Juni 062012
 

Der Mord an Semanur ist ein überaus grausames Verbrechen, das uns alle bestürzt und traurig zurücklässt. Unser Mitgefühl gilt der getöteten Frau, den Überlebenden, aber auch den dort lebenden Menschen. Was geschieht mit den Kindern in dem Haus? Wir – meine Familie und ich – kennen einige von ihnen, haben uns in der Vergangenheit ihrer angenommen, so gut es die Familien zuließen.

Ich kenne die sozialen Verhältnisse dieses Kiezes einigermaßen, da ich zu diesem Schuleinzugsbereich gehöre und unseren Sohn 18 Monate lang in die zugehörige Grundschule (Fanny-Hensel-Schule) geschickt habe. In dieser Zeit war ich auch stellvertretender Sprecher der Gesamtelternvertretung der Schule und lernte somit zahlreiche Familien kennen, übrigens auch solche aus dem Haus, in dem nun dieser Mord geschah.

So unfasslich und niederschmetternd dieser Mord auch ist, die sozialen Umstände, die eine solche Tat ursächlich begünstigen könnten, scheinen mir keinesfalls isoliert dazustehen. Diese Umstände sind immer wieder anzutreffen, sie treffen offenbar auch auf Orhan S. zu, der mir allerdings persönlich nicht bekannt ist, der aber – sofern Presseberichte zutreffen – geradezu ein Lehrbuchbeispiel für einen typischen Berliner Migrationsverlauf darstellt, und sie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

 

1)    Gezielte Ketteneinwanderung von zusammenhängenden Verwandtschaften von Türken und Kurden, teils türkischer, teils kurdischer, teils arabischer Sprache aus wirtschaftlich schwachen Gebieten der Türkei und des Libanon nach Berlin, insbesondere um die Jahre 1990/91.

 

2)    Später Nachzug von Bräuten ohne deutsche Sprachkenntnisse aus den türkischen und libanesischen Herkunftsgebieten, zu denen weiterhin Kontakt besteht. Nicht wenige Frauen werden von den Männern in den Wohnungen eingesperrt und dürfen zum Beispiel die Schule der Kinder nur mit Erlaubnis und unter Aufsicht des Ehemanns betreten. Deutsch sollen diese von ihren Männern unterdrückten Frauen nicht lernen. Sobald sie aufbegehren, gibt es Ärger.

 

3)    Der türkische Staat förderte und fördert offenkundig die Auswanderung dieser seiner Problemgruppen nach Libanon und Deutschland, entledigt er sich doch so vieler Tausender Menschen, die als nicht oder nur schwer integrierbar gelten. Über gezielte Abschöpfung der Sozialleistungen, häufig auch in Täuschungsabsicht, erfolgt andererseits ein gewisser erwünschter Rückfluss von Geld in die Türkei. Eine Absicht, sich über Arbeit und Leistung in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, konnte ich bei vielen Menschen nicht erkennen.

 

4)    Gezielte Unterbringung der weitverzweigt zusammenhängenden Gruppen in einigen Straßenzügen und Quartieren von Neukölln und Kreuzberg-West (darunter bei uns in Kreuzberg-West vor allem die IBA-Projekte am Westhafen, im Fanny-Hensel-Kiez).

 

5)    Die Familien leben seit vielen Jahren überwiegend oder ausschließlich von staatlichem Geld und informellen und illegalen Tätigkeiten. Das gut ausgestattete deutsche Sozialsystem begünstigt im Verein mit den Kindergeldzahlungen an die oft sehr kinderreichen Familien die Entstehung solcher geschlossener, wirtschaftlich durch den Staat gut abgesicherter Milieus, die sich nach außen abschotten. Ich konnte in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit meist keinerlei Bereitschaft erkennen, sich nach außen zu öffnen. Ich hatte meist das peinigende Gefühl, als deutscher Vater das isolierte migrantische Ghetto der Eltern zu stören, während die Kinder durchaus aufgeschlossen waren.

