Juni 212008
 

Gerechtigkeit, Freundschaft, Sicherheit – das sind alles schlichte, uralte Tugenden. Der Koran, die Bibel, Platon, Aristoteles, der Talmud und Immanuel Kant sind voll von Erwägungen darüber! Wer Gerechtigkeit und Freundschaft fordert, liegt eigentlich nie falsch. Zunehmend erkennen das auch Bürgerbewegungen und politische Gruppierungen. Sie sagen nicht mehr: „Weg mit den umweltschädigenden erdölgestützten Verkehrsmitteln!“, sondern schreiben sich bewährte Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Freundschaft auf die Fahnen – oder auch buchstäblich auf den nackten Leib. Eins der vielen Beipiele für diese neue Schlichtheit in der Kommunikation entnehme ich der Berliner Morgenpost aus dem Hause Axel Springer, und zwar der Ausgabe vom 08.06.2008:

Splitternackt sind gestern Hunderte Menschen durch das Zentrum von Madrid geradelt, um für mehr Sicherheit für Radfahrer im Straßenverkehr zu demonstrieren. Die Demonstranten fuhren am Morgen von der Plaza de Cibeles in Richtung Plaza de España los. Die Kundgebung stand unter dem Motto „Nackt im Angesicht des Verkehrs, Gerechtigkeit auf der Straße“. Autos verstopften die Straßen und machten sie zu „feindlichen und gefährlichen Orten“, erklärten die Organisatoren.

Bemerkenswert: Erneut wird der Begriff „feindlich“ gewählt, um den Ist-Zustand zu beschreiben. Dies dürfte bestätigen, was wir im vorherigen Eintrag schrieben: Letztlich hat sich die Art Mensch nicht von der Einteilung der Welt gemäß dem Freund-Feund-Schema entfernt. Diese Unterscheidung scheint biologisch verankert zu sein wie Lachen und Weinen.

An dieser Grunddisposition können wir kaum etwas ändern. Es gilt also für uns, bewusst Freundschaft zu säen, wo bisher Feindschaft erfahren wird, z.B. durch eine bessere, freundschaftliche Art des Miteinander-Umgehens im Straßenverkehr. Man muss sich ja nicht immer gleich ausziehen.

Hunderte Radler protestieren nackt in Madrid – Panorama – Printarchiv – Berliner Morgenpost

 Posted by at 10:39

Feindseliger Stinkefinger? Nein: Wir brauchen Freundschaft im Straßenverkehr

 Haß  Kommentare deaktiviert für Feindseliger Stinkefinger? Nein: Wir brauchen Freundschaft im Straßenverkehr
Juni 172008
 

Immer wieder erschrecken uns niederschmetternde Beobachtungen und Meldungen über das ruppige Verhalten mancher Radfahrer, mancher PKW-Fahrer, mancher Taxifahrer, mancher LKW-Fahrer, mancher Busfahrer, mancher Motorradfahrer. Neueste Beispiele: In der Radwelt Nr. 3/2008, dem ADFC-Magazin, berichtet Roland Huhn auf S. 26-27 unter der Rubrik „Vorsätzliche Angriffe auf Radfahrer“ über ein bewaffnetes Gefecht zwischen einem Radfahrer und einem PKW-Fahrer. Waffen auf Seiten des PKW-Fahrers: Anhupen, Abdrängen, Beschleunigen, Überfahren, Unter-dem-Wagen-Mitschleifen. Waffen auf Seiten des Radfahrers: ausgestreckter Mittelfinger, Schlag mit der Hand auf die Motorhaube. Der Radfahrer unterlag, er trug mehrere Knochenbrüche an Arm, Becken und Schädel und schwere Verbrennungen durch den heißen PKW-Auspuff davon und musste sich langwierigen Operationen und einer Hauttransplantation unterziehen.

Aus Berlin wiederum wird ein Gefecht zwischen einem Radfahrer und einer Busfahrerin berichtet.

„Erst am Montagabend hatte in Lankwitz ein wegen eines vorangegangenen Fahrmanövers genervter Radfahrer einer 31-jährigen Busfahrerin mit einem Faustschlag das Nasenbein gebrochen.“

Erneuter Angriff auf einen Bus

Derartige Fälle, zu denen wohl jeder Verkehrsteilnehmer aus eigner Anschauung weitere Erlebnisse anfügen kann, beweisen: Im Straßenverkehr werden immer wieder tiefsitzende Instinkte ausgelöst, die im gewöhnlichen Umgang tief in unserer Seele schlummern. Nirgendwo sonst wird so schnell, so unbegründet, so maßlos beleidigt, verletzt und getötet wie im Straßenverkehr. Jedes Jahr sterben in der Europäischen Union etwa 50.000 Menschen durch zum allergrößten Teil vermeidbare Verkehrsunfälle, Hunderttausende werden verletzt. Man vergleiche bitte diese Zahl mit der Zahl der Opfer des fundamentalistischen Terrorismus pro Jahr in den europäischen Ländern, und man wird erkennen, wie ungleich und ungerecht die öffentliche Debatte verläuft. Öffentliche Aufmerksamkeit ist ein hochgradig manipulierbares Gut.

