Michael Kohlhaas oder Californication? Haben wir die deutsche Einheit vollzogen?

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Jan. 092009
 

03012009001.jpg Na endlich … finde ich erneut einen Hinweis auf jene Umfrageergebnisse, die ich in diesem Blog am 10.12.2008 zitierte – und die ich anschließend nicht mehr nachweisen konnte, weil ich mich nur auf eine knappe Meldung im ZDF bezog, die offenkundig wegen zu großer Brisanz nicht mehr wiederholt oder als unstatthaft ausgesondert wurde. Ein Fall von Zensur? Ich zweifelte schon an meiner Erinnerung! Sind die Deutschen mehrheitlich in Ost wie in West wirklich so unzufrieden mit dem wiedervereinigten Deutschland, dass sie meinen, es sei ihnen vor 1989 besser als heute gegangen? Ja, es ist so, mein Gedächtnis trog nicht! Diese – oder eine ähnliche – Umfrage wird heute in der Berliner Zeitung erneut während eines Gesprächs mit Wolfgang Tiefensee angesprochen:

„Wir haben die soziale Einheit noch nicht vollzogen“ – Berliner Zeitung
Zum Jahresanfang hat eine Forsa-Umfrage ermittelt, dass die Deutschen, Ost wie West, mehrheitlich enttäuscht über die Einheit sind …

Tiefensee: Ich kann und ich will nicht glauben, dass die Hälfte der Menschen in Ostdeutschland behauptet, dass sich ihre Lebenssituation nicht verbessert hat. Ich würde diese Menschen daran erinnern, dass wir eingesperrt hinter einer Mauer gelebt haben.

Bei meinem letzten Aufenthalt in Russland fiel mir wieder einmal auf, wie stark die Bindung der Russen an ihr Land ist – die siebzig Jahre Sowjetunion sind vorüber, also darf man jetzt auch offiziell wieder auf die gesamte russische Geschichte zurückgreifen. Die Sowjetunion, das sind in der Rückschau siebzig Jahre in der Geschichte einer Nation, die ihren Ursprung auf das Jahr 882 datiert, als „die Rus“ sich keimhaft als eine Art Herrschaftsverband bildete. Alle Russen kennen klassische Gedichte eines Puschkin, eines Lermontow, russische Schulklassen werden durch die Tretjakow-Galerie geführt und erfahren so etwas über den gesamten Umfang der russischen Geschichte, die Russen kennen und können russische Lieder und Chansons auswendig, sie verstehen geheime und geheimste Anspielungen auf kulturelle und politische Ereignisse der letzten dreihundert Jahre. Bei aller lebhafter Erinnerung an Unterdrückung, Zensur, Terror, Lagersysteme, staatlich verordnete Massenmorde und verheerende Kriege – die Zugehörigkeit zum russischen Volk, zu der großen Kulturnation Russland wird nicht in Frage gestellt. Ich hörte am Silvesterabend in einer größeren Gesellschaft die Ansprache des Präsidenten Medwjedew, hörte die Nationalhymne, und ich spürte: Die Russen fühlen, dass sie zueinander gehören. Sie kennen ihre Geschichte besser – als wir Deutschen die unsrige. Und ich meine, wenn es in der neuen russischen Nationalhymne heißt: „Wir sind stolz auf dich!“ dann ist darin kein übersteigerter Nationalismus zu sehen, sondern eben dieses Gefühl des Kennens, des Schätzens und der Bindung an das eigene Heimatland.

Um wieviel anders wir Deutsche! Erst kürzlich sprach ich mit Berliner Jura-Studenten. Ich hub artig und höflich an: „Also, ich finde euer Fach ein ganz wichtiges Fach … denn der Rechtsstaat, die Herrschaft des Rechts, das ist doch etwas, was wir hochhalten müssen. Wenn jeder das Recht in die eigene Hand nimmt, dann kann sich das alles böse hochschaukeln. Selbstjustiz! Wie bei Michael Kohlhaas.“ Da kam die Rückfrage: „Michael … wer? Kohlhase? Kennen wir nicht.“ Ich musste feststellen: Sie kannten die Erzählung von Heinrich von Kleist weder dem Titel noch dem Inhalt nach.

Freunde, Blogger: Ich halte das für ein schweres Versäumnis, wenn in 13 Jahren Deutschunterricht so überragende Werke wie etwa die Erzählungen Kleists, die Gedichte Goethes oder die Dramen Schillers  weder gelesen noch gelernt noch wenigstens im Überblick vorgestellt werden. Mehr noch: Wer liest an unseren allgemeinbildenden Schulen noch Immanuel Kant, wer liest Hegel oder Heine, wer kann etwas anfangen mit Namen wie J.G. Herder, Karl Marx, Alexander und Wilhelm von Humboldt, Friedrich Nietzsche,  Siegmund Freud, Franz Kafka? Machen Sie den Test und Sie werden sehen: Eine ganze Nation – wir Deutschen – droht sich abzukoppeln von der reichen kulturellen Überlieferung, die uns als Nation zusammenhalten könnte. Wer weiß, wo das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen wurde? Wer besucht aus diesem Grunde Herrenchiemsee? Fast niemand! Ich habe mich oft gefragt: Was machen die Deutschlehrer und die Politiklehrer eigentlich in den 13 Jahren bis zum Erreichen des Abiturs?

Auch das heutige Interview mit Wolfgang Tiefensee belegt: Die deutsche Einheit ist ein schwer zu fassendes Phantom. Sie wird landauf, landab definiert über Zahlen, über Durchschnittseinkommen, über die berühmte „Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West“. Im Klartext: Erst wenn alle gleich viel Geld in der Tasche haben und über gleich gute Autobahnen möglichst ohne Tempolimit fahren dürfen, erst wenn die Arbeitslosenzahlen in Bayern-Süd und Berlin-Ost einigermaßen gleich sind, wird die deutsche Einheit vollendet sein. Freunde, Blogger: Was für eine grandiose Enttäuschung ist hier vorprogrammiert! Was ist das für ein Armutsbericht!

Doch wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen! Umgekehrt weise ich nämlich ebenfalls schwere Bildungslücken auf. Ich bin ein Armer im Geiste. Bis vor wenigen Tagen kannte ich z.B. die Serie Californication nicht. Das heißt, ich konnte bei wichtigen Entwicklungen in der schönen neuen Medienlandschaft nicht mitreden. Darauf wies mich in Moskau ohne den geringsten Vorwurf mein medienpolitischer Berater hin. Doch hatte ich die Chance, eine Folge dieser bedeutsamen Serie in Moskau zu mitternächtlicher Stunde im unverschlüsselten Free-TV zu sehen, und zwar im englischen Original mit eingesprochener russischer Übersetzung. Inhalt: Ein kalifornischer Autor erlebt nach der Trennung von seiner Frau allerlei Lustiges in verschiedenen Sportautos und Betten. In dieser Folge stand auf dem Spielplan: fornicatio a tergo, wie der Lateiner sagt, bzw. fornication doggy-style, wie der Brite sagt,  samt Verzierung eines originalen Ölgemäldes durch eructatio a stomacho, durch Kotzen, wie der Deutsche sagt. Nett anzusehen, diese hübsche nackte vollbusige Frau, sehr spannend, sehr geistreich die Dialoge, man muss das kennen, um mitreden zu können.

