unterlassene Hilfeleistung“ gleichwohl eine Straftat. Das Verhalten des Priesters und des Leviten, von dem Jesus bei Lukas 10, 31-32 erzählt, wäre nach unserem Recht ohne jeden Zweifel strafbar – unabhängig davon, ob der Beschuldigte etwas von der Pflicht zur Hilfeleistung erfahren hat oder nicht. Die Pflicht zur Hilfeleistung etwa bei Straßenverkehrsunfällen gilt nach § 323c StGB in unserer Rechtsordnung unabhängig davon, ob jemand irgendwann etwas vom barmherzigen Samariter gehört hat oder nicht.

Eine, vielleicht die wichtigste prägende Erzählung zur Verkündung dieser Pflicht zur Hilfeleistung dürfte in der Tat in den ehemals christlich geprägten Ländern Europas das Lukasevangelium bereitgestellt haben.

Über eben diese sittliche Pflicht zur Hilfe für andere Menschen dachte der französische Philosoph Montesquieu etwa in folgenden rationalen Grundlinien nach:

Der vollkommen tugendhafte Mensch – meint Montesquieu –  würde allen Menschen gleichermaßen zu Hilfe eilen. Er wäre der barmherzige Samariter überall und jederzeit – ein wandelnder Tugendbolzen, Vorbild wahrhaft universaler Solidarität. Er würde keine Freundschaften mehr brauchen und auch keine Freundschaften pflegen. Denn jede persönliche Bindung liefe Gefahr, die universale Tugendhaftigkeit des Vorbildes zu beeinträchtigen.

Das Gebot der Solidarität übersetzt sich im idealen Menschen des Philosophen in einen Menschen, der keine gewachsenen Bindungen mehr anerkennt, da ihm diese als Einschränkung seiner auf alle Menschen gleichermaßen sich erstreckenden Beistandspflicht erschienen. Diese Pflicht zur ersten Hilfe ergebe sich vielmehr aus rational nachvollziehbaren, letztlich philosophischen  Gründen. Denn eine gute Gesellschaft sei eine Gesellschaft, in der einander möglichst viele, und idealerweise alle Menschen durch gleichmäßige Verpflichtungen der Solidarität verbunden seien. Die vollkommen soziale und vollkommen gerechte  Gesellschaft wäre also im Sinne Montesquieus ein Verband absolut gleichmäßig verbundener Menschen.

Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Versuche einer absolut gerechten, einer sozialistischen Gesellschaft auf diesem Bestreben beruhten, alle Menschen gleichermaßen zur uneingeschränkten Solidarität mit allen Menschen zu bewegen – unangesehen der Herkunft, unangesehen eventuell bestehender Bindungen an Familie, Heimat, Tradition, Freundschaft und Geschichte.

Montesquieu hält diese Versuche gleichwohl für der menschlichen Natur zuwiderlaufend. Denn zu uns gehöre es gerade, es mache uns gerade als Menschen aus, dass wir vielfach abhängig seien, dass wir Freundschaft, Liebe, Partnerschaft mit stets einzelnen Menschen suchten.

Mir scheint in der Tat das Gleichnis vom barmherzigen Samariter seine Kraft gerade hier in der Zurückweisung des Universalitätsanspruchs der philosophischen Tugendlehren zu entfalten. Denn der Samariter entscheidet sich nicht aufgrund einer philosophischen oder theologischen Weisung für die Hilfe, sondern weil er „Mitgefühl, Mitleiden, Erbarmen“ empfindet, also „eleos“, wie es auf Griechisch heißt. Sein Antrieb ist eben nicht ein weltumspannendes „pathetisches“ Solidaritätsdiktat, sondern ein menschenergreifendes, „empathisches“ Mit-Empfinden. Religion kann diese Fähigkeit zum Mitempfinden, zum Miterleiden behutsam stärken, anregen und verankern. Sie kann dem schwachen, dem verletzten und armen Menschen Mitempfinden im Herzen des anderen schaffen.

Aus dieser Herzensbildung mag dann später – im Erwachsenenalter – auch die Einsicht in die Pflicht zur gesetzlich gebotenen Hilfeleistung erwachsen.

Montesquieu im Original:

Je crois, cependant, qu’il est vrai que, si les hommes étoient parfaitement vertueux, ils n’auroient point d’amis.

