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Nationalismus in ganz Europa verbieten? – THINK FIRST! Erschd dengga, dann schwätza bzw. schreiba!

 Europäische Union, Rechtsordnung, Staatlichkeit  Kommentare deaktiviert für Nationalismus in ganz Europa verbieten? – THINK FIRST! Erschd dengga, dann schwätza bzw. schreiba!
Jan. 242013
 

Der Nationalismus blüht und gedeiht allenthalben und aller Lande außerhalb Deutschlands, siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung heute, S. 5 (linker und rechter katalanischer Nationalismus), S. 6 (linker und rechter tschechischer Nationalismus sowie linker und rechter türkischer Nationalismus). Der Nationalismus – häufig unterfüttert mit antideutschen oder antiamerikanischen Ressentiments – verbindet ganz elementar leider einen großen Teil aller politischen Parteien außerhalb Deutschlands, namentlich in Tschechien, in der Türkei, in Katalonien. Um dies zu begreifen, muss man sich aber erst einmal ernsthaft für unsere befreundeten und verbündeten Partnerländer und ihre Menschen interessieren, sie als einfacher Mensch bereisen und auch deren Sprachen erlernen, z.B. Tschechisch, Polnisch, Türkisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Griechisch. Überall denken und sagen die meisten Politiker außerhalb Deutschlands: „Zuerst und zuvörderst kommen die Interessen unseres Vaterlandes, dann die der EU!“ Fazit: Die geistige Auseinandersetzung mit dem gesetzestreuen Nationalismus der Parlamentsparteien und die Überwindung des radikalen, verbrecherischen Nationalismus der Terroristen bleibt eine der großen Herausforderungen für die Europäische Union. Ein Verbot des nationalstaatlichen Denkens, ein Ausschluss aller nationalistischen Politiker hülfe nichts – dann würden sich sich sofort die Parlamentssäle und Kabinettstische leeren und Deutschland mit seinen Ministerpräsidenten von SPD, CDU und neuerdings Grünen stünde weitgehend allein da. Außerdem: Wer jetzt die NPD verbieten will, hätte mit weit größerem Fug und Recht vor 30 Jahren die AL bzw. die Grünen verbieten müssen, denn die Verbindungen der Grünen ins linksterroristische Milieu der RAF hinein waren und sind weit deutlicher, weit klarer als die Verbindungen der NPD ins rechtsterroristische Milieu hinein, wie sie Michael Bertrams, Präsident des nordrhein-westfälischen Verfassungsgerichtshofs umstandslos nachweisen zu können behauptet (FAZ heute, S. 5).Die Rote Armee Fraktion (RAF) – ihrerseits ebenso mörderisch, menschenverachtend, verlogen wie der Nationalsozialistische Untergrund (NSU), aber weit effizienter, schlagkräftiger aufgestellt und obendrein quantitativ, also nach Menschenopferzahlen, viel verheerender als der NSU – war nachweisbar bestens vernetzt in die DDR-Ämter und DDR-Behörden hinein, sie hatte meiner deutlichen Erinnerung nach massenhaft Unterstützer im gesamten linken zivilgesellschaftlichen Spektrum Westdeutschlands, sie konnte ihr „rotes Gift“ ungehemmt in der Mitte der Gesellschaft verbreiten, unterstützt von namhaften, hochintelligenten, brillanten Dummköpfen und hochmögenden Arbeitern der Stirn und der Faust wie Jean-Paul Sartre, Daniel Cohn-Bendit MdEUP und Hans-Christian Ströbele MdB.

Die RAF hatte nachweisbar einen massiven Unterstützerkreis, der bis in den Deutschen Bundestag hineinreichte bzw. hineinreicht. Die beispiellos menschenverachtenden Verlautbarungen, Flugblätter und Aufrufe der RAF waren das Schlimmste, was ich bis dahin in der Bundesrepublik Deutschland zu lesen bekam. Allenfalls die Verlautbarungen, Videos und Aufrufe des NSU reichen in ihrer Brutalität und Niedertracht in etwa an die RAF heran. Es steht außer Frage: RAF und NSU waren und sind eine Schande für die gesamte Bundesrepublik Deutschland und für die gesamte damalige bzw. ehemalige Deutsche Demokratische Republik. Schlimm ist auch: Die RAF konnte ihr „rotes Gift“ mit größter Leichtigkeit in der Mitte der Geselllschaft verbreiten, wie es heute – in den Worten von Michael Bertrams – die NPD mit ihrem „braunen Gift“ tut.

Man lese doch nur einmal sorgfältigst das 10-Punkte-Programm der NPD von 2010, ehe man einen Verbotsantrag stellt! Vieles darin ist voll anschlussfähig ans Programm der Grünen! Grüne (Tübingens Bürgermeister Boris Palmer etwa) wie NPD (10-Punkte-Programm von 2010) berufen sich ausdrücklich auf die deutsche Romantik, auf den deutschen Idealismus als ihren Ursprung (Johann Gottlieb Fichte, Stuttgarts Georg W.F. Hegel, Tübingens Friedrich Hölderlin) – die grünen Ökosozialisten sind gewissermaßen die Linksromantiker, so wie die braunen Nationalsozialisten der NSDAP und die Nationaldemokraten der NPD  gewissermaßen die Rechtsromantiker in der urdeutschen nationalen Parteienlandschaft sind.Nebenbei und zu guter Letzt: „Rotes Gift“, „braunes Gift“, „Vergiftung (des gesunden Volkskörpers) durch den Keim des Bolschewismus bzw. des Nationalismus“ – das ist reinrassige Sprache der Nationalsozialisten der 30er und 40er jahre bzw. der reinrassigen Kommunisten der 30er und 40er Jahre. Watch your language, Mr. Bertrams! Das ist O-Ton der 30er Jahre! READ STALIN, READ HITLER, READ LENIN, READ ROSENBERG, READ MUSSOLINI! Then: THINK IT OVER, OR, as we say in glückselig Suevia: „Erscht denga, dann schwätza bzw. schreiba!“

Quellenangaben:
„Karlsruhe hat NPD verharmlost“, FAZ, 24.01.2013, S. 5
„Abstimmung über die Freiheit. Regionalparlament will Kataloniens Souveränität“, FAZ, 24.01.2013, S. 6
„Das alte Spiel mit dem tschechischen Nationalismus. Warum der neoliberale Präsident Klaus für den Linkspopulisten Zeman kämpft.“ Von Karl-Peter Schwarz, FAZ, 24.01.2013, S. 6
„Land und Meute. Den Angriff auf die deutschen Soldaten in Iskenderun haben wohl radikale Nationalisten verübt.“ Von Michael Martens. FAZ, 24.01.2013, S. 6

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Bayern, Baden-Württemberg, Hessen: Bitte bitte kein Geld mehr nach Berlin schicken!

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Jan. 232013
 

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Schaut euch das an, es ist erstaunlich: Wenn auch Berlin und Brandenburg keinen Flughafen hinbekommen, so erhält doch Friedrichshain-Kreuzberg beständig neue Spielhallen und Zockerbuden. Das klappt also zumindest. Innerhalb einer kleinen Radfahrt von 10 Minuten entdeckte ich heute drei neue Spielhallen in Kreuzberg! In der Wilhelmstraße sehe ich täglich sogar zwei Spielhallen direkt nebeneinander, die auch etwa erst ein Jahr lang hier sind. Und das, obwohl wir offiziell ein „Armuts-Bezirk“ sind. Man sieht praktisch nie Menschen aus- und eingehen. Die wenigen Male, die ich aus Neugierde die Spielhallen besucht habe, war ich meist der einzige Besucher.

