Reithers beunruhigende Frage

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Dez. 072016
 

Ein Winterabend ist hereingebrochen, letzte Schritte verhallen,
Schemenhaft geistern die Lichter der Straße von drüben hinter den Gleisen
Durch kahle Bäume herein in dieses winzige Zimmer in drangvoller Enge,
Wo zahllose Bücher und sechs Streichinstrumente drängende Fragen stellen.

Welche Fragen? Wir stellen in dieser Einsamkeit sechs Fragen:

  1. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?
  2. Könnte es die Welt auch nicht geben?
  3. Warum ist überhaupt die Welt und nicht vielmehr keine Welt?
  4. Könnte es auch eine andere Welt geben?
  5. Warum bin ich überhaupt und warum bin ich nicht vielmehr nicht?
  6. Könnte es mich auch nicht geben?

Welche möglichen Antworten gibt es auf diese Fragen?

Lesen wir dazu einen kleinen Abschnitt aus einem ausgezeichneten Buch:

Er ließ die Kupplung kommen und fuhr einfach weiter die Häuserzeile entlang, nun schon im Abenddunkel, er rief noch einmal den Namen, an den er sich gerade gewöhnt hatte, auf die Straße hinaus, aber nicht mehr, um Antwort zu bekommen, wie auch, dafür die absurde Gewissheit, allein zu sein, weder zu dritt noch zu zweit, sondern allein im Auto, in seiner Hand einen sinnlosen Schmerz, wie als Beweis, dass es auch keinen Sinn ergab, ob man mit oder ohne Schmerz auf der Welt war und ein Leben lang aus halbfertigen Büchern ganze Bücher gemacht hat oder aus schlechten weniger schlechte; dass er mit all seinem Tun so entbehrlich war wie der Mensch überhaupt, kosmologisch gesehen – ein Notgedanke gegen die Auflösung: Ja, es gab ihn noch, ihn, Reither, der sich all das durch den Kopf gehen ließ im Fahren.

Reither, der zurückgezogen lebende, nun in Italien gestrandete Verleger, von dem uns Bodo Kirchhoff erzählt, gibt auf die zuletzt gestellte Frage  – nach dem Zeugnis des Autors, das wir hier nicht in Zweifel ziehen  – folgende Antwort: „Ja, mit all meinem Tun bin ich entbehrlich; es könnte mich auch nicht geben; und dann gäbe es trotzdem die Welt. Die Welt kommt auch ohne mich aus.“

Der Schmerz Reithers, zweifellos ein Beweis dessen, dass es etwas gibt, das Schmerz empfindet, dass es also ein Reither-Ich gibt, ergibt zwar keinen Sinn – es gibt aber ein Gefühl des Schmerzes, über das ich mir klar werden kann, indem ich es „mir durch den Kopf gehen lasse“.

Ebenso deutet der Schmerz auf etwas hin, was wir Auf-der-Welt-sein nennen dürfen. Denn Reither stellt – mindestens dem vorderhand nicht zu bezweifelnden Zeugnis des Autors nach – nicht in Frage, dass „man auf der Welt“ ist. Dieses Auf-der-Welt-sein mag sinnlos oder sinnvoll sein, aber es – ist. Das Auf-der-Welt-sein ist hier ein vorgängiger Horizont, vor dem die Frage, ob dieses Auf-der-Welt-Sein des Ich-Reither einen Sinn ergibt, gestellt werden kann, wobei offen bleiben muss, ob diese Frage ihrerseits einen Sinn ergibt. Doch die Frage wird gestellt, wenngleich die Antwort offen bleibt.

Reither stellt also unter den sechs oben aufgezählten Fragen die sechste Frage:

Könnte es mich auch nicht geben?

Er zieht den Schluss: „Ja! Es könnte mich auch nicht geben. Aber daraus folgt nichts. Es würde an Sinn oder Sinnlosigkeit nichts ändern. Selbst der Gedanke, dass es mich auf der Welt nicht geben könnte, könnte sinnvoll oder auch sinnlos sein.“

Dieses Grundverhältnis des Ich zu sich selbst befindet sich hier im Bewusstsein der Kontingenz; denn Kontingenz ist nichts anderes als die Aussage, dass etwas zwar ist, aber ebenso auch nicht so sein, oder auch überhaupt nicht sein könnte.

Quelle:
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2016, S. 197-198

 

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Nikolaus, du hilfst uns zu guten Gedanken!

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Dez. 062016
 

Kinder denkt euch nur! Als ich heute früh erwachte, herrschte draußen noch Finsternis. Ich sprang auf, knipste das Licht an und streckte die Beine in der ausgekühlten Wohnung aus. Doch was spürte ich da? Ein Päckchen lag zu Füßen meines Bettes! Blau eingepackt, mit einem goldenen Stern darauf! Wer mochte das geheimnisvolle Päckchen dort hingelegt haben? War das etwa der… ? Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Das war sicher der gute Nikolaus gewesen, der bei  mir vorbeigeschaut hatte, als ich schon schlief! Ich kniete gleich nieder, im Nu hatte ich das Päckchen ausgewickelt. Was war das? Ein Buch, in lindgrünem Umschlag, mit einem sauberen Rücken aus dunkelgrünem Leinen! Gleich öffnete ich es, da fiel schon ein Kärtchen heraus, mit sauberer Schönschrift bedeckt.

Wollt ihr wissen, was auf dem Kärtchen stand?

Ich las:

„Der 6. Dezember ist der Gedenktag des Hl. Nikolaus. Die Gebeine des Heiligen ruhen in Bari.

Ein Gespräch ist ein Geschenk,
dessen sind wir hiermit eingedenk,
In der Stadt des Heiligen, der heut wird verehrt,
hast Du diese Kunst einst gelernt und gelehrt.“

O der gute Nikolaus! Wie hatte er diese Wahrheiten denn gelernt? Es stimmte! Wer hatte sie ihm hinterbracht? Doch nicht sein Knecht Ruprecht? Wer, welcher tüchtige Franke hatte diese altfränkischen Knittelverse gedichtet, die so recht an den alten Hans Sachs und die Nürnberger Meistersinger erinnerten? Oder war es der treffliche Johann Peter Uz oder eine Schwester von ihm aus dem mittelfränkischen Ansbach, der noch einmal seine alte Reim- und Deute-Kunst uns zu Gehör brachte?

