Apr. 252011
 

„Lassen Sie uns in den kommenden Monaten gemeinsam mit vielen anderen Menschen für die fundamentalen Werte unserer Partei, für Freiheit und Verantwortung arbeiten.“

So schrieb ich vor wenigen Tagen in meinem Osterbrief an die Mitglieder des kleinen Ortsverbandes der kleinen Kreuzberger Splitterpartei, dem ich seit wenigen Wochen als schwacher Vorsitzender diene. Sind dies hohltönende, phrasenhafte, abgedroschene, muffige Worte?

Freiheit und Verantwortung – das halte ich in der Tat für ein äußerst wichtiges Pärchen! Oder sagen wir: ein jederzeit vom Streit bedrohtes Ehepaar, – wobei beide allerdings unlösbar aufeinander angewiesen sind. Freiheit und Verantwortung – klingt das muffig? Ich meine: nicht unbedingt. Und zwar dann nicht, wenn man die beiden Werte nicht auf andere abschiebt, sondern bei sich selbst anfängt und dann sofort beim Nächsten besten oder auch beim Nächsten, der ja immer der Beste ist, weitermacht.

Die beiden Werte fasse ich also personal und nicht struktural. Ich setze beim Menschen an, nicht bei der großen Politik. Ich setze ganz unten bei der Person an, nicht ganz oben bei der Institution. Und am allerwenigsten setze ich beim Staat an. Der Staat kommt erst zum Schluss. Zuerst kommt die Person und ihre Beziehung zu anderen Personen: die Familie, dann die Gemeinschaft in mancherlei Gestalt, dann die Gesellschaft in mancherlei Gestalt, und zuletzt kommt der Staat. Bei Schwierigkeiten ist stets zunächst der einzelne gefordert, dann die Familie, dann die Gemeinde in mancherlei Gestalt, und zuletzt der Staat. Der Einzelne, die Familie, die Gemeinde, die Gesellschaft, der Staat – diese Größen treten in mancherlei spannungsvolle Wechselbeziehung. Sie mögen auch in offenen Konflikt geraten. Dann gilt es zu vermitteln, zu schlichten, zu versöhnen. Dabei muss das eine vom anderen her gedacht werden. Die einzelne, also das Kind, wird ohne die Hilfe der Familie oder ersatzweise bzw. ergänzend der sorgenden Gemeinschaft nicht überleben, geschweige denn erwachsen werden. Die Familie wird ohne den stützenden Rahmen der höherstufigen Institutionen unrettbar im Überlebenskampf verstrickt sein.

Entscheidend bleibt für mich: Der Staat ist nichts Erstes. Das Erste, der Grundanker ist die Freiheit und die Verantwortung der Person. Diesen Grundanker-Werten dient der Staat. Kindererziehung bedeutet nichts anderes, als die Kinder nach und nach so weit zu führen, dass sie schrittweise mündig werden und ohne dauernde fremde Hilfe, vor allem ohne dauernde staatliche Hilfe dieses Paar der Werte nachleben können.

Ich versuche das Pärchen mal weniger muffig auszudrücken, es sozusagen auf eine Versöhnungsformel zu bringen:

Ich traue dir. Du traust mir. Vertraue dir selbst. Vertraue dem anderen Menschen. Sorge für einen anderen Menschen oder für deine nächsten Mitmenschen, das wird auch deinem Leben einen Sinn geben. Befreie dich und andere aus der falschen Abhängigkeit vom Staat. Sei frei. Kümmere dich. Ich trau es dir zu!

Weit besser, weit überzeugender, weit weniger muffig als ich drückt es Claudia Keller soeben im Tagesspiegel aus:

Ostern: Das Fest der Freiheit – Glaube und Unglaube – Kultur – Tagesspiegel
Freiheit bedeutet nicht nur, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen, sondern auch Verantwortung für die anderen. Jesus und seine Jünger wollten Freiheit nicht wie die Herodes’ dieser Welt, um ihr eigenes Leben oder das ihrer Clique angenehmer zu machen, sondern auch das der anderen. Martin Luther hat die Spannung zwischen Freiheit und Verantwortung so formuliert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ Das kann ganz schön einsam machen. Denn wer will schon diese Anstrengungen auf sich nehmen?

Bild: Blick auf den Marktplatz in Wittenberg, aufgenommen im September 2010

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Apr. 242011
 

Der Karsamstag  führte mich erneut ins Havelländische Luch. Von Spandau aus lenkte ich das Rennrad, den treuen Burâq, quer über die Dörfer, hin zum immer wieder gesuchten, immer wieder verfehlten Radfernwanderweg Havelland. Endlich, in einem der zahlreichen Ortsteile von Schönwalde hatte ich das asphaltierte Band, die „Fahrradstraße“ erreicht. Was für ein Vergnügen! Nun flog ich rauschend mit meinem Burâq dahin, was die Beine hergaben. Rapsfelder, Kiefernwälder, Büsche, Luche, zart belaubte Birken, Dörfer und Hütten rauschten vorbei.

