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Friede, Freude, Bliny! Oder: Warum lächelt diese Frau nicht?

Zu den privaten Verwicklungen im Gestrüpp der russisch-deutschen Visapolitik liefern unsere Politiker eine erstklassige, leicht kakophone Orchesterbegleitung! Ich bin begeistert über dieses zeitliche Zusammentreffen: Am selben Tag, an dem unserem Wanja durch die russischen Grenzer die Heimreise in sein Vaterland verweigert wurde, verweigerte Russland erstmals entgegen bisherigen Gepflogenheiten auch den deutschen Militärtransportern die Überflugrechte. Und in Deutschland wird Kanzlerin Merkel angegriffen, weil sie sich gegenüber Russland so zurückhaltend zeige. Lesen wir doch, was Gerhard Schröder bei der Quandt-Stiftung gesagt haben soll:

“Wenn man die Diskussionen der letzten Zeit verfolgt, gewinnt man den Eindruck, dass manche für eine Distanzierung, ja sogar eine Gegnerschaft zu Russland eintreten. Ich halte diesen Weg für falsch, geradezu für gefährlich. Wir dürfen nicht auf diejenigen hören, die wieder Mauern, diesmal rhetorische und ideologische, aufbauen wollen. Manche tun dies mit dem Verweis auf ihre Biografie, die Erfahrung mit Systemen wie der DDR. Ich habe Verständnis für manche Emotionalität. Aber die Frage ist, ob es klug ist, sich in der internationalen Politik davon leiten zu lassen. Ich bin davon überzeugt: Nein.”

Es stimmt: Beim letzten Treffen mit Putin schaute Merkel ausweislich der Pressefotos frostig drein. Es stimmt: Der Kanzlerin Merkel fehlt jener unwiderstehliche, im buchstäblichen Sinne ölige Charme, mit dem andere Männerfreundschaften schmieren und pflegen. Es stimmt: Dank ihrer DDR-Vergangenheit lernte Angela Merkel Russisch, sie ist einfach näher dran an allem, was in der größeren, der östlichen Hälfte Europas geschieht. Sie kennt sich auch in diesem, wie in vielen anderen Gebieten aus. Muss man ihr das vorwerfen? Eine ähnliche Vertrautheit mit den russischen Gegebenheiten konnte Gerhard Schröder bisher nicht unter Beweis stellen. Aufgrund seiner lupenreinen BRD-Vergangenheit darf man auch nicht zu viel von ihm erwarten, ebensowenig wie von einem Erhard Eppler. Dieser häuft Lob auf Putin, der die zerfallene Sowjetunion einigermaßen demokratisch zusammenzuhalten versuche. Daran ist so viel richtig, dass Putin tatsächlich dank des mit aller Härte fortgeführten, die russische Identität fördernden Tschetschenienkriegs, dank üppig sprudelnder Einnahmen aus dem Ölgeschäft, dank harter Hand in der Innenpolitik das russische Reich (grosso modo in den Grenzen des Zarenreiches von 1917) sichern konnte und auch weiter sichern wird. Grundsatz russischer Politik ist es unverändert seit mehreren Jahrhunderten, dass der Zusammenhalt des Reiches und die unumschränkte Anerkennung der Macht des ersten Mannes wichtiger sind als die Einhaltung des Rechts, ganz zu schweigen von der Achtung der Menschenrechte, einer nach russischen Maßstäben recht neumodischen Erfindung.

Muss man ihm dafür ölig zulächeln? Wir bezahlen doch das russische Gas mit gutem Geld, nicht mit Dauerlächeln, mit Kuschen und Anbiedern! Kanzlerin Merkel scheint ihre Außenpolitik auf einigen schlichten Grundsätzen zu begründen:

Sprich mit allen, die du für wichtig hältst! Schließe Bündnisse, aber spiele nicht Freundschaft mit allem und jedem vor! Achte Verträge, zahle deine Rechnungen! Drohe nicht! Vertritt deine Überzeugungen eindeutig, biedere dich nicht an! Die Achtung der Menschenrechte ist wichtiger als gute Laune zu jeder Zeit!

