Sep. 202012
 

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„Mein Name ist Burak und ich bin neun Jahre alt. Ich besuche die Regenbogen-Schule und gehe in die vierte Klasse. Durch einen Schulfreund habe ich erfahren, dass es eine Schülerhilfe gibt. Sofort habe ich meinem Papa davon erzählt. Er hat mich angemeldet. Seit 2011 habe ich nun eine Schülerhelferin, Frau Bezzazi. Jeden Montag treffen wir uns zur Nachhilfe, die eine Stunde dauert …“

So beginnt der neunjährige Burak seine kleine Geschichte im Morus 14-Info, Ausgabe 2/2012. In diesen kleinen Geschichten, wie sie rings um den Verein Morus 14 erzählt und geschrieben werden, entfaltet sich der Goldstaub einer guten Zukunft.

„Wir haben hier bei Morus 14 den Schlüssel zur Zukunft in der Hand. Während in Sudan, Libyen und Pakistan Menschen sinnlos ermordet und Geschäfte geplündert werden, geben wir im Netzwerk Schülerhilfe die sanfte, bezwingende, bessere Antwort. Wir schaffen den Frieden durch Dienst am Menschen. Wir pflegen den Garten des Menschlichen!“

So ungefähr sprach ich bei der Außerordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins Morus 14 am vergangenen Montag im Gemeinschaftshaus.

Die Zukunft des Vereins ist leider ungewiss, es fehlt an der nötigen soliden Grundausstattung. Es fehlt an einer Grundsicherung des Bestandes für einen oder zwei hauptamtliche Mitarbeiter, für das Vereinsheim, für die Ausstattung. Das schneidet ins Herz. Denn wofür ist sonst alles Geld da? Brauchen wir viele Milliarden für einen glitzernden, dennoch nicht funktionierenden BER-Flughafen, für waffenstarrende Panzer am Hindukusch, die keine dauernde Sicherheit gebracht haben, während gleichzeitig einige lumpige Zehntausend  für den Erhalt, die Pflege und die Koordination des Neuköllner Netzwerks Schülerhilfe fehlen? Die Kinder verdienen jede Zuwendung, sie brauchen so schlichte, aber wirksame Dinge wie Hausaufgabenhilfe, sie müssen Disziplin, Vertrauen, Verbindlichkeit erlernen, denn in den Elternhäusern lernen sie es nicht. Sie brauchen  den Zebrastreifen hinüber in ein gutes, verantwortliches, gelingendes Leben.

Ist uns der „Goldstaub der Zukunft“, von dem Neuköllns Bürgermeister so gern spricht und neuerdings auch wieder schreibt, unsere Kinder – egal ob in Neukölln im Rollbergviertel oder in Kreuzberg am Kotti – so wenig wert?

Bild: ein Neuköllner Kind malt einen Zebrastreifen im Vivantes Klinikum Neukölln

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Sep. 202012
 

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Unendlich viele kleine Geschichten spielen sich auf Neuköllns Straßen und Höfen ab. Beim Aktionstag für Kindersicherheit, an dem ich im Dienste des ADFC teilnahm, sprach uns am Stand ein vielleicht elfjähriger Junge an, ein Patient der Neuköllner Kinderklinik.  Nennen wir ihn doch – Burak! Burak – wie das geflügelte Pferd des Propheten.

Erst diskutierten wir mit einigen Umstehenden über den Unterschied zwischen Radfahrstreifen und Schutzstreifen. Hand aufs Herz zur Diagnose: Wer weiß denn immer genau, was ein Schutzstreifen und was ein Radfahrstreifen ist? Dann besprachen wir, wie man sich an Zebrastreifen verhält. Befund: Als guter Radfahrer fährt man vorsichtig heran, und wenn Fußgänger die Straße überqueren wollen, lässt man ihnen mit einem freundlichen Lächeln den Vortritt. Darüber herrschte Einigkeit! Dann hatte der Junge genug der Belehrungen.

„Darf ich mal dein Fahrrad leihen? Ich möchte einmal damit fahren!“, fragte mich Burak. „Ja, aber Du darfst das Gelände des Krankenhauses nicht verlassen!“, schärfte ich ihm ein und schaute ihm in die Augen. Dann händigte ich ihm mein Fahrrad aus. „Na, ob Sie das wiederkriegen? Das kostet doch sicher mehrere Hundert Euro!“, zweifelten einige der umstehenden Erwachsenen. „Mir ist gerade heute ein Fahrrad gestohlen worden!“, warf eine Frau ein.

„Ich werde das Fahrrad wiederbekommen“, erwiderte ich zuversichtlich. Vertraut dem Menschen – und so wird euch vertraut werden, das ist ein Wahlspruch von mir.

15 Minuten später stellte der Junge das Fahrrad stolz zurück an  den Stand. Burak war zurückgekommen!

„Na, alles paletti, sind Sie glücklich?“, fragte mich ein Vertreter der Vivantes-Klinik zwischendurch. „Ja, ich bin glücklich, es ist ein sehr schöner Tag“, erwiderte ich strahlend.

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Das läuft schon: der Klimawandel und der Mentalitätswandel im europäischen Geschichtsbild

 Klimawandel, Russisches, Sprachenvielfalt, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für Das läuft schon: der Klimawandel und der Mentalitätswandel im europäischen Geschichtsbild
Sep. 192012
 

Geschenkter Nachsommer! Heute las ich bei herrlichem Sonnenschein im Prinzenbad die FAZ, vor allem die Wissenschaftsbeilage, Seite N 1, das Interview zum Klimawandel mit Acatech-Präsident Reinhard Hüttl, sowie Seite N4, Gespräch zum Mentalitätswandel des historischen Bewusstseins mit Sir Ian Kershaw und Timothy Snyder.

Eine Botschaft Timothy Snyders darin: Lerne fleißig die Sprachen der östlichen Hälfte Europas, dann kannst auch du bei den staatlich organisierten Hungersnöten in der Ukraine, beim Nationalitätenterror der Kommunisten und beim Holocaust mitreden! Das ist richtig. Wer die originalen, schriftlich dokumentierten Tötungsbefehle der Kommunisten lesen und interpretieren will, muss Russisch können. 

