Jan. 212010
 

4. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist wie die Stadt Berlin durch eine starke Zerklüftung und zunehmendes Auseinanderdriften der verschiedenen Bevölkerungsteile geprägt. Die zersplitterten Milieus versuchen nun, das jeweils Beste für sich herauszuholen, da sie sich keinem gemeinsamen Leitbild verantwortlich wissen.

So schrieb ich am 06.01.2010. Dies war einer der erschreckenden Befunde, der zum Leitbild „Die zusammenwachsende Stadt“ führte. Meine Diganose wird nun durch den neuesten Sozialatlas gestützt. Sein Titel: Monitoring Soziale Stadtentwicklung. Der Tagesspiegel berichtet heute:

Die soziale Kluft zwischen Berlins Problemkiezen und dem Rest der Hauptstadt hat sich weiter vergrößert. Arbeitslosigkeit, Armut und Chancenlosigkeit sind in sozial schwachen Stadtvierteln nach der jüngsten Untersuchung im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Jahr 2008 nicht spürbar zurückgegangen.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich als Kreuzberger mittendrin wohne und die empirischen Daten nicht überraschend finde.

Es wäre schön gewesen, wenn die Parteien dieser Stadt  – SPD, CDU und Linke vorneweg – dieses Problem der sich zunehmend spaltenden Stadt erkannt hätten, das sich ja nun schon seit vielen Jahren abzeichnet. Aber sie haben es nicht erkannt, sie haben es nicht aufgegriffen! Ich vermisse Diagnosen und Konzepte. Es war kein Thema in den Wahlkämpfen.

Bemerkenswert: Wieder einmal zerhacken die Parteien die unterschiedlichen Ansätze in Stückwerk. Es fehlt ein umfassender Ansatz.Warum nimmt sich keine Partei ein Herz und packt das Ganze an?

Ich meine: Mehr Geld wird die Lage nicht bessern. Das fehlende Geld ist nicht das Problem.  Ein Hauptproblem scheint mir zu sein, dass überhaupt viel zu viel vom staatlichen Handeln erwartet wird. Über Jahrzehnte hinweg hat eine satt profitierende politische Kaste in dieser Stadt hübsch davon gelebt, dass Hilfeempfänger herangezogen wurden. Die unselige Verquickung von Wohnungswirtschaft und Politik, von Landesbanken und Politik, von Sozialleistungsindustrie und Politik halte ich für eine der Ursachen dieser schwierigen Lage.

Es war allzu bequem, die Kinder unablässig als „benachteiligt“ einzustufen, statt den Eltern und den Kindern mehr abzuverlangen. Diesen Fehler sollte man nicht endlos wiederholen.

 

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Jan. 202010
 

Als eines der wenigen nichtmuslimischen Kinder an seiner Schule erfährt unser Sohn sich immer wieder in der Außenseiterposition.

„Papa, warum sagen alle Kinder iiih, wenn ich ein Salamibrot esse?“, fragte er uns heute.  Dann müssen wir ihm geduldig erklären, dass für die muslimischen Kinder alles Schweinefleisch unrein ist und Ekel erzeugt. Wir tun dies – noch – gelassen, noch mit Humor.

Diese unbeugsame, starke Einwurzelung muslimischen Reinheitsdenkens, diese Einteilung in halal – rein – und haram – verboten – schon bei den kleinen muslimischen Kindern  ist etwas mich Überraschendes. Vor 20 Jahren, als mein älterer Sohn hier in Kreuzberg zur Grundschule ging, war das noch nicht so stark. Aber wir haben ja auch einen anderen Kreuzberger Islam als vor 20 Jahren!

Die Berliner Grundschulen leisten Hervorragendes, sie erziehen – soweit ich das beurteilen kann – die muslimischen Kinder der Mehrheit zur Toleranz gegenüber all denen, die in ihren Augen Verbotenes essen, Verbotenes tun.  Aber dennoch bricht das Vorurteil immer wieder hervor!