 

6)    Nicht wenige arabische, kurdische und türkische Männer pflegen Mehrfach-Ehen mit mehreren Frauen teils in Deutschland, teils auch länderübergreifend, und nutzen die so errungene ökonomische Macht. Die Frauen leben mit ihren Kindern von Sozialhilfe, die Väter gehen ihrer Wege und überlassen den Frauen die Kindererziehung. Das haben mir Frauen berichtet. Schläge und Drohungen gegen nicht wenige Frauen („Dich bring ich noch mal um!“) gehören zum Alltag. Meistens sind sie nicht ernst gemeint, sondern gehören zur uralten Fluch-, Droh- und Schimpfkultur, die mitunter entlastende Ventil-Wirkung hat. Dies erklärt auch, weshalb die Nachbarn Semanurs trotz der Drohungen nicht eingeschritten sind. Da ohnehin viel gedroht und geflucht wird, weiß man nicht genau, wann es ernst wird.

 

7)    Etwas Ordentliches gelernt haben die meisten Männer aus diesen Bevölkerungsgruppen nicht. Sie hangeln sich von „Job“ zu „Job“, leben auf Staatskosten. Die Kriminalität ist hoch, besonders unter den Männern und den männlichen Jugendlichen. Viele Männer manövrieren sich in eine unhaltbare Situation: Schulden, Sucht, Sozialhilfe, Kriminalität, Doppelleben, psychische Störungen. Wenn dann irgendwann alles „sich zu verschwören scheint“, auch die eigene Ehefrau, dann brennen die Sicherungen durch. Dies könnte – ich sage: könnte – zu dem Mord geführt haben.

8 )    Der Mörder soll gerufen haben: „Allahu akbar!“ Deutung: Eine missbräuchlich-aggressive, antiwestliche Variante des Islams ist in Kreuzberg auf dem Vormarsch, die auch bereits an die Kinder weitergegeben wird. „Ih — Schweinefleisch“, ein Ruf, den ich selbst oft gehört habe, ist noch eine der milderen Ausprägungen, gezielte Gewalt gegen die wenigen nichtmuslimischen Schüler, ausgeübt von Jungen, aber auch von Mädchen, wurde mir ebenfalls glaubhaft aus unterschiedlichen Quellen berichtet. „Ich werde nur verprügelt, weil ich Christ bin“, war im Gang der Schule zu hören.

 

Was ist zu tun?

 

1)    Klare Analyse der sozialen Verhältnisse! Man muss die Dinge benennen, wie sie sind, muss erkennen, dass das Bundesland Berlin jahrzehntelang über das verschwenderische Sozialsystem und Misswirtschaft in der eigenen Verwaltung ein sehr robustes, nach außen fast hermetisch abgeschottetes, ökonomisch sehr üppig ausgestattetes Sondermilieu hat heranwachsen lassen, das sich aus sich selbst heraus kaum auflösen, sondern die Staatsausbeutung fortsetzen wird.

 

2)    Gutwillige Kräfte der Zivilgesellschaft einbinden und stärken – etwa die Neuköllner Männer-Initiative Kazim Erdogans, den Verein Morus 14, die Stadtmission in der Bernburger Straße mit ihrem Projekt Velofit.

 

3)    Finanztransaktionen offenlegen, den weit verbreiteten Sozialbetrug konsequent aufdecken und bekämpfen.

 

4)    Identifikation mit Deutschland fordern und fördern – etwa im Sinne der Neuen Deutschen eines Badr Mohammed. Deutsche Sprache als Mittel der Integration nutzen.

 

5)    Jeder Mensch, ob Verbrecher oder nicht, Ausländer oder nicht, religiöser oder nicht, soll sich angenommen und ernstgenommen fühlen. Deshalb das Gebot der jüdisch-christlich-muslimischen Nächstenliebe unermüdlich vorleben und predigen.

 

6)    Persönliche Vorbilder setzen und herausstellen! „Ich möchte ein Vorbild sein!“ (Sozialsenatorin Dilek Kolat, Klasse!).- Die Begegnung mit persönlichen Vorbildern – sowohl Männern wie auch Frauen – ist unersetzlich.

 

7)    Schulpolitik: PFLICHTEN viel mehr in den Herzen und Köpfen verankern. Die Kinder müssen erfahren:  „Ich habe Pflichten hier in Deutschland, die ich erfüllen muss. Pflichten gegen mich selbst, gegen meine Nächsten, Pflichten gegenüber der Gesellschaft und dem Staat. Nicht lügen. Nicht betrügen.“

    

     Die ganze Berliner Schuldebatte kreist endlos um Rechte und ANSPRÜCHE der Bürger an den Staat, die das Bundesland Berlin nie und nimmer wird erfüllen können, was wiederum die Bürger ermuntert zu sagen: „31 Schüler in einer Klasse – UNERHÖRT! Ja, wenn der Staat uns so wenig Geld gibt, kann ich auch nichts machen“  – ein verheerender Teufelskreis!