Bei Paaren bog ich – abweichend von der ausgeschilderten Führung – Richtung Nauen. Was mich leitete? Kein Plan, nur das Gefühl, dort noch etwas  entdecken zu können. Und wirklich, nach wenigen Hundert Meter entdeckte ich den RuheForst Nauen. Was war das?

YouTube – RuheForst Nauen entdecken23042011158

Ruhe sanft, ruhe forst! Hier war der RuheForst Nauen. Kein Geräusch störte den Besucher. Schweigen umfing mich. Nach wenigen Minuten entdeckte ich die Tafel, welche die Bewandtnis erklärte.

Ich war auf eine Weihestätte der neuesten Natur-Religiosität gestoßen – sterben, und dann wieder zurücksinken, ohne eine dauerhafte Spur zu hinterlassen! Die Idee hat etwas Verblüffendes. Anders als Faust, der sich noch brüstete

Es kann die Spur von meinen Erdentagen
Nicht in Äonen untergehn

versucht der heutige Naturgläubige, alle Last, die er für die Mutter Natur gebracht, wegzunehmen. Der Naturgläubige sagt:

Es soll die Spur von meinen Erdentagen
nicht in Äonen noch bestehn.

Denn „Jeder Mensch, der geboren wird, ist doch nur eine zusätzliche CO2-Quelle.“  In Abwandlung jenes bekannten Mephisto-Wortes könnte man sagen:

So ist denn jeder, der entsteht,
Auch wert, dass er zugrunde geht.

Durch den Tod zahlen die Menschen die Schuld, die sie durch Ressourcenverbrauch eingegangen sind, an die Natur zurück. Und der naturnahe Wald ist die CO2-Senke, die Grabsenke, das Zu-Grunde-Gehen des Störfaktors Mensch! Es ist genau dieses Denken, das in den Kreisen gebildeter deutscher Akademiker durchaus großen Anklang findet. Ich nenne es: das neopagane Denken, welches häufig mit der antideutschen Ideologie ein verschwiegenes Bündnis eingeht.

Weiter fuhr ich in den Kathedralen-Saal des deutschen Nachhaltigkeitsdenkens: den deutschen Wald im Havelländischen Luch. Es wehte ein entgotteter Karfreitagszauber um die Speichen. Verse von Rilke kamen mir in den Sinn:

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, vom ihren,
wird auch den leisesten Ton
nicht mehr verlieren.

Tröstung rann mir aus diesen Versen, aus diesem planlosen Dahinfahren. Und das Sterben? Ich stellte es mir in jenem Augenblick so vor: das Zufahren auf ein großes Portal, hinter dem der Weg in einer Biegung weitergeht. Der Tod als solches muss nichts Schreckliches sein, wenn man ihn so fasst: ein Sich-Einfügen in das, was vor uns war und nach uns sein wird. Das Zugehen auf eine Biegung, hinter der noch etwas kommt. Genau dies erfuhr ich im Fahren im alten Holze:

RuheForst Nauen erfahren

Vom Ruheforst aus kehrte ich nach Berlin zurück. Ab Niederneuendorf bis nach Spandau, von Spandau wiederum bis nach Berlin-Mitte führt der vorbildlich ausgeschilderte Radweg fast durchweg am Wasser entlang, erst an der Havel, dann am Hohenzollernkanal und schließlich am Spandauer Schifffahrtskanal entlang. Ein überwältigend schönes Erlebnis im Abendsonnenschein!

Ein ganz anderes Todesbild steuerte ich auf der letzten Etappe an: gleich zwei der vom ADFC aufgestellten Geisterräder entdeckte ich bei der Querung der Seestraße. Hier muss der Tod furchtbar schrecklich, dumpf, unfassbar, qualvoll  gekommen sein. Eine Radfahrerin war hier – obwohl vorfahrtberechtigt – durch einen rechtsabbiegenden LKW erfasst worden, die andere war beim Queren der Straße erfasst worden.

Ich murmelte einige Worte des Gedenkens. Nicht allen ist das sanfte Sterben und Zurücksinken vergönnt. Manche werden getroffen und mitgeschleift. Wie und wann es uns treffen wird, können wir nicht wissen – sehr zu unserem Besten.  Aber die Vorbereitung, die können wir sicherlich leisten, etwa durch das bewusste Uns-Öffnen für die verschiedenen Arten der Todesbewältigung.

