Nov. 202012
 

Naturschutz, Umweltschutz, Klimaschutz – diese Werte liegen heute wie ein fein verstäubter Nebel im öffentlichen Diskursraum. Eine bekannte deutsche Partei verdankt ihren Erfolg zum Teil der Berufung auf das unvorgreifliche Erste, auf die Natur.

„Geht es der Natur gut, so geht es dem Menschen gut. Der Mensch muss sich der Natur einordnen. Er ist letztlich nur Teil der Natur. Die Natur ist das erste, ihr folgte der Mensch. Er stört also die Natur. Sein erstes und oberstes Gebot ist also, dass er die NATUR nicht so sehr stören oder zerstören darf.“

Der gute Mensch ist der Mensch, welcher sich der Mutter Natur oder Mutter Erde überantwortet und sich in den Dienst der Natur stellt. „Der Mensch mache sich der Natur untertan! Er gebe sich der Natur zu eigen. Wer die Natur rettet, rettet den Menschen.“

Knapp und bündig fasste Hermann Claudius diesen Glauben an die Natur als oberste Richtschnur so zusammen:

Birkengrün und Saatengrün:
Wie mit bittender Gebärde
hält die alte Mutter Erde,
daß der Mensch ihr eigen werde,
ihm die vollen Hände hin;
ihm die vollen Hände hin.

Alles, was den Vorrang der absolut gesetzten Natur sehr stört oder zerstört, wird in dieser Denkungsart verworfen. Der ungeborene Juchtenkäfer hat mehr Daseinsrecht als eine projektierte ICE-Trasse! Uralte, kippgefährdete Bäume sind wertvoller als Wege, Plätze und Häuser für den Menschen, den großen Störfaktor der Natur.

Umgekehrt wird in dieser Hypostasierung der verehrten Natur alles begrüßt, was das Naturhafte im Menschen fördert und pflegt. Im Menschen selbst als einem Teil der Natur quillt der Urquell der Wahrheit. Befreiung des Menschen bedeutet demnach, alle von der Geschichte auferlegten Gesellschaftsverhältnisse, ja den eigenrechtsetzenden  Staat insgesamt  abzuwerfen und die Natur zu sich selbst kommen zu lassen.

Mittel zu dieser Selbstbefreiung ist in den Jahren 1797-1815 neben der Stärkung des Naturgedankens vor allem die Stärkung des Naturhaften im Menschen, die Pflege der naturähnlich gesehenen Herkunft, also des Nationalen. Von daher die überragende Bedeutung der Muttersprache im Naturdenken der Romantik. Stärkung der Natur, Stärkung der Nation, Stärkung der Muttersprache! Das ist der Dreiklang, mit dem Deutschland und andere europäische Völker das Napoleonische Joch der welschen Fremdherrschaft abschütteln.

Der Nationalismus der verschiedenen europäischen und außereuropäischen Völker speist sich zweifellos aus der Gleichsetzung von Volk, Nation und Natur. Nationalismus ist eine Spielart des Denkens der Natur als eines unhintergehbaren Ersten.

Fichtes Reden an die deutsche Nation begründen für die nachfolgenden zwei Jahrhunderte mit unübertroffener Klarheit diesen innig verschränkten Zusammenhang von Naturanrufung und Selbstbefreiung des Menschen durch Abwerfen des widernatürlichen Jochs der Herrschaft des Fremden:

So wie die Gegenstände sich in den Sinnenwerkzeugen des Einzelnen mit dieser bestimmten Figur, Farbe u.s.w. abbilden, so bilden sie sich im Werkzeuge des gesellschaftlichen Menschen, in der Sprache, mit diesem bestimmten Laute ab. Nicht eigentlich redet der Mensch, sondern in ihm redet die[315] menschliche Natur, und verkündiget sich anderen seines Gleichen.

So schrieb Johann Gottlieb Fichte im Jahr 1809 – mit für ihn unabsehbaren Folgen.

Quellen:
“Wann wir schreiten Seit’ an Seit’” Text: Hermann Claudius. Musik: Michael Englert. In: Volksliederbuch. Herausgegeben von Andreas Kettel. Bilder von Sabine Wilharm. rororo rotfuchs. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1984, S. 228-229

Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte,+Johann+Gottlieb/Reden+an+die+deutsche+Nation/4.+Hauptverschiedenheit+zwischen+den+Deutschen+und+den+%C3%BCbrigen+V%C3%B6lkern+germanischer+Abkunft

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Dr Hölderlin und dr Hegel, die seind bei euch die Regel

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Nov. 152012
 

Eine gute Kunde überbrachten mir fremdländische Besucher des Grabes von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Am gestrigen Todestag des großen schwäbischstämmigen Philosophen hat der künftige Stuttgarter Oberbürgermeister dort einen Kranz niedergelegt oder hinterlegen lassen.  Den Zögling des Tübinger Stifts, den späteren „Ordentl. Professor der Philosophie an der Königl. Universität zu Berlin“, kennen einige also doch noch im Schwabenlande. Auch in China, den USA, Frankreich, Italien und Algerien und mehr als hundert anderen Ländern der Welt wird Hegel, nach und hinter Immanuel Kant einer der größten deutschen Philosophen, gelesen und studiert.

