Gonyosoma oxycephala. Was die Schlange uns gestern brachte

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Nov. 202016
 

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Verführerisch nahe Begegnung mit der Spitzkopfnatter im Aquarium des Berliner Zoos! Drei Exemplare dieser Art – gonyosoma oxycephala – boten uns gestern einen Tanz der Bewegungen, ein so wiegendes Züngeln, ein so geschmeidiges Schlängeln und Schlingen, ein Schwanken und Sich-Ranken, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Nur die Glasscheibe trennte uns. Aber die Beziehung schien da zu sein. So mochte es den alten Vätern ergangen sein! Sie erkannten, dass Schlangen den Bewegungen des Menschen zu folgen scheinen, – oder dass die Augen des Menschen den Bewegungen der Schlangenleiber folgen.

Die hellgrüne Färbung der Spitzkopfnatter schützt sie vor dem allzu neugierigen Blick der Unvorbereiteten; bis in 1 m Höhe spannte sich dieses Exemplar gestern auf, um zu zeigen, was sie konnte! Hätte sie sich bedroht gefühlt, sie wäre blitzschnell zum Angriff übergegangen, daran hegte ich nicht den geringsten Zweifel. Auch ihr übelriechendes Analsekret hätte sie bedenkenlos eingesetzt.

Doch wollen wir der Natter nicht unrecht antun. Sie ist ungiftig.

Vielmehr zollen wir ihr hier Anerkennung und Bewunderung – nicht anders als es die Siebzig Dolmetscher in ihrer Übersetzung der heiligen Schriften getan. Die 70 bezeichneten die Schlange („den Schlang“, wie wir sagen dürfen, denn diese Art ist im Griechischen der 70 ein Maskulinum) als den klügsten aller Tiere. Sie schreiben über die Schlange in Gen 3,1:

῾Ο δὲ ὄφις ἦν φρονιμώτατος πάντων τῶν θηρίων τῶν ἐπὶ τῆς γῆς, ὧν ἐποίησεν κύριος ὁ θεός· καὶ εἶπεν ὁ ὄφις τῇ γυναικί Τί ὅτι εἶπεν ὁ θεός;

„Und der Schlang war der verständigste aller Tiere auf der Erde, die Herr der Gott gemacht hatte; und der Schlang sagte zu der Frau: Was hat der Gott eigentlich gesagt?“

Der Schlang hat also der Frau  zuerst die Frage nach Gott gestellt. Er – der Schlang – brachte damit über die Frau das jahrtausendealte Fragen nach dem Wort Gottes in Gang. Er verwickelte und verstrickte nach Schlangenart  den Menschen in das Gespräch über Gottes Wort. Er lehrte den Menschen das Fragen nach Gott. Das ist der Anfang der Theologie.

Nicht böse sei dein Sinn der Schlange,
Dass sie deinen Blick dir fange,
Solch ein herrliches Gewimmel
Bringt auf Erden uns den Himmel.

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Nov. 182016
 

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Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, καὶ θεὸς ἦν ὁ λόγος.

οὗτος ἦν ἐν ἀρχῇ πρὸς τὸν θεόν.

Für das Verständnis der erasmischen Formel „in principio erat sermo“ als Übersetzung des bekannten Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος scheint mir der Ciceronianische Sprachgebrauch von sermo ganz entscheidend. Denn Cicero und in geringerem Umfang Caesar waren für die Humanisten wie etwa Erasmus die verbindliche Richtschnur des guten, vorbildlichen lateinischen Sprachgebrauchs. Sermo bezeichnet bei Cicero das lockere, fließende, sanfte, gewaltlose Gespräch oder Gerede, die natürliche Sprache, wie wir heute sagen würden.  Während die rhetorisch gebundene Rede, die kunstfertig gedrechselte Oratio, – ob bei Gericht, in der Volksversammlung, im Senat oder bei Feierlichkeiten – Leidenschaften aufstachelt, den Hörer zu beeinflussen und zu überwältigen sucht, pflegt der philosophische Sermo das gesellige Miteinander; der Sermo sucht den Austausch, nicht den Sieg; die Begegnung, nicht die Überwältigung; den Dialog, nicht den Monolog (unius oratoris lucutio); die Gemeinschaft im Wort, nicht die erzwungene Vereinigung in einem kollektiven Willen. Cicero schreibt beispielsweise in seinem Orator ad Brutum:

Mollis est enim oratio philosophorum et umbratilis nec sententiis nec verbis instructa popularibus nec vincta numeris, sed soluta liberius; nihil iratum habet, nihil invidum, nihil atrox, nihil miserabile, nihil astutum; casta, verecunda, virgo incorrupta quodam modo. Itaque sermo potius quam oratio dicitur. Quamquam enim omnis locutio oratio est, tamen unius oratoris locutio hoc proprio signata nomine est.

Der Sermo belässt also dem anderen seine Freiheit der Wahl; die Oratio will fesseln, beeinflussen, berücken und überzeugen – wobei jedes Mittel recht ist, bis hin zur Beschimpfung, zum Lobpreis, zur Hetze, zum flehentlichen Gestammel.

Die genannte Freiheit der Wahl spricht Cicero besonders dem philosophischen Gespräch zu, nicht der öffentlich aufgeschmückten Rede.

Erasmus spricht nun durch seinen Übersetzungsvorschlag für Joh 1 „In principio erat sermo“ diese Freiheit der Wahl auch dem schöpferischen Handeln Gottes zu; umgekehrt gewinnt der Satz im Johannesprolog dadurch einen neuartigen tiefen Sinn, dass auch dem Menschen diese Freiheit des Gesprächs zugesprochen wird. Erasmus, der Cicero kannte und verehrte, überträgt das zwanglose Sprechhandeln des philosophischen Gesprächs auf das Gespräch Gottes mit der Schöpfung, auf das Gespräch des Geschöpfes mit Gott, auf das Gespräch der Menschen untereinander.

Ein derartiger umfassender Freiheitsbegriff nun hebt Erasmus eindeutig von Luther ab. Luther hat die Freiheit in diesem großen, überragenden Sinne nicht erkannt und nicht anerkannt. Servum Arbitrium, lautet Luthers Formel dafür; das Liberum Arbitrium, die Freiheit der Willensentscheidung, schreibt sich dagegen Erasmus auf die Fahne. Das ist der erasmische Freiheitsglaube, der ihn von Luther, mit seiner absoluten, seiner schicksalhaften Abhängigkeit des Menschen vom Willen Gottes, meilenweit absetzt.

Aber noch weiter gehen wir: Erasmus verwirft mit seiner Formel „In principio erat sermo“ die Schicksalsabhängigkeit des Menschen. Aus der Schicksalsgemeinschaft wird eine Gesprächsgemeinschaft. Das göttliche Gespräch, aus dem die Welt hervorgeht, ist nicht schon zwar bei Gott als vielmehr zu Gott hin (πρὸς τὸν θεόν), und deshalb macht es frei. Es befreit von der Knechtschaft der Schuld. Es ebnet den himmelweiten Unterschied zwischen Gott und den Menschen ein. „Macht gerade alle Pfade“, dieser frühere, auf Christus verweisende Vers des Jesaias bedeutet: Es gibt eine Gesprächsbeziehung zwischen Gott und dem Menschen, und der Wege-Ebner zu Gott hin, das kann für den erasmischen Freiheitsglauben nur Jesus sein. In ihm und durch ihn und mit ihm ereignet sich diese Heraufkunft eines neuartigen Freiheitsdenkens, das es in dieser Radikalität vor dem Johannesevangelium nicht gegeben hat und hinter das seither immer wieder zurückgefallen wird.

Zitate:
Cicero, Orator ad M. Brutum, 64
Johannesevangelium, Novum testamentum graece, ed. Erasmiana, 1,1-13
Jesaias 40,3

Foto:

Ein Gespräch. Fresko in Schloß Runkelstein bei Bozen, Aufnahme vom 12.08.2016

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„Fort mit mir!“ Woher dieser Selbsthaß?

