Jan. 062009
 

Eine Kunst, die weitgehend verlorengegangen ist, konnte ich letzte Woche ausgiebig in der Tretjakow-Galerie bestaunen: die Portraitmalerei. Niemand behauptet, dass die gemalten Portraits realistische Abbilder der Dargestellten wären – viel besser! Sie zeigen die Personen so, wie sie der Maler sah, oder wie sie sich selbst zu sehen wünschten, oder wie andere, etwa die Auftraggeber sie sahen. Umgekehrt sollten diese Bildnisse auf die Wahrnehmung der Zeitgenossen zurückwirken. Besonders fesselnd fand ich das Dostojewski-Bildnis von Perow – und das hier zu sehende Portrait Katharinas II. von Fedor Rokotov.

Rokotov zeigt die Zarin auf eine Art, wie sie für Herrscherbildnisse der damaligen Zeit eher ungewöhnlich war: nicht erhaben, statuarisch, wuchtig-gedrängt, nicht in starrer Herrscherpose, sondern als nach außen gewandte, buchstäblich auf Augenhöhe wirkende, klug anweisende Gebieterin. Das Bild strahlt Weltzugewandtheit, ja sogar Sympathie aus. War Katharina II. so? Vermutlich werden mindestens die Polen einhellig sagen: „So war sie nicht, sie hat unser Land bedenkenlos drei Mal aufteilen lassen! Sie war eine Machtpolitikerin, die Allianzen zu ihrem eigenen Vorteil schmiedete.“

Dem ist zu erwidern: Solche Portraits zeigen Machthaber in einer unlösbaren Verquickung zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Schein und Sein.

Und heute? Heute liefern die Fotografen ähnlich kalkulierte, auf Wirkung berechnete Portraits. Aus tausenden von möglichen Bildnissen wählen Auftraggeber und Dargestellte die wenigen Aufnahmen aus, in denen sie sich am vorteilhaftesten dargestellt glauben. Dabei bleibt nichts dem Zufall überlassen.

Und dies bringt mich zu meinem heutigen Buchtipp! Ich empfehle den neuen Fotoband über Wladimir Putin den Kommunikationsabteilungen aller Politiker. Ich fand das Buch in einem der Moskauer Buchläden, die ich in müßigen Stunden durchstreifte.

Der ehemalige Staatspräsident wird hier ebenfalls „auf Augenhöhe“ abgelichtet. Das Buch ist damit Lichtjahre entfernt von dem distanzierten, auf Würde und Respekt ausgerichteten Stil der Herrscherportraits früherer Jahrzehnte. Klickt auf das Foto, um es genauer zu betrachten.

Wir sehen Putin mal versonnen, mal lächelnd, mal entschlossen, – doch stets in gewinnender Haltung dargestellt.

Auch die Bildtitel und die gesamte Aufmachung haben es in sich: Die Macher haben den Band nämlich wie eine Art privates Fotoalbum angelegt, mit eingelegten Zwischenrahmen, die auf die Fortsetzung und Aufdeckung des ganzen Fotos neugierig machen sollen. Auch haben sie nicht versäumt, kleine, gleichsam hingetuschte Kommentare einzufügen, so wie es Privatmenschen gerne in ihren Familienalben machen. Die Wirkungsabsicht ist klar: „Schaut her, mit mir kann man reden, ich höre zu, ich habe Humor!“

Besonders beachtlich: dieses Doppelportrait mit der deutschen Kanzlerin.

Der Text lautet übrigens: „Angela Merkel gefällt es, etwas AUF RUSSISCH zu erklären. Nur manchmal noch – mithilfe von Gesten.“ Ein klares Signal geht von diesem Foto aus: Lasst uns miteinander reden – wenn es sein muss, auch mit Händen und Füßen.

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Wir möchten vertrauen, helft unserem Misstrauen!

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Juli 292008
 

Just another German fawning over Obama. Sycophant … fawning …: die US-amerikanische Presse ist erstaunt über den Jubel, den Obama in Berlin ausgelöst hat. Aus dem Lager McCains, aber auch aus der Feder des Kolumnisten William Kristol von der New York Times liest man dabei immer wieder das Wort „fawning“, „the fawning Germans“ und ähnliches. Neuestes Beispiel:

Op-Ed Columnist – Be Afraid. Please. – Op-Ed – NYTimes.com
„No. 44 Has Spoken.“

„Hank Aaron has spoken? Wow,“ I thought as I clicked through.