Sowohl Snyder als Kershaw tun etwas, was ich in diesem Blog immer wieder eingefordert habe: Sie brechen die einseitige Deutschlandfixierung der neueren Geschichte auf. Sie haben das ganze Bild im Blick, und da zeigt sich, dass nicht nur Deutschland, sondern zahlreiche andere Mächte, insbesondere die Sowjetunion das Antlitz Europas umgewandelt haben. Und vor allem legen sie dar, dass es ab etwa 1930, beginnend im Westen der damaligen Sowjetunion, zu einer Abfolge von staatlich organisierten Pogromen, Vertreibungen und Massenmorden kam, die insgesamt etwa 14 Millionen Opfer forderten – wohlgemerkt außerhalb der Toten, die die zahlreichen zwischenstaatlichen Kriege forderten.

Die Klimadebatte – so scheint mir – wird weiterhin mit gläubiger Inbrunst geführt, zerfällt im Augenblick in gewisse bekenntnishaft organisierte Gemeinden – die Orthodoxen, die Revisionisten, die Leugner, die Fundamentalisten, die Indifferenten, die Ketzer.

Reinhard Hüttl, Fritz Vahrenholt, Hans von Stoch, Wolfgang Cramer, Paul Becker – das sind maßgebliche Namen in der deutschen, teilweise in der weltweit geführten Klimadebatte. Derzeit wird mal wieder heftig gestritten. Wie schlimm ist der Klimawandel, wie unvermeidlich, wie unumkehrbar?

Einigkeit scheint zu herrschen, dass Deutschland kaum unmittelbar vom Klimawandel bedroht ist. Deutschland, die nordischen Länder, Grönland, Kanada, die nördliche Russische Föderation dürften im Gegenteil eher profitieren. Insgesamt dürften mehr Menschen vom Süden in den Norden ziehen als vom Norden in den Süden.

Reinhard Hüttl sagt etwas sehr Tiefschürfendes: „Meine Sorge ist, dass wir den Menschen sagen, wir hätten die Probleme im Griff und bekämen eine heile Welt. Das wird aber auch zu meinem Bedauern nicht geschehen. Es gibt die Hitzeperioden, wir haben die Arten, die einwandern oder aussterben, wir haben neue Krankheiten, wir müssen nachdenken, wie wir uns bestmöglich an die Veränderungen anpassen.“

Das ist die gesamte Klimadebatte in nuce!  Ich würde diese Sätze so verstehen:

„Es gibt die Hitzeperioden, wir haben die Arten, die einwandern oder aussterben, wir haben neue Krankheiten, wir müssen nachdenken, wie wir uns bestmöglich an die Veränderungen anpassen.“ Das ist zweifellos richtig. Aber es ist keine alles überragende Bedrohung, sondern eine Herausforderung neben anderen Herausforderungen wie etwa Analphabetismus, Aids, Schulabbrechern, 6000 Verkehrstoten pro Jahr in Deutschland und etwa 800 Mordfällen pro Jahr.

Meine Sorge ist, dass wir den Menschen sagen, wir hätten die Probleme im Griff und bekämen eine heile Welt.“ Und meine  Sorge ist, dass immer wieder Wissenschaftler und Politiker auftreten und behaupten, sie hätten die eine, die riesige, die alles überragende Themenstellung erkannt – wahlweise etwa den Klimawandel, den islamischen Fundamentalismus, le waldsterben, die Staatsverschuldung, den Zerfall der Euro-Zone, die Umweltverschmutzung,  die hohe Schulabbrecherquote und und und. Das Herausstreichen einer und nur einer Themenstellung bedeutet allzu oft, dass Ressourcen und Kräfte diesem einen großen überragenden Ziel untergeordnet werden – auf dass eine geheilte Welt errichtet werde.

Ich halte das für gefährliche Hybris, für Machbarkeitswahn, der in Unfreiheit umschlagen kann.

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Sep. 182012
 

Ungeschickt zum Löschen ist
Wer da Öl gießt, wo es brennt;
Noch ist drum kein guter Christ,
Der zu Mahom sich bekennt.
Scheut die Eule gleich das Licht,
Fährt sich’s doch vorm Winde gut,
Besser noch mit Wind und Flut
Aber gegen beide nicht.

Soweit die Stimme des Dichters Adalbert von Chamisso. Ein klarer, mutiger, wegweisender Reisender, ein Migrant reinsten Wassers! Es macht Freude, bei diesem Namensgeber unseres Kreuzberger Chamissoplatzes nachzulesen, was er über das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen sagt.

Wenig Freude habe ich an den Reaktionen des Westens auf den ganzen Schmäh (wie der Wiener sagt), auf die Morde, auf die Plünderungen und Ausschreitungen in muslimischen Ländern, wenig Freude habe ich an den Reaktionen einiger Muslime auf den üblen Schmäh und den üblen Spott. Ich vermisse bei den Verlautbarungen der Politiker das Mitgefühl für all die vom Mob Ermordeten, für die Ausgeplünderten und Verprügelten!

Das Schlimmste, was jetzt in diesem Zusammenhang geschieht, sind zweifellos die Morde und Plünderungen, die Brandstiftungen, die Straßenschlachten in einigen Ländern der muslimischen Welt.

Die Reaktion der deutschen Politik erinnert in mancherlei Hinsicht an die Reaktion nach dem Tsunami-Unglück in Japan. Statt der 20.000 Toten zu gedenken und den 100.000 Obdachlosen zu helfen, die durch die Flutwelle in Japan ins Leid gestürzt worden waren, wurde ohne zwingende Not in Deutschland eine Kernenergiedebatte losgetreten. Und so wird auch jetzt in Deutschland ohne zwingende Not eine Verbotsdebatte losgetreten, statt der Ermordeten und Geprügelten zu gedenken.

Islambeleidigende Filme und Machwerke gibt es leider seit Jahren zuhauf, christentumsbeleidigende Filme und Machwerke  gibt es leider seit Jahren zuhauf,  judentumsbeleidigende Filme und Machwerke gibt es leider seit Jahren zuhauf. Dazu empfehle ich nachdrücklich, die bunte Welt der Videos und Filme der islamischen Länder nicht zu vernachlässigen. Das müssen wir Abendländer schon aushalten, als blutrünstige Monster dargestellt zu werden.

