Geschenkter Nachsommer! Heute las ich bei herrlichem Sonnenschein im Prinzenbad die FAZ, vor allem die Wissenschaftsbeilage, Seite N 1, das Interview zum Klimawandel mit Acatech-Präsident Reinhard Hüttl, sowie Seite N4, Gespräch zum Mentalitätswandel des historischen Bewusstseins mit Sir Ian Kershaw und Timothy Snyder.
Eine Botschaft Timothy Snyders darin: Lerne fleißig die Sprachen der östlichen Hälfte Europas, dann kannst auch du bei den staatlich organisierten Hungersnöten in der Ukraine, beim Nationalitätenterror der Kommunisten und beim Holocaust mitreden! Das ist richtig. Wer die originalen, schriftlich dokumentierten Tötungsbefehle der Kommunisten lesen und interpretieren will, muss Russisch können.
Sowohl Snyder als Kershaw tun etwas, was ich in diesem Blog immer wieder eingefordert habe: Sie brechen die einseitige Deutschlandfixierung der neueren Geschichte auf. Sie haben das ganze Bild im Blick, und da zeigt sich, dass nicht nur Deutschland, sondern zahlreiche andere Mächte, insbesondere die Sowjetunion das Antlitz Europas umgewandelt haben. Und vor allem legen sie dar, dass es ab etwa 1930, beginnend im Westen der damaligen Sowjetunion, zu einer Abfolge von staatlich organisierten Pogromen, Vertreibungen und Massenmorden kam, die insgesamt etwa 14 Millionen Opfer forderten – wohlgemerkt außerhalb der Toten, die die zahlreichen zwischenstaatlichen Kriege forderten.
Die Klimadebatte – so scheint mir – wird weiterhin mit gläubiger Inbrunst geführt, zerfällt im Augenblick in gewisse bekenntnishaft organisierte Gemeinden – die Orthodoxen, die Revisionisten, die Leugner, die Fundamentalisten, die Indifferenten, die Ketzer.
Reinhard Hüttl, Fritz Vahrenholt, Hans von Stoch, Wolfgang Cramer, Paul Becker – das sind maßgebliche Namen in der deutschen, teilweise in der weltweit geführten Klimadebatte. Derzeit wird mal wieder heftig gestritten. Wie schlimm ist der Klimawandel, wie unvermeidlich, wie unumkehrbar?
Einigkeit scheint zu herrschen, dass Deutschland kaum unmittelbar vom Klimawandel bedroht ist. Deutschland, die nordischen Länder, Grönland, Kanada, die nördliche Russische Föderation dürften im Gegenteil eher profitieren. Insgesamt dürften mehr Menschen vom Süden in den Norden ziehen als vom Norden in den Süden.
Reinhard Hüttl sagt etwas sehr Tiefschürfendes: „Meine Sorge ist, dass wir den Menschen sagen, wir hätten die Probleme im Griff und bekämen eine heile Welt. Das wird aber auch zu meinem Bedauern nicht geschehen. Es gibt die Hitzeperioden, wir haben die Arten, die einwandern oder aussterben, wir haben neue Krankheiten, wir müssen nachdenken, wie wir uns bestmöglich an die Veränderungen anpassen.“
Das ist die gesamte Klimadebatte in nuce! Ich würde diese Sätze so verstehen:
„Es gibt die Hitzeperioden, wir haben die Arten, die einwandern oder aussterben, wir haben neue Krankheiten, wir müssen nachdenken, wie wir uns bestmöglich an die Veränderungen anpassen.“ Das ist zweifellos richtig. Aber es ist keine alles überragende Bedrohung, sondern eine Herausforderung neben anderen Herausforderungen wie etwa Analphabetismus, Aids, Schulabbrechern, 6000 Verkehrstoten pro Jahr in Deutschland und etwa 800 Mordfällen pro Jahr.
„Meine Sorge ist, dass wir den Menschen sagen, wir hätten die Probleme im Griff und bekämen eine heile Welt.“ Und meine Sorge ist, dass immer wieder Wissenschaftler und Politiker auftreten und behaupten, sie hätten die eine, die riesige, die alles überragende Themenstellung erkannt – wahlweise etwa den Klimawandel, den islamischen Fundamentalismus, le waldsterben, die Staatsverschuldung, den Zerfall der Euro-Zone, die Umweltverschmutzung, die hohe Schulabbrecherquote und und und. Das Herausstreichen einer und nur einer Themenstellung bedeutet allzu oft, dass Ressourcen und Kräfte diesem einen großen überragenden Ziel untergeordnet werden – auf dass eine geheilte Welt errichtet werde.
Ich halte das für gefährliche Hybris, für Machbarkeitswahn, der in Unfreiheit umschlagen kann.
Seit vielen Jahren beobachte ich das beeindruckende Anwachsen der Mahnmale für deutsche Schuld in meinem unmittelbaren Wohnumfeld. Neben dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas wächst auch die Steinwüste der „Topographie des Terrors“ raumgreifend heran, wie das obige Foto belegt. Beide Mahnmale sind absolute Tourismus-Magneten, ich sehe jeden Tag europäische, asiatische und amerikanische Touristen zu den Gedenkstätten der deutschen Schande pilgern. Durchaus denkbar ist es, dass diese Flächen sich nach und nach ausbreiten und schließlich das gesamte Antlitz von Berlins Mitte prägen werden. Den Touristen läuft ein Schauder über den Rücken. Wir können stolz bekennen: Deutschland bekennt sich im Gegensatz zu vielen andern Ländern offen zu seinen mannigfachen Schandtaten. Wir sind, wie uns Timothy Garton Ash bescheinigt hat, die Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung. Es ist, als wollte Deutschland sagen: Völker der Welt, kommt her und seht euch an, was wir euch alles Böse angetan haben.
Einige Male erwähnten wir in diesem Blog die allgemeine Friedensformel, welche ab 1945 tausendfach in Europa ausgegeben wurde und seither fest in die historische DNA eingebaut worden ist:
1) Letztlich kommt alles Übel in Europas Geschichte im 20. Jahrhundert von Deutschland her.
2) Sofern Deutschland diese Allein- oder doch mindestens Hauptschuld anerkennt und in rituellen Bußübungen dafür um Verzeihung bittet, kann Frieden herrschen.
3) Sobald Deutschland – etwa in der Europäischen Union – nur im mindesten irgendwelche Ansprüche als gleichberechtigter Partner oder gar als in Europa führende Wirtschaftsnation erhebt, wird bewusst oder unbewusst auf das Dogma Nummer 1 verwiesen. So beschwor die italienische Zeitung Il giornale bereits Il quarto Reich – Das Vierte Reich – herauf, als Kanzlerin Merkel auf die Einhaltung bestimmter vertraglicher Abmachungen drängte. Ein absoluter Tiefpunkt der antideutschen Meinungsmache.
Helmut Schmidt, der Altkanzler, hat erst jüngst wieder bei Sandra Maischberger darauf verwiesen: „Der Mord an sechs Millionen Juden ist im Unterbewusstsein der europäischen Völker ein so schweres Gewicht, dass es eine Führung durch die Deutschen ausschließt.“
4) Der Holocaust ist das entscheidende Ereignis der deutschen, ja der europäischen Geschichte. Alles, was vorher kam, ist dadurch entwertet. Dieses absolut zu setzende Ereignis begründet für die Deutschen eine negative Geschichtstheologie. Die Deutschen sind somit Trägervolk des absoluten Bösen. Sie werden unablässig von Selbstzweifeln geschüttelt.