Kant, Hegel, Goethe lesen und verstehen! Ich denke, wir sollten ruhig dem Rat des türkischen Ministerpräsidenten, den er kürzlich seinen in Deutschland lebenden Vatandaşlar erteilt hat, folgen – und den Kant, den Hegel und den Goethe lesen und verstehen. Erdogan hat völlig recht. Soll man sie denn ganz vergessen, nur weil sie einmal als „große deutsche Dichter und Denker“ galten? Sind denn große deutsche Dichter und Denker allesamt böse? Wir sollten doch den Vorteil nutzen, Goethe, Hölderlin und Hegel ohne Wörterbuch lesen zu können, während weltweit Hunderttausende Philosophen und Philologen sich jahrzehntelang abmühen müssen, um Goethe, Kant und Hegel im Original lesen zu können.

Der obsiegende Stuttgarter Kandidat befolgte erkennbar einen Ratschlag Hegels, den er wiederholt dem Philosophen erteilt hat. Man müsse nämlich, meinte Hegel, um seinen Gegner zu widerlegen, sich auf das Feld der Stärke seines Gegners begeben.  Denn nicht das rein sich abscheidende Bewusstsein, das in diesem Für-sich-Sein sich unschuldig erhalte, sei die Wahrheit, sondern das aus sich hinausgehende Denken, das sich an der Stärke des Gegners messe. Nur das Ganze sei das Wahre.

Genau das hat Fritz Kuhn von den Grünen gemacht. Er hat, hierin dem italienischen Hegel-Leser Antonio Gramsci folgend, die hegemoniale Herrschaft über die Begriffe zu erlangen gesucht. Er hat die zentralen Wertbegriffe der Christdemokratie, nämlich Freiheit und Verantwortung, zu Stützpfeilern seiner Bewerbung gemacht und zwar nicht in versteckter Form, sondern ganz offen und ohne jede Scheu: „Aus Freiheit erwächst Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder.“ So Fritz Kuhn wörtlich. Dies ist Schelling, Hölderlin und Hegel pur. Ihr seht:  Es hat funktioniert. Das gebildete Volk will solche Töne.

Der Beweis ist erbracht, dass Hölderlin und Hegel uns heute noch etwas zu sagen haben und sogar beim Gewinnen von Wahlen helfen.

Durch die gestrige Kranzniederlegung hat der schwäbische Wahlsieger seinem großen schwäbischen Wahlhelfer eine überfällige Dankesschuld abgestattet.

Das ist wohlgetan von dem braven Mann, wie Johann Peter Hebel sagen würde. Bitte Hölderlins Todestag (7. Juni) ebenfalls vormerken!

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„Eine sehr gute Doktorarbeit – mit spärlichen Fußnoten!“

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Okt. 302012
 

Es ist eine sehr gute Dissertation! Und das beste: Sie enthält nur wenige Fußnoten!“ So hörte und redete ich immer wieder während meines Studiums der Philosophie und Germanistik im Gespräch mit Kommilitonen! Zu meinen Studienzeiten bestand der Ehrgeiz mancher akademischen Lehrer geradezu darin, möglichst wenig zu zitieren und möglichst sinnvoll das Gewebe des Gehörten, Gelesenen und Gedachten zu einem eigenständigen Gedanken-Meisterstück umzuarbeiten!

Insbesondere erinnere ich mich an eine Bemerkung des Religionswissenschaftlers Prof. Dr. Jacob Taubes sel. Angedenkens, der einmal in einem seiner gerühmten Hermeneutik-Seminare an der Freien Universität Berlin sagte: „Wir haben jetzt schon einen Stand der Befassung mit den Texten erreicht, dass wir sie nicht mehr zu lesen brauchen.“  Taubes‘ Schriften zeichnen sich durch geringe Fußnotendichte aus. Wohltuend, und durchaus üblich in der damaligen Zeit! Er, der geprüfte Rabbiner und weithin geachtete Philosoph, HÖRTE die Texte nur noch und ERZÄHLTE sie wieder.