Sollen wir aufhören, unserem Sohn Salamibrötchen mitzugeben, damit er nicht mehr Ekelgefühle bei der Kindermehrheit hervorruft? Ein heikles Thema!

 Posted by at 15:00
Jan. 202010
 

Immer wieder treten Politiker mit dem Anspruch an, man müsse „neu denken“. Adenauer tat dies mit seiner Alternativen Liste der 50er Jahre, der CDU. Obama tat dies mit seinen Demokraten. Kanzlerin Merkel tat dies soeben. Was heißt dies eigentlich – „neu denken“?

Es geht dabei nie um das „erstmalige“ Denken, sondern es geht darum, früher gewonnene Einsichten in einer neuen Lage erneut zu bedenken.  Das „neue Denken“ ist ein nachholendes Bedenken der neuen Lage. Wir sprechen ja auch zurecht vom „Nach-Denken“. Das gründliche, das neue Denken vergewissert sich dessen, „was alles geschehen ist seit dem letzten Mal.“ Insofern ist es auch stets ein Umdenken, ein Verlassen der alten Denkgewohnheiten.

Merkel verlangt „neues Denken“

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Jan. 202010
 

Gemeinsam lernen in der Grundschule – das ist eine Forderung, die ich immer wieder erhebe. Wenn es doch wenigstens gelänge, die Kinder ordentlich durchzumischen! Vielfalt in der Einheit, darum geht es! Aber davon sind wir weit entfernt. Die zahllosen Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Grundschule bringen, weil ihnen die Kreuzberger Stadtteilschule zu „kiezig“ ist, sind ein Beweis dafür.

So erlebte ich auch meine Zeit bei der Bundeswehr als Zeit der großen Durchmischung. Da war ich als einziger Schwabe mit lauter Franken, die „nur“ Hauptschulabschluss hatten, auf einer Stube. Und zwar Tag und Nacht. Eine der lehrreichsten Erfahrungen überhaupt! Das Militär, der „Barras“ erfüllte die Aufgabe, regionale und ständische Unterschiede zwischen den Soldaten aufzuheben. Man nannte ihn deshalb auch „Die Schule der Nation“.

Allerdings: Wer eine standortnahe, demokratische Vielfaltsschule unter einem einheitlichen Dach mit starken Leistungsanreizen auch nur anzudenken wagt, der wird sofort abgestraft, und zwar bei den nächsten Wahlen.

Es hat einige Jahrzehnte gedauert, ehe Preussen das Dreiklassenwahlrecht abgeschafft hatte. 1849 eingeführt, blieb es bis 1918 in Kraft. Es ist interessant zu sehen, dass Gesellschaften sich häufig in drei „Stände“ gliederten und dies dann auch in Schulsystemen abbildeten. Nährstand, Wehrstand, Lehrstand (Platon). Bauern, Bürger, Adlige.

Ausgerechnet ein adliger Hanseate von der Alster bezeichnete das dreigliedrige Schulsystem kürzlich als „ständisch“. Seine Name: Ole von Beust. Was der Hamburger Bürgermeister sagt, ist historisch zwar korrekt, politisch jedoch innerhalb seiner Partei derzeit noch in höchstem Maße inkorrekt. Interessantes Interview mit dem neuen bayerischen KMK-Vorsitzenden Spaenle in der taz!

Ich meine: Wir brauchen eine stärkere Leistungsbetonung. Jede kann es schaffen, wenn sie oder er sich anstrengt! Das muss die Botschaft sein. In einigen Jahrzehnten wird deshalb die vielgliedrige, tief gestaffelte deutsche Schullandschaft, die heute noch übersät ist mit allerlei Besonderheiten, überschaubarer, einheitlicher und „lesbarer“ geworden sein. Alle wollen das eigentlich. Die Grabenkämpfe drehen sich heute um Besitzstände, Wählerstimmen und Statuskennzeichen.

KMK-Präsident über Schulsysteme: „Ich verteile überhaupt niemanden“ – taz.de
Sie stärken personell also das mehrgliedrige Schulsystem. Der Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust hat dieses kürzlich als ständisch gebrandmarkt. Irrt er?