Ich sprang vor Freude auf und jubelte! Hatte das wirklich alles der Nikolaus selbst im Verbund mit Hans Sachs und Johann Peter Uz vorbereitet, bedacht, ersonnen? Was glaubt ihr, Kinder?

Ihr lächelt, ihr zweifelt, ihr schmunzelt? Glaubt mir doch, Kinder, nichts von all diesem ist erfunden! Glaubt mir nur, es stimmt.

Und das geschenkte Buch? So lautet es – es hat einen recht anspruchsvollen Titel:

Italienische Konversations-Grammatik für den Schul- und Privatunterricht. Von Pio Gironi. Copyright 1942 by Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung (Professor G. Langenscheidt) K.G., Berlin-Schöneberg, Bahnstraße 28-30

Aber wie kann das sein…? Das ist doch nur einen Steinwurf von unserer Wohnung entfernt! Die Bahnstraße, da war doch wirklich einmal der Langenscheidt Verlag ansässig. Und später, liebe Kinder, da wurde diese Bahnstraße in Crellestraße umbenannt, und so heißt sie heute noch. Der Langenscheidt Verlag mit seinen vielen gelben Büchern ist zwar mittlerweile umgezogen, aber die gelben Bände, die habe ich immer zu Dutzenden noch in meinem Bücherschrank. Aber damals, vor über 70 Jahren, damals waren die Bücher noch grün.

Und in diesem Buch finde ich schöne italienisch-deutsche Geschichten, von Dante etwa oder von Goethe, der Manzonis Ode „Il cinque Maggio“ selbst übersetzte und auf eigene Faust drucken ließ, während Manzoni selbst das Gedicht in Mailand nicht herausbringen durfte. Die hartherzigen Österreicher, die damals über die Stadt herrschten, verboten es! Einfach so!

Aber Goethe – wir zitieren aus dem von Nikolaus geschenkten Buch – „trovò tanto bella l’ode del fratello minore italiano che la tradusse in tedesco e pubblicò originale e traduzione in Germania“.

Eine schöne Geschichte, der sich heute abend bei uns zuhaus noch ein Gespräch anschließt. Denn was sagte Goethe über Manzoni in seinem Gespräch mit Eckermann am 23. Juli 1827? Hört es selbst:

„Manzoni ist ein geborener Poet, so wie Schiller einer war. Doch unsere Zeit ist so schlecht, daß dem Dichter im umgebenden menschlichen Leben keine brauchbare Natur mehr begegnet. Um sich nun aufzuerbauen, griff Schiller zu zwei großen Dingen: zu Philosophie und Geschichte; Manzoni zur Geschichte allein. Schillers ›Wallenstein‹ ist so groß, daß in seiner Art zum zweiten Mal nicht etwas Ähnliches vorhanden ist; aber Sie werden finden, daß eben diese beiden gewaltigen Hülfen, die Geschichte und Philosophie, dem Werke an verschiedenen Teilen im Wege sind und seinen reinen poetischen Sukzeß hindern. So leidet Manzoni durch ein Übergewicht der Geschichte.«

»Euer Exzellenz«, sagte ich, »sprechen große Dinge aus, und ich bin glücklich, Ihnen zuzuhören.« – »Manzoni«, sagte Goethe, »hilft uns zu guten Gedanken.« Er wollte in Äußerung seiner Betrachtungen fortfahren, als der Kanzler an der Pforte von Goethes Hausgarten uns entgegentrat und so das Gespräch unterbrochen wurde. Er gesellte sich als ein Willkommener zu uns, und wir begleiteten Goethe die kleine Treppe hinauf durch das Büstenzimmer in den länglichen Saal, wo die Rouleaus niedergelassen waren und auf dem Tische am Fenster zwei Lichter brannten. Wir setzten uns um den Tisch, wo dann zwischen Goethe und dem Kanzler Gegenstände anderer Art verhandelt wurden.

Was Goethe damals über Manzoni sagte, das sag ich heute abend über dich, guter Nikolaus von Bari! Du hast mir heute zu guten Gedanken geholfen. Und dafür danke ich dir und deinen fränkischen Gehilfen von Herzen!

 

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Haben wir 335000 Obdachlose in Deutschland, die auf der Straße leben?

 Armut, Bitte zählen!, Leidmotive, Mieten, Sozialstaat, Verdummungen  Kommentare deaktiviert für Haben wir 335000 Obdachlose in Deutschland, die auf der Straße leben?
Dez. 062016
 

335.000 Menschen sind obdachlos! Das wäre eine Großstadt von der Größe Bielefelds! Aufrüttelnde Zahlen, die die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) soeben vorgelegt hat.

http://www.bild.de/politik/inland/obdachlos/hoehepunkt-noch-nicht-erreicht_ag_dpa-49083712.bild.html

335.000 Bundesbürger sind wohnungslos!” Das ZDF-heute-Journal berichtete soeben, alle führenden Medien berichten darüber, die Bundesregierung hat sich dazu geäußert, alle Parteien haben daraus Kapital geschlagen.  Alle Medien, vom heute-Journal über den Spiegel, die Frankfurter Rundschau bis hin zur BILD bringen zu ihren jeweiligen Berichten Bilder von einsam auf Bänken schlafenden Obdachlosen, Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und auf Pappkartons frierend ihre Nächte verbringen. Erschütternd!

Müssen also fast 335.000 Bundesbürger auf Parkbänken und auf Plastikplanen schlafen?

STOP! Der schrille Weckruf der BAGW hinterlässt in mir einen üblen Nachgeschmack. Denn wohnungslos ist nicht obdachlos.

Jeder Berliner Student oder Azubi, der seinen Kreuzberger Haushalt aufgibt und aus Kostengründen wieder zu Muttern nach Dahlem zieht, zählt amtlich als “wohnungslos!” Denn er kann sich keine eigene Wohnung mehr leisten, sondern muss erst einmal eigenes Geld verdienen, ehe er sich eine Wohnung leisten kann. Jugendlichen alleinstehenden Arbeitssuchenden wird vom Jobcenter keine eigene Wohnung mehr gestellt, sondern sie müssen “zur Not” bei Mutti, bei Vati, bei  Verwandten oder Freunden unterkommen. Auch sie sind nach BAGW-Kriterien wohnungslos.

Doch muss die Frage erlaubt sein: Wieso sollte der Staat jungen alleinstehenden Arbeitslosen eine eigene Wohnung spendieren, solange sie anderswo unterkommen können?

