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Obama Unverhoffte Begegnung

Wir lernen Englisch mit Obama

Nicht vorenthalten möchte ich Euch zu unserem Society-Sommerthema “Flirt und Fun im Fitness-Studio” die Stellungnahme Obamas zu dem Geschehen im Ritz-Carlton:

Op-Ed Columnist – Stalking, Sniffing, Swooning – Op-Ed – NYTimes.com
In Berlin, the tabloid Bild sent an attractive blonde reporter to stalk Obama at the Ritz-Carlton gym as he exercised with his body man, Reggie Love. She then wrote a tell-all, enthusing, “I’m getting hot, and not from the workout,” and concluding, “What a man.”

Obama marveled: “I’m just realizing what I’ve got to become accustomed to. The fact that I was played like that at the gym. Do you remember ‘The Color of Money’ with Paul Newman? And Forest Whitaker is sort of sitting there, acting like he doesn’t know how to play pool. And then he hustles the hustler. She hustled us. We walk into the gym. She’s already on the treadmill. She looks like just an ordinary German girl. She smiles and sort of waves, shyly, but doesn’t go out of her way to say anything. As I’m walking out, she says: ‘Oh, can I have a picture? I’m a big fan.’ Reggie takes the picture.”

I ask him if he found it a bit creepy that she described his T-shirt as smelling like “fabric softener with spring scent.”

He looked nonplused: “Did she describe what my T-shirt smelled like?”

Being a Citizen of the World has its downsides.

Befund: Obama fühlt sich durch die Bildreporterin übers Ohr gehauen. Dem mag schon so sein. Aber es nützt nichts. Der echte Gentleman schweigt.

Medienschelte durch einen Politiker, der gewählt werden will? Wir raten davon ab! Abhaken, tiefer hängen ist angesagt. Auf jeden Workout  folgt ein … cool down.

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Unverhoffte Begegnung

Ist Judith Bonesky eine Sykophantin, nur weil sie bei Barack Obama dahinschmilzt?

Judith Bonesky hat es geschafft: Sie traf sich zum Stelldichein mit Barack Obama. Und zwar im Fitness-Studio, “in the gym”. “Gym”, das kommt ja von griechisch gymnos, also “nackt”! O wie skandalös! Bildreporterin nackt? Nun, wenn man ihren Bericht liest, hat man fast diesen Eindruck. “Wow, er schwitzt nicht mal”, schreibt Judith Bonesky, nachdem sie ihren Arm um seine Taille gelegt hat. Die Bild berichtete ausführlich darüber. Die amerikanische Bloggosphäre ist in Aufruhr, Blogger Warner Todd Huston ereifert sich, nennt dieses journalistische Kabinettstückchen ein Musterbeispiel an übertriebener, übelkeitserzeugender Speichelleckerei:

Gushing Immaturity: A German Reporters Workout With Barack Obama | NewsBusters.org

Und er schließt ab:

Yes, “he didn’t even sweat! What a man!” (more exclamation points) And we can say of Judy Bonesky, what a sycophant! (that time I used my own exclamation point!!)

Has there ever been a more overwrought report? If so, I’d like to see it.

Was ist ein Sykophant? Im Deutschen heißt das Wort “Verleumder, Denunziant”. Ein Sykophant – also wörtlich “jemand, der die Feige zeigt”, das war mutmaßlich im alten Athen jemand, der den Behörden davon berichtete, wenn jemand das Ausfuhrverbot von Feigen umging. Sykon – die Feige, mit all den übertragenen Bedeutungen, die das Wort noch heute in verschiedenen Sprachen hat.

Im Englischen bezeichnet sycophant hingegen heute so etwas wie einen kriecherischen, unterwürfigen Lobhudler – “perhaps with reference to making the insulting gesture of the ‘fig” (sticking the thumb between two fingers) to informers”, sagt das Oxford Dictionary.

Ich meine: City-Talkerin Judith Bonesky ist weder eine Sykophantin noch eine kriecherische Speichelleckerin. Sie hat einen echten Coup gelandet – sie ist im Gespräch, sie hat ihren Marktwert enorm gesteigert, jeder kennt jetzt ihren Namen. Und Barack Obama wird nun mehr auf der Hut sein müssen vor Sykophantinnen und Sykophanten aller Art. In the gym and elsewhere.