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Feb. 242016
 

Martinus dixit: „Odium sui rimanebit usque ad introitum caelorum!“
Ego ex eo quaesivi: „Unde istud odium tui christianum, o Martine?“

„Woher kommt dein christlicher Selbsthaß, Martin?“ So fragt‘ ich, als ich vor einigen Wochen in einer 1-tägigen Sonderausstellung der Berliner Staatsbibliothek Martin Luthers vierte, erstmal lateinisch zu Wittenberg niedergelegte These in einem frühen Nürnberger Originaldruck des Jahres 1517 erblickte. Die vierte Wittenberger These sprang mich mit Macht an! Da läuteten alle Glocken in mir!

Denn Theodor Lessing veröffentlichte 1930 in deutscher Sprache ein Buch des Titels „Odium sui hebraicum“, zu deutsch also „Der jüdische Selbsthaß“, erschienen im Jüdischen Verlag zu Berlin. Dies ist die erste Glocke!

„Deutschland verrecke!“, „Nie wieder Deutschland, nie wieder Krieg!“, so habe ich es im 21. Jahrhundert jahrelang in Berlin-Friedrichshain gehört und gelesen, und zwar im öffentlichen Raum, ungestraft, ungescheut las ich es und hörte ich es, niemand machte darob ein Aufhebens. Der deutsche Selbsthaß ist keine Legende, nein, er ist eine Tatsache, die einen geradezu mit Macht anspringt. Durch die Zerstörung Deutschlands meinen die deutschen Antifa-Aktivisten den Krieg abzuschaffen. Der Selbsthaß feiert fröhliche Urständ! Weder deutsche Polizei noch deutsche Justiz kümmern sich um diese Manifestationen des deutschen Selbsthasses. Dies ist die zweite Glocke!

Antony Lerman wiederum entzauberte 2008 in der Jewish Quarterly in einem noch heute sehr lesenswerten Beitrag unter dem Titel Jewish Self-Hatred : Myth or Reality? Rätsel, Legenden, Fakten und Fiktionen des Redens vom angeblichen jüdischen Selbsthaß. Erstaunlicherweise wirft er nach sorgfältiger Prüfung den Begriff des jüdischen Selbsthasses in den Mülleimer der Geschichte. Er ver-wirft den jüdischen Selbsthaß. Er lehnt den Begriff ab. Lest selbst: „It is too much to hope that by revealing just how bankrupt a concept ‘Jewish self-hatred’ is, discourse among Jews on Israel and Zionism could become more productive, both for Jews themselves and for the sake of achieving justice in the conflict between Israelis and Palestinians. Too much is currently invested in this demonising rhetoric. But if we could edge it closer to the rim of the dustbin of history, we’d be making a start.“

Dies ist die dritte Glocke, gewissermaßen das Sterbeglöcklein des jüdischen Selbsthasses.

Der christliche Selbsthaß Martin Luthers von 1517, der deutsche Selbsthaß der Friedrichshainer Antifa von 2014, der jüdische Selbsthaß Theodor Lessings von 1930, der jüdische Selbsthaß Trotzkis von 1917 … haben sie eine gemeinsame Wurzel?

Woher kommt diese absolute Ablehnung des eigenen Selbst, die wütende Selbstanklage, dieses Gefühl: „Ich bin nichts, ich tauge nichts. In mir ist nichts Gutes, drum besser wär’s, es gäb‘ mich nicht! Fort mit mir!“?

Früheste Belege dieses Gefühls „Fort mit mir!“ scheinen mir ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückzureichen, also ins biblische Buch Bereschit (Buch Genesis). In Kapitel 4, Vers 13 hebräisch sagt es Kain so:

וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂ׃

In rohes unbehauenes ungeliebtes Deutsch übersetzt also:
Und sprach Kajin zu JHWH : Groß meine-schuld aufheben

Kain traut sich nicht mehr aufzuschauen. Es ist, als würde er sagen: „Nach allem, was ich getan habe … was soll ich noch anschauen? Wen darf ich noch anschauen? Was ich getan hab an dem Bruder, kann ich nie büßen.“

Kain formuliert dieses Gefühl: Großschuld – zu große Schuld – übergroße Schuld. Lateinisch: „Mea culpa, mea magna culpa, mea maxima culpa“. Und diese Formulierung kannte der katholische Augustiner Martin Luther mit Sicherheit.

Im spezifischen Sündenbewußtsein Kains, im Bewusstsein seiner unverzeihlichen, seiner übergroßen Schuld goß Martin Luther dieses Gefühl absoluter Verworfenheit in seine vierte Wittenberger These – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche und abendländische Geschichte.

Der christliche Selbsthaß Luthers wurzelt genetisch, also der Genesis nach im hebräisch-biblischen Selbsthaß Kains.

Doch ist dieser Selbsthaß keine Eigenheit des jüdischen oder des christlichen oder des deutschen Selbstverhältnisses. Dieser Selbsthaß, er ist etwas Menschliches. Dem Menschen haftet seit Kain das Odium der Selbstverwerfung an.

Denn auch in der paganen Antike außerhalb oder vor der jüdischen und der christlichen Überlieferung sind uns durchaus einige machtvolle Selbstzeugnisse eines derartigen Selbsthasses bekannt. So etwa im Ödipus Tyrannos des Sophokles! Die Schuld des Ödipus ist zu groß, als dass sie aufgehoben werden könnte, er wendet eine ungeheuerliche Aggression gegen sich selbst: er sticht sich die Augen aus. Es ist dies zweifellos eine Art aufgeschobener Selbstmord. In der Übersetzung durch Hugo von Hofmannsthal liest sich der letzte große Monolog des Ödipus so:

Ödipus:
Was soll ich noch anschaun?
Den Vater drunten, wenn ich ihm begegne?
oder die Kinder, ihren Blick in meinen
verschränken und ein unausdenkbares Gespräch
von Aug‘ zu Auge führen? Fort mit mir!
Jagt doch das große Unheil, jagt doch das,
hinaus, was trieft von allen Himmelsflüchen!

Die Greise (zugleich)
Ich wollt‘, ich hätte niemals dich gekannt.

Ödipus (leiser)
Was ich getan hab‘ an der Mutter und
am Vater, büßt Erhängen nicht.

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Feb. 132016
 

Morgen ist der 14. Februar, der Gedenktag der beiden Slawenapostel Kyrill und Method, die zweifellos ebenso bedeutend sind wie der Bischof Valentin, der Bischof von Interamna, dem heutigen Terni in Umbrien, der neben Ambrosius von Mailand einer der Schutzpatrone der Imker (und neuerdings der Chocolatiers und Pralinenhersteller) ist, wovon gerade heute wieder zahlreiche Poster und Plakate kündeten.

Nun Kyrill und Method, beide aus dem griechischen Thessaloniki stammend! Sie sind gewissermaßen die Patrone der orthodoxen, der slawischen Spielart des Christentums. Kyrill schuf die glagolitische Schrift, aus der sich die heutige kyrillische Schrift ableitet.

Unter der „Griechischen“ Religion verstand man zu den Zeiten eines Grimmelshausen die orthodoxe Spielart des Christentums; hinwiederum die „Lateinische Religion“ wäre demnach die westliche Religion, das „Abendland“, das das Neue Testament in einer Ableitung, also in der lateinischen Übersetzung des griechischen Urtextes empfing.

Ein schöner Beleg für die beiden gleichberechtigten Lungenflügel Europas, von denen Papst Johannes Paul II. oft sprach! Die östliche Hälfte Europas empfing das Neue Testament aus dem Griechischen; die Slawenapostel Kyrill und Method formten das kyrillische Alphabet nach dem griechischen Alphabet und übersetzten aus der Weltsprache Griechisch ins damalige Slawische, das „Alt-Bulgarische“, oder auch „Altkirchenslawische“, wie es heute meist genannt wird.

