Kreuzberger Fluchtbewegung

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Juni 252008
 

Und wieder schlagen die Wogen hoch. Auch der Tagesspiegel greift jetzt das Thema auf, das unser Blog schon vor einigen Tagen auf die Tagesordnung setzte. Es geht um die Versammlung der entrüsteten Eltern am Donnerstag, morgen, in der Passionskirche. Sicher habe ich mich in die Nesseln gesetzt, als ich vergangene Woche in diesem Blog verlangte, auch das Bezirksschulamt solle eingeladen werden. Hallo Herr Mehr von der taz, bitte nicht böse sein! Ich vertrete die Meinung, wenn man Leute so heftig angreift, müssen sie im Saale sitzen. Zusammen mit Lehrern, Rektoren – und möglichst auch ein paar Schülern, die die Kreuzberger Schulen von innen her kennengelernt haben.

Gesprächsverweigerung und einseitige Vorwürfe bringen uns nicht weiter. Hepimiz insaniz!

Kreuzberger Fluchtbewegung

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Juni 212008
 

kberg_schule21062008044.jpg Die amtliche Ablehnung unseres Wunsches, unser Sohn möge auf der uns bekannten, in nächster Nähe gelegenen Grundschule aufgenommen werden, erreichte uns am 13. Juni 2008. Was sollen wir tun? Die Schule, auf die er gehen soll, liegt in einem türkisch-arabischen Sozialghetto, das wir von einigen Spielplatzbesuchen kennen. Es sind alles nette Kinder, die auch einigermaßen Deutsch sprechen können. Ich mag sie! Die Wohnblocks sind übersät mit Satellitenschüsseln. In einem Innenhof gibt es ein gescheitertes Ökoprojekt zur natürlichen Reinigung von Abwasser. Was sollen wir tun? Wegziehen, doch noch schnell eine andere Schule suchen, Widerspruch einlegen? Oder sollen wir uns bereiterklären, etwas zur besseren Durchmischung der Sozialmilieus zu tun, und unseren Sohn einer Schulpopulation mit über 40% Türken, 30% Libanesen und ein paar anderen Nationalitäten, darunter weniger als 10% mit Deutsch als Muttersprache,“zur Verfügung stellen“?
Doch so wie uns gibt es Hunderte! Beim Einkaufen am Samstag abend entdecke ich im Bioladen an der Ecke ein lustiges Plakat: „Sind Kreuzbergs Schulen noch zu retten?“ Beredt wird Klage geführt über Behördenwillkür und Elternfrust. „Es hagelt Ablehnungen von den wenigen Wunschschulen.“ Kreuzbergs Bürgermeister habe sein Kind auf eine freie Schule in einen anderen Bezirk geschickt, nur 5 von 12 Bezirksschulräten in Berlin hätten überhaupt eigene Kinder, keiner davon würde seine Kinder an eine Kreuzberger Schule schicken. Es gebe keine Elternwahl der Schule, die Familien würden auf unerträgliche Weise bevormundet, einem ideologischen Projekt würden die Kinder aus „bildungsinteressierten“, lernfördernden Familien geopfert usw. Schuleinzugsbereiche würden auf willkürliche Weise ohne Rücksicht auf gewachsene Sozialstrukturen und Nachbarschaften gezogen.
Als mögliche Auswege werden vorgeschlagen: aus dem Bezirk wegziehen, eine Scheinummeldung vornehmen, rasch doch noch eine freie Schule gründen, sowie Proteste einlegen gegen eine überforderte (oder unfähige?) Schulverwaltung.

kberg_schule_21062008043.jpg

Eine Versammlung wird hierzu stattfinden am 26. Juni 2008, 20 Uhr, in der Passionskirche am Marheinekeplatz. Ich würde da gerne hingehen! „Politiker und andere Ideologen“ sind dort laut dem Aufruf ausdrücklich unerwünscht. Letzteres halte ich für falsch! Wenn man den zuständigen Behörden und Politikerinnen derartig massiv Unfähigkeit und ideologische Verbohrtheit unterstellt, wie es die Autoren des Plakates tun, dann muss man den Angesprochenen auch die Möglichkeit geben sich zu rechtfertigen. Man sollte die Bezirksschulrätin Monika Herrmann einladen – ich werde dies selbst tun und nehme dafür gerne den geballten Unmut der Eltern auf mich!