Wohnungslos ist nicht gleich obdachlos. Obdachlos muss in Deutschland niemand sein. Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland, also der Menschen, die auf der Straße leben, liegt bei etwa 40.000, also einem guten Zehntel der Wohnungslosen (Quelle: Die Zeit 05.10.2015).

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-10/deutschland-studie-obdachlosigkeit

Die vorübergehende oder dauernde Obdachlosigkeit  entspringt in aller Regel keiner ökonomischen Notlage, sondern einem bewussten Entschluss, die Brücken mit der bisherigen Existenz abzubrechen. Aber es gibt in Deutschland eine Armada an Hilfsorganisationen, Kirchen, karitativen Einrichtungen, gütigen Menschen, die die Obdachlosen beherbergen.

Jeder, der sich in Deutschland dauerhaft aufhält, hat Anspruch auf Wohnung, Nahrung und Kleidung. Er hat zwar keinen Anspruch auf eine eigene Wohnung, aber er hat Anspruch auf Herberge, auf ein Dach über dem Kopf, auf medizinische Grundversorgung.

Obdachlos muss niemand in Deutschland sein.

Es ist schlicht falsch, dass es 335.000 Obdachlose in Deutschland gebe, wie es heute verschiedene Massenmedien  (von BILD bis ZDF) darstellen.

Hier wird wieder einmal ein geradezu wahnhaft verzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit in Deutschland erzeugt.

Obdachlose sind im Gegensatz zu Wohnungslosen laut Gesetz „Personen, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherziehen, alleinstehende Personen ohne Wohnung und regelmäßige, sozialversicherungspflichtige Arbeit, ohne abgesicherte Existenzverhältnisse und häufig ohne existenziell tragende Beziehungen zu Familie oder anderen Lebensgemeinschaften“.

Ein Riesenunterschied, denn Obdachlosigkeit hat andere Gründe als Wohnungslosigkeit.

Richtig ist, dass es etwa 335000 Wohnungslose in Deutschland gibt, also Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen keine eigene Wohnung leisten können, etwa Studenten, Auszubildende oder Erwerbslose, die ihre Wohnungen aufgeben und bei Verwandten unterkommen. Das mag ein Problem für den Einzelnen sein, es ist aber kein öffentliches Übel. Dass jemand sich keine eigene Wohnung mehr leisten kann, mag enttäuschend für die Betroffenen sein, es zehrt am Selbstbewusstsein, aber es ist kein echtes gesellschaftliches Problem. Es war immer so und wird auch immer so bleiben, dass viele Menschen sich keine eigene Wohnung leisten können.

Die heutigen Berichte in den führenden elektronischen und gedruckten Medien Deutschlands sind zusammen mit den hochgradig zur Empörung aufputschenden Bildern ein gutes Beispiel für bewusste oder unbewusste Irreführung der Öffentlichkeit, für den gefährlichen manipulativen Einsatz von Bildern.  Es wird ein völlig verzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit erzeugt.

Nebenbei: Vor einigen Jahren, am 02.08.2013, hatten wir Anlass, einen ähnlichen Artikel wie den heutigen zu schreiben. Die groben handwerklichen Fehler in der Darstellung der Medien sind geblieben. Der Fehler liegt in der Verwechslung von Wohnungslosen und Obdachlosen.

http://johanneshampel.online.de/2013/08/02/eine-grosstadt-muss-auf-parkbanken-schlafen-oder-wird-deutschland-allmahlich-zu-einer-komikernation/

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Unterwegs zu einem Bild von der Reformation

 31. Oktober 1517, Religionen, Wittenberg, Zeitenwende  Kommentare deaktiviert für Unterwegs zu einem Bild von der Reformation
Dez. 052016
 

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Die Leihfrist läuft in wen’gen Stunden ab! Ein sehr lehrreiches Buch, dessen Verfassern ich hiermit von Herzen danke, werde ich in 2 Stunden bei der Alma Mater Stabi  zurückgeben: eine 2015 in Oxford verlegte „Illustrierte Geschichte der Reformation“, mit der ich manch gute Stunde verbracht habe. Nachstehend einige lose zusammengefügte Thesen, die mir beim abschließenden Durchblättern des Buches in den Sinn kommen:

  1. That reform was older than the Reformation.“ Die Reformation des 16. Jahrhunderts, die man heute gern mit dem Thesenanschlag vom 31.10.1517 beginnen lässt, war ein chorisches Geschehen, das sich dem Schwerpunkt nach – jedoch nicht ausschließlich – in den Gebieten des damaligen Sacrum Imperium Romanum und hier wiederum vorwiegend in lateinischer und in deutscher Sprache entfaltete, also namentlich in Kursachsen, in der Schweiz, und in Oberschwaben.

2. Die stärksten Kämpfe und Rivalitäten entfalteten sich in den deutschen Territorien zwischen den verschiedenen Zweigen der Kirche, die „die Reformation durchgeführt hatten“, etwa zwischen den Calvinisten und den Lutheranern, mitnichten jedoch nur zwischen der Katholischen Kirche und den Lutherischen Gemeinden.

3. Keineswegs war Martin Luther der einzige Reformator, keineswegs war er der erste, keineswegs war er der theologisch bedeutendste. Er war einer der mutigsten, er war wohl der lauteste von allen. Das wollte er zunächst eigentlich gar nicht. Er wurde da von der Revolution, die sich ihn ihm anstiftete, in etwas hineingetrieben, was er so nicht beabsichtigte. „Once underway, revolutions follow their own logic.“

4. Er sah sich selber nicht als den Reformator oder gar den Begründer einer „neuen Religion“, also der „Lutherischen Religion“. Eher schon sah er sich als Hinweisgeber, Zeichenträger, als „Dolmetscher“ des Wortes Gottes. Von daher auch die überragende Bedeutung einer neuen Bibelübersetzung, die mit den neuen technischen Mitteln des Buchdrucks und des Kupferstiches eine flächendeckende Macht entfaltete.

5. Unter den prägenden Gestalten der Religion der Väter scheint den großen Reformator Luther neben Jesus Christus am stärksten Johannes der Täufer beeinflusst zu haben. Er war der lauteste Rufer, wir müssen sagen der „Schreier in der Wüste“. Auf ihn bezieht Luther sich in herausgehobener Weise. Er verschmilzt ihn mitunter auf eine nicht bloß triviale Weise mit dem Evangelisten Johannes, der als sein zweitwichtigstes, ja überragendes theologisches Vorbild zu nennen ist.

