Im Club der lebenden Geiger

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Aug. 192015
 

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Mitten im Zimmer ein Notenständer, davor ein Stuhl, auf dem seine Geige lag. Er räumte sie in seinen Kasten, um Platz zu schaffen; es gab keinen zweiten Stuhl im Raum, nur noch ein Sofa. Einmal hatte ich Kwart zu meinem Vater sagen hören, es bedeute für ihn ein Unglück, daß ausgerechnet Heifetz und Oistrach Juden seien: jeder erwarte auch von ihm Großes, doch sei er leider nur ein mittelmäßiger Geiger.

Dieser Abschnitt aus dem Buch „Bronsteins Kinder“, den ich im Kreuzberger Prinzenbad gelesen hatte, brachte mich gestern zum Nachgrübeln.  Ich hatte doch selber gestern im Kreis einiger Freunde die Romanze F-dur von Beethoven vorgetragen, ohne Orchester, ohne Klavier, einige Stimmen der Begleitung dazubrummend, so gut ich eben konnte, und sogar besser als je zuvor.

Was hätte ich Gordon Kwart, dem – wie er sich nennt – „mittelmäßigen Geiger“ erwidern können?

Soeben, beim Heimweg auf sommerlicher Straße, kam mir die Antwort.

Ich hätte folgendes zu Gordon Kwart gesagt:

„Gordon Kwart! Wo ist Jascha Heifetz? Ich sehe hier keinen Heifetz! Vergiß Heifetz!  Ich sehe und höre hier keinen Oistrach. Vergiß Oistrach! Ich sehe dich. Ich will dich hören!  Ich bin überzeugt: Keiner kann hier so gut Geige spielen wie du! Du lebst und du bist der Einzige hier in diesem Zimmer, der so gut Geige spielt! SPIEL! Spielsch mir as Stickl, von dem du glaubst, dass nur du es so gut spielen kannst.“

Das ist auch schon meine Erwiderung auf den Starkult und den Hochleistungsbetrieb der heutigen Geigerszene. Ja, es ist gut, dass es Geiger gab und gibt, die Vorbildliches leisten, denen wir hingerissen zuhören, die wir bewundern. Aber wichtiger noch als die Bewunderung für Abwesende, für die toten Geiger ist das Vertrauen in die lebenden Geiger, in diejenigen, die diese einmalige Chance haben, hier und heute zu spielen, zu singen, zu atmen!

Nur diese Erwartung, dieses Vertrauen in den nächsten Geiger, dieser Glaube an den lebenden Geiger, an das Leben im Geiger, wird eine freudige Erwartung befördern, dass etwa Gutes, etwas Schönes hervorkommt.

Für mich selbst bedeutet dies: Jeder Ton, jeder einzelne Ton, den ich auf der Geige produziere, kann oder soll als etwas Einzigartiges dastehen können. Ich versuche ihn so zu spielen, so zu formen, dass er mir gefällt, und folglich vielleicht auch anderen. Er soll glaubwürdig sein, sodass die Menschen ihm gerne zuhören.  Die Frage, ob man dann ein erstklassiger, ein mittelmäßiger oder ein schlechter Geiger ist, wird dann unerheblich oder doch zweitrangig. Entscheidend ist das Vertrauen, ist der Wille, Geige so gut zu spielen, wie es eben geht.

Mit diesen Gedanken betrat ich den Hauseingang. Ich grüßte die Bauarbeiter, die wie schon seit Monaten auch heute wieder auf Asphalt, Pflaster und Weg hämmern, klopfen, werkeln und wuchten.

„Entschuldigung, was für ein Instrument hast du da auf deinem Rücken?“, fragte mich einer.

„Das ist eine Geige!“, erwiderte ich stolz. „Eine Geige … toll … wie David Gatter … oder wie heißt der doch gleich?“, fragte der Bauarbeiter zurück.

„Ja, wie David Garrett eine hat!“, erwiderte ich stolz, froh und selbstbewusst.  „Ihr werdet mich gleich hören, hier auf der Straße!“ „Gut!“, sagten die Straßenarbeiter lachend.

