März 142011
 

Am Donnerstag wird der Bundestag über eine gesetzliche Zulassung der Präimplantationsdiagnostik debattieren. Darüber schreiben heute Ernst-Wolfgang Böckenförde und Giovanni Maio zwei sehr beherzigenswerte Artikel in der FAZ (S. 27 bzw. S. 10). Es geht darum, ob menschliche Embryonen vor der Einpflanzung auf genetische Defekte untersucht und ggf. ausgesondert werden dürfen.

Ich persönlich bin gegen eine Zulassung der PID. Ich meine, dass menschliche Eizelle und Same von Beginn an menschliches Leben sind. Embryonen sind zwar keine entwickelten Personen, aber eben doch menschliches Leben. Es sollte der Verfügung, der Aussonderung nach selbstgewählten Kriterien entzogen bleiben. Insofern gilt der Schutz der Menschenwürde in meinen Augen absolut. Keines der Argumente, die für die PID ins Feld geführt werden, halte ich für zwingend, am allerwenigsten jenes, wonach es widersprüchlich sei, PID zu verbieten und Schwangerschaftsunterbrechung zu erlauben.

Die PID greift verfügend in das Schicksal menschlichen Lebens ein.

Atomenergie tut dies auf andere Weise auch. Die Risiken für völlig unbeteiligte Menschen, aber auch für künftige Generationen sind zu hoch. Ich meine deshalb, dass die Atomkraftwerke wegen der nicht hinreichend gegebenen Sicherheit und der ungelösten Entsorgungsfragen rasch außer Dienst gestellt werden sollten. Ich bin zunächst für die Wiedereinsetzung des unter rot-grün ausgehandelten „Atomausstiegskompromisses“ und für ein glaubwürdiges Ausstiegsszenario.

Feuilleton – FAZ.NET

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März 122011
 

Sicher, zielstrebig, auf geraden Gleisen brachte mich der ICE gestern von Hamburg nach Berlin zurück. Das schreckliche Unglück in Japan erschütterte mich mit Magnitude.

Von irgendwoher erinnerte ich mich des großartigen Augustinus-Wortes: ama et fac quod vis. „Liebe und tu was du willst.“ Bei allen Zweifelsfragen, bei allem  Tappen und Tasten kann dieses starke Wort helfen, den richtigen Weg, den Weg der Mitte zu finden.

Beim Blättern einer in Hamburg erscheinenden Tageszeitung stieß ich auf die Wendung „personalistische Mitte“. Ein bekannter Diener des Wortes und Diener der Gemeinde hat diese gute Wendung gefunden! Die Welt berichtet darüber:

Die Vernunft ist nicht ewig haltbar – Nachrichten Print – DIE WELT – Kultur – WELT ONLINE

„Wie man ein Kind lieben soll“ – dieser Titel eines großen Buches von Janusz Korczak fiel mir ein, nachdem der ICE-Schaffner seinen Zangenabdruck hinterlassen hatte. Kann man Liebe lehren? Ich meine: ja! Das richtige Erziehen, die richtige Liebe zu Kindern ist kein Zauberkunststück. Sie muss das Kind annehmen und ernstnehmen, dem Kind bedingungslose Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringen, aber auch feste Grenzen und erreichbare Ziele setzen. Dies alles in einen Ausgleich zu bringen, zwischen den Extremen der Verwöhnung und der Vernachlässigung die rechte Mitte zu finden, ist nicht leicht. Aber es ist möglich, sofern nur die Person des Kindes mit seinen Grundbedürfnissen nach Geborgenheit und Selbständigkeit ganz im Zentrum steht.

Diese Haltung nenne ich den Personalismus der Mitte.  Der Personalismus der Mitte – das sei meine Haltung in vielen Dingen – im Umgang mit Menschen ebenso wie in der Politik.

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Das unbezwingliche Vertrauen des konstruktiven Charakters

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Feb. 182011
 

„Wir vertrauen dem Menschen.“ In diesem Satz finde ich mich wieder. Und gerade weil ich dem Menschen vertraue, halte ich wenig davon, wenn Menschen ihr Tun und Lassen zu sehr von einer kollektiven Instanz abhängig machen, etwa von einem Staat, einer Partei, einem religiösen Lehrgebäude.

Ebensowenig halte ich von einer Kultur des umfassenden Misstrauens, wie sie etwa Walter Benjamin seinem Lob des destruktiven Charakters anstimmt.