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Etwa 45 Milliarden Euro hat Berlin seit 1995, als es dem Länderfinanzausgleich beitrat, von den Geberländern des Finanzausgleichs vor die Haustür gekippt erhalten. Oft fragen die Menschen aus den derzeit nur noch 3 Geberländern des Bundesfinanzausgleichs: „Wo versickert denn das ganze Geld, das wir euch schenken? Alles in der Flughafen-Baustelle?“Nein! Das Geld wird hier in Berlin weitergereicht und versickert an tausend Stellen. Das Bundesland Berlin ist in vieler Hinsicht mit Griechenland vergleichbar: es zirkuliert hier in Berlin wie auch in Griechenland viel zu viel nicht selbst erwirtschaftetes Geld. Es ist viel zu viel Geld im System der öffentlichen Mittelvergabe.

Die Geberländer Berlins finanzieren Berliner Baustellen, Berliner Spielhallen, finanzieren in großem Umfang Berliner Faulheit, Berliner Bequemlichkeit und Trödelei, finanzieren Glücksspiel, Drogen- und Menschenhandel, Betrug, Rechtsbruch und Staatsausplünderung. Das öffentliche Gut, das Gemeinwohl verkommt. Mehr noch: Die Politik leistet dem Herunterkommen ganzer Stadtviertel Vorschub. Öffentliche Gebäude wie die Schule in der Reichenberger Straße werden in diesem Sinne vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg kostenlos als geduldete Zonen des Rechtsbruchs ausgewiesen, statt etwa einer dringend benötigten Grundschule in freier Trägerschaft gegen Miete überlassen zu werden.  Und wer sind diesmal die Benachteiligten, die es durch dreiste Spiegelfechtereien zu schützen gilt? Flüchtlinge, Asylbewerber! Dass ich nicht lache! Ein derartiger Missbrauch der Not von Menschen, die in Deutschland Schutz vor politischer Verfolgung suchen und dann durch selbsternannte Menschenrechtsaktivisten zum Rechtsbruch verführt werden, ist noch nicht oft vorgekommen.

Berlins Politik ist großartig darin, immer neue Programme zu ersinnen, um das Geld der anderen Bundesländer unters Volk zu bringen. Neuester Coup: das „Berliner Mietenbündnis“. Ein weiterer in einer endlosen Serie an Taschenspielertricks aus der bunten Traum- und Zauberwelt der Berliner Landespolitik. Es funktioniert alles nicht, wie erst kürzlich wieder der rbb feststellte:

http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_16_01/0.html

Also: Die landeseigenen Wohnungsunternehmen tragen zur Preissteigerung bei – auch dank des zusätzlichen Geldes, das durch derartige Bettelei nach Berlin umgeleitet wird. Aber 40 Millionen Euro an Bundesmitteln werden dafür in Anspruch genommen. Zweck erfüllt! Der Zweck all dieser fruchtlosen Übungen ist: Wähler bei Laune halten, Geld nach Berlin lenken, Zustimmung erkaufen, Wandel verhindern! So und nur so funktioniert das.

Es ist mir wichtig festzuhalten: Wir Berliner sind groß im Handausstrecken! Wir Berliner finden 1001 Geschichten, um nachzuweisen, dass wir benachteiligt sind. Die Berliner Politiker sind große Meister darin, sich gezielt Gruppen von Benachteiligten zu suchen, denen sie dann diesen Status einpauken: „Ihr seid benachteiligt!“ Die Parteien nehmen sich da übrigens gegenseitig nichts. Schwaben, Bayern, Hessen: Bitte auskehren. Wir brauchen das.

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„Ja, die rote Rasse liegt im Sterben!“ oder: Muss man alle bösen Wörter ausmerzen?

 Antifaschismus, Karl May, Rassismus, Verdummungen  Kommentare deaktiviert für „Ja, die rote Rasse liegt im Sterben!“ oder: Muss man alle bösen Wörter ausmerzen?
Jan. 192013
 

Mit diesem tiefen Seufzer hebt ein weithin unbekannter Schriftsteller in einem 1992 im fränkischen Bamberg gedruckten Buch seinen ergreifenden Klagegesang auf den Verfall und das Siechtum der roten Rasse an, die von den unerbittlichen Eroberern und Mördern aus der weißen Rasse „ausgestreckt, niedergestreckt, niedergeworfen“ wurde! Eine unbezähmbare Trauer befällt den Schriftsteller beim Blick auf all das Gemetzel, all die Gewalt, die die weiße Rasse der roten Rasse angetan hat.

Doch langsam, langsam! Lesen wir den geradezu orientalisch-herzzerreißenden Klagegesang von Anfang an:

„Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein. Das hat, so sonderbar es scheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Vergleichsmöglichkeiten geben, sie sind einander dennoch in gewissem Sinn ähnlich, in dem einen Punkt nämlich, daß die Weltmeinung mit ihnen beiden so gut wie abgeschlossen hat, wenn auch mit dem einen weniger stark als mit dem anderen: man spricht von dem Türken kaum anders als vom ‚kranken Mann‘, während jeder, der die Verhältnisser kennt, den Indianer als den ’sterbenden Mann‘ bezeichnen muss.

Ja, die rote Rasse liegt im Sterben! Vom Feuerland bis weit über die nordamerikanischen Seen hinauf liegt der kranke Riese ausgestreckt, niedergestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksal, das kein Erbarmen kennt. […]“

Über mehrere Seiten führt der volkstümliche Erzähler seinen leidenschaftlichen Klageruf fort. Er erhebt mutig und unerschrocken seine Stimme für das Lebensrecht, für die gleiche Würde, den gleichen Rang, das gleiche Lebensrecht der roten wie der weißen Rasse. Er sagt: Alle Rassen, alle Völker, alle Religionen müssen einander als Brüder, als gleichberechtigte Verbündete, als Menschen annehmen. In der exemplarisch vorgelebten Freundschaft und Liebe zwischen einem vorbildlichen Menschen der roten Rasse und einem vorbildlichen Menschen der weißen Rasse sät der Verfasser den Keim der Aussöhnung zwischen allen Rassen, allen Religionen, allen Völkern. Es ist, als sagte er: Brüder! Schwestern! Letztlich sind wir alle Menschen. Wir sind doch alle Menschen! Oder, wie es der Türke mit türkischem Pass der Jetztzeit sagt: Hepimiz insaniz – ganz egal ob wir ein Kurde oder Tscherkesse oder Alevit oder Jude (bloß halt zufällig mit türkischem Pass) oder ein Türke (bloß halt zufällig mit deutschem Pass) sind!

Oder wie es das früher einmal recht bekannte Grundgesetz unseres Staates sagt:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Ob Rothaut oder Bleichgesicht, ob auf sein Blut stolzer Türke oder schweinefleischfressender Kartoffeldeutscher, ob heidnischer Baumverehrer und ökofanatischer Klimaschutzgläubiger oder jüdischer, muslimischer Monotheist: Alle Menschen sollen einander achten und einander im Geist der Nächstenliebe begegnen. Sagt der unbekannte Volksschriftsteller. Sagt irgendwie auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Ist diese Botschaft des rassistischen Schriftstellers böse, nur weil in ihr das Wort Rasse vorkommt? Ist dieser Mensch abgrundtief böse, nur weil er die Menschheit in die rote und die weiße Rasse unterteilt und für das Existenzrecht der roten Rasse, der roten Kultur, der „amerikanischen Erstnation“, wie sich die rote Rasse politisch korrekt heute nennt, eintritt, wie dies in unseren Tagen Quentin Tarantino macht, der das Schicksal der amerikanischen Erstnation ebenso wie die Ausbeutung der schwarzen Rasse durch die weiße Rasse einen Holocaust genannt hat?