Nope. The article was by Gerhard Spörl, the chief editor of Der Spiegel’s foreign desk. „No. 44“ didn’t refer to the uniform number of the man some of us still consider the true all-time major-league home-run champion. It referred to the next president of the United States. The article’s premise was that an Obama victory is a foregone conclusion: „Anyone who saw Barack Obama at Berlin’s Siegessäule on Thursday could recognize that this man will become the 44th president of the United States.“

So it wasn’t Hank Aaron speaking. It was just another journalist fawning over Obama. That was a disappointment. But disappointment was quickly replaced by the healthier emotion of annoyance.

„Nicht so schnell, Herr Spörl,“ I thought …

Fawning – was ist damit gemeint? Auch hier hilft das Oxford Dictionary weiter. Es definiert to fawn – „mit bezug auf ein Tier, insbesondere einen Hund“ – als „das Zeigen von sklavischer Ergebenheit, insbesondere durch das Reiben an jemandem.“ Those fawning Germans – diese hündisch ergebenen Deutschen! Die Leichtigkeit, mit der den Amerikanern diese Worte über die Lippen kommen, weisen darauf hin, dass ein tiefsitzender Verdacht ausgelöst wird. Dieser Verdacht kann so in Worte gefasst werden: „Die Deutschen wollen gern zu jemandem aufschauen, sie suchen jemanden, dem sie sich unterwerfen können. Welche Verzagtheit muss in der deutschen Politik herrschen, dass ein Obama solche Wellen der Begeisterung auslösen kann!“ Ein tiefer Zweifel an den politischen Lichtbringern und Führern aller Art, vielleicht auch an den Deutschen, schlägt bei den Amerikanern da durch. Das ist gut für die Demokratie! In der Demokratie ist das Führungspersonal abwählbar. Das ist gut für das Volk!

Die USA haben – im Gegensatz zu anderen Ländern – keinen Mangel an guten Rednern. Die Tatsache, dass jemand brillant reden kann, gilt in den USA noch nicht als Ausweis ausreichender Befähigung zum Präsidentenamt! Hoffnung allein ist kein Programm.

Ich selbst hatte im Tiergarten bereits wenige Minuten nach Obamas Rede mit einigen amerikanischen Zuhörern gesprochen. Auch sie waren eher unbeeindruckt, rather underwhelmed, wie man auf Englisch sagt.

Letzten Sonntag sprach ich beim Warten auf den Zug in Briesen, einer winzigen Bahnstation in der Mark Brandenburg, mit einer Reisenden aus der früheren DDR. Erneut schlug mir abgrundtiefe Skepsis entgegen: „Wir kennen die großen Worte aus über 40 Jahren DDR-Geschichte. Wir sind ein für allemal geimpft gegen die großen Worte. Wem bedeutet denn die Tempelhofer Luftbrücke noch etwas? Wir haben die Obama-Übertragung abgeschaltet, es war unerträglich.“

Unser Bild zeigt ein Wegstück bei Briesen in der Mark Brandenburg, aufgenommen bei einer Radtour letzten Sonntag.

Ich fasse zusammen: Was dem einen sin ûl ist dem andern sin nahtigal. So ein mittelhochdeutsches Sprichwort. Es hat recht, wie fast alle Sprichwörter.
Was lernen daraus? Die Zuhörerschaft bei Reden ist vielfältig! Vielleicht nirgendwo vielfältiger als in Berlin, in Deutschland. Völlig unterschiedliche Lebensläufe treffen aufeinander. Nur der Kandidat wird in Berlin, in Deutschland Erfolg haben, der beides berücksichtigt: das abgrundtiefe Misstrauen gegenüber der Politik und den Parteien einerseits, sei es gegenüber dem „Kapital“, sei es gegenüber den „Linken“, sei es gegenüber „denen da droben“ oder „denen da drüben“. Die Objekte des Misstrauens sind austauschbar. Und andererseits die Sehnsucht nach Ehrlichkeit, nach reinem Wein, nach Vertrauen-Können. Es ist, als hörte man da immer wieder heraus:

„Wir möchten gern vertrauen, helft unserem Misstrauen!“

Womit wir zum Anfang zurückkehren: Vertrauen ist das kostbarste Gut in der Politik. Dieses Gut gilt es zu pflanzen, zu hegen und zu mehren. Ohne Vertrauen ist keine rational planende Politik möglich. Auch der vielbeschworene Konsens lässt sich nur auf der Grundlage des Vertrauens aushandeln.