Unter unseren europäischen und nahöstlichen Mitvölkern sind es beispielsweise die Bulgaren, die Russen, die Griechen, aber auch viele syrische Christen, die bis heute das orthodoxe Christentum mit seinen „autokephalen“, also von einer zentralen Amtskirche unabhängigen Patriarchen weitertragen. In gewisser Weise sind also die ostkirchlichen Patriarchate die Vorbilder der viel späteren lutherischen oder reformierten „Landeskirchen“.

Im Jahr 1054 kam es zu einem tiefen Bruch zwischen den beiden Lungenflügeln, der erfreulicherweise in diesen Tagen allmählich zusammenzuwachsen scheint. Es wurde aber auch Zeit. Ich habe selbst dem heutigen Patriarchen Kyrill im Jahre 2014 bei einer Messe in der Moskauer Erlöserkathedrale gelauscht und fand, dass jedes seiner Worte auch für einen abendländisch-lateinischen Christen völlig nachvollziehbar und glaubwürdig war. Die beiden gleichberechtigten Spielarten – die morgenländische und die abendländische – sind geeint in der Person Jesu Christi und im Geist und im Buchstaben der Bibel. Das ist das Wesentliche. Auch die Taufe erkennen sie gegenseitig an.

Grimmelshausen beschreibt im 5. Buch seines Simplicissimus sehr lebendig und amüsant, wie der Held auf seiner kriegerisch-abenteuerlichen Tour in Moskau aufgefordert wird, vom lateinischen Glauben zur griechischen Spielart der christlichen Religion überzutreten. Er widersteht, so sehr ihm aus Opportunitätsgründen der Konfessionswechsel auch zupaß gekommen wäre.

Hier der ganze Passus in der Fassung des Erstdruckes:

Nach dem wir nun sicher in der Statt Moscau ankommen / sahe ich gleich daß es gefehlt hatte / mein Obrister conferirte zwar täglich mit den Magnaten, aber viel mehr mit den Metropoliten als den Knesen / welches mir gar nicht Spanisch / aber viel zu pfäffisch vorkam; so mir auch allerhand Grillen und Nachdenckens erweckte / wiewol ich nicht ersinnen könte / nach was vor einem Zweck er zielte; endlich notificirt er mir / daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre / und daß ihn sein Gewissen treibe die Griechische Religion anzunehmen; Sein treuhertziger Rath wäre / weil er mir ohne das nunmehr nicht helffen konte wie er versprochen / ich solte ihm nachfolgen; Deß Zaarn Mayestät hätte bereits gute Nachricht von meiner Person und guten Qualitäten / die würden gnädigst belieben / wofern ich mich accommodiren wolte / mich als einen Cavallier mit einem stattlichen Adelichen Gut und vielen Unterthanen zu begnädigen; Welches allergnädigste Anerbieten nicht außzuschlagen wäre / in deme einem jedwedern rathsamer wäre / an einem solchen grossen Monarchen mehr einen allergnädigsten Herrn / als einen ungeneigten Groß-Fürsten zu haben; Jch wurd hierüber gantz bestürtzt / und wuste nichts zu antworten / weil ich dem Obristen / wann ich ihn an einem andern Ort gehabt / die Antwort lieber im Gefühl als im Gehör zu verstehen geben hätte; muste aber meine Leyer anders stimmen / und mich nach dem jenigen Ort richten / darinn ich mich gleichsam wie ein Gefangner befande / weßwegen ich dann / ehe ich mich auff eine Antwort resolviren konte / so lang stillschwi>
|| [594]
ge: Endlich sagte ich zu ihm / ich wäre zwar der Meinung kommen / ihrer Zaarischen Mäyestät / als ein Soldat zu dienen / warzu er der Herr Obriste mich daselbst veranlaßt hätte / seyen nun Dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedörfftig / so könte ichs nicht ändern / viel weniger Derselben Schuld zumessen / daß ich Jhrentwegen einen so weiten Weg vergeblich gezogen / weil sie mich nicht zu Jhro zu kommen beschrieben / daß aber Dieselbe mir ein so hohe Zaarische Gnad allergnädigst widerfahren zu lassen geruheten / wäre mir mehr rühmlich aller Welt zu rühmen / als solche allerunterthänigst zu acceptiren und zu verdienen / weil ich mich meine Religion zu mutiren noch zur Zeit nicht entschliessen könne / wünschend / daß ich widerumb am Schwartzwald auff meinem Bauren-hof sässe / umb niemanden einiges Anligen noch Ungelegenheiten zu machen;

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Frieden bei Annahme der „Griechischen Religion“?

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Feb. 132016
 

[…] endlich notificirt er mir / daß es nichts mehr mit dem Krieg waere / und daß ihn sein Gewissen treibe die Griechische Religion anzunehmen; […]

So weit ein Satz aus der Lebensbeschreibung des Melchior Sternfels von Fuchshaim, erschienen in der editio princeps bei Wolff Eberhard Felßecker zu Nürnberg im Jahr 1669, in V. Buches XX. Kapitel.

Was mochte damit gemeint sein, mit dem Ausdruck „Griechische Religion“, die man annehmen solle, wenn es nichts mehr mit dem Krieg wäre? Steckte 1669 in der „Griechischen Religion“ gar eine Friedenshoffnung?

Beleg:
Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen. Simplicissimus Teutsch. Herausgegeben von Dieter Breuer. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 530-531

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Feb. 132016
 

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Wieder und wieder stoße ich auf ungläubiges Staunen, wenn ich vorschlage, man sollte die alten maßgeblichen Schriften der europäischen Geschichte in den Originalsprachen studieren, ggf. auch singen und nicht bloß stumm in Übersetzungen lesen. „Das Neue Testament auf Griechisch singen? Wie schräg ist dieser Vorschlag denn!“

Nun, ich vertrete den Standpunkt, daß man Albert Einsteins Weg zur Relativitätstheorie, ja die Relativitätstheorie selbst umfassend nur erklären und verstehen kann, wenn man Albert Einsteins Schriften im Original, also in deutscher Sprache, d.h. in der Kindheits-, Mutter- und Arbeitssprache Albert Einsteins liest. Ein gleiches gilt für die Quantenmechanik Werner Heisenbergs, bei der ebenfalls sehr gute Deutschkenntnisse zum Verständnis unerlässlich sind.

Goethes West-östlichen Divan wird man nur umfassend verstehen und erklären können, wenn man ihn im Original, also in deutscher Sprache liest, und auch den Faust und auch seine Italienische Reise sollte man ruhig in deutscher Sprache lesen.

Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft, Hegels Phänomenologie des Geistes, das Kapital Karl Marx‘, die Psychoanalyse Sigmund Freuds, Grimmelshausens Simplicissimus teutsch, die deutschen Predigten des Meisters Eckhart, Martin Luthers Sendbrief vom Dolmetschen und all die anderen überragend wirkungsreichen Schriften der europäischen Geistesgeschichte, ja der Weltgeschichte wird man nur umfassend verstehen und erklären können, wenn man sie im Original, also in deutscher Sprache liest. Um überhaupt europäische Geschichte verstehen und lehren zu können, muss man die sieben oder acht großen, wirkungsmächtigen Europasprachen lernen und kennen, zu denen nun einmal neben und hinter dem Griechischen und dem Lateinisch-Romanischen auch das Deutsche gehört.

Ohne gute bis sehr gute Deutschkenntnisse wird man Albert Einstein nicht verstehen. Und dasselbe gilt eben auch für die fortzeugenden Urschriften des Christentums, die samt und sonders in griechischer Sprache verfasst worden sind, so wie die Bibel der Juden in hebräischer – und zu kleinen Teilen auch in der eng verwandten aramäischen Sprache – verfasst worden ist.

