FaulheitKommentare deaktiviert für Darf man Menschen so einfach FAUL nennen?
Apr.262010
Eine hat es gewagt, dieses Wort, dieses F-Wort in den Mund zu nehmen. Ich selber habe mich das nie getraut! Ich sprach nur gelegentlich von „anerzogener Faulheit“ … aber endlich, endlich recyclet jemand, obendrein eine Professorin, dieses gute alte deutsche Wort! Schön, dass es das noch gibt! So eine Zivilcourage beeindruckt mich nachhaltig! Übrigens scheint Prof. Ute Frevert ebenfalls nicht „angeborene“, sondern „anerzogene“ Faulheit zu meinen. Und die gibt es offenbar wirklich.
Das kommt aus dem Mangel an Hunger und dem Fehlen der Erfahrung, sich selber was erarbeitet zu haben. […]
In Ihrer Wunschuni soll das Studium Lebensform und Lebensmittelpunkt sein. Das widerspricht doch aber dem Wunschbild, der Erwartung, dass man neben dem Studium noch unheimlich viel macht und sich damit Kompetenzen erwirbt, oder?
Meine Vorstellung heißt nicht, dass man nur in Seminaren und in der Bibliothek sitzt, sondern auch viele andere Dinge macht, aber eben an der Uni. Man soll beim Uniradio arbeiten, man soll Kommilitonen helfen, bei Chemieaufgaben, die sie nicht verstanden haben, man soll bei Theatergruppen mitmachen.
Aber das ist alles uninah. Wenn es zum Argument wird, dass man für man für das Studium keine Zeit mehr hat, dann ist irgendwas faul. Am wichtigsten ist die Universität.
Integration, Migration, SozialstaatKommentare deaktiviert für Im Schattenbahnhof, oder: Brauchen wir eine große Sozialrechtsreform? (2)
Apr.262010
Hegt ihr Zweifel an der Notwendigkeit einer Sozialrechtsreform, friends&foes? Dann schlagt mal die ehrwürdige FAZ heute auf S. 7 auf! Da steht: „Cohen für pragmatischere Einwanderungspolitik„. Es geht um unser Nachbarland, die Niederlande, die uns etwa 5-10 Jahre voraus sind, was die Probleme der Zuwanderung angeht. Wir können die Verwerfungen und Schwierigkeiten einer versäumten oder verfehlten Einwanderungs- und Integrationspolitik mit geringem zeitlichem Vorlauf an den Niederlanden studieren.
„In der Sozialhilfe integrieren sich die Ausländer nicht. Das ist das Problem – nicht ihr Glaube.“ So der Spitzenkandidat der Rechtsliberalen, Mark Rutte, auf dem Parteitag in Arnheim.
Rutte hat Recht. Dass er Recht hat, um dies zu wissen, brauche ich keine ehrwürdige FAZ zu lesen, sondern ich brauche nur mit meinen Nachbarn hier im altehrwürdigen Kreuzberg zu sprechen.
Soll man also die Sozialhilfe als ein wesentliches Integrationshindernis ganz streichen, wie dies etwa Neriman Fahrali, die Kreuzberger Ärztin andeutet?
So einfach geht das nicht. Aber wir müssen sprechen über eine Befristung oder eine bedingte Zuerkennung von Sozialhilfe. Sozialhilfe würde also nur als Gegenleistung für zuvor erbrachte nachweisbare Integrationsanstrengungen zuerkannt.
Motto: „Erst geben, dann nehmen“, wie es meine Parteifreundin Aygül Özkan so trefflich formuliert. Etwa so: Erst eine Prüfung in Deutsch, dann gibt es dafür – nachträglich – eine Sozialleistung. Dann erst ein erfolgreich abgeschlossener Kurs … dann im Gegenzug Hilfe zum Besuch des nächsten Kurses, etwa des Titels: „So werde ich ein guter Vater“.
Erst geben, dann nehmen!
Nicht der Bedarf steht am Anfang, sondern die Vorleistung des Zuwandernden! Für die Vorleistung des Zuwandernden gibt es anschließend – befristet – eine Anerkennung in Gestalt von Hilfe für die nächste Integrationsleistung,
All dies ist derzeit rechtlich nicht möglich! Aber darüber nachdenken muss man. Ich schlage euch das Nachdenken vor, friends&foes!
Wenn alles im Sozialrecht so bleibt, wie es ist, stellen wir weiterhin Familie um Familie im Schattenbahnhof der Sozialhilfe ab. Und wir sprechen wohlgemerkt über Familien mit 8, 10 oder auch 12 Kindern, die wir im Moment de facto alle auf die Sozialhilfekarriere vorbereiten. Das ist unverantwortlich, alles so zu lassen, wie es ist, nicht zuletzt gegenüber den Kindern.
Wir brauchen eine große Sozialrechtsreform als Voraussetzung erfolgreicher Integrationspolitik.
Integration, Migration, SozialstaatKommentare deaktiviert für Im Schattenbahnhof, oder: Brauchen wir eine große Sozialrechtsreform? (1)
Apr.262010
Dieser oben genannten Frage gehe ich seit einigen Wochen systematisch nach. Meine Zweifel schwinden allerdings wie Vulkanasche aus Europens Himmeln: Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass wir eine große Sozialrechtsreform nicht brauchen, sondern dringend brauchen. Ist die Reform des Sozialrechts zugleich auch Voraussetzung einer gelingenden Integrations- und Arbeitsmarktpolitik? Auch hierauf verdichten sich die Hinweise! Wir bleiben am Ball, Fans&Gegner! Wir werden nicht locker lassen!
