Barfußpfade – eine gangbare Alternative zum Hochgebirgswandern?

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Okt. 062015
 

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Statt eines steil ausgesetzten Höhenkamms – den man nicht haben kann im Umland von Berlin – führte uns der Weg am Sonntag von Ribbeck im Havelland auf dem Barfußpfad über eine Länge von 2 km zum Kinderbauernhof Marienhof. Ohne Schuhe und ohne Socken stapften wir durch Sumpf und Luch, über Stock und Stein, immer am Rand des Wirtschaftsweges entlang. Mancherlei Hindernisse stellten sich uns in den Weg, von der knuppeligen Baumwurzel über steil aufragende Altreifen, von der schottrigen Grauwacke über einen schwanken Steg aus zwei Balken bis hin zum umgestülpten Mehrweggetränkeflaschentragl.

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Die nackten Füße erfuhren Erdgeschichte, erfuhren den ersten Kältehauch des Herbstes im tief quatschenden Sumpf, ertasteten noch die gespeicherte Wärme des Sonnentages im feinkörnigen Mergel und im aufgeschütteten Schluff. Und ja, dieses ständige Fassen und Nehmen der Fußsohle am Boden, das Weichen und Nachgeben, das Drücken und Zwicken des Erdbodens entfalteten eine konzertante Gesamtwirkung auf den gesamten Bewegungs- und Halteapparat aus Zehen, Füßen und Beinen, dass ich mich danach an die wohlig walkende Wirkung eines Höhenpfades in 2.000 m erinnert fühlte. Das gesamte Alpenpanorama dacht‘ ich mir dazu – etwa mit folgenden Versen:

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß
Entlassend meiner Wolken sanftes Tragewerk
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum

— und die Südtiroler Herrlichkeit vergegenwärtigte mir ein Buch, das ich im Sammelregal gebrauchter Bücher im Schloß Ribbeck fand und erstand, nämlich den packenden Schicksalsroman „Zwei Menschen“ von Richard Voß, 1911 zuerst erschienen in Stuttgart, 1959 wieder aufgelegt durch den Fackelverlag Olten. Eine prachtvolle, in vollem Selbstbewusstsein schaltende und waltende Frau ist sie, diese Judith vom Platterhof! Ein Leckerbissen für Genderforscherinnen aller Geschlechter!

Der Roman spielt in Vahrn am wild schäumenden Eisack, wo ich meine letzten Bergabenteuer erlebt habe, und der Autor starb 1918 in seiner Wahlheimat Berchtesgaden, wo man sich seiner noch heute erinnert. Ebenfalls erwähnt wird in dem Buch das Kloster Neustift, aus dem ich drei Flaschen Wein mit nach Berlin brachte.

Wer mochte dies Buch dort wohl für mich hinterlegt haben?

Ergebnis: Ja, Barfußpfade sind eine taugliche Alternative für alle jene, die es nicht schaffen, am Wochenende ins Hochgebirg zu fahren, um starre, zackige Felsengipfel zu erklimmen.

Der Havelland-Radweg führt bequem, still und geräuschlos rollend von Nauen bis Ribbeck ans Ziel.

https://www.youtube.com/watch?v=PmvBOAlpwPE

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Wir aber sind frei, mögen sie auch ihr geliebtes Geld hätscheln und hedgen!

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Okt. 132014
 

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Mögen sie doch ihr geliebtes Geld hätscheln und hedgen!

Gutes, erquickendes Losschütteln der Sorgen ums Geld, das ich am Wochenende feierte! Das „Lied vom unfruchtbaren Weinberg“ aus dem Buch Jesaja wies mir den Weg!  Jesaja erkannte, dass Recht und Gerechtigkeit, dass Barmherzigkeit und Vergebung, dass Freiheit und Wahrheit über dem Willen der Fürsten und Mächtigen thronen. Das wahre Wort ist wichtiger als das Geld, das freie Wort zählt mehr als die Währung.

