Ist das europäische Volk also europafeindlich? Ist der Euro europafeindlich – oder nur EU-feindlich? Ist die Süddeutsche Zeitung rechtspopulistisch? Oder auch umgekehrt?

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Juni 202014
 

Nachdenklich stimmender Aufsatz in der aktuellen Süddeutschen Zeitung aus der Feder von Andreas Zielcke: Union ohne Bürger. SZ, heute, 20.06.2014, S.11!

Der SZ-Autor  deutet das Wahlergebnis als Ausdruck des Misstrauens der europäischen Bürgerinnen und Bürger gegenüber der EU. Als ein hauptschuldiger Auslöser, ja als der hauptschuldige Auslöser der tiefen EU-Krise wird hier der Euro genannt. Das Gefälle zwischen ökonomisch besser und den schlechter aufgestellten Staaten aufgestellten sei seit 1992 dramatisch angewachsen. Der Euro habe die Wirtschaftskraft der EU stark verschlechtert. „Daher vergrößert der Euro die Abgründe zwischen den Euro-Nationen, statt sie zu überbrücken. Die Staaten mit schwächerer Wettbewerbsfähigkeit geraten immer stärker unter Druck, die Tendenz zur Ungleichhheit beschleunigt sich. Umgekehrt profitieren wirtschaftsstrukturell überlegene Länder wie Deutschland überproportional von dieser Unwucht.

 

Zielcke fordert eine tiefgreifende Änderung der Europäischen Verträge. Ohne tiefgreifende Änderungen der EU-Verträge vermöge europaweiter Volksabstimmungen sind die von Zielcke avisierten Verbesserungen eines insgesamt schlechten Zustandes der EU nicht zu haben. Als einen wesentlichen Auslöser der tiefen EU-Krise erkennt Zielcke die Währung. Die Einheitswährung Euro ist in Zielckes Darstellung aus strukturellen Gründen neben der Selbstherrlichkeit der Institutionen und Parteien der Spaltpilz, der die EU auseinanderzutreiben droht.

 

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Was soll denn jetzt bloß aus der EU werden?

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Juni 162014
 

Bedenkenswerter, sehr offenherziger Brief des Alt-Bundespräsidenten Roman Herzog, in dem er den verheerenden Vertrauensverlust der Europäischen Union bei den Völkern der EU ungeschminkt anspricht:

http://www.stern.de/politik/deutschland/roman-herzog-fuer-abwehrrechte-gegen-eu-institutionen-2117195.html

Auffällig finde ich, dass Herzog vor allem die Selbstanmaßung der EU-Institutionen geißelt, die sich zunehmend in Belange einmischten, die eigentlich eher den nationalen Parlamenten zustünden.

Dies gilt – so meine ich – insbesondere für die EZB, die bereits heute wie die Notenbank eines Staates auftritt. Kein Finanzminister eines EU-Staates, geschweige denn der zuständige EU-Kommissar kommt ihr an Machtfülle auch nur annähernd gleich. Die EZB gebärdet sich wie ein Staatsorgan oder ein Staat in einem Staate, der kein Staat ist. „Draghis Wille geschehe!“, so tadelte dies vor kurzem knapp doch nicht falsch die Süddeutsche Zeitung.

Dabei ist die Europäische Union ausweislich ihrer Gründungsverträge kein Staat, sondern ein Zusammenschluss von Staaten, der „auf eine immer engere Union“ hinarbeiten soll. Selbst diese Klausel (Art. 1 Abs. 2 EU-Vertrag) bedeutet aber meines Erachtens keineswegs, dass die die EU als zukünftiger Staat angelegt ist.

Was soll die EU einmal werden? Ich denke, die beste Antwort darauf lautet: Sie soll das werden, was die Menschen der EU-Staaten wollen. Wenn die Bürgerinnen und Bürger aller EU-Staaten eindeutig und mit großer Mehrheit ihren Willen bekunden, sich zu einem Staat zusammenzuschließen, dann soll dies geschehen. Darauf deutet aber zur Zeit nichts hin. Im Gegenteil, die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger schon seit langem nicht mehr das Gefühl haben, „Herrinnen und Herren der EU-Verträge“ zu sein.

Allerdings gilt ebenso: Vor einer schleichenden Entmachtung der Staaten, insbesondere einer schleichenden Entmachtung der repräsentativ gewählten Parlamente zugunsten der EU-Kommission und schlimmer noch der EZB muss weiterhin eindringlich gewarnt werden. Bundespräsident Herzog spricht eine solche Warnung aus.  Dafür gebührt ihm der Dank aller Demokraten, denen der Zustand der EU graue Haare bereitet.

Maßgebliche Parteien haben sich in grotesker, nicht mehr zu überbietender Anmaßung nicht entblödet, das Votum der europäischen Bürger als „Rechtspopulismus“ oder als „Europafeindschaft“ abzukanzeln. Sie bestätigen damit aufs schönste das tiefe Misstrauen, das sie selbst in den Bürgerinnen erzeugt haben, als berechtigt.

Bundespräsident Herzog hat recht, wenn er die zunehmende Kluft zwischen EU-Politik und Bürgerinnen und Bürgern beklagt. Man sollte seinen Einspruch ernstnehmen und ihn diskutieren.