Alle Autoren unseres vielzitierten Neuen Testaments, aber auch noch die maßgeblichen östlichen UND westlichen Kirchenväter des 2. Jahrhunderts wie etwa Clemens von Rom (sic!) und Hippolytos von Rom (!) dachten und schrieben nachweislich in griechischer (nicht in lateinischer!) Sprache. Das Griechische und nur das Griechische ist die entscheidende Sprache, in der sich im 1. bis 3. Jahrhundert alle noch heute geglaubten Grundlagen der verschiedenen christlichen Konfessionen ausbildeten.

Das Christentum lässt sich also in diesem angedeuteten historischen Sinne cum grano salis als „West-östliche griechische Religion“ bezeichnen. Ohne Griechisch kein Christentum! Alle bis heute grundlegenden Bekenntnisschriften des Christentums sind griechisch verfasst.

Wer also beispielsweise den ersten Korintherbrief des Apostels Paulus mit dem Hohenlied der Liebe, das Johannesevangelium oder auch das noch heute im Gottesdienst verwendete Nikänische Glaubensbekenntnis umfassend verstehen, auslegen und in moderne Muttersprachen übersetzen will, muss sich mit der griechischen Urfassung kritisch und auch textkritisch auseinandersetzen.

Wer dies verweigert und sagt, dies – also die Befassung mit den griechischen Quellen oder mit der griechischen Sprache – sei nicht mehr nötig, da dies die „Kirchen es im Laufe der Jahrhunderte schon alles richtig gemacht“ hätten, der leistet Verzicht auf einen großen Teil der Bedeutungsfülle, die jenen uralten Glaubenszeugen innewohnt. Er beschneidet sich und seine Freiheit unnötig!

„Aber auf die heutigen Übersetzungen der Bibel ist doch wenigstens Verlaß, oder?“, so fragte den Gräzisten ein Sangesbruder einmal.

Antwort des Gräzisten: „Die Übersetzer haben das Neue Testament verschieden übersetzt. Es kömmt aber heute drauf an, die verschiedenen, teilweise einander glatt widersprechenden Übersetzungen richtig zu interpretieren!“

Sangesbruder: „Du redest und singst in Rätseln. Nenne mir ein Beispiel!“

Der Gräzist: Gern, hier kommt es: καὶ καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν (sprich: kai ho logos ähn pros ton theón). Johannesevangelium Kapitel 1, Vers 1.

Die übliche deutsche Übersetzung lautet: „und das Wort war bei Gott“. Eine mögliche, nicht völlig falsche Übersetzung!

Richtiger wäre aus dem gut bezeugten griechischen, eindeutig belegten und textkritisch gesicherten Wortlaut jedoch: „zu Gott hin“, oder auch „gegen Gott hin“, „angesichts Gottes“ und nicht „bei Gott“.

Denn die griechische Präposition πρὸς mit Akkusativ bezeichnet in all den Jahrhunderten des alten griechischen Sprachgebrauchs – und ohne Zweifel auch im Neuen Testament – keine räumliche statische Nähe („bei“), sondern vielmehr eine gerichtete Bewegtheit zu etwas hin, keine Identität, sondern dynamische Spannung, kein Zusammen, sondern ein Auseinander und ein Zueinander. Eine pulsierende kosmische Bewegung! Gravitationswellen! Saiten, „Strings“, wie die Astrophysiker heute sagen würden, die das gesamte Universum durchziehen! Johannes verfasste lange vor den Astrophysikern der heutigen Zeit eine bildliche String-Theorie des Kosmos.

„Das Wort war zu Gott“, darin steckt eine geradezu Heisenbergsche Unschärferelation, ein energetisches Kraftfeld, eine komplexe Gleichung mit Unbekannten, eine geradezu einsteinisch anmutende Formel, bei der nicht klar ist, ob es sich um Materie, Energie, Gravitation, um dunkle Masse oder um Licht handelt, oder ob alles sich in alles hinein verwandelt.

Beleg:
„Die Präpositionen“, in: Eduard Bornemann, Oberstudienrat i.R. und Honorarprofessor in Frankfurt Main: Griechische Grammatik. Unter Mitwirkung von Ernst Risch, Ordinarius für indogermanische Sprachwissenschaft in Zürich. Verlag Moritz Diesterweg, 2. Aufl., Frankfurt am Main u.a. 1978, S. 197-208, hier insbesondere zu πρὸς cum accusativo S. 204-205

Bild:
Morgenröte, das Heraufdämmern eines neuen Tages über dem Gasometer! Das Heute, das Itzt, das Nu, das Hier!

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Ungeheures Getöse: weitere Betrachtungen zu 1 Kor 13

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Jan. 282016
 

„Die jüdische Übertragung der jüdischen Bibel ins Griechische wurde zur Voraussetzung der Kirche aus Juden und Heiden.“
Michael Tilly

“ Christianity is not buried in a book. It existed before the N. T. was written. It made the N. T. It is just because Christianity is of the great democracy that it is able to make universal appeal to all ages and all lands and all classes. The chief treasure of the Greek tongue is the N.T.“
A.T. Robertson

Wir spinnen den Faden fort:
Das Griechische ist immerfort die eigentliche Muttersprache, der Mutterschoß des Christentums, so wie das Hebräische die Muttersprache und Vatersprache des Judentums war, ist und immerfort bleiben wird. Wenn man wissen will, was Paulus von Tarsus, – der Hl. Paulus, der Apostel Paulus, der Heidenapostel, wie er auch genannt wird – in seinem Hohenlied der Liebe gesagt, gedacht, geglaubt, gefühlt und gesungen hat, wird man um eine nachhaltige Befassung mit den ältesten, in griechischer Sprache überlieferten Textzeugen nicht herumkommen.

Ja noch einen Schritt weiter müssen wir gehen: wenn wir wissen und erfahren wollen, was die Zuhörer Jesu, die Zuhörer Pauli, die Zuhörer des Evangelisten Johannes fühlten, glaubten, hörten, oder gar was Jesus Christus selbst wohl dachte, glaubte, lehrte, werden wir um eine eifrige Versenkung in die verschiedenen griechisch überlieferten frühesten Fassungen des Evangeliums nicht herumkommen.

Griechisch war die Muttersprache des Apostels Paulus, in der er geläufig predigte und gerne schrieb und dichtete; Hebräisch und Aramäisch sowie etwas Latein kannte und konnte er sicherlich auch; Aramäisch war eine wichtige Umgangs-, Alltags-, und auch Amtssprache im Ostteil des Imperium Romanum. Hebräisch war, ist und bleibt die Kult- und Kultursprache der Juden, von denen der Apostel einer war. Paulus hatte die Bibel sicherlich im Gottesdienst in hebräischer Sprache gehört.

Aber sein eigenes dichterisches Schaffen und griechisches Predigen beruhte – bis heute hörbar! – auf der verbreitetsten griechischen Übersetzung der Bibel, der sogenannten Septuaginta.

Das Hohelied der Liebe (1 Kor, 13) ist ein kultischer Gesang, eine Dichtung in freien Versen („vers libres“), ein Psalm, der nahtlos an den Schluß des Psalters (Ps. 150) aus der Septuaginta anschließt. Das geht bis in einzelne Wendungen hinein.

So sagt etwa Septuaginta in Ps 150,3-5:
αἰνεῖτε αὐτὸν ἐν ἤχῳ σάλπιγγος
αἰνεῖτε αὐτὸν ἐν ψαλτηρίῳ καὶ κιθάρᾳ
αἰνεῖτε αὐτὸν ἐν τυμπάνῳ καὶ χορῷ
αἰνεῖτε αὐτὸν ἐν χορδαῖς καὶ ὀργάνῳ
αἰνεῖτε αὐτὸν ἐν κυμβάλοις εὐήχοις
αἰνεῖτε αὐτὸν ἐν κυμβάλοις ἀλαλαγμοῦ

Paulus singt in 1 Ko 13,1:
Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ
καὶ τῶν ἀγγέλων, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω
γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον

Man höre, singe und staune beide Psalmen einmal hintereinander weg! Was hört man da? Etwas Unerhörtes, nämlich die drei unterschiedlich gebeugten Wörter ἤχῳ/ἠχῶν/εὐήχοις (Hall, Schall, wohlklingendes Getöse), κύμβαλον/κυμβάλοις (Metallbecken), ἀλαλαγμοῦ/ἀλαλάζον (ängstliches oder kriegerisches Schreien).

