Jan. 112010
 

Immer wieder wird beklagt, dass es nicht nur kein politisches, kein wirtschaftliches, sondern auch kein städtebauliches Leitbild für Berlin gebe. Stattdessen klammert man sich an Regularien wie etwa der Traufhöhe fest. Die einstmals lebhafte Debatte um die Gestaltung von Berlins Mitte findet keinen Niederschlag in zentralen, von allen diskutierten Anregungen und Dokumenten.  Ich erblicke darin den tieferen Grund für das einigermaßen enttäuschende Hickhack um die Ausschreibung des Schloss-Bauauftrages an Franco Stella,  für die außerordentlich vielsagende Unfähigkeit der Gremien, sich auf einen Wettbewerbsentwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal zu einigen.

Wo sind die Anregungen eines Hans Kollhoff geblieben? Was ist aus dem people’s place geworden, aus all den guten Gedanken zum kleinräumigen Quartiersmanagement, zur Stadt als gelebtem Innenraum, zur Stadt als Zone der Begegnung zwischen Menschen?

Wir sind eine Stadt ohne Leitbild. Wir sind noch keine zusammenwachsende Stadt! Was für eine spannende Aufgabe wäre es doch, kulturelle, politische und städtebauliche Ideen zusammenzuflechten und in das Leitbild Die zusammenwachsende Stadt einzubinden!


 Posted by at 20:37
Jan. 112010
 

Einer, der sich gut auskennt in der Politik, ist mein Vater. Ihn fragte ich als kleiner 10-jähriger Bub nach dem Unterschied zwischen SPD und CDU/CSU.  Seine Antwort lautete: „In vielem stimmen sie überein.“ Das schockierte mich, denn die Schwarzen und die Sozen bekämpften einander erbittert. Warum, wenn sie doch in vielem übereinstimmten?

Mein Vater fuhr fort: „Aber der Unterschied ist: Die SPD will mehr Gleichheit, mehr Gerechtigkeit, mehr Verantwortung des Staates. Die Union will mehr Freiheit, mehr Verantwortung des einzelnen, der unteren Ebenen. Die Union hat kein so starkes Vertrauen in die Regelungskraft des Staates, sie hat mehr Vertrauen in die Verantwortung der einzelnen Menschen. Die SPD verlangt mehr vom Staat. Der Staat soll es richten.“ Das verstand ich einigermaßen, war aber doch der Meinung, dass irgendwann eine der beiden Parteien „recht bekommen“ würde. Ich glaubte als Kind, dass sich irgendwann herausstellen musste, dass entweder die SPD oder die CSU recht hatte.  Irgendwann würde nur noch eine Partei übrigbleiben, glaubte ich, und der ganze Streit hätte endlich ein Ende.

Heute glaube ich das nicht mehr: Ich glaube, dass die Demokratie sogar auf dem streitigen Gegeneinander von nicht austauschbaren Positionen beruht. Ferner glaube ich, dass weiterhin die Union und die SPD durch ein unterschiedliches Verständnis dessen geprägt sind, was der Staat leisten und nicht leisten kann.

Man kann dies wunderbar zeigen an den Integrationsvorstellungen für die Stadt Berlin, wie sie Bürgermeister Wowereit kürzlich entfaltet hat: Mehr Beratung, mehr Förderung, mehr Fürsorge und Unterstützung der Bürger durch den Staat. Mehr Geld für Quartiersmanagement und Stadtteilmütter.  Das Zusammenwachsen der Stadt Berlin sieht Wowereit nunmehr als Kernaufgabe seines Senats. Im nächsten Doppelhaushalt stellt er deshalb erhebliche Mittel bereit. Der Tagesspiegel kommentierte:

Wowereit ist als neuer stellvertretender SPD-Vorsitzender zuständig für Stadtpolitik; da kann er, wenn er noch mehr will, es sich nicht so leicht machen. Statt fatalistischer Äußerungen wie jener, er würde seine Kinder auch nicht in Kreuzberg zur Schule schicken, braucht Wowereit hier jetzt Erfolge. Er weist zurecht auf sinnvolle Projekte wie das Quartiersmanagement hin; aber das reicht nicht. Das beitragsfreie letzte Kitajahr ist wichtig, aber zu wenig. Er kündigt an, mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu schaffen; er sagt aber nicht, wie das gehen soll.