Meinen letzten starken Eindruck von der Fahrt nahm ich ausgerechnet vom Reichstag mit. Die Fassade leuchtete plastisch und deutlich skulptural in sandigem, warmem Braun auf. Und gerade hier am Reichstag gelangte mein Radausflug zu einem versöhnlichen Abschluss: Denn als ich anhielt, um das Foto zu machen, hörte ich vor mir eine spanische Gesellschaft, hinter mir eine russische Gesellschaft sich unterhalten. Dass hier und heute Spanier, Russen und Deutsche sich bei der Betrachtung dieses Monuments, das nicht frei von düsteren Schatten ist, treffen und verbinden können, war für mich eine starke, eine ermutigende Botschaft: Ich sehe den Menschen nicht als schädliches Ereignis in der Natur, sondern als etwas Gutes. Die Menschen sind hier willkommen. Denn ich glaube: Das menschliche Leben ist über die gesamte Länge der Fahrt hinweg etwas Gutes, das es zu hegen, zu schätzen und zu pflegen gilt.

Wisse das Bild! Fasse das Leben. Du hast Rückenwind!

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März 142011
 

Am Donnerstag wird der Bundestag über eine gesetzliche Zulassung der Präimplantationsdiagnostik debattieren. Darüber schreiben heute Ernst-Wolfgang Böckenförde und Giovanni Maio zwei sehr beherzigenswerte Artikel in der FAZ (S. 27 bzw. S. 10). Es geht darum, ob menschliche Embryonen vor der Einpflanzung auf genetische Defekte untersucht und ggf. ausgesondert werden dürfen.

Ich persönlich bin gegen eine Zulassung der PID. Ich meine, dass menschliche Eizelle und Same von Beginn an menschliches Leben sind. Embryonen sind zwar keine entwickelten Personen, aber eben doch menschliches Leben. Es sollte der Verfügung, der Aussonderung nach selbstgewählten Kriterien entzogen bleiben. Insofern gilt der Schutz der Menschenwürde in meinen Augen absolut. Keines der Argumente, die für die PID ins Feld geführt werden, halte ich für zwingend, am allerwenigsten jenes, wonach es widersprüchlich sei, PID zu verbieten und Schwangerschaftsunterbrechung zu erlauben.

Die PID greift verfügend in das Schicksal menschlichen Lebens ein.

Atomenergie tut dies auf andere Weise auch. Die Risiken für völlig unbeteiligte Menschen, aber auch für künftige Generationen sind zu hoch. Ich meine deshalb, dass die Atomkraftwerke wegen der nicht hinreichend gegebenen Sicherheit und der ungelösten Entsorgungsfragen rasch außer Dienst gestellt werden sollten. Ich bin zunächst für die Wiedereinsetzung des unter rot-grün ausgehandelten „Atomausstiegskompromisses“ und für ein glaubwürdiges Ausstiegsszenario.

Feuilleton – FAZ.NET

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März 122011
 

Sicher, zielstrebig, auf geraden Gleisen brachte mich der ICE gestern von Hamburg nach Berlin zurück. Das schreckliche Unglück in Japan erschütterte mich mit Magnitude.

Von irgendwoher erinnerte ich mich des großartigen Augustinus-Wortes: ama et fac quod vis. „Liebe und tu was du willst.“ Bei allen Zweifelsfragen, bei allem  Tappen und Tasten kann dieses starke Wort helfen, den richtigen Weg, den Weg der Mitte zu finden.

Beim Blättern einer in Hamburg erscheinenden Tageszeitung stieß ich auf die Wendung „personalistische Mitte“. Ein bekannter Diener des Wortes und Diener der Gemeinde hat diese gute Wendung gefunden! Die Welt berichtet darüber:

Die Vernunft ist nicht ewig haltbar – Nachrichten Print – DIE WELT – Kultur – WELT ONLINE

„Wie man ein Kind lieben soll“ – dieser Titel eines großen Buches von Janusz Korczak fiel mir ein, nachdem der ICE-Schaffner seinen Zangenabdruck hinterlassen hatte. Kann man Liebe lehren? Ich meine: ja! Das richtige Erziehen, die richtige Liebe zu Kindern ist kein Zauberkunststück. Sie muss das Kind annehmen und ernstnehmen, dem Kind bedingungslose Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringen, aber auch feste Grenzen und erreichbare Ziele setzen. Dies alles in einen Ausgleich zu bringen, zwischen den Extremen der Verwöhnung und der Vernachlässigung die rechte Mitte zu finden, ist nicht leicht. Aber es ist möglich, sofern nur die Person des Kindes mit seinen Grundbedürfnissen nach Geborgenheit und Selbständigkeit ganz im Zentrum steht.

Diese Haltung nenne ich den Personalismus der Mitte.  Der Personalismus der Mitte – das sei meine Haltung in vielen Dingen – im Umgang mit Menschen ebenso wie in der Politik.

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Das unbezwingliche Vertrauen des konstruktiven Charakters

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Feb. 182011
 

„Wir vertrauen dem Menschen.“ In diesem Satz finde ich mich wieder. Und gerade weil ich dem Menschen vertraue, halte ich wenig davon, wenn Menschen ihr Tun und Lassen zu sehr von einer kollektiven Instanz abhängig machen, etwa von einem Staat, einer Partei, einem religiösen Lehrgebäude.