Ole von Beust, den ich sonst sehr schätze, ist da der Linken auf eine jahrzehntelang ausgelegte Leimrute gegangen. Wenn ich das dreigliedrige Schulsystem für ständisch halte, habe ich den klassenkämpferischen Ansatz der anderen Seite internalisiert. Das ist politisch bedauerlich.

Wie bezeichnen Sie denn die Tatsache, dass ein Akademikerkind fünfmal bessere Chancen hat, das Gymnasium zu absolvieren, als jemand, dessen Eltern als Arbeiter gelten?

Wir haben ein vielgliedriges Schulsystem, dessen Durchlässigkeit weiter verbessert werden muss. Wir haben in Bayern da unsere Hausaufgaben zu machen. Wir können aber durchaus darauf verweisen, dass die Abkoppelung der Bildungsabschlüsse von einer bestimmten Schulart auf einem guten Weg ist. Das ist ja der indirekte Faktor für Durchlässigkeit. Ich definiere das als Handlungsfeld, wo wir eine nicht befriedigende Situation verbessern müssen.

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„Ich mag meinen Beruf!“

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Jan. 202010
 

„Ich bin sehr gerne Geigenbauer“, „Ich bin sehr gerne Lehrerin“, „Ich bin sehr gerne Müllmann“, „Ich bin sehr gerne Gemüsehändler“, „Ich bin sehr gerne Keramikerin“ – diese und ähnliche Sätze habe ich in den letzten Wochen in persönlichen Gesprächen gehört. Ich höre sie immer gerne. Sie laufen immer auf eines hinaus: „Der Beruf, den ich gewählt habe, erfüllt mich. Ich möchte keinen anderen.“ Bitte noch mehr solche Botschaften! Der Beruf ist doch etwas, was dich an-ruft! Auch wenn du keinen Personenrufempfänger hast!

Genau in diesem Sinn wird heute der Herr Brandoberinspektor Ceyhun Heptaygun im Berliner Tagesspiegel auf S. 10 zitiert. Dabei befasst sich Brandoberinspektor Ceyhun Heptaygun beileibe nicht nur mit Bränden, sondern auch mit so schaudernmachenden Dingen wie Eiszapfen und Dachlawinen! Zum Chillen!

Einsatz Berlin: Retter suchen Nachwuchs
Immerhin kann er das voller Überzeugung tun. Heptaygun mag seinen Beruf. „Ich möchte nichts anderes machen“, sagt er. Dann muss er wieder los. Sein Personenrufempfänger macht piep-piep-piep.

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Gut lernen + Gut essen + Gut bewegen = Gute Schule

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Jan. 202010
 

„Mit einer klugen Pausengestaltung und der Abwechslung von Bewegungs- und Entspannungsangeboten lassen sich Konzentration und Leistungsfähigkeit über viele Stunden erhalten.“ So Ulrike Arens-Azevedo von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg laut Berliner Morgenpost heute auf S. 20.

Sehr guter Punkt! Was isst mein Kind? Wie bewegt es sich? Was macht er oder sie in den Pausen? Diese Fragen halte ich für sehr wichtig! Wir haben erste Experimente mit dem verpflichtenden Ganztagsunterricht gemacht. Oder besser „Ganztagsbeschulung“. Ergebnis: Es ist ein Unding anzunehmen, dass eine Ganztagsschule einfach darin besteht, dass die Kinder statt 5 oder 6 nun 9 Stunden Unterricht erhalten, gestreckt über einen durch längere Pausen unterbrochenen 8-Stunden-Tag.

Je mehr Ganztagsschulen eingerichtet werden, desto wichtiger werden diese Fragen!

Eine gute Schule braucht nicht nur guten Unterricht, sondern auch gute Pausen und gutes Essen.

Showküche auf der Grünen Woche – „Das Schulessen muss besser werden“ – Familie – Printarchiv – Berliner Morgenpost

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Lodenjanker oder Hoodie?