Keine Beleidigung rechtfertigt aber, dass man Leben und körperliche Unversehrtheit anderer Menschen angreift. Ich vermisse bei den deutschen Politikern eine klare Verurteilung der Ausschreitungen, der Plünderungen, der Morde, für die der Film nur der absichtlich gesuchte Auslöser, nicht der Grund war. Es kann doch keinem Zweifel unterliegen, dass dieser Film nicht ursächlich war für das gehäufte Auftreten von Randalierern und Hetzern, von Mördern und Terroristen in einigen islamischen Ländern. Der Konflikt, der Hass ist bewusst geschürt worden, er hätte auch anhand anderer Werke geschürt werden können. Die Randale werden gezielt gesteuert. Verbietet man diesen einen Film, wird sicherlich binnen kurzem der nächste Anlass gefunden werden, um gezielt loszuschlagen.

Es stimmt zweifellos: Mehr Respekt vor den Religionen stünde uns allen gut an. Entscheidend ist bei dieser Selbstprüfung: Kann man es verantworten, Menschen in ihren religiösen Gefühlen so mutwillig zu beleidigen? Nein. Man sollte Menschen wegen ihres Glaubens nicht beleidigen oder verletzen.

Aber kein verletztes Gefühl, keine Kränkung rechtfertigt Mord, Totschlag, Plünderung, maßlose Hetze in Sudan, Libyen, Pakistan – oder in der Europäischen Union!

Eine klare Distanzierung vom Terror, von Mord und Totschlag tut not. Ich wünsche mir eine klare Aussage der EU: „Wir schützen die Freiheit des religiösen Bekenntnisses. Wir achten die Religionen. Jeder EU-Bürger darf seinen Glauben leben, solange er nicht die Gesetze unserer Staaten verletzt. Aber Terror, Mord, Totschlag, Plünderungen und Prügeleien werden wir in der Europäischen Union als Reaktion auf Gotteslästerung keinesfalls hinnehmen. Wir lassen uns nicht erpressen und bedrohen. Da sind wir felsenfest.“

Und eine klare Distanzierung von diesem und anderen  Filmen – den ich allerdings nicht gesehen habe – kann und sollte man ruhig wiederholen, das haben die Politiker ja auch brav gemacht. Gut gemacht.

Ich wünsche mir folgende Ansage: Nein zu Terror und Gewalt! Nein zu mutwilliger Beleidigung der Menschen und Religionen! Ja zum Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, ja zum Grundrecht der Meinungsäußerung!

Diese Doppelbotschaft muss jetzt von der europäischen Politik kommen.

 Posted by at 14:03
Sep. 172012
 

„Geschlechterrollen sind alle nur konstruiert – im Grunde gibt es keine natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau. GENDER nennt man das heute. Alles nur künstlich konstruiert. Befrei dich von deinem typisch männlichen Spaltungsdenken!“ So belehren und versuchen mich zu bekehren immer wieder aufgeklärte Frauen und Männer  aus meinem Umkreis und streuen gern noch ein paar Schnippsel und Streusel aus dem Backwerk der Adorno-Preisträgerin Judith Butler und der unvergessenen Simone de Beauvoir ein.

Ich bleibe störrisch: „Wirklich? Eine Erfahrung, die wir Männer nicht machen können, ist es, ein Kind zu gebären und Mutter zu werden. Wie ist das eigentlich?“, frage ich hinterlistig zurück.

Sofort sprudelt es aus den Müttern hervor: „Davon kannst du als Mann dir einfach keine Vorstellung machen! – Eine unbeschreibliche Erfahrung, die mein Leben in ein Vorher und ein Nachher gespalten hat. – Mutterwerden ist eine Erfahrung, die mich zutiefst verwandelt hat. Ich wurde eine andere! –  Ein Kind gebären ist ein bisschen wie sterben – du glaubst, es geht nicht mehr weiter, … und dann geht es doch weiter. – Als Mutter fühlst du lebenslang eine wahnsinnig innige starke Verbindung zu deinen Kindern … und leider ist das meist einseitig. Die Kinder werden dich in gewisser Weise verlassen, sie müssen lernen, von dir wegzugehen.Aber das könnt ihr Männer nicht verstehen. Das fehlt euch einfach.“

Dies sind einige der häufigen Antworten auf meine unbedarften, unaufgeklärten Fragen – Fragen eines von der Gender-Theorie einer Judith Butler oder Simone de Beauvoir nicht überzeugten Mannes an die Mütter.

Ich würde so sagen: Die Geburt wird mir von den meisten Müttern als unbeschreibliche, zutiefst verwandelnde Erfahrung geschildert, oft als eine todesannähernde Bedrohung, die in die unbeschreibliche Freude mündet, neues Leben hervorgebracht zu haben.

Job, 30% Aufsichtsratsmandate in DAX-Unternehmen, Gender Mainstreaming, Ehegattensplitting, Männerquoten in Kitas, all das verschwindet, wird so klein daneben.

Etwas, was wir Männer so nicht kennen und allenfalls im schöpferischen Akt des Schaffens nachempfinden können.

Von der Freude der Mutterschaft berichtet heute Juli Zeh in der Berliner Morgenpost:

Irgendwann kommt ihr Mann auf den Heuboden gestapft und drückt seiner Frau den kleinen Nelson in den Arm. Blond ist der und flirtig und vergnügt. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Spaß macht Mutter zu sein“,sagt Juli Zeh und schwingt das jauchzende Kind ein bisschen durch die Luft. Und wenn heute jemand fragen würde, ob es etwas gebe, das sie bereut, dann dass sie sich nicht schon viel früher getraut habe. „Es wird einem nicht gerade Lust aufKinder gemacht“, sagt sie. Es werde so viel gejammert und“Ein-Kind-ändert-alles-Parolen“ neben“Mit-Kind-kannst-du-nicht-einfach-so-weitermachen-Mantras“ erzeugten irgendwannden Eindruck, dass Kinder kriegen ein bisschen sei wie sterben. „TotalerQuatsch“ sagt Juli Zeh. „Ich hätte mich nie von diesem Ausschließlichkeits-Gerede verunsichern lassen sollen.“

http://www.morgenpost.de/kultur/article109261039/Fuer-die-Autorin-Juli-Zeh-ist-Raushalten-keine-Alternative.html

 Posted by at 15:54
Sep. 162012
 

Ein in vielen islamisch beherrschten Ländern bestehendes, nicht zutreffendes Vorurteil über Deutschland besagt, es sei immer noch ein christliches Land. Über die Christen wiederum kursieren in islamisch beherrschten Ländern denkwürdige Vorurteile, etwa, dass sie besonders grausam seien. Die bluttriefenden Gemetzel der christlichen Kreuzzüge sind im Bewusstsein aller orientalischen Muslime stets präsent und werden gern als Beleg für die besondere Blutrünstigkeit der westlichen Kultur angeführt. Diese unvorstellbare Grausamkeit der Christen sehe man aber auch daran, dass die Christen bei den heiligsten Handlungen Menschenfleisch äßen.