Ich hingegen sehe das Zusammenwachsen der Stadt Berlin als Kernaufgabe von uns Bürgern. Zu diesem Zweck vertrete ich das Leitbild von der „Zusammenwachsenden Stadt“. Dieses Leitbild müssen die Bürger mit Leben füllen. Deshalb sage ich nicht nur: „Ich würde meine Kinder in Kreuzberg in die Schule schicken“, sondern ich tue dies auch.

Die Parteien können uns beim Zusammenwachsen helfen, aber sie können es uns nicht abnehmen. Auch Armin Laschet weist letztlich allen Bürgern diese Verantwortung zu: Jedem Bürger obliegt es, den Aufstieg zu erarbeiten. Der Staat kann allenfalls helfen, aber er kann es nicht selber für die Bürger machen.

So widerspreche ich also all jenen, die von einer immer stärkeren Angleichung der beiden großen Volksparteien sprechen. Im Bundesland Berlin trifft dies zwar in gewissem Sinne zu. Ja, wir beobachten hier sogar die Kuriosität, dass die CDU einige Jahre noch staatsverflochtener, noch staatsverquickter war als die SPD. Mit schädlichen Folgen für das Selbstverständnis dieser Partei.

Aber grundsätzlich bin ich überzeugt: Die CDU lässt das Gemeinwesen von unten nach oben wachsen. Die SPD greift von oben her ordnend und ausgleichend ein.

Ich bin für die Konturierung der Gegensätze, nicht für den weitgehenden programmatischen Ausgleich zwischen den Volksparteien. Darüber lesen wir heute im SPIEGEL:

Gefahr von der Basis – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik
Die Tatsache, dass so viele Wähler schwanken, hängt auch mit der in der Öffentlichkeit konstatierten völligen Austauschbarkeit von Positionen der großen Parteien zusammen. Die Tatsache, dass sich gerade in der Großen Koalition die politischen Partner doch letztlich thematisch sehr nahe waren, machte ein Umschalten der Wähler zu einer anderen Partei eher möglich.

 Posted by at 17:50

Wer muss sich mehr anstrengen? Alle zusammen!

 Konservativ  Kommentare deaktiviert für Wer muss sich mehr anstrengen? Alle zusammen!
Jan. 112010
 

Wir brauchen das Leitbild! Das ist wirklich eine Forderung, von der ich in meiner Partei nicht abweichen werde. Egal, ob ich am Samstag mit Mann und Maus untergehe oder einen winzigen Achtungserfolg erringe. Das Leitbild muss unabhängig von einzelnen Personen sein. Und: Weder der Senat noch die Berliner Opposition aus CDU und Grünen hat bisher ein Leitbild vorgelegt, das diese Funktion erfüllen könnte. Es gibt weder bei den Berliner Grünen noch bei der Berliner CDU ein klar kommuniziertes Leitbild. Ich werde genau ein solches am Samstag fordern. Meines heißt: Die zusammenwachsende Stadt. Es ist der Kernbestand meiner Kandidatur für den Kreisvorsitz der CDU Friedrichshain-Kreuzberg.

Nur die kulturell und politisch zusammenwachsende Stadt wird auch wirtschaftlich wachsen können! Das ist ein weiterer Kernpunkt meiner Forderungen. Erst einmal müssen wir uns verständigen, welche Werte wir verkörpern. Da ist mir nicht bange. Dann kommen große Strategien und sehr viele kleine Schritte zur Verwirklichung des Leitbildes.

„Aber wir haben doch längst das Leitbild!“ wird mir manchmal aus CDU-Kreisen eingewendet. Wo ist es? Ein Leitbild ist etwas, das einem auch um 2 Uhr nachts noch einfällt, wenn man aus dem Schlaf gerissen wird. Ich sehe das angeblich existierende Leitbild nicht. Andere sehen es nicht. Zum Beispiel die Spitzenvertreter der Berliner Unternehmer Eric Schweitzer und Stephan Schwarz. Lest selbst das Interview vom 9. Januar 2010!