5) Deutschland verordnet sich gehorsam daraufhin weitere Lektionen in der Pädagogik der Scham.
Eine ganze Fülle an neuen Erkenntnissen bringt allerdings seit 1990 diese nahezu unumstößlichen Glaubenssätze ins Wanken. Die Archive öffnen sich, Forschungs- und Redeverbote werden gelockert. Die letzten überlebenden Zeitzeugen beginnen ganz andere, von den Lehrsätzen der Friedensformel abweichende Geschichten zu erzählen. Die Völker Europas fangen an, sich der gemeinsamen Verstrickung in die verschiedenen Massenmorde, Vertreibungen und Kriegsgreuel zu erinnern. Insbesondere in Italien, Polen, Tschechien und Russland wird in einem Akt schmerzhafter Selbsterforschung zunehmend erkannt, dass ab 1917 Völkermord, eliminatorischer Massenterror gegen ganze Völker, verbrecherische Angriffskriege, staatlich angeordnete Judenpogrome, Vertreibungen, Konzentrationslagersysteme keine Eigenheit Deutschlands waren, sondern ebenso – und oft sogar früher – in anderen Ländern, in anderen europäischen Staaten geplant, eingeleitet und durchgeführt wurden.
„Hitleristen, Judenfeinde und Stalinisten gab es überall – nicht nur unter Deutschen, sondern auch bei den Polen, in der Ukraine, in Tschechien und Lettland.“ So hörte ich es selbst bereits 1975 aus dem Munde eines überlebenden polnischen Häftlings bei einer Führung im KZ Maidanek. In Polen fördern nun neue Forschungen zutage, dass es während des Kriegs auch zu gemeinsamen deutsch-polnischen Judenpogromen gekommen ist. Das ab 1939 geraubte jüdische Eigentum verblieb nach dem Ende des Krieges in polnischem Besitz. Ein Sammelband unter dem Titel „Inferno of Choices“, empfohlen vom polnischen Außenministerium, berichtet darüber – was naturgemäß die nationalistische Rechte auf den Plan ruft. Darüber referiert Konrad Schuller am 11.08.2012 in der FAZ: „Die Wahrheit schwarz auf weiß.“ Und selbst nach dem Ende des Krieges und nach der Vertreibung der Deutschen kam es in verschiedenen Ländern Mitteleuropas zu weiteren gewaltsamen Pogromen gegen die Juden, wie es aus eigenem Erleben etwa auch der 1929 in der Tschechoslowakei geborene Robert F. Lamberg – seinerseits jüdischer Herkunft – berichtet.
Polnische Kommunisten vollstrecken nach dem Ende des 2. Weltkrieges an polnischen Landsleuten oftmals das, was den Nazis vorher nicht gelang: die grausame Hinrichtung von polnischen Widerstandskämpfern, die sich auch der Nachfolgediktatur der Nationalsozialisten, nämlich der bolschewistischen Terrorherrschaft widersetzen. Emil Pilecki etwa wird nach der Katyn-Methode hingerichtet, wie sie die sowjetische Geheimpolizei hunderttausendfach anwandte: durch Pistolenschuss in den Hinterkopf des Verurteilten. Der Partisanenkrieg gegen die Sowjetrussen dauert nach 1945 in Polen und in den baltischen Ländern, insbesondere in Lettland noch jahrelang. Und diese zahlreichen Bürgerkriege – insbesondere auch in Italien, Spanien und Griechenland – gehören bis heute zu den am besten gehüteten Geheimnissen der europäischen Friedensformel.
Emil Hácha, der letzte tschechoslowakische Ministerpräsident vor dem 2. Weltkrieg, herrschte mit eiserner Faust über seinen Staat und gebärdete sich als willfähriger Scherge des Deutschen Reiches. Seine Truppen und seine Polizei verhafteten und vertrieben 1939 ohne äußeren Druck 20.000 sudetendeutsche Gegner der Nazis und lieferten sie in deutsche Konzentrationslager ein. So berichtet es R. M. Douglas in seiner umfassenden Studie Orderly and Humane: Tschechische Polizisten liefern sudetendeutsche Widerständler an Hitler aus.
Was folgt daraus? Die europäische Friedensformel, wie sie oben faustformelartig skizziert wurde, ist so nicht haltbar. Ich meine, im Laufe der nächsten Jahre wird sie etwa in folgende Richtung gehen:
1) Nicht alles Übel in Europas Geschichte im 20. Jahrhundert kommt von Deutschland her. Zahlreiche europäische Länder beschritten ohne äußeren Druck den Weg der Gewalt und des Terrors. Die erste Häfte des 20. Jahrhunderts war durch eine bis dahin beispiellose Verkettung von staatlichen Massenverbrechen, Vertreibungen, eliminatorischen Verfolgungen, Angriffskriegen und Bürgerkriegen gekennzeichnet. In den Jahren 1933-1953 bildeten sich jedoch Sowjetunion und Deutsches Reich als die beiden entscheidenden Pole der staatlichen Massenverbrechen heraus. Diese beiden Länder versuchten ihre Terrorherrschaft nach und nach auf alle Nachbarländer und den Rest Europas auszudehnen. Die europäische Staatenordnung war etwa ab 1933 entscheidend durch die bipolare Kräfteanordnung zwischen Deutschem Reich und Sowjetunion bestimmt.
2) Sofern die vielen europäischen Länder aufgrund freier Einsicht ihre Schuld anerkennen und in symbolischen Akten voreinander um Verzeihung bitten, kann echter innerer Frieden herrschen.
3) Deutschland sollte weiterhin sich umfassend zu seiner aus der Vergangenheit herrührenden moralischen Schuld bekennen, aber auch gerade deswegen in der Europäischen Union Ansprüche als politisch gleichberechtigter Partner erheben, die im Einklang mit seinem Gewicht als Europas größter Volkswirtschaft stehen. Mangelnder politischer Gestaltungswille bei den Deutschen ist von Übel.
4) Allen EU-Staaten stehen gerade in dieser jetzigen Krise der EU weitere Lektionen in der Pädagogik der Scham gut zu Gesicht. Gefragt ist dabei nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die aufrichtige, wissenschaftlich gestützte Erforschung der eigenen staatlichen Verbrechen, aber auch der Stolz auf die eigenen Großtaten und Leistungen.
Quellen (Auswahl):
Jan Puhl: Gefangener Nummer 4859. SPIEGEL 32/2012, S. 70-71
Konrad Schuller: Die Wahrheit schwarz auf weiß. Streit um Polens Rolle im Holocaust. FAZ, 11.08.2012, S. 5
Robert F. Lamberg: Bootspartie am Acheron. Ein Leben zwischen braunem und rotem Totalitarismus. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2006
Adolf Hampel: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012 Menschen bei Maischberger. Sendung vom 07.08.2012, ARD
R. M. Douglas: Orderly and Humane: The Expulsion of the Germans after the Second World War. Yale University Press, New Haven&London 2012, hier Amazon-Kindle-Ausgabe, Pos. 396
EWIGER
RUHM
DEN HELDEN.
DIE GEFALLEN IN KÄMPFEN
FÜR UNSERE
SOWJETISCHE
HEIMAT.