Und nun zurück zur Frage aus unserem Titel! Haben wir die deutsche Einheit vollzogen? Meine Antwort ist ein deutliches Njet! Wir haben sie noch nicht, die deutsche Einheit. Es gibt noch sehr viel zu tun. Die deutsche Einheit wird sich nicht in klingender Münze beziffern lassen und nicht in den Statistiken der Volkswirtschaftler niederschlagen, sondern sie wird sich bemessen neben anderem daran, ob wir unsere gemeinsame kulturelle und politische Überlieferung schätzen, pflegen und daran weiterarbeiten. Dazu gehört auch die deutsche Sprache und die deutsche Literatur.

Und deshalb – wir sind ja ein freies Land: Ich werde lieber den Michael Kohlhaas ein drittes Mal oder die Jugendbriefe Schillers zum ersten Mal lesen als mir eine zweite Folge von Californication anzuschauen. Auch wenn ich deshalb nie so recht werde mitreden können in unserer schönen neuen Gernsehwelt.

Unser Bild zeigt einen Blick auf den Notentisch im Hause Leo Tolstois. Ich entdeckte dort am 3. Januar 2009 im untersten Fach die gleiche Ausgabe der Sonaten Beethovens, die sich auch in meinem Besitz befindet und aus der ich noch gelegentlich spiele, wenn kein Musiker in der Nähe weilt.

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Jan. 082009
 

istoria_2.jpg Vorweg ein Bekenntnis: Ich bin ein „Revisionist“. Ich meine damit, dass unsere Geschichte – also die Gesamtheit an Erzählungen, Haltungen und Überzeugungen, mit denen wir Vergangenheit deuten und weitergeben – von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag weitererzählt und umerzählt werden soll. Ein gutes Beispiel dafür ist die Bewertung von Regierungsformen. Ich selbst bin von Kindheit an als überzeugter Anhänger der parlamentarischen Demokratie erzogen worden. Diese Bundesrepublik Deutschland, in der wir leben, habe ich immer für einen Staat gehalten, der den persönlichen Einsatz aller Bürger verdient. Ich habe deshalb beispielsweise auch ohne zu zögern den Wehrdienst in der Bundeswehr angetreten. Mit dieser Hochschätzung der demokratisch-freiheitlichen Verfassungen ging für mich immer einher eine Abwehr und Geringschätzung alles monarchischen Denkens. Ich empfand oft, dass der vielfach gebeutelte Kontinent Europa mit seinen gekrönten Häuptern – salopp gesagt – viel Unglück erlebt hat, vor allem im 19. Jahrhundert. Es gibt ja auch, statistisch gesehen, kaum eine Weltgegend, in der mit so wenigen Unterbrechungen Herrschaftsverbände und Staaten kriegerisch übereinander hergefallen sind, wie eben unser ach so gepriesenes Europa unter der Herrschaft seiner Fürsten – von dem immerwährend Kriege anzettelnden Karl dem Großen bis zu den Zeiten eines Kaiser Wilhelm II. und eines Zar Nikolaus II. Die vielgerühmten Menschenrechte sind erstmals durch die republikanischen Staaten anerkannt und durchgesetzt worden.

Aber auch hier gilt es, Licht und Schatten genauer zu verteilen! Grob vereinfacht muss man sagen: Nicht alles, was die Könige, Zaren und Fürsten ins Werk gesetzt haben, war schlecht. Eine rein moralische Sichtweise hilft beim Verständnis nicht immer weiter. Dieser Schluss drängt sich einem auch auf, wenn man aktuelle Schulbücher der Geschichte, wie sie heute in Russland verwendet werden, durchsieht. So wird sich zwar wohl kaum etwas Günstiges über die dreifache Teilung Polens in den Jahren 1772-1795 sagen lassen. Sogar die Teilungsgewinnlerin Maria Theresia klagte bereits 1772: „Treu und Glauben sind auf alle Zeiten verloren!“

Aber die an diesen Teilungen beteiligte Zarin Jekaterina II. wird in den neuesten Schulbüchern der Geschichte, die ich mir aus Russland nachhause mitgebracht habe, überwiegend als kraftvolle Reformerin gesehen – ja geradezu als eine Art Vorbild für entschlossenes Regierungshandeln hingestellt. Russland sollte nach dem Willen Jekaterinas ein moderner Rechtsstaat mit einer effizienten Verwaltung werden. Dieses Vorhaben findet zumindest in den von mir eingesehenen Büchern die erkennbare Zustimmung der Schulbuchverfasser. Das Titelblatt ihrer „Instruction für die zur Verfertigung des Entwurfs zu dem neuen Gesetz-Buche verordnete Commißion“ ist in dem neuesten, 2009 erschienenen Lehrbuch der Weltgeschichte von G.B. Poliak und A.N. Markova sogar zweisprachig abgebildet – und zwar in einer deutsch-französischen Ausgabe.

Auch hier ist die Botschaft dieses Bildes klar: Russland suchte damals unter Führung der Zarin den Anschluss an die gesamteuropäische Staatenwelt des aufgeklärten Absolutismus. In dieser Absicht konnte sich die Zarin aber nur bedingt durchsetzen. Auch sie war, nicht unähnlich einem demokratisch gewählten Regierungschef, auf Zustimmung angewiesen – Zustimmung vor allem des Adels, den sie nur durch freigebige Privilegien, etwa durch Landgewinne, stillstellen konnte. Diesem Zwecke mochte auch die Einverleibung der polnischen Ländereien dienen.

Nationale Erwägungen spielten damals im Kalkül der Herrscher noch keine wesentliche Rolle. Jekaterina, die Bewundrerin Voltaires,  sah sich ebensowenig als „Russin“ oder „Deutsche“ wie sich Friedrich II. als einen „Deutschen“ betrachtete. Man dachte und handelte in Begriffen der dynastischen Macht und der rationalen Steuerung von Herrschaftsverbänden.

In den Begriffen einer vorwiegend moralischen Politikauffassung wird man der Verurteilung der polnischen Teilungen, wie sie die Zeitgenossin Maria Theresia und natürlich die Polen selbst ausgesprochen  haben, unbedingt zustimmen! In pragmatischer Hinsicht wird man aber versuchen müssen, das Machtkalkül, das dahinter steckt, zu verstehen. Und man wird der Zarin den Willen zur „Modernisierung“ eines riesigen Reiches nicht absprechen können.

Genau unter diesem Blickwinkel – Modernisierung, Schaffung eines Rechtsstaates, Durchsetzung einer effizienten, nicht korruptionsanfälligen Staatsverwaltung durch konsequente Reformen – genießt die „Deutsche auf dem Zarenthron“ heute offenkundig in der an den russischen Schulen gelehrten Geschichte hohes Ansehen.

Hier sind zwei Seiten aus dem genannten Schulbuch mit dem Abdruck der Instruction:

instruction_2.jpg

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Jan. 062009
 

Eine Kunst, die weitgehend verlorengegangen ist, konnte ich letzte Woche ausgiebig in der Tretjakow-Galerie bestaunen: die Portraitmalerei. Niemand behauptet, dass die gemalten Portraits realistische Abbilder der Dargestellten wären – viel besser! Sie zeigen die Personen so, wie sie der Maler sah, oder wie sie sich selbst zu sehen wünschten, oder wie andere, etwa die Auftraggeber sie sahen. Umgekehrt sollten diese Bildnisse auf die Wahrnehmung der Zeitgenossen zurückwirken. Besonders fesselnd fand ich das Dostojewski-Bildnis von Perow – und das hier zu sehende Portrait Katharinas II. von Fedor Rokotov.