Lese-Empfehlung zur Einführung:

Matthias Herdegen: Europarecht. 13. Auflage, C.H. Beck Verlag, München 2011, hier insbesondere: § 5: „Die Rechtsnatur der Europäischen Union“, S. 63-76

 

 

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Stricke des Todes: am letzten Pult des Lebens

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Juni 152014
 

Stricke des Todes hatten uns umfangen,
Und Angst der Hölle hatte uns getroffen,
Wir wandelten in Finsternis.

So wählte Felix Mendelssohn Bartholdy aus dem reichen Schatzhaus unserer Bücher aus. Sie hatten, nicht: sie haben! Der Tod – so singt und klingt es im Tenorsolo der Nr. 6  seiner Kantatensinfonie „Lobgesang“. Sie hatten uns umfangen. Gemeint ist wohl: Der Tod ist kein letztes. Irgendwann dürfen wir sagen: Die Nacht ist vergangen.

Vorgestern starb in Nikolina Gora unser geliebter Vater, Schwiegervater, Opa, Ehemann Alexander Jakowlewitsch Potapenko. Es gibt wohl unter allen Russen keinen Mann, der mich mehr geliebt hat als er, und keinen, den ich mehr geliebt habe als ihn. Heute nachmittag spiele ich folglich zu seinem Gedenken für ihn und für uns die Bratsche am letzten Pult in einem schönen großen Konzert:

Sonntag, 15.06.2014, 19:00 Uhr, Paul-Gerhard-Kirche, Berlin-Schöneberg, Hauptstraße 48
Sinfonie Nr. 2 “Lobgesang” von Felix Mendelssohn Bartholdy

Ausführende:
Neuer Chor Alt-Schöneberg
Kirchenkreisorchester Schöneberg mit Gästen
Solisten: Anna Gütter, Eva Summerer, Goran Cah
Leitung: Sebastian Brendel

Karten an der Abendkasse: 15 (10) Euro

 

 

 

 

 

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Vergeben in Freiheit

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Juni 112014
 

An Pfingsten, dem „lieblichen Fest“  versuchte ich einige Seelen für einen Besuch bei Kain zu gewinnen. Und bei mir vor der Kreuzberger Haustür tobte zeitgleich der Karneval der Kulturen mit offiziell 740.000 Besucher*innen. Beste Gelegenheiten!

Ein glühender Hauch hing über der Stadt Berlin, es war das heißeste Pfingstfest seit Beginn der Aufzeichnungen. 

 

Ich wartete bis 15.58 Uhr und murmelte der steinernen, geduldigen Königin Luise ein paar Verslein aus dem Purgatorio und aus dem Faust II zu. 

 

Das Warten in der sengenden Hitze Arkadiens half, denn ich fand dadurch das ganz große entscheidende Thema heraus, nämlich die Frage des Umgangs mit Schuld und Scheitern, auch die Frage des Verzeihens.

μειζων η αιτια μου του αφεθηναι με.

„Meine Schuld ist zu groß, als dass sie mir vergeben werden könnte.“

So sagte es laut der griechischen Übersetzung, der Septuaginta, Kain, der Brudermörder, nachdem Gott ihm auf die Schliche gekommen war. Kain erkannte die Schwere seiner Schuld. Sie schien ihm untragbar und unverzeihlich.

Was mochte Königin Luise wohl zum Kains-Thema denken? Für Königin Luise gab es ja den Vertreter des Bösen schlechthin, das moralische Scheusal, den Kain in moderner Gestalt. Sie begegnete ihm am 6. Juli 1807 in Tilsit. Zweifellos änderte sie bei dieser persönlichen Begegnung ihr vorgefasstes Bild vom Menschen Napoleon. Sie vermenschlichte ihn gewissermaßen, sie entdämonisierte ihn, wie wir zweifelsfrei aus ihren Äußerungen schließen dürfen.   Wäre sie bereit gewesen ihm zu verzeihen?

 

Als krönenden Schlussstein des Gedankenganges erreichte ich schließlich das Evangelium nach Johannes von Pfingsten:

 ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς, ἄν τινων κρατῆτε κεκράτηνται.

„Nehmt den heiligen Hauch. Wenn ihr die Verfehlungen irgendwelcher vergebt, sollen sie ihnen vergeben werden. Wenn ihr sie verfestigt, sollen sie verfestigt sein.“

 

Die Nachfolger Jesu haben – so die Ansage des Johannes in Joh 20, 21-23 – die Gabe und den Auftrag, Sünden zu vergeben.  

Verzeihung der Schuld, das ist also laut Jesus keine Gnade, kein Wunder, keine Leistung der Flüsse Lethe und Eunoe, keine Leistung des Vergessens (Lethe) oder des Wohlwollens (Eunoe), sie ist keine überpersönliche Einwirkung der arkadischen Natur, wie das Goethe zu Beginn des Faust II, wie es Dantes Matelda in Purgatorio XXVIII verkündet, sondern eine persönliche Erfahrung  der vom Geist angeleiteten Begegnung zwischen Menschen in Fleisch und Blut.