Soweit las ich murmelnd-sprachmittelnd an einem kalten Februartag des Jahres 2012 die russische Inschrift auf dem Obelisken des sowjetischen Ehrenfriedhofes in Brandenburg an der Havel.
Zaudernd schritt ich weiter. Dann las ich die entsprechende deutsche Inschrift:
DEN
VEREHRTEN
SÖHNEN
DER
GROSSEN
H IMAT
An dem Unterschied zwischen den beiden Sprachfassungen zeigen sich Unterschiede im Umgang mit der Vergangenheit. Für die Deutschen ist Heimat etwas Unwirkliches geworden. Es fehlt in dem Wort offenbar ein Buchstabe. Sie können das Wort gewissermaßen nicht mehr buchstabieren. Es wird zwar nicht geleugnet, dass von etwa 1000 bis 1933 und von etwa 1945 bis heute auch einiges Gute in Deutschland geschehen sein könnte, jedoch herrscht vielfach die Meinung vor, dass man sich nicht zu Begriffen wie Heimat und Patriotismus bekennen dürfe. „Patriotismus – nein danke!“, so lautet der Button, den die Grüne Jugend gerade jetzt zur EM mit großem Erfolg vertreibt. Nur in Deutschland ist so etwas denkbar.
Mit solchen Reden wie „Patriotismus – nein danke!“ überantwortet man die Deutschen und alle in Deutschland lebenden Migranten auf alle Ewigkeit der ewigen Schande des Nationalsozialismus. Die Grüne Jugend stellt sich gewissermaßen feierlich in den ewigen Dienst des Hitlergedenkens. „Wir alle waren es, wir sind in alle Ewigkeit schuldig.“
Für die Russen hingegen dürfte über den Systemwechsel hinweg der Begriff des Heldischen, der Heimat und des Patriotismus Geltung behalten haben. Der 9. Mai ist der Tag des Sieges, der Tag der Befreiung, die große Parade auf dem Roten Platz ist bis zum heutigen Tag der zentrale Anknüpfungspunkt für russischen Patriotismus, den eigentlich niemand antastet. Was auch immer zwischen 1917 und 1953 geschehen sein mag, am Begriff der russischen Nation, der russischen Heimat halten alle fest. Die Verbrechen der Sowjetunion werden zwar nicht geleugnet, doch werden sie ausschließlich Stalin und dem Stalinismus angelastet. „Wir Russen waren es nicht, es waren alles nur die Stalinisten.“ „Wir Russen haben das Siegen in unseren Genen!“, diese Aussage wurde über einen Wahlkämpfer des Jahres 2012 berichtet, der dann auch die Wahlen mit großen Vorsprung gewann.
Fleißig und eifrig stricken die deutschen und europäischen Massenmedien an den üblichen Halbwahrheiten in der Darstellung der europäischen Geschichte. Ein beliebiges Beispiel dafür ist die Darstellung der polnisch-russischen Beziehungen. Heute schreibt etwa Spiegel online über das Verhältnis zwischen Russland und Polen:
„Die Situation zwischen beiden Ländern ist seit Jahrhunderten belastet. Warschau hatte während der polnischen Teilung vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkrieg zum Zarenreich gehört und war nach dem Zweiten Weltkrieg bis kurz nach dem Mauerfall 1989 Bestandteil des kommunistischen Sowjetblocks. Für die Russen hingegen sind die Polen undankbar, weil sie vergessen haben, dass es Russland war, das sie von Hitler befreite.
All dies ist den muskelbepackten Halbwüchsigen, die die russischen Fans brutal angreifen, möglicherweise unbekannt. Oder es ist ihnen egal.“
Mein Kommentar: Die Sätze sind zweifellos nicht falsch, aber sie sind eben doch geprägt von Auslassungen und Unterschlagungen. So fehlt jede Darstellung der Jahre vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Aber genau diese Jahre sind es, die bis heute ganz entscheidend die Unterschiede in den Erinnerungskulturen der beiden Länder Polen und Russland prägen. Bei meinen Gesprächen mit Polen und mit Russen wird mir das immer wieder klar!
Ich schlage hiermit Ergänzungen zu den landläufigen Darstellungen, wie sie etwa der SPIEGEL bietet, vor. Es würde mich freuen zu erfahren, ob die Polen und die Russen mit der nachfolgenden, holzschnittartig vereinfachenden Darstellung und Deutung der Geschichte der polnisch-russischen Beziehungen in den Jahren 1918-1989 leben könnten – wenn nicht, um so besser. Dann freue ich mich auf Widerspruch!
So würde ich es nach meinen heutigen Kenntnissen ausdrücken:
„Die Situation zwischen beiden Ländern ist seit Jahrhunderten belastet. Warschau hatte während der polnischen Teilung vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkrieg zum Zarenreich gehört“ (soweit der SPIEGEL). Ab hier würde ich ungefähr ergänzen:
Nachdem Polen 1795 als Staat zu existieren aufgehört hatte, wurde endlich am 03.11.1918 die Republik Polen proklamiert. Der russisch-polnische Krieg von April bis Oktober des Jahres 1920 ist einer der zahllosen europäischen Kriege unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, die heute vergessen sind. Es gelang Polen dabei, sein Staatsgebiet weit über die Volkstumsgrenzen nach Osten in russisch bewohnte Gebiete zu erweitern. Das Verhältnis zwischen Russland und Polen blieb weiterhin gespannt.
Deutsches Reich und Sowjetunion schlossen am 23.08.1939 einen Nichtangriffspakt und überfielen wenige Tage später, im September 1939, nahezu zeitgleich Polen: zuerst, am 01.09.1939, überfiel Deutschland Polen von Westen her. Dann, am 17.09.1939, überfiel das kommunistische Russland Polen von Osten her. Deutsches Reich und Sowjetunion – also Deutschland und Russland – feiertern am 22.09.1939 ihren gemeinsamen Sieg über Polen auf einer großen Parade in Brest-Litowsk, schlossen am 28.09.1939 einen erneuten deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag, hielten einander den Rücken für weitere Angriffskriege frei und pflegten eine Waffenbrüderschaft, die unverbrüchlich bis zum 21.06.1941 andauerte.
Das nationalsozialistische Deutschland und das nationalkommunistische Russland teilten also Polen im Jahr 1939 in zwei Hälften auf. Deutschland und Russland errichteten ab September 1939 auf polnischem Boden brutale Terrorherrschaften mit Massenmorden an Zivilisten, Ausplünderung der besetzten Gebiete und Vertreibungen von ganzen Bevölkerungsteilen in andere Gebiete. Deutschland und Russland haben im 20. Jahrhundert den Polen mehrfach die Freiheit geraubt, Massenmorde an polnischen Bürgern begangen, den polnischen Staat zerstört und das Land ausgeplündert. Während die Terrorherrschaft des Deutschen Reiches über Polen im Mai 1945 gebrochen wurde, dauerte die sowjetrussisch gestützte Diktatur der Kommunisten über Polen weiter an. Sowjetrussland hat den Polen auch nach 1945 die Freiheit vorenthalten. Erst im Jahr 1989 gelang es den Polen, sich vom kommunistischen Joch, das Russland ihnen auferlegt hatte, zu befreien.
„Durch die politisch motivierten Gewalttaten wurden 2314 Personen verletzt (plus 18,4 Prozent). Von ihnen wurden 48,6 Prozent Opfer linker Gewalt, 37,7 Prozent Opfer rechter Gewalt. Bei den Gewaltdelikten überwiegen Körperverletzungen: Rechts motiviert waren 699 (Vorjahr: 672), links 870 (787).“
So lautet heute eine typische, tagesaktuelle Pressemeldung.