Das ist kein Zufall! Es ist ein klarer, unüberhörbarer Anklang, ein Anknüpfen des Paulus an die ihm so vertraute, ihm so geläufige Dichtungstradition seines Herkunftskultes!

1 Ko 13, 1 ist also selbst ein lauttönender, ungeheurer Widerhall, ein Echo, eine gewaltige Überbietung, eine unerhört kühne Neuausprägung von Ps 150!

Paulus selbst nennt seinen hyperbolischen Psalm mit einem Terminus technicus der griechischen Rhetorik einen „Weg gemäß der Überbietung“ eine „καθ’ ὑπερβολὴν ὁδὸν“ (1 Ko 12, 31b).

Nur der singende Vortrag der Psalmen in Ps 150 und 1 Ko 13 wird die gesamte Bedeutungsfülle – das „ungeheure Getöse“, wie es zu Beginn des Faust II heißt – sinnlich und sinnesfroh erfahrbar machen.

Zitatnachweise:

Michael Tilly: Einführung in die Septuaginta. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Stuttgart 2005, S. 103

A. T. Robertson: GRAMMAR OF THE GREEK NEW TESTAMENT IN THE LIGHT OF HISTORICAL RESEARCH, 3. Auflage, Hodder&Stouton, London 1919, S. 1207
https://faculty.gordon.edu/hu/bi/ted_hildebrandt/new_testament_greek/text/robertson-greekgrammar.pdf, hier Seite 1207

https://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/septuaginta-lxx/lesen-im-bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/19/1500001/1509999/ch/05bb088a3c63bdd063c4c227d0c8f351/

https://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/novum-testamentum-graece-na-28/lesen-im-bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/56/120001/129999/ch/f31d4ef29b41e6c819548227babea05c/

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Jan. 142016
 

Nie zuvor erlebte Europa so große Probleme wie heute“ – unter diesem Motto rollen derzeit in einer Armada von Luxuskutschen die Bosse und Führer dieses Kontinents zum Welt-Gipfel.

http://www.welt.de/wirtschaft/article150984660/Die-Probleme-die-Europa-ins-Chaos-stuerzen-koennten.html

„Nie zuvor erlebte Europa so große Probleme wie heute…!“ Aber müssen wir das wirklich glauben?

Wann erlebte Europa seine größten Probleme? Meine persönliche Antwort darauf beschränke ich auf die letzten 500 Jahre – nicht auf die gesamten 3000 Jahre, die wir anhand schriftlicher Quellen ungefähr, aber auch nur ungefähr einschätzen können. Ich meine, es spricht vieles dafür, dass die Jahre 1618-1648 sowie die Jahre 1914-1945 die Jahre mit den größten Problemen für Europa waren. Wir haben in Geschichtsschreibung und Poesie eine sehr große Fülle an Belegen, dass es diese beiden Zeiträume waren, in denen sowohl die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als auch die Nachkommen das Gefühl hatten, noch nie zuvor habe Europa so große Probleme gehabt wie eben in diesem Heute, diesem „itzt“.

Der schönste, der ergreifendste Beleg für dieses Gefühl – „Noch nie hatten wir in Europa so große Probleme wie heute!“ – stammt meines Erachtens von Thukydides. Er schreibt in seinen Historiai, er habe von Anfang das dumpfe Gefühl gehabt, dieser 30 Jahre dauernde, selbstzerfleischende Krieg zwischen den beiden Machtblöcken Athen und Sparta sei für ihn „sozusagen“ der größte, der bis dahin größte, bedeutendste Konflikt der für ihn überschaubaren Menschheitsgeschichte, also der Geschichte der Hellenen und vermutlich auch der meisten Menschen überhaupt gewesen.

Aber er war sich eben nicht 100-prozentig sicher. Unübertroffener Thukydides! Er schränkt sein Urteil ein – „soweit ich das beurteilen kann“, „sozusagen“, „nach allem, was ich ermitteln konnte“. Aber, Freunde Europas, lest doch lieber selbst, mit welch unübertroffener Bescheidenheit, mit welch überragender Klugheit Thukydides uns alle, die wir jetzt Zeter und Mordio schreien, in die Schranken unserer historischen Beschränktheit verweist:

[2] κίνησις γὰρ αὕτη μεγίστη δὴ τοῖς Ἕλλησιν ἐγένετο καὶ μέρει τινὶ τῶν βαρβάρων, ὡς δὲ εἰπεῖν καὶ ἐπὶ πλεῖστον ἀνθρώπων. [3] τὰ γὰρ πρὸ αὐτῶν καὶ τὰ ἔτι παλαίτερα σαφῶς μὲν εὑρεῖν διὰ χρόνου πλῆθος ἀδύνατα ἦν, ἐκ δὲ τεκμηρίων ὧν ἐπὶ μακρότατον σκοποῦντί μοι πιστεῦσαι ξυμβαίνει οὐ μεγάλα νομίζω γενέσθαι οὔτε κατὰ τοὺς πολέμους οὔτε ἐς τὰ ἄλλα.

Quelle:
Thucydidis Historiae, liber primus, 1, 2-3, ed. Henricus Stuart Jones, Oxonii e typographeo Clarendoniano 1974

Nein, Freunde Europas, dies ist nicht die schwerste Stunde Europas. Die Hauptprobleme Europas sind meines Erachtens derzeit das Misstrauen zwischen den europäischen Regierungen und zwischen den europäischen Gesellschaften, ein Mangel an Ehrlichkeit, ein eklatanter Mangel an Fremdsprachenkenntnissen in ganz Europa (büßken Globish reicht halt nicht), ferner die törichte Gleichsetzung einer menschengemachten Organisation (der „Eurozone“) mit Europa überhaupt (Europa, das ist halt nicht der Euro und auch nicht die EU), Mangel an historischer Tiefenbildung, Mangel an wirtschaftspolitischer und finanzpolitischer Grundbildung, Mangel an Mut zur Wahrheit, Irreführungen und Täuschungen, zweifelhafte Alleingänge Deutschlands auf Kosten anderer EU-Länder und auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit, Selbstgerechtigkeit der Spitzenpolitiker in Deutschland und den anderen „alten“ EU-Staaten, ein verengter Blick auf Europa, eine durch die aktuelle EU-Politik vertiefte Ost-West-Spaltung und eine durch die aktuelle EU-Politik vertiefte Nord-Süd-Spaltung: alles Dinge, die wir bewältigen können, die wir ändern können. Es ist noch nicht zu spät.

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Was hat der Mutmacher gesagt: „In verità“, oder „wahrhaftig“ oder „for truly“? Zu Mt. 18,3

 Griechisches, Hebraica, Jesus von Nazareth, Mündlichkeit, Novum Testamentum graece  Kommentare deaktiviert für Was hat der Mutmacher gesagt: „In verità“, oder „wahrhaftig“ oder „for truly“? Zu Mt. 18,3
Okt. 312015
 

Martin Walser schreibt heute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf S. 18: „Nur Jesus beginnt seine Sätze mit Wahrlich.

Ist das wahr? Hat Jesus seine Sätze echt mit „Wahrlich“ begonnen? Sprach er echt so gut deutsch? Ich schlage die von Walser zitierte Stelle im Evangelium nach Matthäus 18,3 in verschiedenen Fassungen des Neuen Testaments auf und finde folgende Wörter, die Jesus in echt gesagt haben soll, wobei ich hier jeweils in Klammern Ort und Jahr der Erscheinung des Buches beifüge: „In verità“ (Roma 1974), „warlich“ (Wittenberg 1545), „Amen“ (Freiburg 1980), „Wahrhaftig“ (Gütersloh 2006), „Truly“ (Stonehill Green 1971), ἀμὴν (Stuttgart 2012).