Interview mit Eric Schweitzer und Stephan Schwarz – „Mehr Anerkennung für Unternehmer“ – Wirtschaft – Printarchiv – Berliner Morgenpost
Berliner Morgenpost: Wer muss sich mehr anstrengen? Der Senat, die Unternehmen, die Kammern mit ihren Präsidenten?

Schwarz: Alle zusammen. Wir sollten uns gemeinsam auf ein Ziel, ein wirtschaftliches Leitbild für die Stadt, verständigen. Da gab es mehrere Anläufe von unserer Seite. Passiert ist leider bislang nichts.

 Posted by at 12:44

„Rot-rot verhindert Bildungschancen. Wir eröffnen Perspektiven“

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Jan. 102010
 

Interessante Anzeige der CDU-Fraktion im heutigen Tagesspiegel auf S. 9! Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie die Berliner CDU sich derzeit kommunikativ zu positionieren versucht. Werde mir die Anzeige mal ausschneiden, vergrößern und dann zum Parteitag mitbringen! Dann werde ich sie analysieren.

Genau daran werde ich meine Alternative für die Berliner CDU darlegen können. Genau daran werde ich meine Kandidatur begründen können. Bin gespannt, ob es mir gelingt, das Publikum zu gewinnen!

Ich übe schon mal die Rede mit dem Bild der Schlesier auf S. 21 im aktuellen Spiegel.

 Posted by at 23:57

„Bitte weniger loben!“

 bitte!  Kommentare deaktiviert für „Bitte weniger loben!“
Jan. 102010
 

„Ich bitte doch, den Minister weniger zu loben. Das bringt ihn nur bei der eigenen Seite in Verruf!“ So sprach der Vorsitzende des Innenausschusses an die Grünen und die SPD gewandt, Wolfgang Bosbach, im aktuellen Spiegel Nr. 2/2010. Nachzulesen auf S. 23. Ein herrlicher Satz, der tief blicken lässt!

Dieser Unterschied zwischen der „eigenen Seite“und „den anderen“, der muss einem im Laufe der Parteiarbeit wirklich in Fleisch und Blut übergehen. Wer diesen fundamentalen Unterschied nicht im Schlafe beherrscht, der braucht gar nicht erst anzutreten. Das berühmte „problemlösende Denken“ kommt in den Parteien erst danach.

Mich selbst hat es einige Monate gekostet, ehe ich begriff, dass sehr viele Sätze, die man in einer Partei hört, nur den Zweck haben, den Zusammenhalt der eigenen Seite zu stärken. Man beweist seine Zugehörigkeit zum eigenen Lager, indem man das Selbstverständliche immer wieder benennt.

Dieser Artikel „Kampf der Kulturen“ beschreibt durchaus treffend, welche programmatischen Schwierigkeiten heute auf die CDU warten. Am Samstag werde ich auf dem Kreisparteitag der CDU Friedrichshain-Kreuzberg genau darauf eine Antwort zu geben versuchen – und zwar bezogen auf das Bundesland Berlin.

 Posted by at 23:45

War Platon gegen Videospiele?

 Antike, Digital, Philosophie, Platon, Verwöhnt  Kommentare deaktiviert für War Platon gegen Videospiele?
Jan. 102010
 

Kaum ein Autor ist mir so nahe vertraut wie – Platon. Bereits als 16-jähriger ließ ich mir zu Weihnachten die von Burnet trefflich besorgte Oxforder Gesamtausgabe schenken. Seither lese ich immer wieder darin und so ward mir der Autor ebenso vertraut wie dem Harley-Fahrer seine Maschine und dem Bauern seine Kuh im Stall.