„Das Geld, das geliebte Geld ist stärker als Recht und Gerechtigkeit, die Währung ist wichtiger als das gegebene Wort!“

So sprechen die Heuchler und Krämerseelen.
Sie haben das gute C ihres Namens in ein € verwandelt.
Auf dem € singen sie, auf das € schwören sie,
wie sie sich früher auf das C beriefen. So sprachen sie:

„Jeder, der angreift das hohe, das zweigestrichene €,
ist eine Schande für unsere Heimat. Eine Schande für Deutschland!
Ihn treffe der Bannfluch.
Denn das € ist heilig. Mit dem schändlichen Zweifler
setzen wir uns an keinen Tisch.  Alles dürft ihr bezweifeln,
am zweigestrichenen €, das aus dem tiefen C hervorging,
dürft ihr nicht zweifeln. Von dieser Frucht dürft ihr nicht nicht essen!
Esst – oder ihr werdet gestopft! Ein Greuel sind uns all jene,
die das Geld nicht zum obersten Wert erklären.
Scheitert das zweigestrichene €, so scheitert der Kontinent.“

Also verehrten sie das Geld, das Geld ward ihnen zum Maß aller Dinge.
Ihm unterjochten sie alle Völker. Eine eiserne Hecke umschlang den Weinberg,
gefangen waren die Menschen im Weinberg wie irrende Schafe.
Was half ihnen all das Jammern und Zagen, das Pochen und Feilen am zweigestrichenen €?

Dieser Weinberg verfiel dennoch, im Süden des Weinbergs verdorrten die Böden,
im Norden des Weinbergs blähten sich Hoffahrt und Stolz. Geiz und Habsucht,
Zank und Hader verkehrten die einen gegen die andern,
wandten das Herz des Südens gegen das Herz des Nordens.

„Il attendait le droit et voici l’iniquité, la justice et voici les cris.“

Statt Gerechtigkeit – Schlechtigkeit, statt Barmherzigkeit
herrschte  Schmächtigkeit im Weinberg!

Bitter wurde der Wein, sauer wurden die Trauben,
von denen sich die Trinker betranken.
Den Trinkern und den Töchtern und Söhnen der Trinker
wurden die Zähne stumpf.

Da ertönte die Stimme – und von denen, die sie hörten, wußte später  niemand mehr,
ob sie von innen oder von oben kam:

„And now I will tell you
What I will do to my vinyard:
I will remove its hedge —“

Das ist zu Deutsch: Ich werde die Hecke des Weinbergs einreißen,
den Schafen werde ich die Freiheit zurückgeben,
sie sollen sich tummeln auf grüner Au!

Und wieder ertönte die Stimme:

„Ich sag‘ es euch: ein Kerl, der auf den € spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt;
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.“

Auf, ihr Kerls, hängt euer Herz nicht länger ans Geld, ringsherum ist grüne Weide.
Lasst euch nicht einzwängen, lasst euch nicht hätscheln, lasst euch nicht hedgen!

Atmet frei! Sprengt eure Fesseln!

Geht! Atmet! Dehnt euch, streckt euch.

Ihr könnt! Glaubt! Ihr seid frei!

 

Quellen Europas:
Le chant de la vigne, in: Le livre d’Isaïe. In: La Bible de Jérusalem. Les éditions du cerf, Paris 1998, Seite 1234, hier: Kapitel 5, Vers 7
The Book of Isaiah, in: The Holy Bible. Revised Standard Version. CollinsBible, Stonehill Green 1952, Seite 603, hier Kapitel 5 Vers 5
Johann Wolfgang Goethe. Faust. Texte. Herausgegeben von Albrecht Schöne. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1999, S. 80, hier: Vers 1830

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Nov. 152011
 

Die Vaterstadt, heut find ich sie wieder! Den größten Teil meiner Jugend wohnten wir im Augsburger Stadtteil Hochzoll-Nord. Gut! In der Tat: Auf meine Augsburger Herkunft bin ich stolz wie auf Bert Brecht und Leopold Mozart, auf Rudolf Diesel und Jakob Fugger. Stolz? Ist Stolz ein schwieriges Wort? Nein. Stolz heißt, dass ich weiß und hochschätze, was in Augsburg an Gutem geschieht und was die Stadt mir an Gutem geschenkt hat! Heute bringt die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „Von wegen Restschule“ auf ihrer Seite 6 eine gedruckte Lobeshymne auf meinen alten Heimatbezirk Augsburg-Hochzoll. Ich kenne alle genannten Schul- und Ortsnamen persönlich, wohnte einen Steinwurf von der Werner-von-Siemens-Grundschule entfernt. Und in den Lobpreis all der Schulrektoren, Bäckermeister, Lehrlinge und ehrenamtlichen Mentoren, von denen ich in Augsburg Hunderte und Aberhunderte erlebt habe, kann ich nur einstimmen, getreu jenen lärmend-unartigen Ghettokids aus dem Faust, die da grölen:

Mein Augsburg lob‘ ich mir!
Es ist ein klein Berlin und bildet seine Leute …

Wahrhaftig: Augsburg bildet seine Kinder, einerlei ob sie nun Fethulla, Serkan, Ivan oder Resa heißen. Darin kommen alle Beobachter überein, die einen Vergleich zwischen anderen Städten und Augsburg anstellen können. Ich traf beispielsweise bei der Wahlkampfveranstaltung Klaus Wowereits am Kreuzberger Mehringplatz am 26.08.2011 einen Augsburger Berufsschullehrer, einen erklärten SPD-Unterstützer, mit dem ich sofort ins Gespräch kam und der mir alle diese Dinge, die ich heute in diesem Post schreibe, mehr oder minder ins Blog einflüstert. Unser heutiges Bild zeigt einen Schnappschuss von jener Veranstaltung.

Ein ganz entscheidender Standortvorteil in Augsburg sind aus der Sicht der Jugendlichen vor allem die vielen, vielen tüchtigen und ehrlichen Lehrer und Meister, die vielen Leiter der kleinen und mittelgroßen Ausbildungsbetriebe. Zwei von ihnen werden durch den Journalisten Johann Osel vorgestellt: Gerhard Steiner, Rektor der Hochzoller Werner-von-Siemens-Mittelschule, und Hansjörg Knoll, Bäckermeister, der in der Schulküche bäckt. Die enge Verzahnung von Hauptschule und Handwerksbetrieben hilft dabei, dass jedes Kind das beste persönliche Potenzial entfalten kann. Und so kommt es, dass ein Schüler namens Serkan oder Josef an bayerischen Hauptschulen nachweislich mindestens ebenso gut oder sogar besser abschneidet, besser bäckt und schreibt, rechnet und redet, mehr beruflichen und persönlichen Erfolg hat als ein Gymnasiast namens Serkan oder Joseph an Gymnasien anderer Städte. Noch einmal: Klare, fleißige, „kantige“ redliche männliche Vorbilder wie etwa Gerhard Steiner und Hansjörg Knoll habe ich damals als Jugendlicher zu Hunderten in Augsburg erlebt.

Noch etwas: Es wird von den Meistern und Bäckern kein geziertes Hochdeutsch, sondern gepflegtes Schwäbisch geschwätzt.  Na und? Dem Teig tut’s nicht weh.

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Apr. 242011
 

Der Karsamstag  führte mich erneut ins Havelländische Luch. Von Spandau aus lenkte ich das Rennrad, den treuen Burâq, quer über die Dörfer, hin zum immer wieder gesuchten, immer wieder verfehlten Radfernwanderweg Havelland. Endlich, in einem der zahlreichen Ortsteile von Schönwalde hatte ich das asphaltierte Band, die „Fahrradstraße“ erreicht. Was für ein Vergnügen! Nun flog ich rauschend mit meinem Burâq dahin, was die Beine hergaben. Rapsfelder, Kiefernwälder, Büsche, Luche, zart belaubte Birken, Dörfer und Hütten rauschten vorbei.

Bei Paaren bog ich – abweichend von der ausgeschilderten Führung – Richtung Nauen. Was mich leitete? Kein Plan, nur das Gefühl, dort noch etwas  entdecken zu können. Und wirklich, nach wenigen Hundert Meter entdeckte ich den RuheForst Nauen. Was war das?

YouTube – RuheForst Nauen entdecken23042011158

Ruhe sanft, ruhe forst! Hier war der RuheForst Nauen. Kein Geräusch störte den Besucher. Schweigen umfing mich. Nach wenigen Minuten entdeckte ich die Tafel, welche die Bewandtnis erklärte.

Ich war auf eine Weihestätte der neuesten Natur-Religiosität gestoßen – sterben, und dann wieder zurücksinken, ohne eine dauerhafte Spur zu hinterlassen! Die Idee hat etwas Verblüffendes. Anders als Faust, der sich noch brüstete

Es kann die Spur von meinen Erdentagen
Nicht in Äonen untergehn

versucht der heutige Naturgläubige, alle Last, die er für die Mutter Natur gebracht, wegzunehmen. Der Naturgläubige sagt:

Es soll die Spur von meinen Erdentagen
nicht in Äonen noch bestehn.