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Unverhoffte Begegnung

24072008002.jpg Bin vor Ort, Freiwillige sprechen mich an: “You look American, have you registered as a voter?” Tausende warten schon an den Sperren, eine frohe Erwartung herrscht, aber noch ist es ruhig.

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Gedächtniskultur Religionen Unverhoffte Begegnung

Antaios-Gefühle in Augsburg

“Die Vaterstadt, wie find ich sie wieder …?” fragte einst Bert Brecht bei seiner Rückkehr in seine zerbombte Heimatstadt Augsburg. War sie zerbombt, als ich vergangenen Samstag zurückkehrte? Nein, im Gegenteil! Verändert, gewandelt – ja, aber immer noch dieselbe aufgeräumte, maßvolle, überschaubare und im Grunde wohlgeordnete Welt! Die Wiederbegegnungen mit den Klassenkameraden offenbarten eine über all die Jahrzehnte hinweg eher noch vergrößerte Nähe – vermutlich ist uns allen klar, dass keine Zeit so prägenden Einfluss auf den Menschen ausübt wie die ersten zwanzig Lebensjahre. Das hält zusammen, auch wenn die Wege sich stark entfernen.

In der Predigt des Gottesdienstes hob Prior Pater Theodor hervor, wie fundamental das Christentum durch die Kultur der Erinnerung geprägt sei. Ich fügte in Gedanken hinzu: Das gilt auch für Judentum und Islam. “Ich bin mein Erinnern”, so Augustinus. In der Kirche durfte ich auf der Geige zwei Soli spielen: Das berühmte Air von Bach aus der Orchestersuite Nr. 3 D-Dur, und zusammen mit Irina Potapenko Vivaldis “Gloria patri”, Willi Hafner spielte die Orgel.

Bezeichnend der folgende Dialog mit dem neben mir stehenden Kameraden beim Gruppenfoto im Seminarhof: “Und wer bist du?”, fragte ich den neben mir Stehenden, der mir freundlich die Hand angeboten hatte. … Es war der Schuldirektor – also ein Großer, ein Mann, der sechs Jahre vor mir das Abitur gemacht hatte! Er erlaubte mir gleich, beim Du zu bleiben.

Dieses “Du” ist bezeichnend für den Wandel: All die kirchlichen und weltlichen Autoritäten und Amtsträger von heute sind weit weniger distanziert, als ich sie damals erlebte. Sie sind zum Anfassen, man kann sie sozusagen duzen. Ich halte das für einen gesellschaftlichen Wandel, der nicht nur dadurch erklärbar ist, dass ich selber mittlerweile in die Altersgruppe der “Erwachsenen” eingerückt bin.

Im St.-Gallus-Kirchlein, das wir unter kundiger Führung von Pater Theodor besichtigten, beeindruckte mich die Geschichte des Rochus von Montpellier: Er kümmerte sich um die Aussätzigen und Pestkranken, wurde angesteckt und durch Narben und Blattern entstellt. Bei der Rückkehr in seine Vaterstadt Montpellier, nach langen Wanderjahren, erkannte ihn niemand. Man warf ihn unter dem Vorwurf der Spionage ins Gefängnis. “Das ist ein Migrant ohne Personalausweis und ein Spion, den brauchen wir hier nicht!”, sagten die Bürger von Montpellier. Er schmachtete 5 Jahre in der Haft. Dann starb er.

Erst nach seinem Tode erkannten sie an einem bezeichnenden kreuzförmigen Muttermal: “Das ist einer von uns!”

rochus07062008.jpg

Unser Bild zeigt die Statue des Rochus von Montpellier in der Sankt-Gallus-Kirche in Augsburg.