Man sollte gemeinsam fragen: „Wie kann man die unhaltbare Situation noch retten? Was können wir gemeinsam tun?“ Ohne die Behörden, ohne die zuständige Bezirksstadträtin wird es kaum gehen.

Nach meinen Eindrücken sind die Frauen und Männer in der Bezirksschulverwaltung bemüht, die Lage nach Kräften zu bewältigen. Dass die Kreuzberger Bezirkspolitiker keine eigenen Kinder in Kreuzberger Schulen schicken, ist ihnen nicht zum Vorwurf zu machen. Alle Eltern suchen doch stets das Beste für den eigenen Nachwuchs! Nur wenige lieben die multikulturelle Welt so sehr, dass sie der Welt ihren eigenen Sohn opfern. Sollen die Kreuzberger Schulleiter denn die deutschen Kinder züchten?

Die Kreuzberger Lehrerinnen und Lehrer leisten aber nach allem, was ich höre, sehr engagiert und mit großem Geschick ihren Beitrag zum Heranwachsen einer neuen, multikulturell geprägten Gesellschaft, fühlen sich aber wohl oft alleingelassen; sie brauchen mehr konstruktive Mitarbeit von den Eltern, der Schulverwaltung und der Politik. Und wir wissen: Bereits jetzt stammt jedes zweite Kind unter drei in Berlin aus einem „Migrationshintergrund“ (z.B. auch mein zweiter Sohn), im Jahr 2020 werden in deutschen Großstädten zwei Drittel aller Kinder einen „Migrationshintergund“ haben, d.h. mindestens eines der Eltern wird Deutsch nicht als Muttersprache haben. Das ist ein Fakt. Wir haben in Kreuzberg die großartige Chance, hierfür brauchbare, überzeugende Modelle für den Rest des Landes mitzuentwickeln! So wie bisher kann es nicht weitergehen, das ist klar, die Politik konnte bisher kein gutes Modell entwickeln, um Eltern und Kinder aus allen Nationen auf den gemeinsamen Weg mitzunehmen. Müssen wir Eltern also die Politik mitnehmen? Wachrütteln? Erlösen?

Es geht aber doch! Wir haben erst kürzlich einen herrlichen Kindergeburtstag bei uns zuhause mit mehrheitlich türkischen Kindern, einem polnischen Kind, einem deutschen Kind und einem deutsch-russischen Kind gefeiert und dabei Lieder in diesen Sprachen gesungen!

Reinen Wein eingeschenkt hat uns das Schulamt allerdings nicht. Man hat uns viel zu lange hingehalten, so dass wir kaum mehr zeitgerecht reagieren können. Das war nicht OK.

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Juni 102008
 

Banges Warten herrscht in unserer Familie auf den Bescheid des Schulamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Wohin geht unser Sohn ab nächstem Jahr zur Grundschule? Der Bescheid ist immer noch nicht da, mehrfache Zusagen des Schulamtes sind nicht eingehalten worden. Bereits im Oktober 2007 hatten wir fristgemäß unseren Antrag auf Einschulung bei der örtlich näher gelegenen, uns bestens bekannten und empfohlenen Grundschule, der Kreuzberger Adolf-Glaßbrenner-Grundschule, eingereicht. Dieses Blog berichtete im Oktober und am 1. Dezember 2007. Administrativ liegen wir im Einzugsbereich der viel weiter entfernt gelegenen Kreuzberger Fanny-Hensel-Grundschule. „Sie bekommen Anfang Mai 2008 Ihren Bescheid, warten Sie’s einfach ab. Fast alle Wünsche auf Einschulung in einer anderen Grundschule können befriedigt werden.“ So hörten wir’s damals landauf landab, unisono von Amtsmitarbeiterinnen, Schulleiterinnen und zuständigen Stellen. Aber die letzten Auskünfte, die ich telefonisch einhole, lauten ganz anders: „Es sieht schlecht aus. Wir sind voll. Ohne Geschwisterkind werden Sie bei Ihrer Wunschschule nicht reinkommen.“ Das Friedrichshain-Kreuzberger Schulamt ist offensichtlich überflutet und überfordert, kommt mit Anträgen und Fristen nicht zurecht. Wo bleibt bloß der Bescheid, der schon vor 6 Wochen hätte eintreffen müssen? Wird unser Sohn jetzt in eine Schule gehen, an der nach eigener Auskunft 41% der Kinder die Türkei, 32 % den Libanon und 6% Polen als „Herkunftsland“ angeben? Müssen wir umziehen? Soll unser Sohn die deutsche Schule in Moskau besuchen? Man lese doch im auskunftsfreudigen Schulprogramm der Fanny-Hensel-Schule nach! Kann unser Sohn gut genug Türkisch, Arabisch und Polnisch, um auf dieser Schule mithalten zu können? Wird er mit Deutsch und Russisch als Muttersprachen nicht zum Außenseiter abgestempelt werden? Zweifel und Ängste sind angebracht.