Mitten im Zimmer stellte ich einen Notenständer auf. Ich brauchte keinen Stuhl. Ich packte die Geige aus dem Kasten. Und dann spielte ich in meinem Zimmer, 10 Minuten lang. Romanze F-dur. Hörten sie mir zu, die Bauarbeiter? Ich weiß es nicht. Es konnte sein, es konnte nicht sein. Und es war gut. Es war ein Glück.

Zitat:
Jurek Becker. Bronsteins Kinder. Roman. Reclam Verlag, Leipzig  1990, S. 98

Bild:
Blick auf den Krüpelsee, Zernsdorf, Landkreis Dahme-Spreewald. Auf den Spuren der Vergangenheit. Aufnahme vom 08.08.2015. Nicht weit davon könnte sich das Wochenendhäuschen befinden, in dem der Vater von Hans im Roman „Bronsteins Kinder“ seinen Gefangenen eingesperrt hatte…

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No stuff bought for 1 day!! No money spent for 1 day!! Refugees welcome!! Stop comsumerism! Just you&me.

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Dez. 042013
 

Haydau 2013-04-25 07.08.15

 

Ach mal einen Tag lang nichts kaufen! Ach, mal  einen Tag lang nicht an Geld denken, sondern nur an die Liebe. Ein paar vergessene Menschen hereinlassen&umarmen – mindestens an sie denken. Das wär was. Tja, … Freunde … das war … das ist der Sonntag. Vier Mal haben wir die Chance dazu  bis Weihnachten. Dabei hilft die Musik, helfen ein paar Konzerte, die sich neuerdings erfreulich häufen! Hier zwei davon: .

Sonntag 08.12.2013, 16.00 Uhr   Berlin St. Canisius-Kirche, Berlin-Charlottenburg: Adventskonzert, Mitwirkende: Kirchenchor St. Bonifatius, Charlottenburger Vokalensemble, Flötengruppen der St. Bonifatius-Kirche, Mitglieder des St. Bonifatius-Orchesters, Solisten: Sandra Barenthin, Irina Potapenko, Susanne Heydorn, Violine: Johannes Hampel, Christiane Vogler, Orgel: Pirmin Kustin. Leitung: Stefano Barberino. Eintritt frei; Spenden erbeten.

14.12.2013  19:15 Uhr: St. Bonifatius-Kirche, Berlin-Kreuzberg : Adventskonzert, Mitwirkende: Kirchenchor St. Bonifatius, Charlottenburger Vokalensemble, Flötengruppen der St. Bonifatius-Kirche, Mitglieder des St. Bonifatius-Orchesters, Solisten: Rufina Kalschnee, Irina Potapenko, Leitung: Stefano Barberino. Eintritt frei; Spenden erbeten.

Foto: „Die Liebe wandelt die Seele um und macht sie frei.“ Bernhard von Clairvaux. Die Violine (Andreas Zimmermann op. 73) des hier schreibenden Kreuzbergers, aufgenommen in Kloster Haydau/Hessen am frühen Morgen des 25.04.2013. Mit dieser Geige spiele ich wieder am kommenden Sonntag.

 

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Here come YOUR music makers

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Nov. 192013
 

2013 11 16 Te deum

So, jetzt hört uns mal alle genau zu: „We are the music makers, the dreamers of dreams!“

Das war das TE Deum Anton Bruckners im Berliner Dom am 16. November 2013. Und irgendwo gab es IHN doch, auch wenn man IHN nicht immer hörte und den Kopf drehen musste, um IHN zu sehen. Den kleinen Mann an der Orgel, weit droben! Ja, vielleicht ist ER so etwas wie der kleine Mann auf der Orgelempore. ER hört, was wir unten treiben, ER hört uns, und wir drehen den Kopf und fragen: Hörst DU uns überhaupt?

Oder sind wir lärmende Musikmacher, traurige Traumtänzer, Verzichtbare? –

wandering by lone sea-breakers,
And sitting by desolate streams;
World-losers and world-forsakers,
On whom the pale moon gleams.