Hegt ihr noch Zweifel, Fans&Gegner? Dann lest mal den aktuellen SPIEGEL 17/2010 auf S. 93: „Soziales Nullsummenspiel“. Wie in einem klitzekleinen Modelleisenbahnland spiegeln sich auf dieser knappen Seite Text die endemischen, jahrzehntelang verschleppten Probleme einer wirklich durchdachten, zielführenden Sozialrechtsreform wider. Thema des kleinen Modellartikels zu einem riesigen Problemgebirge: „Bessere Bildung für sozialschwache Kinder als einer der Arbeitsaufträge aus dem jüngsten Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassungsgerichts“.
Da ist eine Ministerin, die eine Menge guter, zutreffender, zielführender Einsichten&Absichten hat, sie aber nicht durchführen kann, denn nach geltender Rechtslage „müsste in jedem einzelnen Fall geprüft werden, ob die Hilfe auch wirklich nötig sei.“ Da ist der bundesrepublikanische Föderalismus mit seinem „Kooperationsverbot“ zwischen Bund und Kommunen – allein das Wort ist schon grotesk!
Da sind die Kommunen, die mit gutem Grund die Hand ausstrecken und sich finanzielle Entlastung vom Bund für die Hilfen erwarten, die sie in Eigenregie bereits jetzt anbieten – etwa ermäßigte Museumsbesuche oder kostenlose Mitgliedschaften im Fußballverein.
Ergebnis: Es wird viel hin- und hergewendet, aber an der Lage vor Ort ändert sich – fast – nichts. Es herrscht organisierte Verantwortungslosigkeit.
Die beschriebene Lage und die angestrebten Maßnahmen führen zu nichts wesentlich Neuem. Die sozialpolitischen Maßnahmen enden sozusagen in einem „Schattenbahnhof“, wie die Modelleisenbahner sagen würden. Ein Schattenbahnhof, das ist meines Wissens ein unterirdischer Bahnhof, in den der Modelleisenbahner seine nicht gebrauchten Züge einfahren lassen kann.
Und das hülfe aus dem Sozialrechts-Schattenbahnhof heraus:
1) Eine bedeutsame Vereinfachung des Sozialrechts! Wir müssen weg von der überbordenden Fülle der Einzelfallprüfungen. Sonderbedarfsanmeldungen sollten nur mehr in ganz geringem Umfang oder überhaupt nicht mehr möglich sein. Stattdessen brauchen wir eine großzügigere Zuweisung von Pauschalbeträgen – wobei mathematisch ein Nullsummenspiel anzustreben ist. Wir würden also für den gesamten Bereich Soziales etwa soviel wie jetzt ausgeben, aber sehr viel weniger Prozesskosten zu zahlen haben. Denn die Sozialgerichtsprozesskosten tragen grundsätzlich wir alle! Netto sparen wir also!
2) Aufhebung des grundgesetzlichen Kooperationsverbotes zugunsten eines Kooperationsgebotes.
3) Stärkere Umschichtung weg von Hilfen zum Lebensunterhalt in Form finanzieller Leistungen hin zu Bildungsleistungen in Gestalt von Sachleistungen! 0,5% mehr Geldmittel in Bildung, 0,5% weniger Geldmittel in Hilfen zum Lebensunterhalt – und dies dann kleinschrittig Jahr um Jahr weiter fortgeführt. Das wäre schon ein Riesenschritt – aufgeteilt in Trippelschritte.
Diese Vorschläge sind nur Teil der Lösung, keineswegs jedoch ausreichend.
Denn wir wollen unsere Züge aus dem Schattenbahnhof herauskriegen! Sie sollen fahren, nicht stehen!
Grundschulkinder brauchen vor allem eins: gute Väter und gute Mütter. Dies war das Ergebnis unserer Betrachtungen in den beiden vorangehenden Blog-Beiträgen. Mit dieser Meinung stehen wir windschief zur gesamten Mainstream-Debatte, über die sich Verbände und Parteien unseres Bundeslandes Berlin die Köpfe heißreden. Die Parteien wagen das überragend wichtige Thema „Gute Väter – gute Mütter“ allenfalls mit der Pinzette anzufassen. Dabei liegt es doch auf der Hand: Hat man gute Väter und gute Mütter, dann werden sich die meisten Bildungsprobleme weitgehend von selbst auswachsen. Selbstverständlich wird unser altehrwürdig-knirschendes Schulwesen weiterhin behutsam nachsteuernder Reformen bedürfen: Es muss durchlässiger werden. Die Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg muss aufgebrochen werden. Aber es ist wahnhaft zu glauben, der Staat könne grundsätzlich den Eltern ihre gesamte Arbeit abnehmen. Das erinnert an die utopische Politeia Platons, an den antiken Zucht-und-Ordnung-Militärstaat Sparta.
