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Aus unserem Leben Freiheit

Freiheit, die er meint

In meiner Schulzeit, als 17-Jähriger, besuchte ich erstmals die USA. 2 Monate verbrachte ich dort, teils mit einem Schulorchester, teils mit einem Freund, teils bei meinen amerikanischen Verwandten, teils auch ganz alleine. In den Staaten Ohio, Michigan, New York und Pennsylvania kamen wir herum, lebten bei verschiedenen amerikanischen Familien.

In Philadelphia besuchte ich Independence Hall, das Gebäude, in dem sowohl die Unabhängigkeitserklärung als auch die Verfassung unterzeichnet worden sind. Die Amerikaner pflegen – ganz im Gegensatz zu uns Deutschen – die Erinnerung an jene Geburtsstunden ihrer Demokratie, beziehen sich darauf, zeigen sie stolz her. Ich selber komme immer mehr darauf, dass nicht die Französische Revolution von 1789, sondern die Amerikanische Revolution von 1776 den eigentlichen Anstoß für den Siegeszug der demokratischen Verfassungen gegeben hat, bis hin zur Frankfurter Paulskirche und zur deutschen Revolution von 1989.

Soeben hörte ich die Rede, die Barack Obama in eben jenem Philadelphia hielt, ehe er den Zug nach Washinton bestieg, um dort vereidigt zu werden. Und wieder schafft er es, die tausendmal gehörten Worte und Werte mit neuem Leben zu erfüllen! Heute also: Unabhängigkeit. Sinngemäß hat wohl gesagt: Lasst und unabhängig werden – unabhängig von Ideologien, von Selbstgerechtigkeit und Anspruchshaltungen, von aller Verzagtheit. Lasst uns – in unserem privaten Leben – eine Art Unabhängigkeitserklärung leben.

Aber lest selbst:

“What is required is a new declaration of independence, not just in our nation, but in our own lives — from ideology and small thinking, prejudice and bigotry — an appeal not to our easy instincts but to our ‘better angels,’ ” he said, using a phrase from President Abraham Lincoln’s inaugural address in 1861.

Wow! Kein Wort davon, dass der Staat uns schon helfen wird, dass die Regierung sich um uns kümmern wird – auch keinerlei Versprechungen, dass der Präsident nach dem Rechten sehen werde … nein, es war ein Aufruf, das Leben selbständig und im Bewusstsein eigener Gefährdung  zu meistern.

Das ist und bleibt ein Redner, dem weiterhin meine Bewunderung gilt. In allem, was er sagt und tut, verströmt er dieses Vertrauen in die Werte, die die USA so groß gemacht haben: Freiheit, Verantwortung, Vertrauen in die eigene Kraft und in die Gemeinschaft derer, die etwas für das Glück tun wollen.

Man mag das bei einem Politiker für selbstverständlich halten. Aber Obama erzählt die Werte, – er hat eine Geschichte hinter sich. Und diese Fähigkeit, Werte zu erzählen, hebt ihn heraus aus all jenen, für die Freiheit bloß ein Wort ist.

Mein Bild zeigt einen Blick auf die Straße unter den bekannten Yorckbrücken in Berlin, aufgenommen gestern beim Zurückradeln aus dem Fitness-Studio.

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Aus unserem Leben Europas Lungenflügel Russisches

Ein nicht geführtes Interview zu Russland

Das folgende Interview hätte ich gerne bei meiner Ankunft am Flughafen Schönefeld gegeben:

Johannes Hampel, Sie kommen soeben von Ihrem sechsten Russland-Aufenthalt zurück. Frieren Sie noch?

Im Gegenteil, der Frost ist hier in Berlin kälter als er in Moskau war. Im übrigen hat sich das gesellschaftliche Klima in Russland in den letzten Jahren deutlich erwärmt: Ich sah noch mehr freundliche Menschen als früher, der Kontakt zu Unbekannten war sehr herzlich. Auch die früher so gestrengen Aufseherinnen in den Museen lächeln jetzt schon. Man muss nur anfangen.

