Fahrrad, Familie, FreudeKommentare deaktiviert für Fahrrad: Service & Spaß & Familie. Ein Leben lang.
Apr.122010
Den emissionsfreien, familienfreundlichen, nicht durch künstliche Verlangsamung behinderten Individualverkehr, wie ihn etwa ein Thomas Heilmann im aktuellen Heft von tip Berlin auf S. 28 fordert, den finden wir in einer sehr gut gemachten Werbung auf S. 31! Der Leser errät: es geht um das Fahrrad.
Wir sehen zwei Eltern und zwei Kinder, strahlend, lächelnd. Das Campomobil-Auto haben sie endlich abgestellt. Das leidige Problem der Helmmode ist durch einen coolen stylishen Plastik-Helm im Retro-Look gelöst, der ein bisschen an die Helme der Krad-Melder aus WK II erinnert.
Was die Firma ebenfalls richtig macht: Sie bietet einen Service „Lückenlos & Lebenslang“ an.
Das Fahrrad steht in dieser Anzeige für Familie, für lebenslange und lückenlose Sicherheit. Für Freude am Leben. Ein Fahrradleben lang. Für emissionsfreien, staufreien und staubfreien Individualverkehr, wie ihn Thomas Heilmann von der Berliner CDU fordert.
Das Fahrrad ist eine nachhaltige, menschenfreundliche Lösung der Verkehrsprobleme in Städten.
Ich empfehle die Anzeige im aktuellen tip Berlin S. 31 allen Marketingfachleuten und Fahrradaktivisten zum genauen Studium. Ich halte diese Anzeige für sehr gelungen. Interessant: In dieser Anzeige für Fahrräder sieht man fast nichts von Fahrrädern. Wir ahnen nur: Fahrräder machen Menschen glücklicher. Ein Leben lang.
Diese Anzeige sieht man derzeit auch auf der Einstiegsseite der Firma „Hänschen klein Räder„. Schaut sie euch mit fachfraulichem Auge an!
Auch das ein genialer Kniff – statt sich „Hänschen-klein-Räder“ zu nennen, übersetzt man den Begriff ins Englische. Und sofort rollt der Rubel. So ist das in der bunten Welt des Marketing.
FreudeKommentare deaktiviert für „Lächeln Sie sich gegenseitig an!“
Apr.052010
Ein Gefühl der Verlorenheit, des Dunkels erfasste Mutter Teresa immer wieder. Über Jahrzehnte hinweg quälte sie das, was sie in nachgelassenen Schriften „dieses furchtbare Gefühl der Verlorenheit – diese unbeschreibliche Dunkelheit – diese Einsamkeit“ nannte. In diesen Zuständen erkennen wir die Leere des Grabes wieder, von dem die vier Evangelien berichten.
Welchen Ratschlag gab Mutter Teresa gegen das wiederkehrende Gefühl der Verlorenheit? In einer 2007 erschienenen Biographie wird aus einer ihrer Ansprachen zitiert:
Ich erinnere mich daran, wie vor einiger Zeit eine sehr große Gruppe von Professoren aus den Vereinigten Staaten hier war und bat: „Erzählen Sie uns etwas, was uns weiterhelfen wird.“ Und ich sagte: „Lächeln Sie sich gegenseitig an.“ Ich muss das sehr ernst gesagt haben, vermute ich, und so fragte mich jemand aus der Gruppe: „Sind Sie verheiratet?“ Und ich sagte: „Ja […]“
Ich stimme zu: Auch als Verheiratete, auch als Moslem, auch als Konfessionslose darf man und soll man lächeln. So wächst die Stadt zusammen. Man sollte nicht immer gleich mit der Moralkeule kommen, wenn gelächelt wird … Ein Lächeln ist doch keine Anmache!
Quelle: Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht. Pattloch Verlag, München 2007, S. 11 und S. 324
Freude, GeigeKommentare deaktiviert für Wettbewerb – Begegnung – FREUDE bei Jugend musiziert
Feb.152010
Tag der Freude gestern! Unser aller Ivan Hampel, genannt Wanja, 7 Jahre alt, spielte mit beim Regionalwettbewerb Jugend musiziert in der Region „Berlin Mitte“. Dazu gehören die folgenden vier Berliner Bezirke: Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn-Hellersdorf, Mitte.
Da er schon immer zusammen mit den anderen „Fröschen“ bei Schülerkonzerten aufgetreten ist, kennt er kein wirkliches Lampenfieber. Er fiedelte sehr gut das Hirtenlied von Mozart, die Mazurka von Baklanowa und schließlich sogar den ersten Satz des Violinkonzerts in h-moll von Oskar Rieding. Alles auswendig. Da er in seiner Altersgruppe einen Kopf hervorragt, gaben wir ihm den Reisepass mit, den er stracks und unaufgefordert bei der Jury vorlegte! Große Heiterkeit bei der Jury! Viele andere Geigerinnen und Geiger gaben ihr Bestes. Alle Kinder gehen – von uns Erwachsenen angeleitet – sehr brüderlich und freundschaftlich miteinander um. Man unterstützt sich gegenseitig, feuert sich gegenseitig an.
Das Motto von Jugend musiziert lautet:
Wettbewerb – Begegnung – Dialog
Diesem Motto wird dieser Wettbewerb in hervorragender Weise gerecht! Ich habe selbst einmal im Alter von 15 Jahren daran teilgenommen und denke noch gerne daran zurück.
Natürlich haben wir uns alle sehr gefreut, dass Wanja (Kreuzberg) gestern einen ersten Preis im Fach Violine in der Altersguppe Ia errang.
2 Flaschen Rotwein für die Erwachsenen mussten bei der Nachfeier dran glauben. Und eine selbstgebackene Torte für alle.
Diesen großartigen Tag begann ich mit einer Feier in der Fanny-Hensel-Grundschule. Eine Baumpflanzung war genau für den heutigen Tag angesetzt. Die Bürgerstiftung Berlin und der Sponsor Boeing hatten Hand in Hand mit der Schule gearbeitet. Ein Feldahorn wurde eingesetzt. Ein Modell der Berliner Mauer war aus Kartons nachgebaut.
Zuvor gab es Musik und Ansprachen. Mein Sohn spielte das Hirtenlied von Mozart. Ich sprach mit Lehrern, Sponsoren und Schülern. Ich war stolz auf die Schule. An dieser Schule wirken alle zusammen, um die neue Gesellschaft Deutschlands wachsen zu lassen.
In wenigen Augenblicken werden die Dominosteine am Brandenburger Tor stürzen. Mit dabei: Ein Stein, den die Kinder der Fanny-Hensel-Grundschule bemalt haben!