Diese Verzeihung erfolgt aus der Freiheit des Entscheidens. Sie ist weder an einen Ritus und noch viel weniger an ein bestimmtes Gottesbild geknüpft. Sie ist an den Geist und an den Menschen geknüpft. Sie ist zweifellos an sprachliches Handeln geknüpft. Sie vollzieht sich im Medium des in Freiheit gesprochenen Wortes.

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Gewissensentlastung durch Vergessen?, oder: „K.! Wo ist dein Bruder H.?“

 Goethe, Kain, Kommunismus, Russisches, Ukraine, Versöhnung  Kommentare deaktiviert für Gewissensentlastung durch Vergessen?, oder: „K.! Wo ist dein Bruder H.?“
Juni 092014
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Schon verloschen sind die Stunden,
Hingeschwunden Schmerz und Glück;
Fühl‘ es vor! du wirst gesunden;
Traue neuem Tagesblick.
Täler grünen, Hügel schwellen,
Buschen sich zu Schattenruh;
Und in schwanken Silberwellen
Wogt die Saat der Ernte zu.
 
„Faust leistet wahrhaftig keine ‚Trauerarbeit‘. Nicht die auf der Fähigkeit zur Schuldeinsicht beruhende moralische Würde des Menschen erweist sich an ihm, sondern eine amoralisch vegetative Regenerationsfähigkeit auch der menschlichen Natur. Nichts mehr wird erinnert. Fausts Gewissensentlastung verdankt sich dem Vergessen.“
 
 
Eine großartige, zugleich niederschmetternde Deutung, die Albrecht Schöne hier anbietet! Sie ging mir gestern bei der Wanderung durch den gleichsam geschichtslos in der Mittagshitze brütenden Berliner Tiergarten-Park hin zur geschichtsträchtigen Luiseninsel durch den Sinn, wo ich die arkadisch-unsterblichen Verse des großen Deutschen Goethe und die des großen Italieners Dante murmelte.  Ein möglicher Sinn, wenn auch nicht der einzig mögliche Sinn von Arkadien ist es ja gerade, Unbill, Plackerei und Plage, the drudgery of life, wie die Engländerin sagt, Schuld und Schande der Geschichte zu vergessen, um damit Frieden und Freude zu erlangen. Frieden, Freude, ein ruhiges Gewissen, unbezähmbarer Tatendrang also durch Vergessen!
 
 
«Нельзя допустить, чтобы ужасы прошлого были преданы забвению… Надо все время напоминать о прошлом. Оно было, оказалось возможным, и эта возможность остается. Лишь знание способно предотвратить ее. Опасность здесь – в нежелании знать, в стремлении забыть, в неверии, что все это действительно происходило…» so schreibt Karl Jaspers 1949 in seinem Buch „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“.
 
 
Die zitierte  Übersetzung verdanken wir einem Facebook-Eintrag des russischen Regisseurs Andrei Kontschalowski vom heutigen Tage. Die deutsche Urfassung des Buches von Karl Jaspers liegt uns zur Zeit nicht vor. Also behelfen wir uns mit der russischen Umformung.
 
 
Jaspers und Kontschalowskij sprechen sich hier – sehr im Gegensatz zu Goethe, sehr im Gegensatz zu Faust – gegen das Vergessen, gegen das Frage- und Erinnerungsverbot aus, welches allzulange die europäischen Völker voneinander getrennt hat. Gerade im Vergessen, im allzu reichlichen Trinken von den Flüssen Lethe und Eunoe, wie sie Dantes Matelda im 28. Gesange des Purgatorio anempfiehlt, erblicken sie die größte Gefahr.
 
 
Welch verheerende Auswirkungen das Nicht-Wissenwollen, das erzwungene Vergessen bedeuten, konnte ich immer wieder bei meinen Reisen durch die Länder des ehemaligen europäischen Ostens, des ehemaligen „Ostblocks“ beobachten. Aber auch in Jugoslawien, auch in Italien, auch in Spanien, auch in Deutschland werden immer wieder Frage- und Erinnerungshindernisse aufgerichtet. Es ist vielfach so, als wollte man alle Schrecken, alle Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts ausschließlich immer wieder bei den Deutschen vor der Tür abladen, den Deutschen buchstäblich vor die Füße knallen. Gerade hier im Zentrum Berlins, gerade auch bei den laufenden Debatten zur Eurorettungspolitik  ist es geradezu unmöglich, den übermächtig ragenden, den immer mehr Fläche beanspruchenden Monumenten deutscher Schuld und deutscher Schande auch nur einen Augenblick zu entkommen.
 
 
Oft höre ich dann, wenn ich als überzeugter Europäer und überzeugter Mensch – der ich ja sowohl dem Blute wie dem Geiste nach bin –  etwa kommunistische Massenverbrechen in der Ukraine, sowjetische Völkermorde und Angriffskriege, ausmerzende Massentötungen in der Krim, Brudermorde und Vertreibungen verwandter slawischer Völker wie der Tschechen und der Slowaken anspreche: „Das liegt doch jetzt schon so lange zurück!“ „Warum sollen wir denn jetzt noch von all den kommunistischen  Verbrechen sprechen, die in der Zeit von 1917 bis 1989 geschehen sind? Schnee von gestern! Und außerdem haben es die Kommunisten – im Gegensatz zu den Nationalsozialisten –  nur   gut gemeint. Also Schwamm drüber!“ „Es war so schrecklich in den sowjetischen Lagern, so furchtbare Dinge sind im GULAG geschehen, wir wollen nicht noch einmal daran erinnert werden. Das macht uns nur noch kränker als wir ohnehin schon sind.“
 
 
Ich meine in der Tat: Die ungestützte, die schonungslose, die nicht in bewusste Versöhnungs- und Trauerarbeit eingebundene Erinnerung an die großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts und auch die neuen Menschheitsverbrechen bereits des 21. Jahrhunderts hat oftmals eine nachträglich traumatisierende Wirkung bei den Nachkommen und Enkelinnen der Opfer, eine oftmals verheerende, stigmatisierende Wirkung bei den Nachkommen und Enkelinnen der Täter.
 