6. „The actual content of ideas mattered.“  Die Glaubenskämpfer der damaligen Zeit glaubten ganz offenkundig das, was sie sagten. Es ging ihnen tatsächlich um die Substanz, es ging gewissermaßen ans „Eingemachte“; keinesfalls darf man die Glaubenskämpfe vor allem als Kämpfe um Macht und Geld ansehen.

7. Diese zunehmend aggressiv geführten Auseinandersetzungen um den Sinn von Worten, um Glaubensinhalte scheinen mir ab etwa 1500 ein prägendes Merkmal gerade der deutschsprachigen Landschaften geworden zu sein. Bis in die sechziger, siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, so erinnere ich mich noch, wurde in den deutschsprachigen Gebieten um Religionen, Ideologien, theoretische Grundannahmen, mit einem Wort: um den rechten Glauben erbitterter, tiefschürfender, kompromissloser, ja gewalttätiger gerungen als in den anderen Sprachräumen Europas, vielleicht mit der Ausnahme Russlands.

Dieses erfrischende englische Buch sei als eine Art Kopfschmerztablette allen Landsleuten empfohlen, denen die Feierlichkeiten zum 2017 erwarteten Reformationsjubiläum in Deutschland einiges Kopfzerbrechen bereiten und die ein bisschen Abstand von deutschen, allzu deutschen Befindlichkeiten suchen:

The Oxford Illustrated History of the Reformation. Edited by Peter Marshall. Oxford University Press, Oxford 2015, hierin insbesondere: Editor’s Foreword, Seite V-X. Zitate wörtlich entnommen hier: Seite Vi, Vii

Und damit schließen wir mit einem kleinen Anklang an John Donnes Valediction:
Fare thee well, book, —
The breath goes now, and some say, „No“. 

 

 

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Zwingt die Saiten in Cythara

 Advent, Bach, Einladungen, Musik  Kommentare deaktiviert für Zwingt die Saiten in Cythara
Dez. 022016
 

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Zwingt die Saiten in Cythara
Und lasst die süße Musica
Ganz freudenreich erschallen

Wer dächte nicht an diese schönen Verse aus Bachs Kantate „Schwingt freudig euch empor“, wenn er eine so nette Einladung wie die folgende erhält? Ich jedenfalls zögere nicht, die mir zugesandte Einladung zu veröffentlichen!

Die Sänger, Musiker, Schauspieler  laden euch herzlich zu ihrem Adventskonzert am Samstag, den 10. Dezember 2016 um 19:30 Uhr in der Kirche St. Bonifatius, Yorckstr. 88/89, 10965 Berlin, ein.

Zusammen mit dem Konzertorganisten Stefano Barberino am Piano, der Sopranistin Sandra Barenthin, der Altistin Irina Potapenko, dem Tenor Claudio Stirpe, dem Schauspieler Sebastian Zett, mit Ivan Hampel (Violine) u.a. wollen sie euch mit (vor-)weihnachtlichen Melodien auf die (Vor-)Weihnachtszeit einstimmen.

Der Eintritt ist frei, Spenden sind herzlich willkommen.

Kommet zuhauf, denn:

Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen
Wird Gottes Majestät verehrt.
Denn schallet nur der Geist darbei,
So ist ihm solches ein Geschrei,
Das er im Himmel selber hört.

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Doch muß man glauben! – Muß man?

 Dante, Karl Marx  Kommentare deaktiviert für Doch muß man glauben! – Muß man?
Nov. 292016
 

Eine der nicht eben zahlreich20160514_130355en Stellen, in denen Dante ausnahmsweise die Rolle des Lehrenden, nicht wie üblich die Rolle des zu Belehrenden, des eifrig Lernenden einnimmt, finden wir im 19. Gesang des Inferno.

„Fatto v’avete Dio d’oro e d’argento
e che altro è da voi a l’idolatre,
se non ch’elli uno, e voi n’orate cento?“

„Ihr habt euch Gott gemacht aus Silber und aus Gold,
und worin seid ihr anders als der Götzendiener,
als daß ihr hunderten, doch er nur Einem hold?“
(eigene Übersetzung des hier Schreibenden)

Muß man glauben an Einen, oder darf man auch an hundert Götter glauben?

Seit der Erzählung vom Goldenen Kalb ist die abendländische Überlieferung gespickt mit Warnungen vor der Vergötterung von Gold und Geld. Karl Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus, schleudert seinen gehässigen Bannstrahl auf das Volk, dem er doch entstammt, indem er in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ das Judentum als „Religion des Geldes“ bezeichnet. Moses selbst zweifelt an seiner Aufgabe, als er sieht, wie sein Volk Israel einem selbstgemachten Gott huldigt. Er zertrümmert die Gesetzestafeln, die er eben erst auf dem Sinai empfangen hat. Und Dante zählt im 19. Gesang der Hölle mit dem Papst Nikolaus III., dem Apostel Judas und mit der Konstantinischen Schenkung des Kirchenstaates an Papst Silvester I., einer der wirkungsvollsten Geschichtsfälschungen  des Abendlandes, eine lange Reihe von Sünden auf, in denen der Glaube an die Heilkraft und die Macht des Geldes die Christen in die Irre geführt hat und auch weiterhin führt. Für Mose, Dante Alighieri, Karl Marx und einige andere, darunter auch Fausts Gretchen, stand fest: Das Geld und das Gold kann niemals die Grundlage der Glückseligkeit sein. Es kann nicht das Fundament sein, auf das sich echter Glaube stützt.

 

Doch muß man glauben!
Muß man?

 

Bild: Mailand: ein Blick auf Kathedralen des Geldes

 

Quellen:

Die Bibel, Zweites Buch: „Und das sind die Namen“/ „Auszug“, hierin insbesondere Kapitel 32. Zum Beispiel nach folgender Ausgabe: Neue Jerusalemer Bibel. Herder Verlag Freiburg Basel Wien, 1. Auflage der Sonderausgabe 2007, Buch Exodus, Kapitel 32, S. 119-121

Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 108-112 (Inferno, canto XIX, insbesondere vv. 112-114)

Karl Marx: Zur Judenfrage, in: Karl Marx: Die Frühschriften. Herausgegeben von Siegfried Landshut. 7. Auflage. Neu eingerichtet von Oliver Heins und Richard Sperl. Geleitwort von Oskar Negt. Stuttgart: Kröner 2004 [=Kröners Taschenausgabe; Band 209] S. 237-274, hier bsd. S. 268-270

 

 

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Schwingt freudig euch empor – erfrischende Botschaft Japans ans uralte Europa

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Nov. 272016
 

„Schwingt freudig euch empor“, so tönt es aus dem fernen Japan zu uns herüber. Bayern 4 Klassik brachte es soeben in mein digitales dümpelndes Kombüsenradio, fast unhörbar leise gestellt, weil ja der Schiffsjunge an Bord noch schlief.