Die Wahrheit der Schrift ist wie auffliegende Buchstaben! Diese glückhafte Wendung entnahm ich einem Traktat eines Lehrers des babylonischen Talmud – war es Rav Aschi? …Aber sicher bin ich mir nicht … denn ich habe diese Wendung nur einmal gelesen, ohne mir die Fußnote einzuprägen.

Er verwirklichte damit eine Form des nichtverschrifteten akroamatischen Lernens und Lehrens, wie sie sowohl in der Aristotelischen Peripatetik als auch im Talmud gang und gäbe war.

Auch die Philosophen Prof. Dr. Robert Spaemann, Prof. Dr. Ernst Tugendhat und Prof. Dr. Dieter Henrich fielen mir in ihren akademischen Schriften durch eine sehr wohltuende Fußnoten-Armut auf.  Praktisch ohne Fußnoten kamen auch die Philosophen Walter Benjamin und Immanuel Kant in ihren akademischen Schriften aus.

Die Zahl der Fußnoten stand bei Autoren wie Kant oder Hegel in einem umgekehrten Verhältnis zum Erkenntnisgewinn. Sie zitierten beständig aus anderen Autoren, ohne Nachweise zu liefern – und setzten damit ganze Generationen  von Philosophen (besser: von Philologen) in Lohn und Brot, die die fehlenden Fußnoten nachliefern konnten.

In genau diesem Sinne sagte auch Alfred North Whitehead: „The safest general characterization of the European philosophical tradition is that it consists of a series of footnotes to Plato.“

Plato lieferte keine Fußnoten, ja es kann sogar als Signum vom besonderen philosophischen Rang eines Werks gelten, wenn es sich beim Fußnotenapparat auf das Allernötigste beschränkt.

Erst Ende der 80er Jahre bemerkte ich plötzlich eine steil anschwellende Masse an Fußnoten auch bei Dissertationen. Die Fußnoten begannen überhand zu nehmen, die vielen Dissertationen, die ich damals durch Autopsie in die Hand bekam, begannen zäh zu werden, wurden ungenießbarer!

Das schneidet wirklich in die Seele, wie jetzt eine kleine Gruppe die Verfasserin von „Person und Gewissen“, – ein Buch, das ich nicht kenne –  zu schädigen sucht. Wir wissen: Irgendetwas findet sich immer, wenn man lange genug sucht, bei jedem Menschen. Dann genügt es, einen Verdacht ohne Wissen der Beschuldigten als Behauptung hinzustellen, die Meute springt hinzu. Und gerichtet oder besser angerichtet ist!

Dabei ist sie eine der klarsten, besten und redlichsten Stimmen im Politikbetrieb überhaupt! Ich persönlich halte Annette Schavan als Person und auch als Politikerin für absolut vertrauenswürdig und für in herausragendem Maß überzeugend – und ich verdanke ihren Reden und Schriften ganz fundamentale Einsichten in den tragenden Sinn und den Zusammenhalt der Politik der “personalistischen Mitte”, wie ich sie selbst meines Orts (in Friedrichshain-Kreuzberg) vertrete.

Am schlimmsten muss es sein, wenn einem unterstellt wird, man habe versteckte Fehler oder Nachlässigkeiten in “leitender Absicht” der Täuschung begangen.

Unbekanntschaft mit den damals in der Philosophie und der Pädagogik geltenden Zitiernormen könnte einer der Gründe für die Unterstellung sein.

Und ansonsten? Bleibt es erschütternd zu sehen, wie die Entpolitisierung der Politik zugunsten des Spektakels, des Gladiatorenkampfes voranschreitet.

Es wäre äußerst schade, wenn wir diese klare, emphatische Stimme der Freiheit weniger oft hörten! 

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„Du mußt die Führung übernehmen!“, oder: Hat uns Bert Brecht heute noch etwas zu sagen?

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Okt. 102012
 

„Du mußt die Führung übernehmen!“, so schreibt Bertolt Brecht in seinem „Lob des Lernens“.

Ich glaube, dieser Aufforderung kann ich mich anschließen: „Du, du einzelner Mensch, mußt die Führung deines Lebens übernehmen. Lass dich nicht verführen!“

Brecht meinte möglicherweise: Jeder einzelne Mensch soll für sich selbst die Führung seines Lebens übernehmen. Er soll durch Lernen sein Urteilsvermögen schärfen, es soll keiner Organisation, keiner Partei, weder der Kommunistischen Partei noch der Nationalsozialistischen Partei, keiner Klasse und keiner Rasse, keiner unpersönlichen Macht die Führung seines Lebens anvertrauen. Er soll frei entscheiden, was er will oder nicht will.

Jeder Mensch soll sein eigenes Leben führen.