Der herrliche Film „Almanya – willkommen in Deutschland“ führt diese Vorurteile recht drollig vor. „Die Deutschen essen sogar Menschenfleisch!“ Ja ja, die Deutschen sind ein Volk von Menschenfressern, Hundeliebhabern und Straßenverkehrsmoralisten.

Kein Protestruf hat sich erhoben gegen die Darstellung der Deutschen als Volk von christlichen Menschenfressern. Im Gegenteil, das Lächerlichmachen und groteske Verzerren des Christentums gehört in Deutschland in den gehobenen Kreisen der Kulturschickeria durchaus zum guten Ton, und so bekam auch dieser deutschtürkische Film überall – auch in diesem Blog – beste Bewertungen.

Gern stellt man im aufgeklärten Deutschland die christlichen Kirchen als Ansammlungen prügelnder, knabenverführender Wüstlinge dar. Missbrauchsskandale werden breit ausgewalzt, über das karitative Wirken der Christinnen und Christen wird kein Wort verloren.

Dass ausgerechnet Jesus und das gesamte Neue Testament sich besonders eindeutig und vielfach wiederholt gegen jede Form der Gewalt ausgesprochen haben, wird regelmäßig unterschlagen.

Ein bekanntes Cover des Satiremagazins Titanic war ganz stolz darauf, dass es einen Vertreter der katholischen Kirche gesteigerter Lächerlichkeit preisgeben durfte.  Der karikierende Film „Das Leben des Brian“ wird überall gezeigt, seine Kenntnis gilt als unverzichtbar, wenn man sich als umfassend gebildet ausgeben möchte.

Zur Meinungsfreiheit in Demokratien gehört in meinen Augen zweifellos, dass man auch über Religionen herabwürdigende, beleidigende und unwahre Behauptungen verbreiten darf. The God Delusion, ebenfalls ein sehr erfolgreiches Buch des Autors Dawkins, ist im Grunde ebenfalls ein Ansammlung teils wahrer und teils frei erfundener, verzerrender Darstellungen über Judentum und Christentum.

In der deutschen und europäischen Presse, aber auch in Werken der Literatur wie etwa in Goethes Faust erscheinen sehr oft einseitige, verzerrende und herabsetzende Darstellungen des Christentums – wie ja auch vom Mittelalter an bis etwa 1945 sehr oft einseitige, verzerrende und herabsetzende Darstellungen des Judentums erschienen sind.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang die Sonderrolle, die dem Islam zuteil wird. Deutschenbashing und  Christentumsbashing auf allen Kanälen ist OK. Sobald aber ein verleumderisches oder beleidigendes Werk über den Islam erscheint, schrillen die Alarmglocken! Die Vertreter der staatlichen Obrigkeit werden in Deutschland nicht müde, sich in vorauseilendem Gehorsam vor aufgehetzten Mördern und Plünderern von allen Machwerken zu distanzieren, die den Islam oder die Muslime tatsächlich beleidigen oder beleidigen könnten. Nur nichts zulassen, was die Muslime beleidigen könnte!

Von Anfang an wurden nicht die Mörder etwa des amerikanischen Botschafters in Libyen als das bezeichnet was sie sind, nämlich gefährliche Verbrecher, und mit einem Einreiseverbot belegt, sondern die Schuld für die Ausschreitungen wurde oftmals ursächlich den Autoren eines völlig unerheblichen, am besten zu vergessenden  Films zugeschrieben, den zu sehen sich mutmaßlich nicht lohne. „Diese Menschen, die den bösen Film gemacht haben, gießen Öl ins Feuer!“ In den Ministerien denkt man nach öffentlichen Verlautbarungen über Aufführungs-Verbote missliebiger Filme und Einreiseverbote für einen missliebigen Pastor nach.

Statt offen, öffentlich und unmissverständlich für das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit jedes Menschen einzutreten, für das Recht der freien Rede in Bild und Ton zu kämpfen, gehen Vertreter des deutschen Staates vor den Plünderern und Mördern vorsorglich in die Knie. Niederschmetternd.

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Entschuldung durch Inflation oder Schuldenschnitt für einzelne Länder?

 Augsburg, Bitte zählen!, Europäische Union, Gouvernance économique, Sozialstaat  Kommentare deaktiviert für Entschuldung durch Inflation oder Schuldenschnitt für einzelne Länder?
Sep. 142012
 

1535 verbrannte Anton Fugger, der reichste Kaufmann der Vaterstadt Leopold Mozarts, also Augsburgs, demonstrativ den Schuldbrief Kaiser Karls des Fünften. Der Habsburger war zahlungsunfähig geworden, weil er sich wieder einmal zu viel Geld, diesmal  für einen Feldzug in Tunesien geliehen hatte. Was hätte Fugger tun sollen? Hätte er dem Kaiser die Schuld durch Ausgabe neuer Schuldtitel strecken können, obwohl er wusste, dass Karl V. sie ihm zu Lebzeiten nie würde zurückzahlen können? Dies wäre unklug gewesen. Fugger tat das für ihn selbst, für seine Familie und seine bis heute zahlreichen Nachkommen Beste: er strich die Schuld durch Verbrennen des Schuldbriefs und erhielt im Gegenzug stärkeren politischen Einfluss, weitere „Regale“, also kaiserliche Bergbau- und Handelsprivilegien.

Schuldenerlass im Gegenzug für Freihandel, Bergbaurechte, politischen Einfluss! Das ist Weisheit. Das Fuggersche Vermögen besteht heute noch, wovon ich mich bei gelegentlichen Besuchen in meiner Vaterstadt überzeugen kann. Ein überschuldeter Vorfahr Wolfgang Amadeus Mozarts, sein Urgroßvater Franz Mozart profitierte übrigens ebenfalls von dem legendären Reichtum der Fugger: Er lebte einige Jahre in der Fuggerei, der von den Fuggern gegründeten Stiftung für soziale Grundsicherung, ehe er sich durch eigener Hände Arbeit wieder daraus befreien konnte.

Guter, profunder, nachdenklich stimmender Artikel von Ulrich Hege und Harald Hau, beide Professoren für Finanzwirtschaft, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heute auf Seite 14!