Der japanische Sozialphilosoph Ken’ichi Mishima hat Benjamin in diesen Tagen ausführlich zitiert, als er den Ehrendoktor der Freien Universität Berlin erhielt. Jürgen Habermas hielt die Laudatio.

Lob des destruktiven Charakters – Berliner Zeitung
„Der destruktive Charakter hat das Bewußtsein des historischen Menschen, dessen Grundaffekt ein unbezwingliches Mißtrauen in den Gang der Dinge und die Bereitwilligkeit ist, mit der er jederzeit davon Notiz nimmt, daß alles schief gehen kann. Daher ist der destruktive Charakter die Zuverlässigkeit selbst. Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen.“

Vertrauen in meinem Sinn bedeutet nicht, dass man nicht damit rechnen würde, dass auch etwas schiefgehen könnte. Selbstverständlich kann vieles schiefgehen. Vieles geht schief, wir scheitern, werden getrogen, wir leiden. Aber ich gehe davon aus, dass Menschen, wenn sie einander vertrauen, mehr Gutes als Falsches bewirken. Dieses Grundvertrauen in den Menschen kann, wenn es gehegt wird, alle Enttäuschungen und Kränkungen überstehen. Es wird dann nahezu unbezwinglich. Es wird zum Merkmal des konstruktiven Charakters. Der konstruktive Charakter sieht wenig Dauerndes, aber er bejaht den Wandel. Er sieht stets mehrere Wege und weiß, dass Wege selten alternativlos sind. In der Freiheit des Wählens werden die Berge des Misstrauens abgetragen und die Mauern des Verhinderns stürzen ein.

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Response:ability – oder: Freiheit und Verantwortung

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Feb. 142011
 

„Meine zentralen Leitbegriffe in der Politik sind Freiheit und Verantwortung. Sie  sind für mich wie die zwei Seiten einer Medaille. Freiheit ohne Verantwortung für sich und die Nächsten führt zu schrankenlosem Egoismus, zu Gier, zur Ausbeutung der Natur und des Menschen, zur Spaltung der Gesellschaft! Umgekehrt gilt: Verantwortung ohne Freiheit der Wahl gibt es nicht. Wenn die staatliche Macht zu viel vorschreibt und sich um zu vieles im Leben der Menschen kümmert, erstickt letztlich die Verantwortung!“

So hausbacken und schlicht würde ich antworten, wenn man mich unter Androhung von Strafen zwänge, die Leitwerte meines politischen Engagements zu benennen. Ebenso sprach etwa kürzlich Cem Özdemir von „Ökologie und sozialer Gerechtigkeit“ als den Markenkernen der Grünen.

Was aber ist Verantwortung? Das Wort klingt so altväterlich! Kann man es auffrischen? Ja! Übersetzen wir es versuchsweise ins Englische:

Freedom and responsibility

Klingt schon besser. Aber noch nicht griffig, noch nicht vermarktungsfähig!

Was ist Verantwortung? Verantwortung ist die Fähigkeit, Rede und Antwort zu stehen für das, was man unterlässt und was man tut.

Grundform: „Was hast du da unterlassen? Was hast du da gemacht?“ Wer gut darauf antworten kann ohne rot zu werden, der handelt verantwortlich. Also: Wer gut antworten kann, wer gut Rede und Antwort stehen kann, der ist ver-antwort-lich.

Verantwortung ist die Fähigkeit, die Ability, auf eine Frage oder Anforderung eine gute Reaktion oder eine gute Antwort, eine gute Response, zu geben.

Responsibility = Response:ability

So auch das Motto der diesjährigen Transmediale!

Selbst bei einer Fruchtfliege stellten wir gestern eine geringe Fähigkeit zur Wahl fest. Keine Freiheit in unserem Sinne, aber doch eine wie immer beschränkte  Möglichkeit, zwischen Alternativen zu wählen. In sehr rudimentärem Sinne hat die Fruchtfliege ein Minimum an Reaktionsmöglichkeiten.

Freiheit und Verantwortung

Freedom and response:ability

So wird ein Schuh draus. Besser: zwei Schuhe.

Freiheit und Verantwortung sind die beiden Schuhe eines Paares. Beide Schuhe muss man sich anziehen! Wer nur einen Schuh anzieht, hinkt, hüpft oder fällt!

Freiheit ohne Verantwortung ist leere Selbstsucht, Verantwortung ohne Freiheit ist knechtische Lähmung.

transmediale

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Freiheit für Fruchtfliegen?