48,6 Prozent der politisch motivierten Gewalttaten kommen von links, 37,76 Prozent der politisch motivierten Gewalttaten kommen von rechts.
Oft wird daraufhin gesagt: „Klein Platz in unserem Bezirk für die Rechten! Rechte raus!“
Weniger oft heißt es: „Also kein Platz für die Linken in unserem Bezirk! Linke raus!“
Ich meine: Links und rechts haben durchaus noch ihre Aussagekraft. Das belegt ja schon der Ausdruck „linke Politik“, „Die Linkspartei“ usw.
Es wäre grundfalsch, wegen der in der Tat unleugbaren Fälle der linken Gewalt alle Linken unter einen Generalverdacht zu stellen! Solange die Linken zu Recht und Gesetz stehen, keine Straftaten begehen, nicht zu Straftaten auffordern und unseren Rechtsstaat anerkennen, ist nichts gegen sie persönlich einzuwenden. Im Gegenteil! Man sollte jede Gelegenheit nutzen, die politische Auseinandersetzung mit den Linken zu suchen. Fair, sachlich, entspannt, aber in der Sache klar und deutlich. Die grauenhaften, staatlich angeordneten Massenmorde der Kommunisten, Nationalkommunisten und Bolschewisten vieler europäischer Länder, begangen vor allem in den Jahren 1917 bis 1953, dürfen dabei nicht verschwiegen, sondern müssen klar benannt, aufgearbeitet und erinnert werden. Hier stehen wir noch ganz am Anfang, denn sehr viele Tatsachen sind weithin unerforscht und unbekannt, insbesondere das, was in Ostpolen, in der Sowjetunion, Ukraine, Lettland, Litauen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien in den Jahren 1917 bis 1953 geschah.
Ich schlage vor: Statt von „linker Gewalt“ sollte man lieber von linksextremistischer Gewalt oder von linksextremistischen Gewalttätern sprechen.
Eine Gesinnung ist kein Verbrechen!
Es wäre auch falsch, wegen der in der Tat unleugbaren Fälle der rechten Gewalt alle Rechten unter einen Generalverdacht zu stellen! Solange die Rechten zu Recht und Gesetz stehen, keine Straftaten begehen, nicht zu Straftaten auffordern und unseren demokratischen Rechtsstaat anerkennen, ist nichts gegen sie persönlich einzuwenden. Im Gegenteil! Man sollte jede Gelegenheit nutzen, die politische Auseinandersetzung mit den Rechten zu suchen. Fair, sachlich, entspannt, aber in der Sache klar und deutlich. Die grauenhaften, staatlich angeordneten Massenmorde der Faschisten, Nationalsozialisten und Nationalisten vieler europäischer Länder, begangen vor allem in den Jahren 1919 bis 1945, dürfen dabei nicht verschwiegen, sondern müssen weiterhin klar benannt, weiterhin aufgearbeitet und weiterhin erinnert werden.
Ich schlage vor: Statt von „rechter Gewalt“ sollte man lieber von „rechtsextremistischer Gewalt“ oder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttätern sprechen.
Ein hübscher, polemisch zuspitzender Ausdruck, den ich von Leo Trotzki übernehme, ist der Ausdruck „Nationalkommunismus“. Bekanntlich sprach Trotzki sich gegen das Leninsche Konzept vom Sozialismus in einem Lande aus, wonach die kommunistische Revolution ruhig zuerst einmal in einem rückständigen Musterland durchgeführt werden solle, auch dann, wenn die Stunde der Weltrevolution noch nicht geschlagen habe. Stattdessen verfolgte er unbeirrt das übergeordnete Ziel der Weltrevolution. Das hat ihn sein Leben gekostet, die von ihm kritisierten russischen Nationalkommunisten jagten ihn aus dem Land und ermordeten ihn schließlich am 20.08.1940 in Mexiko wie so einige Millionen andere tatsächliche oder vermeintliche Abweichler, Volksschädlinge, zersetzende Elemente usw. usw.
Trotzki war einer der ersten, der in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bereits die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Nationalsozialismus und Nationalkommunismus herausarbeitete. Er sprach bereits viele Jahre vor dem deutsch-russischen Interessenaufteilungsabkommen vom 23.08.1939 von einer Art Volksfront der Nationalsozialisten und Nationalkommunisten gegen die wahren Kommunisten – die „Trotzkisten“ eben, wie sie sich später nannten. Gut gemacht!
Es wäre einmal interessant zu prüfen, ob die 1920 erfolgte Umbenennung der DAP in NSDAP ausdrücklich mit Bezug auf die Schriften Leo Trotzkis erfolgte, salopp formuliert: „Wenn die Russen ihren Nationalkommunismus so erfolgreich durchziehen, dann probieren wir’s eben als Deutsche mit dem Nationalsozialismus. Könnte klappen! Probieren wir’s einfach!“ Und es hat – im zweiten Anlauf 1933 – geklapppt!
Wie und wann entstand der Nationalkommunismus? 1917 begann der Nationalkommunismus zunächst in Russland – und setzte sich in zunächst Russland und dann in anderen, durch Russland eroberten Ländern fort bis etwa 1956 … Massenerschießungen, Ausmerzung von „Schädlingen“, Zwangsrussifizierung der Minderheiten, hunderte von sogenannten „Konzentrationslagern“ (Концентрационный лагерь, später in „stalinistischer“ „Gulag“ umbenannt), Judenfeindschaft, übersteigerter russischer, später rumänischer, ungarischer, tschechischer, bulgarischer Nationalismus gehörten zum Kernprogramm dieser Nationalkommunismen.
Eine sehr hohe Millionen-Zahl an Terroropfern und einge verbrecherische Angriffskriege hat der nationalistische Kommunismus in Russland und den Nachbarländern ab 1917 produziert, und zwar bereits weit vor dem 1. September 1939. Alles vergessen? Nicht ganz, aber TOTgeschwiegen. Der eine oder andere Fachhistoriker wird wohl wissen, wovon ich hier rede.
Der durch die Oktoberrevolution 1917 eingeleitete russische Nationalkommunismus war nachweislich das große Strukturvorbild erst der italienischen Faschisten und dann der deutschen Nationalsozialisten! Nicht nur im Namen, sondern auch in den Propaganda-Methoden ahmten zuerst die italienischen Faschisten und dann die deutschen Nationalsozialisten das Vorbild der russischen Nationalkommunisten erstaunlich präzise nach.
Zwangsrussifizierung der Ukrainer, Letten, Esten, Litauer, Zwangsitalianisierung der Slowenen und der Südtiroler, Zwangsgermanisierung der nichtdeutschen Minderheiten … die nationalistischen Programme der russischen, italienischen und deutschen Politik glichen sich im kommunistischen Russland, im faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland mit erstaunlicher Präzision.
Ich kenne Plakate gegen Volksschädlinge in deutscher und in russischer Sprache aus den 30er Jahren, die einen von den russischen Nationalkommunisten, die anderen von den deutschen Nationalsozialisten gefertigt. Sie sind in der Bildsprache und selbst in den Slogans nicht zu unterscheiden.
Nur schweigt die Welt heute davon. Man will nichts von den Zwangsrussifizierungen, den Zwangsitalianisierungen wissen. SCHLUSS-STRICH endlich!