Gleich am Morgen ging ich zu den Europawahlen in die Nikolaus-Lenau-Grundschule. Ich wurde von den Wahlhelfern freundlichst begrüßt – war ich doch um 9.20 Uhr schon der zwölfte Wähler, der seine Stimme abgab! Den langen Zettel las ich gründlich durch und setzte mein Kreuz bei der Liste eines Mannes, den ich kenne und schätze.
Ich rief aus: „Ich tippe auf 42% Wahlbeteiligung und leiste hiermit meinen Beitrag!“ Gelächter: „Sie sind zu optimistisch!“ – Das habe ich ja auch in diesem Blog geraten. Und so ist es auch gekommen. Der Wahlausgang bedeutet ein klares Votum für mehr Freiheit, für weniger Staatsgläubigkeit. Die niedrige Wahlbeteiligung und ebenso das Erstarken der Rechten in den anderen Ländern finde ich allerdings bedenklich.
Beim Umweltfestival der Grünen Liga, dem Netzwerk ökologischer Bewegungen, erzähle ich das Märchen vom Rabenkönig zweimal. Erst auf der großen Bühne vor dem Brandenburger Tor, dann auf der kleinen Bühne vor dem russischen Panzer. Nur mit einer Stimme und einer Geige vor die Menschen zu treten, das ist schon mehr, als sich in einem Ensemble einzureihen. Ich lasse mich tragen und die Worte strömen sozusagen aus mir heraus. Der Sohn, der sich aufmacht, um seine beiden Brüder und den Ochsen zu befreien, besteht alle Prüfungen: Er kann teilen, denn er gibt sein letztes Brot an ein Tier. Er hört zu, er ist mutig – und er geht sparsam mit den Schätzen der Erde um!
Das Tolle war: ich hatte keinen Text auswendig gelernt, sondern merkte auf die Reaktionen der Zuhörer – was kommt an? Wie alt sind sie? Wie gehen sie mit? Also waren die zwei Fassungen des Märchens heute recht unterschiedlich.
Die große ADFC-Sternfahrt endete hier am Brandenburger Tor. Durchnässt, aber zufrieden trudeln Tausende und Abertausende von Radlern ein. Ich spreche mit einigen ADFC-Freunden, darunter auch der ADFC-Landesvorsitzenden Sarah Stark. – Es war ein erfolgreicher Tag, etwa 100.000 Teilnehmer folgten dem Lockruf der freien Straßen.
Freude, Geige, Kinder, SingenKommentare deaktiviert für „Wieder ein Glück ist erlebt“ … oder: Kinder brauchen gute Musik
Mai272009
Mit diesem Vers Hölderlins fasse ich zusammen, wie ich das heutige Mendelssohn-Konzert in der Fanny-Hensel-Schule erlebt habe. Den Morgen verbrachte ich damit, das Gedicht Heinrich Heines auswendig zu lernen, das den Reigen eröffnen sollte:
Ich wollt, meine Lieb ergösse sich
All in ein einzig Wort,
Das gäb ich den luft’gen Winden,
Die trügen es lustig fort.
Sie tragen zu dir, Geliebte,
Das lieberfüllte Wort;
Du hörst es zu jeder Stunde,
Du hörst es an jedem Ort.
Und hast du zum nächtlichen Schlummer
Geschlossen die Augen kaum,
So wird mein Bild dich verfolgen
Bis in den tiefsten Traum.
Ich lerne immer noch gerne Gedichte! Nach Rücksprache mit meiner Frau beschließe ich dann aber, die Gedichte nicht vorher aufzusagen, sondern jeweils nur eine Einführung in das Thema zu geben. Die Kinder sollen einfach ein Bild haben, ein Gefühl spüren, dann wird die Musik sie schon tragen.
Punkt zwölf Uhr strömen die Kinder und Lehrer zusammen, auch einige Erwachsene von draußen gesellen sich dazu – eine besondere Freude ist es mir, Vera Lengsfeld zu begrüßen. Die Politiker sollen ruhig sehen, wie gut es sich hier leben und lernen lässt, man hört ja so viel viel Schiefes über Kreuzbergs Grundschulen!
Die Rektorin, Frau Köppen, eröffnet das Konzert aufs Herzlichste: „In der Musik können wir uns verstehen, auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen. Auch wenn wir aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen. Die Namen Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy stehen für Toleranz, für gegenseitiges Verständnis.“
Das Konzert läuft sehr gut, Wanja eröffnet wacker mit einem Marsch von Schumann, wobei er ausdrücklich bittet, auf der Bühne zu stehen – nicht unten beim Klavier. Angela und Ira singen und jubeln in ihren glockenreinen Terzen und Sexten, dass es eine Wonne ist! Ich moderiere, wobei ich immer wieder Fragen stelle. Etwa die folgende zu dem Venezianischen Gondellied:
Wenn durch die Piazetta
die Abendluft weht,
dann weisst du, Ninetta,
Wer wartend hier steht.
Du weisst, wer trotz Schleier
und Maske dich kennt,
du weisst, wie die Sehnsucht
im Herzen mir brennt.
Ein Schifferkleid trag‘ ich
zur selbigen Zeit,
und zitternd dir sag‘ ich:
das Boot ist bereit!
O komm jetzt, wo Lunen
noch Wolken umzieh’n,
lass durch die Lagunen,
Geliebte, uns flieh’n!
„Wenn ihr Ninetta wäret, würdet ihr denn mitgehen, wenn so ein venezianischer Gondoliere mit seinem Boot an der Piazzetta stünde?“ Ein türkisches Mädchen meldet sich: „Nein, das wäre ja eine Entführung!“ Unwillkürlich denke ich: „Sehr gut, dieses Mädchen wird sicher mal nicht gegen ihren Willen verheiratet.“ Ihr seht: die Vorurteile wirken schon, wir können uns gar nicht freimachen von dem, was wir Tag um Tag lesen, hören und reden.
Natalia legt mit ihrer unglaublichen Ruhe, Zuversicht und Verlässlichkeit am Klavier den Grundstein des ganzen Erfolges. Ich selber lasse mich mit einem Satz aus dem e-moll-Violinkonzert hören – ein wunderbares Erlebnis für mich!
Die Kinder hören konzentriert und gesammelt über etwa 50 Minuten zu. Nur ganz wenige wippen unablässig mit den Beinen. Der Beifall der Kinder kommt von innen heraus. Er ist unser schönster Lohn – und auch die Blumen der Schule tragen wir stolz nachhause. Aber erst einmal gehen wir in die gegenüber liegende Bäckerei und essen Schoko-Croissants und ein dick belegtes Baguette und wir trinken auf das schöne Konzert und natürlich auf unseren Freund Felix Mendelssohn Bartholdy.