 

8 )    Polizei und Justiz in der Repression der Kriminalität unterstützen.

 

9)    Über den Bund: Sozialsystem so fit machen, dass es auch noch in 10 Jahren finanzierbar bleibt. Mehr Betrugssperren einbauen.

10) Die Knaben und die jungen Männer müssen beizeiten erzogen und notfalls auch gezwungen werden, etwas Ordentliches zu erlernen, damit sie später  ihre Familien selbst ernähren können. Jede Aussicht auf Sozialhilfe muss ihnen genommen werden.

 

Möge der abscheuliche Mord ein Anlass für uns alle in Kreuzberg und in Berlin sein, näher zusammenzurücken, einander beizustehen, Mitgefühl und Mit-Trauern walten zu lassen und in Tat und Wort dafür zu arbeiten, dass so etwas Schreckliches nicht wieder geschieht.

 Posted by at 22:17
Juni 062012
 

Ich nahm gestern an der Gedenkveranstaltung für die ermordete Semanur S. teil und betrat erstmals seit Monaten wieder diesen Hof. Ich musste beim Betrachten des Fotos schmerzhaft entdecken, dass wir Semanur sowie auch zwei ihrer Kinder kannten. Wir erinnern uns an eine warmherzige, fürsorgliche Mutter, die viel für ihre Kinder unternahm, nach außen keineswegs abgeschlossen und unterwürfig auftrat.

Die Reden und die Stimmung, aber ebenso auch die Inschriften und die Laibchen mit der Aufschrift „Erkekler şiddete karşı! – Männer gegen Gewalt“ deuteten neben aller Betroffenheit und Trauer in eine Richtung: „es hat sich seit langem angekündigt“, „es wäre zu verhindern gewesen“ – „viele andere Frauen hier in Berlin  sind ebenfalls mehr oder minder in dieser Lage – wir müssen uns zusammenschließen“.

Kazim Erdogan sprach zu Recht die gemeinsame Verantwortung jedes Menschen für sich und für sein Umfeld an. Von einer psychischen Störung des Täters war kein Wort zu hören, weder von seiten des Redners noch von sonst jemandem. Der Tenor war eher: Männergewalt darf nicht mehr so stark im Alltag verwurzelt sein! Die Männer sollen der brutalen Gewalt über die Frauen, die sie mit Schlägen und Messern, mit Flüchen und Drohungen ausüben, abschwören.

 Posted by at 20:57
Juni 042012
 

Direkt in meiner Nachbarschaft reißt der Wahnsinn viele Kinder und Erwachsene in den Abgrund. Ein Ehemann ermordet seine Frau, zerstückelt die Leiche und wirft sie vom Dach des Hauses in den Hof. Ich kenne einige Familien aus der Siedlung, halte mich immer wieder mal dort auf und plaudere. Die Kinder wirken alle sehr aufgeweckt. Gewalt und Schläge der Männer sind selbstverständlicher Teil des Alltags für viele Kinder und Frauen im Viertel. Sozialarbeiter sind hier seit langem überfordert. Der Staat schaut weg, teilweise haben die meisten Politiker noch nicht einmal im Ansatz begriffen, wie die Zusammenhänge sind. Der Tagesspiegel, der direkt daneben residiert, berichtet nichts über seine Nachbarschaft, ebensowenig wie die andere gutbürgerliche Presse.  18 Monate lange hat einer meiner Söhne die Grundschule in diesem Kiez besucht. Dann meinten wir dies nicht mehr verantworten zu können. Die schöne Architektur aus den IBA-Zeiten erinnert an die würfelförmigen Kasbahs im Maghreb.