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Feb. 132011
 

Einen bestechend klar formulierten, naturwissenschaftlich abgesicherten Aufsatz des Biologen Björn Brembs las ich soeben in der neuesten Nummer der Zeitschrift Proceedings of the Royal Society – B Biological Sciences.

Thema: „Zu einem naturwissenschaftlichen Begriff der Willensfreiheit als eines biologischen Merkmals: Spontanes Handeln und Entscheidungsfindung bei Wirbellosen“.

Der Autor untersuchte, vereinfacht ausgedrückt, die folgende Frage: Haben Fruchtfliegen so etwas wie Willensfreiheit? Der Autor untersuchte Fruchtfliegen auf ihre Fähigkeit, zwischen Handlungsalternativen zu wählen. Bei gleicher Ausgangslage müssten doch Tiere derselben Art stets gleich entscheiden, so die triviale Ausgangsannahme. Hungrige Fruchtfliegen müssten sich doch stets auf eine mögliche Nahrungsquelle zu bewegen! Dem ist aber nicht so. Die Tiere zeigten stets eine etwa 20-prozentige Abweichung vom zu erwartenden Verhalten. Selbst bei einfachen Stimulus-Response-Situationen, wo ein einfacher Reiz durch eine hochgradig vorhersagbare Reaktion zu beantworten ist, gibt es Abweichler, Ausbrecher, Neugierige unter den Fliegen. Sondert man diese etwa 20 Prozent Abweichler unter den Probanden aus und setzt die verbleibenden Fliegen einem neuen Experiment aus, so ergibt sich wieder eine etwa gleich hohe Abweichlerquote.

Fliegen scheinen also Lösungen für Probleme zu suchen – statt einfach nur Instinkte spielen zu lassen.

Towards a scientific concept of free will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates — Proceedings B
The fly cannot know the solutions to most real-life problems. Beyond behaving unpredictably to evade predators or outcompete a competitor, all animals must explore, must try out different solutions to unforeseen problems. Without behaving variably, without acting rather than passively responding, there can be no success in evolution.

Das Verhalten von Insekten ist selbst in einfachsten Standard-Situationen nie zu 100% voraussagbar. Es sieht so aus, als hätten die Insekten eine Art Ermessensspielraum. Die Freiheit des Ausprobierens sichert den Arten einen Evolutionsvorteil.

Entscheidungen für oder gegen etwas scheinen selbst im Tierreich in dem Sinne möglich zu sein, dass die Tiere neuronal nicht determiniert sind. Bei absolut gleichen Ausgangsbedingungen „entscheiden“ sich genetisch ähnliche oder genetisch gleiche Insekten selbst in fundamentalen Existenzfragen – etwa bei der Frage, ob tier ins Licht oder vom Licht weg fliegen sollte – unterschiedlich!

Neurobiologie – diese im Moment äußerst angesagte Leitwissenschaft – diskutiert, ob man so etwas wie den freien Willen noch zulassen oder rechtfertigen könne. Wird Willensfreiheit obsolet, da doch zunehmend erklärbar wird, warum unser Hirn so reagiert, wie es reagiert?

Der Aufsatz von Brembs weist meines Erachtens nach, dass neuronale Vorgänge die tatsächliche Handlungsentscheidung bei Tieren nicht eindeutig bestimmen.

Für das uralte philosophische Problem der Willensfreiheit beim Menschen meine ich festhalten zu dürfen:

Ein biologischer Nachweis, dass wir keinen freien Willen haben, lässt sich nicht erbringen. Viele Befunde sprechen dafür, dass nicht nur wir Menschen, sondern auch Tiere einen sehr weiten Entscheidungsspielraum nutzen können. Dass wir tatsächlich entscheiden können, dass wir also mit Willensfreiheit begabt sind, dass wir in weitem Umfang „Herr oder Herrin unserer Taten“ sind, ist eine nicht nur durch Introspektion zugängliche, sondern auch durch naturwissenschaftliche Experimente nicht widerlegbare Grundverfasstheit.

Damit wird nicht geleugnet, dass Willensakte an materielle Vorgänge unlösbar gebunden sind – also letztlich an Prozesse unter Neuronen, Synapsen, Botenstoffen und Erregungspotenzialen im Hirn. Aber diese Prozesse sind nur Substrate, Trägersubstanzen des Willens.