Sie sagen: Es ist besser, einen radikalen, gleichwohl geordneten  Schuldenschnitt mit starken Verlusten insbesondere für die Finanzinvestoren durchzuführen statt durch Vergemeinschaftung der Schulden, wie sie die unbegrenzten Anleihenkäufe der EZB darstellen, einen unbeherrschbaren Zyklus aus Geldentwertung, Staatsfinanzierung durch die Notenpresse und politischer Erpressbarkeit einzuleiten.

Bild: Fuggerei in Augsburg

 Posted by at 11:47
Sep. 092012
 

Altersarmut – ein großes Thema, das derzeit wieder die Gemüter in Wallung bringt! Werden die Renten reichen?  Die Alten sollen doch in 30 Jahren ihr eigenes Einkommen haben, es kann doch nicht sein, dass sie dann zum Sozialamt gehen oder – schlimmer noch –  von ihren Kindern Unterhalt erbetteln müssen!

Erstaunlich, dass niemand darüber nachdenkt, wie es die Menschheit bisher, also jenseits und vor der Einführung der staatlichen Rentenversicherung  geschafft hat, die Alten, nicht Arbeitsfähigen zu pflegen und ihnen einen würdigen Lebensabend zu verschaffen. In den alten Büchern wird das Thema jedoch immer wieder besprochen.

Kindesdank und Undank  – eine wunderbare Erzählung Johann Peter Hebels fällt mir dazu ein. Ich las sie kürzlich im Sommerurlaub in Berchtesgaden, im Heimatort meiner alten und gebrechlichen Mutter. So beginnt sie:

Man findet gar oft, wenn man ein wenig aufmerksam ist, dass Menschen im Alter von ihren Kindern wieder ebenso behandelt werden, wie sie einst ihre alten und kraftlosen Eltern behandelt haben. Es geht auch begreiflich zu. Die Kinder lernen’s von den Eltern; sie sehen’s und hören’s nicht anders und folgen dem Beispiel. So wird es auf die natürlichsten und sichersten Wege wahr, was gesagt wird und geschrieben ist, dass der Eltern Segen und Fluch auf den Kindern ruhe und sie nicht verfehle.

Man hat darüber unter andern zwei Erzählungen, von denen die erste Nachahmung und die zweite grosse Beherzigung verdient.

Ein Fürst traf auf einem Spazierritt einen fleissigen und frohen Landmann an dem Ackergeschäft an und liess sich mit ihm in ein Gespräch ein. Nach einigen Fragen erfuhr er, dass der Acker nicht sein Eigentum sei, sondern dass er als Tagelöhner täglich um 15 Kreuzer arbeite …

Daneben stellen wir das Märchen der Gebrüder Grimm Der alte Großvater und der Enkel, welches also anhebt:

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm naß …

Die Abhängigkeit der Alten von der mittleren, der arbeitenden Generation ist uraltes kulturelles Erbe, die Sorge der leiblichen Kinder für ihre Eltern im Alter ist ein sittliches Grundgebot, das beispielsweise die jüdische, die christliche und die muslimische Religion nahezu wortgleich verkünden: siehe etwa 5. Buch Mose 5,15; Markusevangelium 10,19; Koran Sure 17, 23.

Sie kommen überein: Du sollst nicht Pfui sagen, wenn deine Eltern alt und gebrechlich sind! Ehre Vater und Mutter!

Auch in unserer Rechtsordnung besteht – noch – die Unterhaltspflicht der Kinder „in aufsteigender Linie“ gegenüber den Eltern.

Dass zuerst und zuletzt der Staat, also die Politik, das Wohlergehen der Alten besorgen müsse, ist eine ganz neue Erscheinung. Aufstockerrente, Zuschussrente, private Zusatzrentenversicherungspflicht und und und. Die ganze Debatte um die Altersarmut kreist derzeit ausschließlich um die Menschen, als wären sie später einmal alle vereinsamte, hoffnungslos alleinstehende, kinderlose Alte.

Der Sozialstaat wappnet sich, damit jeder Mensch auch im Alter einen individuell durchsetzbaren direkten Anspruch auf Schutz vor Altersarmut hat. Als schlimmstes Übel wird die Abhängigkeit der Eltern von ihren Kindern als Schreckgespenst an die Wand gemalt.

Keiner denkt auch nur im entferntesten daran, dass jahrtausendelang Kinder und wieder Kinder und Enkelkinder die beste soziale Sicherheit gegen Armut und Einsamkeit im Alter darstellten, dass die Kinder ihre Eltern irgendwann mittragen und mitziehen und miternähren müssen.

Ich meine aber, auch die deutsche Gesellschaft wird sich auf diese uralte Einsicht zurückbesinnen müssen.

Erst seit etwa 20 oder 30 Jahren denkt offenbar die Mehrheit der Menschen in Deutschland, dass der Lebensstandard der Alten im wesentlichen durch die Sozialversicherung und durch den Staat gesichert werden müsse.

Weder in Schule noch in der Gesellschaft wird den Kindern die Pflege und Fürsorge für die eigenen Eltern gelehrt. Die Familie als primärer Träger der sozialen Sicherheit wird systematisch in Politik und Gesellschaft ausgeblendet.

Ich finde dies bedenklich. Hier droht etwas zutiefst Menschliches verlorenzugehen: die Einsicht in das fundamentale Abhängigsein des Menschen in Fleisch und Blut von anderen Menschen in Fleisch und Blut in jeder Lebensphase, vor allem in Kindheit und Alter, nämlich:

Am Ende hängen wir doch ab
Von denen die wir machten.

Nur Hatice Akyün hat – mit einem ironischen Erschauern – die Vorstellung beschrieben, sie müsse noch mehr Kinder haben, um im Alter glücklich zu sein. Doch dann wird die Vorstellung sogleich wieder verworfen. Sie schreibt:

Aber von dem Modell sind wir weit entfernt. Da bleibt mir als Alternative wohl nur die türkische Variante. Es müssen dringend ein paar neue Kinder her, die mich im Alter versorgen. Oder wie mein Vater sagen würde: „Testi kirilsa da kulpu elde kalir“ – Wenn der Tonkrug zerbricht, bleibt einem immer noch der Griff in der Hand.

Fazit: Dass die Eltern sich auf ihre Kinder verlassen müssen, ist eine Vorstellung, die nicht mehr in unsere Zeit passt. Der Staat soll alle Bürger gegen alle denkbaren existenziellen Risiken lückenlos absichern, jetzt und auch noch in drei Jahrzehnten.