Stattdessen wird der Staat gefordert einzuspringen. Man fordert Unterstützungssysteme ohne Ende. Das gesamte Berliner Schulwesen wird derzeit auf die Bedürfnisse der migrantischen Schüler hin umgekrempelt. Das Ideal dabei ist: Jedem Kind sein Erzieher, sein Sozialarbeiter und sein Lehrer! Ich halte das über weite Strecken für eine Überforderung des Staates. Als ein Dokument von Dutzenden anderen sei hier aus nur einem Brandbrief (von Dutzenden Brandbriefen) zitiert, den die Berliner Landesgruppe des Grundschulverbandes am 17.04.2010 vorlegte:
Dokumentiert: Offener Brief an Senator Zöllner – Schule – Berlin – Tagesspiegel
Grundschulkinder brauchen insbesondere in den sozialen Brennpunkten – kleine Klassen und schulische Räume, die den Ansprüchen einer ausgleichenden, auf individuelle Förderung abzielenden Pädagogik gerecht werden. In der jahrgangsgemischten Schulanfangsphase soll das Zweilehrer/innen-Prinzip die Regel sein.
Alle Kinder brauchen die Sicherheit, dass zu jedem Zeitpunkt Unterricht und pädagogische Förderung durch gut ausgebildeten Lehrer(innen) und Erzieher(innen) stattfindet. Konkret: Dem Personalausfall ist eine verlässliche Vertretungsreserve mit ausgebildeten Fachkräften vor Ort entgegenzusetzen, d. h. jede Schule braucht 105 % Personalausstattung, Das Instrument der Personalkostenbudgetierung (PKB) ist nur hilfreich, wenn es um die Vertretung von längerfristig erkrankten Lehrer(innen) oder Erzieher(innen) geht.
Schulen insbesondere in den sozialen Brennpunkten der Stadt – brauchen kompetente und in den Schulalltag der Einzelschule eingebundene wirksame Unterstützungssysteme, d. h. vor Ort müssen die verschiedenen Akteure der Schulpsychologie, Sonderpädagogik und Sozialarbeit in enger Kooperation gemeinsam mit den Lehrer(innen) und Erzieher(innen) sicherstellen, dass kein Kind auf dem Weg zur Bildung verloren geht.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Inge Hirschmann
Vorsitzende der Berliner Landesgruppe des Grundschulverbandes
Niemand wird diesen wohlklingenden Forderungen ernsthaft widersprechen mögen. Aber sind sie realistisch? Sind sie bezahlbar? Wo sind eigentlich die Lehrer für das Zwei-Lehrer-Prinzip? Bräuchte letztlich nicht jedes Kind im Grunde einen Rund-um-die-Uhr-Betreuer? Jedes Kind ist anders!
Diese Rund-um-die-Uhr-Betreuer sind sicherlich nicht bezahlbar aus Steuermitteln. Deshalb schlage ich vor: Wir Eltern, also die Väter und die Mütter, sollen zu diesen Rund-um-die-Uhr-Betreuern erzogen werden. Wir Eltern stehen in der Pflicht. Rund um die Uhr – ausgenommen jene Zeiten, in denen unsere Kinder sich in der Schule bzw. in Hort und Kita aufhalten.
Wir Eltern tragen die Hauptlast der Erziehung. Der Staat hat das Recht und die Pflicht, uns daran zu erinnern. Dazu muss der Staat zu einfachen, oft wiederholten, wirksam kommunizierten Botschaften greifen. Übertriebene Höflichkeit uns gegenüber ist fehl am Platze.
Kinder, MutterschaftKommentare deaktiviert für Gute Eltern: Erfolgsgeheimnis Nummer 1
Apr.242010
Kaum etwas beglaubigt einen Politiker mehr als das Erzählen seiner Lebensgeschichte. Kaum etwas anderes macht ihn so verletzbar. Kaum etwas anderes macht ihn aber auch so stark oder unverwundbar, als wenn er erzählen kann, wie er sich aus widrigen Umständen herausgearbeitet hat. Und wie ihm andere dabei halfen. Wie ist dieser Politiker der geworden, der er ist?
„Meinen Vater habe ich sehr früh verloren. Meine Mutter hat Vater- und Mutterrolle ausfüllen müssen. Wir kamen aus dem Libanon hier in Deutschland an, als ich neun Jahre alt war. Wir hatten nichts. Auf ihren Schultern lag die Verantwortung für alle zehn Kinder. Mutter hat immer dafür gesorgt, dass wir vor der Schule Frühstück aßen, dass wir jeden Tag zur Schule gingen, dass wir ordentlich angezogen waren und dass wir unsere Hausaufgaben machten.“ In einem Wort: Die Mutter hat sich gekümmert. Die Mutter hat die Familie geleitet. Sie hat den Vater nach Kräften ersetzt – so gut es eben ging. Die Mutter hat es ermöglicht, dass die Kinder ihren Weg ins selbständige Leben fanden.
Voller Spannung hörte ich meinem Parteifreund Badr Mohammed zu, als er bei einer öffentlichen Veranstaltung in Friedrichshain-Kreuzberg am 24.03.2010 in etwa diesen Worten sein Leben erzählte.
Gestern erkannten wir in diesem Blog an der Lebensgeschichte Aygül Özkans, welchen prägenden Einfluss der Vater für den gesamten späteren Lebensweg haben kann. Heute besinne ich mich darauf, dass auch die Mütter eine ähnlich überragende Rolle spielen.