Ebensowenig halte ich von einer Kultur des umfassenden Misstrauens, wie sie etwa Walter Benjamin seinem Lob des destruktiven Charakters anstimmt.

Der japanische Sozialphilosoph Ken’ichi Mishima hat Benjamin in diesen Tagen ausführlich zitiert, als er den Ehrendoktor der Freien Universität Berlin erhielt. Jürgen Habermas hielt die Laudatio.

Lob des destruktiven Charakters – Berliner Zeitung
„Der destruktive Charakter hat das Bewußtsein des historischen Menschen, dessen Grundaffekt ein unbezwingliches Mißtrauen in den Gang der Dinge und die Bereitwilligkeit ist, mit der er jederzeit davon Notiz nimmt, daß alles schief gehen kann. Daher ist der destruktive Charakter die Zuverlässigkeit selbst. Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen.“

Vertrauen in meinem Sinn bedeutet nicht, dass man nicht damit rechnen würde, dass auch etwas schiefgehen könnte. Selbstverständlich kann vieles schiefgehen. Vieles geht schief, wir scheitern, werden getrogen, wir leiden. Aber ich gehe davon aus, dass Menschen, wenn sie einander vertrauen, mehr Gutes als Falsches bewirken. Dieses Grundvertrauen in den Menschen kann, wenn es gehegt wird, alle Enttäuschungen und Kränkungen überstehen. Es wird dann nahezu unbezwinglich. Es wird zum Merkmal des konstruktiven Charakters. Der konstruktive Charakter sieht wenig Dauerndes, aber er bejaht den Wandel. Er sieht stets mehrere Wege und weiß, dass Wege selten alternativlos sind. In der Freiheit des Wählens werden die Berge des Misstrauens abgetragen und die Mauern des Verhinderns stürzen ein.

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Response:ability – oder: Freiheit und Verantwortung

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Feb. 142011
 

„Meine zentralen Leitbegriffe in der Politik sind Freiheit und Verantwortung. Sie  sind für mich wie die zwei Seiten einer Medaille. Freiheit ohne Verantwortung für sich und die Nächsten führt zu schrankenlosem Egoismus, zu Gier, zur Ausbeutung der Natur und des Menschen, zur Spaltung der Gesellschaft! Umgekehrt gilt: Verantwortung ohne Freiheit der Wahl gibt es nicht. Wenn die staatliche Macht zu viel vorschreibt und sich um zu vieles im Leben der Menschen kümmert, erstickt letztlich die Verantwortung!“

So hausbacken und schlicht würde ich antworten, wenn man mich unter Androhung von Strafen zwänge, die Leitwerte meines politischen Engagements zu benennen. Ebenso sprach etwa kürzlich Cem Özdemir von „Ökologie und sozialer Gerechtigkeit“ als den Markenkernen der Grünen.

Was aber ist Verantwortung? Das Wort klingt so altväterlich! Kann man es auffrischen? Ja! Übersetzen wir es versuchsweise ins Englische:

Freedom and responsibility

Klingt schon besser. Aber noch nicht griffig, noch nicht vermarktungsfähig!

Was ist Verantwortung? Verantwortung ist die Fähigkeit, Rede und Antwort zu stehen für das, was man unterlässt und was man tut.

Grundform: „Was hast du da unterlassen? Was hast du da gemacht?“ Wer gut darauf antworten kann ohne rot zu werden, der handelt verantwortlich. Also: Wer gut antworten kann, wer gut Rede und Antwort stehen kann, der ist ver-antwort-lich.

Verantwortung ist die Fähigkeit, die Ability, auf eine Frage oder Anforderung eine gute Reaktion oder eine gute Antwort, eine gute Response, zu geben.

Responsibility = Response:ability

So auch das Motto der diesjährigen Transmediale!

Selbst bei einer Fruchtfliege stellten wir gestern eine geringe Fähigkeit zur Wahl fest. Keine Freiheit in unserem Sinne, aber doch eine wie immer beschränkte  Möglichkeit, zwischen Alternativen zu wählen. In sehr rudimentärem Sinne hat die Fruchtfliege ein Minimum an Reaktionsmöglichkeiten.

Freiheit und Verantwortung

Freedom and response:ability

So wird ein Schuh draus. Besser: zwei Schuhe.

Freiheit und Verantwortung sind die beiden Schuhe eines Paares. Beide Schuhe muss man sich anziehen! Wer nur einen Schuh anzieht, hinkt, hüpft oder fällt!

Freiheit ohne Verantwortung ist leere Selbstsucht, Verantwortung ohne Freiheit ist knechtische Lähmung.

transmediale

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Freiheit für Fruchtfliegen?