Was wir brauchen, ist ein bewusstes, beharrliches und anhaltendes „Gegensteuern“ gegen diese jäh aufflammende Feindschaft. Ich spreche von „Feindschaft“, weil nur ein so tief verwurzeltes Gefühl wie „Haß“ oder „Feindschaft“ die oben genannten Exzesse im Straßenverkehr erklären kann. Ich nehme mich selber da nicht aus, spüre selbst manchmal eine urtümlich-groteske Aggression in mir hochkochen, wenn jemand mir als Autofahrer den letzten freien Parkplatz wegschnappt oder mich als Fahrradfahrer bedrängt und gefährdet. „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erkennen.“ Woher kommt dies? Psychologen bieten als Erklärung an: Revieransprüche, Imponiergehabe, Frustgefühle aus dem Alltag … die Liste ließe sich verlängern. Biologen sagen: Der Mensch hat sich durch hunderttausende von Jahren der Evolution ein sicheres Laufverhalten angeeignet. Der Mensch ist eigentlich ein leidlich angepasstes, auf zwei Beinen laufendes Tier! Fußgänger, Wanderer und Läufer brauchen deshalb keine Verkehrsordnung. Sobald der Mensch aber fährt, ist er physiologisch unter enormer Belastung; auf dieses Übermaß an Reizen reagiert er mit Abwehr, Angriff, Drohverhalten – mit einer Fülle an Stressreaktionen, die sofort wieder abflauen, wenn er das Fahrzeug verlässt.

Das Gegenteil von Feindschaft ist Freundschaft. Wie kann man Freundschaft säen, wo sonst Feindschaft blüht?

Regeltreue ist das erste. Mühsame Einhegung der destruktiven Neigungen in unserer Seele ist ein Ziel der Straßenverkehrsordnung. Ein Rot ist ein Rot – für alle, auch für Radfahrer. Die Straßenverkehrsordnung gilt für alle, die am Straßenverkehr teilnehmen. Es kann nicht dem Ermessen des einzelnen überlassen bleiben, ob er sich daran hält.
Reviergrenzen achten ist das zweite! Radfahrer gehören nicht auf den Fußweg, sondern entweder auf die Fahrbahn oder auf eine eigene Radverkehrsanlage, also den Radstreifen oder den Radweg. Sehen und Gesehenwerden, Hören und Gehörtwerden sind unerlässlich. Deshalb: funktionierendes Licht, helltönende Klingel gehören zur unverzichtbaren Grundausstattung jedes Fahrrades.

Und drittens: An den anderen denken, vorausschauen, sich in den anderen hineinversetzen sind Haltungen, die wir gewohnheitsmäßig einüben müssen.

Wir brauchen Freundschaft.

Das Motto im Straßenverkehr darf nicht lauten: Platz da, jetzt komme ich. Ich habe Recht, kapier das doch endlich, sonst kannst du was erleben!

Der Wahlspruch im Straßenverkehr lautet: Ich denke gern an dich. Ich pass auf dich auf. Sei mein Freund.

 Posted by at 08:15
Juni 132008
 

„Die Vaterstadt, wie find ich sie wieder …?“ fragte einst Bert Brecht bei seiner Rückkehr in seine zerbombte Heimatstadt Augsburg. War sie zerbombt, als ich vergangenen Samstag zurückkehrte? Nein, im Gegenteil! Verändert, gewandelt – ja, aber immer noch dieselbe aufgeräumte, maßvolle, überschaubare und im Grunde wohlgeordnete Welt! Die Wiederbegegnungen mit den Klassenkameraden offenbarten eine über all die Jahrzehnte hinweg eher noch vergrößerte Nähe – vermutlich ist uns allen klar, dass keine Zeit so prägenden Einfluss auf den Menschen ausübt wie die ersten zwanzig Lebensjahre. Das hält zusammen, auch wenn die Wege sich stark entfernen.

In der Predigt des Gottesdienstes hob Prior Pater Theodor hervor, wie fundamental das Christentum durch die Kultur der Erinnerung geprägt sei. Ich fügte in Gedanken hinzu: Das gilt auch für Judentum und Islam. „Ich bin mein Erinnern“, so Augustinus. In der Kirche durfte ich auf der Geige zwei Soli spielen: Das berühmte Air von Bach aus der Orchestersuite Nr. 3 D-Dur, und zusammen mit Irina Potapenko Vivaldis „Gloria patri“, Willi Hafner spielte die Orgel.

Bezeichnend der folgende Dialog mit dem neben mir stehenden Kameraden beim Gruppenfoto im Seminarhof: „Und wer bist du?“, fragte ich den neben mir Stehenden, der mir freundlich die Hand angeboten hatte. … Es war der Schuldirektor – also ein Großer, ein Mann, der sechs Jahre vor mir das Abitur gemacht hatte! Er erlaubte mir gleich, beim Du zu bleiben.

Dieses „Du“ ist bezeichnend für den Wandel: All die kirchlichen und weltlichen Autoritäten und Amtsträger von heute sind weit weniger distanziert, als ich sie damals erlebte. Sie sind zum Anfassen, man kann sie sozusagen duzen. Ich halte das für einen gesellschaftlichen Wandel, der nicht nur dadurch erklärbar ist, dass ich selber mittlerweile in die Altersgruppe der „Erwachsenen“ eingerückt bin.

Im St.-Gallus-Kirchlein, das wir unter kundiger Führung von Pater Theodor besichtigten, beeindruckte mich die Geschichte des Rochus von Montpellier: Er kümmerte sich um die Aussätzigen und Pestkranken, wurde angesteckt und durch Narben und Blattern entstellt. Bei der Rückkehr in seine Vaterstadt Montpellier, nach langen Wanderjahren, erkannte ihn niemand. Man warf ihn unter dem Vorwurf der Spionage ins Gefängnis. „Das ist ein Migrant ohne Personalausweis und ein Spion, den brauchen wir hier nicht!“, sagten die Bürger von Montpellier. Er schmachtete 5 Jahre in der Haft. Dann starb er.

Erst nach seinem Tode erkannten sie an einem bezeichnenden kreuzförmigen Muttermal: „Das ist einer von uns!“

rochus07062008.jpg

Unser Bild zeigt die Statue des Rochus von Montpellier in der Sankt-Gallus-Kirche in Augsburg.