Ein guter Vater, eine gute Mutter – das sind die beiden prägenden Einflüsse, die man jedem Kinde mehr als alles andere wünschen muss. Sie sind es in den meisten Fällen, die hinter dem Erfolg stehen. Hat ein Kind einen guten Vater und eine gute Mutter, wird es seinen Weg in unserem Land machen. Wenn ein guter Vater fehlt, wird es für die Mutter viel schwerer, den Kindern das Erwachsenwerden zu ermöglichen. Auf ihren Schultern lastet eine doppelte Last. Aber eine gute, starke Mutter wird es meist schaffen.
Wenn ein guter Vater und eine gute Mutter fehlen, dann wünsche ich den Kindern vor allem – einen väterlichen Mann, eine mütterliche Frau, die diesen Mangel ersetzen kann. Das kann der Großvater oder ein älterer Bruder sein oder eine Tante.
Das kann eine gläubige Muslima sein oder ein gläubiger Christ aus der Nachbarschaft, der sich aus Nächstenliebe dieser Kinder annimmt.
Nicht werden es die Einrichtungen des Staates sein, die diesen Mangel ersetzen können. Es müssen nach meiner festen Überzeugung Menschen sein, leibhaftige Menschen aus Fleisch und Blut. Menschen, nicht Institutionen.
Die große Not vieler Heranwachsender in dieser Stadt Berlin liegt meines Erachtens darin, dass ihnen viel zu oft ein guter Vater fehlt und dass die Mutter überfordert wird darin, diesen Mangel auszugleichen.
Der ständige Ruf nach einer besseren Schule, nach einer besseren Kita lenkt eher ab von diesem grundlegenden Mangel. Die Grundschule als solche, die Kita als solche wird niemals die Eltern wirklich ersetzen können.
Wer glückliche, selbständige, lernbegierige Kinder will, der tue alles dafür, dass sie gute Väter und gute Mütter haben – oder guten Ersatz dafür in Gestalt leibhaftiger Menschen.
Erst weit danach sollte die Sorge um die gute Schule kommen.
Gute Eltern sind das erste und das wichtigste, was ich den Kindern wünsche.
Was sind gute Eltern? Darauf haben wir erste Antworten gestern und heute schon gefunden:
Sie kümmern sich um die Kinder. Gute Eltern sorgen dafür, dass ihre Kinder das Nötige bekommen, ohne verwöhnt zu werden. Sie lassen den Kindern Freiheit, ziehen aber auch klare Grenzen. Sie wollen den Erfolg ihrer Kinder. Sie beschützen sie.
Die Gesellschaft, wir alle müssen allergrößtes Interesse daran haben, gute Väter, gute Mütter zu erziehen. Damit sollten wir jetzt anfangen.
Ein sehr gutes Portrait in Wort und Bild von der designierten Ministerin Aygül Özkan finde ich in dem Buch „Wir haben Erfolg! 30 muslimische Frauen in Deutschland“ von Kerstin Finkelstein.
„Na, das Buch geht doch sicher weg wie die warmen Semmeln! Nichts ist so erfolgreich wie Erfolg“, scherzte ich, als ich die Autorin kürzlich bei der recht ausführlichen ADFC-Mitgliederversammlung im Gebäude der Berliner Zeitung wiedertraf. „Die Leute brauchen Erfolgsgeschichten, keine Katastrophenmeldungen. So ist das im Mediengeschäft!“, ergänzte ich eigensinnig. „Es gibt noch reichlich Exemplare …“, bekam ich zur Antwort.
Wie auch immer: Die Lebensgeschichte ist sehr spannend zu lesen. Sowohl Aygül, die später das Abitur mit 1,6 machte, wie auch ihre ältere Schwester bekamen trotz sehr guter Grundschulnoten keine Gymnasialempfehlung. Hier setzte sich aber der Vater durch. Er brachte die Töchter aufs Gymnasium, ließ ihnen Freiheiten, achtete aber streng darauf, dass immer Hausaufgaben gemacht wurden. Auffallend finde ich, eine wie große, positive und entscheidende Rolle der Vater spielte. Ein guter Vater kümmert sich, ist streng, lässt Freiräume. Er bringt seinen Kindern Vertrauen entgegen, setzt ihnen aber auch klare Grenzen. Er kümmert sich. Das halte ich für vorbildlich.
Am Schluss sagt Aygül Özkan: „Wenn man Träume hat, soll man ihnen entschlossen nachgehen. Mit jedem Schritt wächst der Mut.“
Kerstin E. Finkelstein: Wir haben Erfolg! 30 muslimische Frauen in Deutschland. Vorwort von Seyran Ates. Fackelträger Verlag Köln, 2008. 223 Seiten, 14,95 Euro. Hier: S. 184-190
„Hast du Playstation 2?“ So die allererste Frage bei einem Telefongespräch zwischen zwei 7-jährigen Jungs, das ich (widerrechtlich?) belauschte. Die exorbitante Fixierung auf elektronische Medien übertrifft bei unseren Jungs heute im Durchschnitt alle Vorstellungen.