Allzu oft glauben die Menschen, sie seien dem Staat, der Politik, dem riesigen Steuerungsmechanismus des Finanzkapitals unterworfen. Die Strukturgläubigkeit der Menschen in Berlin fällt mir immer wieder auf. Überall jammern die Menschen:

„Der Staat sorgt nicht für uns, hindert uns am Lernen! In den viel zu großen Berliner Klassen, in den viel zu winddurchschossenen Berliner Schulen, in dem hochselektiven Berliner Schulsystem  KANN MAN NICHT LERNEN. Erst einmal muss der Staat anständige Schulen, anständige Lehrer, anständige Kitas bereitstellen, dann fangen wir zu lernen an! Und das kostet. Wenn der Staat nicht genug zahlt, können wir nicht lernen. Erst einmal muss die Politik die Bedingungen für sinnvolles Lernen schaffen, danach dann fangen wir zu lernen an!

Groteske Töne – in Dakawa in Tansania beträgt die Klassenstärke durchschnittlich 103 Kinder pro Grundschulklasse. Dennoch wird auch dort gelernt – auf dem Boden sitzend, an großen Wandtafeln. Für Bücher gibt es ja kein Geld.

Lernen kann man immer. Gerade in den heutigen Grundschulen Berlins herrscht ein unfassbar üppiges Angebot. Die materielle Ausstattung ist teurer, ist besser als je in der Geschichte.

Dennoch maulen Eltern und Kinder, Wähler und Politiker, „Bildungsforscher“ und „Bildungsexperten“ in einem fort: „Die Schulen sind nicht gut genug. Wir brauchen bessere Schulen. Wir brauchen bessere Lehrer. Erst danach werden wir zu lernen anfangen.“

Das revolutionäre Gedicht „Lob des Lernens“ von Bert Brecht verlangt hingegen jedem Einzelnen die lebenslange Anstrengung des Lernens ab – auch unter widrigsten Umständen.

Ausreden, bequemes Sich-Davonstehlen gibt es in den Augen Bert Brechts nicht. In der Mitte des Lernens steht der Lernende. Das Lernen wird gemacht und betrieben vom Lernenden.

Das ist die revolutionäre Wende zur Verantwortung jedes einzelnen Menschen für sein eigenes, sein selbst zu führendes Leben. Es gibt immer ein richtiges Leben, auch wenn es in den Strukturen etwas gibt, was falsch ist.

Es gibt immer ein richtiges Leben im Falschen.

Der einzelne Mensch muss lernen. Er muss sich selbst diese Anstrengung überall und immer abverlangen. Damit er sein Leben führen kann, statt von den Parteien oder von der Politik geführt zu werden.

Brecht fordert uns auf: „Lerne selbst, damit du selbst die Führung in deinem Leben übernehmen kannst!“

Bert Brecht würde sich als parteitreuer Kommunist selbstverständlich im Grabe umdrehen, wenn er diesen Eintrag des widersetzlichen Kreuzberger Bloggers läse! Aber ich meine, dass er, wenn er 125 Jahre alt würde, ebenfalls zu dieser Deutung seines Gedichts gelangen würde. Ich gehe davon aus, dass er der KPdSU und der SED, dass er dem Kommunismus, dem Marxismus-Leninismus-Stalinismus nicht mehr mit dem unterwürfigen Gehorsam folgen würde, den er zu Lebzeiten gezeigt hat.

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Sep. 252012
 

Gute, tiefgreifende, erhellende Einblicke gestern bei einer Veranstaltung der Senioren Union und der CDA im Seniorenzentrum des Union Hilfswerkes in Friedrichshain mit der Bundestagsabgeordneten Stefanie Vogelsang! Was konnte ich als gesicherten Konsens aus der Versammlung mitnehmen?

1. Das deutsche Gesundheitssystem stellt allen Kritteleien zum Trotz anerkanntermaßen weltweit die beste medizinische Rundumversorgung für alle Menschen bereit.

2. Das System hat im Augenblick genug Geld, wenngleich die Begehrlichkeiten ständig neu geweckt werden.

3. Es ist besser, wenn sich das System auf etwas schlechtere Zeiten einstellt, als die gegenwärtig vorhandenen Überschüsse zu verschenken.

4. Die Menschen können weiterhin volles Vertrauen in das System haben.

In der Aussprache kamen in der sehr gut besuchten Veranstaltung viele gute, weiterführende Fragen zur Sprache, die Stefanie Vogelsang souverän und kenntnisreich beantwortete.