Der Mensch selbst ist frei. ER WILL – oder will nicht. Erst durch Freiheit wird Verantwortung, wird Moral, wird Sittlichkeit, wird Recht und Unrecht denkbar. So wird etwa niemand einem Mörder eine Entschuldigung zubilligen, wenn er behauptet: „Ich musste töten! Es überkam mich!“

Von den wenigen Fällen des Wahnsinns oder der Schuldunfähigkeit abgesehen, werden wir stets sagen: „Der Mörder musste nicht töten. Er muss sich für die Folgen seines Tuns verantworten.“

Ich bekenne mich in diesem Sinne leidenschaftlich zur Freiheit des Menschen.

Bild: Der arme Kreuzberger Blogger spricht mit Berliner Kindern über Freiheit, über Gut und Böse in Mozarts Zauberflöte.

Björn Brembs: Towards a scientific concept of free will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates. Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

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Ist der Mensch ein „Dauergehwesen“? Geht es auch ohne Fahrradfahren?

 Fahrrad, Klimawandel, Philosophie, Tugend  Kommentare deaktiviert für Ist der Mensch ein „Dauergehwesen“? Geht es auch ohne Fahrradfahren?
Feb. 052011
 

21082010016.jpg Jeden Tag ging der Königsberger Philosoph Immanuel Kant ab Punkt 15 Uhr mindestens 1 Stunde zu Fuß spazieren. Die Bewohner „konnten ihre Uhr danach stellen“, wie es so schön heißt. Ein Mal hingegen nahm er eine Einladung zur Kutschfahrt an, die Rückkehr verzögerte sich, er kehrte erst am Abend nachhause, sein Tagwerk mußte einen Tag lang ruhen. Dies verdroß ihn zutiefst und er nahm danach keinerlei Einladungen mehr an, die ihn an seinem täglichen längeren Spaziergang gehindert hätten. Er ging weiter täglich an der frischen Luft spazieren und schrieb seine Werke, darunter die drei berühmten „Kritiken“, über die heute noch Kongresse abgehalten werden.

Die verblüffende Geschichte einer 93-jährigen russischen Wissenschaftlerin wurde mir erzählt: Sie ging jeden Tag 90 Minuten quer durch die Stadt zu Fuß zur Arbeit, und nach getanem Werk wieder 90 Minuten zurück. Bis zum heutigen Tag hat die Dame keinerlei ernsthafte körperliche oder seelische Beschwerden, jedoch gelingt ihr das Schreiben nicht mehr so rasch und flüssig wie noch vor 20 Jahren, sodass die Redaktionen sich bisweilen gedulden und eine Nachfrist zur Einreichung der angeforderten wissenschaftlichen Beiträge einräumen müssen.

Verblüffende Erkenntnis der Paläo-Biologen: Der homo sapiens (also wir, die homines sapientes) verdankt seine Überlegenheit gegenüber dem Neandertaler, ja sein Überleben  möglicherweise seiner besseren Lauffähigkeit – bedingt durch eine längere Achilles-Sehne, geringeres Gewicht und längere Beine. Dies habe ihm in Zeiten des Klimawandels bei der Jagd auf Beute einen evolutionären Vorteil gegenüber den Kurzstrecklern verschafft, etwa gegenüber den hominibus neandertalensibus. Lest selbst:

Running Past Neandertals – Science News

Scientists already knew that, relative to Stone Age people, Neandertals weighed more, had shorter legs and had smaller inner-ear canals that would have affected the balance needed to coordinate body movements, all obstacles to endurance running. Raichlen’s study „provides a new line of evidence that Neandertals were not as adept at long-distance running as modern humans were,” remarks anthropologist Herman Pontzer of Hunter College in New York City.

Wie dem auch sei: Es gibt eine überwältigende Fülle an Belegen dafür, dass tägliche mäßige körperliche Bewegung an frischer Luft über mindestens eine Stunde wahrhaft segensreiche, nicht unbedingt revolutionäre, aber doch evolutionäre Vorteile entfaltet.

Ob man dieses Pensum nun durch Radfahren, Spazierengehen, Schwimmen oder Holzhacken erfüllt, ist sicherlich zweitrangig. Entscheidend bleibt: Der homo sapiens braucht täglich ausreichende Bewegung an frischer Luft – bei jedem Wetter, in jeder Jahreszeit. Wie Immanuel Kant.

Bild: Ein Blick auf den neuen Flughafen BBI – Berlin Brandenburg International.

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Jan. 192011
 

„Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker“. Mit dieser Aussage wird in der WELT ein Zeuge zitiert, der damit sicherlich repräsentativ für die Mehrheit der Deutschen spricht. Sein Name? Spielt zunächst keine Rolle. Nennen wir ihn G.W.

„Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker“. Ein bemerkenswerter Satz. Er erinnert an die Rede des Apostels Paulus auf dem Areopag in Athen, wo er den agnostos theos, den unbekannten, den nicht zu erkennenden Gott verkündet (Apostelgeschichte 17,23).

Christlich geprägt“ und deshalb beseelt vom Glauben an die unveräußerliche Würde, die unveräußerlichen Rechte auf Leben und Freiheit jedes einzelnen Menschen. Und zugleich „Agnostiker“ – na, ich würde fast sagen, das ist eigentlich eine Art säkulares Christentum. Das WELT-Christentum. Die säkularen Christen sagen: „Wir sind christlich geprägt, aber über Gott können wir nichts Bestimmtes erkennen und nichts Bestimmtes aussagen noch können wir überhaupt mit nachprüfbarer Gewissheit sagen, ob es einen Gott gibt.“ Und genau derartige Aussagen finden sich in der Geschichte des Christentums auf Schritt und Tritt – auch bei jenen, die sich offen als Christen bekannten. Darunter der unvergleichliche Angelus Silesius oder der einzigartige Pascal.

Ein beliebiges Beispiel für dieses säkulare Christentum, für dieses Christentum der Agnostiker ist folgender Satz: „Keiner hat Gott je gesehen.“ An diesen Satz können die säkularen, christlich geprägten Nicht-Christen und Christen mit ihren schwer navigierbaren, ortlosen WELT-Raumschiffen andocken. Es ist der Kernsatz der WELT-Christen, denn er bedeutet: „Wir huldigen einem unbekannten, einem nicht zu erkennenden, einem unerforschlichen Gott, von dem wir nicht einmal sinnvollerweise sagen können, ob es ihn gibt.“

Dieser Satz findet sich im Johannesevangelium, erstes Kapitel, Vers 18.

Die Zeugenaussage des christlich geprägten Agnostikers G.W. berichtete die WELT am 10.12.2010:

G. W. über Islam, Linke und Moral – Nachrichten Print – DIE WELT – Kultur – WELT ONLINE
Die Welt: Woher kommt Ihr Idealismus?

G. W.: Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker. Es gibt gewisse humane Werte, die allen Weltreligionen und den großen Philosophien eigen sind, und an denen sich die UN-Menschenrechtscharta orientiert.

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Süßes oder Saures?

 Immanuel Kant, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Süßes oder Saures?
Dez. 172010
 

Mit dieser Frage klopfen am letzten Tag des Monats Oktober die Kinder bei uns an. Ob ihnen bewusst ist, dass sie eine Fragestellung aus Kants Metaphysik der Sitten aufgreifen?

Immanuel Kant unterscheidet bekanntlich zwischen süßem und saurem Verdienst:

Kant, Immanuel, Die Metaphysik der Sitten, Zweiter Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, Einleitung, VII. Die ethischen Pflichten sind von weiter, dagegen die Rechtspflichten von enger Verbindlichkeit – Zeno.org
Wenn dieses Verdienst ein Verdienst des Menschen um andere Menschen ist, ihren natürlichen und von allen Menschen dafür anerkannten Zweck zu befördern (ihre Glückseligkeit zu der seinigen zu machen), so könnte man dies das süße Verdienst nennen, dessen Bewußtsein einen moralischen Genuß verschafft, in welchem Menschen durch Mitfreude zu schwelgen geneigt sind; indessen daß das sauere Verdienst, anderer Menschen wahres Wohl, auch [522] wenn sie es für ein solches nicht erkenneten, (an Unerkenntlichen, Undankbaren) doch zu befördern, eine solche Rückwirkung gemeiniglich nicht hat, sondern nur Zufriedenheit mit sich selbst bewirkt, ob zwar es in letzterem Falle noch größer sein würde.

So mag etwa ein Vater, der seinem 14-jährigem Sohn das Besuchen von Spielhallen und das Trinken von Alkohol verbietet und ihn stattdessen regelmäßig ins Fußballtraining schleppt, als miesmacherischer Spielverderber erscheinen. „Aber alle anderen machen das doch auch!“, wird der Sohn klagen.

Dem Vater kommt das saure Verdienst zu, den Sohn auf die rechte Bahn der Tugend zu lenken.

Wird aber sein Sohn zwei Jahre später mit seiner Mannschaft einen Pokal  erringen, dann werden Vater und Sohn in diesem Gefühl der gemeinsam bestandenen Herausforderung schwelgen.

Das saure Verdienst hat sich in ein süßes Verdienst umgewandelt.