Heute las ich im zweiten Buch der Politeia das, was Platon über den modernen Wohlfahrtsstaat schreibt, Verzeihung: über die antike „üppig aufgeschwemmte Stadt“ (372 eff.) Sie ist gekennzeichnet durch einen Überschuss an nicht lebensnotwendigen Dingen, durch hochgradige Aufsplitterung der Berufs- und Arbeitswelt und durch ein hohes Maß an Müßiggang.

In 373a7 nennt Sokrates „bewegte Bilder“ als Merkmal einer derartigen Luxuswelt. An unsere Flachbildschirme konnte  er nicht denken. Aber das Überhandnehmen der Medienwelt, der „bewegten Bildnissse“, das ständige Schielen auf Schminke, Gold und Elfenbein scheint auch damals bereits absehbar gewesen zu sein. Hier eine Gratifikation, da eine Prämie, da eine Zulage.

Wie gesagt: Wir haben Flachbildschirme in vielen Familien, in denen die Kinder keine Lesebücher haben. Das ist – wie sagt Plato? – „nicht gesund“.

Quelle: Platonis opera. ed. Ioannes Burnet, t. iV, 372e-373b

 Posted by at 17:18

Na bitte, es geht doch!

 Schäuble, Verwöhnt  Kommentare deaktiviert für Na bitte, es geht doch!
Jan. 092010
 

Allmählich werd ich noch zum Fan des Bundesfinanzministers. Das darf doch nicht sein! Aber die Gefahr besteht. Kaum einen Tag, nachdem ich gefordert habe: Die Politik muss bescheidener sein, darf nicht so viel versprechen,  muss die Bürger auf Einschnitte vorbereiten (am besten vor den Wahlen), fällt mein Auge auf diese Meldung:

Schäuble kündigt Einschnitte an
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat umfangreiche Sparmaßnahmen angekündigt. „Die Koalition steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Wir werden die Bürger auf Kürzungen vorbereiten müssen“, sagte Schäuble dem Tagesspiegel.

 Posted by at 16:30
Jan. 082010
 

„Sie muss bescheidener werden.“ Mit dieser und anderen Aussagen treten wir am kommenden Samstag zur Abstimmung.  Prämien satt, Geldgeschenke, Steuerentlastungen, Zuschüsse, Subventionen … all den teuren Krimskrams, den halte ich für nicht zielführend. Ich würde stets als Politiker vor den Wahlen den Bürgern höhere Belastungen in Aussicht stellen, vor allem denen, die solche höhere Belastungen tragen können – und weniger Leistungen des Staates ankündigen.

Dafür müssten die Bürger lebenslang mehr lernen und mehr arbeiten. Denn: „Politik muss führen. Wenn die Politik sagt, wir lassen es laufen und bedienen von Fall zu Fall Klientelinteressen, kriegen sie nichts gestaltet.“ So wird Ole von Beust heute im Tagesspiegel auf S. 8 zitiert.

Eine Mehrheit der Wähler sieht das offenbar ebenso. Die Deutschen wollen mehrheitlich nicht, dass der Staat zugunsten der Konjunktur höhere Schulden macht.Wieder einmal überrascht mich das nicht. Ich bin halt – unverbesserlich ein Mann der Mitte. Und selbstverständlich ist das Leitbild „Die zusammenwachsende Stadt“ so geschrieben, dass die berühmten 80% der Deutschen dem zustimmen würde. Behaupte ich mal. Denn wer ist gegen die zusammenwachsende Stadt?

Das berichtet heute der Tagesspiegel:

Mehrheit der Deutschen ist gegen Steuersenkungen
Die schwarz-gelbe Koalition streitet noch – die Mehrheit der Bundesbürger indes hat eine klare Meinung: Sie sind gegen weitreichende Steuererleichterungen im Rahmen einer umfassenden Steuerreform im kommenden Jahr. Wie Infratest dimap im Auftrag der ARD für den Deutschlandtrend ermittelte, sprechen sich 58 Prozent der Befragten gegen die Pläne der Bundesregierung aus, 38 Prozent dafür.