Das herzzerreißende Klagen des weißen Volksschriftstellers erinnert an das nicht minder herzzerreißende Klagen der heutigen antirassistischen deutschen Weißseinsforscher, der heutigen deutschen Antirassisten, die ihre Stimme laut und vernehmlich zugunsten der ihrer Meinung nach in Deutschland unterdrückten ethnischen Gruppen und Rassen erheben.  Gemeinsam ist all diesen Menschen, all diesen Rassistinnen und all diesen Antirassistinnen, dass sie ein einziges Merkmal, etwa die Hautfarbe oder die volksmäßige Herkunft oder die Religion, zum alles dominierenden Merkmal erheben und in alten volkstümlichen Texten wie etwa Astrid Lindgrens Kinderbüchern alles ausmerzen, was nur im mindesten an die in allen Zeiten menschliche, die allzumenschliche Einteilung von Gruppen in WIR und IHR erinnert oder erinnern könnte.

Ich meine: Der heutige, politisch korrekte Antirassismus und typisch deutsche Antifaschismus und typisch deutsche Antinationalismus, welcher seinerseits mit rassistischen Ausmerzungen unerwünschter Wörter und mit der seinerseits rassistischen Ausgrenzung unerwünschter Menschen arbeitet, ist eine Form der höhergebildeten Heuchelei.

Das ist rassistisch“, „das ist eine Unverschämtheit“, „da reden wir gar nicht mehr weiter!„, dieser gleichsam permanent wutschnaubende, jederzeit empörungsbereite Fanatismus, wie ihn etwa Mark Terkessidis vorschlägt, „Kein Fußbreit den Nationalisten!“ – „Kein Fußbreit den Rassisten!“, wie man es immer wieder mal bei uns in der schönen Kreuzberger Heimat an den Wänden liest, –  alle diese zum sofortigen Gesprächsabbruch und oft auch zum gewaltsamen Kampf aufrufenden Losungen stellen eine nicht ganz ungefährliche Form der bêtise humaine dar.

Nebenbei: Ein Blick in neuere Karl-May-Ausgaben ergibt soeben, dass auch hier das unerwünschte Wort Rasse unerbittlich ausgemerzt, vernichtet, niedergeworfen und niedergestreckt worden ist.

Zitatnachweise:
Winnetou. Erster Band. Reiseerzählung von Karl May. 3691. Tausend. Nach der 1960 von Hans Wollschläger revidierten Fassung neu herausgegeben von Lothar Schmid. Karl-May-Verlag Bamberg [= Karl May’s Gesammelte Werke, Band 7], Bamberg 1992, S. 5

http://www.tagesspiegel.de/kultur/koloniale-altlasten-rassismus-in-kinderbuechern-woerter-sind-waffen/7654752.html

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/quentin-tarantino-holocaust-und-spaghetti-western,10809150,21422432.html

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Schrippe = Weggla = Semmel

 Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Schrippe = Weggla = Semmel
Jan. 172013
 

Große Dankbarkeit empfinden wir gegenüber dem Mann, der kürzlich den Pankower Schrippenstreit vom Zaun gebrochen hat! Denn er hat sich zum Gemütswert der Sprache bekannt. Der Dialekt der eigenen Kindheit bewahrt in der Tat Spuren des biographischen Gedächtnisses auf. Er verortet den Menschen in seiner eigenen Geschichte! Wer den Zungenschlag der Kindheit vermisst, vermisst Mutter, Vater und Geschwister, vermisst Heimat!

Von Ennio Flaiano, einem der Drehbuchschreiber für La notte von Michelangelo Antonioni, wird uns berichtet, er habe einmal den berühmten Regisseur auf die Schippe genommen:

„Ma che mi stai parlando sempre di incomunicabilità! Falli parlare in dialetto e vedrai che cominceranno presto a comunicare! – Was sprichst du eigentlich immer von der Sprachlosigkeit. Lass die Leute Dialekt sprechen und du wirst sie sehen, sie fangen schon an miteinander zu kommunizieren!“

Außerhalb Pankows stieß der Pankower Schrippenstreit auf amüsiertes und teils gespieltes Entsetzen. „Bei uns in Nürnberg sagt man Weggla!“ „Bei uns in Augsburg sagt man Semmel!“ Spannend! Die echten Lechschwaben sagen also nicht Weckle, wie von Herrn Thierse behauptet, geschweige denn Wecken, sondern Semmel – offenbar abgeleitet vom assyrisch-bairischen Sömmi.

„Und dafür habt ihr in Berlin Zeit!“ „Ja mei! Ihr Berliner braucht nichts dringender als eine schwäbische Kehrwoche, und zwar regelmäßig.“ „Wie schaut’s nachert bei Eierm Flughafa aus? Wann kriegtsa den gebacken? Duads fei ned dLandeboh vergessa!“

Hohn und Spott ergossen sich bei meinem jüngsten Aufenthalt über uns arme Berliner bei meinem kürzlichen Aufenthalt in Lechschwaben. Zitate: „Ihr solltet uns Schwaben dankbar sein! Wir bezahlen Eure phantastisch aufgewärmten Schwimmbäder, Eure Kita-Plätze, Eure im Märkischen Sand versenkten Milliarden.“

Da ist schon etwas dran. Berlin schwimmt im Geld der anderen Bundesländer und haushaltet schlecht. Es hat „traumhafte Förderkulissen“ hochgezogen. Bei jedem Problem wird die Hand ausgestreckt und ein neues staatliches Förderprogramm aufgelegt. Wie nennen sie es jetzt mal wieder? „Bündnis für Mieten“, „Bezahlbarer Wohnraum für alle!“ Ja mei! Sie können es nicht lassen! Statt die Leute etwas enger zusammenziehen oder etwas mehr arbeiten zu lassen, verhängen die Politiker Programme, die nicht funktionieren können, und verbraten weiterhin munter das Geld der anderen Bundesländer.

Doch meine ich: Hohn und Spott kübelweise allein greifen zu kurz. Deutschland spricht immerhin von seinen Dialekten. Dafür könnten wir Schwaben  uns Berlinern dankbar sein. Möge der Pankower Schrippenstreit dazu beitragen, die Deutschen auf die Vielfalt ihrer Dialekte aufmerksam zu machen! Auch die gilt es zu hegen und zu pflegen.

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Jan. 162013
 

„Joschka, lieber Joschka mein,
hilf mir wiegen das Kindelein“

Dieses alte Lied sang ich vor 2 Wochen zusammen mit meinem Weib, meinem Kind, meiner Mutter und meinen Freunden im Schatten der nordischen Julka. Joschka, wer ist das? Dieser Joschka, wie er auf Ungarisch heißt, zieht außer Gebären und Stillen des Kindes das volle Programm durch. Er macht alles mit, was der Mann in der frühkindlichen Erziehung leisten kann. Er ordnet sich dem Wohl des Kindes unter, sichert das Wohl der Familie. Dass von ihm weniger geredet wird als von seiner Frau, scheint ihn nicht zu stören. Er spielt die zweite Geige unter den Eltern, die Mutter kommt groß raus im Strahlenkranz. Madonna Mia!

Dieser Joschka oder Yussuf, wie er auf Arabisch heißt, oder Yosip, wie er auf Serbisch heißt,  ist der moderne Mann, wie ihn die heutige Zeit braucht. Arbeitsverhältnisse ändern sich, Geschlechterverhältnisse ändern sich. Deshalb gilt: Oh Mann, werde wesentlich! DIENE der Familie! Bedürfnisse des Wirtschaftens ändern sich.