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Was ist Tapferkeit?

 Philosophie, Sokrates, Tugend  Kommentare deaktiviert für Was ist Tapferkeit?
Dez. 012010
 

28112010087.jpg „Tapfer tapfer!“ lobte mich kürzlich eine Nachbarin, als ich bei Minusgraden mein Fahrrad aus dem Keller schleppte. In der Tat: Mein Ziel ist es, den ganzen Winter hindurch das eigene Fahrzeug fahren, ohne auf die BVG auszuweichen. Ich werde morgen im ergebnisoffenen Dialog mit der Werkstatt in der Bergmannstraße abklären, ob ich Spikes aufziehe. Die Spikes-Reifen sind recht breit. Conti liefert erst ab einer bestimmten Breite.

Unabhängig davon sei gefragt: Was ist Tapferkeit? Eine Frage, der unter anderem Sokrates nachgeht, in einer Talkshow, die Platon unter dem Namen Laches aufgezeichnet hat.

Laches schlägt mit Blick auf soldatische Tapferkeit vor: Tapferkeit ist „in Reih und Glied standhaltend die Feinde abzuwehren und nicht zu fliehen“ (190e ).

In diesem Fall wären also die Kälte, der Frost, die Glätte, der eisige Wind der Feind, vor dem es als tapferer Radfahrer nicht zu fliehen gilt. Aber schon bei „Reih und Glied“ würde die Definition nicht mehr passen. Denn der tapfere Radfahrer fährt ja nicht in Reih und Glied, sondern wendig, aufmerksam sichernd und Gefahren gleichsam witternd wie ein Eisbär auf einer schmelzenden Eisscholle …

Wir erkennen: Der Vorschlag des Laches erfasst die Tapferkeit des Soldaten, jedoch nicht die Tapferkeit des Radfahrers.

Die Frage ist als ergebnisoffener Dialog weiterzuführen!

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„Europäische Ideen“, „deutsche Werte“?

 Philosophie  Kommentare deaktiviert für „Europäische Ideen“, „deutsche Werte“?
Nov. 232010
 

Immer wieder hört man von „europäischen Ideen“ wie etwa Freiheit, „deutschen Tugenden“ wie etwa Gründlichkeit, schwäbischen Tugenden wie etwa „Sparsamkeit“ reden.

Der postkoloniale Diskurs beispielsweise behauptet, die Kolonialmächte hätten „europäische Ideen“  in die unterjochten Völker getragen. Nach der Befreiung vom Kolonialismus müssten die unterdrückten Kulturen zu sich selbst zurückkehren und sich neu definieren. Sie müssten sich von den „“europäischen Werten“ reinigen. Hier ein beliebig gewähltes Beispiel für diese Sichtweise:

Post-colonialisme – Wikipédia
Le colonialisme a instauré dans le pays colonisé un système de valeurs fondé sur des idées européennes. Dans ce système de pensée était représentée la supposée supériorité du monde occidental. Après l’indépendance, les populations des pays libérés ont dû abandonner ce système de valeurs par lequel ils s’étaient toujours définis comme étant inférieurs. C’est pourquoi, afin de réaffirmer leurs origines et devant l’immense tâche de se reforger une identité ils ont souvent eu recours à des idées nationalistes. Cette étape est visible dans la littérature de ces pays.

Ich halte das Reden von „europäischen Ideen“ für missverständlich. Begriffe wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde, Demokratie sind zweifellos in Europa besonders stark und prägend ausgeformt worden. Dennoch sind sie nicht in Europa entsprungen. Sie entstanden in Auseinandersetzung mit anderen Kulturräumen. Europa bekannte sich nicht immer zu ihnen. Es gab in Europa nicht weniger Unfreiheit als in anderen Erdteilen auch.

Freiheit und Menschenwürde sind nur als universale Werte, nicht als „europäische Werte“ zu verstehen. Freiheit etwa ergibt nur dann einen Sinn, wenn sie gleichermaßen den Europäern wie den Nichteuropäern zugeschrieben werden kann.