Name der Botschaft, vorgetragen in nahezu akzentfreiem Deutsch:  Kantate am ersten Advent, BWV 36

Träger der Sendung:
Hana Blaziková, Sopran
Robin Blaze, Countertenor
Satoshi Mizukoshi, Tenor
Peter Kooij, Bass
Bach Collegium Japan: Masaaki Suzuki

Erfrischende Erkenntnis, dass zumindest in Japan die überragende Schönheit der Bachkantaten und auch die Klangfülle und Ausdruckskraft der deutschen Sprache noch erkannt und gepflegt wird! Ja, ich lüge nicht, stellt euch vor, dort in Japan, aber auch in England, in den USA, in Tschechien lernen sie – sehr im Gegensatz zu Deutschlands Kindern – noch richtig schönes, klingendes, klangvolles Deutsch, und sei es auch, um eine Bachkantate aufführen zu können.

Motto der Japaner ist: Schwingt freudig euch empor.

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Verstehen wir Europäer die Position der Briten heute besser als damals?

 1917, Europas Lungenflügel, Faschismus, Holodomor, Kommunismus, Lenin, Nationalsozialismus, Russisches  Kommentare deaktiviert für Verstehen wir Europäer die Position der Briten heute besser als damals?
Nov. 252016
 

It seems to me that you, like many others in Europe, do not understand England’s position clearly enough„, so sprach am 11. Oktober 1938 der englische Außenminister Halifax  zum Botschafter eines europäischen Staates in London: dem klugen, weltläufigen, vielsprachigen, literarisch gewitzten und höchst geselligen, also im besten Sinne europäischen Botschafter Ivan Maisky. Der Brite sieht also eine Kluft des Missverstehens zwischen einerseits den Europäern – wie  etwa Maisky selbst einer war – und den Engländern andererseits.

Maisky, der weltkluge Europäer, zitiert den britischen Politiker weiter mit folgenden Worten: „We think that nowadays the world is witnessing the struggle of two ideological fronts – fascism and communism. We, the English, support neither one nor the other. Moreover, we dislike both. We have our own notions and institutions, developed over centuries. We do not want to change them for anything else. In the struggle between the two fronts, we occupy a neutral, or, if you please, a middle position. It is precisely for this reason that we are misunderstood so often on the Continent and attacked so frequently from both sides.“

Nun, offenkundig wollte sich damals, im Oktober 1938, also kurz nach Abschluss des Münchner Abkommens, Großbritannien weder auf die Seite der Kommunisten noch auch der Nationalsozialisten schlagen. Es wollte den Großkonflikt zwischen den beiden totalitären Ideologien nicht befeuern, und es wollte keine Partei ergreifen. Die Briten trauten damals offenkundig weder den Nazis noch den Bolschewisten über den Weg. Sicher: Beide Bewegungen waren in allen kontinentaleuropäischen Ländern stark vertreten, in allen Ländern gab es kampfbereite Faschisten, in allen Ländern Europas gab es  gewaltbereite Kommunisten.  Die Hoffnungen der europäischen Faschisten in den verschiedenen Ländern ruhten nach 1919 auf Führern wie dem Italiener Mussolini, dem Österreicher Kurt Schuschnigg, dem Deutschen österreichischer Herkunft Hitler; die Hoffnungen der europäischen Kommunisten richteten sich hingegen auf den ersten sozialistischen Staat, die UDSSR, und insbesondere auf die sowjetischen Führer wie etwa Lenin, Trotzkij, Stalin.

Das kontinentale Europa befand sich also im Zangengriff zweier totalitärer, auf Terror und Gewalt gestützter Staatsformen. Wir dürfen nicht vergessen: Im Jahre 1938 hatten die sowjetischen Staatsorgane bereits unvorstellbare, bis dahin unerhörte Massenmorde begangen. Allein in den ersten sechs Jahren nach der Oktoberrevolution, also zu Lebzeiten Lenins, hatte die Geheimpolizei der Sowjetunion, die sogenannte Tscheka, – so beziffert  es der britische Historiker Archie Brown – etwa 200.000 Bürger liquidiert, also ohne Gerichtsverfahren getötet, vorzugsweise durch Massenerschießungen. 1938 war auch die Erinnerung an den Holodomor, die kollektive Ausmerzung der „Kulaken als Klasse“ in der Ukraine, durchaus noch lebendig. Es gab damals keinen anderen Staat in Europa, der so viele Massenmorde, Gewalttaten, so umfassenden Terror praktizierte wie die Sowjetunion.

Im Jahr 1938 – darauf hat der australische Historiker Timothy Snyder wiederholt hingewiesen – waren zwar etwa 20.000 Menschen der verbrecherischen, mörderischen Gewaltpolitik des deutschen Nationalsozialismus zum Opfer gefallen. Aber in den Augen der Weltöffentlichkeit wogen die Millionen Todesopfer des sowjetisch gesteuerten Holodomor, die Hunderttausenden Todesopfer der sowjetischen Tscheka unter Lenin und später auch unter Stalin schwerer! Man hielt in den USA, in Frankreich, in England ganz offensichtlich Lenin, Trotzkij und Stalin für eine größere Gefahr als Mussolini, Schuschnigg und Hitler.

Hätte England ein Bündnis mit einem massenmörderischen Regime, wie es die Sowjetunion war, eingehen sollen, um den europäischen Faschismus, damals angeführt durch das Deutsche Reich, einzudämmen?  Aus der Rückschau sind heute viele geneigt, dies zu bejahen! Manche neigen im Lichte der nach 1939 folgenden Ereignisse dazu, die Appeasement-Politik Englands in Grund und Boden zu verdammen. Allerdings muss man daran erinnern, dass in England damals – 1938 – noch starke Sympathien für Hitler und Deutschland herrschten. Sogar die USA waren in den 20er und frühen 30er Jahren noch überwiegend pro-deutsch und antisowjetisch eingestellt, darauf hat der amerikanisch-jüdische Geiger Yehudi Menuhin in seinen Erinnerungen deutlich hingewiesen.