Ich selbst hake nur kurz nach, frage nach dem Aspekt der eigenverantwortlichen Gesundheitsvorsorge, also der Prävention, und nach der wachsenden Bedeutung der Geriatrie als eines immer wichtigeren eigenständigen Fachgebietes. Die Versorgung, sagte ich, sei zwar hervorragend, die deutsche Medizinbranche sei ein bedeutender Faktor der Volkswirtschaft, was sich ja auch im Anteil der Gesundheitsleistungen an der wirtschaftlichen Gesamtleistung niederschlage, der konstant bei etwa 10-12% liege.  Aber es drohe auch medizinische Überversorgung. Wir müssten den Aspekt der eigenverantwortlichen Vorsorge stärker betonen.

So ließen sich durch ausreichende tägliche Bewegung an frischer Luft, durch sinnvolle, nicht zu üppige Ernährung und durch Vermeidung von Suchtmitteln wie Nikotin, Alkohol und illegalen Drogen, also durch besonnene Lebensführung des einzelnen Menschen etwa 50% der Krankheitskosten bis zum Eintritt des Rentenalters einsparen! Viele vormarschierende Krankheiten wie etwa diabetes iuvenilis, adipositas iuvenilis, attention deficit syndrome (ADS) sind in Deutschland wohlstandsverursacht. Dies haben mir Ärzte, Pfleger und Apotheker übereinstimmend erzählt. Ich glaube: Es wird oft zu viel Geld für medizinische Versorgung, zu wenig Geld für medizinische Vorsorge  ausgegeben. Zu viel Überflüssiges geht über den Apothekertisch!

Ich bin auch sehr gespannt, wie der Gesundheitsausschuss des Bundestages sich zur geplanten Änderung der Richtlinie 2011/20/EG stellen wird. Wird er morgen die Kraft haben, sich eindeutig und unverrückbar zu den Werten der 1964 vom Weltärztebund verabschiedeten „Erklärung von Helsinki“ zu bekennen? Wird er die Forschung am Menschen weiterhin recht engen Zulässigkeitskriterien unterwerfen – oder wird er, eingedenk der überragenden volkswirtschaftlichen Bedeutung der Medizinbranche, die Pflicht zur Einschaltung der Ethikkommission abschaffen? Spannende Fragen!

Quelle:
Stephan Sahm:   Rückfall in mittelalterliche Forschungsethik. EU plant Verzicht auf Ethikprüfung bei Tests am Menschen. FAZ, 24.09.2012, S. 28

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„Freiheit ist wie Radfahren ohne Stützrad“

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Sep. 242012
 

peter-fechter-2012-08-17.jpg

„Radfahren ist etwas Schönes. Es kommt aber der Moment, da müssen die Eltern den Sattel loslassen oder das Stützrad abschrauben.“ Es ist schon erstaunlich, zu wievielen Gedanken das Fahrradfahren die Menschen bringen kann. Verteidigungsminister Thomas de Maizière erzählt in dichten, sehr persönlich gehaltenen Erinnerungen im zentralen Sinnbild des Fahrradfahrens seinen Begriff der Freiheit, nachzulesen heute in der FAZ-Beilage unter dem Titel „Wie wollen wir leben?“.

Beachtlich auch: Die für zwei oder drei Jahrzehnte in der politischen Arena eher belächelten Werte wie Familie, Ehe, Treue, Verlässlichkeit, Freundschaft nimmt de Maizière völlig angstfrei in den Mund. Sollten diese personalen Werte irgendwann wiederkommen?

Warum auch nicht? Ich finde das gar nicht so schlimm, wenn ein aktiver Politiker sich dazu bekennt, dass nicht Gender equality, Ressourcenmanagment, equal access oder Nachhaltigkeit die Leitwerte der Politik sind, sondern dass die Politik aufruht auf diesen unvorgreiflichen Werten, die jeder Mensch, jede Gesellschaft vor oder neben der Politik spürt, empfindet oder eben vor-findet.

Die vor-findlichen Werte, die sind es. Das ist die Nabe, um die das Rad der Freiheit sich dreht. Gender equality, Ressourcenmanagment, equal access oder Nachhaltigkeit sind ja gar nicht so schlecht, aber sie sind nichts Erstes, sie können geleistet werden, sofern die Verankerung in den Nabenwerten der Freiheit stimmt. Gut! Selbstbegrenzung des Machtanspruches der Politik – die Politik muss loslassen können, so wie Eltern irgendwann ihre Kinder auch allein Rad fahren lassen müssen. Danke, Herr Minister.

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Aug. 262012
 

Zło jest w nas – dies scheint mir eine sehr taugliche Friedensformel für die Aussöhnung zwischen Menschen und Völkern. Ich übernehme sie von dem Polen Leszek Kolakowski, einem marxistischen Philosophen und Professor.

Das Böse ist in uns und lauert jederzeit an der Schwelle. Ungefähr so steht es auch bereits in den alten Büchern, etwa im Buch Genesis der Bibel. Kain, der seinen Bruder aus Neid tötete, wurde zum Stammvater des Menschengeschlechts.