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Feb. 132011
 

Einen bestechend klar formulierten, naturwissenschaftlich abgesicherten Aufsatz des Biologen Björn Brembs las ich soeben in der neuesten Nummer der Zeitschrift Proceedings of the Royal Society – B Biological Sciences.

Thema: „Zu einem naturwissenschaftlichen Begriff der Willensfreiheit als eines biologischen Merkmals: Spontanes Handeln und Entscheidungsfindung bei Wirbellosen“.

Der Autor untersuchte, vereinfacht ausgedrückt, die folgende Frage: Haben Fruchtfliegen so etwas wie Willensfreiheit? Der Autor untersuchte Fruchtfliegen auf ihre Fähigkeit, zwischen Handlungsalternativen zu wählen. Bei gleicher Ausgangslage müssten doch Tiere derselben Art stets gleich entscheiden, so die triviale Ausgangsannahme. Hungrige Fruchtfliegen müssten sich doch stets auf eine mögliche Nahrungsquelle zu bewegen! Dem ist aber nicht so. Die Tiere zeigten stets eine etwa 20-prozentige Abweichung vom zu erwartenden Verhalten. Selbst bei einfachen Stimulus-Response-Situationen, wo ein einfacher Reiz durch eine hochgradig vorhersagbare Reaktion zu beantworten ist, gibt es Abweichler, Ausbrecher, Neugierige unter den Fliegen. Sondert man diese etwa 20 Prozent Abweichler unter den Probanden aus und setzt die verbleibenden Fliegen einem neuen Experiment aus, so ergibt sich wieder eine etwa gleich hohe Abweichlerquote.

Fliegen scheinen also Lösungen für Probleme zu suchen – statt einfach nur Instinkte spielen zu lassen.

Towards a scientific concept of free will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates — Proceedings B
The fly cannot know the solutions to most real-life problems. Beyond behaving unpredictably to evade predators or outcompete a competitor, all animals must explore, must try out different solutions to unforeseen problems. Without behaving variably, without acting rather than passively responding, there can be no success in evolution.

Das Verhalten von Insekten ist selbst in einfachsten Standard-Situationen nie zu 100% voraussagbar. Es sieht so aus, als hätten die Insekten eine Art Ermessensspielraum. Die Freiheit des Ausprobierens sichert den Arten einen Evolutionsvorteil.

Entscheidungen für oder gegen etwas scheinen selbst im Tierreich in dem Sinne möglich zu sein, dass die Tiere neuronal nicht determiniert sind. Bei absolut gleichen Ausgangsbedingungen „entscheiden“ sich genetisch ähnliche oder genetisch gleiche Insekten selbst in fundamentalen Existenzfragen – etwa bei der Frage, ob tier ins Licht oder vom Licht weg fliegen sollte – unterschiedlich!

Neurobiologie – diese im Moment äußerst angesagte Leitwissenschaft – diskutiert, ob man so etwas wie den freien Willen noch zulassen oder rechtfertigen könne. Wird Willensfreiheit obsolet, da doch zunehmend erklärbar wird, warum unser Hirn so reagiert, wie es reagiert?

Der Aufsatz von Brembs weist meines Erachtens nach, dass neuronale Vorgänge die tatsächliche Handlungsentscheidung bei Tieren nicht eindeutig bestimmen.

Für das uralte philosophische Problem der Willensfreiheit beim Menschen meine ich festhalten zu dürfen:

Ein biologischer Nachweis, dass wir keinen freien Willen haben, lässt sich nicht erbringen. Viele Befunde sprechen dafür, dass nicht nur wir Menschen, sondern auch Tiere einen sehr weiten Entscheidungsspielraum nutzen können. Dass wir tatsächlich entscheiden können, dass wir also mit Willensfreiheit begabt sind, dass wir in weitem Umfang „Herr oder Herrin unserer Taten“ sind, ist eine nicht nur durch Introspektion zugängliche, sondern auch durch naturwissenschaftliche Experimente nicht widerlegbare Grundverfasstheit.

Damit wird nicht geleugnet, dass Willensakte an materielle Vorgänge unlösbar gebunden sind – also letztlich an Prozesse unter Neuronen, Synapsen, Botenstoffen und Erregungspotenzialen im Hirn. Aber diese Prozesse sind nur Substrate, Trägersubstanzen des Willens.

Der Mensch selbst ist frei. ER WILL – oder will nicht. Erst durch Freiheit wird Verantwortung, wird Moral, wird Sittlichkeit, wird Recht und Unrecht denkbar. So wird etwa niemand einem Mörder eine Entschuldigung zubilligen, wenn er behauptet: „Ich musste töten! Es überkam mich!“

Von den wenigen Fällen des Wahnsinns oder der Schuldunfähigkeit abgesehen, werden wir stets sagen: „Der Mörder musste nicht töten. Er muss sich für die Folgen seines Tuns verantworten.“

Ich bekenne mich in diesem Sinne leidenschaftlich zur Freiheit des Menschen.