Rationale Steuerung von Systemen – gut, dies mag die Aufgabe der Politik sein. Aber diese rationale Austarierung widerstreitender Interessen in der alltäglichen Kleinstarbeit kann nur gelingen, wenn ein gewisses Grundvertrauen da ist – eine Qualität, die sich nicht herbeireformieren lässt, sondern die letztlich eine Erfahrung ist. Diese Erfahrung des Vertrauens wurzelt im Wort. Im schlichten Wort, das stärker als die Wurfschleuder ist, stärker als der mediale Dauerbeschuss.

Dem designierten Präsidentschaftskandidaten Obama ist es in Berlin gelungen, diese Kraft des schlichten Wortes für sich in Anspruch zu nehmen. Deswegen sind die 200.000 Zuhörer zur Siegessäule gekommen. Sie wurden nicht enttäuscht. Ich berichtige: Ich zumindest wurde nicht enttäuscht.

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Friedrichshain-Kreuzberg belegt Platz 1 bis 3 …

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Juli 172008
 

… in der Statistik der gefährlichsten Kreuzungen Berlins. Der BZ kommt heute das Verdienst zu, die Liste der 100 gefährlichsten Kreuzungen abzudrucken, aufgeschlüsselt nach Unfall- und Verletztenzahlen. Auch die Unfallkosten werden bis auf den Euro genau ausgewiesen. Der flächenmäßig besonders kleine Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg führt diese Liste auf den Plätzen 1 bis 3 unangefochten an. Und unter den 12 unsichersten Knotenpunkten Berlins liegt immerhin ein sattes Drittel in unserem Bezirk.

Die 3 gefährlichsten Kreuzungen Berlins sind: Admiralstraße/Kottbusser Straße, Frankfurter Tor/Frankfurter Allee, Bevernstraße/Oberbaumstraße. Unfallkosten allein an diesen drei Stellen 2005-2007: 1515 Unfälle an diesen drei Kreuzungen kosteten 11.064.537 Euro – über 11 Millionen Euro!

Auch der gestern veröffentlichte Verkehrssicherheitsbericht 2008 der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bietet keinen Anlass zur Entwarnung. Im Gegenteil: Die Zahl der Unfälle ist um 3,6% auf 124.919 gestiegen. In wünschenswerter Deutlichkeit liefert der Report eine Aufschlüsselung nach Unfallarten, Unfallbeteiligten, Schwer- und Leichtverletzten und Unfallverursachern.

Ergebnis: besonders gefährdet sind weiterhin Fußgänger und Radfahrer. Der Anteil der Radfahrer an den Schwerverletzten ist noch einmal auf nunmehr 27% gestiegen.

Als die beiden maßgeblichen Unfallursachen werden auf S. 10 wörtlich angegeben

bei Radfahrern „Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr“ und „Benutzen falscher Fahrbahnteile“ (häufig betrifft Letzteres das Befahren von Radwegen in falscher Richtung oder von nicht für Radfahrer frei gegebenen Gehwegen)

Auch dieser Befund ist nicht neu: Nicht im „Längsverkehr“, also nicht dann, wenn die Radfahrer ordnungsgemäß auf den Straßen oder den Radwegen fahren, sondern beim „Einfädeln“ und Abbiegen sowie auch beim Befahren von Gehwegen und Radwegen in falscher Richtung geraten Radfahrer in statistisch besonders relevante Gefährdungslagen. Hauptursachen: mangelnde Sichtbeziehung zwischen KFZ und Radfahrer, Unachtsamkeit, Falschfahren.

Welche Schlussfolgerungen sind daraus zu ziehen? Die steigenden Unfallzahlen und die vielen Verletzten dürfen niemanden ruhen lassen. Der Verkehrssicherheitsbericht fordert eine stärkere Bündelung und eine Erhöhung der Anstrengungen. Auf S. 17 nennt er dazu 4 Schwerpunkte der Maßnahmen:

Mobilitäts- und Verkehrserziehung im (Vor-)Schulbereich, Aktionstage/-wochen, „Events“, Medien

Diese vier Handlungsfelder überlappen einander teilweise. Ich meine: Alle Akteure sind aufgerufen, Hand in Hand zu arbeiten. Mein Motto: Sicherer Straßenverkehr gelingt gemeinsam.
Am Schluss des Berichts ist die Berliner Charta für die Verkehrssicherheit abgedruckt. Ein vorbildliches Dokument, das der Umsetzung harrt! Es wird getragen von einem breiten Bündnis. Dazu zählen neben Berliner Behörden auch namhafte freie Träger, wie etwa der ACE, ADAC, BUND, FUSS e.V., BVG, Verkehrsclub Deutschland (VCD).