Rokotov zeigt die Zarin auf eine Art, wie sie für Herrscherbildnisse der damaligen Zeit eher ungewöhnlich war: nicht erhaben, statuarisch, wuchtig-gedrängt, nicht in starrer Herrscherpose, sondern als nach außen gewandte, buchstäblich auf Augenhöhe wirkende, klug anweisende Gebieterin. Das Bild strahlt Weltzugewandtheit, ja sogar Sympathie aus. War Katharina II. so? Vermutlich werden mindestens die Polen einhellig sagen: „So war sie nicht, sie hat unser Land bedenkenlos drei Mal aufteilen lassen! Sie war eine Machtpolitikerin, die Allianzen zu ihrem eigenen Vorteil schmiedete.“

Dem ist zu erwidern: Solche Portraits zeigen Machthaber in einer unlösbaren Verquickung zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Schein und Sein.

Und heute? Heute liefern die Fotografen ähnlich kalkulierte, auf Wirkung berechnete Portraits. Aus tausenden von möglichen Bildnissen wählen Auftraggeber und Dargestellte die wenigen Aufnahmen aus, in denen sie sich am vorteilhaftesten dargestellt glauben. Dabei bleibt nichts dem Zufall überlassen.

Und dies bringt mich zu meinem heutigen Buchtipp! Ich empfehle den neuen Fotoband über Wladimir Putin den Kommunikationsabteilungen aller Politiker. Ich fand das Buch in einem der Moskauer Buchläden, die ich in müßigen Stunden durchstreifte.

Der ehemalige Staatspräsident wird hier ebenfalls „auf Augenhöhe“ abgelichtet. Das Buch ist damit Lichtjahre entfernt von dem distanzierten, auf Würde und Respekt ausgerichteten Stil der Herrscherportraits früherer Jahrzehnte. Klickt auf das Foto, um es genauer zu betrachten.

Wir sehen Putin mal versonnen, mal lächelnd, mal entschlossen, – doch stets in gewinnender Haltung dargestellt.

Auch die Bildtitel und die gesamte Aufmachung haben es in sich: Die Macher haben den Band nämlich wie eine Art privates Fotoalbum angelegt, mit eingelegten Zwischenrahmen, die auf die Fortsetzung und Aufdeckung des ganzen Fotos neugierig machen sollen. Auch haben sie nicht versäumt, kleine, gleichsam hingetuschte Kommentare einzufügen, so wie es Privatmenschen gerne in ihren Familienalben machen. Die Wirkungsabsicht ist klar: „Schaut her, mit mir kann man reden, ich höre zu, ich habe Humor!“

Besonders beachtlich: dieses Doppelportrait mit der deutschen Kanzlerin.

Der Text lautet übrigens: „Angela Merkel gefällt es, etwas AUF RUSSISCH zu erklären. Nur manchmal noch – mithilfe von Gesten.“ Ein klares Signal geht von diesem Foto aus: Lasst uns miteinander reden – wenn es sein muss, auch mit Händen und Füßen.

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Jan. 062009
 

25122008004.jpg Was hält uns in Europa zusammen? So fragten wir in diesem Blog im vergangenen Jahr. Unsere vorläufige Antwort: Es ist nicht klar. Wir wissen es nicht so recht. Und wenn wir es wüssten, müsste es laut und deutlich gesagt werden.

Was hält politische Gemeinschaften zusammen? So fragte Aristoteles. Seine Antwort: „Freundschaft“, das Gefühl einer Zugehörigkeit zueinander. Innerhalb einer Stadtgemeinde dürfe es keine Feindschaften, aber auch keine Gleichgültigkeit  geben, sonst bräche der Zusammenhalt auseinander.

Was hält unsere deutsche Gesellschaft zusammen? So fragen heute die beiden Bürger Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble in der FAZ auf S. 8. Ich nenne sie Bürger … Moment mal, sind das nicht zwei Politiker, Minister gar? Stimmt, ihr habt recht. Aber die beiden Verfasser schließen ihren Artikel höchst wirkungsvoll mit folgender Schlussformel ab: „… wir alle als Bürgerinnen und Bürger.“ Alle sind wir Bürgerinnen und Bürger, das ist doch ganz meine Rede. Einige dieser Bürger sind daneben auch Politiker, aber Politiker und Bürger sollten sich einig sein in einem gemeinsamen Ethos. So verstehe ich zumindest die beiden Autoren.

Den ganzen Artikel durchzieht die Forderung nach einem gestärkten Miteinander. Nur dann, wenn jede und jeder das Gefühl hat, dazuzugehören und gebraucht zu werden, kann sich eine Gesellschaft auf Dauer den wichtigen Einzelfragen zuwenden. Vereine, Bürgerinitiativen, Mehrgenerationenhäuser – das alles und vieles mehr sind hochwillkommene Beispiele solch tätiger Gemeinschaft, die den Staat trägt. Der Staat kann diesen Wurzelgrund nicht ersetzen, aber er kann ihn fördern.

Wir warfen gestern einen Blick auf das untergegangene Zarenreich. Politiker wie Stolypin kämpften unentwegt für die gemeinsame Sache. Umsonst, es war wohl schon zu spät. Die gesellschaftlich führenden Gruppen und die meisten Politiker, nicht zuletzt auch Zar Nikolaus II. höchstselbst, waren offenbar nicht bereit, eigene Besitzstände aufzugeben. Der Petersburger Blutsonntag von 1905 und viele andere Abwehrreflexe setzten Fanale der Unterdrückung gegen die berechtigten Forderungen der benachteiligten Bauern und Arbeiter.

Wie schreibt doch Vera Lengsfeld in ihrem Buch Neustart auf S. 103? „Und wenn Politiker in der Öffentlichkeit gegen jede mögliche Veränderung vor allem besitzstandswahrende Abwehrreflexe kultivieren, wirken sie lähmend auf die Veränderungsbereitschaft der Gesellschaft.“

Ich meine: Wir brauchen Veränderung, wir brauchen dafür mehr innere Bindung an ein freiheitliches Miteinander. Ich glaube darüber hinaus: Die größten Risiken liegen nicht in der Staatsverschuldung, nicht in der Arbeitslosigkeit, nicht in der Finanzkrise. Die größten Risiken für unsere Republik und auch für die EU liegen darin, dass diese innere Bindung verloren gehen könnte.

Den höchst lesenswerten Artikel aus der heutigen FAZ werde ich mir aufheben. Man könnte ihn auch in einen Artikel für die führenden Boulevardblätter Deutschlands umschreiben, mit kurzen knackigen Sätzen und auf 200 Wörter verkürzt. Die Botschaft würde gut ankommen. Ich wünsche es ihr.

Unser Foto zeigt heute einen Blick in die Neue Oper in Moskau. Dort sahen und hörten wir am 25. Dezember eine Aufführung von Tschaikowskijs Nussknacker. Nach der Erzählung Nussknacker und Mäusekönig von E.T.A. Hoffmann. Auch solche deutsch-russischen kulturellen Gemeinschaftsleistungen halten uns in Europa zusammen.