Ich finde dies höchst bedenklich.

 Posted by at 23:01

„Du willst ein Mofa? Dann arbeite dafür!“ Die Lehren von Goethes Gretchen

 Sozialstaat, Tugend  Kommentare deaktiviert für „Du willst ein Mofa? Dann arbeite dafür!“ Die Lehren von Goethes Gretchen
Sep. 072012
 

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Hader, Zank, Beleidigung! Hört euch das an:

Wir sind entsetzt sowie empört und fühlen uns  durch den skandalösen Vorgang betrogen

derart aufgebracht äußern sich die „MigrantenvertreterInnen im Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen“ zur Berufungspraxis der Berliner Sozialsenatorin Dilek Kolat. Sie hatte es gewagt, vor der Berufung der neuen Integrationsbeauftragten Monika Lüke nicht die Zustimmung der „MigrantenvertreterInnen im Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen“ einzuholen.

Schlimmer noch: Mit echt schrägen Themen wie etwa „Pflichten der Eltern“ oder „Ich will ein Vorbild sein“ steht sie quer zu den jahrzehntelang eingeübten Ritualen des Berliner parteiübergreifenden Vulgärsozialismus. Kolat vertritt das, was man in den SPIEGEL- und Tagesspiegel-Redaktionen sicherlich krude Thesen nennen würde, so etwa die, dass der Staat nicht vollständig für den Bildungserfolg der Kinder in Haftung zu nehmen sei, dass auch die Eltern gewisse Pflichten hätten, dass mehr staatliches Geld nicht bessere Integration bedeute usw.usw.

Entsetzt sowie empört!“ Großartig, diese Sprache! Es ist genau der künstlich aufgebauschte Erregungston, der in Berlin immer dann angeschlagen wird, wenn irgendeine Gruppe sich in ihrem Benachteiligtenstatus verletzt fühlt.

Benachteiligtsein, Beleidigtsein und der Nachweis der Berechtigung dieser Gefühle bedeutet in Berlin bares Geld von Väterchen Staat. Aus diesem Gefühl heraus bestreiten viele Gremien und Debattierklubs ihre Existenzberechtigung – und im Handaufhalten sind sie dabei besonders fix. Wie sagte doch Gretchen in Goethes Faust:

Zum Gelde drängt
Am Gelde hängt doch alles!
Ach wir Armen!

Eine Goldmine an Erkenntnissen für die neue Integrationsbeauftragte dürften meines Erachtens auch die Interviews mit Gilles Duhem sein, dem Geschäftsführer des Vereins Morus 14, die man bequem im Internet abrufen kann und abrufen sollte, so etwa dieses in der taz:

 

Kommen Sie selbst aus armen Verhältnissen?

Überhaupt nicht. Meine Eltern hatten immer Geld, aber als ich 13 war, haben sie mir gesagt: „Willst du ein Mofa? Dann arbeite dafür.“ Ich finde das absolut richtig. Wir haben hier Jugendliche, die kommen und sagen: Mann, ich habe keine Lehrstelle gekriegt, weil ich Araber bin. Ich schaue mir die an und sage denen: Nein, du hast sie nicht bekommen, weil du nicht gut genug bist.

Mein Eindruck: Im Verein Morus 14 leisten die Ehrenamtler, all die Schülerhelfer und Mentoren  hervorragende, unentgeltliche Arbeit. Arbeit am Menschen. Sie labern nicht rum, sondern tun was.

Die Debattierklubs und Empörungszirkel hingegen werden der neuen Integrationsbeauftragten sicherlich alles Erdenkliche vorlegen, um dann die eigene Unersetzlichkeit zu beweisen – und dann die Hand hinzuhalten.

Also, Frau Lüke, seien Sie uns willkommen, lassen Sie sich nicht von den Entsetzt-sowie-Empört-Profidarstellern ins Bockshorn jagen. Der Berliner Integrationszirkus bedarf dringend der Durchlüftung! Verschaffen Sie sich einen Überblick über die paradiesische Berliner Förderlandschaft, werfen Sie Licht in das Gewirr der Integrationsmaßnahmen, Integrationspläne, Fördermaßnahmen, Evaluierungsgremien usw. usw.

Und bedenken Sie die Lehre von Goethes Gretchen – die besonders für den unendlichen Bereich der Berliner Sozial- und Integrationspolitik gilt:

Zum Geld des Senats drängt,
Am Geld des Senats  hängt
Doch alles.
Ach wir armen Berliner!

 Posted by at 19:07
Sep. 062012
 

Ein steter Mittler zwischen Ost und West ist für mich immer wieder in meinem Leben mein Onkel Adolf Hampel, der am 7. September 1933 in Klein-Herrlitz bei Troppau geboren wurde.  Er war es, der mich 1959, wenige Monate nach seiner im byzantino-slawischem Ritus erteilten katholischen Priesterweihe als seinen ersten Täufling auf den Namen Johannes des Täufers taufte. Bis zum heutigen Tag sehe ich diesen Taufnamen als steten Aufruf zum Umdenken, als Aufruf zur Aussöhnung der Väter und Söhne, als Versuch der Wiedergewinnung der verlorenen Sprachen, wie es ja insbesondere aus der im Lukasevangelium erzählten Geschichte um den Vater des Johannes, den vorübergehend verstummten Priester Zacharias, hervorgeht.

Das Ideal des freiwillig gewählten Konsumverzichts, das Johannes am Jordan vorzuleben versuchte, hat sich mir bereits in frühesten Kindertagen eingeprägt. Ich meine in der Tat: Bequemlichkeit ist kein Argument – im Gegenteil, etwas mehr Unbequemlichkeit, mehr Treppensteigen, mehr Verzicht, mehr Strampelei tut Herz und Sinn und Kreislauf gut.  Vor allem aber sehe ich das zentrale Motiv der Johannesgestalt im Gebot des Um-Denkens, also des Ausbruchs aus eingeschliffenen Routinen des bloß Zweckdienlichen, des allzu leichtfertig wiederholten Immergleichen.