Warum tötete Kain? Nicht weil er verführt wurde, sondern weil das Böse in ihm hervorstieg.

Das Böse, so sagen es Kolakowski und vor ihm bereits das erste Buch der Bibel, wohnt in uns. Es gehört zum Menschen.

Einen Menschen, der das Böse in sich nicht kennt und nicht anerkennt, den würden wir wohl unvollständig nennen.

So fährt ja auch Jesus  – laut Markusevangelium Kap. 10,17-18 – einem Mann recht unwirsch über den Mund, als dieser ihn „guter Meister“ nennt. Jesus weist es ausdrücklich zurück, gut genannt zu werden. Er weiß auch vom Bösen. Nur der Mensch, der auch von Missetaten etwas weiß, kann in vollem Sinne Mensch genannt werden.

Hier das Zitat im Original, entnommen dem Interview  „Kołakowski: Religia nie zginie“ in der Zeitung Dziennik, 21. März 2008:

Prof. Kołakowski dla DZIENNIKA:

O upadku utopii doskonałego społeczeństwa: Zło jest w nas i to jest jeden z powodów, bo nie jedyny, dlaczego świata doskonałego nie można zbudować, dlaczego te nadzieje okazały się próżne. To nie oznacza, że nie można różnych rzeczy ulepszać. Doskonałości jednak nie osiągniemy.

„Über den Zusammenbruch der Utopie/der Utopien der vollkommenen Gesellschaft: Das Böse ist in uns, und das ist einer der Gründe, wenngleich nicht der einzige, weshalb eine vollkommene Welt nicht aufgebaut werden kann, und warum sich diese Hoffnungen als vergeblich erwiesen haben. Das bedeutet nicht, dass nicht Verschiedenes verbessert werden könnte. Die Vollkommenheit werden wir jedoch nicht erreichen.“ Übersetzung aus dem Polnischen: Johannes Hampel
 Posted by at 21:17
Aug. 202012
 

Auch ein Vertriebener,  wie die Deutschen Thomas Mann, Albert Einstein, Bert Brecht, der Italiener Dante Alighieri e tutti quanti: Der Pole Leszek Kołakowski.

Bis 1989 genoß er Einreiseverbot nach Polen – zweifellos eine Auszeichnung, deren in Diktaturen immer nur ein kleiner Teil des Volkes zuteil wird, denn keine Diktatur kann es sich nach den Worten Bert Brechts bekanntlich leisten, ein komplett neues Volk zu wählen.

Soeben lese und übersetze ich aus der polnischen Zeitung Dziennik ein Interview mit diesem mutigen Kämpfer. Titel: Die Religion wird nicht verschwinden – religia nie zginie.

„Der geistige Weg des Professors Kołakowski führt vom Marxismus über den Revisionismus zum Christentum. Aber Kolakowski, obwohl marxistischer Philosoph, hatte herausragende Kenntnis über die Religion, [an der er sich stets faszinierte=]die ihn stets faszinierte.“

„Droga intelektualna prof. Kołakowskiego prowadzi od marksizmu przez rewizjonizm do chrześcijaństwa. Ale Kołakowski, nawet będąc filozofem marksistowskim, miał olbrzymią wiedzę o religii, którą zawsze się fascynował.“

 Posted by at 11:53
Mai 262012
 

Ein Hauptsatz dessen, was ich hier den Personalismus der Mitte nenne! Diese Fähigkeit, sich der Mehrheit zu widersetzen. Allerdings unter Einhaltung der bestehenden Gesetze. Sokrates, aus dessen Apologie hier zitiert wird, erkennt die Gültigkeit der Gesetze an, er unterwirft sich dem Recht und der Ordnung.

Und genau darin halte ich ihn für vorbildlich auch in unserer Demokratie. In der Mitte steht der einzelne Mensch, der sich aller Rechte und Pflichten bewusst ist und diese auch nutzt.

„Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.“

Grass identifiziert offensichtlich in seinem neuesten Gedicht Griechenland mit Sokrates. Ein großer Fehler! Nicht ein Land kann man mit Sokrates identifizieren, sondern nur einen einzelnen Menschen. Jedem – auch Günter Grass – steht es frei, sich mit Sokrates zu identifizieren.

Jeder kann Sokrates nacheifern, aber eben nicht als Land, sondern als Person. Prüfen, bedenken, Rechenschaft ablegen, das Für und Wider erörtern im Gespräch unter Einhaltung anerkannter Regeln, das ist sokratisch. Steuern zahlen, Schulden zurückzahlen, nicht lügen und nicht betrügen, das ist sokratisch.