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 1847) war der Bruder Fanny Hensels. Seine Berliner Kindheit verbrachte er mit seinen drei Geschwistern in einem Haus an der Leipziger Straße 3. Mit großem Fleiß lernte er mehrere Sprachen, Musik, Mathematik, Literatur, Sport, Zeichnen und Geschichte. Der Vater ermahnte die Kinder immer wieder, auch wenn er auf Reisen war: Tut was für eure Bildung, lernt, übt, arbeitet! Die Eltern mussten damals noch aus eigener Tasche für den ganzen Unterricht bezahlen. Mehrere Jahre lebte er dann in verschiedenen Ländern, weil er nicht wusste, wo er eigentlich hingehörte. Endlich, am 21. Februar 1832, schrieb er an seinen Vater: Das Land ist Deutschland; darüber bin ich jetzt in mir ganz sicher geworden.
Voller Vorfreude auf das morgige Konzert in der Fanny-Hensel-Schule studiere ich Partituren und Skizzen, Bücher und hochgelahrte Abhandlungen. Denn ich musste soeben noch ein komplettes Programm schreiben, bosseln, häkeln, drucken und falten. Obiges ist der Lebenslauf, wie ich ihn für die Kinder, die uns morgen zuhören werden, geschrieben habe. Die Kinder sind zwischen 6 und 12 Jahren alt. Sie kommen aus ca. 12 Ländern.
Das Foto zeigt Angela Billington und den hier bloggenden Komödianten bei der Aufführung der Mozartischen Zauberflöte, letzte Woche in der Fanny-Hensel-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Den Theatervorhang haben die Kinder der Klasse 1 B selbst gemalt.
Und so habe ich die Künstler-Biographien zurechtgehübscht:
Angela Billington (Sopran) kommt aus England und hat in Cambridge studiert. In Berlin hat sie bei diversen Oper- und Kabarettprogrammen mitgewirkt. Sie hat in letzter Zeit Solokonzerte in Kalifornien und England gegeben. Sie interessiert sich besonders für die russische Oper.
Irina Potapenko (Alt) stammt aus Moskau. Ausgebildet als Opernsängerin in Moskau und Leipzig an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy. Sie ist freiberufliche Sängerin und lebt in Berlin. Preisträgerin beim Bach-Wettbewerb in Leipzig. www.musikerportrait.de/irina-potapenko/
Ivan Hampel (Violine) geboren am 28.05.2002, besucht die Klasse 1 B der Fanny-Hensel-Grundschule. Er nimmt bei Tamara Prischepenko Geigenunterricht. Seine berufliche Zukunft sieht er gleichermaßen als Lokomotivführer und Geiger. Seine beiden Sprachen sind Deutsch und Russisch.
Johannes Hampel (Violine) spielt seit 40 Jahren nach Herzenslust Geige. Er arbeitet als Konferenzdolmetscher für Englisch, Italienisch und Französisch und lebt fünf Tandem-Fahrradminuten von der Fanny-Hensel-Schule entfernt.
Natalia Christoph (Klavier) stammt aus Kaliningrad (Königsberg). Sie wirkte als Pianistin an zahlreichen Opernaufführungen in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz mit. Pädagogische Tätigkeiten: Moldauisches Konservatorium Kischinjow, derzeit an der UdK Berlin, Meisterkurse in Frankreich und Belgien. Sie begleitete unter anderem Ute Trekel-Burckhardt und Hanno Müller-Brachmann. www.natalia-christoph.de/
Und das ist unser Programm (Dauer 45 Minuten):
1. Robert Schumann: Marsch
Ivan Hampel, Geige
Irina Potapenko, Klavier
2. Felix Mendelssohn Bartholdy: 3 Duette
Ich wollt, meine Lieb ergösse sich (Worte: Heinrich Heine)
Herbstlied (Karl Klingemann)
Lied aus Ruy Blas (Victor Hugo)
Angela Billington, Sopran
Irina Potapenko, Alt
Natalia Christoph, Klavier
3. F. Mendelssohn Batholdy
Andante. 2. Satz aus dem Violinkonzert e-moll
Johannes Hampel, Violine
Natalia Christoph, Klavier
4. F. Mendelssohn Bartholdy
Frühlingslied (Nikolaus Lenau)
Gondellied (Thomas Moore)
Irina Potapenko, Natalia Christoph
6. F. Mendelssohn Bartholdy
Rondo capriccioso
Natalia Christoph, Klavier
7. Pjotr Ilijitsch Tschaikowskij: Zwei Duette
Im Garten
Duett der Lisa und Polina aus der Oper Pique Dame
Angela Billington, Irina Potapenko, Natalia Christoph
Gestern durfte ich wieder einmal den Sohn in die Schule bringen. Ein großes Projekt ist angesagt: das Frühlingsprojekt. Jedes Kind sollte etwas in den Unterricht mitbringen, das an den Frühling erinnert. Wir beschließen: unser Wanja bringt seine Geige mit und spielt darauf das Lied „Sehnsucht nach dem Frühling“. Während er sich die Geige unters Kinn klemmt, wärme ich das Publikum vor: „Sehnsucht nach dem Frühling – es geht so los: „Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün“, erkläre ich. „Wisst ihr auch, was Sehnsucht ist?“ Ein türkischer Junge, ein Drittklässler, meldet sich: „Sehnsucht ist, wenn man jemanden sehen will!“, antwortet er. „Sehr gut … und jetzt wollen wir hören, wie die Sehnsucht nach dem Fühling klingt.“ Wanja streicht das Lied fast ohne Stocken bis zum Ende durch, sogar das gis mit dem dritten Finger auf der D-Saite kommt fast sauber. Großer Beifall – für mich als Vater ein echter Moment des Glücks!
Zuhause blättere ich wieder dieses und jenes Buch durch – wie es meine Art ist. Und siehe da, ich stoße auf einen Abschnitt über Sehnsuchtsglück:
Aristoteles versteht unter dem normativen Leitbegriff, dem Glück, nichts, was man passiv an sich herankommen lässt, weder den glücklichen Zufall eines Lottogewinns noch die Erfüllungen aller Hoffnungen und Wünsche, das Sehnsuchtsglück. Im Gegenteil kann und muß man sich das Glück erarbeiten. Es ist kein Geschick, das sich dem Zufall oder äußeren Mächten verdankt, sondern ein „Strebensglück“, für das man selber verantwortlich ist. […] Das Glück, das sich mit ziemlicher Verläßlichkeit erreichen läßt und auch vielen offensteht (hier zeigt sich eine Demokratisierung des Glücks), bedeutet vielmehr, daß eine Biographie als Ganze glückt. Das Strebensglück besteht in einem guten, einem gelungenen Leben.
Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie, Verlag C.H. Beck, München 2005, S. 59
Was für eine gute Fügung! Das ist es ja genau, worum wir uns in diesem Blog seit Tagen bemühen: einen Glücksbegriff, der in die Demokratie passt. Ein Glück, das unabhängig von der ethnischen Herkunft und der religiösen Zugehörigkeit ist.
Eine bekannte deutsche Partei bat mich im Jahr 2007, kurz nach meinem Parteieintritt: Erklären Sie doch mal in einem oder zwei Sätzen fürs breite Publikum, warum Sie raten, dass man einer oder auch unserer Partei beitreten soll. Ich überlegte mehrere Tage hin und her und sandte dann per E-Mail den folgenden Satz: „In der Demokratie sind wir quer durch alle Parteien Schmiede unseres Glücks. Angela Merkel halte ich für ein begeisterndes Vorbild.“ Ist das logisch? Wohl nicht unbedingt, ich wollte damit in jedem Fall ausdrücken, dass Merkel eine Politikerin ist, die auf Wähler in allen Lagern attraktiv wirkt. Und solche Politiker braucht unser Land, nämlich Politiker, die sich in einen fairen Wettbewerb um Ideen, Lösungen, Perspektiven begeben – denn die anderen Politiker, die laut und großspurig verkünden „Mir san mir“, gibt es genügend.
Genau so wurde der Satz dann auch in einen Flyer gedruckt. Ob er wohl irgendjemanden überzeugt hat? Ich glaub nicht. Aber ich steh dazu. Und jetzt glaube ich sogar zu ahnen, dass Aristoteles mir – als seinem geringsten und verlorensten Schüler – auf die Schulter klopfen würde. Ich bin überzeugt: Es ist für unseren Staat in jedem Fall besser, irgendeiner Partei beizutreten, oder eine eigene Partei zu gründen, als immer nur beiseite zu stehen und abzulästern.
Heute abend geht’s ja bei Maybrit Illner um genau dieses Thema: Verdruß und Mißtrauen genüber den Parteien. Ich weiß noch nicht, ob ich mir die Sendung antue. Wahrscheinlich wird der Schwarze Peter mal wieder an alle Parteien gleichzeitig verteilt. Dem erwidere ich:
Bürger, geht rein in die Parteien, unterwandert sie in Scharen, arbeitet für euer Glück – euer Strebensglück. Hofft weder auf das Sehnsuchtsglück noch auf das Versorgungsglück – weder vom Schicksal noch vom Kismet noch vom Staat noch vom staatlichen Rettungspaket. Ihr seid der Staat.
So – und jetzt kann der Frühling kommen! Das Foto zeigt unseren Schulweg, zwei Tage vor dem Frühlingsbeginn.
Unser Bild zeigt von links nach rechts: Halina Wawzyniak, Björn Böhning, Harald Sielaff (BEAK), Hans-Christian Ströbele, Vera Lengsfeld, Markus Löning
Freunde, Blogger, es war gestern wirklich ein schöner Abend wie erträumt! Alle 5 Bundestags-Direktkandidaten waren gestern vor dem Bezirkselternausschuss Kita (BEAK) Friedrichshain-Kreuzberg angetreten, das Publikum war gespannt und aufmerksam. Dickes Kompliment an Harald Sielaff und Burkard Entrup dafür, dass sie diese Zusammenkunft ermöglicht haben! Ich selbst saß mittendrin, plauderte vor Beginn entspannt mit meiner freundlichen Nachbarin – die mir grüne Blätter zum Mitschreiben schenkte! Danke nochmal für die nette Geste!
Es gab auch reichlich Zucker für die gebeutelte Seele der ehrenamtlichen Kita-Kämpfer vom BEAK! Denn alle fünf Wahlkreiskandidaten gelobten hoch und heilig, sich für einen besseren Ausbau der Kita-Bildung, mehr Geld für frühkindliche Bildung einzusetzen. Wunderbar, alles toll! Der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit einer umfassenden Förderung der frühkindlichen Bildung wurde von den Kandidaten hervorgehoben. Toll! Mehr Erzieher sollen eingestellt werden! Toll! Ich dachte: „Bloß woher nehmen? – Der Markt ist leergefegt, Geld allein wird es nicht richten.“
Lauter höchst löbliche Absichtsbekundungen! Nur die unbeugsame Vera Lengsfeld störte mal wieder das golden glänzende Bildung-ist-ein-hohes-Gut-Einheitsgemälde, indem sie eine stärkere In-Pflicht-Nahme der Eltern anmahnte. Vera Lengsfeld war mutig genug, einen Missstand anzusprechen, den alle Verantwortlichen in der Schul- und Sozialverwaltung kennen, den aber kaum ein Politiker in unserem Wahlkreis auszusprechen wagt, wenn er gewählt werden will. Sie war gestern wohl die einzige, die Aussagen machte, denen nicht automatisch die Mehrheit all der guten Menschen im Saale zugestimmt hätte.
Alle anderen haben gesagt, was einfach runterfließt wie Öl. Ein wahrhaft schöner Abend mit guten Menschen!
Was vermisste ich? Folgendes: Keiner der 5 Kandidaten bewies irgendwelche besonderen Kenntnisse zur Lage der frühkindlichen Bildung in unserem Wahlkreis 084. Keiner der 5 Kandidaten erwähnte auch nur das Thema „evangelische Privatschule in der Bergmannstraße“, keiner erzählte davon, dass er mit Kita-Leiterinnen, mit Kita-Erziehern, mit Eltern oder gar mit Kindern unseres Wahlkreises gesprochen habe. Die Kandidaten kennen das SGB II, sie wissen sich recht geschickt aus der Affäre zu ziehen, wenn es um bundespolitisch aktuelle Themen geht. Aber sie sind offenkundig nicht sattelfest in dem, wo im Bereich Kita und Grundschule hier im Wahlkreis der Schuh drückt.
Das halte ich für ein echtes Manko der 5 Kandidaten, da könnten sie nacharbeiten. Dabei saß Bildungs-Bezirksstadträtin Monika Herrmann im Publikum! Was für eine tolle Chance, ganz offen Probleme des Bezirks anzusprechen, wurde hier vertan!