„Das ist einer von uns!“, „Das gibt es bei uns auch!“ Unter dieses Motto stelle ich auch meine Tischrede im Ratskeller von Augsburg. In uralten Gewölben erhebe ich meine Stimme. Wie der mythische Antaios verspürte ich neue Kräfte beim Betreten der alten Erde! Wer hat hier, in diesem Prachtbau von Elias Holl, vor mir schon alles gegessen und geredet? Ich spreche über Persien in der Antike und den Iran heute, zitiere aus den „Persern“ des Aischylos und dem Buch Ester der Bibel. Kulturen bedrohen einander mit wechselseitigen Vorwürfen und Unterstellungen: „Ihr wollt uns alle vernichten!“ So damals wie heute. Aber die attische Tragödie des Aischylos versetzt sich in das Leid der ehemaligen Feinde hinein. Durch Erschütterung, Schmerz, Trauer bewirkt Aischylos eine befreiende Erfahrung: Wir können miteinander sprechen, uns ineinander hineinversetzen. Griechen und Perser – so unterschiedlich sie sind – erfahren einander als die „nächsten Fremden“. Gesang, Tanz, religiöse Erfahrungen wie etwa die Tragödie verbinden die Feinde von ehedem. Wir brauchen diese Haltung auch heute. Es lohnt sich, diese uralten Texte wieder und wieder zu lesen. Mein Griechischlehrer von damals sitzt unter den Zuhörenden, kommt nachher auf mich zu und pflichtet mir bei. Einen Heiterkeitserfolg erziele ich, als ich ein paar griechische Verse austeile und in Gruppenarbeit übersetzen lasse. Die Auflösung wird für das nächste Jahrgangstreffen angemahnt. So sei es, gute Sache das Ganze, danke an die Organisatoren, in zehn Jahren sehen wir uns wieder!

 Posted by at 09:52

Kampf um „Chlor-Hähnchen“ geht in die nächste Runde

 Das Gute  Kommentare deaktiviert für Kampf um „Chlor-Hähnchen“ geht in die nächste Runde
Juni 112008
 

EU-Kommission will „Chlor-Hähnchen“ zulassen

So der Titel einer Meldung im Tagesspiegel von heute. Da klingelt doch ein Glöckchen – wurde dieses weltbewegende Thema nicht bereits in diesem Blog erwähnt? – Richtig! Thomas de Maizière hatte dieses Thema als Lehrbuchbeispiel für einen sittlich nicht eindeutig zu wertenden Interessengegensatz in der Politik genannt. „Wer ist das gute, wer das böse Hähnchen?“, so fragten wir am 09.05.2008. Er meinte: Das lässt sich so einfach nicht sagen.

Natürlich – das europäische Hühnchen steht hier in Europa viel besser da. Es hat eine gute Presse in Berlin! Auch die Leserkommentare im Tagesspiegel schlagen sich mehrheitlich beherzt auf die Seite unseres guten europäischen Federviehs. Bezeichnenderweise unterschlägt der Artikel aber wieder einmal ein entscheidendes Argument, das de Maizière allerdings sehr wohl genannt hatte: dass nämlich die amerikanischen Hühnchen in einer viel naturnäheren Umgebung aufwachsen dürfen, als die europäischen Vorschriften für Massentierhaltung dies zulassen würden.

Man kann die ganze Sache auch umdrehen: Die klinisch nahezu sterile Umgebung der Massentierhaltung nach europäischen Normen macht selbst eine kurze nachträgliche Chlorbehandlung unnötig. Jeder, der schon einmal eine europäische Massen-Geflügelfarm mit lebenden Objekten besichtigt hat, mag sich selber fragen: Was ist appetitlicher? Wer hat recht?

 Posted by at 15:02
Juni 102008
 

Banges Warten herrscht in unserer Familie auf den Bescheid des Schulamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Wohin geht unser Sohn ab nächstem Jahr zur Grundschule? Der Bescheid ist immer noch nicht da, mehrfache Zusagen des Schulamtes sind nicht eingehalten worden. Bereits im Oktober 2007 hatten wir fristgemäß unseren Antrag auf Einschulung bei der örtlich näher gelegenen, uns bestens bekannten und empfohlenen Grundschule, der Kreuzberger Adolf-Glaßbrenner-Grundschule, eingereicht. Dieses Blog berichtete im Oktober und am 1. Dezember 2007. Administrativ liegen wir im Einzugsbereich der viel weiter entfernt gelegenen Kreuzberger Fanny-Hensel-Grundschule. „Sie bekommen Anfang Mai 2008 Ihren Bescheid, warten Sie’s einfach ab. Fast alle Wünsche auf Einschulung in einer anderen Grundschule können befriedigt werden.“ So hörten wir’s damals landauf landab, unisono von Amtsmitarbeiterinnen, Schulleiterinnen und zuständigen Stellen. Aber die letzten Auskünfte, die ich telefonisch einhole, lauten ganz anders: „Es sieht schlecht aus. Wir sind voll. Ohne Geschwisterkind werden Sie bei Ihrer Wunschschule nicht reinkommen.“ Das Friedrichshain-Kreuzberger Schulamt ist offensichtlich überflutet und überfordert, kommt mit Anträgen und Fristen nicht zurecht. Wo bleibt bloß der Bescheid, der schon vor 6 Wochen hätte eintreffen müssen? Wird unser Sohn jetzt in eine Schule gehen, an der nach eigener Auskunft 41% der Kinder die Türkei, 32 % den Libanon und 6% Polen als „Herkunftsland“ angeben? Müssen wir umziehen? Soll unser Sohn die deutsche Schule in Moskau besuchen? Man lese doch im auskunftsfreudigen Schulprogramm der Fanny-Hensel-Schule nach! Kann unser Sohn gut genug Türkisch, Arabisch und Polnisch, um auf dieser Schule mithalten zu können? Wird er mit Deutsch und Russisch als Muttersprachen nicht zum Außenseiter abgestempelt werden? Zweifel und Ängste sind angebracht.