Nous ne pouvons nous attacher à tous nos concitoyens. Nous en choisissons un petit nombre, auquel nous nous bornons. Nous passons une espèce de contrat pour notre utilité commune, qui n’est qu’un retranchement de celui que nous avons passé avec la société entière, et semble même, en un certain sens, lui être préjudiciable.

En effet, un homme véritablement vertueux devroit être porté à seçourir l’homme le plus inconnu comme son ami propre ; il a, dans son cœur, un engagement qui n’a besoin d’être confirmé par des paroles, des serments, ni des témoignages extérieurs, et le borner à un certain nombre d’amis, c’est détourner son cœur de tous les autres hommes ; c’est le séparer du tronc et l’attacher aux branches.

Quellenangabe:

S. 421 in folgendem Werk:

Titre Pensées et Fragments inédits de Montesquieu
Volume I
Auteur Montesquieu
Éditeur Le baron Gaston de Montesquieu
Maison d’édition Imprimerie de G. Gounouilhou
Lieu d’édition Bordeaux
Année d’édition 1899

via Page:Montesquieu – Pensées et Fragments inédits, t1, 1899.djvu/421 – Wikisource.

Bild: Samariterbrunnen im ev. Johannesstift Berlin-Spandau
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Mach das und du wirst leben

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Apr. 062013
 

2013-03-24 11.23.59

„Mach das und du wirst leben.“ τοῦτο ποίει καὶ ζήσῃ. So steht im Lukasevangelium Kapitel 10, 28.

Wir erinnern uns: Die Anfrage des Schriftkundigen richtete sich darauf, wie er Anteil am ewigen Leben erlangen könnte.  Statt einer Auskunft fragt Jesus zurück:

Ἐν τῷ νόμῳ τί γέγραπται; πῶς ἀναγινώσκεις;

„Was steht in der Weisung geschrieben? Wie liest du?“ Gemeint ist in dieser persönlich zugespitzten Frage: „Wie liest du persönlich die Torah? Was zählt für dich persönlich?“ Der Schriftgelehrte gibt seine Antwort: das Gebot der Gottesliebe und das Gebot der Nächstenliebe stehen für ihn als direkt gefragte Person ganz oben. So steht es auch vorher bereits in der Bibel bis zum heutigen Tag, 5. Buch Mose (Deuteronomium) 6,5 mit dem Gebot der Gottesliebe und 3. Buch Mose (Levitikus) 19,18,  mit dem Gebot der Nächstenliebe.

„Du hast richtig geantwortet. Mach das und du wirst leben.“

Das kann bedeuten: Tu es einfach, tue das, was du aus deiner Wahl heraus für das Gebotene hältst. Tue das, woran du glaubst, und alles andere, wonach du strebst, wird folgen. Wieder so eine unerhört knappe, geradezu atemberaubend theoriefreie Antwort, die uns heute wohl ebenso fassungslos zurücklässt wie damals die ersten Hörer, die uns aber weiterhin beflügeln kann. Gefordert sind also nicht weitere Worte, sondern Handlungen.  Nicht Bekenntnisse, kein gescheites Reden, sondern Handeln aus der Einsicht in das, was geboten ist.

Das Gebot der Nächstenliebe wird hier in dieser Begegnung nicht vom Meister auferlegt, vielmehr soll der Fragende durch Besinnung auf das, was für ihn zählt, das Wesentliche selbst herausfinden und dann danach handeln.

Mach das und du wirst leben.

Bild: Eine Brücke über einen winterlichen Bach in Spandaus Eiskeller

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Gekappte oder verfaulte Wurzelwerke?

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Apr. 042013
 

2013-03-06 07.34.02

Gebt acht, dass euch nicht eine stürzende Bildsäule erschlage„, so hörten wir es bis vor wenigen Jahrzehnten, als das alte Europa sich noch einmal an den griechischen und römischen Wurzelwerken neu aufzurichten suchte.  Die griechisch-römische Antike meint es weder gut noch schlecht mit uns. Wir selbst müssen uns den Weg zu den Wurzelwerken bahnen.