Gute Initiative – zu der nicht nur türkische Männer, sondern auch kurdische, deutsche, arabische, palästinensische und überhaupt Männer kommen sollten! Lies:

Kundgebung „Türkische Männer protestieren gegen Gewalt und Barbarei“


Nach dem barbarischen Mord eines Türkei stämmigen Mannes an seiner Ehefrau in der Nacht zum 04.06.2012 in Berlin-Kreuzberg ruft die Türkische Vätergruppe  des Vereins Aufbruch Neukölln zu einer Kundgebung unter dem Motto „Türkische Männer protestieren gegen Gewalt und Barbarei“ auf.

Redner: Kazim Erdogan

Ort: Köthener Str. 37, 10963 Berlin (Tatort)
Datum: 05.06.2012
Uhrzeit: 19.00 Uhr

Auf der Kundgebung werden T-Shirts mit der Aufschrift „Männer gegen Gewalt“ verteilt.

 Posted by at 22:31
März 162012
 

„Überall, wo wir hinkommen, bringen wir nur Freundschaft, Liebe und Frieden!“ Möge die Verleihung des Toleranzpreises an den türkischen Ministerpräsidenten genau diesen Geist des Friedens, der Versöhnung zwischen Türken und Griechen und Kurden und Armeniern und Franzosen und Deutschen befördern. Es ist möglich!

Türkei – Massenproteste wegen Toleranzpreis für Erdogan – Politik – Berliner Morgenpost – Berlin

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März 152012
 

Sollten wir uns alle gemeinsam Fetih 1453 anschauen, das monumentale Epos über über die Eroberung des christlich-griechischen Konstantinopel im Jahr 1453? Ich sage: ja, unbedingt! Wir müssen den unbändigen Nationalstolz der Türkei begreifen lernen, müssen verstehen, warum 1453 sie weiterhin mit Freude und Stolz erfüllt! Die Botschaft ist: „Seht her, wir Türken haben Konstantinopel befreit, von der Sittenlosigkeit und Verderbnis des Westens, der Lateiner erlöst!“

Fetih oder Fatih ist heute noch ein beliebter türkischer Vorname, man denkt dabei an den ruhmreichen Sultan Mehmed II., den Eroberer, der 1453 Konstantinopel, das zweite Rom, für die Osmanen eroberte. Unter den mächtigen Schlägen der Konstantinopel-Kanone, die im Stundentakt Kugeln von 550-600 kg auf die Stadtmauer feuerte, brach innerhalb von 2 Monaten der Widerstand der griechisch-christlichen Bewohner zusammen.

Westliche Historiker versuchen selbstverständlich dem Film am Zeug zu kritteln, weisen ihm jede Menge Fälschungen nach. Dem mag ja so sein, dass der Film die historische Realität zugunsten der Türken schönredet.

Ehe man sich aber über Geschichtsfälschungen aufregt, bitte nicht vergessen: Islam heißt Unterwerfung, Ergebung! Das griechisch-christliche Konstantinopel hätte sich doch nur den Türken freiwillig zu ergeben und geschlossen zum Islam überzutreten brauchen, dann wäre der christlichen Stadt die grausame Eroberung mit Waffengewalt erspart geblieben. Schon damals galt: Wer die Waffen streckt und sich unterwirft, rasch die neuen Herren anerkennt und zum Islam übertritt, darf an allen weiteren Eroberungen teilhaben. So erklärt sich der beispiellose Siegeszug des Islam bis weit nach Mitteleuropa und bis vor die Tore Wiens, das sie 1529 und 1683 ebenfalls aus den Klauen der christlich-abendländischen  Herrschaft zu befreien versuchten.

Die Deutschen ergehen sich seit Jahren in ihren rituellen Bußübungen, sie schelten heute den bösen Martin Luther für all das, was er wenige Jahrzehnte später über die Türken vom Stapel gelassen hat. Dass Türken schlicht und ergreifend stolz auf die Eroberung und Unterwerfung dieser zentralen Stadt des untergehenden römischen Reiches sein könnten, widerstrebt sicher den heutigen Deutschen, die statt dessen lieber eine historische Mitschuld für die Vertreibung und den Massenmord an den Armeniern ab 1915 auf sich nehmen.

Um so lehrreicher ist das Betrachten des Films! 1453 hat tiefe Spuren in der westlichen Welt hinterlassen. Die Eroberung des restlichen Europa für den Islam stand unverrückbar auf der Agenda der Osmanen. Mit diesem Programm erreichten sie die Tore Wiens.