In seinen Lebenserinnerungen schildert Adolf Hampel auch eine anekdotische Begebenheit, an der ich selbst beteiligt war: eine nette kleine Verhaftung in der bosnischen Stadt Bihać. Es war am 28. August 1968. Der Einmarsch der befreundeten Panzer aus den verbündeten Staaten in Prag lag gerade eine Woche zurück. Eine kleine Reisegruppe – bestehend aus Onkel Adolf, meinem Vater, meinem Bruder und mir – war von der Insel Rab aufgebrochen, um dieses wichtige Zentrum der bosnischen Muslime zu besuchen. Doch erregten wir offenkundig Verdacht bei der jugoslawischen Polizei UDBA: Wieso sollten einige Deutsche sich ausgerechnet eine Woche nach dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Pakts in Prag für eine Moschee in Bihać interessieren? Da stimmte doch etwas nicht!

Schatten der Weltgeschichte, deren Sinn sich mir nicht enträtselte! Im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem ein Spucknapf, der in der Polizeistation in einer Ecke stand. „Im alten Österreich-Ungarn fand sich so etwas häufiger in den Amtsstuben“, erklärte mir mein Vater mit leiser Stimme.

Das Missverständnis klärte sich nach langen Stunden auf. Ein Anruf bei den Milizionären auf der Ferieninsel ergab, dass es sich bei uns wirklich um eine harmlose Reisegruppe handelte, die im Kloster der hl. Eufemia wohne und  die den Milizionären besonders oft durch falschparkende Autos auffalle, was andererseits zu durchaus erwünschten Bußgeldzahlungen führe.

Die bosnische Moschee habe ich damals nicht gesehen. Aber  vor wenigen Tagen begrüßte ich eine Gruppe offensichtlich südslawischer Reisender bei uns im Hof mit einem herzhaften Dobar dan! und fragte:

– Woher kommt ihr?

– Aus Bosnien!

-Aha! Das kenne ich gut. Ich war schon als Kind in Bihać, der Stadt mit der berühmten Moschee!

Wir plauderten noch ein wenig, und so gelang mir die vollkommene Aussöhnung mit dem weit zurückliegenden Abenteuer, zusammen mit meinem Onkel, meinem Vater und meinem Bruder von der jugoslawischen Geheimpolizei UDBA verhaftet worden zu sein.

Ad multos annos, o Adolphe!

Quelle:

Adolf Hampel: „Falsch parken kann auch nützlich sein“, in: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012, S. 152-155

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Sep. 052012
 

„Was hatten die Griechen des Altertums jenseits ihrer uns im Nachhinein fast unfassbaren Zerstrittenheit und kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Antwort: Recht wenig – außer der Verehrung der olympischen Götter, den olympischen Spielen und Homer. So schroff kann man es durchaus sagen.

„Was haben die heutigen europäischen Völker jenseits ihrer im Nachhinein oft unfassbaren kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Kulturell gesehen recht wenig – außer dem Bezug auf die drei mosaischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und einer zivilgesellschaftlichen Tiefenprägung durch das Imperium Romanum.

Einen weiteren Beleg für meine Diagnose eines zutiefst unvollständigen europäischen Bewusstseins meine ich in der Vernachlässigung all jener Richtungen des Christentums zu erkennen, die weder dem römisch-katholischen noch dem evangelischen Flügel zuzuordnen sind. Die Kirchenspaltung, zu deren Überwindung heute namhafte deutsche Laien aufrufen (siehe FAZ S. 1), wird in Deutschland und in Westeuropa ausschließlich als die Trennung zwischen römisch-katholisch und evangelisch gesehen.

Dabei gehören der EU mit Griechenland, Zypern, Bulgarien und Rumänien vier Länder an, deren Bevölkerung sich mit über 80%, ja bis zu 97%  zum Christentum bekennt, wenngleich sie weder römisch-katholisch noch evangelisch bzw. protestantisch sind.

„Wie denn das?“ Antwort: Während die Völker des europäischen Westens das Neue Testament in lateinischer Sprache empfingen, empfingen es die Völker des Ostens in griechischer Sprache. Diese Völker gehören zum weiten Bereich des orthodoxen Christentums. Die Spaltung zwischen orthodoxem und lateinischem Christentum datiert wesentlich auf das Jahr 1054.

Die Bibel, also erstens der ältere hebräische Teil, bei den Christen Altes Testament genannt, verbunden zweitens mit dem Neuen Testament der Christen ist in der Tat neben der paganen Antike eine überaus wichtige kulturelle Klammer, welche die beiden Lungenflügel Europas zusammenhält, in ihrer Bedeutung vergleichbar den Gesängen Homers oder den Olympischen Spielen für das alte Hellas.

Das gilt unabhängig davon, ob man sich zur Person Jesu Christi bekennt oder nicht, also ob man „Christ“ ist oder nicht. Und selbstverständlich sind die biblischen Geschichten auch überreich im Koran der Muslime weitergeführt, wenngleich unter leicht veränderten Namen. So heißt unsere Maria, die hebräische Miriam, dort auf arabisch Meryam.

Hebräischer Tenach, christliches Neues Testament, neuerdings auch muslimischer Koran – ohne eine Befassung mit diesen drei Büchern wird man Europa kaum vollständig ausbuchstabieren können.

Und deshalb meine ich: das ganze Christentum sollten wir in den Blick nehmen – nicht nur den westlichen Lungenflügel.

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Das halbseitig gelähmte europäische Bewusstsein

 Europas Lungenflügel, Russisches  Kommentare deaktiviert für Das halbseitig gelähmte europäische Bewusstsein
Sep. 052012
 

Von den „beiden Lungenflügeln Europas“ sprach Karol Woytyla gerne – er meinte damit den Osten und den Westen Europas. Ein Lungenflügel allein sei nicht wirklich lebensfroh.

Dass die Diagnose „halbseitig gelähmt“ für Deutschlands historisches Gedächtnis und insbesondere auch die vorherrschende Denkweise in der Europäischen Union weiterhin zutrifft, dafür entnehme ich der heutigen Frühstücks-FAZ einen zufälligen Beleg:

Günther Nonnenmacher beleuchtet im Leitartikel auf Seite 1 die Verwerfungen und Verschiebungen der europäischen Hegemonialmächte. Zentral ist in seiner Analyse der folgende Satz: „Das politisch-militärische Hegemonialstreben Deutschlands ist im 20. Jahrhundert schrecklich gescheitert.“ Der Satz ist nicht zu beanstanden, gibt er doch die übliche, ganz auf Deutschland fixierte Sicht wider, wonach Deutschland und nur Deutschland versucht habe, dem ganzen Kontinent seinen Stempel aufzudrücken. Dem könnte man eigentlich fast zustimmen, wäre da nicht eine empfindliche Lücke festzustellen: Weder Nonnenmacher noch auch die Mehrzahl der sonstigen Kommentatoren erwähnen, dass es in Europa seit 1917 bis zum Jahr 1989 noch eine zweite, nicht minder aggressive, militärisch hochgerüstete Hegemonialmacht gab: die Sowjetunion, den Nachfolgestaat des Russischen Reiches.