7 unterschiedliche Worte, die Jesus gesagt haben soll! Ja was denn nun? Wer hat nun recht? Wer sagt uns denn endgültig die volle Wahrheit über Jesus Christus? Martin Walser am 31.10.2015, Martin Luther im Jahr 1517, Holger Strutwolf im Jahr 2012, die Conferenza Episcopale Italiana im Jahr 1974, die Katholische Bibelanstalt im Jahr 1980, The Bible Societies im Jahr 1971, das Projekt Bibel in gerechter Sprache im Jahre 2006?

Eine Entscheidung muss gefällt werden! Und ich entscheide … als guter Demokrat … mit der Mehrheit! Gewinner sind: Stuttgart 2012 und Freiburg 1980! Also „Amen“ bzw. „ἀμὴν“. Hurra! Diese beiden Wörter – so glaube ich – hat Jesus ausgesprochen.

Meine sachliche Begründung dafür lautet: Da Jesus (trotz rudimentärer Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen, die wir annehmen dürfen) meist in Aramäisch gepredigt und sicher auf Hebräisch aus den Schriften zitiert hat, dürfte er wohl auch die aramäische bzw. hebräische Bekräftigungsformel Amen verwendet haben. Offen muss bleiben, wie er dieses Amen genau ausgesprochen hat; aber dass Jesus genau diese Formel „Amen“ verwendet hat, glaube ich fest.

Amen (auch „aman“, „amin“ lautend) ist eine Formel, mit der damals ein festes Vertrauen, eine persönliche Gewissheit ausgedrückt, besser „gesetzt“ oder auch „eingesetzt“ wurde. Durch Amen, eine mündliche Bestätigungsformel, wurde eine sprachliche gegebene Gewissheit bekräftigt. Jesus verwendet Amen stets, bevor er seine höchst persönliche Lehre, also die „Lehre Jesu Christi“, wie wir heute sagen dürfen, in Wahrheit in der Ich-Form verkündet. „Ich sage euch…“ folgt dann, „Ego de… “ auf griechisch, … und dann folgt stets eine ganz bestimmte, durch das Ich Jesu bekräftigte Behauptung. Jesus verkündet also die Wahrheit im Lichte des Ich.

Amen, zu deutsch also „so sei es“, „so ist es“, „so will ich es“, ist also Wahrheit im Lichte des Ich!

O ihr Lehrlinge Jesu Christi, o ihr deutschen Martins und Friedrichs, tilgt nun einige Buchstaben nach und nach weg! Schrumpft sie auf das Mindestmaß! Magert die sieben Übersetzungen des griechisch verfassten neuen Testaments auf Gerippe und Knochen ab! Entschlagt euch für einen Augenblick eurer Kenntnisse aus Theologie, Kirchen- und Literaturgeschichte! Vergesst ein winziges Nu lang die gesamte Kirchengeschichte! Seid oder werdet wie er!

Dann, Martin, Friedrich bzw. Fritz (darf ich dich so nennen?), Hans, Hermann, Hinz und Kunz, Lehrling Jesu Christi, nimm diese abgemagerte Fassung herab vom Kreuz deines philologisch-theologischen Seziertisches. Gib dem komplett abgemagerten Jesus, diesem überragenden, großartigen Muthmacher, dem Mutmacher und Bekräftiger Raum in dir. Und dann hast du auch die beste Übersetzung des hebräischen Amen, das es dich drängt – wie sagtest du doch? – „in dein geliebtes Deutsch zu übertragen“.

WAHR (heit im) L (ichte des) ICH

Amen, warlich (Martin Luther), wahrlich (Martin Walser).

Die beiden Martins haben recht. Das „Wahrlich/warlich“ der beiden Martins ist die Übersetzung, die Inhalt und Botschaft des hebräischen bzw. aramäischen oder auch jesuanischen Amen am besten wahrt und bewahrt.

Beleg:
Martin Walser: Der Muthmacher. FAZ, 31.10.2015, S. 18

Bild:
Kreuzabnahme. Ein tiefes Relief, tief tief verborgen im Teutoburger Wald, 11 km Fußmarsch vom Hermannsdenkmal bei Detmold entfernt. Eigenes Smartphone-Foto des Bloggers vom 25.10.2015
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„Was will das Volk?“ Pelasgos‘ Einsicht in das Wesen der Demokratie

 Antike, Flüchtlinge, Griechisches, Grundgesetz, Migration, Parlament, Samariter, Staatlichkeit, Verfassungsrecht  Kommentare deaktiviert für „Was will das Volk?“ Pelasgos‘ Einsicht in das Wesen der Demokratie
Okt. 222015
 

ὑμῖν δ᾽ ἂν εἴη δῆμος εὐμενέστερος
τοῖς ἥσσοσιν γὰρ πᾶς τις εὐνοίας φέρει.

„Euch mög das Volk nun zugeneigter sein
Den Schwächren will doch jeder wohl.“
(Hiketides, Vers 488-489, eigene Übersetzung des Vf.)

Ein bis heute ergreifendes Zeugnis echter Humanität und echter Barmherzigkeit bietet der mythische König von Argos, Pelasgos, in Aischylos‘ Tragödie „Flehende“ (Hiketides). „König“ Pelasgos? Nun, Herrscher war Pelasgos zweifellos. Herrscher? Nicht wirklich! Ehe er die schutzlosen 50 jungen Frauen vor den bewaffnet heranstürmenden jungen Männern rettet und ihnen Asyl gewährt, befragt er das Volk (δῆμος). Er ruft eine Volksversammlung ein und lässt per offenem Handzeichen darüber abstimmen, ob die 50 Töchter des Danaos unter den Schutz der heimischen Götter gestellt werden sollen. Und er gewinnt den Volksentscheid triumphal!

Kurz und gut: Pelasgos entscheidet nicht im Alleingang. Er lässt sich nicht erweichen und erpressen, etwa durch den bühnenwirksam angedrohten Suizid der 50 Jungfrauen, obwohl tatsächlich Gefahr im Verzuge ist. Stattdessen fragt er: Was will das Volk?

Ja was ist denn das für ein König, der sein Volk befragt, ehe er die Landesgrenzen öffnet? Ist das dargestellte Geschehen glaubwürdig? Antwort: Aischylos blendet die politische Realität seiner Zeit mit in den mythischen Stoff ein. Ihm ging es nicht darum, nur eine spannende Sage dramatisch auf die Bühne zu bringen, nein, er inszenierte ganz bewusst eine politisch-moralische Streitfrage der Gegenwart in mythischer Einhüllung.

Und die Gegenwart, das war nun einmal die damals (ca. 470-460 v. Chr.) noch junge, noch ungefestigte Demokratie. Athen war zweifellos seit den Reformen des Kleisthenes (509 v. Chr.) im echten Sinne, auch in unserem Sinne eine Demokratie, wahrscheinlich die erste in Europa überhaupt; Entscheidungen über Krieg und Frieden, über Aufnahme oder Abweisung fremder Volksgruppen, über Steuerfragen durften seitdem nicht mehr durch einen obersten Herrscher alleine getroffen werden. Träger der Souveränität, ja der Souverän selbst, war nunmehr das Volk (Demos), das durch Wahl und durch Los Körperschaften zu seiner Vertretung schuf (den „Rat der 500“, die 9 „Archonten“, das „Volksgericht“), aber zugleich noch durch Volksabstimmungen starke Züge der „direkten“, nicht-repräsentativen Demokratie beibehielt.

Die Athener Bürger hatten also bei allen wesentlichen Entscheidungen Mitspracherechte. Gegen und ohne das Volk lief nichts. Es gab keinen Platz für einsame Entscheidungen eines Königs oder einer Großherrscherin mehr.