 Posted by at 20:42
Jan. 082010
 

Fassungslos schlagen die russischen Mütter meines Bekanntenkreises immer wieder die Hände über die Berliner Grundschulen zusammen! „Sie lernen fast nichts, wir haben dasselbe Pensum in der multiethnischen Sowjetunion in einem Drittel der Zeit durchgearbeitet.“

Jetzt kamen wir darauf, dass die Kinder in der Tat kaum Bücher haben – keine Lesebücher, keine Sachkundebücher, keine zusammenhängenden Sprachlehrbücher … aus Geldmangel!

„Wir hatten keine Unterhosen, aber jedes Kind bekam sein Exemplar des Lesebuches aus der Schulbibliothek entliehen! Jeder musste darauf aufpassen. Wir wurden gefüttert mit der großen klassischen Literatur, mit der gesamten bürgerlichen und adligen Literatur der vergangenen Jahrhunderte! Bei euch in Berlin herrschen die grauen Herren aus Momo. Alles so fantasielos, so leblos. Wo sind die Bilder, wo sind die Geschichten, wo sind die Phantasien? Kein Wunder, dass die türkischen und arabischen Kinder sich nicht zur deutschen Kultur hingezogen fühlen. Ihr zeigt sie nicht. Ihr lehrt sie nicht.“

Tja, ich schluckte. Die russischen Mütter haben die Erziehung der Berliner Grundschulkinder weitgehend in die eigenen Hände genommen: sie lesen vor, sie üben das Schreiben in beiderlei Sprachen, sie bringen die Kinder zum Klavier- oder Geigenunterricht. Vom Berliner Schulwesen haben sie alle die Nase voll. Sie nehmen es nicht ernst.

Sind wir lächerliche Schrumpfgermanen? Ich muss konstatieren: In Russland hatten sie keine Unterhosen, aber Lesebücher. Bei uns in Berlin haben sie wegen Geldmangels keine Lesebücher, aber Fernseher, Satellitenschüsseln, Handys, Spielekonsolen, Autos und Urlaubsreisen.

Leute, da stimmt was nicht. Da ist was faul! Gewaltig!

 Posted by at 20:35

Treibt Berlin an der Peripherie auseinander?

 Sezession  Kommentare deaktiviert für Treibt Berlin an der Peripherie auseinander?
Jan. 072010
 

„Die Stadt wächst zusammen“. Mit dieser Feststellung beginnt Uwe Lehmann-Brauns, der Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses, seine Betrachtungen im heutigen Tagesspiegel – um sie gleich danach zu relativieren. Denn die Aufmerksamkeit ballt sich um die vier Innenbezirke Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Charlottenburg, die acht Außenbezirke  verlieren an Vitalität und Anziehungskraft. Die Politik hat das Problem bisher nicht deutlich genug erkannt und dem Auseinanderdriften der Ränder zu wenig  entgegengesteuert. Der Mentalitätswechsel, den Lehmann-Brauns fordert, den würde so ein Leitbild „Die zusammenwachsende Stadt“ einlösen können. Wir warten auf weitere gute Vorschläge, Herr Lehmann-Brauns!

Stadt, Land, Schluss
Eine neue Kunsthalle in Lichtenberg etwa, in eines der vielen dort vorhandenen architektonisch wertvollen Gebäude platziert, könnte anregen, anziehen, beleben. Um jede Kultureinrichtung bilden sich schnell Cafés, Läden, Restaurants.

Qualität wird aufgesucht, auch in den Bezirken um Mitte herum. Diese acht Berliner Großstädte dürfen nicht zu Vorstädten werden. Berlin hat keine Lust auf Provinz. Deshalb: Schluss mit der einfallslosen Zentralisierung. Ein Mentalitätswechsel ist gefragt.

 Posted by at 23:58
Jan. 072010
 

Hier kommt Futter. Ich habe mich ja schon als eifriger Wolfgang-Schäuble-Leser zu erkennen gegeben … auch dadurch mache ich mir im trutzigen Friedrichshain-Kreuzberg Feinde, oder? Aber prüft selbst – ihr werdet zugeben müssen: Der Mann hat mindestens mit folgenden Aussagen recht:

Dr. Wolfgang Schäuble MdB: Interviews
ZEIT: Zum Wettbewerb gehören unterschiedliche Positionen. Es sieht manchmal so aus, als würden die Vblksparteien Unterschiede nur noch vorspielen.