Die letzten Griechen verließen übrigens im Jahr 1955 nach den September-Pogromen die Stadt Istambul.

Dass die Türkei mit erneuerter Begeisterung das Datum 1453 feiert und rühmt, lässt tief blicken.

Die Einstellung zu diesem Film ist ein guter Gradmesser für alle, denen die türkisch-deutsche Freundschaft am Herzen liegt.

Man sollte den Film unbedingt anschauen, am besten in gemischten deutsch-türkischen Freundesgruppen! Es lebe die Freundschaft!

 

„Fetih 1453“ gegen „Türkisch für Anfänger“: Monument und Multikulti – Kultur – Tagesspiegel

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Feb. 252012
 

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Yaşamak bir ağaç gibi
tek ve hür ve bir orman gibi
kardeşçesine,
bu hasret bizim.

Gute, ergreifende Reden  von Gamze Kubasik, die obenstehende Zeilen Nazim Hikmets zitierte, von Ismail Yozgat, Semiya Simsek und Angela Merkel auf der Gedenkveranstaltung im Schauspielhaus! Wie der arme Kreuzberger Blogger erhofft hatte, standen die Menschen in ihren Gefühlen, in ihrer Verletztheit im Mittelpunkt. Mitempfinden, Mitleiden, Mitnachvollziehen durch Erzählen – genau das ist es. „Wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen.“ So sagte es die Bundeskanzlerin.

Aller Rednerinnen und Redner waren von diesem Geist der Menschlichkeit geprägt. Die güldene Sonne der Mitmenschlichkeit!

Alle Redner riefen uns alle gemeinsam dazu auf, diese güldene Sonne mehr walten zu lassen, uns mehr einzusetzen, und sie verpflichteten sich selbst an erster Stelle – statt anklagend auf andere zu zeigen.

Anrührend auch die Sprache der Gesten, die etwa Joachim Gauck zeigte. Semiya Simsek hatte die Erfahrung gemacht, dass der Staat ihren Vater nicht schützen konnte.  Und auch Gauck musste als Kind erfahren, dass der Vater verschwand – wenn auch nicht für immer, so doch für mehrere Jahre, weil der Staat ihn nicht schützen wollte.

Mir fielen dazu die Verse eines  deutschen Dichters ein:

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Bild: Die Säule des Erinnerns in Berlin-Lichterfelde

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Jan. 122012
 

Gepriesen sei der unerschöpfliche Vorrat türkischer Sprichwörter! Mit kaum jemand unterhalte ich mich so gern wie mit den Kreuzberger Türken — oder Türk-Innen, wie ich korrekterweise und hässlicherweise sagen müsste. Fast immer springt eine verbindende Einsicht in Form einer Volksweisheit heraus.

„Unter den Füßen der Mütter ist das Paradies!“ Das erfuhr ich gestern. DARÜBER kann man aber lange nachdenken. Und das ist ja auch der Sinn der Sprichwörter.

 Posted by at 12:26

Yumruk gibi resimler: Erdoğan Zümrütoğlu

 Europäische Galerie, Mutterschaft, Türkisches  Kommentare deaktiviert für Yumruk gibi resimler: Erdoğan Zümrütoğlu
Nov. 192011
 

Mit kraftvollem, fast gestoßenem, fast gehauenem Pinselstrich bannte uns heute der türkische Maler Erdogan Zümrütoglu in der Kreuzberger Galerie Tammen&Partner.

Bei trüb verhangenem Hochnebel schlug er uns die Fenster zu seiner plastisch quellenden Malweise auf. Seine Käfige sind nie geschlossen, der Blick bahnt sich den Weg ins Freie, die Malfläche wächst in die dritte Dimension hinein.

Ötekinin grameri – DIE müssen wir lernen!

Erdogan Zümrütoglu, MALEREI

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Nov. 102011
 

Kein leichtes Leben hatte die zweite Generation der Zuwandererkinder. Sie waren  von niemandem darauf vorbereitet worden, in Deutschland zu bleiben. Der türkische Staat schickte seine sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen gern dörferweise nach Deutschland: sollten die Deutschen sich doch um die Dörfler kümmern. Die zurücküberwiesenen Devisen waren hochwillkommen, stärkten die Außenhandelsbilanz. Niemals aber wollte und will die Türkei, dass die Auswanderer ihre Bande mit dem Türkentum verlieren oder gar ihr Türkentum mit einer neuen Heimat verschmelzen lassen! Im Gegenteil, in den letzten Jahren fördert der türkische Staat eine gezielte nachholende Türkisierung, arbeitet weiterhin am Zusammenhalt einer geschlossenen türkischen Volksgruppe.