Interessant hingegen ist die ethnologische Perspektive: Der Tagesspiegel bringt heute auf S. 16 einen weiteren Hintergrundbericht zu Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschland und den Herkunftsländern unseres multikulturellen Umfeldes: Fatma Bläser vom Verein Hennamond berichtet an verschiedenen Berliner Grundschulen, wie sie in der Türkei zwangsverheiratet wurde, dann aber trotz einer Reihe von Morddrohungen den Ausstieg schaffte:

14 500 Schüler, 137 Schulen – Fatma Bläser findet Gehör

Die Ausreise nach Deutschland in den 70er Jahren empfand Fatma zunächst als Befreiung, doch bald fing der Vater an, sie wegen Nichtigkeiten zu schlagen und zu Hause festzuhalten. Als sie die Schule beendet hatte, wurde sie in der Türkei zwangsverheiratet: Zurück in Deutschland weigerte sie sich, ihren Ehemann anzuerkennen. Stadttdessen heiratete sie einen Deutschen. Es kam zum Bruch mit der Familie, ein Mordkommando wurde auf sie angesetzt. Als es aufflog, sollten ihre Brüder sie töten. Zwei weigerten sich, einer kam mit einer Pistole zu ihr, ließ sich aber von seinem Vorsatz abbringen. Erst nach zehn Jahren kam es zu einer Aussöhnung mit ihren Eltern.

Zwangsverheiratungen scheinen auch in Berlin ein häufiges Phänomen zu sein. Schön, wenn man bereits an der Grundschule in diese Unterrichtsgegenstände eingeführt wird. Unser Sohn wird somit eine exzellente Grundausbildung im Bereich interkultureller Verständigung erfahren. Übrigens: Wir werden ihn nicht zwangsverheiraten. Er wird selbst entscheiden.

Über die Grundschule, die unsere Kinder besuchen, dürfen wir ja leider in Berlin nicht selbst entscheiden.

Schulamt Friedrichshain-Kreuzberg: Wir warten. Wie können wir euch helfen?

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„Habt ihr denn schon eine Schule für Wanja?“

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Dez. 192007
 

So fragen gleichlautend ein Leser aus Barcelona und eine Leserin aus Prenzlauer Berg. Ich darf antworten: Ja, wir haben Wanja ordnungsgemäß bei der für uns zuständigen Grundschule, nämlich der Fanny-Hensel-Schule, angemeldet. Gleichzeitig reichten wir dort einen Antrag auf die Einschulung in der Adolf-Glassbrenner-Schule ein. Wir hatten diese Schule am Tag der offenen Tür besichtigt (dieses Blog berichtete am 25.10.2007), Wanjas Bruder Tassilo hat sie ebenfalls besucht und ein gutes Zeugnis abgelegt, und sie liegt sehr viel näher an unserer Wohnung als die Fanny-Hensel-Schule, die eigentlich für ein Kind, das zu Fuß geht, schon zu weit weg liegt.