“Das ist einer von uns!”, “Das gibt es bei uns auch!” Unter dieses Motto stelle ich auch meine Tischrede im Ratskeller von Augsburg. In uralten Gewölben erhebe ich meine Stimme. Wie der mythische Antaios verspürte ich neue Kräfte beim Betreten der alten Erde! Wer hat hier, in diesem Prachtbau von Elias Holl, vor mir schon alles gegessen und geredet? Ich spreche über Persien in der Antike und den Iran heute, zitiere aus den “Persern” des Aischylos und dem Buch Ester der Bibel. Kulturen bedrohen einander mit wechselseitigen Vorwürfen und Unterstellungen: “Ihr wollt uns alle vernichten!” So damals wie heute. Aber die attische Tragödie des Aischylos versetzt sich in das Leid der ehemaligen Feinde hinein. Durch Erschütterung, Schmerz, Trauer bewirkt Aischylos eine befreiende Erfahrung: Wir können miteinander sprechen, uns ineinander hineinversetzen. Griechen und Perser – so unterschiedlich sie sind – erfahren einander als die “nächsten Fremden”. Gesang, Tanz, religiöse Erfahrungen wie etwa die Tragödie verbinden die Feinde von ehedem. Wir brauchen diese Haltung auch heute. Es lohnt sich, diese uralten Texte wieder und wieder zu lesen. Mein Griechischlehrer von damals sitzt unter den Zuhörenden, kommt nachher auf mich zu und pflichtet mir bei. Einen Heiterkeitserfolg erziele ich, als ich ein paar griechische Verse austeile und in Gruppenarbeit übersetzen lasse. Die Auflösung wird für das nächste Jahrgangstreffen angemahnt. So sei es, gute Sache das Ganze, danke an die Organisatoren, in zehn Jahren sehen wir uns wieder!

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Aus unserem Leben Das Gute Donna moderna Europäische Galerie Freude Italienisches Unverhoffte Begegnung

Warum lachen diese Menschen? Dürfen die das?

Jeder Mensch fragt sich wohl immer wieder: Wie möchte ich sein? Wie sehen mich andere? Wie möchte ich gesehen werden? Manchmal gelingt es, diese Fragen in einem Bild zu beantworten. So etwas geschah mir gestern. Frau Steffan vom Zürcher Ammann Verlag sandte mir ein Bild von einer Veranstaltung mit Letizia Battaglia und Leoluca Orlando zu. Letzte Woche aufgenommen, im Willy-Brandt-Haus, Berlin-Kreuzberg. Zwei lachende Menschen sehe ich da, – eben Letizia Battaglia, die Photographin, daneben ich -, die beiden Menschen strahlen irgend jemandem entgegen, belustigt, fast augenzwinkernd. Sie scheinen einer Meinung zu sein. Im Hintergrund sieht man Fotos von einigen Verbrechen und Verbrechensopfern. Aber auch so etwas wie eine weiße Taube. Palermo, ihr wisst schon … Letizia selbst hat sie aufgenommen. Derzeit läuft noch die Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus.
Ihr fragt: Darf man lachen, wenn man über schwierige, traurige Themen spricht? Ich frage euch: Wem hülfe es, wenn wir nicht lachten? Würde dadurch auch nur eines der Opfer wieder lebendig?
Beim Betrachten des Fotos kommt mir der Gedanke: Ja, so möchte ich immer sein! Im Einverständnis mit anderen, nach außen offen, gesprächsbereit, optimistisch. Niemand leugnet das Böse auf diesem Foto, aber es gibt eine Kraft, die auf Dauer stärker ist als das Böse: die Gemeinschaft im Jetzt, das Lachen, die Sympathie.

Foto: Letizia Battaglia, Johannes Hampel. Willy-Brandt-Haus Berlin-Kreuzberg, Mai 2008.  Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ulla Steffan, Zürich

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Unverhoffte Begegnung

Sind wir feige?

grillverbot-23042008.jpg Das war gestern, am 22. April. Mit meinem 5-jährigen Sohn zusammen betrachte ich, wie ein Elternpaar mit seinem Kind zusammen einen Drachen steigen lässt. Der Kreuzberg zeigt sich bei frischem Wind und hellem Sonnenschein in bester Frühlingserwartung. Mein Sohn lernt gerne unbekannte Menschen kennen, so wie ich ja auch, und sucht oft das fachkundige Gespräch mit anderen Jungs. “Wie lange ist diese Schnur? Wie schnell ist der Wind?” fragt er die Drachenbesitzer und mich. “30 Meter ist die Schnur, der Wind ist so schnell wie ein Fahrrad oder ein langsamfahrendes Auto, also etwa 20 km/h.” So die Antwort von uns Vätern. Ich stelle mich bei dem Vater vor, wir geraten ins lockere Plaudern. “Du stammst aber nicht aus Berlin, oder?”, fragt er mich. “Richtig, ich bin aus Bayern zugewandert und lebe erst seit 15 Jahren in Berlin. Und du, du bist sicher ein echter Berliner und in Kreuzberg aufgewachsen …?” frage ich zurück. Richtig, in genau diesem Kreuzberger Viertel ist er geboren und großgeworden. Er spricht mit einem leichten Berliner Zungenschlag. Einige Verwandte leben über die Türkei verstreut, und die besucht er auch gerne im Sommer, andere leben wie er mit Familie in Berlin.