Bild: Der arme Kreuzberger Blogger spricht mit Berliner Kindern über Freiheit, über Gut und Böse in Mozarts Zauberflöte.

Björn Brembs: Towards a scientific concept of free will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates. Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

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Ist der Mensch ein „Dauergehwesen“? Geht es auch ohne Fahrradfahren?

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Feb. 052011
 

21082010016.jpg Jeden Tag ging der Königsberger Philosoph Immanuel Kant ab Punkt 15 Uhr mindestens 1 Stunde zu Fuß spazieren. Die Bewohner „konnten ihre Uhr danach stellen“, wie es so schön heißt. Ein Mal hingegen nahm er eine Einladung zur Kutschfahrt an, die Rückkehr verzögerte sich, er kehrte erst am Abend nachhause, sein Tagwerk mußte einen Tag lang ruhen. Dies verdroß ihn zutiefst und er nahm danach keinerlei Einladungen mehr an, die ihn an seinem täglichen längeren Spaziergang gehindert hätten. Er ging weiter täglich an der frischen Luft spazieren und schrieb seine Werke, darunter die drei berühmten „Kritiken“, über die heute noch Kongresse abgehalten werden.

Die verblüffende Geschichte einer 93-jährigen russischen Wissenschaftlerin wurde mir erzählt: Sie ging jeden Tag 90 Minuten quer durch die Stadt zu Fuß zur Arbeit, und nach getanem Werk wieder 90 Minuten zurück. Bis zum heutigen Tag hat die Dame keinerlei ernsthafte körperliche oder seelische Beschwerden, jedoch gelingt ihr das Schreiben nicht mehr so rasch und flüssig wie noch vor 20 Jahren, sodass die Redaktionen sich bisweilen gedulden und eine Nachfrist zur Einreichung der angeforderten wissenschaftlichen Beiträge einräumen müssen.

Verblüffende Erkenntnis der Paläo-Biologen: Der homo sapiens (also wir, die homines sapientes) verdankt seine Überlegenheit gegenüber dem Neandertaler, ja sein Überleben  möglicherweise seiner besseren Lauffähigkeit – bedingt durch eine längere Achilles-Sehne, geringeres Gewicht und längere Beine. Dies habe ihm in Zeiten des Klimawandels bei der Jagd auf Beute einen evolutionären Vorteil gegenüber den Kurzstrecklern verschafft, etwa gegenüber den hominibus neandertalensibus. Lest selbst:

Running Past Neandertals – Science News

Scientists already knew that, relative to Stone Age people, Neandertals weighed more, had shorter legs and had smaller inner-ear canals that would have affected the balance needed to coordinate body movements, all obstacles to endurance running. Raichlen’s study „provides a new line of evidence that Neandertals were not as adept at long-distance running as modern humans were,” remarks anthropologist Herman Pontzer of Hunter College in New York City.

Wie dem auch sei: Es gibt eine überwältigende Fülle an Belegen dafür, dass tägliche mäßige körperliche Bewegung an frischer Luft über mindestens eine Stunde wahrhaft segensreiche, nicht unbedingt revolutionäre, aber doch evolutionäre Vorteile entfaltet.

Ob man dieses Pensum nun durch Radfahren, Spazierengehen, Schwimmen oder Holzhacken erfüllt, ist sicherlich zweitrangig. Entscheidend bleibt: Der homo sapiens braucht täglich ausreichende Bewegung an frischer Luft – bei jedem Wetter, in jeder Jahreszeit. Wie Immanuel Kant.

Bild: Ein Blick auf den neuen Flughafen BBI – Berlin Brandenburg International.

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Jan. 192011
 

„Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker“. Mit dieser Aussage wird in der WELT ein Zeuge zitiert, der damit sicherlich repräsentativ für die Mehrheit der Deutschen spricht. Sein Name? Spielt zunächst keine Rolle. Nennen wir ihn G.W.

„Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker“. Ein bemerkenswerter Satz. Er erinnert an die Rede des Apostels Paulus auf dem Areopag in Athen, wo er den agnostos theos, den unbekannten, den nicht zu erkennenden Gott verkündet (Apostelgeschichte 17,23).

Christlich geprägt“ und deshalb beseelt vom Glauben an die unveräußerliche Würde, die unveräußerlichen Rechte auf Leben und Freiheit jedes einzelnen Menschen. Und zugleich „Agnostiker“ – na, ich würde fast sagen, das ist eigentlich eine Art säkulares Christentum. Das WELT-Christentum. Die säkularen Christen sagen: „Wir sind christlich geprägt, aber über Gott können wir nichts Bestimmtes erkennen und nichts Bestimmtes aussagen noch können wir überhaupt mit nachprüfbarer Gewissheit sagen, ob es einen Gott gibt.“ Und genau derartige Aussagen finden sich in der Geschichte des Christentums auf Schritt und Tritt – auch bei jenen, die sich offen als Christen bekannten. Darunter der unvergleichliche Angelus Silesius oder der einzigartige Pascal.