Die Unterschiede zwischen den 5 Kandidaten lagen insgesamt nur in der Schattierung und erwiesen sich eher in unerheblichen Nebenschauplätzen wie etwa dem Kinderwahlrecht oder der Frage einer Kita-Pflicht. Erwartungsgemäß gab es auch das eine oder andere kleinere Hickhack um parteipolitische Taktiererei, etwa das vom Berliner SPD-Linke-Senat gnadenlos niedergebügelte Kita-Volksbegehren.
Dann kam die Aussprache. Keiner der 5 Kandidaten hatte sich – mangels konkreter Kenntnisse – bisher zur tatsächlichen Situation in den Kitas und Grundschulen im Bundestagswahlkreis 084 zu äußern versucht. Kein Wunder. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Kreuzberger Politiker ihre Kinder nicht in die Kitas und Schulen in Kreuzberg schicken. Es sind doch alles sehr, sehr gute Menschen, deren Kinder ebenfalls zu gut für diesen Bezirk sind.
Waren diese Politiker, die unermüdlich für die Erhöhung von Hartz-IV kämpfen, je in einem Hartz-IV-Haushalt, haben sie je einen Hartz-IV-Empfänger danach gefragt, wie es ihm geht? Kennen sie den Ausspruch: „Wenn ich groß bin, will ich Hartz-IV werden“?
Ich meldete mich zu Wort. Ich war am gestrigen Abend der einzige, der aus seiner Erfahrung mit Kindern in Kreuzberger Schulen und Kitas berichtete. Und zwar aus der Sicht eines Vaters. Ein Betroffener meldete sich also mit mir zu Wort, ach wie schön! Zuerst lobte ich die Kitas und Schulen im Bezirk: „Sie sind meiner Erfahrung nach viel besser als ihr Ruf. Wir reden sie uns schlecht.“ Ich lobte das Berliner Bildungswesen und das System der sozialen Sicherung. Jahr für Jahr entfaltet dieses Bildungssystem, dieses Sozialsystem in unserem Bezirk eine unverminderte Anziehungskraft auf Menschen aus vielen Ländern, namentlich Türkei, Libanon, Russland. Ein Qualitätsausweis unseres Sozialsystems, mit dem andere Länder einfach nicht konkurrieren können!
Als Hauptproblem in den Kitas und Schulen in unserem Wahlkreis benannte ich die mangelhaften Deutschkenntnisse der meisten Eltern und Kinder. Ebenso belastend: Man bürdet dem Staat Pflichten um Pflichten auf, ohne irgend etwas im Gegenzug von den Eltern zu verlangen. Ich sagte, man solle weniger Satellitenfernsehen sehen, sondern auch einmal die Sendung mit der Maus in deutscher Sprache, oder ein deutsches Kinderbuch lesen.
Ich verschwieg folgendes: Deshalb ziehen auch die deutschen Familien reihenweise aus Kreuzberg weg, sobald die Kinder schulpflichtig werden, melden sich unter Täuschung der Behörden um, nur um sich nicht in die türkische Schülermehrheit integrieren zu müssen. Junge Frauen aus Anatolien ohne jede Deutschkenntnisse ziehen laufend frisch zu. Ich erklärte es für ein Fass ohne Boden, wenn der Staat allein mit immer mehr Geld versuchen wollte, all diesen Müttern und Kindern Deutsch beibringen zu wollen.
Ich sagte: Die Bildungseinrichtungen können nur einen Teil der Arbeit leisten. Wir brauchen ein klares Signal an die Eltern, dass sie mehr tun müssen, vor allem im Bereich deutsche Sprache.
Ich richtete meine Frage an alle 5 Kandidaten: „Wie wollen Sie die Eltern stärker in die Pflicht nehmen?“
Björn Böhning nannte das Argument, man müsse endlich die Eltern stärker in die Pflicht nehmen, „infam“. Die meisten Eltern, die er kenne, r … sich den A … auf, um Familien- und Berufspflichten unter einen Hut zu bringen. Man dürfe nicht einige wenige Ausnahmen zur Regel erklären. Ein weiterer Beleg dafür, dass er sich in anderen, in besseren Kreisen bewegt als die meisten Kreuzberger Eltern und der Verfasser dieses Blogs, ein Vater in Kreuzberg.
Ströbele sagte: Wir müssen die Eltern stärker einbeziehen, indem wir die Kitas zu einem gemeinsamen Lernort machen – für Eltern und Kinder. Klingt gut, gefällt mir sehr, das wird auch seit 30 Jahren immer wieder versucht, es klappt nicht. Aber es ist gut gemeint.
Markus Löning sagte: „Ich habe nie die Sendung mit der Maus gesehen“, und er meinte damit wohl: „… und trotzdem ist aus mir was Vernünftiges geworden.“ Zustimmung, Zustimmung, Zustimmung – wie zu dem allermeisten, was gesagt wurde von ihm und den anderen Kandidaten.
Mein Gesamteindruck: Die 5 Kandidaten haben sich wacker geschlagen. Sie sind mir alle sympathisch. Alles, was sie sagten, klang vernünftig und sinnvoll. Sie kennen sich in den bundespolitischen Fragen gut aus, jedoch wäre Vertrautheit mit den tatsächlichen Problemen und Chancen unseres Wahlkreises 084 wünschenswert.
Fortsetzung erwünscht! Höchstes Lob an die Initiatoren des Kita-Volksbegehrens und an den BEAK. Ich habe Geld für den anstehenden Rechtsstreit um die Zulässigkeit des Kita-Volksbegehrens gespendet.
Freude, MusikKommentare deaktiviert für Vierklang. Artemis. Anfang. Eine Suche
Jan.282009
Es begann mit – einer ausholenden Bewegung. Keinem Klang, sondern einer reinen Geste. Dann das Andrücken. Halt, zurück, alles auf Anfang! Kleine Bewegungen, Rucken, Pressen, Schaben. Ein Ticken und Klickern. Haar auf Saite. Hölzern, fahl. Als fielen Nüsse auf einen Holzboden. Dann das Zerren und Ziehen, das Gespräch der imaginären Bohrer. Akustische Ereignisse fielen ins Zeitkontinuum hinein. Das alles — ist auch Musik, aber Musik deren Entstehung man zusehen kann.
So schrieb es Jörg Widmann in seinem 1. Streichquartett vor. Gestern besuchte ich im Kammermusiksaal der Philharmonie das Konzert des Artemis-Quartetts. „Auf der Suche nach dem Anfang“, so erläuterte der 1973 geborene Komponist selbst sein Werk. Eine Art Gesprächsversuch zwischen vier Menschen, die erst mühsam zu einer gemeinsamen Sprache finden müssen und dies auch schaffen – aber immer nur für einen Augenblick. Und dann wieder zurückfallen ins Verstummen, ins Ticken, Klopfen, Zirpen und Flöten.