Da sehen wir, wie etwa ein Dutzend Jugendlicher mit großer Begeisterung einen Grill aufbauen, Koteletts, Grillgut und Getränkekartons heranschaffen, hier oben 5 Meter von dem Kreuz, nach dem der Kreuzberg seinen Namen hat. Die Stimmung ist ausgelassen-fröhlich. Es sind alles junge, durchtrainierte, wohlgenährte Männer. Sie tragen alle modische weiße Sportschuhe, sind alle sportlich, tragen gepflegte Sportklamotten und haben alle den schneidigen neuesten Haarschnitt am Kopf: oben knapp-kraus, unten glattgeschoren. Ich höre ein paar deutsche, ein paar türkische Wörter. “Das Grillen ist im ganzen Park aber eigentlich verboten!”, gibt mir der türkische Vater zu bedenken. “Ich weiß … aber ich werde mich jetzt mit denen nicht anlegen …” erwidere ich. Ich habe keine Lust, als Ordnungshüter aufzutreten, in all meinem glorreichen Gutmenschentum. “Da kriegt man doch nur ein paar feindselige Bemerkungen an den Kopf geschleudert …!”, sage ich. Sollen diese Jugendlichen doch ihr Gemeinschaftserlebnis haben, denke ich mir. Und DIE DA sind mehr. Und DIE DA sind stark, die verströmem ein unbezwingbares Gruppengefühl. Und schon durchzieht der unverkennbare Geruch von angefachter Holzkohle die ganze Gegend.

Mit dem Kreuzberger Vater plaudere ich weiter, über dies und das, über Kappadokien und die türkische Südküste, über den sozialen Brennpunkt am Kottbusser Tor, über die Perspektivlosigkeit der türkischen und arabischen Schulabbrecher. “Was glaubst du, ist das Hauptproblem dieser Jugendlichen?” Er sagt: “Keine Erziehung, die Väter arbeiten nicht, die kümmern sich um nichts, lassen alles die Frauen machen.” Er schäme sich oft für seine türkischen Landsleute.

Mittlerweile haben die beiden Jungs den Drachen zum Fliegen gebracht, mindestens 10 Meter hoch, der Wind bläst etwas kräftiger. Die jungen Männer neben uns haben das Feuerchen lustig zum Brennen gebracht. Die beiden fünfjährigen Jungs haben ihre Freude, die Gruppe der jungen Männer auch. Wir verabschieden uns herzlich mit Handschlag und wir sind sicher, wir werden uns hier am Kreuzberg bald wiedersehen.

Auf der Suche nach guten Fotomotiven für dieses Blog kehre ich heute an diese Stelle zurück. Und siehe da: Der ganze Platz neben dem Kreuz ist locker übersät mit den Überresten des gestrigen Grillfestes: leere Kartons, der verkohlte Grillrost, ein “Barbecue”-Zünder, leere Flaschen von nichtalkoholischen Getränken, Papier, leere Plastikverpackungen von Würsten und Koteletts.

Was hätte ich gestern machen sollen? Bin ich feige? Oder hätte ich zusammen mit dem türkischen Vater hingehen sollen und auf das Grillverbot hinweisen sollen, in türkischer und deutscher Sprache?

Ich beschließe: Das nächste Mal werde ich zusammen mit anderen Erwachsenen hingehen und was sagen, völlig ungerührt. Habt ihr mit meiner Haltung ein Problem? Empfehle auch einen guten Hintergrundbericht im Tagesspiegel von heute: “Wenig Bildungschancen für Migrantenkinder”.