Ich meine: Die Briten haben damals – aus heutiger Sicht – die Gefährlichkeit Hitlers wohl unterschätzt; die Gefährlichkeit Stalins haben sie hingegen nicht unterschätzt; sie wollten aus gutem Grund mit der Sowjetunion vor 1941 kein Zweckbündnis eingehen. Die durch Halifax beanspruchte Sonderrolle Englands in der welthistorischen Auseinandersetzung von europäischem Faschismus bzw. Nationalsozialismus und europäischem Kommunismus ist jedoch auch aus heutiger Sicht durchaus begründet, ja gerechtfertigt.

Ich meine, die damalige Analyse des britischen Außenministers  Halifax verdient eine ernsthafte Prüfung. Und vieles an seinen Worten erklärt wohl auch heute das häufig missverstandene Verhalten der Briten gegenüber der EU.

Diese Zusammenhänge durchschaute Ivan Maisky, der geniale, großartige sowjetische Diplomat selbstverständlich, und er versuchte die Weltgeschichte zu beeinflussen, indem er an seinem Dienstsitz London zielgerichtet auf ein Bündnis der Briten mit Stalin hinarbeitete, – ein Bündnis, das freilich viel später kam, als Maisky gehofft hatte.

Quellen:

The Maisky Diaries. Red Ambassador to the Court of St James’s. 1932-1943. Edited by Gabriel Gorodetsky. Translated by Tatiana Sorokina and Oliver Ready. Yale University Press, New Haven and London, 2015, hier bsd. Seite 146 (=Tagebucheintrag vom 11.10.1938)
Archie Brown: Aufstieg und Fall des Kommunismus. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Norbert Juraschitz, Hainer Kober und Thomas Pfeiffer. Propyläen, Berlin 2009, hier bsd. Seite 84
Голодомор в Україні (1932—1933) (ukrainischer Wikipedia-Artikel über den Holodomor)

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Das Geströme der Spree

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Nov. 232016
 

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Und du fährst über den Fluß, müde vom Tagwerk, wo du die Pflugschar des Gespräches, das wir sind, so oft hin und her wendetest, daß du nicht weißt, wo der Morgen des Ackerns begann und wo er endete. Schau da! Träge wälzt er, der Fluß, sich von einer Seite auf die andere. Er, das ist eine Sie, die Spree, ein Fluß voller Rätsel, der so oft unentschieden scheint, in welche Richtung die Strömung verläuft. Wie das? Eine Strömung, die sich ganz der Strömung anvertraut – das wäre ein Widerspruch, es wäre eine unfassbare, letztlich geradezu quantenmechanische Unschärferelation!

Und doch, schau einmal ganz ungenau hin! Wenn du nur ungenau genug hinschaust, dann ist es so. Dann musst du es glauben, dass die Spree manches Mal auch rückwärts fließt. Ja, sie weiß es nicht immer, wohin die Strömung sie treibt. Und so lässt sie sich in der Strömung treiben. Weit, weit hinaus ins Land, hinunter zum Horizont, ins havelländische Luch oder ins märkische Oderbruch. Sie möchte schlafen. Sie wartet auf den Winter. Sie wälzt sich hin und her am schilfigen Rohrdamm und sie weiß nicht, wann sie zur Ruhe kommt, wie ein Schlafender, der sich geschäftig umwälzt um fünf Uhr morgens, weil er nicht weiß, ob es sich schon aufzustehen lohnt. Und dann steht er auf, wenn die güldene Sonne den Sims des gegenüberliegenden Hauses bestreift und rötlich färbt für einige wenige kostbare Minuten. Rötlich? Nein, gülden! Dafür gibt es ja extra dieses Wort gülden, wißt ihr, um Leben und Wonne auszudrücken, gülden, das ist mehr als golden, seltener, weniger sichtbar!

Aber sie, die Spree, sie wartet auf das Eis. Sie wünscht sich den Frost.

Bild: Die Spreebrücke am Rohrdamm. Aufnahme von heute

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Gonyosoma oxycephala. Was die Schlange uns gestern brachte

 Antike, Das Böse, Griechisches, LXX, Natur  Kommentare deaktiviert für Gonyosoma oxycephala. Was die Schlange uns gestern brachte
Nov. 202016
 

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Verführerisch nahe Begegnung mit der Spitzkopfnatter im Aquarium des Berliner Zoos! Drei Exemplare dieser Art – gonyosoma oxycephala – boten uns gestern einen Tanz der Bewegungen, ein so wiegendes Züngeln, ein so geschmeidiges Schlängeln und Schlingen, ein Schwanken und Sich-Ranken, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Nur die Glasscheibe trennte uns. Aber die Beziehung schien da zu sein. So mochte es den alten Vätern ergangen sein! Sie erkannten, dass Schlangen den Bewegungen des Menschen zu folgen scheinen, – oder dass die Augen des Menschen den Bewegungen der Schlangenleiber folgen.

Die hellgrüne Färbung der Spitzkopfnatter schützt sie vor dem allzu neugierigen Blick der Unvorbereiteten; bis in 1 m Höhe spannte sich dieses Exemplar gestern auf, um zu zeigen, was sie konnte! Hätte sie sich bedroht gefühlt, sie wäre blitzschnell zum Angriff übergegangen, daran hegte ich nicht den geringsten Zweifel. Auch ihr übelriechendes Analsekret hätte sie bedenkenlos eingesetzt.

Doch wollen wir der Natter nicht unrecht antun. Sie ist ungiftig.

Vielmehr zollen wir ihr hier Anerkennung und Bewunderung – nicht anders als es die Siebzig Dolmetscher in ihrer Übersetzung der heiligen Schriften getan. Die 70 bezeichneten die Schlange („den Schlang“, wie wir sagen dürfen, denn diese Art ist im Griechischen der 70 ein Maskulinum) als den klügsten aller Tiere. Sie schreiben über die Schlange in Gen 3,1:

῾Ο δὲ ὄφις ἦν φρονιμώτατος πάντων τῶν θηρίων τῶν ἐπὶ τῆς γῆς, ὧν ἐποίησεν κύριος ὁ θεός· καὶ εἶπεν ὁ ὄφις τῇ γυναικί Τί ὅτι εἶπεν ὁ θεός;

„Und der Schlang war der verständigste aller Tiere auf der Erde, die Herr der Gott gemacht hatte; und der Schlang sagte zu der Frau: Was hat der Gott eigentlich gesagt?“

Der Schlang hat also der Frau  zuerst die Frage nach Gott gestellt. Er – der Schlang – brachte damit über die Frau das jahrtausendealte Fragen nach dem Wort Gottes in Gang. Er verwickelte und verstrickte nach Schlangenart  den Menschen in das Gespräch über Gottes Wort. Er lehrte den Menschen das Fragen nach Gott. Das ist der Anfang der Theologie.