Wie kann man den Schlussstrich ziehen? Durch eine ganz einfache Friedensformel: Die Deutschen waren an allem schuld. Und aus, fertig, erledigt. Die Deutschen sind die Urquelle allen Übels.
Das friedliebende Italien, nicht das kriegerische Deutschland hat Albanien am 2. April 1939 militärisch überfallen und besetzt und damit gewissermaßen das miltärische Vorspiel zum 2. Weltkrieg geliefert. Vergessen! Das friedliebende Italien hat am 28.10.1940 aus eigenem Antrieb Griechenland überfallen und besetzt. Vergessen! Ein unbedeutendes Detail. Zahlen müssen und sollen heute endlich die Deutschen. Weg mit den Tatsachen. Kommunistische italienische Partisanen haben im italienischen Bürgerkrieg Pier Paolo Pasolinis Bruder ermordet. Passt nicht ins Bild. Also weg mit diesen Tatsachen. Denn sie könnten das Bild ins Wanken bringen, dass letztlich die Deutschen und nur die Deutschen an allem Bösen schuld sind.
Das ist die antideutsche Theologie oder auch Holocaust-Theologie, wie sie heute weltweit und tausendfach vertreten und gelehrt wird, vor allem auch in Deutschland selbst, aber daneben vor allem in tausenden von Filmen und Büchern über die „dunklen Zeiten“.
Bis hin zu dem Punkt, dass man sich an staatlichen deutschen Feiertagen schämt, die deutsche Sprache, die Muttersprache eines Martin Luther, Philipp von Zesen, Johann Sebastian Bach, Friedrich Schiller, Immanuel Kant, Albert Einstein, Karl Marx, Heinrich Heine, Sigmund Freud, Franz Kafka, Thomas Mann zu verwenden und stattdessen lieber Englisch oder gar nichts spricht und singt. Ist alles Deutsche böse?
Sind denn Martin Luther, Philipp von Zesen, Johann Sebastian Bach, Friedrich Schiller, Immanuel Kant, Heinrich Heine, Albert Einstein, Karl Marx, Sigmund Freud, Franz Kafka, Thomas Mann alle böse, nur weil sie Deutsche waren, die deutsche Sprache liebten und sprachen, oder im sprachlich-kulturellen Sinne als Deutsche anzusehen sind?
Stillschweigendes Motto des heutigen antifaschistischen, antirassistischen Kampfes:
a) Du sollst nicht wissen!
b) Du sollst nicht fragen!
c) Die Deutschen und nur die Deutschen haben mit ihren Helfershelfern ganz Europa verwüstet. Sie sind letztlich an allem Bösen in der europäischen Geschichte schuld.
„Kuckt mal, wir Deutsche haben den unter deutschem staatlichem Befehl ermordeten Millionen Juden Europas in der Nähe des Bendlerblockes und der Wilhelmstraße ein stattliches Denkmal gesetzt, wollt ihr Russen nicht auch den unter russischem staatlichem Befehl ermordeten Juden Europas, den unter russischem staatlichem Befehl ermordeten europäischen Christen, Atheisten, Kommunisten, den unter russischem staatlichem Befehl ermordeten Muslimen ein Denkmal setzen? – etwa in der Nähe der Lubianka?“ So frage ich manchmal.
„Wo denkst du hin? Die Stalinisten, das waren doch alles Verbrecher, Mörder, Räuber, Diebe und Banditen. Das ist vorbei, damit sind wird durch. Wir brauchen endlich den Schlussstrich unter den Stalinismus. Es waren Kriminelle, nicht wir Russen. STELL DOCH NICHT SO VIELE FRAGEN!“
DU SOLLST NICHT WISSEN! Das Schicksal der Millionen und Millionen von Terroropfern (darunter auch sehr viele Deutsche), die ab 1917 in der Sowjetunion verschleppt, interniert, ermordet, erschossen und hingerichtet wurden, ist weiterhin fast vollständig ungeklärt. Selbst die Zahlen schwanken. Waren es nun 15 Millionen, oder 30 Millionen oder 50 Millionen? Wir wissen es nicht, und wir werden es vielleicht nie erfahren.
Heute wird gesagt: Das war alles Stalin. Er allein?
Es wird gesagt: alles eine Folge des deutschen Überfalls auf die friedliebende Sowjetunion! Wirklich?
Der verbrecherische Angriff der Hitleristen auf die Stalinisten, die ihrerseits vorher bereits mehrere Nachbarstaaten in verbrecherischen Angriffskriegen überfallen hatten, erfolgte 1941. Die großen Säuberungen des sogenannten „Stalinismus“ mit millionenfachen Morden unter dem Befehl der russischen Staatsorgane, riesige Umsiedlungen, Zwangskollektivierungen hingegen wurden zu „Friedenszeiten“ durchgeführt, also insbesondere in den Jahren 1937/38 und dann noch einmal in den frühen 50er Jahren.
War das nur STALIN? Hatte er nicht wenigstens eine Partei und einen Geheimdienst dabei? Hat er allein eigenhändig in „Friedenszeiten“ Millionen Menschen ermordet?
Verschleppung, Vertreibung, Versklavung – dieses Schicksal traf ab 1917 unter dem Nationalbolschewismus, dem gelobten „Kommunismus in einem Lande“, zahlreiche nationale Minderheiten, nicht nur die zugewanderten deutschen Emigranten, sondern auch die autochthonen Volksgruppen wie etwa die Ukrainer oder die „Wolgadeutschen.“
DU SOLLST NICHT FRAGEN!
In der DDR und den anderen Staaten des Kommunismus galten starke Frageverbote.
Loretta Walz und Annette Leo fragen heute trotzdem – danke! Sie zeichnen in ihrem Film „Im Schatten des Gulag – als Deutsche unter Stalin geboren“ das Schicksal der deutschen Emigranten nach, die in den 30er Jahren von den kommunistischen – oder besser den „stalinistischen“ – Staatsorganen verschleppt, deren Familien zerstört, die verschickt und versklavt worden sind.
In der DDR war das Schicksal der verschleppten und vertriebenen Deutschen tabu. Das Wort Vertreibung der Deutschen durfte nicht verwendet werden. Noch heute zucken brave, tüchtige Menschen aus der früheren DDR peinlich berührt zusammen, wenn ich Namen wie Glogau oder Breslau in den Mund nehme, statt servil und korrekt Głogów und Wrocław zu sagen. Der deutsche Anteil in der Geschichte dieser Städte wird von sehr sehr vielen Deutschen – weniger als von Polen selbst – systematisch geleugnet.
„DU SOLLST NICHT ERINNERN!“
Keine Bange: Wenn ich Polnisch spreche, sage ich Wrocław wie die Polen, wenn ich Deutsch spreche, sage ich wie die Polen auch Breslau. Und wenn ich feinfühlig erahne, dass meinen wackeren schuldzerfressenen Deutschen alles Deutsche furchtbar unangenehm und verhasst ist, switsche ich ins Englische oder Russische. Oder ich halte gleich die Klappe. Du sollst nicht reden! Alles paletti.