Sicherer Straßenverkehr gelingt gemeinsam.

Um etwas Erfreuliches zu zeigen: Das Foto zeigt unser Tandem, mit dem ich meinen Sohn täglich zur Kita bringe. Sicher. Gelassen. Fröhlich.

Das sind die 100 gefährlichsten Kreuzungen Berlins – BZ-Berlin.de

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Mai 082008
 

Wirklich gute Worte fielen unter dem Klang der ersten Hammerschläge laut Presseberichten auf der Grundsteinlegung für den neuen BND-Bau an der Chausseestraße. Die Welt schreibt heute:

Bei der Grundsteinlegung für die neue Zentrale des Auslandsgeheimdienstes in Berlin streikte die Technik. Die feierlichen Reden von BND-Chef Ernst Uhrlau und Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU) wurden durch defekte Mikros gestört. „Ich wünsche dem BND Probleme mit dem Mikrofon nur auf der Baustelle, nicht bei der Arbeit“, unkte de Maiziere, nachdem er den Grundstein mit einem kräftigen Hammerhieb in das Fundament eingepasst hatte.

BND-Umzug: Die Zähmung der widerspenstigen Spione – Nachrichten Politik – WELT ONLINE

Die Süddeutsche Zeitung listet heute auf S. 6 eine satte Liste an Versäumnissen und Rechtsverstößen durch den BND auf: Online-Durchsuchung eines afghanischen Ministers und einer Spiegel-Reporterin, Vernehmungen in ausländischen Foltergefängnissen, Belieferung der USA mit falschen Informationen über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen, dienstinterne Querelen, die nach außen getragen wurden. Die Liste könnte weitergeführt werden.

BND-Chef Uhrlau gab sich zerknirscht: „Ich werde daran arbeiten, dass das – auch durch mich – verlorengegangene Vertrauen in den Dienst wiederhergestellt wird – durch solide Arbeit und vorzeigbare Ergebnisse.“

Bereits vor Tagen hatten Kanzlerin Merkel und das Parlamentarische Kontrollgremium öffentlich geäußert, dass das Vertrauen in den Dienst „gestört“ sei.

Ich vermute mal: Die Zerlegung des BND in zwei Teile (ein Teil zieht voraussichtlich 2013 nach Berlin, ein Teil bleibt in Pullach) wird den ohnehin angeschlagenen Dienst noch weiter schwächen. Das muss nicht von Übel sein. Ein allzu starker Geheimdienst, wie ihn sich die USA leisten, kann völlig aus dem Ruder laufen und Politik auf eigene Faust zum Schaden des Volkes betreiben, wie Tim Weiner überzeugend nachgewiesen hat. Auch das Festhalten an dem so heftig kritisierten Präsidenten Uhrlau signalisiert eindeutig: Jetzt darf nicht mehr viel Widergesetzliches passieren, sonst ist es aus mit der ganzen geheimdienstlichen Selbstherrlichkeit.

Am beachtlichsten fand ich übrigens den in der heutigen Süddeutschen Zeitung auf S. 6 vermerkten Kommentar von Kanzleramtschef de Maizière. Er soll betont haben, wie wichtig auch in Zeiten von Mobilfunk und Internet die Kommunikation von Mensch zu Mensch sei, und er fügte abschließend hinzu:

„Da brauchen wir dann später auch keine schlecht funktionierenden Mikrophone mehr.“

Das muss ja wohl heißen: Wenn wir richtig miteinander reden, und zwar von Angesicht zu Angesicht, im Geist der Ehrlichkeit, der Klarheit und Wahrheit, als Freunde, als Partner, aber auch als Gegner, dann bedarf es keiner technisch hochgerüsteten Bespitzelung, keiner „krummen Touren“, keiner Mikrophone und Wanzen mehr. Der Geheimdienst im herkömmlichen Verständnis wird überflüssig und in eine moderne Agentur zur Informationsauswertung umgewandelt.

Ich stimme dieser nur scheinbar utopisch klingenden Einschätzung des Ministers de Maizière im wesentlichen zu. „Das Wort ist stärker als die Wurfschleuder“, sagte einst der weithin unterschätzte Adalbert Stifter. Er erkannte: Nichts bewegt auf Dauer die Menschen mehr als das offene, freimütig ausgesprochene Wort. Dieses Prinzip, dieses Grundvertrauen in das freie Wort hat die Spaltung Deutschlands, die Teilung Europas überwunden, es waren nicht die heimlich beschafften Informationen von jenseits des eisernen Vorhangs. Nebenbei: Ein paar Milliarden Menschen auf dieser Erde glauben, dass die Welt überhaupt durch das Wort geschaffen worden sei.