Manches daran mag undiplomatisch erscheinen – ich halte Merkels Auftreten gegenüber dem russischen Staat für goldrichtig.

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Stand der Dinge Moskau-Berlin

Hier einige der zahlreichen Anfragen und Meinungen, die mich in den letzten Tagen erreichten!

“Wo ist Wanja jetzt, noch in Moskau??” – Ja, er ist noch in Moskau und erwartet heute seine Mama, die aus Berlin einfliegt, um ihn nach Deutschland zu holen.

“Habt Ihr inzwischen schon Hilfe bekommen?” Wir haben von Freunden und Verwandten viel Unterstützung und Trost erfahren. Dafür danken wir herzlich! Die Deutsche Botschaft in Moskau hat sich trotz Zusagen nicht gemeldet. Vielleicht ist ihr etwas passiert? Es ging den deutschen Botschaften in Russland bekanntlich sehr schlecht, sie standen vor dem Zusammenbruch, das konnte man vor allem im Jahr 2004 in allen deutschen Zeitungen lesen. Damals wurden im Fließbandverfahren von deutschen Botschaften unter tätiger Mithilfe von Schlepperorganisationen Visa für junge alleinreisende Frauen ausgegeben. Wie steht es jetzt damit? Die Beamten sind offenbar weiterhin überfordert. Sie benötigen weiterhin unsere tätige Hilfe. In diesem Blog schlug Leser Achmed Khammas am 15.11. Hartz IV vor.

Es wäre jedoch vermessen, wenn wir Vertretung, Beratung oder gar Wahrung unserer Interessen als deutscher Staatsbürger von den deutschen konsularischen Vertretungen erwarten wollten! Vorerst scheint der Leitspruch weiterhin zu sein: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Diese Haltung hatte offenbar Joseph von Westphalen im Sinne, als er seinen Edeldiplomaten im Roman “Im diplomatischen Dienst” Harry von Duckwitz nannte. Ein herrlich sprechender Name!

“Dann solltet ihr das Ganze aber in jedem Fall dem Botschafter in Moskau zur Kenntnis bringen!” Ich habe unser Anliegen bereits am 14.11. bei einem mir namentlich bekannten Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau fernmündlich sowie über elektronische Post bei der deutschen Botschaft in Moskau zur Kenntnis gebracht. Mir wurde rasche Hilfe für den folgenden Tag zugesichert. Ich warte weiterhin. Der uns entstandene finanzielle Schaden ist groß, aber an wen sollten wir uns denn wenden?

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Deutsche Botschaft in Moskau schweigt weiterhin

Die deutsche Botschaft in Moskau äußert sich nicht zur widerrechtlichen Zurückweisung eines deutschen Staatsbürgers, meines 5-jährigen Sohnes, durch russische Grenzpolizisten.

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Von Glanz und Einheit russischen Geschichtsdenkens

Der Palast Tsaritsyno lässt erahnen, wie die russische Seele tickt, in welchen Zeiträumen sie atmet. Wir besuchten den Ort am 13. November.

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Einblick ins Innerste des russischen Reichs

kreml-kirchen.jpg Am 12.11. besichtigten wir den Moskauer Kreml. Am Abend dieses Tages forderte ich meinen Sohn Ivan Ivanovitsch (5 Jahre alt), genannt “Wanja” auf, einen gemeinsamen Bericht für dieses Tagebuch zu schreiben. Er sagt: “Ich möchte dies allen Leuten vorlesen.” Er ist Feuer und Flamme, setzt allerdings seine eigene Rechtschreibung durch, nach der er derzeit sowohl russisch als auch deutsch auf dem Computer schreiben lernt.

Ivan Ivanovitsch erzählt:

WIR WAREN DRAUßEN:

ZUERST FÜHRTEN WIR RITA, DEN HUND, IN DEN HOF:

RITA SPRANG WIE VERRÜCKT DURCH DEN HOF:

DANN GANGEN WIR NACHHAUSE UND BRACHTEN DEN HUND NACHHAUSE:

DANN GANGEN WIR, OMA, WANJA UND PAPA GEMEINSAM ZU FUSS ZUM KREML:

WIR SAHEN DRAUSSEN IM KREML LUSTIGE MOTORRÄDER:

SIE HATTEN EINEN SEITENWAGEN:

Papa fährt fort:

Wir besichtigten die Schatzkammer der Zaren. Wir sahen funkelnde Edelsteine, glitzernde Kronen und prächtigen Schmuck, viele Klumpen Gold und Silber. Dann haben wir drinnen Kutschen gesehen.

