Das ständige Beschwören des Exzeptionellen, des Einzigartigen, Überragenden auch bei alltäglichsten Erscheinungen durch Wörter wie mega, super u. dgl., und zugleich das rasche Abtun, die Unfähigkeit, sich länger beharrlich auf eine und nur eine Handlung, eine und nur eine Person zu richten – also dieses heute doch recht weit verbreitete, von vielen Grundschullehrern beklagte Aufmerksamkeitsstörungsyndrom (ADHS) wird offenbar bei unseren jungen Leuten durch eine Überfülle an Kommunikationsmedien wie Smartphone, Tablet, PC usw. verstärkt.
Goethe fiel das auch schon auf; er schreibt am 6. Juni 1825 in seinem Brief an Carl Friedrich Zelter:
(…) Ich kann nicht schließen ohne jener überfüllten Musik nochmals zu gedenken; alles aber, mein Theuerster,[215] ist jetzt ultra, alles transcendirt unaufhaltsam, im Denken wie im Thun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff den er bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einfältiges Zeug gibt es genug.
Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichthum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Facilitäten der Communication sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Cultur gemein werde, dahin streben die Bibelgesellschaften, die Lancasterische Lehrmethode, und was nicht alles.
Zitiert nach: Goethes Werke. Weimarer Ausgabe / Sophien-Ausgabe. Herausgegeben im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. IV. Abtheilung: Goethes Briefe. 39 Band. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1907, Seite 216
http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1825