SCHÄUBLE: Natürlich findet der Wettbewerb um Mehrheiten in der Mitte statt. Das verhindert, dass wir durch eine Polarisierung zu den Rändern hin zerbrechen. Aber die Unterschiede bleiben. Sozialdemokraten haben in der Frage, was der Staat regeln soll und was man lieber den Menschen selber überlässt, grundlegend andere Vorstellungen als Christdemokraten. Dennoch können demokratische Parteien trotz ihrer unterschiedlichen Koordinatensysteme zusammenarbeiten. Wir finden Lösungen, auch wenn es manchmal mühsam ist. Ich bin überhaupt nicht für Hauruckverfahren, oder für ein Mehrheitswahlrecht, um das Regieren vermeintlich zu erleichtern. Das würde in Deutschland keine Akzeptanz finden.

zeit: Also sind Sie für Konfliktdemokratie?

SCHÄUBLE: Ich nenne es Wettbewerbsdemokratie. Nur dadurch entstehen Vielfalt, Spannung, Motivation, Mobilisierung. Eine Große Koalition produziert immer auch Müdigkeit. Ich will nicht den Wettbewerb: Wer schwätzt am dümmsten, oder wer ist der größte Demagoge? Sondern: Wer kann unter den schwierigen Bedingungen moderner Kommunikation die Menschen von dem, was er für richtig hält, überzeugen, also davon, dass europäische Einigung wichtig ist, dass der Staat nicht alles regeln kann und soll, dass der Staat Freiheitsrechte bewahrt und nicht bedroht? Ich bin dafür, dass wir darüber streitig diskutieren.

 Posted by at 14:35

„Majestätsbeleidigung!“

 Helmut Kohl, Schäuble  Kommentare deaktiviert für „Majestätsbeleidigung!“
Jan. 072010
 

Wie gut, dass ich als Allwetterradler ein so dickes Fell habe – gestählt durch Wind und Wetter!

Erste Reaktionen auf sogenannte Kampfkandidaturen gegen bombenfest im Sattel sitzende langjährige Vorsitzende, Könige und große alte Männer in demokratischen Parteien lauten meist: „Majestätsbeleidigung!“, oder auch: „Damit machst du dir nur Feinde!“  So mag es dem jungen Helmut Kohl ergangen sein, als er in Rheinland-Pfalz im ersten Anlauf Landesvorsitzender zu werden versuchte. Majestät saß bombenfest im Sattel. Beim zweiten Mal klappte es dann.

Tja, was soll ich sagen? Der Vorwurf der Majestätsbeleidigung fällt auf den zurück, der ihn ausspricht. Denn in der Demokratie sind alle Ämter nur verliehen – auf Zeit verliehen. Wer keine Erfolge oder nur Misserfolge vorweisen kann, der muss abgewählt werden. So funktioniert Demokratie.

Ebenso kann es in einer demokratischen Partei keine Feinde geben. Es gibt nur Parteifreunde. Echte persönliche Freundschaft wird in Parteien übrigens nur begrenzt entstehen können. Dafür sind Parteien nicht da.  Parteien brauchen den innerparteilichen Wettbewerb um die besten Konzepte, die besten Köpfe, und, jawohl auch um die Macht. Warum denn nicht? Macht ist nichts grundsätzlich Böses.

Was wäre uns allen erspart geblieben, wenn man Kaiser Wilhelm II. hätte abwählen können! Trotz einiger guter Einsichten in jungen Jahren verrannte er sich in Großmachtspolitik, er nahm die Realität in den letzten Jahren offenkundig nicht mehr richtig wahr. Manche seiner späten Äußerungen zeigen Merkmale der Demenz, des offenkundigen Realitätsverlustes. Dann spätestens hätte man ihn aus der Öffentlichkeit entfernen müssen. Es war in der Monarchie nicht möglich. Deutschland trägt deshalb wesentliche Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Nein, nein, Majestätsbeleidigung liegt mir sehr fern. Ich bin Demokrat und respektiere es, wenn andere Staaten – wie etwa Schweden und das Vereinigte Königreich – an der Monarchie festhalten. Aber in Deutschland werde ich keine Erbhöfe, keine kleinen Königreiche hinnehmen. Das wäre Verfassungsbruch.