Ich als Vater mache seit jeher soviel wie möglich mehr Unterschiedliches mit meinen beiden Söhnen: Laufen, Springen, Singen, Musizieren, Werkeln, Lesen, Klettern, Schwimmen, Radfahren, Fußballspielen. Genau wie es mein eigener Vater auch mit uns machte.
Gestern spielten wir den „Chor der Jäger“ aus Carl Maria von Webers „Freischütz“ auf unseren Geigen, begleitet am Klavier von Mutter. Es klang nicht so mannhaft-schmetternd-sangesfroh wie im Original, aber dafür war es echt. Garantiert keine mediale Vermittlung! Und wir sind überzeugt, dass kein Mädchen den Jägerchor so trefflich fiedeln kann wie wir MÄNNER!
Zur Krise des Männlichkeitsbildes äußert sich auch Klaus Hurrelmann:
Jungs in der Krise: „Sie wollen alles sein, bloß kein weibischer Streber“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – SchulSPIEGEL
Die Mädchen sind vielfältiger und breiter interessiert. In der Freizeit beschäftigen sie sich nicht nur mit Medien, sondern auch mit Tanzen, Basteln, Stricken und Musizieren. Dadurch werden alle Sinne angesprochen, und das fördert die Leistungsfähigkeit, wie die moderne Hirnforschung uns bestätigt. Das würde auch Jungs gut tun: Hämmern, Sport machen, Bewegung. Aber viele Jungen machen den Laden zu und holen sich die große weite Welt lieber auf den Bildschirm. Sie bauen ihren Bewegungsdrang und damit ihre Aggressionen nicht ab.
„Du bist als einzelner ziemlich unwichtig – der Herrscher, der Staat, die Macht sind ehrwürdig und verleihen auch dir die Würde. Denn der Staat, nicht die Bürger, trägt die letzte Verantwortung.“ Mit solchen schlichten Sätzen könnte man das despotische Denken zusammenfassen, das Herodot, Aischylos, aber auch das biblische Buch Ester bei den östlichen Herrschaften bemerken, welches sie auf dem Gebiet der heutigen Türkei vorfanden. Ferner vertrete ich die These, dass dieses uralte despotische Denken sich durch die Jahrtausende in allen östlichen Großreichen von den persischen Achämeniden über die Khanate bis zu den Osmanen fortgesetzt hat. Despotisches Denken verlangt Ergebung, Unterwerfung, ja Unterwürfigkeit beim Einzelnen, Gerechtigkeit, Freigebigkeit und Strenge beim Herrscher. Das despotische Staatsverständnis war lange vor dem Islam da, und es hat auch das von den Jungtürken um Mustafa Kemal eingeläutete Ende des Sultanats überdauert.
Der kluge, scharfsinnige und sehr einfühlsame Stuttgarter Blogger Hakan Turan gelangt zu ähnlichen Erkenntnissen. Und er zieht Schlussfolgerungen für die heutige Zeit, für den Umgang mit den türkischen Jugendlichen. Lest, was er am 17.04.2010 schrieb:
Hakan-Turan-Blog
Dieses Obrigkeitsdenken beginnt natürlich nicht erst 1923 mit der Gründung der Türkischen Republik, sondern lässt sich weit in die Zeit des Osmanischen Reiches zurückverfolgen. Es überrascht nicht, dass das Obrigkeitsdenken und der Autoritätsgehorsam heutzutage in den meisten politisch relevanten Kreisen der Türkei, von den religiösen, über die kurdischen bis zu den kemalistischen, verblüffende Ähnlichkeiten aufweist. Und: Dieses Denken ist implizit noch bei dem Großteil der türkischen Jugend in Deutschland verbreitet.
„Ein Fahradbeauftragter allein kann noch keinen Mentalitätswandel herbeiführen.“ So der Kommentar der taz zum Interview mit dem neuen Fahrradbeauftragten der Stadt Berlin, Arvid Krenz, dem ich auch von dieser Stelle viel Erfolg in seinem Amt wünsche! Ich gehe sogar noch zwei Schritte weiter: Den nötigen Mentalitätswandel kann die Radverkehrsförderung nicht allein herbeiführen. Radverkehrsförderung muss den ganzen Menschen sehen. Was dient dem Menschen? Das ist die Frage, um die es geht.
„Modellversuche und Leuchtturmprojekte täuschen darüber hinweg, dass Radfahrer längst noch keine gleichwertigen Verkehrsteilnehmer sind. Es fehlt an einem Routennetz, auf dem Radler hürdenlos und sicher von A nach B kommen …“
Dies ist nur einer von Hunderten anderen Kommentaren zum Radverkehr, die alle in einem zusammenkommen: Es fehlt meist an einer gesamthaften Betrachtungsweise. Und darüber wird geklagt. Es gibt tausend Gründe, die die Leute vom Radfahren abhalten. „Immer und überall werden Radfahrer benachteiligt.“ Man nistet sich ein in einer Benachteiligten-Mentalität. Und deshalb werden Forderungen aufgestellt: „Macht das und das! Macht bessere Angebote! Dann werden mehr Leute Rad fahren.“
Radverkehrsförderung geschieht meist an Punkten, statt in ganzen Flächen, statt in ganzen Bezirken, statt in ganzen Städten. Die Verkehrsplaner versuchen ehrlich und redlich, ein Tiefbau-Problem „in den Griff zu bekommen.“ Damit die Radfahrer ein bisschen weniger benachteiligt werden. Das ist löblich und aller Ehren wert. Diese Arbeit soll und muss weitergehen. Aber das reicht nicht, solange nicht wesentlich mehr Menschen auf das Rad umsteigen.