Den überströmendsten Traurigkeitsgenuss hat Edward Elgar in dieses Gedicht von Arthur O’Shaughnessy hineingewebt. Noch heute, während ich dies schreibe, höre ich die Klänge in mir weiterklingen. Der Chor erfüllte mich mit dem Anhauch des Unnennbaren.

Und DU? Hast DU uns gehört? Hat es Sinn, sich zu DIR nach oben zu wenden? DU – bist DU der Sense-Maker für uns Music-Makers, the great Listener?

Das Bild zeigt vorne: Die Junge Philharmonie Kreuzberg. Mitten drin der Mann mit umgewandtem Kopf, das ist der hier Schreibende, fotografiert von seiner Schwester.

Hinten: Die studiosi cantandi Berlin, alle geleitet von Norbert Ochmann

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Darest thou now o soul …

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Nov. 102013
 

http://studiosi-cantandi.de/front_content.php?idcat=51&lang=3

Große Vorfreude und Spannung erfasst mich schon beim Gedanken an das Konzert im Berliner Dom am kommenden Samstag, 16.11.2013 im Berliner Dom. Anton Bruckners erhabenes Te deum, Elgars verträumt-wehmütige Music Makers und Vaughan Williams‘ Toward the unknown region stehen mit den Saint Michael’s Singers, einem Chor aus Coventry, und den Berliner studiosi cantandi auf dem Programm.

Ich selbst fand erneut einen Platz bei den Geigen und versetze mich durch eifriges Üben der Stimme, aber auch durch das Lesen von Gedichten und Texten in jene vorgreifende Spannung, die dann beim Konzert ihren letztlich nicht planbaren Ausdruck finden wird.

http://studiosi-cantandi.de/front_content.php?idcat=101&lang=3

„Toward the unknown region“ hat Vaughan Williams auf ein Gedicht von Walt Whitman komponiert:

Darest thou now O soul,
Walk out with me toward the unknown region,
Where neither ground is for the feet nor any path to follow?
No map there, nor guide,
Nor voice sounding, nor touch of human hand,
Nor face with blooming flesh, nor lips, nor eyes, are in that land.
I know it not O soul,
Nor dost thou, all is a blank before us,
All waits undream’d of in that region, that inaccessible land.
Till when the ties loosen,
All but the ties eternal, Time and Space,
Nor darkness, gravitation, sense, nor any bounds bounding us.
Then we burst forth, we float,
In Time and Space O soul, prepared for them,
Equal, equipt at last, (O joy! O fruit of all!) them to fulfil O soul.

Das Gedicht scheint mir ein wunderbares Besipiel für synästhetisches Empfinden zu sein. Liest man die Verse laut, so stellen sich schnell Klänge, Bilder, Farben ein! Der eine mag an Caspar David Friedrichs Brockenbild denken, der andere an Bob Dylan oder an die heute neu entstandenen Graffiti an der Nordfront des Tommy-Weisbecker-Hauses in Kreuzberg, ein dritter an die Beschreibungen der Nahtoderfahrung, ein vierter an die Darstellung des auferstandenen Christus in der Istanbuler Chora-Kirche.

Das Gedicht lässt dir jede Freiheit. Es eröffnet einen Nahbereich, in dem die Seele auf sich selbst lauscht.

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Ein sicheres Geleit für unsere Verstorbenen

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Juni 162013
 

BWV 1003_Andante

Mehrfach in den letzten Wochen riss der Tod uns nahestehende Menschen aus der Mitte der Gemeinschaften, in denen ich mich bewege. Die Trauerfeier für M. Renata Hampel, unsere Tante Bärbel, wie wir sie nannten, hat mich tief bewegt und gestärkt. Sie lebte uns als „Klosterfrau“ ein leuchtendes, oder besser ein lange nachklingendes Beispiel der Mütterlichkeit im Geiste vor! Die ihr anvertrauten Kinder betrachtete sie als ihre Kinder und nannte sie „meine Töchter“. „Ihr seid die Töchter meiner Tante – dann sind wir ja verwandt!“, so sprach ich einige frühere, längst erwachsene Kinder meiner Tante an.