Dennoch gilt: Breslau war über Jahrhunderte hinweg eine überwiegend, obzwar nicht ausschließlich deutsch geprägte Stadt, das war nun einmal die Stadt, aus der beispielsweise die folgenden Nobelpreisträger stammen (Auszug aus der Wikpedia):
Philipp Lenard (1905) fizyk, nagrodę otrzymał dzięki swej pracy nad promieniowaniem katodowym
Eduard Buchner (1907) niemiecki profesor chemii. Prowadził badania z dziedziny związków cyklicznych (odkrycie pirazolu), nad alkoholową fermentacją drożdżową i procesami fermentacyjnymi
Paul Ehrlich (1908) chemik i bakteriolog, wynalazł salwarsan lekarstwo przeciwko kile stosowane przed wynalezieniem antybiotyków
Gerhart Hauptmann (1912) dramaturg i powieściopisarz, był przedstawicielem nurtu naturalistycznego w teatrze
Fritz Haber (1918) chemik niemiecki pochodzenia żydowskiego, nagrodę otrzymał za opracowanie metody syntezy amoniaku, umożliwiającej produkcję nawozów sztucznych
Friedrich Bergius (1931) prace badawcze nad wysokociśnieniowym uwodornianiem węgla do węglowodorów ciekłych benzyna syntetyczna (metoda Bergiusa), scukrzaniem drewna (hydroliza celulozy)
Otto Stern (1943) fizyk, nagrodę otrzymał za swój wkład w rozwój metody wiązki molekularnej i odkrycia momentu magnetycznego protonu
Max Born (1954) sformułował standardową obecnie interpretację kwadratu funkcji falowej (ψ*ψ) w równaniu Schrödingera jako gęstości prawdopodobieństwa znalezienia cząstki
„Mehrere Millionen Opfer des stalinistischen Terrors! Hä? Ja, warum habt ihr uns davon nichts gesagt?“
So oder so ähnlich mochte sich mancher Pole, mancher Russe, mancher Tscheche, mancher Lette wohl die Augen reiben, als ab 1991 die Archive wieder geöffnet wurden und die kommunistischen Redeverbote beseitigt waren.
Auf etwa 30 Millionen Getötete schätzt die aktuelle polnische Wikipedia die Opferzahlen des „stalinistischen“ Terrors – ohne die im Krieg getöteten Soldaten hinzuzurechnen, ohne die zivilen Opfer von Kriegshandlungen und kriegsähnlichen Handlungen dazuzurechnen.
„Was war schlimmer – unser Nationalsozialismus oder euer Stalinismus?!“ So fragte ich ab 1991 immer wieder Polen, Tschechen oder Russen.
Die vielen Antworten, die ich aus den ehemals kommunistischen Ländern erhielt, fasse ich so zusammen:
„Unser Stalinismus war selbstverständlich schlimmer als euer Hitlerismus! Erstens hat er weit höhere Terroropferzahlen hervorgebracht, zweitens richtete sich der kommunistische Terror unterschiedslos gegen alle im eigenen Land, drittens dauerte der Terror bei uns einige Jahrzehnte, bei euch dauerte er nur 12 Jahre. Keine Bevölkerungsgruppe war bei uns einigermaßen geschützt. In Deutschland und den hitleristischen Ländern konnten sich vor dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 außer den Juden, den oppositionellen Gruppen, den Zigeunern, den anderen rassisch Verfolgten, den Kommunisten, den Homosexuellen, den aktiv im Widerstand lebenden Christen und sonstigen Widerständlern die meisten anderen einigermaßen sicher fühlen, solange sie sich politisch nicht betätigten.
Anders in Russland und den anderen stalinistischen Ländern. Hier konnte es auch vor dem Krieg bereits unterschiedslos nahezu alle treffen. Die Mordbefehle des kommunistischen Führers und seiner tausenden und abertausenden Helfershelfer konnten ab 1918 bis 1953 alle treffen. Wusstest du das nicht?“
Nein, das wusste ich nicht. Mir war immer erzählt worden, dass die größten Menschheitsverbrechen ausschließlich von deutschem Boden aus von den deutschen Faschisten begangen waren: nur die Deutschen und nur die deutschen Nationalsozialisten hatten die schlimmsten Menschheitsverbrechen begangen, das war bis etwa 1991 meine Meinung, so wurde es ja auch landauf landab verkündet.
Also: das absolute Böse in der Geschichte, das verkörperten die Deutschen und nur die Deutschen. Die Deutschen waren das absolute Unglück der Weltgeschichte. So wurde es erzählt.
„Niemand war sicher. So wurden auch nach dem 2. Weltkrieg von den Kommunisten in der sowjetischen Zone noch die Konzentrationslager Buchenwald und Oranienburg bis 1950 zusammen mit 8 anderen Speziallagern weiterbetrieben, um echte oder vermeintliche Gegner der Kommunisten wegzusperren und zu eliminieren – wusstest du das nicht?“
Nein, das wusste ich nicht. Nein, das war mir nicht erzählt worden.
Bis heute wissen es viele nicht. Es ist ihnen nicht erzählt worden, auch die Geschichte der Millionen anderen Terroropfer der kommunistischen Staaten Europas ist ihnen nicht erzählt worden.
Diese Erinnerungen kamen mir gestern wieder in den Sinn, als ich den Eintrag der polnischen Wikipedia zum Stichwort Stalinismus las.
Und Bert Brecht, Wyslawa Szymborska und Nazim Hikmet, haben sie etwas davon gewusst? Sie waren doch Unterstützer des Kommunismus?
Terror, którego ofiary w latach 1929-1953 szacuje się na ok. 30 milionów ludzi[potrzebne źródło] w ZSRR i krajach satelickich.
Zniszczenie dziedzictwa kulturowego kilkunastu narodów w wyniku masowych przesiedleń i rusyfikacji.
Śmierć ok. 10 mln żołnierzy radzieckich podczas II wojny światowej. Tak duże straty były spowodowane w dużej części niekompetencją kadry dowódczej, co było związane z wielkimi czystkami w Armii Czerwonej przed wojną oraz rozkazami Stalina („ani kroku w tył“, Rozkaz Nr 270, itp.).
Doprowadzenie do zapaści ekonomicznej w wyniku planowania gospodarki przemysłowej bez uwzględnienia praw popytu i podaży.
Całkowite zablokowanie wymiany wolnej myśli i związana z tym atrofia kultury i twórczych badań naukowych.
Zniszczenie środowiska naturalnego na ogromnych obszarach spowodowane przez gwałtowny rozwój przemysłu i armii ZSRR.
„Guten Tag, ich bin ihr Besuchsleiter. Hier auf diesem Gelände haben uns die Hitleristen gefangen gehalten“.
An meine erste Führung durch ein KZ erinnere ich mich gut. Es war Mitte der 70er Jahre. Zusammen mit einer Reisegruppe des Augsburger BDKJ besuchte ich Polen. Damals erwarb ich meine spärlichen Polnischkenntisse, die ich bis heute pflege.
Was der Überlebende des KZ Majdanek berichtet, war schwer erträglich. Die Schläge, die Quälereien, die unmenschliche Behandlung,
Aber „Hitleristen“? Darf man so einen Ausdruck verwenden? Damals hatte die DDR mit viel Aufwand es vermocht, den „Faschismus“ als Spätphase des Kapitalismus zu beschreiben. Jede Personalisierung wurde abgelehnt. Nur bei „Stalinismus“ drückte man ein Auge zu. Der XX. Parteitag der KPdSU fand es heraus: Nur Stalin und der Stalinismus hatte die Millionen und Abermillionen von Menschen umgebracht, alle anderen Kommunisten ab Lenin bis hin zu Ulbricht und Stoph waren folglich unschuldig.