Interessant hingegen ist die ethnologische Perspektive: Der Tagesspiegel bringt heute auf S. 16 einen weiteren Hintergrundbericht zu Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschland und den Herkunftsländern unseres multikulturellen Umfeldes: Fatma Bläser vom Verein Hennamond berichtet an verschiedenen Berliner Grundschulen, wie sie in der Türkei zwangsverheiratet wurde, dann aber trotz einer Reihe von Morddrohungen den Ausstieg schaffte:

14 500 Schüler, 137 Schulen – Fatma Bläser findet Gehör

Die Ausreise nach Deutschland in den 70er Jahren empfand Fatma zunächst als Befreiung, doch bald fing der Vater an, sie wegen Nichtigkeiten zu schlagen und zu Hause festzuhalten. Als sie die Schule beendet hatte, wurde sie in der Türkei zwangsverheiratet: Zurück in Deutschland weigerte sie sich, ihren Ehemann anzuerkennen. Stadttdessen heiratete sie einen Deutschen. Es kam zum Bruch mit der Familie, ein Mordkommando wurde auf sie angesetzt. Als es aufflog, sollten ihre Brüder sie töten. Zwei weigerten sich, einer kam mit einer Pistole zu ihr, ließ sich aber von seinem Vorsatz abbringen. Erst nach zehn Jahren kam es zu einer Aussöhnung mit ihren Eltern.

Zwangsverheiratungen scheinen auch in Berlin ein häufiges Phänomen zu sein. Schön, wenn man bereits an der Grundschule in diese Unterrichtsgegenstände eingeführt wird. Unser Sohn wird somit eine exzellente Grundausbildung im Bereich interkultureller Verständigung erfahren. Übrigens: Wir werden ihn nicht zwangsverheiraten. Er wird selbst entscheiden.

Über die Grundschule, die unsere Kinder besuchen, dürfen wir ja leider in Berlin nicht selbst entscheiden.

Schulamt Friedrichshain-Kreuzberg: Wir warten. Wie können wir euch helfen?

 Posted by at 13:16

Changing Trains, Changing World, Changing Stages

 Antike, Augsburg  Kommentare deaktiviert für Changing Trains, Changing World, Changing Stages
Juni 062008
 

Gestern erlebte ich beim Umsteigen auf einem Berliner S-Bahnhof Ungewissheit als die Kraft, die zum Wandel des eigenen Selbst führt. Also galt: Changing trains – changing self. Heute fahre ich nach Augsburg zum Klassentreffen. Ich freue mich schon, die alten Schulkameraden wiederzusehen. Was ist aus ihnen geworden? Was ist aus dir geworden? Ich habe einen kleinen Festvortrag angemeldet und vom Veranstalterkomitee zuerkannt bekommen: – „Von Heulsusen und Jubelpersern – das Perserbild bei Aischylos und im biblischen Buch Ester“. Ich werde nachzuweisen suchen, dass negative Vorurteile über die Perser im besonderen und die Asiaten allgemein sich weitgehend unverändert über die Jahrtausende erhalten haben – zum Schaden beider Seiten, mit riesigen Folgekosten, deren letzte noch heute Tag um Tag gezahlt werden – mit Menschenleben, mit Billiarden Dollar an Kriegskosten, und vielen vielen zerstörten Chancen.

Edith Hall, die Klassische Philologin an der Universität London, schreibt hierzu in ihrem Kapitel „Changing world, changing stages“ unter dem Obergriff „Recasting the Barbarian“:

Aeschylus‘ Persians has played an indisputable role in the perpetuation of the ideological conflict between East and West that has recently re-erupted with such terrible violence. It has historically helped to reinforce the adoption by Christian mindset of a primary Other in the shape of Islam. The third-millenial vilification of the Arab world has a long history which cannot be dissociated from the rediscovery of ancient Greek xenophobia and prejudices against non-Greeks in the East.

Edith Hall: The Theatrical Cast of Athens. Interactions between Ancient Greek Drama and Society. Oxford University Press, 2006, hier: Seite 220

Das verspricht spannend zu werden! Wir haben uns damals redlich geplagt mit Latein und Griechisch – damals an St. Stephan noch verpflichtend vorgeschrieben für alle Schüler – neben der üblichen zweiten Fremdsprache Englisch! Ein bisschen Spaß muss auch sein – deshalb werde ich kleine Abschnitte aus Aeschylus und aus der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, austeilen – mal sehen, wie weit wir noch kommen …

 Posted by at 08:06

Umschlag

 Eigene Gedichte  Kommentare deaktiviert für Umschlag
Juni 052008
 

In Schöneweide. Spät abends
treten die Streckenarbeiter über die Gleise.
In Richtung Baumschulenweg
versinkt die große Stadt glutrot. Und
einen kurzen Augenblick weißt du nicht,
in welche Richtung du einsteigen sollst.
Es war nur ein Augenblick. Dann
steigst du ein. Nichts ist geschehen,
aber wieder bist du ein anderer geworden.

 Posted by at 22:10
Juni 032008
 

Medienschelte durch aktive Politiker? Das kommt einfach nicht gut an, geht fast immer nach hinten los. Der neueste Fall erschüttert unser Stadtgespräch seit gestern. Man lese doch nur die Leserbriefe zum Thema im Online-„Tagesspiegel“ von heute.

Friedbert Pflüger fordert Aus für „Anne Will“

Gut finde ich aber, dass endlich jemand offen zugibt, seinen Einfluss im Rundfunkrat kraft Amtes geltend machen zu wollen. Wer von den anderen Rundfunkräten ist schon so ehrlich und steht dazu? Noch besser wäre es, wenn man die Unabhängigkeit und Professionalität eines Journalisten aus dem eigenen Spektrum in Zweifel zöge! Dann würde Wowereit etwa sagen: „Hallo Leute, der Einspieler bei Anne Will enthielt ein paar irreführende Behauptungen!“ Wird er das tun, hat er das schon getan? Es würde ihm einen riesigen  Sympathiebonus bei den Wählern bringen!