Die Grundbedürfnisse der kleinsten Kinder ändern sich seit Jahrtausenden hingegen nicht: Wärme, Muttermilch, das Ruhen an der Brust nach dem Stillen, Körperkontakt, Zärtlichkeit, Ansprache, Gesang, Sicherheit vor körperlicher Bedrohung, Schutz vor bösen Tieren und bösen Herrschern. Kinder brauchen den stabilen Rahmen aus Weib und Mann. Wir nennen’s Ehe, nennen’s Familie.

DAS müssen wir in die Köpfe und Herzen auch reinkriegen. Lies den SPIEGEL-Titel von 2013: „Oh Mann.“ Ob nun das Weib oder der Mann die Kohle ranschafft, ob er oder sie das Wasser vom Brunnen holt, ob JOSCHKA oder MIA größer und strahlender rauskommt, ist zweitrangig. Entscheidend ist das Wohl des Kindes. Ihm DIENT die Familie. Das vergessen wir allzu oft.

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Die apokalyptischen Reiter der Menschheit kommen aus dem Herzen des Menschen

 Apokalypse, Das Böse, Klimawandel, Krieg und Frieden, Natur  Kommentare deaktiviert für Die apokalyptischen Reiter der Menschheit kommen aus dem Herzen des Menschen
Jan. 152013
 

Reiche, tiefe Einsichten aus den letzten Tagen! „Laut EU und laut Frankreich ist der Klimawandel kurz- und mittelfristig das größte Problem der Menschheit. Wie seht ihr das? Ist Klimawandel eure Hauptsorge?“, so frage ich Freunde aus Syrien. Sie wären fast aus der Haut gefahren! „Bei uns in Aleppo haben sie seit 15 Tagen keinen Strom mehr, die mühsame Wiederaufbauarbeit der GTZ für die uralte Altstadt von Aleppo ist in wenigen Stunden vernichtet worden, hier sind Jahrtausende der Menschheitsgeschichte auf immer verloren worden  – und ihr redet immer nur vom KLIMASCHUTZ und von der ENERGIEWENDE?!“

Nein, nein! Ich meine: Gewalt, Raub, Mord, Krieg, Verlust der Eltern, der Familie, Vertreibung, Gier,  Neid, Hass, Rechtlosigkeit – das sind seit Menschengedenken die apokalyptischen Reiter, das sind auch heute die großen Bedrohungen.

Nicht Weltenrettung durch Klimaschutz ist angesagt, sondern das tägliche Ringen und Kämpfen für das Wohl des Menschen, dem wir begegnen. Eine einzige Bombe in Aleppo zerreißt doch all die wohlgemeinten Anstrengungen zur Rettung der Weltklimas.

Bei meinem Theaterauftritt in „Hör die Stimme der Natur!“ im Ackerstadtpalast sprach ich mich deshalb für den Schutz und die Hege, die Achtung und die Fürsorge für den Menschen aus. Herrlich, wie der Film „Das Leben des PI“ die grausame Unerbittlichkeit der NATUR PUR herausmeißelt!  „Mancher, der glaubte, die NATUR PUR zu schützen, fand sich mit ihr auf einem Rettungsboot und entdeckte, dass sie ein reißender Tiger ist. Bitte fangt mit der Nächstenliebe an! Achtet die Natur im begegnenden Menschen zunächst! Fangen wir doch mal mit dem gesunden, achtsamen, menschenfreundlichen Radfahren an!“ Stolz hielt ich meinen Fahrradhelm ins Publikum. Die Botschaft kam an, die Menschen lachten und lächelten. Die wahre Energiewende ist eine Wende des Herzens!

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Sie küssten und sie schlugen ihn: So ziehen wir unsere Intensivtäter heran

 Analı babalı, Familie, Kinder  Kommentare deaktiviert für Sie küssten und sie schlugen ihn: So ziehen wir unsere Intensivtäter heran
Jan. 142013
 

Gestern sah ich mir „Les quatre cent coups –  Sie küssten und sie schlugen ihn“ von François Truffaut an. Ein unglaublich aktuelles Schicksal führt uns Antoine Doinel, der 12-jährige Schulschwänzer und Intensivtäter, während der Vernehmung durch einen Justizbeamten vor Augen. „Meine Mutter wollte mich eigentlich nicht haben, sie wollte mich abtreiben. Dass ich geboren wurde, verdanke ich meiner Oma. Meine Mutter gab mich nach der Geburt weg. Mit 8 Jahren nahm sie mich wieder auf. Mein Vater ist gar nicht mein Vater, sondern mein Stiefvater. Am Sonntag fährt er immer mit dem Automobilclub weg. Meine beiden Eltern arbeiten. So bin ich meistens allein.“

Der ungeliebte, ungewollte, von der Mutter fast abgetriebene, dann weggegebene, vom leiblichen Vater übersehene, vom Stiefvater vernachlässigte Sohn, der ständig aneckt und ständig ausbüchst: das ist Antoine Doinel. Sein ganzes Leben ist ein Hungern nach Liebe und Anerkennung, aber auch nach Grenzensetzung und Zugehörigkeit.

Der 1959 gedrehte Film von Truffaut führt in exemplarischer Weise vor Augen, was bei uns in Berlin und anderen deutschen Städten Zehntausende, ja Hunderttausende Kinder erleben. Antoine, hinreißend gespielt von Jean-Pierre Léaud, ist der Protoyp unseres berühmten Intensivtäters. Diese gewissermaßen zerschossene Familie ordnet sich nicht „um das Wohl des Kindes herum“ an. Beide Eltern „leben ihren Stiefel“. Sie haben es nie gelernt, sich dem Wohl des Kindes unterzuordnen. Sowohl Stiefvater wie leibliche Mutter setzen Selbstverwirklichung an die erste Stelle. Das Kind ist Zutat, die man haben kann oder auch theoretisch und praktisch wegmachen lassen kann.

Der Junge erfährt ein Wechselbad an Verhätschelung und Vernachlässigung. Er flüchtet in Schulverweigerung, Medienberieselung, Spielhallen, Rauchen und Kriminalität. Die einzige Anerkennung, die einzige Nähe erfährt er im Zusammensein mit gleichaltrigen Leidensgenossen.

Und die „Schule“, der „Staat“, die „Gesellschaft“? Tut was sie kann, ist aber machtlos im Bemühen, das zu ersetzen, was die Eltern dem Kind vorenthalten. Frankreich führt gerade in diesen Tagen eine leidenschaftliche Debatte über die Familie! Soll man Familie dem Zufall und der Willkür überlassen – oder gibt es gewisse Grundeinsichten über das gute Gedeihen von Kindern, die sich über Jahrhunderte herausgebildet haben? Braucht ein Kind die leibliche Mutter und den leiblichen Vater? Was macht es mit den Kinderseelen, wenn es in einer Gesellschaft immer wieder erfährt oder erfühlt: „Wir Kinder hätten auch abgetrieben werden können?“ Wenn es das Gefühl hat: „Eigentlich störe ich das Glück der Älteren?“

Was würde dem Kind Antoine  helfen? Zuwendung, Liebe, Verlässlichkeit, klare Regelsetzung, die Achtung vor dem kleinen, unscheinbaren, geringgeschätzten Menschen. Die Liebe einer Mutter, die Liebe eines Vaters. Alles das, was die gute Familie – bestehend aus Vater, Mutter, Kind – leisten kann und auch leisten soll. Es ist keine Geheimwissenschaft, es ist nichts Übermenschliches.