Ein beliebiges Beispiel für dieses säkulare Christentum, für dieses Christentum der Agnostiker ist folgender Satz: „Keiner hat Gott je gesehen.“ An diesen Satz können die säkularen, christlich geprägten Nicht-Christen und Christen mit ihren schwer navigierbaren, ortlosen WELT-Raumschiffen andocken. Es ist der Kernsatz der WELT-Christen, denn er bedeutet: „Wir huldigen einem unbekannten, einem nicht zu erkennenden, einem unerforschlichen Gott, von dem wir nicht einmal sinnvollerweise sagen können, ob es ihn gibt.“

Dieser Satz findet sich im Johannesevangelium, erstes Kapitel, Vers 18.

Die Zeugenaussage des christlich geprägten Agnostikers G.W. berichtete die WELT am 10.12.2010:

G. W. über Islam, Linke und Moral – Nachrichten Print – DIE WELT – Kultur – WELT ONLINE
Die Welt: Woher kommt Ihr Idealismus?

G. W.: Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker. Es gibt gewisse humane Werte, die allen Weltreligionen und den großen Philosophien eigen sind, und an denen sich die UN-Menschenrechtscharta orientiert.

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Süßes oder Saures?

 Immanuel Kant, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Süßes oder Saures?
Dez. 172010
 

Mit dieser Frage klopfen am letzten Tag des Monats Oktober die Kinder bei uns an. Ob ihnen bewusst ist, dass sie eine Fragestellung aus Kants Metaphysik der Sitten aufgreifen?

Immanuel Kant unterscheidet bekanntlich zwischen süßem und saurem Verdienst:

Kant, Immanuel, Die Metaphysik der Sitten, Zweiter Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, Einleitung, VII. Die ethischen Pflichten sind von weiter, dagegen die Rechtspflichten von enger Verbindlichkeit – Zeno.org
Wenn dieses Verdienst ein Verdienst des Menschen um andere Menschen ist, ihren natürlichen und von allen Menschen dafür anerkannten Zweck zu befördern (ihre Glückseligkeit zu der seinigen zu machen), so könnte man dies das süße Verdienst nennen, dessen Bewußtsein einen moralischen Genuß verschafft, in welchem Menschen durch Mitfreude zu schwelgen geneigt sind; indessen daß das sauere Verdienst, anderer Menschen wahres Wohl, auch [522] wenn sie es für ein solches nicht erkenneten, (an Unerkenntlichen, Undankbaren) doch zu befördern, eine solche Rückwirkung gemeiniglich nicht hat, sondern nur Zufriedenheit mit sich selbst bewirkt, ob zwar es in letzterem Falle noch größer sein würde.

So mag etwa ein Vater, der seinem 14-jährigem Sohn das Besuchen von Spielhallen und das Trinken von Alkohol verbietet und ihn stattdessen regelmäßig ins Fußballtraining schleppt, als miesmacherischer Spielverderber erscheinen. „Aber alle anderen machen das doch auch!“, wird der Sohn klagen.

Dem Vater kommt das saure Verdienst zu, den Sohn auf die rechte Bahn der Tugend zu lenken.

Wird aber sein Sohn zwei Jahre später mit seiner Mannschaft einen Pokal  erringen, dann werden Vater und Sohn in diesem Gefühl der gemeinsam bestandenen Herausforderung schwelgen.

Das saure Verdienst hat sich in ein süßes Verdienst umgewandelt.

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Was ist Tapferkeit?

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Dez. 012010
 

28112010087.jpg „Tapfer tapfer!“ lobte mich kürzlich eine Nachbarin, als ich bei Minusgraden mein Fahrrad aus dem Keller schleppte. In der Tat: Mein Ziel ist es, den ganzen Winter hindurch das eigene Fahrzeug fahren, ohne auf die BVG auszuweichen. Ich werde morgen im ergebnisoffenen Dialog mit der Werkstatt in der Bergmannstraße abklären, ob ich Spikes aufziehe. Die Spikes-Reifen sind recht breit. Conti liefert erst ab einer bestimmten Breite.

Unabhängig davon sei gefragt: Was ist Tapferkeit? Eine Frage, der unter anderem Sokrates nachgeht, in einer Talkshow, die Platon unter dem Namen Laches aufgezeichnet hat.

Laches schlägt mit Blick auf soldatische Tapferkeit vor: Tapferkeit ist „in Reih und Glied standhaltend die Feinde abzuwehren und nicht zu fliehen“ (190e ).