„Hansis Nonne ist ’ne Wonne!“ Der Auftritt der Tante Bärbel in Rudi Carrells Show „Am laufenden Band“ schlug damals hohe Wellen. Klassenkameraden waren dahintergekommen, dass die singende, die lachende Nonne aus Passau, die mit einem ganzen Waisenkinderchor einen Fernsehabend aufmischte,  meine Tante war. Die Neuigkeit fand ihren Weg auf die grüne Schiefertafel im Klassenraum. Für mehr als einen Tag erheiterte uns ihr Witz und ihr Ruhm.

2013-06-03 16.53.13

Was wir ihr bei der Trauerfeier am 3. Juni in der Pfarrkirche Simbach  bereitet haben, war eine Art sicheres Geleit für Schwester Renata, unsere liebe Tante Bärbel, die noch heute eine starke, eine unversiegliche Quelle für unser eigenes Weiterleben im Guten ist. „Handle so [wie beispielsweise Schwester Renata] und du wirst leben“,  mit diesen einfachen Worten  fasse ich am heutigen Sonntag den bleibenden Eindruck zusammen, den ich von Simbach-Marienhöhe mit nachhause nehmen durfte.

Es freute mich sehr, dass den Schwestern M.Renatas und den anderen Mitfeiernden die Musik von Johann Sebastian Bach, das Andante aus der Sonate Nr. 2 in  a-moll für Violine solo von Johann Sebastian Bach, BWV 1003, so passend erschien. Die Musik zeigt in ihrem Pochen der Begleitstimme eine Art unverlierbares Herzpochen inmitten aller Ängste an, eine Art mütterliches Herzpochen und Einwiegen, das freilich irgendwann aufhört – in einem kräftigen C-dur, wie es für Bach eben das kraftvolle Leben selbst ist. Das ist in 28 Takten im Grunde eine vollkommene Gleichnisrede für das Dahingehen und das Vorübergehen, das Hinausgehen und das Zurückkehren. Ich spielte während der Gabenbereitung diese Musik auf der Geige von der Empore der Pfarrkirche Simbach herab. Den Notentext stellte ich mir als ein laufendes Band vor, das die Herzen verflicht. Der Tod ist kein Letztes. Das ist die Botschaft, die aus diesem Band hervortrat.

Ich füge euch hier oben als Anhang eine Ablichtung der originalen Handschrift des Komponisten bei.

 

 

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In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit

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Feb. 212013
 

 

„In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit.“ Dieses großartige Wort schrieb der Geiger Carl Flesch als Fußnote in das Vorwort seines 1926 erstmals erschienenen Skalensystems. Ich zitierte es ausführlich am vergangenen Sonntag in einem Konzert junger Geiger, das im Carl-Flesch-Saal der Universität der Künste stattfand, und versäumte nicht, den Rang dieses Werks, das eine dichtgedrängte Folge von zergliederten Tonleiter- und Akkord-Übungen darstellt, herauszustreichen. Noch wichtiger aber als das systematische Zergliedern, das kraftsparende Pflegen und Stärken der geigerischen Technik ist die persönliche Hinwendung zum eigenen Spiel mit Ohr und Hand. Jeder Geiger muss sich immer fragen: „Will ich das so spielen?“ Und diese ständige Selbstbeobachtung, Selbststeuerung entsteht nur dann, wenn vorher eine verlässliche Lehrer-Persönlichkeit dem Schüler diese Zuwendung, diese Außenbeobachtung geschenkt hat.

Mein eigener hochverehrter Geigenlehrer, Friedrich Schirbel, ehemals Mitglied der Berliner Philharmoniker, später Konzertmeister des Städtischen Symphonieorchesters Augsburg, erzählte mir während der Geigenstunden immer wieder von den Lehren und Erfahrungen dieser großartigen Persönlichkeit, die Carl Flesch war.