Der Film „Les quatre cent coups“ ersetzt zahlreiche Kongresse und Debatten über die sozialen Ursachen der Kriminalität und des Schulversagens bei unseren Jugendlichen. Er nimmt bereits 1959 die komplette Entkoppelung von Sexualität, Ehe und Familie vor, die sich ab den 60er Jahren dann in allen weuropäischen Gesellschaften mit Macht ausgebreitet hat. „Mach’s, aber mach’s mit“ – so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Von der Verantwortung für ein kleines Kind erfahren die Heranwachsenden in unseren Schulen nichts. Die Berliner Schulen erziehen nicht zum Zusammenleben in Familien. Sexualität wird in Berliner Schulen ausschließlich als Teil der Selbstverwirklichung und Selbstfindung gelehrt.

„Ich will’s endlich.“ ICH WILL ES.  Nur darauf kommt es an. So lehrt die Bundeszentrale im Auftrag der Bundesregierung den rechten Umgang mit Sexualität.

Die Politik berauscht sich an Erfolgen in der Erzielung einer höchstmöglichen Erwerbstätigenquote bei Mann und Frau. Dass immer weniger Kinder geboren werden – egal! Solange die Volkswirtschaft brummt, solange die Single-Männer und Single-Frauen sich ein Auto leisten können, alles paletti.

Die Folgen des derart zersplitterten und zerschossenen Familienbildes für das Kind hat Truffaut visionär vorweggenommen.

Bild: „Ich will’s endlich. Mach’s – aber mach’s mit.“ Aufgenommen im August 2012 in der Wilhelmstraße, Berlin-Kreuzberg.

 Posted by at 23:23
Jan. 122013
 

Es geht doch. Dass ständige Bloggen und Grummeln hilft! Gastauftritt des Kreuzberger Bloggers auf großer Bühne! Als  „Experte für Naturschutz- und Umweltfragen“. Hört hört! Ich sach ma: Hört die Stimme der Vernunft, hört die Stimme des Herzens! HÖR DIE STIMME DER NATUR! Heute abend in der Mitte der Stadt. Mit Roberta Ascani, Jana Hampel und Thomas Ruff. Regie: Aitor Basauri.

12. Januar 2013 um 20 Uhr 30 im Ackerstadtpalast Berlin in der Ackerstraße 169 in Berlin Mitte. Karten gibt’s an der Abendkasse wie Sand am Meer!

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Mia und Josh

 Deutschstunde, Jesus von Nazareth  Kommentare deaktiviert für Mia und Josh
Jan. 112013
 

„In dr Schwyz und au in Dütschland isch de Name Mia 2011 ganz obe uf de Liischte vu de beliebtischte Babyvorname z finde gsi“, berichtete mir gestern ein alemannischsprachiger Bekannter, mit dem ich das Thema der beliebtesten Vornamen anschnitt. Der Eidgenosse hatte vollkommen recht:  Mia, eine verkürzte Koseform des Namens Miriam (hebräisch) oder auch Meryem (arabisch) oder auch Mariam (griechisch), steht seit 3 Jahren unangefochten auf Platz 1 der Liste der in Deutschland beliebtesten Baby-Vornamen.

Dass biblische Vornamen derart stark wiederzulegen, spüre ich hier in Kreuzberg besonders! So lobte ich einmal, während unsere Kurzen im Sandkasten buddelten, beim lockeren Geplauder einen Kreuzberger Mitvater, dass er seinen Sohn Joshua genannt habe: „Das finde ich aber gut, dass ihr euren Sohn durch die hebräisch-englische Form seines Vornamens an den jüdischen Wurzelgrund des Christentums erinnert!“ „HÄ?!“ Der Mitvater war baff, er wollte als guter Kreuzberger Internationalist einfach einen Namen wählen, mit dem man als schauspielernder Rookie in Hollywood ebenso wie als Hedgefund-Manager an der New Yorker Börse reüssieren kann. Und vor allem wollte er das Kind nicht mit einem deutschen Namen belasten. Joshua oder auch einfach Josh ist einfach so cool! JOSH! Mit Jesus oder dem Christentum hatte er bei der Namengebung gar nichts im Sinn.

Dennoch stimmt es: Jehoshua ist der hebräische Name von Jesus. Es ist schon so: Seine Eltern, – nennen wir sie heute mal auf gut deutsch Mia und auf gut ungarisch Joschka  – die so viel Kummer seinetwegen litten,  als er ihnen im Alter von 12 davonlief, riefen ihn wohl so: „Jehoshua, Jeschukind, wo bist du denn? Melde dich!“ Und als sie ihn fanden, hielten sie ihm vor: „Wie KONNTEST du uns DAS antun!“ Eine Bitte um Entschuldigung oder auch nur ein Wort des Bedauerns ist von Jesus nicht überliefert, ganz zu schweigen von einem Gelöbnis der Besserung. Er war offenkundig ein nicht steuerbares, nicht immer gehorsames  Kind.

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„Wir Schwaben sind ein stolzes Volk!“ oder: Sollte man Nationalstolz einfach verbieten?

 Deutschstunde, Europäische Union, Konservativ, Leitkulturen, Vergangenheitsunterschlagung, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für „Wir Schwaben sind ein stolzes Volk!“ oder: Sollte man Nationalstolz einfach verbieten?
Jan. 092013
 

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2012-12-08-134636.jpgWir Schwaben sind ein stolzes Volk„, so konnte man es in den 80er Jahren im Temeschwarer Heimatblatt der in in Rumänien lebenden Deutschen, der „Donauschwaben“ immer wieder lesen. „Wir lassen uns unseren guten Namen nicht zerstören“.

Die Berliner sollten uns Schwaben dankbar sein!„, so äußerte sich vor wenigen Tagen der Bundesvorsitzende einer politischen Partei, ein stolzer Landwehrkanalschwabe in der BILD gegenüber dem alteingesessenen Pankower Wolfgang Thierse.

Wir sind mit Stolz Deutsche geworden„, berichtet heute auf Seite 3 der Süddeutschen Zeitung die aus Syrien stammende Deutsche Hajat Abdullah.

Jetzt bin ich wieder stolz, Deutscher zu sein„, so Konrad Adenauer im Jahr 1946.

Ich liebe die deutsche Sprache„, schrieb Kübra Gümüsay einmal in der taz.

Für viele unter uns Deutschen, die wir eigentlich kein Verhältnis mehr zur eigenen Nation und zur eigenen Sprache haben oder sie im Euro-Taumel und im Kult der ewig lastenden Schuld eher als etwas zu Überwindendes betrachten, sind derartige Sätze befremdlich.  Für viele Deutsche ist deshalb aber auch der polnische, tschechische, österreichische, Schweizer, französische, der holländische, dänische, der russische und vor allem der türkische Nationalstolz eine fremde Welt. Selbst die schlimmsten Massenverbrechen, die diese Völker begangen, mitbegangen oder begünstigt haben, sind kein Grund, den Stolz auf die eigene Nation in Frage zu stellen. Und obwohl es in allen unseren Nachbarländern einen wieder und wieder bezeugten Nationalstolz und auch einen konsolidierten Nationalismus gibt, lösen bei uns Sätze wie etwa „Ich liebe die deutsche Sprache“, „ich bin stolz, Deutsche geworden zu sein“, „ich freue mich, Deutscher zu sein“ bei vielen Deutschen Widerwillen und Abscheu aus. „Wie kann man denn als Neudeutscher eine private Einbürgerungsfeier machen!“

Gerade in Friedrichshain-Kreuzberg gibt es einen rabiaten, gewalttätigen, schwaben- oder besser deutschenfeindlichen Antinationalismus, der in der Revaler Straße seine 50 m lang lesbare Ausprägung gefunden hat. Träger der antideutschen Hetze sind ausnahmslos Deutsche. Sie würden gerne Deutschland auflösen, Deutsch verbieten, alle Deutschlandfahnen verbrennen und eine Art wabernden Internationalismus, mutmaßlich mit Vorrang des Englischen, der alten Sprache des weltumspannenden Kolonialismus einführen. – Man hört heraus:  „Nach allem, was die Bundesrepublik Deutschland seit 1949 verbrochen hat, muss dieser Staat bekämpft werden.“  „Abschiebung ist Mord!“, konnte man deutlich bei den deutschen Platz-Besetzern am Mariannenplatz lesen. Ein Staat, der Abschiebungen vornimmt und nicht alle Menschen, die sagen: „Hoppla hier bin ich!“  auf seinem Territorium beherbergt und beköstigt, ist also ein „Mörderstaat“.  So lautet ein typischer Spruch dieser antideutschen Bewegung.