Was lernen wir für die Bundesrepublik Deutschland daraus? Nun, wir sind auch eine Demokratie. Wir haben heute kaum mehr die direkte, sehr wohl aber die repräsentative Demokratie. Und das bedeutet, das Volk, der Souverän, wird durch gewählte Abgeordnete in Parlamenten vertreten. Träger der staatlichen Souveränität und der Daseinsvorsorge sind zunächst einmal bei uns im Alltag die 16 Bundesländer. Sie sind gefragt, wenn es um die Unterbringung der aus allen Richtungen regellos Zuwandernden geht. Der Bund hat keine Berechtigung, den Bundesländern Aufgaben der Daseinsvorsorge ohne deren Zustimmung zuzuweisen, insbesondere ohne ihnen die nötigen Sach- und Finanzmittel zur Verfügung zu stellen (vgl. Artt. 28 und 30 GG).

Die 16 Landesparlamente und der Bundesrat sollten also – so meine Meinung – auch jetzt Herren des Verfahrens werden. Die 16 Landesparlamente müssen bei so weitreichenden Entscheidungen wie der nunmehr faktisch verkündeten völligen Öffnung der deutschen Grenzen für ausnahmslos alle Zuwandernden vorher gefragt und vorher einbezogen werden. Auch der Bundestag sollte vor allen vorschnellen Entscheidungen intensiv gefragt und einbezogen werden. Die 16 Länderkammern, der Bundesrat und auch der Bundestag müssen nun entscheiden, wohin die Reise geht. Sie – die 16 Länderparlamente, der Bundesrat, der Bundestag müssen das Heft des Entscheidens in die Hand nehmen. Von ihrem Willen hängen die Regierungen der 16 Bundesländer ab. Ein bundesweiter Volksentscheid ist dann unnötig, zumal er sowieso rechtlich nicht zulässig ist.

Denn staatliches Handeln muss auch in Krisenzeiten weiterhin an Recht und Gesetz gebunden bleiben.

Durch intensive gemeinsame Entscheidungsfindung, durch offenes Ringen und Austauschen der Argumente in Rede und Gegenrede wird die repräsentative Demokratie der Bundesrepublik Deutschland ihre Stärke und ihre Humanität beweisen!

Es ist möglich, so glaube ich, eine Lösung der Zuwanderungsfragen und der Flüchtlingskrise zu finden, wenn zu dem humanitären Impuls der sittlich gebotenen Nothilfe für Schwache, Kranke, für schutzlose Frauen, Kinder, Arme und Notleidende eine rechtlich gebotene Besinnung auf das Wesen und die Eigenart der parlamentarischen Demokratie hinzutritt.

Und Wesen der Demokratie ist es nun einmal, dass das Volk Träger der Souveränität ist.

Ich meine: Schwache, Arme, Kranke, Kinder, Witwen und Waisen, schutzlose verfolgte Frauen, Hilflose, die sich bei uns innerhalb unserer Grenzen aufhalten, verdienen unser Mitgefühl. Ob wir die Hunderttausenden voll arbeitsfähiger, voll mobiler junger Männer aus aller Herren Länder weiterhin wie bisher unterschiedslos bei uns aufnehmen wollen, darüber sollten wir uns in Rede und Gegenrede unterhalten.

Letztlich sollte diese Fragen das Volk (der Demos) über die gewählten Parlamente entscheiden.

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Nuscheln, Murmeln, Schweigen: Das verstummende kulturelle Gedächtnis

 Deutschstunde, Entkernung, Goethe, Griechisches, Leitkulturen, Mündlichkeit, Musik, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für Nuscheln, Murmeln, Schweigen: Das verstummende kulturelle Gedächtnis
Sep. 082015
 

Manchmal frage ich mich, wie wohl Goethe seine Gedichte und Dramen vorgetragen hat. Seine „Regeln für Schauspieler“ aus dem Jahr 1803 liefern Hinweise darauf! Das heute so modische, lässig-unterkühlte Murmeln und Nuscheln, z.B. das silbische M, war ihm zuwider, das Verschlucken etwa von unbetonten Vokalen, das sich heute überall in Fernsehen und Vortrag – auch bei geschulten Bühnenschaupielerinnen – ausgebreitet hat, suchte er seinen Darstellern auszutreiben. Goethe schreibt etwa unter § 7 seiner Regeln:

Bei den Wörtern, welche sich auf e m und e n endigen, muß man darauf achten, die letzte Silbe deutlich auszusprechen; denn sonst geht die Sylbe verloren, indem man das e gar nicht mehr hört.

Z.B. folgendem, nicht folgend’m
hörendem, nicht hörend’m

Ganz offenkundig schrieben Goethe und all die anderen Dichter ihre Verse zu lautem, klingendem Vortrag nieder. Das geschriebene Wort diente nur als eine Stütze, die das klar, frei und deutlich erschallende Wort trug und vorgab, wie die gedruckte Stimme in der Musik – in Goethes Worten – als Anleitung „zum richtigen, genauen und reinen Treffen jedes einzelnen Tones“ hilft.

Die heutigen deutschen Kinder lernen die klingende, singende Sprache oder vielmehr Aussprache eines Goethe, eines Paul Gerhardt, eines Thomas Mann oder Friedrich Hölderlin nicht mehr kennen und nicht mehr schätzen, da auch die Erwachsenen sie nicht mehr kennen und schätzen.  Es ist so, als würde man im Instrumentalspiel nicht mehr Bach, Mozart und Brahms in allen Noten spielen, sondern nur noch darüber hinweghuschen, diese oder jene Notengruppe nicht mehr spielen.

Mit der Kenntnis der relativ einheitlichen deutschen Sprache oder mindestens Aussprache der Dichter, Wissenschaftler und Philosophen von Immanuel Kant und J.W. Goethe bis hin zu Albert Einstein, Sigmund Freud und Thomas Mann droht nun seit Jahrzehnten in Deutschland selbst auch die Kenntnis des ehemaligen Kernbeitrages der deutschsprachigen Länder zur Weltkultur verloren zu gehen.

Nun könnte man sagen, es sei doch unerheblich, ob noch irgend jemand in Deutschland die Relativitätstheorie Albert Einsteins, die Buddenbrooks Thomas Manns, das Kapital von Karl Marx, die Traumdeutung Sigmund Freuds, die Gedichte Goethes oder die Kritik der reinen Vernunft Immanuel Kants im deutschen Original zu lesen vermöchte. Schließlich gebe es überall englische Übersetzungen, Deutschland und Europa würden  sowieso irgendwann nur noch Englisch reden – oder mit Blick auf die neuesten demographischen und migratorischen Entwicklungen – Arabisch oder Chinesisch.

So wie heute in Deutschland in aller Öffentlichkeit das klingende, gesprochene, gepflegte Deutsch aus der Zeit eines Immanuel Kant oder eines Goethe nach und nach vergessen und verschüttet wird, so vergaß Europa im ersten Jahrtausend nach und nach die griechische Vortragskunst.

Irgendwann hatte man einfach vergessen, wie die Epen Homers, die Tragödien eines Aischylos, Sophokles oder Euripides geklungen hatten – ein Kernbestand des kulturellen Gedächtnisses wurde weitgehend ausgelöscht, insbesondere natürlich das alte Griechisch, die Sprache Homers, Herodots, Sokrates‘, Platons und Aristoteles‘, die Sprache auch der Urschriften des Christentums. Der lateinische Westen kannte und konnte etwa ab dem 5. Jh. n. Chr. kein Griechisch mehr, selbst die großen abendländischen Theologen konnten das Neue Testament bis ins 15. Jh. hinein meist nicht mehr im griechischen Original lesen, mit all den verheerenden, teils gewalttätigen theologischen Fehldeutungen und Irrtümern, die die Nichtbefassung mit dem griechischen bzw. hebräischen Urtext auslösen sollte.

