Nov 052010
 

05112010045.jpgMeine Haupteindrücke nach dem Lesen des Buches „Das Amt und die Vergangenheit“:

Den Autoren gelingt der schlüssige Nachweis, dass das Auswärtige Amt ein Mitträger der ungeheuren Verbrechen des Deutschen Reiches in den Jahren 1933-1945 war. Diese Einsicht ist zweifellos der Hauptgewinn des Buches. Aus diesem Grund sollte man es lesen und studieren. Genau dies scheint die Hauptabsicht des Buches zu sein. Ihr ist alles andere untergeordnet. Ein Nebenzweck scheint es zu sein, die frühe Bundesrepublik Deutschland umfassend als Hort der unverbesserlichen Altnazis zu delegitimieren.

Recht oberflächlich versuchen die Autoren, die Außenpolitik des deutschen Reiches ins Konzert der europäischen Mächte einzubetten. Hierbei geben sie sich wenig Mühe, die komplizierten Verflechtungen und Machtbündnisse der Zwischenkriegszeit (1919-1939) nachzuzeichnen. Jeder paktierte mit jedem! Jeder Staat lauerte auf seinen Vorteil. Es war ein zunehmend vergiftete Atmosphäre, in der nicht das Deutsche Reich allein den Ton angab, sondern ebenso auch die zahlreichen anderen rechtstotalitären Staaten.

Die aktive Rolle der Sowjetunion in der außenpolitischen Gesamtlandschaft ab 1919 bleibt weitgehend ausgespart. Hier erhebe ich gegen die Verfasser schwere Vorwürfe. Die Geschichte der sowjetischen Expansion, der polnische Überfall von 1919 auf die Sowjetunion, die wechselseitige Einbindung des Deutschen Reiches in Nichtangriffspakte mit Polen, mit der Tschechoslowakei, mit der Sowjetunion hätte unbedingt einbezogen werden müssen. Das repressive Besatzungsregime der Sowjetunion in den baltischen Staaten, der sowjetische Überfall auf Finnland und der auf Polen von 1939 kommen in dem Buch kaum vor oder werden völlig verschwiegen. Kaum verzeihlich, wenn das Gesamtbild so stark auf Deutschland ausgerichtet wird!

Osteuropäische und sowjetische Archive sind offenbar nicht ausgewertet worden.

Das Militärbündnis zwischen Deutschland und Sowjetrussland, das unter anderem 1939 nach dem beiderseitigen Überfall auf Polen in einer gemeinsamen Siegesparade in Brest-Litowsk seinen Ausdruck fand, hätte unbedingt dargestellt werden müssen.

Die Autoren ordnen ihrer Absicht, das Deutsche Außenministerium als treibende oder mindestens stützende Kraft der deutschen Menschheitsverbrechen darzustellen, alles andere unter. Hierbei greifen sie häufig zu einer moralisierenden, anklagenden Darstellung, statt sachlich zu analysieren, Hintergründe darzustellen oder die Quellen der verschiedenen europäischen Außenministerien miteinander ins Gespräch zu setzen.

Wie war es möglich, dass fast der der ganze Kontinent, dieses uralte Europa, bei den schlimmsten Menschheitsverbrechen zusah oder sie gar aktiv unterstützte? Die Antwort darauf wird nur unter Einbeziehung Russlands erfolgen können! Der Kontinent wusste von den sowjetischen Verbrechen, lebte in Angst vor den Expansionsgelüsten Russlands. Das muss man einfach zur Kenntnis nehmen. Die Sowjetunion fuhr einen aggressiv-expansionistischen Kurs, hatte die westlichen Nachbarn schon weit vor 1939 in Kriege verwickelt und teilweise besetzt.

Der polnisch-russische Konflikt glomm seit 1919 stets weiter! Auch so eine Sache, die in Deutschland völlig unbekannt ist, die aber unbedingt in das Buch hinein gehört hätte.

Die DDR wird in ihren Desinformationskampagnen gegen die Bundesrepublik in diesem Buch zweifellos zu günstig dargestellt. So, als wäre sie das bessere der beiden Deutschlands gewesen. Das ist so nicht haltbar. Völlig außen vor bleibt auch das Schicksal des früheren nationalsozialistischen Außenamtes in der DDR.  Gab es denn keine  Weiterbeschäftigung deutscher Diplomaten im Außenministerium der DDR?

Fragen, Fragen, Fragen!  Insgesamt bleibt in mir ein schaler Geschmack zurück.

Ich habe als Leser das Gefühl, dass die vier Autoren einen Teil der Wahrheit unterschlagen. Was sie nachweisen, ist sicherlich mit Belegen zu beweisen, von denen allerdings auch ein gewisser Teil durch die Stasi gefälscht sein dürfte.

Es war allerdings interessant zu sehen, dass ausgerechnet in der Berliner Zeitung, die früher als Hochburg der Stasi galt, eine Rezension des Buches erschien, die über das im Buch ausgebreitete Material hinaus noch weitere Akten aus den Stasi-Archiven bekannt gab. Manches ist also weiterhin unbekannt, gerade die Auswertung der Archive der osteuropäischen Staaten dürfte erstaunliche weitere Einsichten ermöglichen.

Es bleibt spannend!

Ich sprach heute eine spontane Rezension des Buches auf ein Video:

YouTube – Das Amt und die Vergangenheit – eine Einseitigkeit 1 05112010019.mp4

http://www.youtube.com/watch?v=5ke1yua8Jrs

 Posted by at 20:41

Sorry, the comment form is closed at this time.