Dieser ideologisch verbohrte deutsche Antinationalismus ist etwas zutiefst Deutsches. Er findet sich schon gut belegt seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland. Alles, was deutsch ist und deutsch redet, ist in den Augen der deutschen Antinationalisten schlechter als alles andere. Gottfried August Bürger spießt diese Haltung trefflich auf, indem er vorgibt, seine Münchhausen-Abenteuer aus dem Englischen übersetzt zu haben, weil „Deutschland gegen eigene Verdienste ungerecht ist“.

Die reiche Kultur in deutscher Sprache aus den verschiedenen deutschen Landen, ja die deutsche Sprache selbst wird hier in Deutschland meist unter den Teppich gekehrt oder mehr wie ein abgestelltes Möbelstück vergessen. Doch müsssen wir Deutsche unser Ohr für diese fremde Welt des nationalen Denkens öffnen, wenn wir unsere Nachbarvölker verstehen und annehmen wollen.  Einfach alle Nationalisten zu Idioten zu erklären, oder einfach alle national orientierten  Parteien wie etwa den Front National, die Neuen Finnen, die NPD, den Vlaams Belang oder die Jobbik-Partei zu verbieten, löst das Problem nicht. Diese Ausmerzung des nationalen Fühlens oder des nationalistischen Denkens kann man in Deutschland versuchen, in Polen, in Rumänien, in Tschechien, in Ungarn, in Griechenland, in England und vor allem in der Türkei wäre es aussichtslos. Man hätte sofort die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich, wenn man das nationale Denken verböte und austriebe. In Polen wird auch da ungerührt von uraltem polnischen Boden gesprochen, wo Jahrhunderte lang nur Sorben und Deutsche lebten. Für die Türken gab’s im Gebiet der heutigen Türkei laut offizieller Lehre eigentlich sowieso immer nur Türken, und Türkisch ist die Muttersprache aller anderen Sprachen. Griechenland, diese stolze Nation, sieht sich von aller Welt verraten und verkauft.

Ich meine: Das nationale Denken wird sich nicht, weder durch deutsches Dekret noch durch EU-Verordnung oder durch Förderung der deutschen antideutschen Volksverhetzer beseitigen lassen. Alle EU-Staaten mit Ausnahme Deutschlands definieren sich in den Köpfen und Herzen der allermeisten Bürger auf absehbare Zeit als Nationalstaaten. Nirgendwo außerhalb Deutschlands sind die Menschen auch nur ansatzweise bereit, den Gedanken der vor allem sprachlich definierten Kulturnation zugunsten einer vorrangigen EU-Identität aufzugeben. Ausschließlich in Deutschland stellen sich Politiker hin und sagen: „Der Europäischen Union geht es schlecht. Wir brauchen deshalb mehr Europäische Union.“ Das wäre im Binnendiskurs aller anderen EU-Länder nahezu undenkbar! Dazu muss man nur die landestypische Presse in einer beliebigen anderen europäischen Sprache lesen oder besser noch einfach mit den Leuten auf der Straße oder im Zug reden.

Dass ausgerechnet die Bundesrepublik Deutschland unter allen EU-Staaten mit großem Abstand das am schwächsten entwickelte, ein von nagenden Selbstzweifeln angekränkeltes  Nationalgefühl hat und deshalb keine Führungsrolle haben will, ist eine, wenn auch keineswegs die wesentliche Ursache dafür, dass in der Europäischen Union so vieles im argen liegt.

Lernen wir von Kübra Gümüsay, von Cem Özdemir, von Konrad Adenauer, von Hajat Abdullah, von den redlichen Donauschwaben, von den kreuzbraven Landwehrkanalschwaben, den Neuen Deutschen und den deutschen Spätaussiedlern, dass wir ein grundsätzliches Ja zu Deutschland sagen dürfen!

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Jan. 082013
 

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Viele wunderbare Begegnungen brachte mir die Weihnachtszeit – deshalb entbiete ich den rastlosen Immen des Lorscher Bienensegens, die ich, der armselige Worte-Imker, als besinnliches Signal des Innehaltens weitgestreut unters Menschenvolk brachte, meinen tiefen Dank! „Ach wie süß – ein summender Spruch an die Bienen in althochdeutscher Sprache!“ Ja wirklich, erwidere ich: Nous sommes les abeilles de l’invisible – wir sind die Bienen des Unsichtbaren!

Ich meine: die Bienen des Lorscher Bienensegens haben uns unendlich viel zu lehren und zu sagen. Die Bedrohung der Bienenvölker, der wir uns ausgesetzt sehen, ist ein echtes Warnzeichen. Ohne Bienen überlebt ein Großteil unserer Pflanzen nicht. Schützen und hegen wir doch die Bienen! Weihnachten ist aber nicht nur ein Fest des Innehaltens selbst für die Bienen, sondern auch ein Fest der schöpferischen Weiblichkeit! Wir Männer sind zu Weihnachten und überhaupt im Christentum eher Zuschauer und Beschenkte, weniger die Macher und Macker – beginnend von der Geschichte zwischen Elisabet und Maria, bei der die Männer keine Rolle spielen.  Und so erlebte ich denn die geistliche Musik dieses Mal durchweg als bewusste Einübung der Weiblichkeit für die Seele des Mannes  – so insbesondere die großartige Arie „Bereite dich Zion“ aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach.

„Wir haben hier eine Geburtsvorbereitung für uns alle, besonders aber für uns Männer“, führte ich das Publikum in der Schwartzschen Villa ein. „Merkt ihr, wie sich hier die Geburt eines Menschen – die Geburt jedes Menschen – ankündigt?“ Und dann vertraute ich mich ganz der herrlichen Führung durch die Altistin Irina Potapenko und die Pianistin Lala Isakova an. Erneut – zwei Frauen, die hier die Führung übernehmen, ein armer Obligatgeiger, dem hier die Rolle des Geburtshelfers zugedacht wird! In den kräftig zu spielenden, ja zu „stoßenden“ akkordischen Sechzehnteln der Geige enthüllte sich mir das anpochende keimende Leben des kleinen Buberls, das sich schon kräftig hüpfend bemerkbar macht und nach draußen will! Eine besondere Freude war es mir, dass im Publikum auch Andreas Zimmermann saß, der Berliner Geigenbaumeister, der mir vor 10 Jahren diese damals frisch geborene herrliche Geige anvertraute, die mittlerweile schon eine kleine Lebensgeschichte mit mir teilt.

Als Lohn  für unser fleißiges Tun erhielten wir bei einer anderen Aufführung der Bachschen Arie „Bereite dich Zion“ in der Kirche der Elisabet auf der roten Insel in Schöneberg aus den Händen des Pfarrers Dori ein großes Glas slowenischen Berghonigs, erzeugt nach der EU-Öko-Verordnung. „Das ist ja schön, genau das habe ich mir gewünscht, ich danke dir!“, rief ich aus. Und danach zog ich aus der roten Ortlieb-Fahrradtasche meinen zweisprachigen Weihnachtswunsch hervor und überreichte dem Pfarrer der slowenischen Gemeinde meine grob tastende Übersetzung des Lorscher Bienensegens und führte als Begründung an: „Denn der Mensch lebt nicht von wildem Honig allein, sondern auch von der Gemeinschaft im Wort!“ Gemeinschaft im Wort? Aber das ist Johannes!