Was halten Sie vom Gasstreit zwischen Ukraine und Russland?

Ich kenne die tatsächliche Lage nicht. Ich stütze mich auf das, was ich im Lande hörte, sah und las. Mein Eindruck ist, dass Russland in diesem Fall klar erkennt, dass jede Lieferverzögerung den Interessen Russlands schadet. Ich glaube nicht, dass Gazprom den Konflikt künstlich hochschaukelt.

Was sagten Ihre Gefühle zur Gegenwart Russlands?

Es ist atemberaubend: Wenn man sein Russlandbild auf die untergegangene Sowjetunion stützt, wird man das Land nicht wiedererkennen! Das Land hat einen kompletten Systemwechsel vollzogen. Der Markt hat Wohlstand gebracht, letztlich wird die Marktwirtschaft sehr viele Gewinner bringen. Daran werden auch breite Schichten der Bevölkerung Teil haben.

Was wünschen Sie sich von den Deutschen in ihrer Haltung gegenüber Russland?

Sehr viel! Wir Deutschen müssen erkennen, dass Russland aus dem Westen, insbesondere aus Deutschland, keine Belehrungen braucht.  Die Deutschen haben immer noch ein zu stark von Vorurteilen belastetes Russlandbild. Ein großer Fehler ist es, das heutige Russland mit der Sowjetunion gleichzusetzen. Das Land hat 70 Jahre unter dem Kommunismus gelitten, es hat sich jetzt entschlossen zur Marktwirtschaft bekannt und zu einer parlamentarisch-föderativen Demokratie gewandelt. Sie können den Archipel Gulag und jede Menge kritische Literatur in allen russischen Buchhandlungen kaufen. Wer hätte das vor 25 Jahren zu träumen gewagt!

Was denken die Russen über Deutschland?

Gegenüber den Deutschen hegen die Russen keinen Groll. Eher sind sie enttäuscht, dass die Deutschen nicht erkennen wollen, welch großen Anteil sie an den russischen Katastrophen hatten: Das Deutsche Reich hat 1914 Russland in einen Krieg gezogen, den es so wohl nie gesucht und gewollt hätte. Deutschland hat dann die Bolschewiki im Ersten Weltkrieg finanziell und materiell unterstützt, um Russland von innen zu schwächen. Es hat damit dem alten Russland einen doppelten blutigen Stoß versetzt und eine welthistorische Revolution mit unabsehbaren Folgen ermöglicht. Mittelbar hat Deutschland eine wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen, dass eine kleine Truppe von Berufsrevolutionären ein ganzes Land unterjochen und über Jahrzehnte hinweg eines der fürchterlichsten Terror-Regime errichten konnte, das Millionen von Opfern in der eigenen Bevölkerung gefordert und Lebenschancen bei allen zerstört hat. Die Russen binden einem das nicht auf Schritt und Tritt auf die Nase. Aber sie wissen um diese Zusammenhänge.

Aber damit nicht genug! Im Zweiten Weltkrieg, den Deutschland entfesselt hat, wurden in Russland die meisten Toten niedergemäht. Mehr als 20 Millionen Tote sind durch deutsche Kampfhandlungen und von Deutschen verübte Massaker an der Zivilbevölkerung in Russland zu beklagen. Die Sowjetunion hat umgekehrt den größten Anteil an der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland erbracht und damit für uns Deutsche die Befreiung vom Nationalsozialismus zu entscheidenden Anteilen ermöglicht.

Es ist völlig unangemessen, wenn wir Deutschen den Russen irgendwelche Ratschläge geben wollen, wie sie ihre Vergangenheit bewältigen sollen.

Bietet denn die europäisch-russische Vergangenheit nur dunkle Schatten und Schrecken?