Der Modellbezirk Radverkehr versucht deshalb darüber hinaus, möglichst viele Akteure des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg – nicht nur den Tiefbau – in eine gemeinsame Strategie einzubinden. Das Konzept setzt auf Mitnahme-Effekte. Das Konzept setzt auf massive Nachfrageverstärkung, etwas weniger auf Angebotsverstärkung. Denn die verstärkte Nachfrage nach Radverkehr wird auch zu einem besseren Angebot für den Radverkehr führen. Die Parteien würden aufwachen. Sie würden um die Gunst nicht der Autofahrer, wie es namentlich die Grünen derzeit tun, sondern der Radfahrer buhlen. Radfahrer sind auch Wähler. Je mehr Wähler Rad fahren, desto besser.
Wenn 80% der Berliner beschlössen, mit dem Pferd statt mit dem PKW oder der BVG zu fahren, würden sofort, in wenigen Monaten, überall Reitwege, Wasserstellen, Ställe und Futterkrippen eingerichtet werden. Die Pferdeverkehr-Infrastruktur schösse aus dem Boden, dass dem Reitersmann und der Reitersfrau das Herz im Leib entbrennte vor Freude.
So gilt: Je mehr Leute Rad fahren, je mehr Radfahrer wir auf den Straßen sehen, desto besser für die Gesamtsituation des Radverkehrs!
Die Steigerung des emissionsfreien, individuellen, effizienten, sozialverträglichen Individualverkehrs, also des Radverkehrs, ist etwas Gutes an sich. Davon bin ich überzeugt. Warum ist das gut? Es gibt sehr viele Günde dafür.
Beispiel: Seit Jahren nimmt Fettleibigkeit und Bewegungsarmut unter Kindern in Friedrichshain-Kreuzberg nachweislich zu, mit nachteiligen Wirkungen für das gesamte spätere Leben. Diabetes, Konzentrationsstörungen, spätere Gelenkserkrankungen sind oft die Folge von Bewegungsarmut und Fettleibigkeit. Kinder, Jugendliche und Eltern fahren zu viele Wege mit der BVG und dem Auto, sie gehen zu wenig zu Fuß und fahren zu wenig Rad.
„Bewegungsmangel in der Kindheit kann zu körperlichen Fehlentwicklungen und chronischen Krankheiten führen, die auch im Erwachsenenalter noch belasten: Übergewicht, Herz- und Kreislaufschwächen, Rückenprobleme durch Haltungsschäden.“
Das Grundschulkind. Ein Praxisbuch für Eltern. Hgg. von Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff. Gütersloh/München, 2009, S. 147
Hier sehe ich uns alle in der Pflicht. Alle sollten darauf hinarbeiten, dass Kinder sich täglich zwei bis drei Stunden körperlich bewegen, möglichst an der frischen Luft, bei jedem Wetter (nicht nur mit dem Daumen an der Fernbedienung). Der neue Spielplatz am Kreuzberg, wie er oben zu sehen ist, ermuntert die Kinder zu vielfältigen Raum- und Körpererfahrungen. Sehr gut! Nutzt ihn!
Der Modellbezirk Radverkehr ist ein neuartiger Ansatz, wie er bisher in keinem Berliner Bezirk versucht wurde. Die Arbeit an Problemstellen, das Entschärfen von kritischen Punkten, der mühselige Aufbau einer guten Infrastruktur geht selbstverständlich kleinschrittig weiter!
Aber daneben und darüber hinaus sollen alle Menschen durch systematisch gesetzte Anreize ermuntert und bestärkt werden, mehr mit dem Rad zu fahren und sich weniger durch das Verbrennen von kostbaren Ressourcen wie Erdöl oder Kohle im Auto oder Bus fahren zu lassen.
Mehr Lebensfreude, bessere Gesundheit, kindgerechtere Umwelt durch mehr Radverkehr. Je mehr Radverkehr wir auf die Straßen und Wege bekommen, desto besser. Das ist keine Vision. Das ist ein Weg. Diesen Weg kann jede und jeder bereits jetzt, ab heute, gehen und fahren.
Einer der wenigen Denkenden, die Europa wirklich von der Wurzel her begreifen, ist Jacques Attali. Der aktuelle italienische Focus bringt auf den S. 137-140 ein bemerkenswertes Interview.
Europa, wie wir es heute verstehen, entsteht zunächst nicht durch das Christentum, sondern durch die Hochzeit zwischen dem antiken Griechenland und dem alten Israel. Aus dieser Begegnung sind viele andere Entwicklungen hervorgegangen, unter anderem das Christentum und der Islam. Attali sagt: „Zu glauben, dass Europa durch das Christentum definiert sei, ist ein Irrtum. Die wahren Väter Europas sind das antike Griechenland und das Judentum, aus deren Wechselwirkung vieles geboren worden ist, darunter das Christentum und der Islam.“
Dieser Auffassung schließe ich mich an. Wer Homer, Aischylos, Herodot, Platon nicht kennt, wird sich nicht kundig zur Frage äußern können: Was macht Europa aus? Warum gehört Rumänien in die EU? Wer Levitikus und die anderen, die 5 Bücher Mosis, wer die Propheten der hebräischen Bibel wie Jeremias oder Jesaias für Humbug erklärt oder nichts dazu sagen will, wird zu Karl Marx und Atatürk, aber auch zum Mieterschutz für ehemalige Kreuzberger Sozialmieter im Fanny-Hensel-Kiez verstummen.