Wenn ich an all diese Begegnungen zurückdenke, muss ich sagen:

Danke danke bina!

Bild: Der wilde slowenische Berghonig aus der Kirche der Elisabet in Schöneberg

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Jan. 062013
 

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„Wann ist in Ihren Augen jemand integriert, der aus einem anderen Land nach Berlin zieht?“

Monika Lüke: „Wenn er nicht diskriminiert wird, wenn er respektiert wird, Chancengleichheit erlebt und wenn er auch politisch mitbestimmen kann.“

So die aufschlussreiche Antwort der westfälischstämmigen Deutschen Monika Lüke, der Integrationsbeauftragten des Berliner Senats, in der Morgenpost von heute. Es ist leicht zu erkennen: Alle vier genannten Bedingungen sind etwas, was die aufnehmende Gesellschaft zu erbringen hat.  Denn eine etwaige Diskriminierung erfolgt durch die Mehrheitsgesellschaft, Respekt gegenüber den Zuwanderern müssen die Einheimischen aufbringen, Chancengleichheit und Mitbestimmung ist ebenfalls eine Leistung, die die bestehende Gesellschaft erbringen muss – etwa durch die Zuerkennung des kommunalen Wahlrechts für Ausländer ohne Wenn und Aber.

Der Einwandernde braucht nach dieser Meinung keine Leistung zu erbringen. Integration ist nicht auch eine Bringschuld, wie Monika Lüke sogar ausdrücklich feststellt, sondern etwas, was dem zu integrierenden Menschen als Holschuld zusteht:

„Wie muss die Integrationsarbeit der Betroffenen selbst aussehen? Gibt es eine „Bringschuld“ der Migranten?

Monika Lüke: „Nein. Aber wer an der Gesellschaft teilhaben will, muss natürlich auch aus der Begrenztheit der Familie heraustreten und offen sein für sein Umfeld. Ich erinnere mich, als ich in Kambodscha gearbeitet habe, hatte ich auch keine Lust, wie dort üblich, um fünf schon zu Abend zu essen oder als Frau keine Zigaretten mehr zu rauchen. Natürlich habe ich mich aber an die Lebensweise angepasst, bin dort ausgegangen, habe kommuniziert, wie es dort verbreitet ist – höflich und eher distanziert -, und habe mich über die Gegebenheiten vor Ort informiert.“

Eine bündige, knappe Antwort, für die wir dankbar sein müssen! Für ein Scheitern der Integration trägt die deutsche Gesellschaft Verantwortung. Sie muss sich selbst mehr ins Zeug legen. Sie tut nicht genug.

Wie sieht es in anderen Ländern, etwa in den USA aus? Wann ist man integriert? Hierfür gibt die ebenfalls westfälischstämmige Deutsche Lamya Kaddor eine anderslautende, von Monika Lüke deutlich abweichende Antwort:

„Man ist dann integriert, wenn man drei Voraussetzungen erfüllt: wenn man erstens für die grundlegenden Werte der Freiheit, der Gleichheit und des Eigentums einsteht, wenn man zweitens seinen eigenen Lebensunterhalt verdient und wenn man drittens so viel Englisch beherrscht, dass man sich verständigen kann.“

Dieses Einstehen für die Grundwerte der aufnehmenden Gesellschaft, die wirtschaftliche Selbständigkeit und die Kenntnis der Landessprache sind zweifellos Leistungen, die der Einwandernde aus eigener Kraft erbringen muss. Die drei Voraussetzungen gelingender Integration sind eine Bringschuld des Einwandernden.  Selbstverständlich werden ihm auch in den USA in der einen oder anderen Form Diskriminierungserfahrungen nicht erspart bleiben, er wird vielleicht auch angefeindet werden, aber es herrscht doch Konsens, dass jeder, der für die grundlegenden Werte der demokratischen Gesellschaft eintritt, der nicht vom Sozialamt, sondern von eigener Hände Arbeit lebt und die Landessprache einigermaßen beherrscht, als integriert anzusehen ist. WELCOME TO THE USA!

Lamya Kaddor verhehlt nicht ihre Sympathie für dieses amerikanische Konzept der Integration, die das Vertrauen ganz in den Zuwandernden setzt und alle Hindernisse für überwindbar hält. Millionen und Abermillionen von Zuwandernden haben in den USA die Grundsteine für den eigenen Erfolg selbst gelegt. In Deutschland hingegen sind Hunderttausende und Hunderttausende ohne jede eigene Anstrengung zu bescheidenem Wohlstand und gesichertem Lebensunterhalt für sich und ihre Angehörigen gelangt und tun dies Tag für Tag weiterhin.

Welche der beiden Westfälinnen hat nun Recht? Muss die aufnehmende Gesellschaft alle wesentlichen Leistungen erbringen, wie es Monika Lüke behauptet – oder kommt es vor allem auf die Zuwandernden an, wie es Lamya Kaddor zu recht an den USA lobt?

Ich selbst verhehle nicht, dass mir Lamya Kaddors Position besser gefällt als die Monika Lükes – zumal ich ja selbst in Berlin bloß ein bayrisch-schwäbischstämmiger Zuwanderer bin und entsprechend kindlicher Prägung größten Wert auf unser schwäbisches „Schaffa Schaffa“ lege. Zu Hochdeutsch: Arbeite und arbeite!

Es stört mich zunehmend und stört mich wirklich ganz ungemein, dass im verwöhnten Bundesland Berlin stets der üppig von anderen Bundesländern bezuschusste Staat, „die Gesellschaft“, „die Politik“, der Senat für alle Leistungen in Haft genommen werden, die letztlich eine Frucht der Anstrengung des einzelnen sind:

1) Persönliches Eintreten für die Werte des deutschen Grundgesetzes: Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit aller Menschen, Gesetzestreue, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung von Mann und Weib, Ablehnung der muslimischen Mehrfrauenehe

2) Streben nach eigenem Verdienst und nach eigenem Besitz durch anständige Arbeit

3) Erlernen der deutschen Landessprache

Das sind meiner Meinung die wesentlichen Voraussetzungen, um in diesem Land als integriert zu gelten. Das sollten wir verlangen und erwarten. Wer diese drei Voraussetzungen  konsequent ablehnt, wie es leider immer noch viel zu viele Menschen tun, dem ist noch durch die beste Integrationsbeauftragte nicht zu helfen.

Ganz wichtig: Es laufen seit Jahren starke Bemühungen, Zug um Zug inselartig geschlossene Volksgruppen im chaotischen Meer der Bundesrepublik Deutschland zu errichten. Der Nationalismus in den Zuwanderer-Gemeinden ist deutlich auf dem Vormarsch. Hinter dem neuen Schlagwort „Partizipation statt Integration“ verbirgt sich der neuerdings immer deutlicher vorgetragene Anspruch auf Konstitution einer eigenständigen nationalen Minderheit, deren Interessen durch die Herkunftsstaaten – insbesondere  Türkei und Polen – wahrgenommen werden. Wollen wir Deutsche diese Volksgruppenkonzepte nach dem Modell der Sowjetunion, Belgiens oder des Osmanischen Reiches wirklich – oder wollen wir die Integration, die Abschleifung und Vermischung der Herkunftsländer in einer gemeinsamen Gesellschaft mit einer einheitlichen deutschen Staatsbürgerschaft?