Und noch ein Bekenntnis: Ich bin dafür, die Regeln für ein ziviles Zusammenleben einzuhalten. Ich wünsche mir, dass die Radfahrer bei Rot an der Ampel halten. Ich wünsche mir, dass die Autofahrer sich an Höchstgeschwindigkeiten halten und – bitte bitte – den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten, wenn sie uns Fahrradfahrer überholen. Und ich wünsche mir, dass der Viktoriapark sauber gehalten wird, dass jeder seinen Müll mitnimmt und niemand die Gebäude und Statuen mit Graffiti besprüht. Es ist unser aller Park! Ist das alles so schwer? Bin ich ein hoffnungsloser deutscher Spießbürger?

Unsere Fotos zeigen die Stätte des glorreichen Grillfestes von gestern nachmittag, so wie sie heute um 9.00 Uhr war, und ein Hinweisschild am Viktoriapark in Kreuzberg.

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Türkisches Unverhoffte Begegnung

Türken und Deutsche, habt keine Angst: wir kriegen alle unser Fett ab

Was für eine freudige Überraschung – unser heimisch-vertrauter Stadtbezirk Kreuzberg wird gleich mehrfach erwähnt in einem Wochenblatt, das wirklich die ganze Welt liest, Minister, Bankiers, Präsidenten, Journalisten, nämlich dem britischen Economist. Unter dem Titel “Two unamalgamated worlds” beschreibt die aktuelle Ausgabe (April 5th -11th 2008, S. 29-31) die Misere unseres Nebeneinander-Herlebens in recht ungeschminkter Sprache:

Heavily Turkish Kreuzberg, once on the periphery of West Berlin and now at the centre of the united city, feels more like Greenwich Village than the South Bronx, and even Neukölln “rocks”, according to the cover of a Berlin entertainment magazine. But migrants and Germans lead largely separate lives: when German children reach school age their parents flee (along with middle-class Turks), leaving poorer migrants alone together. “The education system transmits inequality among parents extremely strongly to the successor generation,” says Frank Kalter, a sociologist at the University of Leipzig.

Manche Daten, die die deutschen Blätter eher schamhaft verschweigen, bringt der Economist frank und frei, zumal die Ziffern der arbeitslosen Jugendlichen, der “negativen Auslese” an Hauptschulen und dergleichen weder auf das deutsche Schulwesen noch auf die türkische Gemeinde ein gutes Licht werfen.

Insgesamt, so meine ich, ist der Artikel gut recherchiert, der Wachschutz an Neuköllner Schulen wird ebenso erwähnt wie die berühmt-berüchtigte Kölner Rede des türkischen Ministerpräsidenten. Der Economist kritisiert übrigens beides: mangelnde Leistungsbereitschaft, mangelnde Bildungsanstrengungen bei den Deutsch-Türken, negative Vorurteile und ein vollkommen überholtes, auf blutsmäßiger Herkunft gestütztes Identitätsgefühl bei den Deutsch-Deutschen:

Even six decades after Hitler, Germany has not sloughed off the idea that Germanness is a matter of blood rather than of culture or allegiance. However high they rise, however good their German, Turks are not allowed to forget that they are foreigners. “I employ 100 people and still I’m not seen as German,” says Mr Sorgec.

Welchen Ausweg schlägt das Blatt vor? Bessere Integration, so der Economist, muss ein zweigleisiges Unterfangen sein:

So integration must now proceed along two tracks: guiding Turks into the social and economic mainstream and Muslims toward allegiance to the Rechtsstaat, the state conditioned by the rule of law.

Am besten jedoch gefällt mir bei der ganzen Abhandlung der Schluss. Es gibt nämlich eine wachsende Schar deutsch-türkischer Jugendlicher und junger Erwachsener, denen das ganze Gejammer nicht mehr genügt. Ich vermute sogar: Sie können es nicht mehr hören. Sie sehen sich nicht als Objekte der Sozialarbeit, sondern als Menschen, die ihr Leben in die eigene Hand nehmen. Sie zeigen: Wir wollen etwas erreichen, wir können etwas zustande bringen! Einige von ihnen haben sich in der DeuKischen Generation zusammengeschlossen. Sie setzen die Zeichen der Zuversicht, sie sind selbstbewusst, mutig, aktiv. Sie sehen sich nicht als die ewigen Opfer des Systems, sondern als Beweger und Veränderer.