 
Und eine geradezu unauflöslich persönlichkeitsspaltende, eine im tiefsten Sinne panische Wirkung bei denen, die Nachkommen sowohl der Täter wie der Opfer sind – also etwa bei deutschen Kommunisten, die nach Krieg, Lagerhaft, Massenmorden der Sowjetunion im vollen Bewusstsein all der kommunistischen und nationalsozialistischen Massenverbrechen  zum Aufbau der DDR nach Deutschland zurückkehrten. Als ein besonders eindrückliches Beispiel dafür sei hier der gläubige Kommunist Alfred Kurella genannt, dessen Bruder Heinrich Kurella, ebenfalls ein gläubiger Kommunist,  von einem kommunistischen Schnellgericht wegen „Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation“ ähnlich Hunderttausend anderen gläubigen Kommunisten (wie etwa Boris Bibikow) zum Tode verurteilt und am 28.10.1937 erschossen wurde. Martin Schaad hat uns dazu eine aufrüttelnde, höchst lesenswerte, beunruhigende Untersuchung vorgelegt.
 
 
Eine unausgesprochene Frage durchzieht dieses ganze Buch:
Alfred Kurella! Wo ist dein Bruder Heinrich Kurella?
K! Wo ist dein Bruder?
 
 
 
Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe. Faust. Kommentare. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1999, S. 401
 
Facebook-Auftritt von Andrei Kontschalowskij:
https://www.facebook.com/a.konchalovsky
 
Martin Schaad: Die fabelhaften Bekenntnisse des Genossen Alfred Kurella. Eine biografische Spurensuche. Hamburger Edition, Hamburg 2014, hier bsd. S. 167
 
 
Bild: Wolfgang Mattheuer: Jahrhundertschritt. Skulptur im Hof des Brandenburgisch-Preussischen Hauses der Geschichte, Potsdam. Aufnahme des bloggenden Wanderers vom 04.06.2014
 
 

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Juni 072014
 

Am 15.2.1830 schreibt Goethe an Zelter, „daß mit jedem Atemzug ein ätherischer Lethestrom unser ganzes Wesen durchdringt, so daß wir uns der Freuden nur mäßig, der Leiden kaum erinnern. Diese hohe Gottesgabe habe ich von jeher zu schätzen, zu nützen und zu steigern gewusst.“

Lethe – der wohltuende Strom des Vergessens. Goethe erinnert sich also wohlweislich der Leiden kaum. Welcher Leiden? Der eigenen, erlittenen, oder derjenigen, die er anderen zufügte? Dieses Kaum-Erinnern – eine hohe Gabe Gottes! Was für ein arges, kantiges, anstößiges Wort hat uns der Alte da wieder einmal hinterlassen! Wo bleibt die Gerechtigkeit, wo bleibt die Buße, wo bleibt die aktive Umkehr? Ist das nicht krank, was Goethe da sagt?

Und doch wird man ganz im Gegenteil krank, wenn man sich immer nur auf die Erinnerung vergangenen Leidens stützt und stürzt. Wenn man den Blick nicht nach oben, nach vorne  erhebt. Ein Extremfall ist es dann, wenn man eigene Leiden, eigene Schuld  aus der Vergangenheit festhält, festklammert und sie als solche dann an Kinder und Enkel weitergibt. Die Vergangenheit droht dann die Gegenwart, mehr noch die Zukunft zu ersticken.

Ein Beispiel für diese durch und durch rückwärtsgewandte, diese in der Vergangenheit erstarrte  Haltung ist der Prediger Johannes Chrysostomos, der nach einem Verbrechen – er hatte eine Jungfrau nach dem Liebeslager einen Felsen hinabgestürzt – gelobte, nie mehr den Blick nach oben zu erheben, ehe ihm eine Jungfrau nicht vergeben und ihn erlösen würde, und der statt dessen auf allen vieren jahrelang durch Gebüsch und Unterholz kroch. Eine Legende nur, gewiss. Lukas Cranach der Ältere hat sie gemalt, man sieht Johannes als mikroskopisch winziges Figürchen neben der strahlend selbstbewussten jungen, modernen Frau. Das meisterliche Gemälde des älteren Cranach hängt unter dem Titel „Junge Mutter mit Kind“  in der Wartburg. Ich bestaunte es am 1. Mai dieses Jahres.