Mein Urteil lautet: Punkt, Satz und Sieg in dieser Partie für die mutige, unerschrockene Lamya Kaddor. Bei Monika Lüke sehe ich Nachholbedarf. Sie muss meines Erachtens wegkommen von den Einflüsterungen und der trommelfeuerartig wiederholten Propaganda der durch die jeweiligen Staaten üppig bezuschussten Migrantenverbände vor allem türkischer Provenienz, weg von den gelehrten soziologischen und politologischen Theorien und sich auf die Straße wagen, in die Schulen, in die Gefängnisse, in die Kneipen, die Kitas und Krankenhäuser. Wie schaut es da aus? Was erzählen die MÜTTER und VÄTER, was erzählen die TÖCHTER und SÖHNE, was erzählen die LEHRERINNEN und LEHRER?

Was erzählen die Menschen?

Auf zu den Menschen!

Hepimiz insaniz – hepimiz meleziz!

Quellen:
Lamya Kaddor: Muslimisch – weiblich – deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag C. H. Beck. München 2010, S. 106
http://www.mobil.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article112422393/Wer-teilhaben-will-muss-offen-sein.html

Foto: Blick in die Maximilianstraße in der Hauptstadt von Bayrisch-Schwaben, in Augsburg, umgangssprachlich auch „Datschiburg“ genannt. Augsburg hat den vierthöchsten „Migranten“-Anteil aller deutschen Städte – weit vor Berlin – und eine viermal niedrigere Arbeitslosigkeit als Berlin. In Datschiburg sagt man „Zwetschgendatschi“ und nicht Pflaumenkuchen, „Semmel“ und nicht Schrippe. Aufnahme vom 03.01.2013

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Jan. 052013
 

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„Wir sind alle Mischlinge“ / hepimiz meleziz / diesen klugen Wahlspruch entnehme ich meinem gegenwärtigen Lesestoff, nämlich dem großartig-fesselnden Buch „Muslim Nationalism and the New Turks“ von Jenny White. Demonstranten hielten ihn 2008 hoch, um damit auszudrücken, dass auch Armenier, auch Kurden, auch Christen, auch Juden zur türkischen Nation gehören möchten und sich doch allzuoft zurückgewiesen fühlen, solange Nation nur durch die blutmäßige Abstammung oder durch die staatsprägende Religion definiert wird.

In der Tat, das Sich-Absperren gegenüber dem andersartigen Fremden, gegenüber dem Wandel führt allzu leicht in Erstarrung und Feindseligkeit. Angesichts der Ablehnung von unerwünschten Zuzüglern wie uns Schwaben dürfen wir schon daran erinnern: Auch wir Schwaben gehören zur deutschen Nation, wir Schwaben wollen ein Bestandteil der Berliner Stadtgesellschaft werden, durch Schaffen und Handeln wollen wir beweisen, dass wir es gut mit Berlin und den Berlinern meinen. Wir wollen nicht zu Unerwünschten erklärt werden.

Als 2- oder 3-jähriger Bub verlor Wolfgang Thierse, verlor seine Familie die Heimat. Das hinterlässt in der Seele jedes Menschen tiefe Verletzungen. Ein heimatvertriebener Schlesier wie Wolfgang Thierse könnte sich vor Augen halten, dass 1945 auch er und seine gesamte Familie wie Millionen andere Deutsche zu unerwünschten Menschen erklärt und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Sie waren plötzlich fehl am Platze.  Ihre Leiden, die tiefen Traumata, die jeder Vertriebene lebenslang mit sich herumtragen muss, interessieren heute kaum mehr jemanden. Das haben mir jüdische, russische, polnische, deutsche, armenische Heimatvertriebene immer wieder erzählt. Das Thema der gewaltsamen Vertreibungen gilt in Deutschland, Polen und Tschechien als unerwünschtes Thema.  „Hier gehen wir jetzt nicht mehr fort“, „das ist aber jetzt endgültig unsere Heimat, die lassen wir uns nicht mehr nehmen“, „hier tragt ihr mich nur noch mit den Füßen voran hinaus“, „ich bin hier der letzte Heimatverbliebene“ … das sind ganz typische Sätze, wie ich sie von Heimatvertriebenen immer wieder gehört habe. Oft sprach ich mit deutschen Heimatvertriebenen aus Kasachstan, denen es besonders schmerzhaft war, wenn sie hier in Deutschland als Russen abgewiesen wurden – nachdem sie in den 30-er Jahren als Verräter abgestempelt und deportiert worden waren. Auch bei den Tscherkessen in der Türkei kann man diese Haltung des „Das ist jetzt unsere Heimat, hier gehen wir nicht mehr fort“ immer wieder finden.

Insofern bitte ich auch herzlich um ein wenig Verständnis für Wolfgang Thierse, der offenkundig mit persönlichen Überfremdungsängsten nicht zurande kommt. Er hat sich gehen lassen, er hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Und dafür, für dieses offene Eingeständnis eigener tiefsitzender Ängste sollten wir ihm dankbar sein. Die Überfremdungsängste und das Festklammern an der reinen, unverfälschten Prenzlauer-Berg-Heimat  kann ich mir nur mit dem unbewältigten frühkindlichen Verlust der schlesischen Heimat erklären. Aber Überfremdungsängste sind nichts Böses, Angst als solche ist nichts Böses! Doch sollten wir ihrer Herr werden. Ich selbst habe selbstverständlich auch schon mal Überfremdungsängste gespürt – und zwar als ich bei Versammlungen in der Schule feststellte, dass ich der einzige deutschsprachige Vater war, während rings um mich herum munter Arabisch, Kurdisch und Türkisch geschwätzt wurde. „Ich bin hier an dieser Kreuzberger Grundschule offenbar der letzte verbleibende Vater mit deutscher Muttersprache, die kurdischen und türkischen Mütter sollen nach so vielen Jahrzehnten in Berlin endlich mal Deutsch lernen, wir sind schließlich hier in Deutschland“ — schoss es mir durch den Kopf. Ich tat den kurdischen, türkischen und arabischen Müttern in Gedanken Unrecht, wie sich später auf schrecklichste Weise bewahrheiten sollte.

Reinheit, unverfälscht-unschuldige Natur, unbeschmutzte jungfräuliche Heimat gibt es nicht! Sie ist ein Traumgespinst, dem linke und rechte Romantiker, Ökofundis, Nationalisten jeder Couleur, die Pankower Gentrifizierungsgegner und die Kreuzberger Heimatschützer vergeblich nachjagen. Wir Schwaben sind nach Berlin gekommen, um hier zu arbeiten, Steuern zu zahlen, zu leiden und zu freuen uns – so wie alle anderen Menschen auch. Dafür erwarten wir keine Nächstenliebe, aber doch Toleranz, Duldung und Nachsicht bei den alteingesessenen Pankowern, Kreuzbergern, Charlottenburgern. Öffnung des Herzens, Öffnung der Ohren für das Fremde ist gefragt.

„Effata – apriti – öffne dich!“ diesen von Taubheit des Herzens heilenden, 2 Jahrtausende alten aramäischen Spruch möchte man all jenen entgegenrufen, die sich vergeblich an Reinheitsmythen festhalten und dem Fremden den Weg zum Brot oder Brötchen versperren.

Quellen:

Jenny White: Muslim Nationalism and the New Turks. Princeton University Press, Princeton 2013, Figure 5.1, Kindle-Ausgabe, Pos. 2651
Il Vangelo secondo Marco 7,34
Bild: Brötchenangebot in Kreuzberg, NP, am heutigen Tage: „Gouda Royalbrötchen 0,49“

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