„Gebt acht, dass euch nicht ein stürzender Baum erschlage!„, muss wohl der Warnspruch heutigentags in Kreuzberg lauten. Ein Baum, dessen Wurzelwerk zur Hälfte beschädigt ist, kann nicht stehen bleiben! Die Natur als solche meint es weder gut noch schlecht mit uns Menschen, sie sucht sich ihren Weg. Dies erfuhren wir voller Schrecken an unserer Straßenkreuzung. Eine Linde zertrümmerte das Dach eines wartenden Autos, zwei Frauen wurden schwer verletzt.

Mit einem türkischen Nachbarn besprach ich die Ursache. „Das Wurzelwerk wurde durch Bauarbeiten gekappt. Es war zur Hälfte abgestorben!“, zitierte ich aus der Presse. „Nein, du irrst! Ein Gasleck ist die Ursache. Am Wurzelwerk des Baumes führte eine undichte Gasleitung. So verfaulte das Wurzelwerk, der Baum stürzte und erschlug zwei Autos“, widersprach er mir. Er oder ich – wer hat recht? S’ist eine Glaubensfrage. Ich weiß es nicht. Ich bin auch nicht zuständig dafür.

Wer ist schuld an dem Unglück? Offenbar der Mensch. Er hat das Wurzelwerk durch Achtlosigkeit, durch einen künstlichen Eingriff in die Natur beschädigt. Der Mensch hat die Natur, hier verkörpert in einer Linde, nicht gehegt und gepflegt. Und so lebt die Natur nicht, wie der Dichter es will,

geduldig und häuslich,
pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen 

sondern setzt sich schonungslos durch. Die Natur kümmert sich nicht um den Menschen und schon gar nicht um die Autos der Menschen, wenn er sich nicht um sie kümmert. Die Natur meint es mit dem Menschen weder gut noch schlecht. Die Natur ist weder gut noch böse, sie kennt auch weder gut noch böse.

Freilich, Bäume stürzen in freier Natur alle Tage um. Schädlinge setzen den Bäumen zu, Dürre kann sie verdursten lassen, Sturm und Gewitter können Bäume entwurzeln und umstürzen lassen, auch Menschen erschlagen lassen.

Diesen Naturkräften sah sich der frühe Mensch nahezu schonungslos ausgeliefert. Und so begann er irgendwann, diesen Naturkräften – den Bäumen, den Winden, den Wassern – eine übermächtige Kraft zuzusprechen. Er sah die Natur bewohnt von großen, mächtigen Wesen. Er nannte die Wesen Götter, er sah im Übermächtigen seine Götter am Werk. Ein Stein, ein Baum, eine Eiche, eine Linde, ein Tier, ein Insekt, ein Skarabäus, eine Katze  – alles konnte in der Phantasie der frühen Menschen zu etwas Göttlichem gemacht werden. Diesen Göttern sprach der Mensch seine Eigenschaften zu.

Stürzte eine Eiche um und erschlug einen Menschen, so sagte er: „Der Gott in der Eiche hat sich gerächt. Wotan hat sich gerächt. Dieser Mensch hat etwas gegen Wotan getan, dafür ist der Mensch erschlagen worden.“

„Die Natur rächt sich.“ Diesen Satz, der das mythische Bewusstsein der frühen Menschen widerspiegelt,  kann man noch heutigentags immer wieder hören, bis hinein in politische Debatten und Zeitgespräche zum Umwelt- und Klimaschutz.

Bild: Das von der stürzenden Linde zertrümmerte Auto in der Großbeerenstraße

 

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Was wird hier an diesem Brunnen erzählt? Was ist die Wahrheit dieses Brunnens?

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März 292013
 

2013-03-24 10.54.58

„Was wird hier an diesem Brunnen erzählt?“ Mit einer russisch-deutschen Fußwandergruppe, deren Teilnehmer hauptsächlich aus Moskau, Berlin und Samara stammten, besuchte ich letzten Sonntag den berühmten Spandauer Eiskeller, den kältesten Punkt ganz Berlins. An jenem Sonntag war es in Spandau aber auch kälter als in Sibirien. Ich verkündete stolz die Werte für Samara, für Moskau, für Wladiwostok, die ich in der U-Bahn noch abgelesen hatte. Wir lagen drunter! Wir Deutschen waren Weltmeister der Kälte!