Gefahr allerdings: Es gibt auf jeder Seite des nach Proporz aufgeteilten Journalistenspektrums in unseren Öffentlich-Rechtlichen ein paar recht auffallende „Parteigänger“ und „Hofberichterstatter“, die es mit der Sorgfaltspflicht nicht allzu genau nehmen.  Sollen aktive Politiker jeden einzelnen Journalisten auf Glaubwürdigkeit durchleuchten, obendrein hinter den gut abgeschirmten Türen unserer Aufsichtsgremien? Weder ARD noch ZDF noch taz noch BILD stellen die Wahrheit unverkürzt dar, überall unterlaufen Einseitigkeiten und auch Fehler. Soll man sich drüber aufregen? Jammern über „Rotfunk“ oder „Schwarzfunk“ lohnt nicht! Es bleibt nichts übrig, als für seine Meinung zu kämpfen, Dinge klarzustellen – wie es etwa Jürgen Todenhöfer in seinen Büchern macht, in denen er den meisten westlichen Medien insgesamt eine verzerrende Darstellung nachweisen kann. Er tut dies übrigens im C. Bertelsmann Verlag, der zu Random House gehört – einem der mächtigsten westlichen Medienimperien weltweit!

Die Welt unserer Medien ist also recht vielfältig, niemand ist gezwungen, sich lustige oder langweilige Komödien am Sonntagabend anzuschauen, deren Informationsgehalt – wie alle wissen – im freien Fall begriffen ist.

Ein dirigistischer Eingriff seitens staatlicher Gremien, etwa Forderungen nach Absetzung einer schlecht gemachten Sendung durch die Rundfunkaufsicht, sind der falsche Weg. Wer solche Forderungen erhebt, schadet sich selbst.

 Posted by at 13:59

Bittet, so wird euch gegeben

 Religionen  Kommentare deaktiviert für Bittet, so wird euch gegeben
Mai 302008
 

14-vorwort.jpg Merkwürdig! Am Morgen, nachdem ich das Buch „Warum tötest du, Zaid?“ gelesen habe, spreche ich in aller Herrgottsfrühe erst mit dem österreichischen Zeitungshändler, dann mit der deutschen Bäckerin, dann mit dem türkischen Gemüsehändler, die alle bei mir um die Ecke in meinem herrlichen Kreuzberg wohnen. Zu dem Türken sage ich: „Ja, so früh schlafen die meisten noch … wir aber sind schon wach!“ Er erwidert: „Ja, weißt du, in unserer Religion sagen wir: Wer früh aufsteht, dem schenkt Gott alles, was er will.“ Seltsam – ich hatte mit dem Mann nie über Religion gesprochen, sondern immer nur über Gesundheit und Krankheit, über das Wetter, über die Kinder und die Türkei, auch über einen Brand, der durch einen Kurzschluss verursacht worden war. Und jetzt plötzlich – ein Hinweis auf Gott! Ich erzähle beim anschließenden Frühstück einer Russin davon. Sie sagt: „Das gibt es bei uns auch. Wer früh aufsteht, dem gibt Gott, lautet ein russisches Sprichwort.“ Aha. Im Westen heißt es: The early bird catches the worm – Morgenstund hat Gold im Mund. Heißt das, dass Türken und Russen „empfangender“, „gottergebener“ sind, und die Engländer mehr pushy, also handelnder, fordernder? So ein Vogel muss ja etwas tun für sein Glück …? Vielleicht ist da was dran …?

Jedenfalls versuchte ich mein Glück heute früh! Über die gut gemachte Website www.warumtoetestduzaid.de maile ich den Autor Jürgen Todenhöfer an und bitte um das Foto von der iranischen 33-Bogen-Brücke mit dem west-östlichen Sängerwettstreit. Dieses Blog berichtete über dieses Event am 23.05.2008. Und siehe da – 2 Stunden später landet es auf meinem Computer, mit netten Grüßen einer Mitarbeiterin. Ich kann es euch Leserinnen und Lesern im Lande (so ihr denn schon aufgestanden seid) nicht vorenthalten. Herzlichen Dank!

Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Dr. Jürgen Todenhöfer

 Posted by at 11:37
Mai 292008
 

Recht vollmundig hatten wir in diesem Blog verkündet, wir wollten das Wahlverhalten in vier ausgewählten europäischen Großstädten betrachten. London wurde am 12.05.08 bereits in diesem Blog umfassend abgehakt. Jetzt ist Augsburg dran. Was geschah in der Stichwahl am 16. März 2008?

Die Augsburger wählten den beliebten Oberbürgermeister Paul Wengert aus dem Amt und stimmten mehrheitlich für den parteilosen Kurt Gribl. Der Mann, ein promovierter Jurist, konnte keinerlei politische Vorerfahrung vorweisen. Er war nicht einmal Mitglied einer Partei. Die CSU machte ihn zu ihrem Kandidaten. „Wir haben keinen Besseren“, hört man oft in solchen Fällen. Was sprach für ihn?

1) Er ist das Gegenteil eines Politikers der alten Garde, sondern trat als kundiger Vermittler der Bürgerinteressen an. 2) Er versprach, unbeliebte Großprojekte des Amtsinhabers zu kippen, so etwa den ÖPNV-freundlichen kompletten Umbau der Friedberger Straße. 3) Er spielte den „Ich-bin-einer-von-euch“-Trumpf aus. Der waschechte Augsburger schlägt den Berufspolitiker von auswärts. 4) Er präsentierte sich als moderner Internet- und Popfan. Er hat ein Profil auf Myspace und Xing. 5) Er hat ein Ohr für die kleinen pragmatischen Anliegen. In seinem Hundert-Punkte-Programm nimmt er zahlreiche Forderungen von Betroffenen auf, kümmert sich höchstpersönlich um kommunalpolitische Kleinstprojekte, wie etwa Fahrradabstellbügel und Popkonzerte. Die Botschaft ist klar: „Ich kann zuhören, ich wälze euch kein Programm zur Weltverbesserung auf.“ 6) Er formulierte alle seine Anliegen positiv, nach vorne gewandt. Er stellte ein positives Leitbild für seine Vaterstadt auf, gestützt auf Werte wie Selbstvertrauen, Zukunft, Selbstbewusstsein. 7) Er griff nicht den beliebten Amtsinhaber an, sondern überging ihn weitgehend einfach mit Schweigen. Kein Zank, kein Gezetere. Was blieb ihm auch übrig?