Keineswegs! Ich meine: Wir müssen zunehmend auf die Zeit vor 1917 zurücksehen. Auf die große gemeinsame europäische Kultur. Friedrich Schiller war einer der Leitsterne für Puschkins Freiheitskampf, Adam Mickiewicz war ein geistiger Bündnisgenosse Puschkins. Polen, Russen und Deutsche fanden zusammen im Medium des Wortes, der Malerei, der Musik. Überall in Europa standen damals die Zeichen auf mehr Freiheit, mehr Demokratie, mehr Bürgerrechte.  Dass es nicht so gekommen ist, lag vor allem an den herrschenden Eliten, die nichts mehr schützten als ihre eigenen Privilegien. Das gilt in Deutschland wie in Russland, für das Kaiserreich und für das Zarenreich.

Ihr Wort zur Außenpolitik?

Außenpolitik sollte interessegeleiteter Umgang von Staaten miteinander sein. Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und Rationalität sind unabdingbar. Schuldzuweisungen, moralische Überheblichkeit, emotionsgeladene Vorurteile, wie sie gerade jetzt wieder aufblühen, halte ich hingegen für schädlich. Noch schädlicher wäre es, den Zusammenhalt der noch jungen russischen Demokratie durch Kritik an inneren russischen Zuständen schwächen zu wollen. Kritik, die sich häufig nur auf Urteile aus zweiter Hand stützt.

Worin sehen Sie Gefahren? 

Gegenwärtig droht die Gefahr, dass Russland sich von allen anderen Ländern unverstanden und abgelehnt fühlt. Ich stelle öfters eine gewisse Trotzreaktion fest, als dächten die Russen: “Ihr wollt nicht mit uns reden? Nun denn – La Russia farà da sé – Russland wird allein seinen Weg finden.” Dieses hielte ich für keine gute Aussicht. Und wir müssen uns vorschneller Urteile enthalten. Erfahrungen mit den Menschen im Hier und Jetzt sind das A und O.

Wie schaffen wir eine gute gemeinsame Zukunft?

Ich meine: Wir sollten die russische Demokratie fördern, indem wir uns das Land ansehen, häufig dorthin reisen, mit den Leuten reden und den Kontakt zur russischen Gemeinde in Deutschland suchen. Vertragliche Beziehungen in der Wirtschaft sind eine wichtige Stütze. Daneben kommt den russisch-deutschen Familien eine große Verantwortung zu. Notfalls, wenn es mit der Sprache nicht klappt  – mit Händen und Füßen gestikulieren, mit einem Lachen, mit Musik und einem Glas Tee und jeder Menge zakuski – Leckereien.

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Aus unserem Leben Russisches

Die Männer mit den zwei Hunden

Dieses Foto zeigt einen Eindruck von meinem Neujahrsspaziergang. Er führte mich zusammen mit den zwei Hunden Rita und Kusja und meinem jüngeren Sohn an den Ufern des Flusses Moskwa entlang. Es herrschte klirrender Frost, Eiskristalle blitzten und spiegelten, dass es eine Lust war! Wir feierten Neujahr in einer Datscha an der Rubljowka-Straße – mitten in jener Gegend, welche die geistige und politische Elite Moskaus seit Jahrzehnten für Wochenende und Ferien auserkoren hat – von Swjatoslaw Richter über den Wirtschaftswissenschaftler Kondratieff bis hin zu Jelzin und Putin … e tutti quanti. Die häufigen Straßensperrungen belegen, wie wichtig diese Leute sind. Dank meiner zwei Hunde kam ich immer wieder in kurze lockere Gespräche mit anderen Spaziergängern und tauschte Neujahrsgrüße aus.

Vor wenigen Stunden flogen wir wieder in Deutschland ein. Ich bin froh und dankbar, dass ich diese zwei reich angefüllten Wochen in Russland verbingen durfte. Ich werde in den kommenden Tagen das eine oder andere aus dem öffentlichen Leben dieses Landes berichten und meinen holzschnittartigen Gesamteindruck hier auf diesem Blog niederlegen.