Schirbel, der Kindheit und Jugend in Berlin verbrachte, hatte selbst noch bei Flesch Unterricht genommen. „Flesch war unerbittlich im Unterricht. Faule Ausreden duldete er nicht. Aber spieltechnische Probleme, Schwierigkeiten zerlegte er unbestechlich in Elemente, löste schwierige oder unspielbare Stellen in Teilaufgaben auf – und führte uns so Schritt für Schritt weiter zur Vollendung.“

Carl Flesch wurde 1873 in Ungarisch Wieselburg geboren. Bukarest, Wien, Berlin, Amsterdam waren einige Stationen seines Geigerlebens. Er starb 1944 in Luzern. An Flesch liebe ich neben seinen treffenden, auch heute noch unerschöpflichen pädagogischen Handreichungen auch sein hervorragendes, unnachahmliches, bis in den letzten Nebensatz hinein gepflegtes Deutsch, ein im besten Sinne edles Deutsch, das mich in manchem Tonfall, in der Tonart gewissermaßen, an das mit hellsichtiger Seelenfreundschaft wirkende Deutsch eines Sigmund Freud, eines Franz Kafka erinnert.

So schreibt Flesch in seinem Skalensystem:

„Ich habe lange gezögert, ehe ich mich dazu entschloß, das in alle Tonarten transponierte Skalensystem* zu veröffentlichen. Denn bisher bin ich ein Gegner der allzuvielen Ausgaben dieser Art gewesen, die zumeist einander gleichen, wie ein Ei dem anderen, und denen nur selten ein origineller Gedanke zugunde lag.“

Hierzu ergänzt er in der Fußnote:

„Auch den Ausdruck „System“ gebrauche ich nur der Not gehorchend, weil mir eben keine prägnantere Bezeichnung in den Sinn kam. Ich beabsichtige damit bloß die festgefügte praktisch-erprobte Form, jedoch nicht eine starre unelastische Übungsart zu bezeichnen, die dem Wesen echter künstlerischer Freiheit stets entgegengesetzt ist. In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit.“

Carl Flesch: Das Skalensystem. Tonleiterübungen durch alle Dur- und Moll-Tonarten für das tägliche Studium. Ein Anhang zum I. Bande von „Die Kunst des Violinspiels“. Verlag von Ries&Erler. Berlin 1953 [Erstausgabe: 1926]

Bild: Die Geigen unserer jungen Geiger im Alter von 4 bis 10 Jahren, aufgenommen im Carl-Flesch-Saal vor dem Konzert

 Posted by at 23:55

So sind wir. Das ist unsere Geschichte!

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Juni 082012
 

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Von der Kunst des sorgfältigen Erzählens

Kolja Blacher, Violine, und Markus Becker, Klavier, gaben am 12. Mai in der Maison de France am Kurfürstendamm ein gutbesuchtes, begeistert aufgenommenes Konzert. Der Erlös kommt über den Verein Morus 14 dem Neuköllner Netzwerk Schülerhilfe Rollberg zugute.

Die a-Moll-Sonate von Robert Schumann packte Blacher sehr selbstverständlich, ohne jeden Drücker und Schleifer an. Erzählen, nicht scheinen! Das war sein Vorsatz: „So bin ich. Das ist meine Geschichte. Hört sie euch an. Lasst euch etwas erzählen.“ Die Leidenschaft kommt vom Leiden, das um die Vergangenheit weiß.  Alles ließ er auf die wenigen Spitzentöne, etwa auf das hohe E zulaufen. In den Sechzehnteln ließ er jeden einzelnen Ton zu seinem Recht kommen, und dazu wählte Blacher  im zweiten Satz eine behutsame Langsamkeit, im dritten Satz eine mühsam gebändigte, abgemessene Unrast.