Mozarts Klarinettenquintett erinnerte mich früher oft an eine Art festliche Gelegenheitsmusik. Man könnte an den Landrat eines schwäbischen Kreises denken, der den Festakt zum 50. Gründungsjubiläum der Handwerksinnung begeht. Ich hörte in den blühenden Klarinettengirlanden oftmals schon eine Art Vorfreude auf den Freßkorb samt Champagner voraus, den der Landrat gleich nach der Musik erhalten wird.
Seit gestern – höre ich das Stück in ganz anderem Licht. Das Artemis-Quartett spielte des Werk so, wie ich es noch nie gehört habe. War es das vorausgehende Stück von Jörg Widmann, das den ganzen scheinbar wohlbekannten Mozart in ein anderes Licht rückte? Jedenfalls schien mir nichts mehr selbstverständlich. Das Artemis-Quartett lässt jeden einzelnen Ton, jede Phrase neu entstehen. Kein blühendes Dauervibrato überzuckert die Stimmen. Ein ganzes Register an Klängen wird aufgefächert! Mozart ist nicht mehr der ewige Spieler, der fröhliche Allerweltsliebling. Nein, es tauchte ein anderer Mozart auf. Ein Mozart, der urplötzlich ins 21. Jahrhundert katapultiert erschien.
Gregor Sigl an Violine 2 und Friedemann Weigel an der Viola bildeten eine Art tragende Achse. Diese beiden Stiummen, die Mittelstimmen, werden häufig bei anderen Streichquartetten als Füllstimmen aufgefasst – nicht so beim Artemis-Quartett. Diese beiden „Mittelstimmen“ bildeten gestern, so empfand ich, das tragende Fundament für die beiden „Außenstimmen“. Der Cellist Eckart Runge erhielt dadurch einen riesigen Freiraumgeschenkt – einen Freiraum für Übergänge, für Abstufungen in Dynamik und Klangfarbe, einfach nicht das sind, was man sonst von einem „Bass-Instrument“ erwarten würde. Die wunderbare Geigerin Natalia Prishepenko, die wir bereits am 24.11.2008 in diesem Blog einführten, schwebte, schwerelos eingeflochten in diesem häufig irisierenden Klanggebilde.
Das Quartett hat eine überragende Geschlossenheit erreicht – viel stärker als in der früheren Besetzung, die ich vor einigen Jahren im Wissenschaftskolleg hörte.
Schuberts Streichquartett Nr. 15 G-Dur war die zweiteStrecke diese großen, alle ergreifenden Suchbewegung. Fahl, zuckend, schwer lastend der Anfang. Wie die vier da mit minimalen Temporückungen spielten – das war schon verteufelt raffiniert, abgefeimt, spannend bis fast zum Unerträglichen. Das Andante, der zweite Satz mit dem herrlichen Cello-Solo, vermittelte Glück – aber es war ein Glück aus der Erinnerung, ein Glück, dass seiner selbst nie ganz gewiss ist.
Auch bei Schubert pflegt das Artemis-Quartett seine in Frage und Antwort sprechende Klangrede. Sie spielen von Linien her, jede Stimme bleibt jederzeit vollkommen durchhörbar. Nie verschwimmt der ganze Klang zu einem flächigen Gebilde, wie ich das oft bei andern Streichquartetten hörte. Diese vier Musiker arbeiten vor allem mit dem Bogen, ihm entlocken sie alles. Die linke, die greifende Hand unterstützt, setzt Glanzlichter auf, belebt – aber sie presst und drängt nicht. Das bloß Musikantische, das Melodienselige, das ach so Wienerische beim Schubert Franzl wird abgesagt.
Es ist ein Schubert, der um alle Schrecken des 20. Jahrhunderts weiß. Freunde, Blogger, wisst ihr denn am heutigen Tage, worauf ich anspiele? Täusche ich mich? Wir hörten gestern ein Konzert vom Überleben. Vom Weiterleben der Musik.
Nur an einer einzigen Stelle – dies war etwa 30 Takte vor dem Schluss des Konzerts überhaupt – brauste der volle Klang des Quartetts im Fortissimo auf. An genau dieser Stelle kam das gesamte Unternehmen, dieser ganze Konzertabend, diese hochgespannte, vom Düsteren zum Erlösten pendelnde Fahrt zu ihrem Ende. Das können sie also auch, dachte ich. Sie, die sonst mit atemberaubenden Zwischentönen, mit endlos abgestuften, treppenartig zueinanderlaufenden Übergängen spielen – sie ließen ein einziges Mal im ganzen Abend die Fülle des Wohllauts aufrauschen. Um diesen dann gleich zurückzuholen ins Mezzoforte.
Eine lange, vom ersten bis zum letzten Moment gespannte Suchbewegung durch drei Stücke hindurch war an ihr Ende gelangt. Es war für mich ein großes, ein lange nachwirkendes Konzert. Ein Konzert, in dem die drei Stücke architektonisch aneinandergefügt wurden, so dass sie wie Bruchstücke einer einzigen großen Konfession erschienen. Was für eine geniale Politik in der Programmauswahl, den Widmann an den Anfang zu stellen! Was für ein atemberaubendes Demontieren und Neumontieren alles dessen, was uns beim Popmusikanten Mozart lieb und teuer schien! Was für ein atemloses, langgedehntes Abschiednehmen beim Schubert!
Ich werde ab diesem Konzert Streichquartette mit ganz anderen Ohren hören – und auch selber spielen. Das Artemis-Quartett hat die Kraft, scheinbar bekannte Werrke neu aufzuschließen, als hörte man sie zum ersten Mal, ja, als hörte man zu, wie der Komponist sie gerade jetzt schreibt. Wie er sie jetzt gerade zu Papier bringt. Und diese Kraft des Jetzt, sie besiegt alle Trauer über die Vergänglichkeit, über die Begegnung mit dem Tod.
Das Publikum, in dem ich viele kundige Musiker, viele junge Menschen entdeckte, war aus dem Häuschen – rief, jauchzte, brüllte. Sie alle spürten von Anfang an: Umsonst. Es gab kein Da-capo, keine Zugabe. Was hätte das auch sein können? Ein Wiederanheben nach diesem Abschied? Unmöglich!