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Jan. 182010
 

Eins der wichtigsten Parteipapiere der letzten Monate ist die „Berliner Erklärung“ vom vergangenen Freitag. Es ist nichts Revolutionäres, aber doch eine klärende Erinnerung an das, was die CDU ausmachen sollte. Warum sage ich das? Weil hier verschiedene Grundbegriffe klar herausgestellt werden, die wirklich die Tore der Partei für alle öffnen könnten, auch hier in Friedrichshain-Kreuzberg. Wenn man etwa in der Kreuzberger Bergmannstraße die einzelnen Aussagen zu den Grundwerten herausschneiden wollte und den Menschen auf der Straße vorlegen würde, ohne zu sagen, dass sie auf dem Mist der CDU gewachsen sind, dann würden 60-70% der Menschen  diesen Grundvorstellungen zustimmen. Vor 10 Jahren wären es noch weniger gewesen, aber heute wäre es die Mehrheit. Die CDU könnte hier im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ebenso wie im hintersten Niedersachsen 40 oder 50 Prozent holen. Davon bin ich überzeugt.

Erst wenn man dann sagte: „Wissen Sie wer das gesagt hat? Die CDU“, dann würden sich die Menschen abwenden und weitergehen. Hab ich selbst erlebt! Darin liegt das Problem.

Diese völlig richtigen Grundüberzeugungen der CDU müssen glaubwürdig und anschaulich in Geschichten, Bilder und Gesichter übersetzt werden. Wer kann das am besten? Wen soll die Partei aufstellen? Diesem Erkenntniszweck dienen innerparteiliche Auseinandersetzungen und Wahlen.

Gut, dass in der Berliner Erklärung mit Nachdruck der Unions-Gedanke und der Gedanke der Volkspartei gestärkt wird. Wenn das Volk unterschiedlich und anders ist, so ergibt sich daraus zwingend: Den typischen CDU-ler, die typische CDU-Frau gibt es nicht. Ob er Lodenjanker oder schwarze Jeans und grünes Hoodie trägt, ob er Fahrrad oder BMW oder BVG fährt, ob er Esel oder Araber reitet oder zu Fuß geht, spielt keine Rolle. Entscheidend sind allein Überzeugungen, Werte, Standpunkte und sinnvolles politisches Handeln.

Lest selbst:

Als Volkspartei hat die Union die Aufgabe, einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft zu leisten. Deshalb sprechen wir mit unserer Politik alle Schichten und Gruppen, alle Wählerinnen und Wähler an. Die CDU muss ihre traditionelle Stärke einbringen – eben nicht nur eine Partei, sondern eine echte Union sein.

100115-Berliner-Erklaerung.pdf (application/pdf-Objekt)

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Es lebe die Republik!

 Antike, Helmut Kohl, Staatlichkeit  Kommentare deaktiviert für Es lebe die Republik!
Jan. 182010
 

Eine knappe Meldung aus der Berliner Morgenpost:

Schreiber-Prozess – Ab heute steht die „Bimbesrepublik“ vor Gericht – Politik – Berliner Morgenpost
Heute beginnt vor der 9. Strafkammer des Landgerichts Augsburg der Prozess gegen den 75-jährigen Karlheinz Schreiber. Den Vorsitz hat Richter Rudolf Weigell, Chefankläger ist der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Über 160 Seiten umfasst die Anklageschrift.

Ein Sieg des Rechtsstaates! Wir leben in einem Rechtsstaat!

Unvergesslich sind die Worte der damaligen Generalsekretärin Merkel, mit denen sie ihrer Partei empfahl, sich wie in der Pubertät von ihrem alten Schlachtross, wie Helmut Kohl sich selbst immer wieder bezeichnete, zu lösen. Die Partei müsse lernen, auf eigenen Füßen zu gehen. Das „System“ brach in sich zusammen.