Es ist spannend, an den verschiedenen Gedenkstätten des Grauens in Europa die Bezeichnungen zu lesen! Mal waren DIE DEUTSCHEN – les Allemands – die Urheber alles Bösen, dann wieder die Hitlerfaschisten, dann die Faschisten, dann die Nazideutschen, i nazisti tedeschi, usw. usw. Immer waren die anderen die Bösen, fast immer waren die Deutschen und nur die Deutschen die Bösen. Und so ist es bis heute geblieben.
Das in den Medien entstehende Bild der Jahre 1917-1956 ist in hohem Maße verzerrt. So weiß beispielsweise kaum jemand, dass die Zahl der im inneritalienischen Bürgerkrieg Gefallenen in den Jahren 1943-1945 weit höher ist als die Zahl der von den deutschen Nazifaschisten getöteten Italiener. Der ebenfalls blutige, erbitterte griechische Bürgerkrieg von 1946 bis etwa 1956, der Griechenland zu einem gespaltenen Land machte, ist fast völlig vergessen, und weithin unbekannt ist die innige Waffenbrüderschaft der deutschen Nazifaschisten und der ruhmreichen Sowjetarmee, die am 22.09.1939 in Brest-Litowsk in einer gemeinsamen, lächelnd-waffenstarrenden Triumphparade der Nationalsozialisten und der Kommunisten gipfelte (Video).
Aber seit jenen ersten Gesprächen mit einem ehemaligen Insassen des KZ Majdanek weiß ich, dass es schwierig ist, alle Schuld den Deutschen zu geben, zumal ja die Sowjetunion zeitgleich mit den Nazis ihre Nachbarn Polen, Lettland, Estland, Litauen, Finnland, Rumänien ebenfalls mit Angriffskriegen, Lagersystem, staatlich gedecktem Massenmord und blutiger Verfolgung quälte. In den genannten Ländern gab es häufig nur die Wahl zwischen Stalinismus und Hitlerismus. Ein drittes gab es oft nicht.
Ich weiß es genau von den Überlebenden und aus der Literatur: Freiwillige Nazis gab es unter allen Völkern Europas, also auch unter den Norwegern, Schweden, Finnen, Polen, den Russen, den Ukrainern, den Letten, Griechen, Tschechen, Italienern, Ungarn und Litauern. Aus vielen Ländern, unterworfenen und nicht besetzten, wurden Freiwilligenverbände gebildet, die Seit an Seit mit den deutschen Nazis kämpften, folterten und töteten. Von 1933- 1945 hielten sie zu Hitler. In diesem Sinne durfte man später international von Hitlerismus sprechen, und in der Tat war früher der Ausdruck Hitlerizm unter den ehemaligen polnischen KZ-Insassen durchaus gang und gäbe. In der Lagerhierarchie standen die Deutschen zwar oben, aber danach kamen gleich die unzähligen Handlanger und Verbündete, die Hitleristen – Hitler’s willing executioners. Die Kapos, die entscheidende Stütze des Lagersystems waren fast nie Deutsche, sondern Angehörige anderer Nationen.
Freiwillige und überzeugte Nazis gab es 1933-1945 überall, und selbstverständlich gab es damals und gibt es auch heute russische Nazis und russische Neonazis. Man sollte sich also über das Wiederaufleben der Nazis in den ostdeutschen Ländern (früher DDR) und Russland nicht wundern, zumal der Schuljugend in der Sowjetunion und der DDR das Blaue vom Himmel heruntergelogen wurde.
Freiwillige Kommunisten gab es ebenfalls überall, und zu Zeiten Stalins waren sie fast alle entschiedene Befürworter der Repression, des Gulags und der brutalen Ausmerzung der „fremdvölkischen“ Eliten, wie sie Russland etwa 1939 in Polen vollzog. Erst nach 1956 kam der Ausdruck Stalinismus in Mode. Ein Bert Brecht, ein Nazim Hikmet hätten sich dagegen verwahrt, als Stalinisten bezeichnet zu werden. Sie waren Kommunisten und Marxisten, und sie unterstützten ohne Zweifel die Kommunistische Partei der Sowjetunion unter der Führung des großen, ruhmreichen Führers Stalin. Als Stalinisten würde ich Brecht und Hikmet dennoch nicht bezeichnen, obwohl sie die Sowjetunion bereisten und sich ein Bild von der „stalinistischen“ Repression machen konnten – hätten machen können.
Der Ausdruck Hitlerismus ist ebenso falsch oder richtig wie der Ausdruck Stalinismus.
Staunenswert aber, dass ausgerechnet diese beiden erklärten Kommunisten, Bert Brecht und Nazim Hikmet bei der Gedenkfeier im Berliner Schauspielhaus vor wenigen Tagen mit ihren Versen als Kronzeugen des Kampfes gegen neonazistische Gewalt zitiert wurden!
Ein kühnes Unterfangen legt der britische Verleger Peter McGee mit seinen Zeitungszeugen hin.
„Berlin bleibt rot!“ Unter diesem Kampfruf versammelten sich im Februar 1933 täglich Menschen, Vereine, Chöre in Berlin. Das kann man alles im Vorwärts in orginalen Beiträgen nachlesen.
Die in dieser Woche nachgedruckten Zeitungen, etwa der „Vorwärts“ vom 28.02.1933 oder die „Vossische Zeitung“ vom 28.02.1933 sind wahre Schatzgruben der Erkenntnis für jeden historisch interessierten Zeitgenossen, der in Berlin lebt. So bringt der „Vorwärts“ einen profunden Artikel über die Karl-Marx-Schule in Neukölln – ein Vorbild der heutigen Rütli-Schule! Beide Zeitungen berichten beispielsweise auch über die per Gesetz erlassene Beschränkung der „ungerechtfertigt hohen“ Vorstandsgehälter in staatlich subventionierten Unternehmen durch die Reichsregierung. Wer Staatsknete bekommt, der muss auch hinnehmen, dass die Regierung die Managergehälter beschränkt.
Das war ein eindeutiger Eingriff in die Eigentumsrechte der Kapitaleigner durch die Regierung Hitler! Wie mag diese Maßnahme wohl auf den marxistischen Leser des Vorwärts gewirkt haben? Beschränkung der Managergehälter! Sie erraten es: Sie wurde mit Sicherheit begrüßt. Die neue Reichsregierung strich offenbar ganz bewusst das sozialistische Element ihrer Programmatik in der Wirtschaftspolitik hervor. Das schuf ganz offensichtlich Zustimmung weit ins rote Lager hinein. Berlin blieb nicht rot, sondern wurde braun, wobei braun ja bekanntlich eine starken Rot-Anteil erhält.
Es lohnt sich in jedem Fall, einmal eine Ausgabe der Zeitungszeugen zu kaufen! Denn hier kann man erfahren, wie das Regime sich Schritt um Schritt Zustimmung sicherte.
The British, the British, the British are best,
I wouldn’t give tuppence for all of the rest
Derartig stolzgeschwellte Bocksgesänge sang ich gern selbst gelegentlich mit meinen britischen Kolleginnen und Kollegen mit, wenn es um lustiges Laienspiel ging. Diese Zeilen fielen mir wieder ein, als ich kürzlich „The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide“ von David Olusoga und Casper W. Erichsen las. Kein lustiges Thema. Die Autoren stellen bereits im Titel die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage. Denn wenn der deutsche Kaiser bereits in Deutsch-Südwest-Afrika einen Holocaust beging, wird dadurch unterstellt, es habe nicht nur einen von den Deutschen begangenen Holocaust gegeben. Die Deutschen wären erneut gebrandmarkt als das Volk des – diesmal doppelten – Holocaust. Soweit nichts Ungewöhnliches.