Freude, WeihnachtKommentare deaktiviert für Vom Wagnis der Freude. Meine Weihnachtsansprache
Dez.232008
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Ich wende mich aus Moskau an Sie. Ein ganz feiner Schneehauch liegt hier auf den Straßen. Er hat sich überwiegend aus Rußkörnchen gebildet. Um diese Körnchen herum hat sich Wasserdampf kristallisiert, der dann zu einer Art künstlichem Schnee herangewachsen ist. Zum ersten Mal seit Jahren erlebe ich also die russische Hauptstadt ohne die üblichen Schneemassen. Der Klimawandel hat auch hier bereits in vollem Umfang eingesetzt. Nicht alles, so zeigt sich, ist in bester Ordnung.
Halten wir Rückschau: Hinter uns liegen Zeiten, die für viele nicht leicht waren. Die Zeiten, die vor uns liegen, werden für viele von uns nicht leichter sein. So sagt die eine: Wir von der Bürgerrechtsbewegung suchten Gerechtigkeit, aber was wir bekommen haben, ist nur der Rechtsstaat. Ein zweiter beschwert sich: Ich habe Arbeit in meinem erlernten Beruf gesucht, aber was ich bekomme habe, ist nur ein Vermittlungsschein vom Jobcenter. Eine dritte klagt an: Ich habe für den Mindestlohn gekämpft, stattdessen wirft der Staat mitten in der Finanzkrise unser hart erarbeitetes Geld den Banken in den Rachen, um fürstliche Vergütungen zu sichern.
Alle diese Klagen haben ihren Sinn. Sie zeigen die Enttäuschung von Menschen, die sich für ihr Leben einmal mehr vorgestellt haben. Dieses Mehr ist nicht eingetreten. Dann baut sich ein Grundgefühl auf: Irgendetwas stimmt nicht in unserem Lande!
Nun, liebe Leserinnen und Leser, diese Enttäuschung werde ich Ihnen nicht ausreden können. Auch ich habe immer wieder Zurücksetzungen, Niederlagen und Demütigungen erfahren müssen. Aber ich habe mir irgendwann vorgenommen: Diese Erfahrungen dürfen nicht in die Sackgasse der Verzagtheit führen. Ich habe es in aller Bitterkeit in der Hand, das Schöne zu stärken. Zu den schönsten Erfahrungen der vergangenen 12 Monate zählte für mich, als ich Bachs Weihnachtsoratorium auf meiner Geige mitspielen durfte. Und zwar in genau jener Kirche in Prenzlauer Berg, in der viele wichtige Treffen der Bürgerrechtsbewegung der DDR stattfanden. Wie viele der Menschen, die dort mitsangen oder wie ich mitgeigten und mitbliesen, glaubten tatsächlich, dass in jenem Stall in Bethlehem wirklich der Erlöser als Kind zur Welt gekommen war? Ich bin sicher, es war und ist in der Bundesrepublik Deutschland nur eine Minderheit, der sich dieser wörtliche Sinn der Weihnachtsbotschaft noch erschließt. Aber wir alle spürten: Dieser überwältigende Ausruf Jauchzet, frohlocket!, das ist etwas, was uns alle trägt! Ich konnte das geradezu als Anhauch spüren, als Anwehen und Andrängen.
Es gibt also doch Augenblicke, in denen die Bekümmernis verschwindet. Augenblicke, in denen wir das Zittern und Klagen abschütteln. Solche Anlässe zur Freude gibt es viele. Und wenn es nicht der Glaube an einen Gott hinter den Wolken ist, so liegt ein Anlass zur Freude darin, dass wir diesen Aufruf zur Freude gemeinsam spüren. Und wenn es nicht die Gerechtigkeit auf Erden ist, die jetzt sofort anbricht, so ist es der hart erkämpfte Rechtssaat, in dem wir nunmehr Schritt um Schritt die Wirklichkeit näher an das heranführen können, was wir als menschenwürdig empfinden. Und wenn der Staat mir keine Arbeit verschaffen kann in dem Beruf, den ich mir erwählt habe, so kann diese Freude an meiner Hände Arbeit mich dazu bringen, etwas anderes zu lernen, da anzupacken, wo mein Zutun gerade jetzt gefordert wird. Und wenn riesige Geldströme in die falschen Kanäle versickert sind wohlan, es steht in unserem Vermögen, die Ordnung der Finanzmärkte so umzubauen, dass so etwas in Zukunft irgendwann seltener geschieht.
Die Freude, die wir heute erleben, flößt uns Zuversicht ein. Dieses Zutrauen tritt an die Stelle der Zukunftsangst. Angst vor dem, was kommt, lähmt. Freude über das, was gelungen ist und gelingen kann, stärkt uns die Herzen und Hände. Wir brauchen starke Herzen, starke Hände, um auch das vor uns liegende Jahr zu gestalten. Ich feiere Weihnachten in diesen Tagen zusammen mit meiner Frau, meinen beiden Söhnen und meinen russischen Verwandten in Moskau. Und auch dies ist für mich ein Grund zu großer Freude. Überall in diesem großen Land, das für sich bereits die Hälfte Europas bildet, sehe ich ein ehrliches Suchen und Ringen um das Neue. Überall wird das Ganze der vergangenen Jahrhunderte in den Blick genommen. Niemand lässt sich bannen vom starren Blick auf die Herrschaft des Schreckens. Denkverbote gibt es nicht mehr. Stattdessen wird gefragt: Welche Reformen sind nötig, um unser Land für die Zukunft tauglich zu machen?
Wer so fragt, hegt Zutrauen. Er lässt sich nicht verdrießen und durch Zweifel bekümmern. Er weiß: Wir können Zukunft schaffen. Die Freude, die wir heute erleben, vertreibt die Schatten. Sie macht uns stark. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie diese Freude erleben. Es kann die Musik Johann Sebastian Bachs sein, es kann ein festliches Essen mit Freunden sein oder auch das Glück über ein Weihnachtsgeschenk. Freude kann auch darin liegen, dass man einen einzigen Menschen aus seiner Einsamkeit erlöst. In diesem Sinne bitte ich Sie: Öffnen Sie die Türen. Lassen Sie die Zuversicht ein, verscheuchen Sie den Kummer. Lassen Sie sich anwehen. Gehen Sie das Wagnis der Freude ein. Ich wünsche Ihnen zusammen mit meiner Familie: Frohe Weihnachten!
„Denken Sie an etwas Schönes!“, forderte die medizinische Assistentin mich heute beim Blutablassen auf. Der Gedanke der Vorsorge hatte mich erfasst, jetzt zahlte ich dafür mit vier Ampullen Blut. Statt nur zu denken, fing ich an zu erzählen:
„Gestern war ein schöner Tag. Ich spielte für die Kinder der ersten Klasse in der Schule am Brandenburger Tor den Stier Ferdinand. Ich erzählte die Geschichte von Munro Leaf und spielte dazu auf der Geige die Musik von Alan Ridout.“ Und während die erste Ampulle gefüllt wurde, erzählte ich die Geschichte noch einmal.