Attalis Meinung hat erhebliche Konsequenzen für unseren Umgang mit dem Islam insgesamt, mit der Türkei insbesondere. „Der europäische Traum wird sich nur durch die Modernisierung des Islam verwirklichen lassen, der seinerseits nur dann überleben wird, wenn er die Botschaft der Moderne, die aus Europa stammt, aufzunehmen vermag.“
Das sind kühne, mutige Sätze. Attali denkt an die Zukunft. Er wünscht sich ein einiges, starkes Europa, ein Europa, das sich als „Nation“ begreift. Nur als Nation Europa wird Europa gegenüber den alten und neuen Ländern USA, Russland, China und Indien bestehen können. Damit greift Attali 50 Jahre in die Zukunft hinein. Er überspringt das Klein-Klein des EU-Alltags. Er überwölbt die Wirtschaftsgemeinschaft mit einigen starken, glanzvollen Tragwerken. Diese Tragwerke sind geistiger Art.
Zurück zur Türkei! Das Gebiet der heutigen Türkei ist Kernland für die Entstehung Europas gewesen. „Griechen“ und „Juden“, „Heiden“ und „Christen“, Osten und Westen sind hier, im alten Asia minor, in Lydien, Kappadokien, Phrygien, Bithynien, Armenien zusammengetroffen. Einige Jahrhunderte später trafen die Türken ein, übernahmen, griffen auf, siedelten, trugen hinzu.
Auch der im 7. Jahrhundert n. Chr. entstehende Islam hat diese Begegnung zwischen Osten und Westen, zwischen Juden, Christen, zwischen Griechen und Heiden in seine Geburtsurkunde hineingeschrieben. Koran sagt etwa: „Gottes ist der Osten und der Westen. Wohin ihr euch auch wenden möget, dort ist das Antlitz Gottes“ (Sure 2,115).
Etwa 1100 Jahre später sagt Goethe:
Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.
Denkende, in tiefen Brunnen schöpfende Menschen wie Attali oder Goethe, aber auch ins Wesentliche schauende Politikerinnen wie etwa Aygül Özkan legen den Blick auf die gemeinsame Grundlagenarchitektur dessen frei, was wir das geistig-geistliche Tragwerk Europas nennen können.
Diese Tragwerk bietet Platz für alle, die sich ihm anvertrauen.
Große Mengen des für den Menschen im direkten Kontakt schädlichen Lithiums werden benötigt, um den gewünschten Elektro-Antrieb des motorisierten Individualverkehrs in großem Umfang voranzutreiben. Daneben muss neben der bestehenden Tankstellen-Infrastruktur eine zweite Elektro-Infrastruktur für den automobilen Verkehr hochgezogen werden. Über einige Jahrzehnte wird das Elektro-Auto also neben den Verbrennungs-Motoren herlaufen, etwa als Zweitauto. Bereits im Jahr 2020 könnten etwa 10% der PKW-Flotte elektrisch betrieben sein! Der PKW-Bestand wird dank der vielen Zweitfahrzeuge zunehmen. Am Ort des Verkehrs selbst emittiert das Elektro-Auto keine gasförmigen Substanzen, sondern nur die üblichen Roll-, Brems- und Windgeräusche. Und es beansprucht Straßenland, Aufmerksamkeit, Geld wie die Verbrennungsmaschinen-Vorgängermodelle auch.
Dennoch ist es bereits heute möglich, emissionsfrei, kostengünstig, rasch und selbstbestimmt in Städten von A nach B zu gelangen. Bei Strecken bis 10 km Länge ist in Berlin das Fahrrad meist schneller als das Auto. Dies er-fährt jeder, der selbst in die Pedale tritt. Einige hübsche Versuche dazu liefert die Zeitschrift zitty in ihrem Heft Nr. 8/2010, welches das Titelthema Fahr Rad! ziert:
Magazin zitty.de
Es sind die Ausreißer, die immer wieder Zweifel aufwerfen. Der Kollege, der zum ersten Mal mit dem Auto statt mit dem Rad zur Arbeit kommt und freudestrahlend verkündet: Zehn Minuten gespart, und das im Berufsverkehr! Der Heimweg aus der Kneipe in Kreuzberg 61 nach Friedrichshain, Luftlinie bloß sieben Kilometer, der mit zwei Mal Umsteigen eine Dreiviertelstunde dauert. Die Fahrt nach Adlershof, die mit der Bahn und anschließendem Fußweg 40 Minuten braucht, mit dem Fahrrad aber nur eine halbe Stunde.