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Nov. 022010
 

22102010009.jpg Mit anderen Radfahr-Aktivisten diskutierte ich gestern die Frage der Falschparker, die uns Radfahrern so oft den Platz wegnehmen und auch ein brandgefährliches Unfallrisiko darstellen. Mein Standpunkt:

Ich denke, wir brauchen wirklich eine breitenwirksame Botschaft, ausgerollt
über alle Massenmedien, an Radfahrende und Autofahrende zu diesem Thema und
zu anderen Themen, etwa des Inhalts: „Autofahrer, achtet stets auf von
hinten kommende Radfahrer!“  „Radfahrer, haltet stets einen seitlichen
Mindestabstand zu parkenden Autos.“ „Verkehrsplaner, legt Radstreifen so an,
dass der seitliche Abstand zu parkenden Autos Sicherheit ermöglicht!“

Die bisher angelegten Radfahrstreifen bieten häufig zu wenig Raum, um diesen
notwendigen Seitenabstand zu parkenden Autos zu halten – übrigens auch in
„unserer“ Großbeerenstraße hier in Kreuzberg (die Namensgleichheit zur
Potsdamer Großbeerenstraße ist zufällig.)

Ferner bin ich der Meinung, dass der Staat die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung durchsetzen darf und durchsetzen soll, bei Autofahrern ebenso wie bei Radfahrern.

In Spiegel online fordert soeben Holger Dambeck eine „Radlerethik“. Sehr guter Vorschlag. Man könnte auch von einer Ethik des Radfahrens sprechen.

Ethik – das ist die Lehre vom guten und richtigen Verhalten. Und so etwas brauchen wir. So etwas sollten Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger zusammen ausarbeiten.

Pedalritter: Allein unter Kampfradlern – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Auto
Als Gedankenstütze wäre eine Radlerethik durchaus sinnvoll – und auch fürs Selbstverständnis. Was sollte darin stehen? Zum Beispiel, dass man Fußgänger nicht bedrängt oder belästigt, wenn man schon verbotenerweise über den Gehweg rauscht. Und dass man rote Ampeln nicht einfach ignorieren sollte.

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Sind wir also fast alle Ausländerfeinde und Rechtsextremisten?

 Migration, Philosophie, Russisches  Kommentare deaktiviert für Sind wir also fast alle Ausländerfeinde und Rechtsextremisten?
Okt. 162010
 

Mit großem Kopfschütteln las ich heute die Studie „im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung“ über das vermeintliche Vordringen rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Im ersten Teil des Buches fiel mir die überbordende Theorielastigkeit auf. Ich fühlte mich an die Soziologie-Seminare erinnert, die ich geduldig während meines Studiums besuchte. Die Autoren beweisen, dass sie viele Seminare und Oberseminare samt zugehöriger Literatur besucht, geleitet und verdaut haben.

Im empirischen Teil fiel mir auf, dass viele Aussagen als manifest rechtsextrem oder manifest ausländerfeindlich gewertet werden, die eher ein Gefühl der Unsicherheit widerspiegeln. „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“ Schlimm, so etwas zu fühlen?

Nun, das Wort „überfremdet“ gilt seit Jahrzehnten als Alarmklingel für das Schreckgespenst des Rechtsradikalismus. Und sicherlich werden viele zehntausende Familien, die – im Gegensatz zu diesem Blogger – aus Kreuzberg oder Neukölln wegziehen, genau wegen dieses Gefühls der Überfremdung weggezogen sein. Sind das alles Rechtsextremisten, weil sie das Gefühl der gefährlichen Überfremdung verspüren?

Vergessen wird in der Studie, dass auch alle linken Diktaturen eine üble Hetze gegen Volksfeinde und zersetzende Elemente geführt haben. Die linken Diktaturen, welche die KPdSU installierte, waren nicht minder nationalistisch oder ausländerfeindlich als die von den Autoren mit Wonne zitierten rechten Diktaturen! Lenin und Stalin selbst bauten eindeutig auf das Konzept Nationalismus, sprachen zeitweilig sogar von einem „Nationalkommunismus“, um die ideologische  Nähe des realen Sozialismus zum Nationalsozialismus hervorzuheben, die sich ja auch in der innigen Waffenbrüderschaft mit Deutschland bis 1941 niederschlug.  Waren also Lenin, Stalin, die Tscheka usw. alles in der Wolle gewaschene Rechtsextremisten?

Gerade die Sätze, die in der Studie als Beleg für Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus gewertet werden, geben diese Deutung nicht her.  So wird etwa die Aussage „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ bereits als Beweis der Ausländerfeindlichkeit bewertet (S. 78). Das kann man so mitnichten schlussfolgern! Ein Fehlschluss! Man frage einmal in Kreuzberg oder Neukölln herum – an den Schulen mit den üblichen 90-95% Hartz-IV-Empfängern. Man wird letztlich erkennen müssen, dass der inkriminierte Satz einen Teil der Realität zutreffend widerspiegelt. Fast niemand kommt hierher, um Goethe im Original zu lesen oder um demokratische Partizipation am Gemeinwesen einzuüben.