Dieser Vorgang wiederholt sich  in lebendigen Demokratien wieder und wieder. Wieder und wieder erleben wir, wie die berühmten „alten Schlachtrösser“ im Laufe der Jahre und Jahrzehnte sich ein personengebundenes System aufbauen. Man spricht dann vom „System Müller“, vom „System Schmidt“, vom „System Meier“. Die Namen sind austauschbar, das Prinzip ist immer dasselbe: Durch ein weitverzweigtes Netz an persönlichen Gefolgschaftsverhältnissen, durch ein System an Belohnungen und Bestrafungen errichten diese Männer ihre Erbhöfe, ihre kleinen Hofstaaten. Wichtig ist dabei das Prinzip der „Anciennität“: Der Mann im Zentrum des Systems, der Platzhirsch, muss über lange Jahre hin mehr oder minder unveränderlich auf demselben Posten bleiben, sich in denselben Kreisen bewegen. Nur so kann er sein kleines Königreich errichten, ausbauen und gegen von außen oder von innen auftauchende Widersacher verteidigen. Jede Versetzung in einen anderen Wahlkreis, in ein anderes Bundesland würde sofort das personengebundene System gefährden.

Aus diesem Grunde müssen Diplomaten etwa regelmäßig versetzt werden. Jeder Staat muss größten Wert darauf legen, dass seine Vertreter auch den leisesten Anschein von Schattenkönigreichen vermeiden.

Immer dann, wenn ein Politiker über viele Jahre oder gar Jahrzehnte im selben Wahlkreis, auf denselben Ämtern wirkt, besteht die Gefahr, dass er sein persönliches System, sein kleines Königreich errichtet, sein Netz an Erbhöfen und Futterkrippen – zum Schaden der Demokratie, zum Schaden seiner demokratischen Mitbewerber, zum Schaden der Stadt.

Um politische Inhalte geht es bei diesen Systemen der Gefolgschaft meist nicht. Es geht um Macht, um Geld, um Ansehen – Macht, Geld, Ansehen, das sind für viele Männer die stärksten Verlockungen.So sind wir. Bereits die Römer erkannten die enorme Gefahr, die in solchen personengebundenen Gefolgschaftssystemen ruht. Sie schufen für ihre wichtigsten Ämter den Grundsatz der „Kollegialität“ und der „Annuität“. Was heißt das? Es gab zwei derselben Art, etwa zwei Konsuln, zwei Aedilen, zwei Liktoren. Sie schauten sich gegenseitig auf die Finger. Und nach einem Jahr mussten die gewählten hohen Beamten Platz machen.  Sie mussten Rechenschaft ablegen. Folge: Korruption und Amtsmissbrauch waren in der römischen Republik auf ein Minimum beschränkt. Zwar wissen wir von zahllosen Fällen der Korruption, der Durchstechereien, der Klientelwirtschaft. Aber eben dies belegt, dass die Grundeinsicht richtig war: Niemand sollte öffentliche Ämter zur schamlosen persönlichen Bereicherung nutzen können. Dass dies immer wieder geschah, war zwar bekannt. Aber gerade durch das Aufdecken von Skandalen, durch die Entfernung korrupter Beamter von ihren Posten blieb die Republik erhalten.

Die Folge war: Die römische Republik konnte sich etwa 5 Jahrhunderte lang halten, eine auch nach heutigen Maßstäben unvorstellbar erfolgreiche Karriere! Sie überdauerte und besiegte zahllose Königreiche und Stammesgesellschaften, stieg zur bis heute unerreicht kraftvollen Vormacht des Westens, des sogenannten Abendlandes auf – ja sie schuf die Grundlagen dessen, was wir heute noch als Grundpfeiler der funktionierenden Staatlichkeit ansehen: Trennung von Person und Mandat, Rotation der Ämter, Herrschaft des Rechts über persönliche Willkür, zeitliche Beschränkung der Ämter.

Worauf die Grünen zu recht stolz sein konnten, nämlich die „Trennung von Amt und Mandat“, das „Rotationsprinzip“, die „Quotenregelung“, ja selbst die „Doppelspitze“, das war im Grunde nur eine Wiederbelebung dieser kostbaren Einsicht der Römer: Die Republik braucht den regelmäßigen Wechsel. Niemand darf auf seinem Posten kleben. Wenn dann doch die großen Männer aufgebaut werden, die Schlachtrösser, dann drohen selbstverständlich dieselben Gefahren wie in jedem anderen Gefolgschaftssystem auch: Inhaltliche Beliebigkeit, Verquickung von Amt und wirtschaftlichen Interessen. Dies tritt etwa dann ein, wenn ein Grüner plötzlich für die Autolobby arbeitet.