Beim ev. Johannesstift rätselten wir über die Botschaft des Brunnens. Man sieht wenig an diesem Brunnen: Ein Mann ist von seinem Pferd abgestiegen. Er scheint einem anderen Mann aufzuhelfen. Ein anderer Mann geht vorbei. Wir sind irgendwo zwischen Felsen. Leider war die erklärende Plakette des Brunnens wegen Eisbefalls  nicht zu lesen. Es herrschte ja in ganz Europa in jenen  Tagen eine große Vereisung und Verpanzerung. Deshalb fehlten an dem Brunnen der Vergangenheit die Erklärschilder. Es fehlte der Erzähler, der die alten Brunnengeschichten erzählen könnte. Die Botschaft des Brunnens war verstummt. Es herrschte Frost und Vereisung.

Einer fasste sich da ein Herz und fing an zu erzählen:

„Ich glaube …“

„Was glaubst du …?“, unterbrachen ihn die Kinder.

„Ich glaube, dass hier erzählt wird, wie ein Mann unter die Straßenräuber fiel. Die Räuber schlugen den Mann zusammen, raubten ihn  aus und ließen ihn halbtot liegen. Da kam ein stolzer Moskowiter vorbei, der sagte: „Ach da liegt ja so ein Provinzler. Sicher ein Alkoholiker. Typisch, selber schuld.“ Der Moskowiter ging weiter. Da kam ein Berliner vorbei. Der sagte: „O, ein Kälteopfer. Ach was, es gibt ja die Kältehilfe. Die wird sich um den kümmern.“ Und ging weiter. Zuletzt kam ein Mann aus Samara vorbei. Ihr wisst ja, liebe Kinder, Samara, früher Kuybischew, die Autostadt hart am Ural,  die außer Wäldern, Feldern und Langlaufloipen gerade und auch im Bereich Kultur  im Vergleich zu Moskau und Berlin nichts zu bieten hat! Der Mann aus Samara blieb stehen und sagte: „Dir muss ich helfen.“ Er verband dem Mann die Wunden, flößte ihm Tee ein und brachte ihn ins nächste Hotel. Dort gab er dem Wirt 200 Euro (in Russland ein inoffiziell anerkanntes Zahlungsmittel). „Kümmer dich um den Mann. Ich komme in ein paar Tagen wieder vorbei. Wenn das Geld nicht reicht, kriegst du noch was von mir.“ –

„Nun frage ich euch, liebe Kinder: Was wurde hier erzählt?“

Wir schwiegen zunächst. Dann sagte einer: „Es wurde die Geschichte von dem Gebot der Ersten Hilfe erzählt. Der Mann aus Samara leistet erste Hilfe, die anderen nicht. Er ist also ein Vorbild. Du hast soeben die Entstehung der Samariterhilfe erzählt – und warum sie so heißt!“

Wir schauten genauer hin. Wie realistisch war die Erzählung? Gab es denn damals, als der Brunnen gebaut wurde, schon den Euro? Glaubte der Erzähler eigentlich selbst das, was er da aufgetischt hatte? Was ist die Wahrheit? Was ist Wahrheit?

Da entdeckten wir die Bestätigung dessen, dass die Samariter-Erzählung des mutigen Erzählers wahr war. Denn das Eis, der Schnee auf der Szene hatte zu tauen begonnen. Die Sonne hatte ein Erbarmen, sie unterstrich die Wahrheit dieser Geschichte von der Barmherzigkeit. Ein Wunder! In ganz Berlin war dies die einzige Stelle, an der die Sonne stark genug war, das Eis zum Schmelzen bringen!

War dies so? Was ist die Wahrheit dieser Erzählung? Hat sich dies so zugetragen? Es könnte sein, es könnte nicht sein. Dass etwa der Arbeiter-Samariter-Bund auf die russische Stadt Samara an der Wolga zurückgeht – wer will das behaupten oder bestreiten?

Vielleicht hat der Erzähler das eine oder andere ergänzt oder umgedreht. Die Botschaft aber dürfte so zutreffen. Die Wahrheit ist: Man darf an die Botschaft glauben und ihr folgen.

Die Sonne brachte den Beweis von der Wahrhaftigkeit der Erzählung vom barmherzigen Samariter.

 

 Posted by at 18:38