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Auch wir in Arkadien

 Botticelli, Dante, Einladungen, Europäische Galerie, Goethe, Kupferstichkabinett  Kommentare deaktiviert für Auch wir in Arkadien
Juni 062014
 
2014-06-02 11.59.22
Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Meine lieben Leser, es herrscht eine unglaubliche, geradezu arkadische Ruhe und Heiterkeit hier in der Stadt! Übermorgen werde ich eine Museumsführung und eine Dichterlesung mit Dante und Goethe veranstalten. Hier ist meine Einladung:
Kain, auch du in Arkadien?
Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

Goethe, Faust, V. 4722f.
Liebe Freunde, liebe Kinder, die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Ausstellung
Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Unser Treffpunkt: Pfingstsonntag, 8. Juni 2014, nachmittags 15.30 Uhr vor der Königin-Luise-Statue auf der Luiseninsel im Tiergarten, Berlin
Ohne Dante mit Eichhörnchen spielen die Kleinen:
– Finde den Weg durch das Labyrinth der Liebe des Guadagno!
– Zeichne das Eichhörnchen des Marcantonio Raimondi ab!
– Wie viele Saiten hat die Lira da braccio des Gottes Apoll?
Mit Dante ohne Eichhörnchen besprechen die Großen:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Wir tragen vor:
– Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII (in italienischer Sprache)
– J.W. Goethe: Faust, Anmutige Gegend, Verse  4613-4727 (in deutscher Sprache)
Wir betrachten einige Drucke im Katalog der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus
Anschließend gehen wir nach kurzem Fußweg etwa um 16.30 Uhr in die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Kupferstichkabinett am Kulturforum.
Johannes
P.S.: Es ist ein lockeres privates Treffen ohne beruflichen Anspruch. Kinder jedes Alters sind willkommen.
Eintritt in die Ausstellung für Erwachsene:
6.-, ermäßigt €  3.-
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei
Haltestelle Bus 200 Haltestelle Philharmonie
Bus M 29 Haltestelle Gedenkstätte Deutscher Widerstand
S-Bahn oder Bahn Potsdamer Platz
Bild: Die Statue der Königin Luise
 Posted by at 22:49

Auch du in Arkadien, Kain?

 Botticelli, Dante, Goethe, Kain, Koran, Kupferstichkabinett, Talmud  Kommentare deaktiviert für Auch du in Arkadien, Kain?
Juni 042014
 

Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

So schreibt es Goethe im Faust, Vers 4722f.

Wir erinnern uns: Faust hat ein schweres Verbrechen begangen, das ihn niederdrückt. Seine Schuld ist zu schwer, als dass er sie tragen könnte, „zu groß als das sie mir müge vergeben werden“, wie es im Buch Genesis in Luthers Übersetzung über Kains Fehl heißt.

Geht es weiter? Wie geht es weiter?

Die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Wir werden diesen Fragen nachgehen, genießen an Pfingsten den flammenden Wohllaut der vielen Sprachen und die zarte Augenlust einiger früher Drucke aus Italien.

Woher kam die Anregung? Sie kam aus dieser Ausstellung:

Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Hier sind einige wichtige Aussagen zu Kain aus der jüdischen, christlichen und islamischen Überlieferung:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Talmud: Traktat Sanhedrin 91 b
Koran: Sure 5, Der Tisch, Vers 27-35

Gibt es Vergessen der Schuld, gibt es einen Neuanfang, gibt es eine tabula rasa?

Dante und Goethe schicken uns an den Fluß Lethe, den Fluß des Vergessens:

ed ecco più andar mi tolse un rio
che ’nver sinistra con sue picciole onde
piegava l’erba che’n sua ripa uscio
Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII, 25-27

Wir betrachten einige Drucke in der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus

Katalog: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Hgg. von Dagmar Korbacher. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014

 Posted by at 10:18
Juni 022014
 

Leseempfehlungen des Kreuzberger Blogs in der linksliberalen  Süddeutschen Zeitung vom heutigen 2. Juni 2014:

Thomas Steinfeld: Kreuzwege eines Ketzers, S. 9:  Eine Huldigung an Pier Paolo Pasolini. Als zentral für die Selbst- und Fremdinszenierung arbeitet Steinfeld den Bezug zur Gestalt Jesu Christi heraus.
Markus Zydra: Heikles Experiment, S. 17. Eine schonungslose Abrechnung mit der bisher fruchtlosen Politik der EZB. Die Euro-Zone habe bisher nichts gegen die wachsende Verschuldung der Staaten erreicht. Die gesamte Staatsverschuldung in der Eurozone liege jetzt sogar noch höher als zu Beginn der Krise 2010. Die für den Donnerstag in Aussicht gestellten Maßnahmen der EZB bezeichnet der SZ-Kommentator wörtlich als Vabanquespiel.
Gunnar Beck: Draghis Wille geschehe. Eine Lockerung der Geldpolitik ist ohne weitere Rechtsbrüche nicht möglich. Die EZB sozialisiert Verluste, S. 18. Der SZ-Autor konstatiert einen jahrelangen, ständigen, fortgesetzten Rechtsbruch in der Politik der EZB, eine Aushöhlung der Souveränität der Parlamente sowie eine Selbstentmachtung der Finanz- und Wirtschafts-Politiker*innen. Die eigentliche politische Macht in Europa liege nunmehr bei Mario Draghi und der EZB.
Andrea Bachstein: „Wir haben keinen Tag gefeiert“. S. 6. Matteo Renzi fordert Reformen im eigenen Land und mehr Wachstumsimpulse.
Ira Mazzoni: Die Logik der Röhre. Dem Belvedere des Architekten Richard Paulick in Berlin droht die Zerstörung. : S. 11. Die Energieeinsparverordnung ist laut SZ-Autorin ökologischer und ökonomischer Wahnsinn. Der Klimaschutz führe im Bauwesen zu massivem Substanzverlust und zur systematischen Zerstörung gewachsener, gebauter Schönheit.
Joschka Fischer: Europa droht der Seelenschaden, S. 2. Fischer greift auf das Gedicht „Thraenen des Vatterlandes“ von Andreas Gryphius zurück. Für die Länder Frankreich, Großbritannien, Ungarn, Dänemark, Österreich und Ungarn erkennt Fischer einen dramatischen Zuwachs europakritischer, links- und rechtspopulistischer  Parteien.