Die d-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach, komponiert 1720 in genau jenem Köthen, nach dem die Kreuzberger Köthener Straße benannt ist, konnte so auch für einen wie mich, der sie hundert Mal gespielt hatte, wie neu klingen. „Jetzt sind wir hier. Jetzt spielen wir diese 5 Sätze, diese 5 Geschichten hören wir uns gemeinsam an.“ Und die Geige – die herrliche Stradivari Tritton – war bestens aufgelegt, erzählte bereitwilligst mit, es klang nie so, als müsste Blacher sie bitten, sondern jeder Ton floss aus ihr heraus. Wohltuend empfand ich, dass Blacher seine Violine singen ließ und nicht den Eindruck erzwingen wollte, als hätten einige Generationen von Geigern bisher den Schlüssel zu diesem herrlichen Werk noch nicht gefunden. Blacher spielte in bestem Sinne edel, ohne sich in den Vordergrund zu schieben. Nur zwei große gestalterische Zäsuren setzte er in der Chaconne, nämlich beim Übergang von Moll zu plötzlichem hellem D-Dur und zurück von Dur zurück zu wehmütig-abschiednehmendem Moll. Da war es so, als würde alle Last der mächtig aufgetürmten Doppelgriffe  abfallen, als würde eine große Versöhnung zwischen Wollen und Müssen erreicht.

In der Pause konnten wir nett und angenehm plaudern. Die Musik hatte uns zusammengebracht. Manch unerwartetes Wiedersehen ereignete sich. „Du siehst aber viel jünger aus als beim letzten Mal!“

In Sergei Prokofjews 5 Melodien op. 35 beugt sich die Musik zurück auf eine lange, dankbar weitergeführte Vorgeschichte. Früher oft als traditionalistisch belächelt, wird diese Musik in ihrem altmeisterlichen Gestus heute erst so richtig fassbar. Da, wo Zugehörigkeit, wo Herkunft durch und durch fragwürdig wird, stiften Prokofjews Miniaturen eben doch so etwas wie eine Rückbindung an fast schon verloren geglaubte Klangwelten. Markus Becker war ein ebenbürtiger Partner, sekundierte da, wo es nötig war, wob hinein, ergänzte, stützte den Geiger.

Die altmeisterliche Souveränität eines Komponisten-Spielers, die keineswegs selbstverständlich ist, trat in der f-Moll-Sonate Prokofjews noch deutlicher in den Vordergrund.  Markus Becker und Kolja Blacher schafften es, diese viersätzige Sonate wie den abschließenden Flügel eines mehrteiligen Gemäldes der Schumann-Sonate gegenüberzustellen. Wer zwei Ohren hat, der wird diese Doppelung hören.

Alle Zuhörer merkten wohl, dass hier ein großer Kreis ausgeschritten worden war. Offen, leicht zugänglich, anstrengungslos und doch mitreißend, so bleibt dieser großartige Erzähler-Konzertabend in unserer Erinnerung stehen und wirkt noch nach.  „So sind wir. Das ist unsere Geschichte!“ In dieser befreienden Botschaft des sorgfältigen Erzählens beflügelt die Musik auch unser oft mühseliges Schaffen mit Kindern und Jugendlichen.

Dank an die Künstler Kolja Blacher und Markus Becker, Dank an das Institut Français, Dank an den Verein Morus 14, der dieses Benefizkonzert ermöglicht hat!

 Posted by at 09:17

Meine Seele hört im Sehen

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Nov. 172011
 

„Meine Seele hört im Sehen … “ – was für eine schöne Grundhaltung. Das in diesem Blog mehrfach gepriesene „hörende Herz“ stellt sich dabei ein.

Genau diese Arie von Georg Wilhelm Friedrich Händel werde ich morgen auf meiner Geige mit hörendem Herzen mitspielen dürfen. Die drei Accolada-Damen aus den drei Ländern haben mich – den armen Kreuzberger Geiger – zu drei Stücken hinzugebeten. Kommt und hört im Sehen!