Dem jahrgangsübergreifenden Unterricht kann man jedoch hier an den Berliner Grundschulen nicht entgehen. Er erinnert mich an den jahrgangsübergreifenden Unterricht an den Dorfschulen, von dem die Urgroßväter erzählten (“ … und es ist doch noch was G’scheites aus uns ‚worden!“). Für Menschen, die aus einem stärker leistungsfördernden Schulwesen kommen, ist dies ein Schauspiel, bei dem man erst einmal die Luft anhält. Wird unser Wanja hier drei Jahre lang das Alphabet lernen bzw. es im Sinne besserer Sozialkompetenz anderen beibringen – das er jetzt schon ohne einen einzigen Tag Grundschule kann, und zwar in kyrillischen und in lateinischen Buchstaben?

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Es geht doch: Deutsche Viertklässler sind beim Lesen in der Spitzengruppe

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Nov. 292007
 

Die gestern vorgestellte neue IGLU-Studie meldet Erfreuliches. Deutsche Viertklässler liegen nunmehr klar in der Spitzengruppe bei den Lesefertigkeiten. Der Abstand zwischen Jungen und Mädchen hat sich verringert. Wir Jungs sind gar nicht so unbegabt. Ganz vorne liegt – Russland. Also hat meine russische Frau irgendwo doch recht, wenn sie fragt: Wann fangt ihr in Deutschland mit dem Lernen an? Immerhin: Die deutsche Einheitsschule – also der gemeinsame Unterricht für alle Kinder in den Jahrgangsstufen 1 bis 4 – steht mittlerweile im internationalen Vergleich sehr gut da – erstklassige Arbeit, die unsere Grundschullehrer leisten! Sorge bereitet nach wie vor das soziale Ungleichgewicht bei den weiterführenden Schulen. Sobald die Aufspaltung in Hauptschule, Realschule, Gymnasium erfolgt, werden sozial bedingte Ungleichgewichte zementiert, Potenziale der Kinder aus den unteren Einkommensschichten bleiben ungenutzt. Hier können Sie das IGLU-Projekt nachlesen! Lesen Sie auch meinen Antrag zum kommenden Bezirksparteitag der CDU in Friedrichshain-Kreuzberg:

„Die Gruppe der Schüler, die besonders wenig lernen oder die Schule ohne Abschluss verlassen, ist in Friedrichshain-Kreuzberg viel zu groß. Der Schulerfolg hängt in Friedrichshain-Kreuzberg noch stärker von der sozialen und ethnischen Herkunft ab als in anderen Bezirken. Das nehmen wir Christdemokraten in Friedrichshain-Kreuzberg nicht hin, sondern arbeiten daran, möglichst alle Schülerinnen und Schüler zur höchsten ihnen möglichen Leistung zu führen. Dabei setzen wir vom ersten Schultag an neben Ermutigung zum selbstständigen Lernen auch auf bewährte Tugenden wie Fleiß, Pflichtbewusstsein, Höflichkeit und Gehorsam.

Die CDU Friedrichshain-Kreuzberg stellt fest, dass das derzeit vom Senat betriebene Projekt der Gemeinschaftsschule bereits in der jetzigen Pilotphase sowohl von den Schulen selbst wie auch von Eltern und Schülern mehrheitlich abgelehnt wird. Nicht hinreichend bedachte Experimente wie die Gemeinschaftsschule, die von den Beteiligten nicht angenommen werden, bedeuten hinausgeworfenes Geld, das anderswo sinnvoller eingesetzt werden könnte.

Derzeit gilt nämlich unverändert, dass die übergroße Mehrheit aller Berliner Eltern und Schüler die Oberschule bzw. das Gymnasium anstrebt, weil die beiden anderen Schulformen, besonders die Hauptschule, durch eine jahrzehntelange verfehlte Bildungs- und Integrationspolitik ihr Ansehen eingebüsst haben.