Die Russische Republik bzw. die spätere Sowjetunion hat zwar seit dem Rapallo-Vertrag von 1922 bis zum August 1941 mit Deutschland meist gemeinsame Sache auf Kosten der kleineren Länder gemacht, aber doch auch stets und unausgesetzt versucht, den eigenen Machtbereich gegen die Hegemonialbestrebungen Deutschlands auszubauen. Ich schlage deswegen gern vor, von einer bipolaren Störung der europäischen Mächtebalance in den Jahren ab 1920 zu sprechen, wobei Deutschland und Russland die beiden Pole darstellen. Die kleineren Länder waren in diesen Jahren gezwungen, entweder mit der Sowjetunion oder mit Deutschland zu paktieren. Manche Länder wechselten die Seiten, einige sogar mehrfach: Inferno of choice, wie das in Polen in einem gleichnamigen Band genannt worden ist.  Einen dritten Weg jenseits der freiwilligen oder erzwungenen Unterwerfung unter eine der beiden Hegemonialmächte gab es nicht.

Dieses bereits 1920 einsetzende russisch-sowjetische Machtstreben hat den angrenzenden Ländern Finnland, Ukraine, den drei baltischen Staaten, den mitteleuropäischen Staaten Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, ferner Rumänien, Bulgarien, aber auch den mittelasiatischen Ländern wie dem heutigen Georgien, Armenien, Azerbeidschan lange, oft qualvolle Jahrzehnte bis 1989 einen machtvollen Stempel aufgedrückt, dessen sie sich mit äußerster Mühe in den letzten beiden Jahrzehnten zu entledigen suchen.

So ist etwa die Westverschiebung Polens, die Vertreibung der Polen aus den neuen russisch-sowjetischen Gebieten und die Vertreibung der gesamten deutschen Bevölkerung aus den sogenannten „wiedergewonnenen polnischen Gebieten“ nur aus dem Machthunger der Sowjetunion zu erklären.

Die völlige Vernachlässigung der früheren Großmacht Russland bzw. Sowjetunion und ihrer weitverzweigten, militärisch durchgesetzten Machtoptionen, das einseitige Starren auf den „Urquell des Bösen“, nämlich Deutschland, ist eines der Haupthindernisse für eine gerechte Einschätzung der Freiheitsbestrebungen etwa der Polen, Tschechen und Ungarn.

Diese Missachtung des östlichen Lungenflügels, also des früher sowjetrussisch beherrschten Ländergürtels,  behindert auch die Lösung der Krise der Europäischen Union.

Wir alle wissen: Das politisch-militärische Hegemonialstreben Deutschlands und das der Sowjetunion sind im 20. Jahrhundert schrecklich gescheitert. Aufgabe der Europäischen Union ist es, allen erneuten Anwandlungen einer nationalistischen Aufwallung, eines aggressiven Vormachtstrebens den Boden zu entziehen.

Nur wenn man die verheerenden Auswirkungen der früheren Fremdherrschaft der Sowjetunion so sieht, wie es die ehemals sowjetisch besetzten und aus Moskau gesteuerten Länder tun, wird man erkennen, wie unverzichtbar gerade für Länder wie Polen, Lettland oder Tschechien die Europäische Union ist.  Nur die Europäische Union flößt den ehemals zwischen Deutschland und Russland zerriebenen kleineren Nationalstaaten – noch – die Gewissheit ein, dass sie endlich ihre bitter erkämpfte Freiheit und nationale Eigenständigkeit bewahren können.

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Sep. 042012
 

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Bu davet bizim – das ist unsere Einladung:

Mittwoch, den 5. September 2012 um 18:00 Uhr im Ypsilon, Hauptstraße 163, 10827 Berlin

Im Rahmen der „Sprachwoche Berlin 2012“ findet im Bezirk Tempelhof – Schöneberg ein literarischer Abend mit der Journalistin Ebru Tasdemir und dem Konferenzdolmetscher Johannes Hampel statt.

„Yaşamak bir ağaç gibi. Aus den Gärten komm ich zu euch“, von Hikmet zu Hölderlin.
In diesem Rezitations Workshop werden Sie ein Gedicht von Nazim Hikmet und eins von Friedrich Hölderlin kennen und lieben lernen. Zum Mitmachen, Mitsprechen und Mitwachsen für alle.
Nazim Hikmet und Friedrich Hölderlin zählten zu den bedeutendsten Lyrikern.

www.sprachwoche-berlin.de(Externer Link)

Das Bild zeigt aus der Ferne den Moskauer Neujungfrauenfriedhof, den Новодеви́чье кла́дбище, den ich vor einigen Jahren in klirrender Kälte besuchte. Dort verweilte ich auch kurz an dem schneebestäubten Grab Nazim Hikmets. Kaum dass ich den Namen entziffern konnte! Ich staunte: ein türkischer Dichter – auf dem berühmten russischen Ehrenfriedhof begraben! Wie kommt denn das?

Hikmet teilt das Schicksal eines verurteilten, verbannten, unruhvoll Wandernden mit Millionen anderen Menschen des 20. Jahrhunderts. Die Lesung morgen abend mit Ebru Tasdemir wird vielleicht Gelegenheit bieten, ein Streiflicht auf das zwischen Griechenland und Türkei, zwischen Asien und Europa, zwischen Diktatur und Freiheitssehnsucht ausgespannte Leben Nâzim Hikmets zu werfen.

Das ist unser Wunsch. Bu hasret bizim. Das ist unsere Einladung. Bu davet bizim.

Mittlerweile ziehe ich das sehr bilderreiche, fabelhaft klug erzählende Buch zurate:

Nâzım Hikmet: Hasretlerin adı. Die Namen der Sehnsucht. Gedichte. Türkisch und Deutsch. Ausgewählt, nachgedichtet und mit einem Nachwort von Gisela Kraft. Ammann Verlag, Zürich 2008, hier besonders S. 164-165

 Posted by at 14:06