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Jan. 052009
 

Fernsehen und auch Radio scheinen im heutigen Russland eine viel wichtigere Rolle zu spielen als Zeitungen. Und so nutzte auch ich bei diesem Aufenthalt jede Gelegenheit, um mir einen Eindruck von den Bildern zu verschaffen, die Tag um Tag in die russischen Haushalte flimmern. Gleich am ersten Abend nach unserer Ankunft erlebte ich eine denkwürdige Diskussion mit: Imja Rossija, der Name Russland, wurde durch den staatlichen Sender Rossija ausgestrahlt. Aus ursprünglich 500 Kandidaten sollten durch Zuschauerbefragungen in einer Reihe von Sendungen die wichtigsten Persönlichkeiten der russischen Geschichte gekürt werden. Peter I., Katharina II., Lenin, Stalin, Puschkin – sie waren schon in die Runde der letzten 10 vorgedrungen. Das ganze erinnerte mich an die ZDF-Serie „Unsere Besten“. Vor einer hochkarätig besetzten Jury legte sich diesmal der Regisseur Nikita Michalkow für „seinen“ Kandidaten, den Politiker Pjotr A. Stolypin ins Zeug.  Ab 1906 war Stolypin Innenminster, wurde bald darauf Premierminister.  In Deutschland ist dieser wichtige Reformer, der 1862 geboren und 1911 von politischen Terroristen ermordet wurde, weitgehend unbekannt. Um so erstaunter war ich, mit welchem Feuer, welcher Begeisterung Michalkow seinen Mann ins Rennen schickte!

Ich fasse Michalkows Plädoyer sinngemäß zusammen: Stolypin war einer jener Politiker, die in der zaristischen Spätzeit vernommen hatten, was die Uhr geschlagen hatte. Er versuchte durch einschneidende Reformen die schlimme Lage der Bauern zu verbessern, indem er ihnen neue Anrechte auf Grund und auf billiges Kapital verschaffte. Er kämpfte für eine effizientere Verwaltung, versuchte einen vernünftig geregelten Markt für die aufstrebende Industrie zu schaffen. Stolypin setzte auf grundlegende Reformen, ohne jedoch die Zarenherrschaft insgesamt in Frage zu stellen. Das Mittel der Revolution lehnte er ab, seine Agenda verlangte dem herrschenden Zaren und dem Adel weitreichende Zugeständnisse ab, ohne den Antimonarchisten Vorschub zu leisten. Mit diesem an pragmatischen Lösungen orientierten Ansatz machte er sich in einer ideologisch überhitzten Stimmungslage Feinde auf allen Seiten! Er sah sogar voraus, dass er einem Attentat zum Opfer fallen würde. Aber unbeirrt verfolgte er seinen Kurs, den er für den richtigen hielt.

Noch mehr als die Begeisterung Michalkows erstaunte mich, mit welch gebannter Aufmerksamkeit alle Studiogäste zuhörten – darunter auch Gennadi Sjuganow, der Chef der neuen Kommunistischen Partei. Den Mienen, den buchstäblich offenstehenden Mündern aller derer, die da überrascht lauschten, konnte ich entnehmen: Michalkow traf ins Schwarze, er schilderte mit kraftvollen, eindringlichen Argumenten einen Weg, wie Russland das weitere Auseinanderbrechen der Gesellschaft und auch die beiden Revolutionen von 1917 hätte vermeiden können. Er redete sich in Feuer, seine Worte klangen leidenschaftlich, – es war für mich mit Händen greifbar, dass hier über die neuere russische Geschichte insgesamt verhandelt wurde.

Diese Sendereihe kann man sicherlich unterschiedlich bewerten – wie ja die ZDF-Reihe „Unsere Besten“ ebenfalls herbe Kritik einstecken musste. Ich fand diese eine Sendung, die ich verfolgen konnte, äußerst erhellend! Nach meiner Rückkehr entnehme ich dem Internet: Stolypin hat es – ich meine: dank dieser mitreißenden Rede – auf Platz 2 geschafft, musste nur dem altehrwürdigen sagenumwobenen Helden Alexander Newski den Vortritt lassen. Newski – so will es die Überlieferung – rettete Russland vor dem äußeren Feinde. Er siegte. Stolypin hingegen wollte Russland durch innere Reformen vor dem drohenden Staatszerfall retten. Er scheiterte.

Für mich bleibt entscheidend: Die abstimmenden Zuschauer haben als ersten Politiker aus neueren Zeiten Stolypin gewählt – das kann meines Erachtens als ein klares Zeichen dafür gewertet werden, dass Russland heute den Weg kluger innerer Reformen, den Weg eines vernünftigen Interessenausgleichs wünscht. Und der Schlüssel zu einer Aufarbeitung der gesamten neueren russischen Geschichte scheint für Teile der heutigen russischen Gesellschaft wohl in einem vertieften Studium des untergehenden Zarenreiches zu liegen. In jenen Jahrzehnten wurden ganz offensichtlich Chancen verspielt, die weitsichtige Politiker wie Stolypin zu ergreifen bereit waren. Eine reformunfähige Gesellschaft wurde nach und nach reif für die Revolution.

Unser heutiges Foto zeigt den berühmten Säulensaal des Moskauer Herrenhauses, das später zum Gewerkschaftshaus wurde. Dort besuchten wir am 28.12. das Jolka-Fest für die Moskauer Kinder.

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Die Männer mit den zwei Hunden

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Jan. 042009
 

Dieses Foto zeigt einen Eindruck von meinem Neujahrsspaziergang. Er führte mich zusammen mit den zwei Hunden Rita und Kusja und meinem jüngeren Sohn an den Ufern des Flusses Moskwa entlang. Es herrschte klirrender Frost, Eiskristalle blitzten und spiegelten, dass es eine Lust war! Wir feierten Neujahr in einer Datscha an der Rubljowka-Straße – mitten in jener Gegend, welche die geistige und politische Elite Moskaus seit Jahrzehnten für Wochenende und Ferien auserkoren hat – von Swjatoslaw Richter über den Wirtschaftswissenschaftler Kondratieff bis hin zu Jelzin und Putin … e tutti quanti. Die häufigen Straßensperrungen belegen, wie wichtig diese Leute sind. Dank meiner zwei Hunde kam ich immer wieder in kurze lockere Gespräche mit anderen Spaziergängern und tauschte Neujahrsgrüße aus.

Vor wenigen Stunden flogen wir wieder in Deutschland ein. Ich bin froh und dankbar, dass ich diese zwei reich angefüllten Wochen in Russland verbingen durfte. Ich werde in den kommenden Tagen das eine oder andere aus dem öffentlichen Leben dieses Landes berichten und meinen holzschnittartigen Gesamteindruck hier auf diesem Blog niederlegen.

Ich habe in Moskau kaum gebloggt, da ich nur sehr eingeschränkten Internet-Zugang hatte. Aber jetzt geht es wieder los – ich melde mich zurück.

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Dez. 312008
 

… so hielt Annette von Droste-Hülshoff am letzten Tag des Jahres inne. So halte auch ich in den letzten Stunden des alten Jahres 2008 inne. Wir bereiten uns hier auf das größte in Russland gefeierte Fest vor: Neujahr.