Ivan Ivanovitsch fährt fort:

DANN GANGEN WIR RAUS UND DANN WIR WAREN IN DER KIRCHE UND DA WAR ES GANZ SCHÖN:

UND DANN NOCH IN EINER KIRCHE UND DANN GANGEN WIR SCHON NACHHAUSE:

UND DAS HABEN WIR ERLEBT:

Greifen wir das noch einmal auf! Der Kreml entwirft ein dichtgedrängtes, sinnlich erfassbares Ensemble russischer Staatlichkeit. Über die letzten Jahre hin hat sich dieser monumentale Grundgedanke meinen Beobachtungen nach dank nachhaltiger Denkmalpflege noch verstärkt. Welches ist der Grundgedanke? Knapp zusammengefasst: Weltliche unumschränkte Macht gepaart mit geistlicher Weihe. All diese Zinnen und Burgen, diese wehrhaften Rüstungen, dieser unvorstellbare Reichtum, den die Zaren buchstäblich auf dem blutigen Rücken ihrer Untertanen angehäuft haben und der heute weiterhin stolz zur Schau gestellt wird – diese unglaublich geschlossene, in Stein und Edelstein gehauene Macht – sie wird noch zusätzlich überhöht durch die enge Verschwisterung mit der russischen Orthodoxie. Hier, in den wunderbaren, staunenswerten Ikonen der Himmelfahrtskathedrale wurde ich eines Gegenbildes gewahr: Rundum, hoch bis zur Decke auf den Ikonostasen verteilt, sah ich staunend strahlende, friedliche, freie Menschen und Engel, schwerelos im Raum schwebend, ohne Wehr und Waffen in einem endlosen Gespräch miteinander befangen, von innen heraus leuchtend, gelöst, entspannt, Männer und Frauen gleich groß, – ein wahrhaft herrschaftsfreier ewiger Dialog. Der vollkommene Gegensatz, die vollkommene Ergänzung zur waffenstarrenden Rüstkammer! Gerade in diesem Schnelldurchgang, bedingt durch die beschränkte Aufmerksamkeit eines Kindes, wurde mir das Wesentliche klar: Der Kreml ist Ausdruck eines in sich geschlossenen Kosmos, verbürgt durch die absolute Macht eines religiös legitimierten Autokrators, der höchstselbst als Schutzherr der Kirche auftritt. Die Schätze der Natur, also früher Gold und Diamanten, heute wohl eher Gas und Erdöl, werden verschwenderisch ausgebreitet, um der Welt vor Augen zu führen: WIR SIND DIE MACHT! Diesen innersten Kreis unserer Sendung, diesen unverbrüchlichen, über die Jahrhunderte reichenden Zusammenhang werden wir uns nicht antasten lassen! Diese unitarische Reichsauffassung hat wie selbstverständlich den Sowjetkommunismus mitgetragen und in der Maske des Bolschewismus sich bewahrt, heute tritt sie wieder unverhüllter hervor, verkörpert wie ehedem durch den neuen Selbstherrscher, den Mann an der Spitze des Staates. Ihren Ursprung hat diese Lehre wohl in der oströmischen Auffassung vom gottähnlichen Autokrator, die sich ab dem 4. Jahrhundert von Konstantinopel aus, dem zweiten Rom, Bahn brach und in Moskau als dem dritten Rom ihre vorläufige Erfüllung fand. Vergessen wir nicht: Das vom 15. bis ins 19. Jahrhundert durch Unterwerfung der Nachbarn zusammengetragene riesige russische Imperium ist das einzige große staatliche Gebilde unter den Kolonialreichen, das territorial weitgehend unangetastet bis zum heutigen Tage überdauert hat.

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Abflug nach Moskau

Am Sonntag, 11.11.2007, flog ich nach Moskau.