
Kaum ein größeres Vergnügen als das Singen und Geigenspielen kenn ich. Vor allem in der Küche meiner Schöneberger Wohnung, weil es da so schön hallt. Woher diese Lust? Ich vermag es nicht zu sagen. Und meist will ich es auch nicht sagen.
Bei einer Feierlichkeit zum 25-jährigen Bestehen des großartigen Einstein Forums Potsdam, dem sich der hier Schreibende seit längerem dankbar verbunden weiß, kam am 15. Juni auf der Terrasse des Caputher Sommerhauses auch die Rede auf Einsteins Verhältnis zur Musik. Musiker der Kammerakademie Potsdam spielten sehr rein Mozarts Streichquartett Nr. 12 in B-Dur, KV 172. Über die Musik Mozarts sagt Einstein: „Mozarts Musik ist so rein und schön, dass ich sie als die innere Schönheit des Universums ansehe.“ Dem kann ich folgen, dem will ich folgen!
Noch besser gefällt mir seine Antwort auf das Ersuchen einer Illustrierten, einen Artikel über Johann Sebastian Bach zu verfassen. Er antwortet unwirsch: „Was ich zu Bach’s Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren – und das Maul halten.“
Also liebte, verehrte, hörte und spielte der Mensch Albert Einstein die Musik eines Mozart, das lebendige Werk eines Johann Sebastian Bach so sehr, dass ihm jede rationale Erklärung dreist, unvollkommen und zu kurz gesprungen erschien? Ich möchte dies glauben! Ich glaube dies in der Tat.
Schönheit, Liebe, Verehrung, in diesem zeitgebundenen, gleichwohl die Zeit übersteigenden Geschehen der Musik dürfte für ihn eine Wahrheit erscheinen, die jenseits der naturwissenschaftlichen Wahrheit aufragt. Die naturwissenschaftliche Wahrheit mag ihm nur wie ein schwacher Abglanz jener sich ereignenden, nicht wissenschaftlich zu formulierenden Schönheit, jener höheren, mächtigeren Wahrheit der Schönheit erschienen sein. Je länger ich darüber nachdenke, je mehr naturwissenschaftliche und persönliche Texte ich von dem gelinde gesagt sperrigen Mann aus unserem Schwaben lese, desto entschiedener vertrete ich die Überzeugung, dass Einstein nicht vorrangig ein „naturwissenschaftliches Weltbild“ vertrat. Er ließ vielmehr die Musik und die Poesie da einsetzen, wo die Naturwissenschaft nicht weiterkam!
Nicht umsonst zitiert er in seinem Lobpreis Mozarts dem Tone nach und wörtlich seinen so innig verehrten Lieblingsdichter Heinrich Heine:
Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.
Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, daß Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.
Zitate:
Jürgen Neffe: Einstein. Eine Biographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 8. Auflage, Reinbek 2018, S. 337
Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Insel Verlag, 7. Auflage, Berlin 2016, S. 195
Bild:
Ein Blick auf den leise wispernden, sozusagen ewig daliegenden Templiner See vor Caputh, beim abendlichen Heimradeln nach dem Sommerfest am 15. Juni 2018

„Ach wenn ich doch nur einen Platz hätte!“ Diesen unhörbar leisen Satz oder Seufzer glaubte ich heute Vormittag in Schöneberg von einer älteren Dame zu hören, die soeben in die S-Bahn nach Wannsee eingestiegen war. Mühsam und leicht wackelnd hielt sie sich auf ihrem Gehstock aufrecht. Wir schrieben 28 Grad im Schatten. Alles war verrammelt! Kinder und Erwachsene standen dicht gedrängt vor den Sitzen, die alle belegt waren. Schwitzende Menschen in der S 1! Außerdem versperrte ein quer gestelltes Fahrrad den Zugang zu den wenigen freien Stehplätzen, die es noch gab. „Es tut mir leid“, sagte ich laut, „dass ich Ihnen nicht helfen kann! Es ist kein Sitz frei.“ Da hörte ich eine Stimme mir gegenüber: „Schauen Sie sich um, da wird ein Platz frei!“ Ich drehte mich um, in der Tat: Soeben war ein Sitz frei geworden, und das Fahrrad hatte sich wie von Engelsgebärde gerührt zur Seite gestellt, sodass eine schmale Gasse zu dem mittlerweile freigewordenen Sitz offen stand. Ach wie schön! Die Frau konnte endlich Platz nehmen. Sie war wohl 80. Sie ging wohl zum Arzt, dachte ich, so adrett und ordentlich war sie herausgeputzt. Nun fuhr sie weiter bis Mexikoplatz, wo sie ausstieg. Zum Abschied wandte sie sich noch an mich und sagte: „Wissen Sie, ich habe einen Arzttermin, und ich komme schon von Baumschulenweg!“ „Na, da haben Sie ja eine Odyssee hinter sich!“, erwiderte ich. Und so endete diese kleine Begebenheit. Einige Stationen später, in Nikolaussee, stiegen all die Kinder und Erwachsenen und ich aus. Schon bald danach konnten alle aufatmen: Vor uns lag das Strandbad Wannsee mit all seinen Herrlichkeiten!
In verschiedenen Berliner Bezirken wird derzeit die Frage diskutiert, wie man das Verleihen von Fahrrädern in geordnete Bahnen lenken kann. Es gibt Beschwerden über zu viele wild und regellos abgestellte Mieträder; Diebstahl, Verlust und Beschädigung der Leihräder sind und waren seit je Ärgernisse für Verleihfirmen und Entleiher gleichermaßen.
Hier, auf allen diesen Bildern, sehen wir den Europaplatz in Berlin, aufgenommen in diesen herrlichen Tagen des Mai 2018. Ein Vergleich mit dem Europaplatz in Moskau drängt sich geradezu auf.
Am düsteren, 2005 angelegten Europaplatz Berlin lädt nichts, aber auch gar nichts zum Verweilen ein. Im Gegenteil, die Leuchttafel mit den Bus-Abfahrtzeiten fordert dazu auf, möglichst rasch das Weite zu suchen. Es wird nichts erzählt, es wird nichts vorgestellt, es wird nicht gelacht in Europa! So also stellt sich Deutschlands Hauptstadt Europa vor.
Soeben überfliegen wir die heute russische Oblast Kaliningrad; das Foto hier oben zeigt das Frische Haff mit der Frischen Nehrung, und da wo wir das Airbus-Triebwerk sehen, da lag einst die deutsche Stadt Königsberg, in der Immanuel Kant lebte, lehrte und starb. Nach dem zweiten Weltkrieg (01.09.1939-08.05.1945) wurde die Gegend der Sowjetunion zugesprochen, die deutsche Bevölkerung, soweit sie vor der Sowjetarmee nicht schon geflohen war, wurde enteignet und vertrieben. Die Stadt wurde nach dem langjährigen Staatsoberhaupt der Sowjetunion Michail Iwanowitsch Kalinin in Kaliningrad umbenannt. Die Oblast Kaliningrad wurde – zusammen mit der gesamten östlichen Hälfte des durch den Großen Vaterländischen Krieg (1941-1945) befreiten und befriedeten polnischen Territoriums – von der Sowjetunion vereinnahmt. Auch aus diesen Gebieten wurde die noch ansässige, überwiegend polnische Bevölkerung enteignet und gewaltsam vertrieben.