Nicht böse sei dein Sinn der Schlange,
Dass sie deinen Blick dir fange,
Solch ein herrliches Gewimmel
Bringt auf Erden uns den Himmel.

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Nov. 182016
 

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Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, καὶ θεὸς ἦν ὁ λόγος.

οὗτος ἦν ἐν ἀρχῇ πρὸς τὸν θεόν.

Für das Verständnis der erasmischen Formel „in principio erat sermo“ als Übersetzung des bekannten Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος scheint mir der Ciceronianische Sprachgebrauch von sermo ganz entscheidend. Denn Cicero und in geringerem Umfang Caesar waren für die Humanisten wie etwa Erasmus die verbindliche Richtschnur des guten, vorbildlichen lateinischen Sprachgebrauchs. Sermo bezeichnet bei Cicero das lockere, fließende, sanfte, gewaltlose Gespräch oder Gerede, die natürliche Sprache, wie wir heute sagen würden.  Während die rhetorisch gebundene Rede, die kunstfertig gedrechselte Oratio, – ob bei Gericht, in der Volksversammlung, im Senat oder bei Feierlichkeiten – Leidenschaften aufstachelt, den Hörer zu beeinflussen und zu überwältigen sucht, pflegt der philosophische Sermo das gesellige Miteinander; der Sermo sucht den Austausch, nicht den Sieg; die Begegnung, nicht die Überwältigung; den Dialog, nicht den Monolog (unius oratoris lucutio); die Gemeinschaft im Wort, nicht die erzwungene Vereinigung in einem kollektiven Willen. Cicero schreibt beispielsweise in seinem Orator ad Brutum:

Mollis est enim oratio philosophorum et umbratilis nec sententiis nec verbis instructa popularibus nec vincta numeris, sed soluta liberius; nihil iratum habet, nihil invidum, nihil atrox, nihil miserabile, nihil astutum; casta, verecunda, virgo incorrupta quodam modo. Itaque sermo potius quam oratio dicitur. Quamquam enim omnis locutio oratio est, tamen unius oratoris locutio hoc proprio signata nomine est.

Der Sermo belässt also dem anderen seine Freiheit der Wahl; die Oratio will fesseln, beeinflussen, berücken und überzeugen – wobei jedes Mittel recht ist, bis hin zur Beschimpfung, zum Lobpreis, zur Hetze, zum flehentlichen Gestammel.

Die genannte Freiheit der Wahl spricht Cicero besonders dem philosophischen Gespräch zu, nicht der öffentlich aufgeschmückten Rede.

Erasmus spricht nun durch seinen Übersetzungsvorschlag für Joh 1 „In principio erat sermo“ diese Freiheit der Wahl auch dem schöpferischen Handeln Gottes zu; umgekehrt gewinnt der Satz im Johannesprolog dadurch einen neuartigen tiefen Sinn, dass auch dem Menschen diese Freiheit des Gesprächs zugesprochen wird. Erasmus, der Cicero kannte und verehrte, überträgt das zwanglose Sprechhandeln des philosophischen Gesprächs auf das Gespräch Gottes mit der Schöpfung, auf das Gespräch des Geschöpfes mit Gott, auf das Gespräch der Menschen untereinander.

Ein derartiger umfassender Freiheitsbegriff nun hebt Erasmus eindeutig von Luther ab. Luther hat die Freiheit in diesem großen, überragenden Sinne nicht erkannt und nicht anerkannt. Servum Arbitrium, lautet Luthers Formel dafür; das Liberum Arbitrium, die Freiheit der Willensentscheidung, schreibt sich dagegen Erasmus auf die Fahne. Das ist der erasmische Freiheitsglaube, der ihn von Luther, mit seiner absoluten, seiner schicksalhaften Abhängigkeit des Menschen vom Willen Gottes, meilenweit absetzt.

Aber noch weiter gehen wir: Erasmus verwirft mit seiner Formel „In principio erat sermo“ die Schicksalsabhängigkeit des Menschen. Aus der Schicksalsgemeinschaft wird eine Gesprächsgemeinschaft. Das göttliche Gespräch, aus dem die Welt hervorgeht, ist nicht schon zwar bei Gott als vielmehr zu Gott hin (πρὸς τὸν θεόν), und deshalb macht es frei. Es befreit von der Knechtschaft der Schuld. Es ebnet den himmelweiten Unterschied zwischen Gott und den Menschen ein. „Macht gerade alle Pfade“, dieser frühere, auf Christus verweisende Vers des Jesaias bedeutet: Es gibt eine Gesprächsbeziehung zwischen Gott und dem Menschen, und der Wege-Ebner zu Gott hin, das kann für den erasmischen Freiheitsglauben nur Jesus sein. In ihm und durch ihn und mit ihm ereignet sich diese Heraufkunft eines neuartigen Freiheitsdenkens, das es in dieser Radikalität vor dem Johannesevangelium nicht gegeben hat und hinter das seither immer wieder zurückgefallen wird.

Zitate:
Cicero, Orator ad M. Brutum, 64
Johannesevangelium, Novum testamentum graece, ed. Erasmiana, 1,1-13
Jesaias 40,3

Foto:

Ein Gespräch. Fresko in Schloß Runkelstein bei Bozen, Aufnahme vom 12.08.2016

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„Gott war dieses Gespräch“ – eine erasmische Übersetzung des Johannes-Prologs

 Desiderius Erasmus von Rotterdam, Erasmus, Novum Testamentum graece  Kommentare deaktiviert für „Gott war dieses Gespräch“ – eine erasmische Übersetzung des Johannes-Prologs
Nov. 162016
 

Helle Begeisterung und Freude löste dieses Jahr in mir der Abend von Allerheiligen in der Katholischen Akademie in Berlin aus. Thomas Schmid hielt eine durch Erasmus von Rotterdam angeregte Tischrede unter dem Titel „Am Anfang war das Gespräch„. Dazu gab es als Geschenk auf den Tisch gelegt eine vierfach gegliederte synoptische Zusammenschau von 2 verschiedenen erasmischen Übersetzungen des Prologs aus dem Johannesevangelium, jeweils der erasmischen Edition des Novum testamentum graece, also seiner Ausgabe des griechischen Textes gegenübergestellt.