Die einzelnen Kinder und Jugendlichen schweben kulturell häufig im Niemandsland. Zu richtigen Türken von echtem Schrot und Korn kann und will sie der deutsche Staat nicht ausbilden. Doch durch totale Türkisierung, durch massive Propaganda hat die türkische Republik über etwa 90 Jahre eine nahezu lückenlose Identifikation der Türken mit dem türkischen Boden und Blut erzeugt und erzeugt sie auch weiterhin. Einmal Türke – immer Türke! Ne mutlu Türküm diyene! Ich kann nur raten, die Türkei zu bereisen, ein paar Brocken Türkisch zu lernen und sich wachen Sinnes in diesem großartigen Land, dem uralten Mutterboden der europäischen Kultur umzusehen: Perser, Assyrer, Syrer, Griechen, Araber, Türken, Armenier, Kurden, Zaza und ein Dutzend mehr Völker – sie alle haben dort gesiedelt und ihre Kulturen zu erstaunlicher Blüte gebracht. Unter allen Kulturen haben die aus Zentralasien zugewanderten Türken schließlich die Oberhand erobert und gehalten.

Andererseits hat die Bundesrepublik Deutschland ein bunt gefächertes Programm umgesetzt, das die Identifikation mit Deutschland verhindert. So erzählen mir immer wieder Berliner Kinder und Jugendliche, sie hätten in vier Jahren Geschichtsunterricht fast ausschließlich die zwölf Jahre von 1933-1945 behandelt. Wenn nun aus den etwa 1000 Jahren, in denen man mit gewissem Recht von „deutscher Geschichte“ sprechen kann, immer nur 12 Jahre herausgegriffen werden, welches niederschmetternde Selbstbild muss dann in den Berliner Schülerinnen und Schülern entstehen? Nicht zufällig prangt die Inschrift „Deutschland verr…“ auf Dächern in Friedrichshain.

Aus der überschwänglichen, hochfliegenden Begeisterung für die türkische Nation einerseits, der niederschmetternden Selbstentwertung der deutschen Nation andererseits gibt es für die meisten jungen Türken und auch die Araber keinen Ausweg. Sie hängen fest zwischen Baum und Borke.

Der Ausweg müsste natürlich sein, dass an den Schulen eine positive Identifikation mit dem heutigen Deutschland, also insbesondere mit der Bundesrepublik Deutschland gefördert wird. Genau dies aber geschieht zumindest im Bundesland Berlin fast nicht.

Was tun?

Ich meine: Kleine Gesten, die vielen Akte der Nächstenliebe sind viel entscheidender als großartige Programme und Initiativen. Nachbars Oma kann mehr Gutes tun als noch so viele Integrationspläne und Bildungsprogramme. Das bestätigt wieder einmal sehr überzeugend Mehmet Gürcan Daimagüler:

Häufig sind die Kleinigkeiten im Leben entscheidend: Bei uns im Haus wohnte eine Witwe, Oma Philippine nannten wir sie, die uns bei den Hausaufgaben geholfen hat. Mit ihr habe ich Deutsch gelernt. Dann habe ich die kostenlose Bücherei im Nachbardorf entdeckt und Bücher verschlungen.

Anwerbeabkommen mit der Türkei – Zeitgeschichtliches Archiv – WDR.de

 Posted by at 15:30

Interesse für türkische Geschichte wecken und pflegen!

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Nov. 072011
 

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Die stolze türkische Flagge weht derzeit hoch, sehr hoch in Berlin, weit höher als die Bundesflagge! Und es ist immerhin die Flagge eines Landes, das mit seinen Truppen in Zypern bereits EU-Territorium in Besitz genommen hat. Schön von uns!