Die vergangenen Tage brachten wieder Zufälle jeder Art, Überraschungen, neue Freundschaften. Im Obrastsow-Puppentheater begegneten wir beispielsweise niemand geringerem als der Zarin Katharina II. Wir erkannten sie an ihrem heftigen deutschen Akzent. „Fürst Potemkin zeigt Uns endlich das Volk. Denn Wir sind ja dem Volke noch nicht begegnet.“ Was für eine Freude! In Gogols „Weihnachtsabend“ erwies sich die Zarin als gütig – sie schenkte das Paar Schuhe, das den Weg zum vollkommenen Glück bereitete. Schuhe können glücklich machen, das ist der Beweis, von den herrlichen Puppenspielern unwiderleglich erbracht! Frauen wussten es schon vorher.

Den Geiger Viktor Tretjakoff durfte ich im Moskauer Konservatorium hören, und auf dem Roten Platz liefen wir Schlittschuh. Ich kaufte gestern einige neueste russische Geschichtsbücher für die allgemeinbildenden Schulen und vertiefe mich mit Feuereifer in die derzeit gepflegte Sicht auf die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie im Lande selbst gepflegt wird. Höchst spannend, spannender als jeder Agententhriller! Wir müssen ein gemeinsames Verständnis für das vergangene Jahrhundert aufbauen, etwas, was jetzt eben noch nicht besteht.

Und jeden Tag lese ich ein Gedicht von Puschkin.

In diesem Sinne: Alles Gute Ihnen allen – Auf ein Frohes Neues Jahr 2009! Möge es die Gemeinsamkeit stärken, das Trennende abbauen, Zukunft schaffen, Leiden mindern!

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Vom Wagnis der Freude. Meine Weihnachtsansprache

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Dez. 232008
 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Ich wende mich aus Moskau an Sie. Ein ganz feiner Schneehauch liegt hier auf den Straßen. Er hat sich überwiegend aus Rußkörnchen gebildet. Um diese Körnchen herum hat sich Wasserdampf kristallisiert, der dann zu einer Art künstlichem Schnee herangewachsen ist. Zum ersten Mal seit Jahren erlebe ich also die russische Hauptstadt ohne die üblichen Schneemassen. Der Klimawandel hat auch hier bereits in vollem Umfang eingesetzt. Nicht alles, so zeigt sich, ist in bester Ordnung.

Halten wir Rückschau: Hinter uns liegen Zeiten, die für viele nicht leicht waren. Die Zeiten, die vor uns liegen, werden für viele von uns nicht leichter sein. So sagt die eine: „Wir von der Bürgerrechtsbewegung suchten Gerechtigkeit, aber was wir bekommen haben, ist nur der Rechtsstaat.“ Ein zweiter beschwert sich: „Ich habe Arbeit in meinem erlernten Beruf gesucht, aber was ich bekomme habe, ist nur ein Vermittlungsschein vom Jobcenter.“ Eine dritte klagt an: „Ich habe für den Mindestlohn gekämpft, stattdessen wirft der Staat mitten in der Finanzkrise unser hart erarbeitetes Geld den Banken in den Rachen, um fürstliche Vergütungen zu sichern.“

Alle diese Klagen haben ihren Sinn. Sie zeigen die Enttäuschung von Menschen, die sich für ihr Leben einmal mehr vorgestellt haben. Dieses „Mehr“ ist nicht eingetreten. Dann baut sich ein Grundgefühl auf: „Irgendetwas stimmt nicht in unserem Lande!“

Nun, liebe Leserinnen und Leser, diese Enttäuschung werde ich Ihnen nicht ausreden können. Auch ich habe immer wieder Zurücksetzungen, Niederlagen und Demütigungen erfahren müssen. Aber ich habe mir irgendwann vorgenommen: Diese Erfahrungen dürfen nicht in die Sackgasse der Verzagtheit führen. Ich habe es in aller Bitterkeit in der Hand, das Schöne zu stärken. Zu den schönsten Erfahrungen der vergangenen 12 Monate zählte für mich, als ich Bachs Weihnachtsoratorium auf meiner Geige mitspielen durfte. Und zwar in genau jener Kirche in Prenzlauer Berg, in der viele wichtige Treffen der Bürgerrechtsbewegung der DDR stattfanden. Wie viele der Menschen, die dort mitsangen oder wie ich mitgeigten und mitbliesen, glaubten tatsächlich, dass in jenem Stall in Bethlehem wirklich der Erlöser als Kind zur Welt gekommen war? Ich bin sicher, es war und ist in der Bundesrepublik Deutschland nur eine Minderheit, der sich dieser wörtliche Sinn der Weihnachtsbotschaft noch erschließt. Aber wir alle spürten: Dieser überwältigende Ausruf „Jauchzet, frohlocket!“, das ist etwas, was uns alle trägt! Ich konnte das geradezu als Anhauch spüren, als Anwehen und Andrängen.

Es gibt also doch Augenblicke, in denen die Bekümmernis verschwindet. Augenblicke, in denen wir das Zittern und Klagen abschütteln. Solche Anlässe zur Freude gibt es viele. Und wenn es nicht der Glaube an einen Gott hinter den Wolken ist, so liegt ein Anlass zur Freude darin, dass wir diesen Aufruf zur Freude gemeinsam spüren. Und wenn es nicht die Gerechtigkeit auf Erden ist, die jetzt sofort anbricht, so ist es der hart erkämpfte Rechtssaat, in dem wir nunmehr Schritt um Schritt die Wirklichkeit näher an das heranführen können, was wir als menschenwürdig empfinden. Und wenn der Staat mir keine Arbeit verschaffen kann in dem Beruf, den ich mir erwählt habe, so kann diese Freude an meiner Hände Arbeit mich dazu bringen, etwas anderes zu lernen, da anzupacken, wo mein Zutun gerade jetzt gefordert wird. Und wenn riesige Geldströme in die falschen Kanäle versickert sind – wohlan, es steht in unserem Vermögen, die Ordnung der Finanzmärkte so umzubauen, dass so etwas in Zukunft irgendwann seltener geschieht.

Die Freude, die wir heute erleben, flößt uns Zuversicht ein. Dieses Zutrauen tritt an die Stelle der Zukunftsangst. Angst vor dem, was kommt, lähmt. Freude über das, was gelungen ist und gelingen kann, stärkt uns die Herzen und Hände. Wir brauchen starke Herzen, starke Hände, um auch das vor uns liegende Jahr zu gestalten. Ich feiere Weihnachten in diesen Tagen zusammen mit meiner Frau, meinen beiden Söhnen und meinen russischen Verwandten in Moskau. Und auch dies ist für mich ein Grund zu großer Freude. Überall in diesem großen Land, das für sich bereits die Hälfte Europas bildet, sehe ich ein ehrliches Suchen und Ringen um das Neue. Überall wird das Ganze der vergangenen Jahrhunderte in den Blick genommen. Niemand lässt sich bannen vom starren Blick auf die Herrschaft des Schreckens. Denkverbote gibt es nicht mehr. Stattdessen wird gefragt: „Welche Reformen sind nötig, um unser Land für die Zukunft tauglich zu machen?“

Wer so fragt, hegt Zutrauen. Er lässt sich nicht verdrießen und durch Zweifel bekümmern. Er weiß: Wir können Zukunft schaffen. Die Freude, die wir heute erleben, vertreibt die Schatten. Sie macht uns stark. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie diese Freude erleben. Es kann die Musik Johann Sebastian Bachs sein, es kann ein festliches Essen mit Freunden sein oder auch das Glück über ein Weihnachtsgeschenk. Freude kann auch darin liegen, dass man einen einzigen Menschen aus seiner Einsamkeit erlöst. In diesem Sinne bitte ich Sie: Öffnen Sie die Türen. Lassen Sie die Zuversicht ein, verscheuchen Sie den Kummer. Lassen Sie sich anwehen. Gehen Sie das Wagnis der Freude ein. Ich wünsche Ihnen zusammen mit meiner Familie: Frohe Weihnachten!