Schlussfolgerung auf kurze Sicht: Das Wort ist stärker als die Wanze! Und der BND gehört unter die Kuratel unserer gewählten Volksvertreter. Wenn die vom Volk auf Zeit bestellten Vertreter, also die Regierung und das Parlament, es nicht schaffen, den Dienst auf den Pfad der Gesetzestreue zurückzuführen, dann steht es dem Souverän, also dem Volk frei, dies bei den nächsten Wahlen mit dem Stimmzettel zu quittieren.

Moderne Dienste wären effiziente Verwalter von Informationen. Sie wären Wasserträger und Zuarbeiter der demokratisch legitimierten Volksvertreter. Die meisten Informationen entstammen sowieso der Öffentlichkeit, entspringen also dem genauen Studium der frei zugänglichen Medien. Das heißt: man muss fleißig Fremdsprachen lernen, vor allem auch Arabisch und andere nur scheinbar exotische Sprachen, die 20.000 wichtigsten Internet-Sites in den 20 wichtigsten Sprachen verfolgen, den Economist, die FAZ und den Spiegel und ein paar Dutzend andere seriöse Blätter aus verschiedenen Kontinenten lesen, Wichtiges von Unwichtigem trennen. Bitte alle Gesetze – wie das absolute Folterverbot – beachten! Bitte keine Politik selber machen, das geht ins Auge!

Übrigens: Der Neubau wird viel Geld in die regionale Bauwirtschaft und in die Gastronomie spülen und sollte uns Berlinern aus diesem Grunde willkommen sein.

 Posted by at 15:18

Fermer les yeux, ce n’est jamais une réponse – für eine Kultur des Hinsehens

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Feb. 272008
 

Mein Freund Achmed, der Datenscheich, tritt heute mit einer Bitte an mich heran, der ich gerne nachkomme:

hallo! es würde mich SEHR freuen, wenn du mitmachen würdest: nimm das nächst liegend buch.schlage es auf seite 123 auf.notiere die sätze 6 – 8 in dein blog!und bitte 5 blogger, das gleiche zu tun. was ich notiert habe? wer mich eingeladen hat? wen ich eingeladen habe? alles hier: http://www.taz.de/blogs/datenscheich/
danke.Bestes! der Datenscheich

Ein wunderbarer Gedanke, Achmed! Er erinnert mich an die uralte Sitte des zufälligen Buchorakels – also etwa der Sortes Vergilianae. Man schlug die Aeneis, oder auch z.B. die Bibel auf, ließ den Finger auf einen Vers fallen und deutete den zufällig getroffenen Vers als Hinweis auf des eigene Schicksal. Augustinus schildert sehr schön in den Confessiones sein Erlebnis – das berühmte Tolle lege.

Ich schlage also meine gegenwärtige Nacht- und Schreckenslektüre auf S. 123 auf. Und was finde ich? Doch lest selbst die Sätze 6-8 aus diesem Buche auf der verlangten Seite:

Mais le malheur, il faut s’y confronter; l’inévitable et la nécessité, il faut toujours être prêt à les regarder en face, et accepter de voir les conséquences qui en découlent; fermer les yeux, ce n’est jamais une réponse.

Max Aue, der Held dieses Buches, fordert also nichts anderes als eine Kultur des Hinsehens – man sieht: es ist ein Buch, das ein Kind der heutigen Zeit für unsere Zeit – das Jahr 2008 – geschrieben hat! Das Buch heißt übrigens Les Bienveillantes, verfasst von Jonathan Littell, hier beigezogen in der vom Autor selbst überarbeiteten Neuausgabe, die 2006 in Paris bei Gallimard verlegt worden. Wie gerne würde ich Jonathan Littell einmal zu uns nach Berlin einladen und mit ihm locker plaudern – über unsere Zeit, über die alten Griechen, über des Aischylos Eumeniden, über Empathie in unserer Gegenwart, Einfühlung in die Opfer und dergleichen mehr!

Danke Achmed!

Morgen werde ich dieselbe Übung mit meiner Handausgabe des Vergil anstellen! Am darauffolgenden Tag mit des Augustinus Confessiones.