Es wäre einmal eine reizvolle Aufgabe, das Aneinandervorbeireden der deutschen und türkischen PolitikerInnen zu untersuchen. „Assimilation ist ein Verbrechen, das wissen wir besonders“, so wurde Tayyip Erdogan 2008 zitiert. Da haben sich die Deutschen aber aufgeregt! Sie konnten ja nicht wissen, dass Erdogan über die dunklen Seiten der jungtürkischen Zwangsassimilation der Armenier und Kurden und anderer Völker sprach. Wenn man den zeithistorischen Hintergrund und die aktuellen Expansionsgelüste der türkischen PolitikerInnenäußerungen nicht mitbedenkt, wird man leicht an der Nase herumgeführt. Die Kurden, die Griechen, die Armenier hatten in der Türkischen Republik nie auch nur ansatzweise die Freiheiten, die die Türken in Deutschland von Beginn der Anwerbung im Jahr 1961 bis zum heutigen Tag uneingeschränkt genießen durften und dürfen.

Davon handelte eine Tagung des Lepsius-Instituts in Potsdam, über die Regina Mönch berichtet:

Armenischer Genozid: Schwarze Löcher der Türkei – Feuilleton – FAZ
Die erzwungene „Assimilation“ ging einher mit Zwangsislamisierung, Zwangsverheiratung – Auslöschung durch Konversion nennt Altinay diese Tragödie. Ein noch kaum erforschtes Kapitel des Völkermordes und des türkischen Nationalismus, das aber ahnen lässt, warum, bewusst oder unterbewusst, „Assimilation“ für türkische Politiker und deutschtürkische Großfunktionäre ein Kampfbegriff ist.

 Posted by at 23:05

Sorma kişinin aslını, sohbetinden bellidir

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Nov. 072011
 

Erzähl mir deine Geschichte – auf Persisch, Arabisch, Deutsch, Kurdisch, Türkisch, Armenisch  … !

Was liegt schon an Pässen! Das ist doch nur ein Stück Papier, wie es so schön im Film „Almanya“ heißt!

Genau dieses Sprichwort, das im „Manifest der Vielen“ als Argument für den Doppelpass herhalten soll, halte ich für irreführend.

Aber den Türken fällt es schwer, sich von ihrem Abstammungsdenken freizumachen. Die Türken klammern sich an ihren Pässen fest, als bestünde in diesem Dokument ihre Identität. 9 Jahrzehnte Zwangstürkisierung, Zwangsassimilation haben ihre Spuren eingegraben.

Sie vermuten dasselbe Denken bei uns Deutschen. Dabei sind wir längst darüber hinaus, über dieses Boden-und-Blut-Denken.

Sorma kişinin aslını, sohbetinden bellidir. – Atasözleri ve Anlamları
Sorma kişinin aslını, sohbetinden bellidir.

 Posted by at 13:21

Wo wir sind, ist Türkei!

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Nov. 072011
 

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Wie Deutschland in der Selbstkritik und Selbstentwertung der unbestrittene Weltmeister ist, so steht meiner Meinung nach in Eurasien der Türkei der unumstrittene Meistertitel im Nationalismus zu. Die uralte Tradition einer jahrtausendealten Eroberungskultur pflanzt ihr siegreiches Panier auf jedem kleinen Eiland, auf jedem Fußbreit erkämpften Bodens auf. Bei den deutschen Politikern und Journalisten herrscht aufgrund struktureller Defizite und lebensweltlicher Unkenntnis meist erstaunliche Ignoranz gegenüber diesem unbändigen türkischen Nationalstolz, von rühmlichen Ausnahmen wie etwa dem scheidenden Berliner Innensenator Körting abgesehen. Der türkische Nationalismus ist tatsächlich eine Werteklammer, die bei aller erbitterten Gegnerschaft auch die oppositionelle CHP etwa mit der regierenden AKP verbindet. Er verbindet die allermeisten Auslandstürken und verhindert die Vermischung mit den nichttürkischen Gesellschaften außerhalb des Mutterlandes.