ABER: Hat die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Euro-Staaten bisher wirklich so komplett versagt und sich so komplett im Rechtsbruch eingerichtet, wie dies aus den Analysen der linksliberalen SZ heutigen Tags hervorzugehen scheint? Entscheidet selbst, Leser*innen!

 

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Europa neu erzählen: Von der sacralità dell’euro zur divinità del verbo

 Cuore tedesco, Europäische Union, Europäisches Lesebuch, Geld, Religionen  Kommentare deaktiviert für Europa neu erzählen: Von der sacralità dell’euro zur divinità del verbo
Mai 312014
 

Se cade l’euro cade anche l’Europa e questo non deve accadere.“ „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ So zitiert der Italiener Angelo Bolaffi die maßgebliche deutsche Politik, und er stimmt ihr ausdrücklich zu.

Das Geld, „lo sterco del Diavolo“, wie man in der Stadt Rom dazu auch sagt, soll das Unterpfand Europas sein. Der Euro, das Geld wird ausdrücklich zu etwas Unantastbarem erklärt. Der Euro ist für die maßgebliche, erst neulich wieder bestätigte deutsche Politik und für die Mehrheit der Wähler gewisssermaßen geheiligt.

Wer am Euro zweifelt, ist ein Feind Europas. Die EZB wird im Verbund mit der Dreifaltigkeit aus EZB, IWF und EU-Kommission, der berüchtigten Troika, zum Hohenpriester der Europäischen Union erklärt. Im Umkehrschluss gilt: Wo der Euro nicht als Währung gilt – also etwa in Kiew, Luhansk, London, Warschau, Prag, da ist auch kein Europa, oder doch nur ein Europa der zweiten Klasse.  Prag, Warschau, London, Luhansk, Moskau sind also weniger europäisch als Berlin, Rom, Athen oder Lissabon.

Wir dürfen übersetzen: Im Anfang war der Euro. Ohne europäisches  Geld kein Europa.

So weit also das Glaubensbekenntnis, das Evangelium  der heute maßgeblichen EU-Politik. Geld regiert die Welt oder mindestens doch die Europäische Union. Die Bücher der EZB und der Fed werden überall eifrig gelesen und studiert. Die Leitzinsentscheidungen der Zentralbanken werden wie Gottesurteile eifrig und gläubig gelesen, kommentiert, zitiert. Sie sind wichtiger selbst noch als Wachstumszahlen, Arbeitslosenzahlen, Zahlungsbilanzen, Wanderungssalden, Jugendarbeitslosigkeit.

Ist das alles, woran Europa glaubt, je geglaubt hat?

Die vier Evangelien, überhaupt die christliche  Bibel, das sind die Bücher, die wirklich in ganz Europa, von Murmansk im Norden Europas über Samara (das frühere Tscheljabinsk) und Moskau im Osten Europas,  über Kiew, Luhansk und Donezk ganz in der Mitte Europas, bis hin zu Lissabon ganz im Westen Europas oder Lampedusa ganz im Süden Europas übersetzt, gelesen und verkündet worden sind. Der Osten Europas hat die Bibel im ersten Jahrtausend der Zeitrechnung überwiegend aus dem Griechischen übersetzt, der Westen Europas hat im ersten Jahrtausend der Zeitrechnung die Bibel überwiegend aus dem Lateinischen übersetzt. Der Osten Europas ist durch die byzantinisch-orthodoxe Spielart des Christentums geprägt worden. Der Westen Europas ist durch die römisch-katholische Spielart des Christentums geprägt worden.

Typisch für den Westen, das „Abendland“ ist das jahrhundertelange streitige, oftmals blutige Gegeneinander von „Kaiser“ und „Papst“,  von weltlicher und geistlicher Gewalt.

Typisch für den europäischen und asiatischen Osten, für das Morgenland, ist das jahrhundertelange wechselseitige Unterstützen von weltlicher und geistlicher Autorität. Der Kaiser, der Zar, der Kalif oder Sultan ist im Osten stets auch weltliches Oberhaupt der Kirche bzw. der Umma. Was man gern Zäsaropapismus nennt, ist genau dieses unerschütterliche Vertrauen in die Person des Machthabers. Es ist der Kult des starken Mannes an der Spitze.