Was lernen wir daraus? Ich würde sagen: Das Kleine 1 mal 1 der politischen Kommunikation in diesem ersten Jahrzehnt:

1) Die alten Parteien sind (fast) abgeschrieben, Personen zählen mehr. 2) Fahrrad schlägt Straßenbahn! Kleinstprojekte kommen besser an als Großbaustellen. 3) Zeig, dass du zuhören kannst. Rede weniger, höre mehr zu. 4) Spalte nicht, beleidige nicht, lärme nicht rum. Polarisiere nicht. Lass die Welt eher so, wie sie ist. 5) Blicke nach vorn, nicht in die Vergangenheit. 6) Zeige ein klares Leitbild auf! Wo siehst du deine Stadt in 5 oder 10 Jahren? 7) Kopple dich von der veralteten Rhetorik der Volksparteien CSU/CDU und SPD ab. Präsentiere dich als Außenseiter, Quereinsteiger, Querdenker, als Fachmann/Fachfrau oder Moderator oder was auch immer, eher denn als Berufspolitiker. 8) Sei keine Trantüte, sondern zeige, dass du dein Leben genießt. 9) Such dir die richtige Unterstützerin. Lade Angela Merkel in dein 264.000-Seelen-Dorf ein. Die Frau segelt weiterhin auf herausragenden Zustimmungswerten. Segle auch du mit den Erfolgreichen. 10) Mach dein Schicksal nicht vom Ausgang dieser einen Wahl abhängig!

Zum Nachlesen auf der Homepage des neuen Augsburger Oberbürgermeisters hier klicken.

Unser Foto zeigt heute einen Blick auf die Lechauen im Stadtteil Hochzoll-Nord, nur einen Steinwurf von der Friedberger Straße entfernt. Übrigens: Dies war in meiner Jugend ein Teil meines täglichen Schulwegs.

 Posted by at 21:40

Slawisches Volk stellt jetzt den Ministerpräsidenten in Sachsen

 Armut, Das Gute, Ethnizität, Polen, Religionen, Sprachenvielfalt, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Slawisches Volk stellt jetzt den Ministerpräsidenten in Sachsen
Mai 292008
 

Stanislaw Tillich wurde gestern als Ministerpräsident Sachsens vereidigt. Ich sah die Bilder im ZDF heute-journal am Abend. Der Mann ist Sorbe, ist deutscher Staatsangehöriger und bekennt sich offen zur Zugehörigkeit zu dieser ethnischen Minderheit in Sachsen. Er spricht ganz normales Deutsch mit leichtem sächsischem Zungenschlag. Darüber hinaus ist er praktizierender Katholik, auch hierdurch gehört er im Land Sachsen einer kleinen Minderheit an. Ein doppelter Minderheitenvertreter erringt also das höchste Amt im Bundesland Sachsen! Gut!

Wer sind die Sorben? Die Sorben sind das letzte verbliebene autochthone slawische Volk im heutigen Deutschland. Noch bis ins 17. Jahrhundert hinein gab es darüber hinaus zahlreiche andere slawische Volksgruppen im Raum östlich von Elbe und Saale, also die „Elbslawen“, mithin war der gesamte Osten des früheren Deutschen Reiches in der Tat mehrsprachig. Aber die meisten Slawen haben sich dann vollständig – mehr oder minder gezwungen – assimiliert. Die Sorben zählen heute wohl nicht mehr als 70.000 Seelen, eine kleine Minderheit im heutigen Sachsen und in Brandenburg. Kann man Polnisch, versteht man eigentlich auch Sorbisch. „Mit Gottes Hilfe“ (so meine ich gehört zu haben) fügte Tillich auf Sorbisch dem zunächst auf Deutsch geleisteten Amtseid hinzu. Ich war beeindruckt, denn meines Wissens geschah dies zum ersten Mal, dass bei einer Vereidigung in Deutschland eine Minderheitensprache verwendet wurde.

Wie könnte man sich das für Berlin vorstellen? Das wäre so, als würde ein praktizierender Moslem, der einer hier seit Generationen siedelnden ethnischen Minderheit, z.B. den Türken oder Arabern angehört, an den auf Deutsch geleisteten Amtseid auf Arabisch die Wendung „so Gott will“ anfügen. Und wäre dann Regierender Bürgermeister. Werden wir das noch erleben? Alle demographischen Daten sprechen dafür. Ich meine also: Ja. Aber – es ist „in Gottes Hand“. Es wäre etwas Gutes. Wahrscheinlich würde dieser Türke oder Araber deutscher Staatsangehörigkeit dann ein leicht berlinerisch gefärbtes Deutsch sprechen.

Wie selbstverständlich zeigte sich Tillich gestern dann nicht „auf hohem Ross“, und auch nicht im standesüblichen dunkelgetönten Audi, sondern auf dem Fahrrad. Kein Zufall! Er präsentiert sich also von Anfang an als Ministerpräsident zum Anfassen, der auf Bürgernähe setzt. Bóh z vami, knježe Tillich!

 Posted by at 16:10

Der Ball ist im Spiel: Zwei Kandidaten sind nicht genug!

