
Ein Diktat? Wie bitte? Wollen wir ein DIKTAT beginnen? Jetzt soll ich etwas in den neuen Mac diktieren? Hey, ich kenne mich mit dem neuen Mac nicht aus, aber versuchen will ich es. Gut! Ich werde etwas diktieren, und zwar möchte ich berichten über eine herrliche Veranstaltung, die wir kürzlich erlebt haben. Sie hieß: DNIPRO.
Dnipro, das waren Augenblicke, gelebt im Fegefeuer, gelebt im Paradiese. Zu Beginn spielten die drei Musiker vom Trio Voyage – die Geigerinnen Viktoria Stahlberg und Alvina Lahyani, Pavlo Feniuk am Bajan – ein Prunkstück der spanischen Musik. Sie spielten España cañí, und man hörte, man spürte in diesem Paso doble sofort die Poesie, ich weiß nicht wie… war es nicht die
poesía en flor,
esta España de mujeres bellas
con fuego en los ojos
que enciende pasión?
Ich sah sofort dieses Feuer aufblitzen.
Diese Flamme war entfacht! Gleich mit dem Schlussakkord begrüßte Alvina das Publikum mit wohlgesetzten Worten an den Ufern des Dnipro; der Dnipro, das ist ja ein Schicksalsfluss wie kein zweiter. Nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Moskaus Machtbereich, für Weißrussland, Litauen und auch Polen. Sich umwendend fragte Alvina die Lyrikerin Zlata Zhuravlova: „Was bedeutet der Dnipro für dich?“ .
Zlata erzählte, dass sie dort am Dnipro, oder Dnjepr, wie er in deutschen Atlanten noch meist genannt wird, wie viele andere Bewohner der Stadt Dnipro (früher: Dnjepropetrowsk), ihre schönsten und beeindruckendsten Jugenderlebnisse hatte. Besonders hob sie das Meer hervor, zu dem der Fluss sich dort erweitert. Es ist natürlich kein richtiges Meer, aber doch eine künstlich herbeigeführte Ausbuchtung, die bis zu zwei Kilometer breit ist, die also an ein Meer, ein echtes Mehr-als-nur-ein Fluss, erinnert. In Dnipro gibt es auch die längste durchgehende Fußgänger- und Uferpromenade in ganz Europa! Sie erstreckt sich entlang des rechten Ufer des Flusses Dnipro über eine Gesamtlänge von 23 km!
Zlata fragte Alwina: „Woher stammst du eigentlich?“ – „Aus Kyjiw!“ – „Wirklich? Das ist schön. Dazu habe ich Gedicht geschrieben!“ Dann lass Zlata ihr Gedicht Kyiw vor. Wir zitieren:
Kyiw
Ich spaziere durch Zoloti
und versuche mir vorzustellen, ,
wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich eine Kiewerin
und nicht einfach nur ein Mensch wäre.
und sie versetzte sich wirklich in das Gefühl hinein, dass die Kyiwer wohl empfinden, wenn sie Ihren Stolz auf diese Stadt ausdrücken.
Wie schaut es aber nun in Berlin aus? Gute Frage! Auch über Berlin hat Zlata Zhuravlova, die in Berlin lebt, ein Gedicht geschrieben. Erstaunlich war es, dass sie sagte
Berlin
Menschen kommen hierher,
um sich zu verstecken.
Im Zentrum der Welt. An der Oberfläche.
Genau hier. Genau jetzt.
Um sie selbst zu werden.
Sie probieren neue Rollen. Masken. Schuhe.
Ein sehr spannender Blick auf Berlin, gesehen mit den Augen einer zugewanderten Lyrikerin!
Es folgte dann der erste lyrische Höhepunkt des Abends, nämlich das Gedicht Train. Es fängt alltägliche Wahrnehmungen in einem Bahnhof ein. Der Blick heftet sich an einen Menschen, der einen Koffer über Treppen trägt und irgendwelche Aufgänge und Untergänge sucht. In dem Koffer befinden sich viele Bücher und in den Büchern seine Welten. Leider gibt es diese Welten nur in den Büchern. Und das Gedicht endet mit den traurigen Zeilen
Сходів і заходів безліч,
безліч було історій
у книгах-томах — поруч.
Шкода, але не в ньогом
бо в нього вдома нікого,
бо в нього немає дому.
es gab viele Treppen und Aufgänge,
viele Sonnenauf- und untergänge
und Geschichten: in den Büchern,
Bänden – überall.
Aber leider nicht bei ihm.
Denn daheim wartete niemand.
Denn er hatte kein zu Hause.
Und so war neben dem Feuer in den Augen der Schönen, neben der Weite des Meeres noch das dritte Grundthema dieses in der Tat unerschöpflichen musikalisch-lyrischen Nachmittags angeschlagen: die Ruhelosigkeit, die Entwurzelung, der Schmutz und die Schutzlosigkeit.
Und somit ist dieses erste Diktat im Mac abgeschlossen. Es entbehrt jeder Schönheit und Professionalität. Aber es war mir diesen tastenden Versuch wert. Und es wird weitere Diktate zum Thema Dnipro geben.
Zitate:
Alfredo Corral Moraleda: Letra del paso doble
https://es.wikipedia.org/wiki/Espa%C3%B1a_ca%C3%B1%C3%AD
Zlata Zhuravlova: Vorspiel Прелюдія. Gedichte Вірші. Aus dem Ukrainischen von Nadiia Telenchuk. KLAK Verlag, Berlin 2026, S. 17, S. 15, S. 36-37
https://www.klak-verlag.de/product/zhuravlova-zlata-vorspiel-%d0%bf%d1%80%d0%b5%d0%bb%d1%8e%d0%b4%d1%96%d1%8f-gedichte-%d0%b2%d1%96%d1%80%d1%88%d1%96/