KONZERT
Freitag, 18. November 2011, 20.30 Uhr
Klassische Duette und Arien

Angelina Billington, Sopran

Irina Potapenko, Mezzosporan
Lala Isakova, Klavier

Ort:
Noymann Miller
Hauptstraße 89
Berlin-Friedenau

Eintritt frei, Spenden erbeten

Hier das Programm:

1.G.Carissimi „Rimanti in pace“
2.G.Carissimi „Lungi omai“
3.G.F.Händel „Meine Seele hört im Sehen“
(Geige – Johannes Hampel)
4.G.F.Händel „Süße Stille“(Geige – J.Hampel)
5.H.Purcell „Shepherd“
6.H.Purcell „Lost is my quiet for ever“
7.H.Purcell „We,the spirits of the air“
8.H.Purcell „No resistance is but vain“
Pause
1.H.Purcell „Musik for a while“
2.A.Vivaldi „Nisi dominus“
3.A.Vivaldi „Gloria patri“(Geige – J.Hampel)
4.Purcell „Rondo“
5.G.Caccini „Amarilli“
6.G.Caccini „Ave Maria“
7.G.F.Händel „O lovely peace“

Home – Accolada

 Posted by at 16:39

„Ihr seid nicht froh!“ Das Märchen vom Rabenkönig (1)

 Armut, Aus unserem Leben, Geige, Klimawandel, Märchengeiger, Mären, Ökologie, Rabenkönig, Ukraine  Kommentare deaktiviert für „Ihr seid nicht froh!“ Das Märchen vom Rabenkönig (1)
Juni 062011
 

Stolz belebte den armen Blogger gestern! Vor vielen Leuten trug er auf dem Umweltfestival am Brandenburger Tor das Märchen vom Rabenkönig vor, verzierte den Vortrag mit allerlei Liedern und Stücken und ermunterte zu guter Letzt die Volksmenge, einen deutschen Kanon vierstimmig zu singen!

Das ukrainische Volksmärchen „Der Rabenkönig“, das mir erstmals von der Berliner Märchenerzählerin Nina M. Korn erzählt worden ist, habe ich gestern neu umgeformt. So hub ich es gestern auf dem Umweltfestival an:

Es war einmal ein Bauer, der hatte drei Söhne. Tag um Tag gingen sie mit dem Ochsen hinaus aufs Feld um zu ackern und zu pflügen. Mit ihrer Arbeit schufen sie sich ihr Brot. Doch eines Abends verfinsterte sich die Sonne und es landete ein dunkler schwarzer Adler bei ihnen.

„O ihr Erdlinge, was plagt ihr euch? Der Rabenkönig schickt mich zu euch.  Ihr braucht nicht mehr zu ackern und zu pflügen. Der Rabenkönig schickt euch in dieser Dose neues Saatgut, das von selber wächst. Nehmt es an.“

Darauf erwiderte der Bauer: „Das kann ich nicht glauben. Tag um Tag, Jahr um Jahr plagen wir uns ab. Wir haben schwielige Hände. Nein, ich glaube nicht, dass wir ohne Arbeit satt werden können.“

Der Adler krächzte: „Oh ihr lächerlichen Seepferdchen! Schaut euch doch an! Ihr seid nicht froh! Wir machen euch froh! Der Rabenkönig sucht junge Männer für sein Gefolge. Einen von deinen Söhnen musst du mir geben im Tausch für das neue Saatgut. Das verlangt der Rabenkönig.“

„Nein, meine Söhne sind das wertvollste, was ich habe. Niemals geb ich sie her“, flehte der Bauer.

Der Adler legte seinen Kopf zurück, stieß drohend mit dem Schnabel in Richtung des Bauern und  schnarrte mit laut krächzender Stimme:  „Wenn du mir keinen Sohn gibst, dann muss ich deinen Ochsen mitnehmen. Das befiehlt der Rabenkönig.“

„Dann soll es so sein“, ergab sich der Bauer kleinlaut in sein Schicksal.

Ohne weitere Worte packte der Adler den Ochsen mit kräftigem Hieb seiner Klauen und erhob sich mit gewaltigem Flügelschlag …

(Fortsetzung folgt)

 Posted by at 14:04

„Die Geige klingt wie eine Geige!“

 ADFC, Authentizität, Fahrrad, Geige, Ökologie  Kommentare deaktiviert für „Die Geige klingt wie eine Geige!“
Juni 052011
 

Alles klar für das Umweltfestival. Der Soundcheck am Brandenburger Tor machte große Freude: „Ihre Geige klingt wie eine Geige!“ Schön, dass es das noch gibt, so unverstellt wahr, so echt. Das grüne Bändchen der Künstler ist sehr kleidsam!