 Horst Köhler, Staatlichkeit  Kommentare deaktiviert für Der Ball ist im Spiel: Zwei Kandidaten sind nicht genug!
Mai 252008
 

bellevue_25052008.jpg Den nettesten Kommentar – neben vielen verteufelnd-aufgeregten – zur morgen anstehenden Nominierung von Gesine Schwan als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt liefert Gloria von Thurn und Taxis auf S. 2 in der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Sie war 2004 vom Bayerischen Landtag in die Bundesversammlung geschickt worden und hatte sich für die ihr persönlich bekannte Gesine Schwan entschieden.

„Sie ist wirklich eine sehr kluge und außerdem gutgelaunte Frau. Kluge Deutsche sind meistens schlecht gelaunt. Mir hat gefallen, dass es bei ihr anders war.“

Den Seiteneinsteiger Horst Köhler, der bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten kein einziges parteipolitisches Amt innegehabt hatte, fand sie offenbar nur den zweitbesten Kandidaten. Es gilt: Was die Fürstin nicht kennt, wählt sie nicht.

Die Selbständigkeit der Fürstin Gloria gefällt mir. Sie hat es hingenommen, dass sie seither zu keinem Empfang der bayrischen Staatsregierung eingeladen wird! Damit stellt sie genau jene Unabhängigkeit im Denken und Urteilen unter Beweis, die Horst Köhler wieder und wieder in seinem Amt praktiziert hat. Er lässt sich einfach nicht unter machtpolitische Kuratel stellen, ebensowenig wie seine Amtsvorgänger. Wie schreibt Köhler so schön in seinem Geleitwort der neuesten Ausgabe des Grundgesetzes bei der Bundeszentrale für politische Bildung:

„Das Grundgesetz garantiert uns aber nicht nur die Freiheit vor staatlichen Eingriffen. Es gibt uns in gleicher Weise die Freiheit und den Auftrag für ein Leben in Selbstständigkeit und Verantwortung. Die damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen gilt es heute verstärkt zu ergreifen und zu nutzen.“

(Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Textausgabe. Stand: August 2006. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006, S.2)

Das sind Worte ins Ohr der Bundesversammlung! Bitte recht schön: Ergreift sie und nutzt sie! Oft wird der Parteiendemokratie vorgeworfen, dass zu viel in internen Besprechungen ausgekungelt werde, dass Ämter und Posten verschachert würden, darunter auch das Amt des Bundespräsidenten. Es ist aufschlussreich heute noch einmal nachzulesen, was Gerd Langguth in seiner Merkel-Biographie (Neuausgabe 2007, S. 261-266) über die Wahl Horst Köhlers schreibt. Langguth zitiert Roland Koch: – „Das Verfahren ist sehr chaotisch“ – und die Süddeutsche: „Falschheit, List und Betrügereien, … eine unwürdige und zynische Veranstaltung“. Der Autor Langguth selbst spricht von „Präsidentenpoker“.

Es ist klar: Die Wahl des Bundespräsidenten gilt leider vielfach als Indikator für die Macht oder Ohnmacht des amtierenden Kanzlers. Das neue Buch von

Hans Herbert von Arnim: Die Deutschlandakte. Was Politiker und Wirtschaftsbosse unserem Land antun, erschienen 2008 in München bei C. Bertelsmann

fordert deswegen die Direktwahl des Bundespräsidenten. Er schreibt auf S. 210:

„Würde der Bundespräsident direkt vom Volk gewählt, wie die Präsidenten von Weizsäcker und Köhler selbst vorgeschlagen haben, würde das seine demokratische Legitimation erhöhen und ihm die Ausschöpfung seiner Kompetenzen erleichtern, ohne dass Weimarer Gefahren zu befürchten wären. Er könnte dann bei Ernennung von Beamten Ämterpatronage wirkungsvoll eindämmen.“

Ich meine: Wenn es bei der nächsten Wahl des Bundespräsidenten zu einer echten Wahl zwischen zwei so unabhängigen, jeder parteipolitischen Vereinnahmung unverdächtigen Persönlichkeiten wie Horst Köhler und Gesine Schwan kommt, kann das dem Ansehen dieses höchsten Staatsamtes nur zugute kommen. Vorausgesetzt, die Parteien enthalten sich eines allzu ruppigen Hickhacks mit gegenseitigen Unterstellungen und Anklagen. Denn: Zur Wahl stellen kann sich „jeder Deutsche, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das vierzigste Lebenjahr vollendet hat“ (Art. 54 GG). Zwei Kandidaten sind dann eigentlich noch zu wenige – wir bräuchten vier, sechs, acht Kandidatinnen und Kandidaten! Und dann bitte einen „kurzen, knackigen, doch stets kultivierten Wahlkampf“, wie ihn Regierungssprecher Thomas Steg heute auf S. 4 der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fordert! Gewählt wird dann, wer am Wahltag in höchstens zwei Wahlgängen „die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder der Bundesversammlung erhält“ oder – in einem dritten Wahlgang – „die meisten Stimmen auf sich vereinigt“ (Art. 54 GG). So einfach ist das! Querwähler und Querdenker, die sich den Weisungen der sie entsendenden Organe nicht beugen, sind wahrscheinlich erneut zu erwarten. Sie sollten uns gemeinen Bürgern höchst willkommen sein!

Fürstin Gloria: Ich würde Sie gerne einladen! Viva la libertà!

Unser Bild zeigt den Amtssitz des Bundespräsidenten, Schloss Bellevue, am heutigen Tage.

 Posted by at 23:30
Mai 232008
 

Immer wieder überfällt mich die Sucht nach Stoff, ich muss dann zum nächsten Händler gehen, niste mich unbemerkt irgendwo ein, greife mir aus dem Angebot die beste Ware ab und fange an zu konsumieren, zu genießen, ich schnüffle den unnachahmlichen Geruch frischgeschnittenen Blatts und zieh mir dann ein Blatt nach dem nächsten rein. Bin ich ein Junkie? So geschah es mir gestern wieder. Irgendwo in Berlin-Mitte. Das Angebot, das mich verführte, seht ihr auf dem Foto hier oben.