Denn „Jeder Mensch, der geboren wird, ist doch nur eine zusätzliche CO2-Quelle.“  In Abwandlung jenes bekannten Mephisto-Wortes könnte man sagen:

So ist denn jeder, der entsteht,
Auch wert, dass er zugrunde geht.

Durch den Tod zahlen die Menschen die Schuld, die sie durch Ressourcenverbrauch eingegangen sind, an die Natur zurück. Und der naturnahe Wald ist die CO2-Senke, die Grabsenke, das Zu-Grunde-Gehen des Störfaktors Mensch! Es ist genau dieses Denken, das in den Kreisen gebildeter deutscher Akademiker durchaus großen Anklang findet. Ich nenne es: das neopagane Denken, welches häufig mit der antideutschen Ideologie ein verschwiegenes Bündnis eingeht.

Weiter fuhr ich in den Kathedralen-Saal des deutschen Nachhaltigkeitsdenkens: den deutschen Wald im Havelländischen Luch. Es wehte ein entgotteter Karfreitagszauber um die Speichen. Verse von Rilke kamen mir in den Sinn:

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, vom ihren,
wird auch den leisesten Ton
nicht mehr verlieren.

Tröstung rann mir aus diesen Versen, aus diesem planlosen Dahinfahren. Und das Sterben? Ich stellte es mir in jenem Augenblick so vor: das Zufahren auf ein großes Portal, hinter dem der Weg in einer Biegung weitergeht. Der Tod als solches muss nichts Schreckliches sein, wenn man ihn so fasst: ein Sich-Einfügen in das, was vor uns war und nach uns sein wird. Das Zugehen auf eine Biegung, hinter der noch etwas kommt. Genau dies erfuhr ich im Fahren im alten Holze:

RuheForst Nauen erfahren

Vom Ruheforst aus kehrte ich nach Berlin zurück. Ab Niederneuendorf bis nach Spandau, von Spandau wiederum bis nach Berlin-Mitte führt der vorbildlich ausgeschilderte Radweg fast durchweg am Wasser entlang, erst an der Havel, dann am Hohenzollernkanal und schließlich am Spandauer Schifffahrtskanal entlang. Ein überwältigend schönes Erlebnis im Abendsonnenschein!

Ein ganz anderes Todesbild steuerte ich auf der letzten Etappe an: gleich zwei der vom ADFC aufgestellten Geisterräder entdeckte ich bei der Querung der Seestraße. Hier muss der Tod furchtbar schrecklich, dumpf, unfassbar, qualvoll  gekommen sein. Eine Radfahrerin war hier – obwohl vorfahrtberechtigt – durch einen rechtsabbiegenden LKW erfasst worden, die andere war beim Queren der Straße erfasst worden.

Ich murmelte einige Worte des Gedenkens. Nicht allen ist das sanfte Sterben und Zurücksinken vergönnt. Manche werden getroffen und mitgeschleift. Wie und wann es uns treffen wird, können wir nicht wissen – sehr zu unserem Besten.  Aber die Vorbereitung, die können wir sicherlich leisten, etwa durch das bewusste Uns-Öffnen für die verschiedenen Arten der Todesbewältigung.

Meinen letzten starken Eindruck von der Fahrt nahm ich ausgerechnet vom Reichstag mit. Die Fassade leuchtete plastisch und deutlich skulptural in sandigem, warmem Braun auf. Und gerade hier am Reichstag gelangte mein Radausflug zu einem versöhnlichen Abschluss: Denn als ich anhielt, um das Foto zu machen, hörte ich vor mir eine spanische Gesellschaft, hinter mir eine russische Gesellschaft sich unterhalten. Dass hier und heute Spanier, Russen und Deutsche sich bei der Betrachtung dieses Monuments, das nicht frei von düsteren Schatten ist, treffen und verbinden können, war für mich eine starke, eine ermutigende Botschaft: Ich sehe den Menschen nicht als schädliches Ereignis in der Natur, sondern als etwas Gutes. Die Menschen sind hier willkommen. Denn ich glaube: Das menschliche Leben ist über die gesamte Länge der Fahrt hinweg etwas Gutes, das es zu hegen, zu schätzen und zu pflegen gilt.

Wisse das Bild! Fasse das Leben. Du hast Rückenwind!

 Posted by at 23:46