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Große Koalition erwärmt sich für den Radverkehr

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Dez. 182008
 

Zu Beginn des Monats Dezember hatte sich die Mehrheitspartei CDU eindeutig zugunsten des Radverkehrs ausgeprochen. Wir berichteten am am 02.12.2008 und zitierten direkt aus dem in Stuttgart verabschiedeten Leitantrag:

„Die Union setzt sich konsequent für die Stärkung des Radverkehrs, z.B. durch Ausbau des Radwegenetzes und die bessere Vernetzung mit anderen Verkehrsmitteln ein.“

Da darf die zweite Regierungspartei nicht zurückstehen! Ausdrücklich wirbt nunmehr auch Vizekanzler Steinmeier für die Verbesserung der Radverkehrs-Infrastruktur. Der Focus zitiert ihn:

Berlin: Merkel und Steinmeier wollen Arbeitsplätze sichern – Deutschland – FOCUS Online
Steinmeier sagte: „Wir müssen kraftvoll handeln, aber auch mit Köpfchen.“ Jeden Euro müsse so sinnvoll wie möglich eingesetzt werden, um die Menschen in den Betrieben zu halten. Es gehe um die Sanierung von Schulen und ihre Ausstattung mit Physiksälen, Computern und Sprachlabors. Kindergärten sollten besser ausgestattet werden, Radwege sicherer gemacht, Sportanlagen modernisiert, Jugendhäuser in Schuss gebracht und öffentliche Grünanlagen und Parks einladender gestaltet werden.

Was macht das Volk? Das Volk kauft weniger Autos; mehr und mehr Menschen dämmert es offenbar, dass das eigene rollende Glück auf vier Rädern auf Kosten der Umwelt und der nachwachsenden Generation, auf Kosten jährlich zehntausender von Verkehrstoten allein in Europa erkauft wird. Wer hingegen statt mit dem Auto mit dem Rad fährt, tut etwas für seine Gesundheit und seinen Geldbeutel, entlastet die Umwelt, vermindert die Gefahrenquellen, gewinnt Lebensfreude. Der Treibhauseffekt wird sich obendrein ohne eine bedeutende Reduzierung der verkehrsbedingten Kohlendioxid-Emissionen kaum sinnvoll bekämpfen lassen.

Die Politik kann nunmehr dem Zug der Zeit folgen. Sie sollte nicht weitere Flächen für den Autoverkehr opfern, sondern im Gegenteil dem Radverkehr soviel Fläche einräumen, dass die überwiegende Anzahl der städtischen Kurzstrecken von der überwiegenden Zahl der Bürger mit dem Rad statt mit dem Auto zurückgelegt werden kann. Das setzt auf den vielbefahrenen Hauptstrecken tatsächlich eigene Radverkehrsanlagen voraus: breite, sichere, gut asphaltierte, vor den Autos geschützte Verkehrsflächen für das gesündeste und umweltschonendste aller Verkehrsmittel.

Die Investitionsvolumina für Radverkehrs-Infrastruktur belaufen sich nur auf einen winzigen Teil dessen, was an Geld für PKW-geeignete Straßen gleicher Länge aufgewendet wird. Das Motto könnte lauten: Baue 1000 km Radwege mit Abstellanlagen, vernetze sie mit den Bahnen – statt 1 km Autobahn.

Die angeführten, höchst lobenswerten Bekenntnisse der Bundes-CDU und des Vizekanzlers lassen uns erwartungsvoll in die Zukunft schauen. Werden die Grünen mitziehen? Sie werden sich doch hoffentlich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen? Wir sind gespannt!

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Ein Geschäft der besten Köpfe: Lebendiges Wachstum der Muttersprache

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Dez. 182008
 

Was ich mir selber zu Weihnachten gewünscht habe, fragt ihr? Ich wollte eine Gesamtausgabe Goethes, den ich bisher nur in weit verstreuten Einzelausgaben gesammelt besitze, darunter einige Werke mehrfach, andere gar nicht. Um diesen unbekannten Goethe war es mir nun besonders zu tun. Denn so sehr ich Goethe auch verehre, so neugierig bin auf jene Seiten, die bisher der unerbittlichen Auswahl durch die höchst selektiv nachdruckende Nachwelt zum Opfer gefallen sind.

Seit gestern liegt sie vor mir, die antiquarisch erstandene Vollständige Ausgabe von Goethes Sämmtlichen Werken, erschienen bei Cotta, Stuttgart 1885.  Eine erste Kenntnisnahme mit den Bänden 1 und 8 erbrachte manch frohes Wiedersehen, aber auch erste Neuentdeckungen. Insbesondere die Gelegenheitsschriften Goethes, seine Rezensionen etwa, aber auch seine weniger bekannten politischen Gedichte hätten heute mehr Aufmerksamkeit verdient.

Im deutschen Fernsehen schauen wir uns immer wieder einmal die eine oder andere Vorabendsendung für Kinder an. Mir fällt auf: Dort wimmelt es von einem Überbietungsmaximalismus der besonderen Art. Mit einem „vortrefflich“ oder „erstaunlich“ ist es dort nicht getan. Nein, das heißt heute „mega-krass„, oder „super–cool„. „Super-klasse“ tritt gegen „oberaffengeil“ und ähnliches mehr an, auf Schritt und Tritt. Die Kinder werden abgefüllt mit einer einzigen sämigen Mischung aus entzückten, zunehmend bedeutungsleeren Ausrufen, die Erwachsenen wachsen über sich selbst hinaus in dem hemmungslosen Bemühen, den Kindern nach dem Munde zu reden. Die Kinder werden vielfach durch die Massenmedien in ihrem Ghetto einer Sondersprache bestärkt, die heute durch allerlei gedankenlose Übernahmen aus dem englischen Sprachraum geprägt ist. Folge: Die Generationen in Deutschland drohen sich sprachlich zu entkoppeln. Ich stelle dies fest, wenn ich mit Jugendlichen hier in Kreuzberg rede. Ich muss mir dann sehr genau überlegen, welche Wörter, die mir in meiner Jugend noch als üblich erschienen, heute noch verstanden werden. Und umgekehrt muss ich auch manchmal sehr genau hinhören oder nachfragen, wenn ich einzelne Äußerungen nicht ganz verstehe.