Ich habe übrigens vor wenigen Tagen erst mein Gesuch auf Aufnahme als “förderndes Mitglied” bei der DeuKischen Generation eingereicht – Vollmitglied kann ich nicht werden, da ich viel zu alt bin (die Altersgrenze liegt bei 29).

Der Economist enthüllt diese Woche auch gleich den Namen unserer wahrscheinlichen nächsten Kanzlerin:

Refashioning identity is likely to be a collaborative process, enlisting people like Aylin Selcuk, a dental student from Berlin who grew weary of being asked where she came from and whether she spoke German. She started DeuKische Generation to persuade Germans that Turks could be as German as anyone, and to push Turks to embrace the language and norms of their adoptive country. “Germans think we’ll leave, but I’m mainly German,” she insists in Hochdeutsch as mellifluous as anyone’s. Astonishingly poised for a 19-year-old, she might just become the first German chancellor to boast a Turkish name.

Mit diesem optimistischen Schlenker endet der Artikel des Economist. – Tja, wo stehe ich? Erstens, ich spreche gerne und regelmäßig mit den Türken in meiner Gegend. Das ist doch schon was, wenn ich auch noch nie die Moschee besucht habe, die genau gegenüber meinem Wohnhaus liegt. Das würde mich mal interessieren. Ich glaube zweitens an die Einsichten der DeuKischen Generation, ich glaube, dass unsere Gesellschaft durch noch mehr starke, selbstbewusste, in beiden Welten gut ausgebildete und verfassungstreue Deutschtürken großen Nutzen und zusätzlichen Schwung erhalten wird. Ich glaube drittens, mit einer Wendung, deren korrekte Aussprache ich mir persönlich von einigen Vertretern der DeuKischen Generation von Angesicht zu Angesicht beibringen ließ: Hepimiz insaniz! Wir sind doch alle Menschen, begabt mit Sprache und Vernunft. Und wir haben das Glück, in einem Staat zu leben, in dem jeder ungehindert an seinem Glück arbeiten kann.

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Angst Positive Kommunikation Unverhoffte Begegnung

Neues Jahr – Neues Ja

winteraugustinum.jpg Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein frohes, vom Ja zum Leben geprägtes Jahr 2008!

Das neue Jahr beginne ich mit Bachs E-Dur-Partita. Eine frohe, kraftvolle, glänzende Musik voller Bejahung des Lebens! Ich spiele sie auf der mich stets begleitenden Geige in aller Frühe vor dem Frühstück im Keller des Hauses, um die verschiedenen Langschläfer nicht zu behelligen.

Ringsum sind Bücher aufgestapelt. Ich entdecke das Exemplar eines Buches wieder, das ich lange vermisste: Uns eint vergossenes Blut. Juden und Polen in der Zeit der ‘Endlösung’. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1987. Ich erinnere mich, dass der Autor etwa 1987 einen Abend bei Gesprächen in unserem Hause verbrachte. Ich wurde ihm damals vorgestellt, schüttelte ihm die Hand – aber ich wusste nicht, was ich ihn fragen sollte! Ich wusste: Dieser Mann hatte das Lager Auschwitz überlebt, er hat nach dem Krieg unter verschiedenen Beschuldigungen in verschiedenen polnischen Gefängnissen gesessen. Ich empfand Scham, aber auch eine gewisse moralische Unterlegenheit. Ich war überrascht, einen so freundlichen, zugänglichen und gut Deutsch sprechenden Mann kennenzulernen. Ich schlage das Buch auf: es enthält eine persönliche handschriftliche Widmung des Wladyslaw Bartoszewski an meinen Vater: “in der weltanschaulichen Verbundenheit”. Es ist gut, anhand solcher Zufallsfunde die fast schon verschwundenen Kindheitserinnerungen wiederzubeleben. Daneben bin ich dadurch auf Lebenszeit gefeit gegen die Jammerarien, welche insbesondere Teile der heutigen deutschen Gesellschaft ach so gerne über ihr hartes Los anstimmen! Als ob etwa Arbeitslosigkeit eine Entwürdigung, einen Verlust der Menschlichkeit darstellte!