Das ist zugleich das Lebenselement der Demokratie und des Rechtsstaates.

 Posted by at 09:11

„Das vorbildliche Leben“

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Okt. 202011
 

Immer wieder streiften in den letzten Tagen unsere Gedanken über das Thema des Vorbildes hin. Erziehung des Kindes ohne Vorbild scheint mir nicht möglich. Sokrates, Jesus, Meister Eckart, um nur diese drei wichtigen Gründer des europäischen Bildungsdenkens zu nennen, gingen davon aus, dass der zu Bildende sich selbst ausrichten, sich anverwandeln müsse an ein in ihm und außerhalb seiner, durch einen anderen Menschen verkörpertes Vor-Bild. Bildung ist Heraus-Bildung, Heraus-Führung des Menschen auf ein gelebtes, erlebtes Vor-Bild hin. Hat die zu Bildende dieses Bild, dieses vorbildliche Leben erfahren, so erfährt sie ihre eigene Natur und kehrt zu sich selbst zurück. Mit den Worten des Meisters Eckart:

Ez ist ouch der acker, dar în got sîn bilde und sîn glîchnisse hât îngesæjet und sæjet den guoten
9 sâmen, die wurzel aller wîsheit, aller künste, aller tugende, aller güete:
10 sâmen götlîcher natûre.

Die moderne Bildungsdebattte kreist demgegenüber fast ausschließlich um Strukturen, Kompetenzen, Curricula, Methoden, Lehrpläne usw.
„In der vierten Klasse sollen Kinder 4000 Wörter können.“
„Die Probanden sollen einen möglichst hohen Punktwert im VERA-Test erreichen.“
„Wir wollen in der PISA-Nachfolgestudie den Rang des Bildungssystems verbessern!“
„Die MINT-Kenntnisse unserer Kinder MÜSSEN BESSER WERDEN!“
„MIT MINT ZUKUNFT SCHAFFEN!“

Diese Dinge sind nicht überflüssig. Doch sie verfehlen ihr Ziel, wenn sie nicht gehalten und unterlegt sind mit dem klaren und sicheren Bewusstsein von der letztlich alle Anstrengungen tragenden persönlichen Beziehung zwischen Älteren und Jüngeren, zwischen Vorbild und Nachbild. Er-ziehung ist ein Be-ziehungsgeschehen! Bildung ist ein Nachbilden des Vorbildes, ein Nachleben des vorbildlichen Lebens. Was aber ist dieses vorbildliche Leben?

Recht anrührend fand ich das folgende Zeugnis eines Menschen, der lebenslang über Fragen der Erziehung nachgedacht hat, – ich füge es hier an, ohne den Namen des Verfassers zu nennen. Ein bisschen Bemühung und Anstrengung im Rätsel-Raten sei auch von den Lesern dieses armen Blogs verlangt.

„Das vorbildliche Leben besteht in der Liebe und Demuth; in der Herzens-Fülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Recht-behalten-wollen, auf Vertheidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Noth, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen; Niemandem sich verbunden haben; die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.“

Jede mag wohl nachdenken über dieses Wort: „Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt…“ Vieles erinnert an die neueste Debatte, das neueste Gassengerede  über „Inklusion in der Erziehung“. Stimmt ihr dem zu, stimmt ihr nicht zu?

Quelle: http://www.nietzschesource.org/#eKGWB/NF-1887,11[275]

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Gemeinsame Aufmerksamkeit

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Juni 232011
 

Gemeinsame Aufmerksamkeit – unter diesem Ausdruck beschreibt Michael Tomasello etwas fundamental Neues, das die Säuglinge im Alter von etwa 9-12 Monaten zu entwickeln beginnen: die Fähigkeit des Menschen, über längere Zeit hinweg mit anderen Menschen ein gemeinsames Objekt des Merkens, des Hinschauens, des Zeigens und Beobachtens zu verfolgen. Durch Gebärden, durch Bewegungen und Zeigehandlungen stellen Babies lange lange vor der Entwicklung von Sprache mehr oder minder dauerhafte Beziehungen zu anderen Menschen her. So kann ein Kind durch Zeigen oder Berühren einer Rassel den Erwachsenen dazu veranlassen, ihm diesen Gegenstand zu reichen. Das Kind „zeigt“ dem Erwachsenen die Rassel. Nur dem Menschen eignet diese Fähigkeit!

Michael Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Aus dem Englischen von Jürgen Schäfer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, hier S. 84-94

Ich füge hinzu:

Diese Fähigkeit muss durch Erziehung nach und nach über lange Monate und Jahre gepflegt und ausgebaut werden. Tausenderlei Objekte können den älteren Menschen als Brücken dieser gemeinsamen Aufmerksamkeit dienen: gemeinsames Singen eines Volksliedes ebenso wie das gemeinsame Betrachten der Bewegungen einer lederummantelten Gummiblase (adulte Exemplare der Art Homo sapiens nennen es: „ein Fußballspiel“), das gemeinsame Rechnen ebenso wie das Bergwandern.