Auch im Bereiche der Übersetzung gilt: Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, im Anfang war das Wort. 

So schreibt es der Berliner Übersetzer Walter Benjamin. Er stellt sich damit ausdrücklich in den breiten Strom der jüdisch-christlich-muslimischen Überlieferung, welche erst Europa zu dem gemacht hat, was es heute ist.  Er zitiert den Anfang des Johannes-Evangeliums, dessen Kenntnis der große Deutsche Walter Benjamin damals, vor einigen Jahrzehnten, noch so sehr voraussetzen durfte, dass er auf eine Quellenangabe verzichtete.

Auf arabisch heißt dieser Logos Kalimat Allah  – das Wort Gottes, synonym für Jesus gebraucht.

Für die Jesus-Nachfolger  ist die Person Jesu Christi das lebendige Wort Gottes, Dreh- und Angelpunkt der eigenen Geschichte und auch der Heilsgeschichte.

Wir dürfen aus christlicher Sicht sagen: „Se cade il verbo, cade l’EuropaE questo non deve accadere.“

Wenn das Vertrauen in das Wort, in die Sprechfähigkeit des Menschen scheitert, dann scheitert Europa. Wenn das Vertrauen in das lebendige, zusammenführende, versöhnende Wort scheitert, dann scheitert der Friede.  Ob nun in Luhansk, Lissabon, Donezk, Berlin, Lampedusa, Lissabon, London, Rom  oder Warschau.

 

Quellennachweise:

Angelo Bolaffi: Cuore tedesco. Il modello tedesco, l’Italia e la crisi europea. Donzelli editore, Roma 2013, S. 253

Walter Benjamin: Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1980 [=suhrkamp taschenbuch 345], S. 59

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Unter dem schützenden Dach der Buche – sub tegmine fagi

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Mai 302014
 

2014-05-01 15.06.03

 

 

 

 

 

 

 

 

Tityre tu patulae recubans sub tegmine fagi
silvestrem tenui musam meditaris avena
nos patriae finis et dulcia linquimus arva
nos patriam fugimus tu Tityre lentus in umbra
formosam resonare doces Amaryllida silvas …

Tiyrus rücklings gelehnt unter dem schützenden Dach der Buche …

Einen berauschenden Sonnen- und Sinnesgenuß hat der europäische Dichtervater hier in Worte gegossen.  Gerade erst blitzt der Sonnenstrahl über Kreuzberg auf, unten im Hof plätschert der immerwache Brunnen. Das Volk tut und das Kind tut, was es gern tut – es schläft.

Arkadien – ein erdachtes Paradies steigt in aller Frühe aus dem Papier ins Ohr hinein.

Noch wenige Wochen, bis zum 22. Juni 2014, verbleibt die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Berliner Kupferstichkabinett zu besichtigen. Dann wird sie die Pforten schließen. Das empfindliche Papier verträgt ungeschützt den Strahl des Lichts immer nur kurze Zeit. Du schaust, du staunst: So ist dies also. Ich besuchte die Ausstellung vor einigen Tagen. Die zarten, oft mit Andeutungen und Anspielungen arbeitenden Zeichnungen riefen lange verschüttete Klänge, Wörter und Bilder hervor.

Der Anblick des Schönen ist endlich. Er ist zeitlich befristet.

Aber unsere Ohren können sich – gestützt auf den schwachen Abdruck des gezeichneten Erinnerungsbildes – den Klang der Worte Vergils jederzeit ins Gedächtnis rufen. Diese Worte haben das Bild hervorgebracht, sie überdauern die Zeiten, sie sind dauerhafter als das Papier, dauerhafter als das Erz der Druckplatte, aus der der Kupferstich für wenige Jahrzehnte des Anblicks nur hervorging.

via Vergil, ecloge 1: Meliboeus und Tityrus (lateinisch, deutsch).

Ausstellung:
Arkadien – Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin, 7. März – 22. Juni 2014

Bild:

Eine Blumenwiese mit Bächlein, unter dem schützenden Dach von Buchen. Aufnahme des Wanderers vom 1. Mai 2014, Thüringer Wald, bei Eisenach

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Grazil stabil! Oder: You lost – I gained!

 Armut, Kochen  Kommentare deaktiviert für Grazil stabil! Oder: You lost – I gained!
Mai 282014
 

2014-05-01 06.55.42

Ein Kreuzberger Vater erzählt:

„You look so slim … You lost – I gained!“ Derart scherzend begrüßte mich kürzlich nach längerer Abwesenheit ein gutgelaunter, gutgenährter  amerikanischer Freund, als er meinen neuerdings merklich schlankeren Leibesumfang bemerkte.

Yepp! Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt, sagt der schwäbische Leib- und Magendichter, unser Fritz. Why on earth?

Antwort: Bei uns schwingt Schmalhans den Kochlöffel. Pellkartoffeln, Krautsalat, dazu noch einen Kräuterquark, ferner selbstgekochten Pfefferminztee, wohl auch zur Abwechslung selbstgekochten Brennnesseltee. Das tischen wir gern immer wieder auf. Das reicht meist vollkommen aus in einem Vater-Kind-Haushalt. Als Nachtisch gibt es eine köstliche Banane oder eine saftige Birne oder einen kugelrunden leuchtenden Apfel.