Es bleibt abzuwarten, ob oder besser wie der Sieg des Rechtsstaates vor dem Landgericht Augsburg ab heute zu neuen Bestätigungen dieser uralten Grundsätze führen wird.

Es lebe die Republik! Es lebe der Rechtsstaat!

 Posted by at 08:25

Der Schlag ans Hoftor

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Jan. 172010
 

Wenn jemand im Vorbeigehen ohne Grund an ein Hoftor schlägt, dann werden ihm vielleicht Leute aus dem Dorf entgegenkommen. Sie werden ihn warnen oder, selbst gebückt vor Angst, mit deutlichen Gebärden ihn dazu auffordern, sich an die Hauswände zu drücken. Sie werden stumm den Zeigefinger auf die Lippen legen. Ihr verstohlenes  Bedeuten und Zeigen, all dieses Nicken, dieses heimliche Raunen scheinen ihm zu sagen: Ach, hättest du doch nicht ans Hoftor geschlagen!

Aber warum sollten die Leute ihn mit allerlei Zeichen vor dem Richter und dem Polizisten warnen wollen? Werden Richter und Polizist, die gerade heute zufällig im Dorf ihren Amtsgeschäften nachgehen, den Schlag ans Hoftor überhaupt als strafwürdig einschätzen? Wollen die Leute aus dem Dorf den Mann einschüchtern oder warnen? Was für einen Grund sollten sie haben, ihm ihr Mitgefühl auszudrücken? Könnte es sein, dass sie den Mann, der ans Hoftor geschlagen hat, in die falsche Richtung lenken und ihn so dem Richter geradezu in die Arme treiben? All diese Fragen werden den Mann beschäftigen, während er den Weg weitergeht. Sie werden ihn nicht loslassen, sodass er zu zweifeln beginnt, ob er den Schlag ans Hoftor überhaupt ausgeführt hat. Ich habe es getan, sagt seine Erinnerung. Ich habe es nicht getan, sagt sein Gewissen. Und schließlich gibt die Erinnerung nach.

Zuletzt wird der Mann, der ans Hoftor geschlagen hat, selbst nicht mehr wissen, ob er es mit Absicht getan hat oder ob es ihm nur widerfahren ist. Einem solchen Mann wird es zuletzt vorkommen, als habe es nur so aus ihm herausgeschlagen. Und mit diesem Wissen durchquert er das Dorf, verlässt das Dorf und zieht weiter. Kein Richter und kein Polizist hat ihn gesehen. Er ist frei zu gehen, wohin er will.


 Posted by at 23:46
Jan. 162010
 

Wie können zwei Politiker gleichzeitig nach Wahlen sehr zufrieden sein? Oftmals schütteln Zeitgenossen den Kopf, wenn sie so etwas lesen. „Das kann doch nicht sein!“ Und doch mag in diesem Fall etwas dran sein. So schreibt der Tagesspiegel:

Kreuzbergs CDU will mit Grünen sprechen
Der CDU-Abgeordnete Kurt Wansner ist seit Sonnabend erneut Kreisvorsitzender der Friedrichshain-Kreuzberger Union. Wansner wurde mit 35 Stimmen vor seinem Herausforderer Johannes Hampel gewählt, der 13 von 50 abgegebenen Stimmen erhielt. Beide CDU-Politiker äußerten sich „sehr zufrieden“ über ihr Wahlergebnis.

Versucht euch mal in die Lage der beiden Kontrahenten hineinzuversetzen: Der eine gewann haushoch mit mehr als doppelt soviel Stimmen vor dem Widersacher. Der andere trat zum ersten Mal überhaupt in einer wichtigen Parteiwahl an – er konnte sehr viel lernen und erhielt das zweitbeste Ergebnis von allen.