Über den Tag fahren wir nach Dießen am Ammersee, wo meine Mutter wohnt. Hinter Kissing umfängt uns bereits eine zauberhafte winterliche Landschaft.

Von meiner Mutter erbitte ich mir folgendes Buch zur Ausleihe: Borwin Bandelow, Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006. Ein außerordentlich gescheiter Autor, von dem ich vieles hinzulernen kann!

Auf dem Bahnhof lernen wir beim Warten auf den Zug zurück einen Geistlichen kennen. Wir sprechen über seelische Not. Wir kommen überein, dass alles Geld der Welt nicht gegen Hartherzigkeit, gegen das Leiden an der Einsamkeit, gegen seelische Wohlstands-Verwahrlosung und Schwermut hilft. Jeder Besuch in wohlhabenden Gegenden – wie etwa hier am Ammersee – bestätigt diese Einsicht aufs Neue.

Der Tag klingt aus in kleiner Runde mit russischem Essen und allerlei Walzermusik, die ich erneut auf der Geige zu produzieren versuche.

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“Aber verheiratet! Aber ein Handy”

Von meinem Termin bei der Frankfurter Buchmesse gehe ich zu Fuß hinüber ins Gallusviertel, um meine Schwester und ihre Familie zu besuchen. Die Mainzer Landstraße ist staubig, dunstflimmernd, ein einziges Band aus Asphalt und Beton. Gebrauchtwagenhändler werben für ihre Fahrzeuge mit handgeschriebenen “Hauspreisen”. An einer Straßenbahnhaltestelle hängt ein Stadtplan, den ich betrachte, um mir über den Weg klar zu werden. Die Sonne heizt den Oktobernachmittag noch einmal auf. Drei Männer und eine Frau haben sich diese Haltestelle zu ihrem Rastplatz erkoren, wo sie trinken, schwatzen und essen. Erkennbar fahren sie nirgendwo hin. Die Frau nähert sich mir von der Seite. Mir fällt ihr bayerischer Akzent auf. “Entschuldigung, wir möchten rauchen. Hast du Feuer?” Ich gebe zu verstehen, dass ich Nichtraucher bin. Die Frau, etwa vierzig Jahr alt, besinnt sich um: “Dann kannst du uns ja zwei Euro geben, wir wollen etwas essen. Das ist doch eine Alternative.” Die Frau ist überzeugt, dass sie mir ein gutes, tragfähiges Angebot gemacht hat. Ich lehne ab: “Nein, jetzt nicht!” Die Frau ist enttäuscht und gekränkt, betrachtet mich genau, wie ich mit dem Zeigefinger am Stadtplan entlangfahre, und wie ich in der Hand noch das Mobiltelefon halte. Da erhebt sie ihre Stimme, und während ich mich schon abwende und weitergehe, ruft sie mir noch nach, wobei in ihrer Stimme eine Mischung aus Anklage und Hohn mitschwingt: “Aber verheiratet! Aber ein Handy!”

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Unverhoffte Begegnung

Claude Martin – der Botschafter Berlins

Im Tagesspiegel von heute, 30.09.2007, erzählt Claude Martin, scheidender französischer Botschafter, von den Berliner Erfahrungen, rühmt Berlins gesunde Weltoffenheit, lobt Kreuzberg – “vielleicht der beste Teil meines Aufenthalts in Deutschland”- , drückt sein Vertrauen in die deutsche Demokratie aus, outet sich als begeisterter Radler. Wow! Und wir waren Kieznachbarn, er hat früher bei mir um die Ecke in der Großbeerenstraße gewohnt. Das Interview ist ein Meisterwerk der politischen Kommunikation. Besser kann man für Berlin und Deutschland nicht werben. Bekomme Lust, das Interview 100 Mal zu vervielfältigen und an ein paar Straßenecken zu kleben und auch ein paar Miesepetern von der “Berlin-ist-Schlusslicht”-Fachabteilung unter die Nase zu halten mit den Worten: “Berliner, schaut auf diese Stadt! … und erkennt! … dass ihr diese Stadt nicht schlechtreden dürft!” Tosender Beifall.

Interview lesen: http://www.tagesspiegel.de/politik/international/Interview;art123,2390406