Am besten gefiel mir allein schon die Auswahl der Titel. Diese sechs Bücher, zusammengelesen, werfen höchst aufschlussreiche Lichter auf die Befindlichkeit unseres Landes, auch die Tatsache, dass sie es alle auf die Bestsellerliste geschafft haben.

Platz 1 unter den sechs Büchern hat für mich übrigens inne das Buch: Warum tötest du, Zaid? Von Jürgen Todenhöfer, C. Bertelsmann Verlag, München 2008

Der Mann hat das gemacht, was ich mir immer schon gewünscht habe: Er hat intensiv zugehört, hat das Vertrauen der Menschen im Irak, im Iran, in Afghanistan gewonnen. Sein Buch bringt viele fröhliche Begegnungen mit kickenden Kindern in Irak, mit einem Märchenerzähler in Damaskus, aber auch viele traurige Geschichten von zerstörten Leben. Diese Erzählungen machen etwa ein Drittel des Buches aus. Der Autor hat „auf der Suche nach Wahrheit“ Dutzende von Interviews mit Widerstandskämpfern geführt. Etwa mit Rami, einem Geschichtsstudenten in Bagdad. Rami kämpft für einen islamischen Irak. Mit Al-Qaida. Todenhöfer bemüht sich, den Mann zu verstehen. Er berichtet auf S. 100:

Auch Deutschland, das sich im Irakkrieg so geradlinig verhalten habe, spiele inzwischen eine traurige Rolle – vor allem in Afghanistan. Er fragt mich, ob ich mir eigentlich keine Gedanken darüber mache, dass die NATO mit deutscher Unterstützung in Afghanistan mehr Zivilisten getötet habe als die Taliban.

Ich erwidere, selbst wenn diese bekannte Propagandabehauptung von Al-Qaida stimme – was ich nicht beurteilen könne -, sei das kein Grund, sich einer Terrororganisation wie Al-Qaida anzuschließen. Das Gespräch wird heftiger.

Todenhöfer lässt Meinungen ungefiltert zu Wort kommen, die in den westlichen Medien – so seine Behauptung – systematisch unterschlagen werden. Es ergibt sich so in unseren Medien „ein völlig verzerrtes Bild der Lage im Irak“ (S. 177). Den Medien in unserem Land wirft er eine verfälschte, einseitige Darstellung der Vorgänge im Orient vor, die letztlich nur als Bemäntelung einer ganzen Reihe von verbrecherischen Angriffskriegen westlicher Länder gegen islamisch geprägte Staaten diene. Das militärische Vorgehen mit Kampftruppen in Afghanistan verurteilt er als nicht zielführend. „Westliche Kampftruppen (und deutsche Tornados) haben im Irak, in Afghanistan oder in Somalia nichts verloren“ (S. 198).

Und so kommen wir zum zweiten, eher systematisch-historischen Stück seines Buches. Todenhöfer arbeitet die etwa 200-jährige Geschichte kolonialer Kriege und kolonialer Ausplünderung in den arabischen Ländern, in Irak, Iran und Afghanistan nach. Seine Bilanz ist aufrüttelnd, S. 163: „Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Über vier Millionen arabische Zivilisten wurden seit Beginn der Kolonialisierung getötet.“

Das Buch enthält auch eine Reihe schlimmer Bilder aus den Zeiten der französischen und italienischen Kolonialherrschaft, ebenso wie Bilder von verstümmelten Kindern und Zivilisten aus den letzten Kriegen, die einige westliche Staaten rechtswidrig entfesselt haben. Das Buch ist eine erschütternde Anklage gegen Ignoranz, Brutalität und hemmungslose Machtausübung. „Die Hauptverantwortlichen des Irakkriegs, George W. Bush und Tony Blair, erfreuen sich bester Gesundheit und genießen ihr Leben. […] Den Preis für ihren mörderischen Krieg bezahlen andere“ (S. 215).

Eine ausführliche, kommentierte Zitatensammlung aus Bibel und Koran erstreckt sich von S. 217 bis S. 277. Befund des Autors: Die beiden Bücher haben die wesentlichen Aussagen gemeinsam. Zusammen mit einer Reihe von Thesen zum zutiefst gestörten Verhältnis des Westens zur islamischen Welt bildet sie den dritten Teil des höchst empfehlenswerten Buches. Es sollte auf dem Nachttisch keines Abgeordneten fehlen.

Mein Lieblingsbild in dem Buch ist Nr. 67. Es zeigt den Sängerwettstreit unter der 33-Bogen-Brücke in Isfahan. Jürgen Todenhöfer hatte sich über die strengsten Ermahnungen seiner offenbar hochmusikalischen Tochter Valérie hinweggesetzt und ohne deren Einwilligung an einem gemeinschaftlichen Singen teilgenommen. Auf Deutsch gab er das Wolgalied aus der Operette Zarewitsch zum besten. „Am Ende des Liedes summten die meisten iranischen Zuhörer mit. Ich bekam tosenden Beifall“ (S. 19).

Aber mein Lieblingszitat aus dem Buch ist das Zitat eines Zitates. Es steht auf S. 188 und stammt aus Lessings „Nathan“. Angela Merkel bezeichnete diese drei Worte als „die schönste Stelle des Stücks“. Sie lauten:

Sei mein Freund!

Soll ich jetzt auch nach Irak fahren? O nein! Wir sind hier in Kreuzberg in einer äußerst privilegierten Lage. Es kostet keinen Cent, mit Menschen aus moslemischen Ländern, mit deutschen Muslimen ins Gespräch zu kommen, den Dialog der Kulturen in unserem persönlichen Umfeld zu beginnen, wie Todenhöfer selbst auf S. 188 fordert. Danke, Jürgen!

 Posted by at 15:29