Für mich am wertvollsten: die Kritik an meiner Bewerbungsrede. „Zu lang“ höre ich drei Mal, „zu viele Geschichten – wo bleibt die ernsthafte Politik?“, – das waren nur zwei der Kritikpunkte, die mir entgegengebracht wurden. Weitere Kritik: „Wie oft waren Sie eigentlich auf unseren Stammtischen, Herr Hampel?“ Tja, ich stotterte: „Ich bitte um Verzeihung – vielleicht sechs oder acht Mal.“

Wir halten fest: Trotz einer mittelmäßigen, zu langen Bewerbungsrede, trotz fehlender geistiger Durchdringung der politischen Materie und trotz kläglich geringer Präsenz bei den obligatorischen Stammtischen habe ich also immerhin gegen einen langjährigen, erfahrenen Parlamentsabgeordneten mit mehr als 10 Mal soviel Jahren Parteimitgliedschaft in einer Kampfkandidatur aus dem Stand heraus etwa 30% der Stimmen geholt.  Nicht schlecht. Also: ich bin zufrieden. Sehr. Bitte glaubt es mir.

 Posted by at 22:59
Jan. 162010
 

Klar gegen das Arbeits- und Pflichtgefühl Rosa Luxemburgs spricht sich erneut die Linke aus. Während Luxemburg eine Arbeitspflicht für alle forderte, weist die Linke dies als mittelalterlich zurück. Niemand soll arbeiten müssen.

Arbeitspflicht bei Hartz IV – Linke-Vize findet Kochs Vorstoß „mittelalterlich“ – Politik – Berliner Morgenpost
Linke und Erwerbslosenvertreter haben empört auf die Forderung von Hessens Ministerpräsident Roland Koch nach einer Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger reagiert. Linke-Parteivize Klaus Ernst sagte: „Was Koch da absondert, ist mittelalterlich.“ Wer in die Arbeitslosenabsicherung ein Abschreckungselement einbauen wolle, riskiere „mit voller Absicht, dass Menschen auf der Strecke bleiben“.

 Posted by at 15:40

Achtungserfolg

 Friedrichshain-Kreuzberg  Kommentare deaktiviert für Achtungserfolg
Jan. 162010
 

Kleiner Achtungserfolg für meine Wettbewerbskandidatur: Ich erhalte bei der Wahl des Kreisvorsitzenden der CDU Friedrichshain-Kreuzberg 13 Stimmen, der von der Wahlfindungskommission empfohlene Kandidat Kurt Wansner MdA erhält 35 Stimmen, 2 Enthaltungen, 1 ungültig.

Ich gratuliere als einer der ersten dem klaren Sieger der Wahl.

 Posted by at 14:43
Jan. 162010
 

Letzte Vorbereitungen zur Bewerbungsrede vor dem Parteitag in drei Stunden. Die gestern verabschiedete „Berliner Erklärung“ der CDU-Bundesspitze ist reinstes Wasser auf meine Mühlen! Alle Schichten müssen angesprochen werden. Richtig. Die CDU ist Volkspartei. Und wenn das Volk anders tickt als die örtliche CDU? Soll das Volk ausgetauscht werden? Oder soll man sich bemühen, das Volk hereinzuholen in die Partei? Spannende Frage!

Ich finde zahlreiche Positionen und Formulierungen, die ich intern seit April 2007 schriftlich bei den Gremien eingereicht habe. Das kann ich alles nachweisen, schriftlich. Toll! Gut gefällt mir die Formel von der „hereinholenden Volkspartei“.

Hier in Friedrichshain-Kreuzberg muss es allerdings heißen: Die zurückholende Volkspartei. Die CDU steht hier seit Jahren bei 8-11 Prozent.

Berliner Erklärung-Tagesspiegel

Zudem hat Merkel für ihren grundsätzlichen Kurs der CDU als, wie sie selber sagt, „hereinholende Volkspartei“ allseits Zuspruch bekommen.

 Posted by at 08:58