Die deutsche Sprache, die mit etwa 100 Millionen Sprechern innerhalb der EU die meistgesprochene Muttersprache ist, führt in der Öffentlichkeit unserer Bundesrepublik eher das Leben eines anspruchslosen Aschenputtels. Die gescheiterte Rechtschreibreform hat andererseits gezeigt: Die staatlichen Organe schaffen es auch nicht! Jeder Versuch, die deutsche Sprache oder auch nur deren bloße Schreibung durch Gesetz normieren zu wolllen, steht seither unter einem Anfangsverdacht: Es könnte wieder so gnadenlos daneben gehen wie bei dem mehrjährigen Versuch einer kleinen Rechtschreibreform.

Gab es früher derartige Mißstände und Auswüchse ebenfalls? Ja, immer wieder! So lässt sich über das gesamte 18. Jahrhundert hin ein stetes Ringen um die gute deutsche Sprache nachweisen. Die Puristen lagen mit den welschen Alfanzereyen, mit dem französisierenden Zeitgeschmack im Dauerstreit. Viele Fremdwörter, die einem Goethe, einem Schiller noch recht geläufig aus der Feder flossen, sind seither ersetzt worden. Ziel für viele Schriftsteller wurde es, der deutschen Sprache durch beständiges Lauschen und Hinhören neue Schattierungen zu entlocken und durch weitgehenden Verzicht auf abstrakte Wörter, die nur dem Sprachgebrauch der höheren Stände entstammten, eine Art gefühlte Echtheit herzustellen. Dem Zauber der Texte eines Heinrich von Kleist oder eines Franz Kafka, die fast vollständig auf Fremdwörter verzichten, kann auch ich mich schwer entziehen. Der unglückliche preussische Adlige, der böhmische Jude aus Prag, sie beide strebten nach einer musikalischen Durchbildung ihre Werke, die auch lautlich und etymologisch wie aus einem Guss dastehen sollten. Gleiches gilt insbesondere für die deutsche Rechtssprache, etwa das BGB.

Wo stand Goethe im deutschen Sprachstreit? Ich meine: in der Mitte zwischen den Extremen. Weder schloss er sich vor der Welt der anderen Sprachen ab, noch überfrachtete er seine Texte mit Wendungen oder Wörtern, die seinen Zeitgenossen als bloße Anbiederung an den Zeitgeist erscheinen mochten.  Er ließ sich lebenslang über den guten deutschen Sprachgebrauch beraten, denn was damals als gut und vorbildlich galt, lag keineswegs fest. Entscheidend scheint mir: Goethe und seine ganze Generation begriffen die deutsche Sprache als ein Gemeinschaftswerk, als ein Geschäft der besten Köpfe, das alle Deutschsprechenden mittragen sollten.

Wir versäumen nicht, diesen Eintrag mit einem Zitat des Meisters selbst abzuschließen. Als entscheidende Wendung hebe ich die vom „lebendigen Wachsen“ hervor. Goethe schreibt im Jahr 1817:

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos; denn es ist nichts bequemer, als von dem Inhalt absehen und auf den Ausdruck passen. Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut  r e i n   sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches kümmerliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nicht lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden, und die reine Welle fließt darüber her.

Quelle: Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Mit Einleitungen von Karl Goedeke. Achter Band. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1885, S. 114

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Dez. 152008
 

14122008005.jpg . . .  fragte mich heute eine freundliche Bewohnerin auf meinem Hof, mit der ich ab und zu plaudere. Auf solche Fragen bin ich nie um eine Antwort verlegen. Denn von Krankenschwestern habe ich gelernt: „Denken Sie an etwas Angenehmes!“ Und das letzte angenehme Erlebnis am heutigen Tage war, dass ich mir mithilfe eines vortrefflichen neuen Stadtplanes für den Radverkehr einen ganz persönlichen Pfad nach Charlottenburg zusammengesucht habe, der fast nur über Nebenstraßen führt. Natürlich: die Yorckbrücken bleiben als unziemlich-garstige Stromschnelle für den munter dahinfließenden Radverkehr bestehen, aber dann schwenkte ich in die Winterfeldtstraße ab, überquerte den schlummernden Viktoria-Luise-Platz, schwang mich in die Ettaler Straße und landete endlich an meinem Bestimmungsort, einem Hotel in der verschlafen wirkenden Eislebener Straße.

Das Gute ist: Dieser neue Plan verzeichnet die Straßen gemäß ihrer „Radfahrfreundlichkeit“, nicht danach, ob es Haupt- oder Nebenstraßen sind. Sowohl Straßen als auch Radwege werden in sehr gut / gut / schlecht unterteilt. Dadurch kann ich mir für alle Ziele einen nervenschonenden Weg durch den Großstadtdschungel bahnen und erkunde zugleich allerlei lauschige Plätzchen.

Deshalb der gute Rat zum guten Geschenk! Verschenkt folgendes Werk:

ADFC-Fahrrad-Stadtplan Berlin, 3. Auflage 2008, erhältlich im Buchhandel, im ADFC-Laden in der Brunnenstraße, oder bei Pietruska Verlag & Geo-Datenbanken GmbH. Preis: Euro 6,90

Unser Foto zeigt einen Eindruck von der Ausstellung am Checkpoint Charlie. Gestern nahm ich das Foto auf einem Spaziergang auf.

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Dez. 142008
 

Am vergangenen Mittwoch brachte ich nicht nur den Stier Ferdinand in die Staatliche Europaschule am Brandenburger Tor, sondern am Abend stand auch noch die Jahresmitgliederversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa in meinem Terminkalender.

Ich beteiligte mich daran mit einer längeren Wortmeldung. Und zwei Stunden vorher warf ich einige Gedanken zu Papier, die mich bei den mündlich vorgetragenen Überlegungen leiteten. Einen Teil der nachstehenden Gedanken trug ich am Mittwoch vor. Ich überlese das ganze heute noch einmal und beschließe, weiter „am Ball zu bleiben“. Hier sind ungefiltert und gewissermaßen ungekämmt die Gedanken, die mich am Mittwoch antrieben:

Vertrautheit unter den neuen und alten EU-Mitgliedern kann sich nicht vorrangig über die Schrecken der Totalitarismen herstellen. Wir Menschen sind so gemacht, dass wir nach einiger Zeit uns von den Schreckensbildern abwenden.

 

Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir viel weiter ausgreifen müssen, um auch nur im Ansatz den Blick in eine gemeinsame Zukunft innerhalb der EU wenden zu können. Insbesondere ist es das Zeitalter der europäischen Revolutionen und Reformen, also die Zeit von etwa 1770 bis 1848, welche in fast allen europäischen Ländern den Wurzelgrund für unseren heutigen Verfassungsstaat gelegt hat.

 

Für uns Deutsche wird eine stärkere Rückbesinnung auf Geist und Buchstaben des Grundgesetzes unerlässlich sein. Die USA pflegen mit Hingabe die Erinnerung an die Entstehung ihrer Verfassung. Deshalb „hält der Laden auch so gut zusammen“. Ein bewundernswertes Beispiel für diese ständige Rückbesinnung auf die Ursprünge der demokratischen Verfassung liefert der bekannte Verfassungsrechtler Barack Obama in seinem Werk „The Audacity of Hope – Hoffnung wagen“. So etwas täte auch uns in Deutschland, uns in Europa bitter not!

 

Aber nein! Weil wir so geschichtsvergessen sind, ist das große Vorhaben einer neuen europäischen Verfassung bisher so kläglich gescheitert.