 

Kommentar:

Ein Kilo Kartoffeln kostet ab 79 Cent.

Aufgepasst! 500 g kernige Haferflocken kosten beim Netto z. Zt. 39 Cent! Davon kann man 8 Mal frühstücken. Also bitte. Preiswert und gesund gemeinsam als Familie essen. Das wirkt Wunder. Der Geldbeutel erholt sich, der Arzt verdient nichts an der Behandlung von Diabetes, Fettleibigkeit, Attention Deficit Disorder.  Die Lebensmittelkonzerne verdienen weniger.

Es bedarf doch wahrlich keines zuckrigen Coca-Colas, keiner klebrigen Fritten, keines Nutellas, keines Hamburger-Fleischstückes, um satt zu werden.

Wenn Schmalhans Küchenmeister ist, freut sich der Magen. Es freut sich der Mensch.

Bild:

Grazil stabil. Die neue Gänsebachtalbrücke, Gewinnerin des Deutschen Brückenbaupreises 2014. Ausschnitt aus dem Kundenmagazin der Deutschen Bahn, db mobil, Aufnahme aus dem fahrenden ICE vom 01. Mai 2014

 

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Il maggior dono europeo: die Freiheit

 Dante, Europäische Union, Freiheit, Gouvernance économique, Subsidiarität  Kommentare deaktiviert für Il maggior dono europeo: die Freiheit
Mai 262014
 

 

Sicherheit und ein stabiler Euro. So will ich Europa.“ Mit dem großen Versprechen auf Sicherheit traten sie an; Währung, das Geld, die Wirtschaft, die umfassende Sicherheitsverheißung der zentraleuropäisch lenkenden, zentraleuropäisch ausgleichenden Politik – das waren im Grunde die tragenden Aussagen, mit denen viele Parteien die Europawahlen bestritten und auch mehr oder minder erfolgreich ihren guten Platz in der Wählergunst behaupteten. Wir übersetzen:  „Wenn es dem Geld gut geht, wenn der Euro stabil ist, dann geht es auch den Menschen gut. Dann herrscht Sicherheit. Ohne Sorge seid ohne Sorge!“

Lo maggior don fu de la volontà la libertate – das größte Geschenk war die Freiheit des Willens“. So Dante Alighieri, in unseren Ohren heute der Europa-Dichter par excellence,  im 5. Gesang des Paradiso seiner Divina Commedia. Für einen überzeugten Europäer wie Dante konnte die Steuerung des Geschehens nicht durch einen einzigen, zentralen Regelungsmechanismus erfolgen; weder der Papst noch der Kaiser durften beanspruchen, alle Zügel in der Hand zu halten.

Vielmehr sah Dante die letzte Verantwortung beim einzelnen Menschen und seiner Freiheit. Die Freiheit jedes Christenmenschen sah Dante als größtes Geschenk Gottes an den Menschen. Martin Luther ist ihm hierin gefolgt und schrieb darüber sogar eine ganze Schrift.

Freiheit zuerst! „Die Freiheit ist das Wichtigste„,  diese Kernaussage Willy Brandts bzw. Dante Alighieris scheint so manche europäische Wähler vom Stabilitätsanker und vom Sicherheitsversprechen der soliden und zentral bewährten europäischen Parteien abwendig gemacht zu haben.

Das gleiche Bild bietet auch der Volksentscheid Berlin. Die Wählerinnen und Wähler wollen den zentralen Versprechungen der Politik offenbar nicht folgen. „Wir wollen gar nicht, dass die obrigkeitliche Politik für uns Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld der Freiheit baut. Wir Bürger sollen und wollen selber bauen, und zwar da, wo wir dies wollen.“

Das europäische Wahlergebnis ist zweifellos ein Votum für mehr Dezentralisierung, für mehr Subsidiarität, für weniger zentrale Wirtschaftslenkung, für mehr Marktwirtschaft und weniger zentralistische Staatswirtschaft in Europa.

Die europäischen Wähler holen sich ihre Freiheit zurück.

Die Europäische Union muss, wenn sie verlorenes Vertrauen beim Menschen zurückgewinnen will, die Einsichten eines Dante Alighieri, eines Willy Brandt oder eines Martin Luther beherzigen: Sie muss der Freiheit des Menschen mehr Vertrauen schenken. Sie muss weniger zentral regeln. Sie muss Europa neu denken und Europa neu erzählen.

„Erkenne den Wert der Freiheit!“ Darin liegt der hohe Wert des Votums der europäischen Wähler – l’alto valor del voto, wie dies Dante nennen würde.

Lies selbst im 5. Gesang des Paradiso:

«Lo maggior don che Dio per sua larghezza
fesse creando, e a la sua bontate
più conformato, e quel ch’e‘ più apprezza,
fu de la volontà la libertate;
di che le creature intelligenti,
e tutte e sole, fuoro e son dotate.
Or ti parrà, se tu quinci argomenti,
l’alto valor del voto, s’è sì fatto
che Dio consenta quando tu consenti; […]

via Divina Commedia di Dante (TESTO INTEGRALE).

Bild: Aufnahme aus der Sicht des Willy-Brandt-Hauses vom 29.04.2014, Kreuzberg, Berlin

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