Ich habe in Moskau kaum gebloggt, da ich nur sehr eingeschränkten Internet-Zugang hatte. Aber jetzt geht es wieder los – ich melde mich zurück.

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Aus unserem Leben Das Gute Donna moderna Europäische Galerie Freude Italienisches Unverhoffte Begegnung

Warum lachen diese Menschen? Dürfen die das?

Jeder Mensch fragt sich wohl immer wieder: Wie möchte ich sein? Wie sehen mich andere? Wie möchte ich gesehen werden? Manchmal gelingt es, diese Fragen in einem Bild zu beantworten. So etwas geschah mir gestern. Frau Steffan vom Zürcher Ammann Verlag sandte mir ein Bild von einer Veranstaltung mit Letizia Battaglia und Leoluca Orlando zu. Letzte Woche aufgenommen, im Willy-Brandt-Haus, Berlin-Kreuzberg. Zwei lachende Menschen sehe ich da, – eben Letizia Battaglia, die Photographin, daneben ich -, die beiden Menschen strahlen irgend jemandem entgegen, belustigt, fast augenzwinkernd. Sie scheinen einer Meinung zu sein. Im Hintergrund sieht man Fotos von einigen Verbrechen und Verbrechensopfern. Aber auch so etwas wie eine weiße Taube. Palermo, ihr wisst schon … Letizia selbst hat sie aufgenommen. Derzeit läuft noch die Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus.
Ihr fragt: Darf man lachen, wenn man über schwierige, traurige Themen spricht? Ich frage euch: Wem hülfe es, wenn wir nicht lachten? Würde dadurch auch nur eines der Opfer wieder lebendig?
Beim Betrachten des Fotos kommt mir der Gedanke: Ja, so möchte ich immer sein! Im Einverständnis mit anderen, nach außen offen, gesprächsbereit, optimistisch. Niemand leugnet das Böse auf diesem Foto, aber es gibt eine Kraft, die auf Dauer stärker ist als das Böse: die Gemeinschaft im Jetzt, das Lachen, die Sympathie.

Foto: Letizia Battaglia, Johannes Hampel. Willy-Brandt-Haus Berlin-Kreuzberg, Mai 2008.  Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ulla Steffan, Zürich

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Aus unserem Leben Integration durch Kultur? Kinder Schöneberg

Kita am Kleistpark kommt groß heraus

Am Nachmittag besuche ich die Elternversammlung der Kita am Kleistpark. Ute Kahrs, die Leiterin, und Elena Marx, die Musikerzieherin, berichten über Erreichtes, Erwünschtes und Erträumtes. Die Menschen in der Kita leisten hervorragende musische Grundbildung! Die Kinder werden behutsam an Grundphänomene des Rhythmus, des Tanzes, des Singens herangeführt, einige lernen ein Instrument, es besteht eine enge Partnerschaft mit der Leo-Kestenberg-Musikschule, Musik, Puppentheater-, Theater- und Tanzaufführungen beleben den Jahreslauf auf eine zum Träumen anregende Art, die in der Berliner Kita-Landschaft bisher unerreicht sein dürfte. Das Ganze angeregt und getragen von Eltern, Erziehern und nicht zuletzt der sehr rührigen Leiterin Ute Kahrs. Nebenbei auch ein Beitrag gelingender Integration, denn Kinder aus 20 Nationen kommen dorthin, wobei die deutschen keineswegs die Mehrheit darstellen. Sängerin Ira Potapenko bemalt indessen den Rahmen des Mozart-Bildes liebevoll mit Goldfarbe. So entsteht ein echtes Rokoko-Bild – Schöneberger Rokoko! Die Zeichnungen haben Kinder aus der Kita beigesteuert, Ira hat sie vergrößert und zu einem Hofbildnis arrangiert. Dazu gab es im vergangenen Jahr mehrere Puppentheateraufführungen mit dem “Kleinen Mozart”. Jetzt prangt das Bild in aller Herrlichkeit im Treppenaufgang. Ute und Ira lassen sich zum Abschluss gerne fotografieren.