Eine Evangelienharmonie in vier Spalten, nur diesmal eben nicht als Gegenüberstellung von Matthäus, Markus, Lukas, Johannes – sondern Johannes 1 graece – Joh 1 latine, Joh 1 graece – Joh 1 latine!

Vierfach derselbe Text in anderen Fassungen, so zwar, dass ein Original nicht mehr fassbar ist, sondern als Beziehung von 4 gleichwertigen Texten, eines griechischen „Urtextes“ und zweier lateinischer „Übersetzungen“ aufscheint! Die Wahrheit des Textes ergibt sich dann aus dem beziehungsvollen Ineinander oder Miteinander dieser vier Fassungen.

Und in der vierten Spalte hieß es nicht In principio erat verbum, sondern in In principio erat sermo.

Wie kam Erasmus dazu, den Anfang des vierten Evangeliums nicht als „In principio erat verbum“, sondern als „In principio erat sermo“ wiederzugeben?

Wir zitieren dazu aus dem Text der Tischrede, die in Schmids Blog bequem nachzulesen ist:

Es sei nicht zwingend, argumentierte er, das griechische Wort lógos mit verbum zu übersetzen. Denn verbum bezeichne vor allem das einzelne Wort – es sei aber mehr gemeint im Neuen Testament. Lógos habe verschiedene Bedeutungen, etwa: oratio, sermo, ratio oder modus. Erasmus entschied sich für sermo, und bezog sich damit unter anderem auf Cyprian von Karthago, der im dritten Jahrhundert nach Christus den Sohn Gottes als sermo patris bezeichnet hatte. Sermo: Das bedeutet viel mehr als das gesetzte, dialoglose Wort. Nämlich: Wechselrede, Unterhaltung, Unterredung, Gespräch, Disputation, Predigt, ja sogar Gerede und Klatsch.

Nun hieß es: „In principio erat sermo, & sermo erat apud deum, & deus erat ille sermo.“ Also: „Im Anfang war das Gespräch, und das Gespräch war bei Gott, und Gott war dieses Gespräch.“

http://schmid.welt.de/2016/11/02/am-anfang-war-das-gespraech-ueber-erasmus-von-rotterdam-die-einheit-der-christen-und-die-einigung-europas/#more-2636

Ich meine: Dieser Vorschlag des Erasmus hat, wenn man ihn zu Ende denkt,  kaum absehbare Konsequenzen!  Und Thomas Schmid hat diese Konsequenzen mutig und furchtlos bis in die heutige Europa-Politik verfolgt. Eine Großtat, die das Nachlesen lohnt.

 

 

 Posted by at 19:43

Die wend’t sich –

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Nov. 152016
 

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Spät am Abend ist’s. Der Supermond hat sein trübes Gesicht schon wieder hinter dem Nebelschleier verzogen. Ein paar Fußwanderer suchen eilig den Nachhauseweg. Der grauenhaft wühlende, schmerzhafte Film aus dem Jahr 1960 klingt noch machtvoll nach.  Was muss das für eine Existenz gewesen sein für die arme Mutter, an den Rollstuhl gefesselt kauernd seine Tage zu verbringen, nur gelegentlich von dem nur scheinbar dienstfertigen, in Wahrheit kalt berechnenden Sohn hinunter in die Puppenstube, in den anheimelnden Keller getragen zu werden wie eine Puppe! Hinunter zu den Müttern, – ja, die Mütter, die Mütter sind’s dort unten! Und die junge Frau suchte den Weg hinunter und sprach sie an mit ihrem Namen: „Mrs. Bates!“ Zum ersten Mal seit langen Jahren, eine teilnehmende Seele spricht zu der alten Mutter —

Die wend’t sich –

Und hinter dem Rücken der Mutter hat er dann sogar noch eine ganze Filmcrew mit einem weltberühmten Regisseur angeheuert, um seine, ja seine, allerdings sehr besondere Fassung der Geschichte kunstvoll ins Bild zu setzen. Und die Welt? Glaubt ihm sein ganzes kunstvolles Lügengebäude, ihm, dem Sohn, dem Regisseur, allen! Und dabei könnte ich nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun!

Kalt ist’s da draußen. Da – ein paar Schritte voraus kauert auf dem Rollstuhl eine alte Frau, das Gesicht zur Mauer gewandt. Eine Kopfbedeckung trägt sie nicht. So spät allein kauert sie da, auf dem Rollstuhl, das Gesicht zur frisch gekalkten Wand gewandt. Um die Schultern trägt sie nur ein gehäkelt Gewand.

Die Wanderer gehen vorbei. Da, nach 20 Schritten, tippte der Zweifel an die Schultern. „Kann man denn diese Frau so alleine in der Nacht des Supermondes lassen?“

„Nein. Wir können es nicht! Wir dürfen es nicht!“ Wir wenden uns um. Wir grüßen die Sitzende: „Guten Abend! Kann ich Ihnen helfen?“

Es entspann sich ein Gespräch über diese Lage. Unsere Mrs. Bates war allerdings ein Mann. „Wie heißen Sie? Was wollen Sie?“, fragte er vorsichtig; ich nannte meinen Vornamen. Der Mensch mir gegenüber hatte einen Namen, eine Geschichte, ein Anliegen. Ich reichte ihm die Hand, und er nahm sie an.

Wir lösten ihn von der Hauswand ab, brachten ihn auf den Weg nachhause. Seine Bitte in der Supermondnacht: „Die parkenden Autos an den Straßenecken sollen endlich die abgesenkten Schwellen freimachen.“ Für einen alleinfahrenden Rollstuhlfahrer bedeuten die Autos, die in seiner Straße die Ecken mit den abgesenkten Schwellen versperren, ein unüberwindliches Hindernis. „Gebt diese Bitte ans Ordnungsamt weiter!“

Die Begegnung mit einem Menschen in Fleisch und Blut löste für mich gestern den Bann der Schreckensbilder. Das Sich-Kümmern um einen Menschen, der Druck einer einzigen Hand hatte eine befreiende, angstabschüttelnde Wirkung.  Und ich bitte hiermit das Ordnungsamt, die vielen Falschparker, welche den Rollstuhlfahrern das Leben schwermachen (siehe das Bild unten), verstärkt zu ahnden.

Hell strahlte der Supermond!

 

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 Posted by at 16:39