In diesem Fall wären also die Kälte, der Frost, die Glätte, der eisige Wind der Feind, vor dem es als tapferer Radfahrer nicht zu fliehen gilt. Aber schon bei „Reih und Glied“ würde die Definition nicht mehr passen. Denn der tapfere Radfahrer fährt ja nicht in Reih und Glied, sondern wendig, aufmerksam sichernd und Gefahren gleichsam witternd wie ein Eisbär auf einer schmelzenden Eisscholle …

Wir erkennen: Der Vorschlag des Laches erfasst die Tapferkeit des Soldaten, jedoch nicht die Tapferkeit des Radfahrers.

Die Frage ist als ergebnisoffener Dialog weiterzuführen!

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„Europäische Ideen“, „deutsche Werte“?

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Nov. 232010
 

Immer wieder hört man von „europäischen Ideen“ wie etwa Freiheit, „deutschen Tugenden“ wie etwa Gründlichkeit, schwäbischen Tugenden wie etwa „Sparsamkeit“ reden.

Der postkoloniale Diskurs beispielsweise behauptet, die Kolonialmächte hätten „europäische Ideen“  in die unterjochten Völker getragen. Nach der Befreiung vom Kolonialismus müssten die unterdrückten Kulturen zu sich selbst zurückkehren und sich neu definieren. Sie müssten sich von den „“europäischen Werten“ reinigen. Hier ein beliebig gewähltes Beispiel für diese Sichtweise:

Post-colonialisme – Wikipédia
Le colonialisme a instauré dans le pays colonisé un système de valeurs fondé sur des idées européennes. Dans ce système de pensée était représentée la supposée supériorité du monde occidental. Après l’indépendance, les populations des pays libérés ont dû abandonner ce système de valeurs par lequel ils s’étaient toujours définis comme étant inférieurs. C’est pourquoi, afin de réaffirmer leurs origines et devant l’immense tâche de se reforger une identité ils ont souvent eu recours à des idées nationalistes. Cette étape est visible dans la littérature de ces pays.

Ich halte das Reden von „europäischen Ideen“ für missverständlich. Begriffe wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde, Demokratie sind zweifellos in Europa besonders stark und prägend ausgeformt worden. Dennoch sind sie nicht in Europa entsprungen. Sie entstanden in Auseinandersetzung mit anderen Kulturräumen. Europa bekannte sich nicht immer zu ihnen. Es gab in Europa nicht weniger Unfreiheit als in anderen Erdteilen auch.

Freiheit und Menschenwürde sind nur als universale Werte, nicht als „europäische Werte“ zu verstehen. Freiheit etwa ergibt nur dann einen Sinn, wenn sie gleichermaßen den Europäern wie den Nichteuropäern zugeschrieben werden kann.

 Posted by at 14:44
Nov. 022010
 

22102010009.jpg Mit anderen Radfahr-Aktivisten diskutierte ich gestern die Frage der Falschparker, die uns Radfahrern so oft den Platz wegnehmen und auch ein brandgefährliches Unfallrisiko darstellen. Mein Standpunkt:

Ich denke, wir brauchen wirklich eine breitenwirksame Botschaft, ausgerollt
über alle Massenmedien, an Radfahrende und Autofahrende zu diesem Thema und
zu anderen Themen, etwa des Inhalts: „Autofahrer, achtet stets auf von
hinten kommende Radfahrer!“  „Radfahrer, haltet stets einen seitlichen
Mindestabstand zu parkenden Autos.“ „Verkehrsplaner, legt Radstreifen so an,
dass der seitliche Abstand zu parkenden Autos Sicherheit ermöglicht!“

Die bisher angelegten Radfahrstreifen bieten häufig zu wenig Raum, um diesen
notwendigen Seitenabstand zu parkenden Autos zu halten – übrigens auch in
„unserer“ Großbeerenstraße hier in Kreuzberg (die Namensgleichheit zur
Potsdamer Großbeerenstraße ist zufällig.)

Ferner bin ich der Meinung, dass der Staat die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung durchsetzen darf und durchsetzen soll, bei Autofahrern ebenso wie bei Radfahrern.

In Spiegel online fordert soeben Holger Dambeck eine „Radlerethik“. Sehr guter Vorschlag. Man könnte auch von einer Ethik des Radfahrens sprechen.

Ethik – das ist die Lehre vom guten und richtigen Verhalten. Und so etwas brauchen wir. So etwas sollten Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger zusammen ausarbeiten.

Pedalritter: Allein unter Kampfradlern – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Auto
Als Gedankenstütze wäre eine Radlerethik durchaus sinnvoll – und auch fürs Selbstverständnis. Was sollte darin stehen? Zum Beispiel, dass man Fußgänger nicht bedrängt oder belästigt, wenn man schon verbotenerweise über den Gehweg rauscht. Und dass man rote Ampeln nicht einfach ignorieren sollte.

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