Davor sollte man die Augen nicht verschließen. Deswegen ist man aber noch lange kein Ausländerfeind. Man hält die Augen offen – und man analysiert die Lage.  Selbstverständlich liegt auch zu diesem Satz die Zustimmung im Osten höher als im Westen.

„Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.“ Diese Aussage wird von den Autoren als Beleg des Wunsches nach einer rechtsautoritären Diktatur gedeutet (S. 76). Die Zustimmung liegt im Osten höher als im Westen. Warum wohl? Nun, in der DDR gab es genau diese autoritäre, einzige starke Partei – verkörpert durch die SED. Der Satz, der als Beleg für Rechtsextremismus gedeutet wird, ist eine Selbstbeschreibung der linken, der nationalkommunistischen Parteien wie etwa der SED!

Der Extremismus der Rechten ist über weite Strecken nichts anderes als die Fortsetzung der autoritären Regime, welche bis 1989 einen großen Teil Europas beherrschten. Aber davon wollen die Autoren nichts wissen.

Die DDR erkennen die Autoren der Studie nicht. Dabei war die DDR ein Nährboden für links- und rechtsextreme Einstellungen gleichermaßen.

Ich rate zu einem genauen Studium, jedoch zu einem äußerst kritischen Umgang mit dieser Studie. Ich persönlich halte sie für empirisch unsauber und theoretisch recht stark veraltet, überdies einem schicksalhaften Verblendungszusammenhang (Ha! ein schönes Horkheimer-Adorno-Habermas-Wort!) in der Leugnung und Abschattung der Linksdiktaturen verhaftet.

Die Schlussfolgerungen und das aus der Studie entstehende Gesamtbild halte ich für falsch, für eindeutig fehlfarbengezeichnet.

Studie zu rechtsextremen Einstellungen application/pdf-Objekt

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Wer schreibt bei wem ab?

 Philosophie, Solidarität  Kommentare deaktiviert für Wer schreibt bei wem ab?
Feb. 112010
 

Habt ihr gemerkt? Ich widersprach im vorigen Eintrag Rifkins Selbstdeutung. Er scheint nämlich der Meinung zu sein, seine empathy sei dem Wesen nach eine Neuentdeckung. Alle Vorläufer hätten das nicht zu fassen vermocht, was er fasst:

Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation: Mir ist so ganz empathisch wohl – Sachbuch – Feuilleton – FAZ.NET
So wichtig alle diese Vordenker seiner zentralen Aussage auch seien, ist die Menschheit doch erst mit dem Erscheinen des Wortes „Empathie“ auf den richtigen Weg gebracht. So wird von Rifkin mehrmals bemängelt, dass Autoren, die vor dem zwanzigsten Jahrhundert über Mitgefühl nachgedacht haben, gar nicht den passenden Terminus dazu hatten. Bei ihm ist das anders. Rifkin verfügt über das Konzept einer „empathischen Zivilisation“, wie der Titel seines neuen Buches lautet, und natürlich ist Empathie mehr als Moral und Ethik: „Empathisches Handeln erweitert den Geltungsbereich der Moral.“ Wie, das behält Rifkin für sich. „Empathie ist etwas, was wir gleichzeitig spüren und mit dem Verstand erfassen können.“

Ich vermag Rifkin hier in seinem Anspruch auf Urheberschaft nicht zu folgen. Die Werte des Erbarmens, des Mitfühlens, des Mitgehens, Mitleidens usw., die ziehen sich doch durch die gesamte europäische Geschichte als eine Art Leuchtspur. Nietzsche spricht immer wieder abschätzig und verächtlich von einer Kultur des Mitleidens, einer christlichen Kultur der Schwäche, die es zu überwinden gelte.

Aber genau diese Kultur des Mitleidens und der Schwäche ist ein Merkmal eines wesentlichen Teils der europäischen Kultur! Einsicht in die Schwäche, in das Leiden des anderen, öffnet den Blick für die eigene Schwäche. Es ist eine Grundlage für die Entstehung von Moral.

Das zeigt sich am Wort empathy selbst. Es ist griechischen Ursprungs. Rifkin verwendet es ungefähr so, wie Aristoteles von eleos spricht. Eleos ist das zugleich rationale und emotionale Mitgehen mit einem exemplarisch vorgeführten Leiden.

 Posted by at 20:02