Wettbewerb gehört zu den Spielregeln. Und die Einhaltung dieser Spielregeln, die werde ich verlangen.

Also, Mensch, ärgere dich nicht, wenn jemand, ein unbeschriebenes Blatt, ein machtloser Niemand gegen den „König“ auf die Karte der Demokratie, der Einsicht setzt. Freue dich vielmehr!

Mir gefällt übrigens der Ausdruck „Wettbewerbskandidatur“ viel besser als der Ausdruck „Kampfkandidatur“. Ich verwende diesen Ausdruck in Anlehnung an den Begriff „Wettbewerbsdemokratie“, den ich einem brillanten Artikel Wolfgang Schäubles in der ZEIT entlehne.

CDU umdenken!

 Posted by at 14:26

Geteiltes Berlin?

 Integration durch Kultur?  Kommentare deaktiviert für Geteiltes Berlin?
Jan. 062010
 

Merkwürdig: Genau heute, wo ich das Leitbild „Die zusammenwachsende Stadt“ hier veröffentliche, erscheinen zwei längere Aufsätze ausländischer Journalisten, die als ihren vorherrschenden Eindruck von Berlin genau diese tiefe Zerrissenheit berichten, die das Leitbild zu heilen versucht. Der erste  stammt von Anna Wakulik und erschien in der WELT:

Geteiltes Berlin: Der Westen würde den Osten gern abtreiben – Nachrichten Kultur – WELT ONLINE
Vor über 20 Jahren fiel die Mauer, doch zusammengefunden haben Ost und West noch lange nicht. Die junge Polin Anna Wakulik erkundete Berlin mit dem Fahrrad. Auf sie wirkt die deutsche Metropole wie eine schlecht genähte Wunde. Sie fragt sich, wie die Leute es schaffen, hier normal zu leben.

Und der Amerikaner Clayton McCleskey schreibt im Tagesspiegel unter dem Titel „Multikulti mit Mauer“:

Man redet gern von Integration, besonders die Humanitätsapostel, die
Grün wählen, Bio einkaufen und gleichzeitig Geländewagen fahren. Sie
sitzen am Kollwitzplatz, lesen die „taz“, loben ihre Toleranz. Aber wie
viele Einwanderer wohnen in Prenzlauer Berg? (Schwaben zählen nicht!)
Toleranz ist überall in Deutschland – und Berlin ist keine Ausnahme –
normalerweise mehr Wort als Tat.

Ich habe mal mit einem Deutschen gesprochen, der einen türkischen
Hintergrund hat. Er hat an einer Eliteuniversität in den USA studiert
und sich in Deutschland mit Politik beschäftigt. Aber er hat jetzt die
Nase voll von Deutschland und möchte wieder in die USA. In Deutschland
bleibe er immer Türke. In den USA kann er alles tun und alles werden.
In Deutschland fühlt er sich nicht mehr wohl.

Berlin muss und kann seine Türen aufmachen und die Stadt sein, in der
solche Menschen bleiben, um ein erfolgreiches – und deutsches – Leben
führen zu können. Berlin sollte sich als „Integrationsstadt“ fühlen.

Wie schafft man das? Bildung wäre ein guter Startpunkt. Von den Schulen
bis zu den Universitäten sollte es hier immer um Integration gehen.

Beide – die Polin und der Amerikaner – halten uns einen Spiegel vor. Dieser Spiegel ist zerbrochen. Er zeigt das Bild einer zerklüfteten Stadt. Ich sehe darin eine Bestätigung meines Grundgedankens: Die Stadt muss zusammenwachsen. Nur dann wird sie auch wachsen können.

 Posted by at 22:00