Man würdigt es einfach nicht genügend, dass die türkische Volksgruppe in der wichtigsten Volkswirtschaft der EU von mageren 800.000 zum Zeitpunkt des Anwerbestopps (1973) auf jetzt schon 2,8 Millionen angestiegen ist. Eine strategische Glanzleistung, die der türkische Staat vollbracht hat und weiterhin vollbringt. Die fast 3 Millionen Türken in Deutschland stellen für türkische Politiker nicht nur innenpolitisch einen Machtfaktor dar, sie sind auch ein Pfund, mit dem sich außenpolitische Expansions- und Vormachtsbestrebungen untermauern lassen, so etwa im besetzten Teil Zyperns, in den Erdgaslagerstätten im Mittelmeer, gegenüber Griechenland, gegenüber Deutschland, aber auch, um Uneinigkeit zwischen EU-Ländern und zwischen den USA und der EU zu befördern.

„Wir Türken haben in Deutschland keine Rechte.“ „Unsere Bürger- und Menschenrechte werden durch den deutschen Staat systematisch verletzt.“ „Ihr Deutsche müsst einfach mehr für uns Türken tun!“ Dies ist der Grundton, den man landauf landab hören kann: mehr staatliches deutsches Geld für türkische Gruppen, mehr Fürsprache für den EU-Beitritt, mehr Senatsgeld für den Türkischen Bund Berlin Brandenburg usw. usw.

Dabei würde ein kleiner Spaziergang durch den Berliner Tiergarten oder auch ein Urlaub in der Türkei ausreichen, um diese Ignoranz zu beheben. Die stolze Fahne der Türken flattert heute, unerreichbar für den deutschen Bundesadler, hoch über dem Diplomatenviertel in Berlin-Tiergarten. Gesehen heute. Sie kündet es weithin: Wo wir sind, ist Türkei.

 Posted by at 12:12
Nov. 012011
 

Immer wieder wird verlangt, die Türkei solle sich an „Europa“ anpassen, sie sei noch nicht reif für „Europa“. Einspruch: Ich bin überzeugt, wir als EU müssen uns in punkto Lohnpolitik an die Türkei anpassen. Denn wir in der EU stehen im direkten Wettbewerb nicht nur mit China, sondern Griechenland etwa steht im direkten Wettbewerb mit der Türkei, mit dem EU-Land Bulgarien, mit Korea und anderen Niedriglohnländern.

Soll ein deutscher Waschmaschinenhersteller in der Türkei oder in Griechenland investieren?  In Griechenland bezahlt er Renten für die vielen längst verstorbenen  „Hundertjährigen“ mit und auch noch die Portiersstelle für den Sohn eines Parteifunktionärs. In der Türkei bezahlt er den gesetzlichen Mindestlohn – und gut ist. Iyim, wie der Türke sagt.

Als ausgewiesener Freund der Türkei muss ich meine alte Frage wiederholen: Täte uns ein Mindestlohn etwa auf Höhe des türkischen Mindestlohnes gut? Er beträgt derzeit etwa 400/Euro pro Monat.

Das wär doch was für die deutsche Linke: Abschaffung von Hartz IV (eine langgehegte Forderung der Linken) bei gleichzeitiger Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes in Höhe des türkischen Mindestlohnes von ca. 380 Euro/Monat? Arbeit ist genug da!

Man muss darüber nachdenken. Zur Zeit schnappt das raffgierige Deutschland Generation um Generation türkischer Männer und Frauen in das eigene System, wo es mit staatlicher Unterstützung möglich ist, ohne jede Eigenanstrengung jahrzehntelang im „Paradies“ zu leben, wie dies Kazim Erdogan ausdrückt.

Das deutsche Sozialsystem ist der billige Fusel, der die Türken in Deutschland lähmt und schwächt, wie einst das Feuerwasser den Roten Mann in Amerika geschwächt hat.

Die Jungtürken haben eine gewaltige Europäisierung der Türkei durchgeführt. Sie verlangten die Einhaltung europäisch orientierter Gesetze statt sich aufs Faulbett der osmanischen Verteilungspolitik zu legen.

Der EU steht diese „Europäisierung“ noch bevor.

Ratsam ist es, den Menschen Arbeit zu niedrigen Löhnen anzubieten und das Sozialsystem und das gigantische Geldumverteilungssystem der EU kräftig  zurückzuschneiden. Der Mindestlohn auf niedriger Höhe, der ein würdiges Dasein ermöglicht, bei gleichzeitigen Umverteilungskürzungen wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Wir wären reifer für die Türkei, reifer für den Weltmarkt.

Europäische Union: Westerwelle gegen raschen Beitritt der Türkei – Ausland – FAZ

 Posted by at 10:36