… so fing ich meinen ersten zaghaften türkischen Konversationsversuch mit einem türkischen Taxifahrer an … Wir fuhren eben an einem bronzenen Standbild des Urvaters aller Türken vorbei. Die Antwort des Taxifahrers erfolgte in Gesten … und in einem Lächeln, einem angedeuteten Achselzucken. Einem beschwichtigenden Klopfen auf das Lenkrad.
Ich glaube, dass die meisten erwachsenen Türken nicht mehr jener blinden Atatürk-Verehrung anhängen, die eherner Bestandteil der an den Schulen verkündeten staatstragenden Ideologie ist. Einer personenzentrierten, im Grunde auf Unsterblichkeit des Gründer-Vaters angelegten Nationalstaatsideologie, die durch keinen Zweifel in Frage gestellt werden darf.
Man stelle sich einmal vor, die Bundesrepublik würde derart massiv zur Verehrung Konrad Adenauers erziehen. Es wäre ein Widerspruch zum Grundgedanken der Republik. Die Bundesrepublik hat zwar eine Reihe bedeutender Staatsmänner und -Frauen aufzuweisen. Aber jeder und jede von ihnen ist oder war prinzipiell ersetzbar. Der Staat wird durch das Volk getragen. Nicht durch die religiöse Einheit mit einem Mann.
Die Staatsauffassung der Türkei und diejenige der Bundesrepublik Deutschland halte ich für unvereinbar.
Diese türkischen Erinnerungen fallen mir wieder ein, als ich soeben den folgenden Bericht lese:
Türkische Schulen: „Wir erklären sogar den Dreisatz mit Atatürk“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – SchulSPIEGEL
„Du denkst, an den Schulen sollte die Wissenschaft im Vordergrund stehen, aber nein: Alles dreht sich nur um Atatürk.“ Im Geschichtsunterricht sei für die Antike kein Platz, für die Französische Revolution nicht, allenfalls für Hitler. Selbst in Fächern wie Mathematik und Biologie stehe Atatürk im Mittelpunkt: „Wir erklären sogar den Dreisatz am Beispiel Atatürks“, sagt Türkmen sarkastisch. In Mathe komme Atatürk in jeder zweiten Sachaufgabe vor, etwa mit Anekdoten aus seinem Leben.
500 Euro kostet derzeit etwa eine schwarze Meldeadresse, mit der man seine Kinder auf einer genehmen Schule unterbringen kann. „Alle machen das!“, wurde mir entgegnet, als ich einmal empört diese Praxis der falschen Adressen als „verwerflich“ bezeichnete. Ich werde überwiegend belächelt, wenn ich für Steuerehrlichkeit, für Melde-Ehrlichkeit eintrete. So wird unser Gemeinwesen übers Ohr gehauen. Man plündert diese Republik aus, holt sich, was man kriegen kann. „Bitte nur das Beste für MICH und für MEINE Kinder!“
Wie würden diese Eltern staunen, wenn sie erführen, dass die Eltern weit stärker für den Bildungsweg des Kindes verantwortlich sind als die Schule?
Wir haben somit ab Klasse 1 keine Einheits-Grundschule mehr, wie sie das Grundgesetz wollte. Die soziale Sonderung setzt bereits sehr früh ein. Darauf wiesen jetzt etwa 1000 Grundschullehrer hin:
Der erste Pawlowsche Reflex ist es stets, mehr Geld zu fordern, bessere Ausstattung, kleinere Klassen. Ein großer Trugschluss! Wieder einmal schiebt man alle Schuld auf den Staat. Auf die Verhältnisse. Das ist sehr bequem.
Aber: Das Geld ist nicht da, mehr Lehrer sind nicht da, und die Schulen in sozialen Brennpunkten sind heute besser ausgestattet als der Durchschnitt.
Es gibt keinen Beleg dafür, dass das Lernen in kleineren Klassen zu besseren Ergebnissen führt. Es scheint aber Studien zu geben, die beweisen, dass die Klassengröße ohne Einfluss auf den Lern-Erfolg ist. „Kleinere Klassen bringen nichts„, meldete der SPIEGEL am 19.04.2010.
Die Entmischung setzt von seiten der Eltern ein. Die Mittelschicht- und die Oberschicht-Eltern sind verantwortlich, wenn wir Migranten und wir Unterschichtler unter uns bleiben. Ganz unten.
Übrigens: Wer ganz unten ist, hat keine Abstiegsangst mehr. Also: Kommt zu uns!
Ich schlage erstens vor: Alle Eltern melden sich und ihre Kinder mit ihrer richtigen Adresse an. Das wäre schon mal ein erster Schritt zu mehr Gemeinsinn.
Zweiter Schritt: Einstellen der Elterntaxis. Dass Kinder mit den Autos jeden Morgen quer durch die Stadt in die Grundschule gebracht werden, ist ein Unding.
Drittens: Die Mittelschichtler kümmern sich um die Unterschichtler, laden sie zu sich nachhause ein, machen zusammen Hausaufgaben, gehen zusammen auf Spielplätze. „Ich war noch nie auf dem Kreuzberg“, erzählte uns kürzlich ein Schulfreund, dem wir den Kreuzberg zeigten. Er wohnt 1 km vom Kreuzberg entfernt. Das Bild zeigt den neuen Spielplatz am Kreuzberg.
Mit diesen drei einfachen Schritten kommen wir schon weiter. Der Staat braucht nichts dazuzuzahlen.