Es handelt sich bei all diesen Ereignissen nicht um sprachähnliche oder sprachvermittelte kulturelle Tätigkeiten, wie man im Zuge der Wendung zur Sprache ab etwa 1970 glaubte, sondern um originär auftretende, Gemeinsamkeit stiftende Haltungen oder besser „Verhaltungen“ des Menschen, die ihn bereits vor dem Erwerb von Sprache zu einem sozialen Wesen werden lassen.

Die Aufmerksamkeit dauerhaft gemeinsam auf etwas richten  – dies scheint etwas zu sein, was den Menschen doch recht deutlich von anderen Tierarten abhebt.

Wenn dem Kind in den ersten Jahren zu wenig Gelegenheiten gemeinsamer Aufmerksamkeit geboten werden, verkümmern seine sozialen Fähigkeiten. So erklärt es sich, wenn Berliner Grundschullehrer immer wieder klagen: „Dieses Kind kann sich nicht konzentrieren. Sein Geist gleitet gewissermaßen stets ab. Es kann die Augen nicht auf eine Zeile im Heft richten. Es kann nicht länger als wenige Sekunden zuhören.“

 Posted by at 22:47

Überwiegt das Gute oder das Schlimme in deinem Leben?

 Aus unserem Leben, Das Böse, Das Gute, Freude, Geige, Leidmotive, Liebe, Nahe Räume, Personalismus, Philosophie, Zählen  Kommentare deaktiviert für Überwiegt das Gute oder das Schlimme in deinem Leben?
Apr. 292011
 

Of course there is love as well as war, laughter as well as howling, joy as well as torture. But have these two sets of features, positive and negative, really balanced out in the account book of human history to date? The answer is surely no. On the contrary …

Freunde, was würdet ihr auf diese Frage Terry Eagletons antworten? Ich las diese Frage heute Vormittag. Bitte eine rationale Begründung eurer Antwort!

Am besten fangen wir bei uns selbst an. Jede möge sich fragen: Was überwiegt in meinem Leben? Das Böse oder das Gute?

Zitat:
Terry Eagleton: On Evil. Yale University Press, New Haven and London 2010, Seite 146

Bild: der hier schreibende, geigende Blogger im Hof

 Posted by at 22:51

Auf verwachsenen Pfaden: der Satz des Anaximander

 Anaximander, Griechisches, Klimawandel, Natur, Ökologie, Ostern, Philosophie, Störfaktor Mensch, Tod, Waldfriedhof  Kommentare deaktiviert für Auf verwachsenen Pfaden: der Satz des Anaximander
Apr. 282011
 

„Durch den Tod zahlen die Menschen die Schuld, die sie durch Ressourcenverbrauch eingegangen sind, an die Natur zurück. Und der naturnahe Wald ist die CO2-Senke, die Grabsenke, das Zu-Grunde-Gehen des Störfaktors Mensch!“

So deuteten wir vor wenigen Tagen die Philosophie, die hinter dem RuheForst Nauen steht. Schon beim Schreiben fiel mir auf, wie nahe diese Formulierung dem ältesten Fragment der europäischen Philosophie steht – Zufall? Nein, ich glaube dies nicht. Die Fahrten in den Wald führten über Ostern ins Uralt-Halbvergessene, auf Holzwege – und Holz lautet ein alter Name für Wald. Diese Wege enden im Unbegangenen, das eben weil es unbegangen scheint, so plötzlich ins Unverborgene tritt. Der älteste erhaltene Satz der europäischen Philosophie lautet:

ἐξ ὧν δὲ ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ τὸ χρεών· διδόναι γὰρ αὐτὰ δίκην καὶ τίσιν ἀλλήλοις τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν

Wir übersetzen:

Woher den Seienden  ihre Entstehung ist, in dieses hinein entsteht auch das Verderben. Denn sie geben einander Strafe und Ablösung des Unrechts gemäß der Aufreihung der Zeit.

Modernes ökologisches Bewusstsein sieht  die Menschen, die „Seienden“ im herausgehobenen Sinne, als unrechtbegehende Ressourcenverbraucher, die einander die Schuldigkeit ablösen müssen gemäß der Ordnung der Zeitverläufe. Es gibt also keine Erlösung für den Menschen von außen her oder durch eigene Bemühung, sondern nur das Zugrundegehen in den Ursprung. Zyklisches Bewusstsein!

 Posted by at 23:23