Wir müssen einander mehr kleine Geschichten erzählen. Erst in einem zweiten Schritt wird man dann über die große Geschichte ein gemeinsames Verständnis herstellen können.

Es ist derzeit keine überzeugende Idee dessen im Umlauf, was Kultur in Europa sein könnte. Das beginnt schon bei der Abgrenzung dessen, was zu Europa im Sinn der Europäischen Union gehört.

Die kühne Gesamtschau verstellt allzu oft den Blick auf die kleinen störenden Details.

 

Nachdem das heutige Griechenland und Bulgarien als Vollmitglieder der EU anerkannt sind, wird man Russland aus kulturellen Gründen keinesfalls aus Europa im engeren Sinne ausschließen dürfen. In unserer Union können und müssen wir fragen: Was hält uns in Europa kulturell zusammen?

 

Allzu oft ist die Antwort auf diese Frage durch den starren Blick auf die Totalitarismen verstellt, als wären die Totalitarismen etwas von außen Aufgenötigtes, das die ursprüngliche Einheit Europas zerschnitten habe. Nach dem vorläufigen Ende der Spaltung Europas fällt es leicht, dieses Fremde nach außen zu projizieren: Russland ist derzeit der böse Bube, der so viel Unheil über das Europa der Opfer gebracht haben soll.

 

Dabei sind lange, erbitterte, blutige Spaltungen geradezu eins der Merkmale der europäischen Geschichte, beginnend vom Peloponnesischen Krieg über den Dreißigjährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Spaltung Europas im 20. Jahrhundert war mitnichten eine Ausnahme. Oft wird gesagt: „1990 kam endlich die unselige Spaltung Europas zu einem Ende, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann.“ Als habe sich damals, in den Jahren 1945-1949 ein bleierner Mantel des Totalitarismus über den Osten Europas gesenkt, der die Länder des Ostens aus der gesamteuropäischen Freiheitsgeschichte herausgeschnitten habe.  

 

Vergessen wird allerdings dabei, dass es in fast allen Ländern des ehemaligen Ostblocks Mitglieder der heimischen Eliten waren, die bereits vor 1945 Gewaltherrschaften und Unrechtsregime  errichteten. Es gab während der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts in fast allen Staaten Europas – außer in der Tschechoslowakei und Großbritannien – einen breiten antidemokratischen Konsens. Nirgendwo außer in der Tschechoslowakei und Großbritannien hatte sich vor 1939 eine echte parlamentarische Demokratie dauerhaft behaupten können.

 

Allein deshalb verbietet es sich für uns, die europäischen Totalitarismen als etwas Uneuropäisches von uns zu weisen.

 

Der angestrebte breite antitotalitäre Konsens wird nicht zustande kommen, wenn er nicht überwölbt und getragen wird von einem noch breiteren, tieferen pro-demokratischen Konsens.

 

Wir müssen das Gemeinsame stärken, die große europäische Kultur der drei vergangenen Jahrtausende. Dabei gilt es, über den Zaun der eigenen Nationalkultur zu schauen. Die Deutschen müssen Adam Mickiewicz genauso lesen wie sie Friedrich Schiller wieder entdecken sollten. Wir müssen anerkennen, dass Länder wie Ungarn oder Polen im 19. Jahrhundert für den Westen wesentliche Treiber der demokratischen Entwicklung waren. Der Blick auf das misslingende Europa der Vergangenheit alleine wird uns nicht zusammenhalten. Wir sollten das Gute betonen, das nunmehr erreicht ist – Freiheit, Rechtsstaat, demokratisches Gemeinwesen – und beständig die Zustimmung zu dem neuen Europa erhöhen, das zu glücken beginnt. Europa gelingt gemeinsam.

Unser Foto zeigt den Verfasser als undeutlichen Schatten, gewissermaßen in den Stiefeln der Unfreiheit, gebeugt über den Pfad der Visionäre, der sich über den Kreuzberger Mehringplatz erstreckt. Aufgenommen am heutigen Tage.

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Einsichten beim Aderlass

 Freude, Geige, Märchengeiger  Kommentare deaktiviert für Einsichten beim Aderlass
Dez. 112008
 

„Denken Sie an etwas Schönes!“, forderte die medizinische Assistentin mich heute beim Blutablassen auf. Der Gedanke der Vorsorge hatte mich erfasst, jetzt zahlte ich dafür mit vier Ampullen Blut. Statt nur zu denken, fing ich an zu erzählen:

„Gestern war ein schöner Tag. Ich spielte für die Kinder der ersten Klasse in der Schule am Brandenburger Tor den Stier Ferdinand. Ich erzählte die Geschichte von Munro Leaf und spielte dazu auf der Geige die Musik von Alan Ridout.“ Und während die erste Ampulle gefüllt wurde, erzählte ich die Geschichte noch einmal.

Während der zweiten Ampulle sprachen wir über das Zuhören. „Kinder sind mir das liebste Publikum. Gestern haben sie wieder alle zugehört, alle Fragen richtig oder falsch beantwortet und am Schlusse artig geklatscht.“ Schön. Die Assistentin rüttelte an der Nadel. „Bei Erwachsenen ist es schwieriger, die Zuhörer wirklich alle zu fassen. Viele schweigen vor sich hin, driften ab. Oder sie stimmen im Geiste nicht zu, werden dies aber nicht zugeben.“ Und schon war die zweite Ampulle gefüllt.

Bei der dritten Ampulle sprachen wir über Vornamen. „Es gibt vielleicht schönere Vornamen als den Ihren – aber er ist der Ihre. Hegen und pflegen Sie ihn, Sie werden ihm ähnlicher. Man wird so, wie es der eigene Vorname einem sagt.“ Diese Einsicht strömte einfach so aus mir hervor wie ein Tropfen Blut. Armwechsel, die Vene war erschöpft.

Bei der vierten Ampulle sprachen wir gar nicht mehr, sondern das Blut floss nach und nach ab.

Danach kaufte ich mir nach längerem Probelesen in einer Buchhandlung zur Belohnung für den Aderlass zwei Bücher:

Uwe Tellkamp, Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008

Helmut Schmidt: Außer Dienst. Eine Bilanz. Siedler Verlag, München 2008

Bereits jetzt weiß ich: Diese beiden Bücher werden mich als Quelle von Freude und Einsicht einige Tage begleiten. Helmut Schmidt spricht und schreibt ein vorzügliches Deutsch – er ist fast der beste darin, politische Sachverhalte bündig und knapp auf den Punkt zu bringen. Fürs erste steht allerdings fest: Wie seinerzeit – im Jahre 1356 – Karl der Vierte seinen Wählern, den Kurfürsten, so erteilt auch Helmut Schmidt den heutigen Politikern den dringenden Rat, Fremdsprachen zu lernen.

Er schreibt auf Seite 26 seines durch sprachliche Klarheit und pragmatische Weitsicht herausragenden Buches: „Wer die Angebote nicht nutzt, parallel zu seiner speziellen Berufsvorbereitung mindestens zwei lebende Fremdsprachen zu erlernen, läuft Gefahr, für immer zweitrangig zu bleiben.“

Karl IV. sprach deren fünf. Er gründete seine Macht nicht auf die Kraft der Waffen und Heere, sondern auf Unterredung und diplomatische Bündnisse … und auch – auf Geld.

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