Während der zweiten Ampulle sprachen wir über das Zuhören. „Kinder sind mir das liebste Publikum. Gestern haben sie wieder alle zugehört, alle Fragen richtig oder falsch beantwortet und am Schlusse artig geklatscht.“ Schön. Die Assistentin rüttelte an der Nadel. „Bei Erwachsenen ist es schwieriger, die Zuhörer wirklich alle zu fassen. Viele schweigen vor sich hin, driften ab. Oder sie stimmen im Geiste nicht zu, werden dies aber nicht zugeben.“ Und schon war die zweite Ampulle gefüllt.
Bei der dritten Ampulle sprachen wir über Vornamen. „Es gibt vielleicht schönere Vornamen als den Ihren – aber er ist der Ihre. Hegen und pflegen Sie ihn, Sie werden ihm ähnlicher. Man wird so, wie es der eigene Vorname einem sagt.“ Diese Einsicht strömte einfach so aus mir hervor wie ein Tropfen Blut. Armwechsel, die Vene war erschöpft.
Bei der vierten Ampulle sprachen wir gar nicht mehr, sondern das Blut floss nach und nach ab.
Danach kaufte ich mir nach längerem Probelesen in einer Buchhandlung zur Belohnung für den Aderlass zwei Bücher:
Uwe Tellkamp, Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008
Helmut Schmidt: Außer Dienst. Eine Bilanz. Siedler Verlag, München 2008
Bereits jetzt weiß ich: Diese beiden Bücher werden mich als Quelle von Freude und Einsicht einige Tage begleiten. Helmut Schmidt spricht und schreibt ein vorzügliches Deutsch – er ist fast der beste darin, politische Sachverhalte bündig und knapp auf den Punkt zu bringen. Fürs erste steht allerdings fest: Wie seinerzeit – im Jahre 1356 – Karl der Vierte seinen Wählern, den Kurfürsten, so erteilt auch Helmut Schmidt den heutigen Politikern den dringenden Rat, Fremdsprachen zu lernen.
Er schreibt auf Seite 26 seines durch sprachliche Klarheit und pragmatische Weitsicht herausragenden Buches: „Wer die Angebote nicht nutzt, parallel zu seiner speziellen Berufsvorbereitung mindestens zwei lebende Fremdsprachen zu erlernen, läuft Gefahr, für immer zweitrangig zu bleiben.“
Karl IV. sprach deren fünf. Er gründete seine Macht nicht auf die Kraft der Waffen und Heere, sondern auf Unterredung und diplomatische Bündnisse … und auch – auf Geld.
Der Urlaub im türkischen Kadikalesi nahe Bodrum brachte wunderbare Begegnungen, Entspannung, Spaß, Freude mit meinen russischen Schwiegereltern, aber leider auch den furchtbaren Schatten des Kaukasuskrieges, der sich über die letzte Woche legte. Wir kennen viele Georgier, die Georgier gelten in Russland als lustiges, lebensfrohes Völkchen, über das endlose Anekdoten kursieren. Und dann das! Längere Sitzungen am Internet waren unvermeidlich. Meine Türkischkenntnisse besserten sich rapide – jede Woche ein neues Wort! Unsterbliche Dialoge entspannen sich – auf russisch und türkisch gemischt, da ich als Russe galt und am „Russentisch“ saß, wie das Gevatter Thomas Mann genannt hätte. Einen dieser Dialoge will und darf ich euch nicht vorenthalten:
Türkischer KellnerAchmed: „Mozhna?“ (Das ist russisch, zu deutsch: „Darf ich den Teller abräumen, den Sie da eben so unordentlich leergegessen haben?“) Ich: „Evet!“ (Das ist türkisch, zu deutsch: „Ja, sehr freundlich von Ihnen und nehmen Sie doch bitte auch die Gabel mit.“) So leicht ist Türkisch!
Aber insgesamt waren die Türken sehr belustigt und erfreut, dass sich jemand mit ihrer Sprache Mühe gab. Ich glaube, das hatten sie noch nicht erlebt. Mein Sohn Wanja schwamm lange Strecken, baute Muskelmasse auf, und forderte alle möglichen Jungs zum Kräftemessen heraus. Sein Spitzname: Klitschko, Liebling der Türken. Als Klitschkos Vater hatte ich ebenfalls einen Stein im Brett. Im Hotel weilten ansonsten 50% türkische Gäste, 20% Russen und 30% Litauer und Letten. Was für eine Mischung – das ist das neue Europa!
Wir gaben auch zwei Zimmerkonzerte, Wanja und ich mit meiner Frau, denn wir Männer hatten unsere Geigen mitgenommen, sie ihre Stimme sowieso. Ich wage zu behaupten, dass ich der erste Mensch war, der Bachs g-moll-Solosonate in Kadikalesi spielte, und zwar zum Rufe des Muezzin, mein Sohn spielte „Hänschen klein“, wohl auch als Erstaufführung.
Kleinasien – das ist ja auch die Geburtsstätte Europas. Wir sind alle Kultur-Schuldner Asiens. Die herrliche europäische Leitkultur ist samt und sonders in Kleinasien entsprungen: Homer stammt von hier, Herodot sowieso, ionische Naturphilosophen Kleinasiens stellten die ersten Fragen nach dem Woher und Wozu. Erst später trat Athen in diese durch Asien gebahnten Denk- und Dichtwege.
Ein Ausflug führte uns nach Ephesus, das heutige Efes. Paulus, der eigentliche Schöpfer des Christentums, hatte sich hier auf den Marktplatz gestellt und den staunenden Bewohnern verkündet: „Ich bringe euch den unbekannten Gott!“ Sie glaubten ihm nicht. Aber – ich stellte mich unter den Tausenden von Touristen ebenfalls in die Überreste des antiken Bouleuterions, des Gerichts- und Versammlungstheaters, in dem Volksversammlungen, Gerichtsverhandlungen und künstlerische Darbietungen erfolgten. Was für ein Gefühl! 1200 Menschen passten hier hinein. Ich erprobe den Ruf, ein Satz fliegt mir zu – etwa von Göttin Diana? – ich spreche ihn laut aus in die sengende Hitze, und er klingt zurück von den steinernen Rängen, klar, vernehmlich, verstärkt. Er lautet:
„Wenn wir alle zusammenstehen, dann wird es gelingen!“ Das Foto zeigt mich in Ephesus, während ich eben diesen Satz ausspreche.