Die griechischen Originalklänge der europäischen Kulturen gingen damals verloren, das kulturelle Urbild Europas ward im Westen komplett vergessen. Lateinisches Abendland und griechisches, später arabisches, später türkisches Morgenland drifteten auseinander und sind bis heute nicht wieder zusammengewachsen.

Verlust des Originalklanges! Allerdings hat sich in der Musik bereits vor Jahrzehnten eine mächtige Gegenbewegung gesammelt: Heute strebt man bei der Aufführung eines Bach, eines Vivaldi oder eines Palestrina eine klug abwägende Wiederannäherung an den früheren Klang an. Bach soll eben nicht wie Brahms, W.A.Mozart soll nicht wie Richard Wagner klingen. Man bemüht sich mindestens einmal herauszufinden, wie es damals geklungen haben mag, um die Werke besser verstehen und aufführen zu können.

Und so meine ich, dass auch wir uns darum bemühen sollten, die Werke Goethes oder Friedrich Schillers, Lessings oder Immanuel Kants auch heute noch im Originaltext zu verstehen, vorzulesen und so erklingen zu lassen, dass auch die Verfasser von damals uns heute noch zustimmend verstehen könnten.

Ein ähnliches Bild dürfte sich übrigens im Englischen ergeben. Man vergleiche etwa die Art, wie William Butler Yeats sein Gedicht The Lake Isle of Innisfree vorträgt, mit irgendeiner aktuellen Einspielung eines heutigen Schauspielers, wie man sie ohne Mühe auf Youtube finden kann. Auch hier wird man sachlich, unterkühlt und nüchtern feststellen: Der Originalklang war ganz anders, er ist nahezu schon verloren. Komplette Register des Sprachlichen, die noch vor 50 oder 70 Jahren Allgemeinbestand waren, sind fast unwiederbringlich verschüttet – oder abgetönt.

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Haben uns Sophokles und die Griechen noch etwas zu sagen?

 Europäische Union, Europäisches Lesebuch, Geld, Griechisches  Kommentare deaktiviert für Haben uns Sophokles und die Griechen noch etwas zu sagen?
Juli 112015
 

Immer wieder tauchen wir hinab in die alte, griechisch sprechende Welt, die Europa zu dem werden ließ, was es heute zu werden verspricht. In den attischen Tragödien des 5. und 4. Jahrhunderts vor Christus werden zahllose Fragen erörtert, die uns bis zum heutigen Tage beschäftigen. Etwa die folgende:

Was hält Europa und die Europäische Union zusammen?

“Die Wirtschaft!” werden die meisten sagen. “Der freie Austausch an Waren und Dienstleistungen sichert den Zusammenhalt!”.

“Der acquis communautaire!” schallt es aus Brüssel zurück. “Die etwa 100.000 Seiten gemeinsamer Rechtstexte über Ansprüche und Rechte der Mitgliedsstaaten sind eine unlösbare institutionelle Klammer!”

“Der Euro!”, werden wieder andere einwerfen. “Nur durch die Gemeinschaftswährung werden die Schicksale der Staaten so unlösbar verknüpft, dass Wohlstand, Wachstum und soziale Gerechtigkeit gesichert sind.”

Kaum ein Zweifel darf bestehen, dass die Europäische Union und überhaupt europäische Politik auf der Wirtschaft und auf dem Geld begründet ist. Das Geld und die Wirtschaft sind – nach der aktuellen Politik zu urteilen – die eigentlichen Fundamente und der Maßstab der Europäischen Union.

“Lernt doch erst mal griechische Texte lesen”, begehre ich auf, wenn wieder einmal derartige Reden geführt werden. “Habt ihr nicht die Antigone des Sophokles gelesen?”

Erstaunlich etwa, was König Kreon in der Antigone des Sophokles über das Geld sagt:

οὐδὲν γὰρ ἀνθρώποισιν οἷον ἄργυρος

κακὸν νόμισμ᾽ ἔβλαστε. τοῦτο καὶ πόλεις

πορθεῖ, τόδ᾽ ἄνδρας ἐξανίστησιν δόμων·

τόδ᾽ ἐκδιδάσκει καὶ παραλλάσσει φρένας

χρηστὰς πρὸς αἰσχρὰ πράγματ᾽ ἵστασθαι βροτῶν·

Meine deutende Übersetzung in modernes Deutsch lautet:

“Denn keine so schlimme Gesetzesgrundlage erwuchs für Menschen wie das Geld. Es zerstört sogar Städte, es vertreibt Männer aus den Häusern, Geld prägt Mentalitäten um, so dass die an sich richtige Gesinnung zum Niederträchtigen gewendet wird.”

In diesen Versen (295-299), die wohl um das Jahr 442 vor Christus entstanden, schreibt Kreon dem Geld eine unterminierende, gemeinschaftsszerstörende Kraft zu. Keine schlechtere Grundlage für Gesetze als das Geld gibt es. Fremdes Geld zerstört den Zusammenhalt der Polis, Geldgier führt zu Hader, Zank und Zwietracht in der Stadt, die Gier nach Silber brachte die griechischen Städte gegeneinander auf.
Ich meine: Der Ansatz, die Europäische Union vornehmlich auf dem Geld begründen zu wollen, hat uns alle in die Irre geführt.

Die Europäische Union muss stattdessen auf anderen, auf kulturellen Werten, vor allem auf dem freien Wort stets von neuem begründet werden!

Weit geschmeidiger, weit moderner als der Kreon des 5. Jahrhunderts v. Chr. drückte dies kürzlich ein Schriftsteller, der unter uns lebende Petros Markaris in folgenden Worten aus:

Wir haben mit der Einführung des Euro diese Werte vernachlässigt und Europa mit dem Euro identifiziert. Und jetzt, mit der Rettungsaktion für den Euro, werfen wir die gemeinsamen Werte, die Diversität der europäischen Geschichte, die verschiedenen Kulturen und Traditionen als Ballast über Bord. Europa hat viel in die Wirtschaft investiert, aber zu wenig in die Kultur und die gemeinsamen Werte.

Quellen:

Sophoclis fabulae. Ed. A.C. Pearson, Oxonii 1975, Ant. vv. 295-300

Süddeutsche Zeitung, 26.01.2012:

http://www.sueddeutsche.de/politik/reise-des-schriftstellers-petros-markaris-die-krise-hat-das-letzte-wort-1.1267452

The Little Sailing: Ancient Greek Texts

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Juli 112015
 

Vita enim sine verbo incerta est et obscura, so sagt es Martin Luther aus tiefer Überzeugung und völlig zu Recht (WA 18, 655, 10).

Zu deutsch: „Ein Leben ohne das Wort ist ungewiß und dunkel.“

So dürfen wir heute sagen: „Ein Europa ohne Wort ist ungewiß und dunkel.“ Europa sine verbo incerta est et obscura.

Zu griechisch: Η Eυρώπη χωρίς το λόγο είναι αβέβαιο και σκοτεινό.

Das Licht, die Wahrheit Europas kommt nicht vom mythischen Geld und nicht vom märchenhaften Gold her, sondern vom Wort, – vom „Logos“ also, vom logischen Denken, Erkennen, Fühlen und Handeln.

„Scheitert der Euro, scheitert Europa.“ Diese Festnagelung der Europäischen Union, schlimmer noch diese Festnagelung Europas auf das Geld, auf den Euro, dieses monetaristisch-kapitalistische Euro-Evangelium war eine falsche Erlösungslehre, eine Irrlehre, ein trügerischer Mythos, der zu nichts Gutem geführt hat außer zu der Erkenntnis, dass nicht der blind geglaubte Mythos vom Euro, sondern nur der vernünftige Glaube an die gute, verbindendende, versöhnende Macht des Wortes den Frieden und die Eintracht stiften kann, die wir dringend brauchen.

Luther (WA 18, 655, 10) hier zitiert nach:
Joachim Ringleben, Das philosophische Evangelium. Theologische Auslegung des Johannesevangeliums im Horizont des Sprachdenkens. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2014, S. 465 (Anm. 71)

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