Ob das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Oberschule/Gymnasium in Berlin noch zu retten ist, wird sich erst am Ende eines ideologiefreien Diskussionsprozesses zeigen. Wir befürworten eine gründliche Debatte über die Zukunft des Berliner Schulwesens ohne vorschnelle Festlegungen.“

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Nov. 262007
 

Wichtige neuere Bildungsstudien scheinen zu belegen, dass kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen der äußeren Organisation des Schulwesens und dem Lernerfolg besteht. Es kommt offenbar nicht so sehr darauf an, ob die Schüler in einer Einheitsschule oder einem gegliederten Schulwesen unterrichtet werden. Sowohl die TIMS-Studie 1997 als auch die Iglu-Studie 2001 und die Pisa-Studie 2003 lassen keine Rückschlüsse darauf zu, welches Schulsystem – das gegliederte oder das Einheitsmodell – grundsätzlich besser ist. Allerdings haben deutsche Schüler in den Vergleichsstudien stets nur im Mittelfeld abgeschnitten. Viel wichtiger als Schulformen sind offenbar Unterrichtsformen. Verschiedene Forscher kritisieren im Tagesspiegel von heute, 26.11.2007, S. 29, die Erkenntnisse der vergleichenden Bildungsforschung seien zwar auch in Deutschland zur Kenntnis genommen worden, doch hapere es an der praktischen Umsetzung, an Geld für Fortbildung, konkreten Plänen und Nachschulungen des lehrenden Personals. Das ständige Analysieren und Messen sei nur ein erster Schritt, aber: „Vom Wiegen wird die Sau nicht fett!“

Wir brauchen also nach Meinung dieser Experten besseren Unterricht, nicht notwendigerweise neue Schulformen.

Ich meine sogar: Ohne Fleiß kein Preis. Man sollte nicht immer alles den Lehrern anlasten. Sie tun viel Gutes, aber zum Lernen gehören auch Schüler – und Eltern.

 Posted by at 22:52
Okt. 252007
 

glasbrenner.jpg
Am heutigen Schnuppertag öffnete die Adolf-Glaßbrenner-Schule ihre Tore weit. Alle Eltern und Kinder, die im nächsten Jahr schulpflichtig sind, werden herzlich willkommen geheißen. Wir führen ungezwungene Gespräche mit der Sekretärin, der Religionspädagogin, zwei Lehrerinnen und der Schulleiterin. Vor allem aber dürfen wir den Unterricht besuchen und lauschen. Die Jahrgänge 1 und 2 werden zusammen unterrichtet. Dies wird verpflichtend für ganz Berlin vorgeschrieben. Es erinnert mich an die Zwergschulen der 50er Jahre mit ihren jahrgangsgemischten Klassen, die dann gegen heftigen Widerstand der konfessionell gebundenen Eltern abgeschafft wurden. Die Kinder machen alle eifrig mit, obwohl die Steuerung des Lerngeschehens den Lehrern sicherlich mehr abverlangt als bei herkömmlichen Jahrgangsklassen. Ich bin recht begeistert und sage dies zu der neben mir sitzenden Mutter. – Am Ende unseres Besuches trage ich einen Streit mit meiner Frau Ira über das deutsche Schulwesen aus. Sie ist der Meinung, dass es den Kindern in Deutschland viel zu leicht gemacht wird, dass Talente vergeudet werden und keine Leistung gefordert wird, ganz im Gegensatz zu Russland. Alles sei immer zum Vergnügen da, man habe Angst, die Kinder zu beanspruchen. – Ich spreche noch einmal mit einer Lehrerin. Sie meint, gerade Hochbegabungen und auch besonders schwache Begabungen könnten mit dem neuen System des binnendifferenzierten Unterrichtens besonders gut gefördert werden. Ich habe jedenfalls einen sehr guten Eindruck von dieser Schule. Sie steht jetzt oben auf der Liste. Auch mein erster Sohn Tassilo hat diese Schule besucht.

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Richtige Grundschule für unser Kind (2)

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Okt. 102007
 

Die Clara-Grunwald-Grundschule hatte gestern „offene Tür“ angekündigt. Ich nutze die Mittagspause, um der Schule, die auf unserer „Auswahlliste“ steht, einen Besuch abzustatten. Es ist halb eins. Schülerinnen und Schüler strömen mir entgegen. Ein etwa 50-jähriger Mann in Jeans und Turnschuhen verlässt das Gebäude – ohne Kind. Das muss ein Lehrer sein, denke ich.