Plaudereien führen mich über die Stände, vor allem natürlich zum ADFC-Stand.  Dort erhalte ich Gewissheit: Diese Satteltaschen werden auch einzeln verkauft – nur nicht überall. Gut auch: Ich erstehe von ADFC-Vorstandsmitglied Martina Schneider persönlich eine Warnweste, die den Autofahrer um 1,5 m Abstand beim Überholen von Radfahrern bittet. Gut angelegte 5 Euro!

Nachher um 15.30 Uhr: Auftritt des armen Kreuzberger Bloggers!

Bild: Das ist mein Helm. Das ist meine Geige. Das ist meine Tasche. Einfach. Schlicht.
Helm, Geige, Tasche. Froh zu sein bedarf es wenig.

Umweltfestival

 Posted by at 12:03
Mai 272011
 

… darum geht es beim Umweltfestival der Grünen Liga.  Der unscheinbare Blogger wird auf der Großen Bühne am Brandenburger Tor mit einfachen Tätigkeiten auftreten. Am kommenden 5. Juni, nachmittags um 15.30 Uhr.

Der König der Raben. Erzählt von Johannes Hampel, dem geigenden Märchenerzähler. Aus den Tiefen der asiatischen Steppe dringt er zu uns … horch! Ein Ton! Gespielt auf der Geige. Was erzählt er? Er erzählt von Schweiß und schwieligen Händen des Bauern mit seinen drei Söhnen. Vom Ochsen. Vom Adler. Johannes Hampel wird Werkzeug und Mundstück des uralten Märchens vom König der Raben. Auf seiner Geige zieht er die flatternden Töne heran. Wird er sie einfangen können? Das Märchen erzählt vom schonenden Umgang mit Brot und Korn, von der Ehrfurcht vor dem großen Ganzen, das uns trägt und hält wie der tiefe dunkle Wald. Hört das Märchen vom König der Raben …

Theater und Andere « Umweltfestival

 Posted by at 11:14

Überwiegt das Gute oder das Schlimme in deinem Leben?

 Aus unserem Leben, Das Böse, Das Gute, Freude, Geige, Leidmotive, Liebe, Nahe Räume, Personalismus, Philosophie, Zählen  Kommentare deaktiviert für Überwiegt das Gute oder das Schlimme in deinem Leben?
Apr. 292011
 

Of course there is love as well as war, laughter as well as howling, joy as well as torture. But have these two sets of features, positive and negative, really balanced out in the account book of human history to date? The answer is surely no. On the contrary …

Freunde, was würdet ihr auf diese Frage Terry Eagletons antworten? Ich las diese Frage heute Vormittag. Bitte eine rationale Begründung eurer Antwort!

Am besten fangen wir bei uns selbst an. Jede möge sich fragen: Was überwiegt in meinem Leben? Das Böse oder das Gute?

Zitat:
Terry Eagleton: On Evil. Yale University Press, New Haven and London 2010, Seite 146

Bild: der hier schreibende, geigende Blogger im Hof

 Posted by at 22:51

Vom Glück des gelingenden Tones

 Geige  Kommentare deaktiviert für Vom Glück des gelingenden Tones
März 182011
 

Ein paar Worte zur Musik! Die Musik ist für mich ein ganz wesentlicher Zugang zu anderen Menschen, zu einem unvorgreiflichen Anderen – zu mir selbst. Darüber sprach ich gestern recht freimütig in einem Interview:

 Hobby – Violine – Johannes Hampel – Die Geige ist wie ein persönliches Gegenüber, eine weibliche Stimme, mit der ich mich lange und ausführlich unterhalten kann.
Die Liebe zur Musik wurde mir in der frühen Kindheit durch die Eltern eingepflanzt. Wir sangen regelmäßig gemeinsam Lieder. Diese Lieder kenne und singe ich heute noch.

 Posted by at 21:42