 Posted by at 22:21
Dez. 252007
 

heiligabend.jpg Hoch oben auf der Empore der Heilig-Kreuz-Kirche, auf den Treppenstufen hockend – denn es war kein Platz auf den Bänken – höre ich mir die Botschaft an:


„Habt keine Angst!“ Unser Kind schwirrt auf eigene Faust im gewaltigen Kirchenraum umher. „Habt keine Angst!“ Zuhause suchte und fand ich einen zeitgenössischen Deuter, der diese Freudenbotschaft, deren Verkündung ein Teil der Menschheit heute begeht, ganz wesentlich als Befreiung von Angst deutet. Von der Angst, die in mannigfachen Gestalten unser Dasein wesentlich bestimmt. Es ist Eugen Drewermann. Ich habe mir seinen Kommentar zum Johannes-Evangelium entliehen. Drewermann schreibt:

Verständlich machen lässt sich die „neue Wirklichkeit“ (Paul Tillich), die mit der Person Jesu in die „Welt“ getreten ist, wohl nur, wenn man sowohl individualpsychologisch als auch sozialpsychologisch die Mechanismen freilegt, die im Felde der Angst das gesamte Dasein des Menschen und seine Weltauslegung verformen. „In der Welt habt ihr Angst; aber faßt Mut: ich – besiegt habe ich die Welt“, sagt der johanneische Jesus (Joh 16,32).

Eugen Drewermann: Das Johannes-Evangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil: Joh 11-21. Patmos Verlag, Düsseldorf 2003, S. 8

Alle Weihnachtslieder singe ich mit, doch bricht mir manchmal die Stimme.

Ich werde gerade in diesen von Lohnarbeit freigestellten Tagen meine Studien zum griechisch verfassten Neuen Testament fortsetzen und beständig immer wieder in die dionysische Welt des Aischylos eintauchen. Höchst bemerkenswert, dass Drewermann wieder und wieder eine Nähe des Johannes-Evangeliums zum Dionysos-Kult zu belegen meint.

 Posted by at 21:16
Dez. 102007
 

Amburgo, 5 dicembre. Fare l’interprete per Roberto Saviano è di nuovo un’esperienza emozionante. Questa volta l’autore entra in dialogo con Giovanni di Lorenzo. L’attore Glenn Goltz legge dalla traduzione tedesca. Sala piena zeppa di 800 persone, grande successo per Roberto, Giovanni di Lorenzo conclude con un appello alla solidarietà di tutti.

Foto (da sinistra a destra): Roberto Saviano, Johannes Robert Hampel, Giovanni di Lorenzo

Erklär mit Italien!: Buchvorstellung mit Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo | ZEIT ONLINE

 Posted by at 13:26

Mit der Kraft des Wortes

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Dez. 042007
 

image_fmabspic_0_0-1196747229.jpg Der Autor Roberto Saviano trifft im brechend vollen Saal der Süddeutschen Zeitung in München mit Hans Leyendecker zu einem Gespräch zusammen. Ich sitze mit auf der Bühne, flüstere Roberto simultan alles zu, was auf deutsch gesagt wird, und dolmetsche seine italienischen Antworten für das Publikum konsekutiv ins Mikrophon. Das bedeutet 2 Stunden intensivstes Zuhören und Reden – und volles Vertrauen in die Kraft des Wortes, bei allen Beteiligten!

Ich bin froh, wieder einmal in München zu sein, meiner Geburtsstadt, in der ich 7 Jahre meines Lebens verbracht habe. Es ist aber immer auch verwirrend, nach längerer Abwesenheit an die alten Plätze zurückzukehren. Wie oft kommt mir der Seufzer in den Sinn:

Owe war sint verswunden alliu miniu jar!

Aber jetzt ist jetzt – erfasse den Augenblick, sonst verpasst du noch den Zug!

Foto: AFP

 Posted by at 09:10
Okt. 152007
 

Samstag auf der Frankfurter Buchmesse. Deutschlandradio Kultur sendet Interviews. Am 3sat-Stand haben sich etwa 50 Zuhörer versammelt und lauschen konzentriert, neugierig und aufmerksam den Gesprächen, die Deutschlandradio Kultur live ausstrahlt. Ich sitze zwischen dem Autor Richard Ford und Redakteurin Dorothea Westphal und dolmetsche Fragen und Antworten zu seinem neuesten Buch „The Lay of the Land“.

Richard Ford Dorothea Westphal

 Posted by at 08:50