Ich kenne die Kinder dieser Schule von meinen Aufenthalten auf dem benachbarten öffentlichen Spielplatz, wo unser Wanja oft mit Wonne herumturnt. In der großen Vormittags-Pause heißt es immer: Manege frei!, und die Kinder stürmen aus dem Schulhof und ergreifen Besitz von den wippenden Hängebrücken, den Pfahlbauten auf dem öffentlichen Spielplatz. „In der Pause gehört der Spielplatz uns!“ wurde ich einmal durch eine Schülerin belehrt. Das klang wie ein Platzverweis. „Dürfen wir bleiben?“ fragte ich unterwürfig bei einer Lehrerin an. Ich verstand die Antwort so: Wir – also ein vierjähriges Kind mit seinem Vater, sind selbstverständlich geduldet. Dem Wanja ist nichts passiert, die wesentlich älteren Kinder scheinen meist Rücksicht zu nehmen.

Ich klopfe im Sekretariat an. Die Sekretärin sagt mir: „Der Tag der offenen Tür – war!“ Na prima, ich habe vergessen, dass der Tag in den meisten Schulen zur Mittagszeit zu Ende ist. Dabei wäre es für mich interessant gewesen zu sehen: Was machen die Kinder nach Schulschluss, wenn beide Eltern arbeiten? Gibt es ein Mittagessen? Was essen die Kinder? In welcher Stimmung sind sie nach einem Schulvormittag? Was letzteres angeht, so sind meine Eindrücke klar: Alle Kinder, die mir entgegenwuseln, wirken fröhlich, neugierig, nicht im mindsten müde, einige scheinen vor Unternehmungslust zu bersten. Keines schlendert abgespannt oder mit hängendem Kopf, die meisten sind in Gespräche einbezogen.

Ich erhalte von der sehr freundlichen Mitarbeiterin im Sekretariat einen Informationsbogen und einen Hinweis auf den nächsten „Vormittag der offenen Tür“, am 12. November 2007. Es gibt Hospitationsmöglichkeiten in den 1/2/3-Klassen. Das merke ich mir vor. Diese Schule arbeitet nach dem Prinzip der Altersmischung, also in Klassenverbänden mit ca. 24 Kindern der Klassenstufen 1-3 oder 4-6. Die Arbeit findet auf der Grundlage der Montessori-Pädagogik statt. Ich bin neugierig geworden!

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Okt. 012007
 

Nächstes Jahr kommt unser Sohn Wanja in die Grundschule. Mühsam suchen wir Informationen zusammen. Die drei nächstgelegenen Grundschulen in Kreuzberg wissen noch nicht verbindlich, zu welchem Einzugsbereich wir gehören. Drei Schulen geben mir drei unterschiedliche Auskünfte! Die größte Wahrscheinlichkeit hat jedoch die Fanny-Hensel-Grundschule für sich. Das würde bedeuten, dass unser Wanja ab nächstem Schuljahr eben diese Schule besucht, sofern wir nicht einen Antrag auf Einschulung in einer anderen Anstalt stellen und dieser vom Amt genehmigt wird. Diese Schule hat die beste Website unter den von mir eingesehenen Grundschul-Websites! Im letzten Schuljahr hatten die Schüler der Fanny-Hensel-Grundschule folgende Herkunftsländer: Türkei 41%, Libanon 32%, Deutschland 12%, Polen 6%, sonstige 9%. Gut auch, dass im Schulprogramm Probleme wie Arbeitslosigkeit, Spracharmut, gesüßte Getränke, hoher Weißmehlanteil im „sichtbaren Bereich der Ernährung“ direkt benannt werden. Diese Schule pflegt eine offene Sprache, sehr gut! Werden wir die im Schulprogramm angebotenen Chancen zum interkulturellen Zusammenleben, zur Sicherheit und Gewaltfreiheit freudig ergreifen? Es gibt Zweifel. Wir werden es besprechen. Die Würfel sind noch nicht gefallen. Fand dann noch eine sehr gute Web-Site, und zwar vom Landeselternausschuss Berlin. Bestes Angebot, beste Informationen, obwohl ehrenamtlich gemacht!

 Posted by at 13:13