Gefröre einem nicht das Blut in den Adern, wäre man versucht zu singen:
The Germans, the Germans, the Germans are worst
I wouldn‘ give twoppence for all others‘ burst …
Dürfen die Autoren aber eigentlich die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage stellen? Viele kluge und weniger kluge Argumente für und wider sind darüber gesagt und gedruckt worden.
Die Welt ist offenbar weiterhin einig, dass die Deutschen und nur die Deutschen die schlimmsten Menschheitsverbrechen begangen haben. Selbst die Deutschen fangen ja bereitwillig an dies zu glauben. Das geht so weit, dass man sagen kann: Selbst wenn es einen zweiten Holocaust gegeben haben sollte, hätten ihn denknotwendig immer noch die Deutschen und nur die Deutschen begangen. So bleibt alles in Ordnung. Das ist der Sinn des Buchtitels „The Kaiser’s Holocaust“.
Auf über 6 Millionen Tote schätzen Historiker die Zahl der in der Shoah (vulgärsprachlich Holocaust) von staatlichen Organen und deren willigen Helfershelfern ermordeten europäischen Juden. Staatliche Organe und Bürger fast aller europäischen Länder waren an diesem entsetzlichen Massenmord beteiligt. Historiker, die sich in die Archive und Zeitzeugenberichte hineinwagen, wissen es längst: Offenkundig war der Holocaust nicht die alleinige Schuld Deutschlands und der mit ihm verbündeten Staaten. Sowohl besetzte Länder als auch unbesetzte europäische Länder haben mit staatlichen Organen und mit Bürgern am Holocaust mitgewirkt. So hat etwa der nicht von den Deutschen besetzte Teil Frankreichs, der Französische Staat (vulgärsprachlich „Vichy-Regime“ genannt), haben französische Polizisten und Gendarmen bereitwillig und ohne jeden Zwang Juden an den deutschen Staat zur Ermordung ausgeliefert.
6 Millionen – eine schreckliche Zahl, hinter der sich unbeschreibliches Elend und Grauen verbirgt!
Auf weit über 55 Millionen Tote schätzt der Historiker Norman Davies die Zahl der von staatlichen Organen und Institutionen Getöteten, die von 1917-1953 in der Sowjetunion und sowjetisch annektierten Ländern ums Leben kamen – wohlgemerkt ohne Kriegsopfer. Weit über 55 Millionen tatsächliche oder vermutliche, echte oder eingebildete Gegner der kommunistischen Diktatur verloren ihr Leben in systematischen oder willkürlichen Erschießungen, durch Hinrichtungskommandos, in Lagern, in Gefängnissen, wurden erschlagen, deportiert, vertrieben, in den Hungertod getrieben. Schrecklich.
„Ein Toter ist eine Tragödie – eine Million Tote sind nur Statistik“, so sagte Stalin einmal. Die staatlichen Organe der Sowjetunion haben von 1917 bis mindestens 1953 dementsprechend gehandelt. Hinter den Dutzenden und Dutzenden Millionen Ermordeter der kommunistischen Diktaturen in der Osthälfte Europas stecken Tragödien, zerbrochene Familien, zerstörte Existenzen, verwüstete Landstriche.
6 Millionen Ermordete! 55 Millionen Ermordete! Das sind atemberaubende Zahlen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Leider muss man die ungefähren Opferzahlen zusammenrechnen, um eine Vorstellung von der Dimension der Verbrechen zu erhalten. Kein Zweifel kann daran bestehen, welches der beiden totalitären Regime mehr Ermordete durch brutale Repression auf dem Gewissen hat. Offenbar haben die kommunistischen linken Diktaturen durch Verfolgung und Repression insgesamt weit mehr Tote, weit mehr Ermordete in den eigenen zivilen Bevölkerungen verursacht als die nationalsozialistischen und faschistischen rechten europäischen Diktaturen.
Ob man nun den Holocaust oder die Shoah der europäischen Juden einzigartig nennt oder nicht, ist meines Erachtens zweitrangig. Man sollte sich nicht den Mund fusslig über Einzigartigkeit reden, sondern der Millionen Opfer aller systematischen Massenmorde, die sich gegen Völker, gegen Klassen, gegen echte oder eingebildete Feinde richteten, gedenken.
Jeder Mord ist in gewisser Weise einzigartig, ist das schlimmste Verbrechen. „Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit“, sagen Talmud und Hadithe übereinstimmend.
Dass aber systematischer Massenmord sich geplant oder willkürlich gegen ganze Völker, gegen Religionen oder Menschengruppen, gegen Klassen oder Rassen richtete, ist leider in der Menschheitsgeschichte mehrfach vorgekommen. Es geschah in deutschem Namen in Deutsch-Südwestafrika, es geschah aber auch nicht minder brutal in belgischem Namen in Belgisch-Kongo, in französischem Namen in Algerien, in italienischem Namen in Libyen und Abessinien.
Das EU-Parlament sollte versuchen, auch den vergessenen Opfergruppen Gerechtigkeit im trauernden Gedenken widerfahren zu lassen. Dabei sollten Deutsche vor allem die Opfer der von Deutschen begangenen Verbrechen, Russen die Opfer der von Russen begangenen Verbrechen, Belgier die Opfer der von Belgiern begangenen Verbrechen, Europäer die Opfer der von Europäern begangenen Verbrechen betrauern. Nur aus der Trauer über die selbstbegangenen Verbrechen der eigenen Völker kann Versöhnung erwachsen.
Ganz anders sieht dies jedoch eine Gruppe von EU-Abgeordneten, – worüber heute die taz berichtet:
David Olusoga und Casper W. Erichsen: The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide. Faber & Faber, London 2010
Frank Brendle: Der Holocaust ist einzigartig. taz online, 19.01.2012
Norman Davies: Categories of people killed in Soviet Russia and the Soviet Union 1917-1953 (excluding war losses, 1939-1945), in: Europe. A History. Pimlico, London, 1997, S. 1328-1329
Was wiegt ein Menschenleben? Alles! Was wiegen tausend, hunderttausend, eine Million Tote? Sie sind Statistik. Eines von Millionen Schicksalen greift heute dankenswerterweise Maxim Leo in der Berliner Zeitung auf S. 3 heraus und erzählt es packend: Alex Glesels Eltern zogen als überzeugte Kommunisten 1931 aus Berlin nach Russland, um dort den Kommunismus mit aufzubauen. Im September 1937 holt ein sowjetisches Erschießungskommando seinen Vater aus der Wohnung. In einem Waldstück in der Nähe von Leningrad wird der Vater erschossen. Er ist einer von einer hohen zweistelligen Millionenzahl unschuldiger Menschen, die ab 1918 auf staatlichen Befehl innerhalb der Sowjetunion ermordet wurden. Maxim Leo schreibt:
In dem Waldstück, in dem Glesels Vater starb, wurden innerhalb einer Woche 43 000 Menschen von Erschießungskommandos ermordet und verscharrt. Das geht aus den Exekutionslisten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD hervor, die später gefunden wurden. Insgesamt wurden neuesten Forschungen zufolge allein in den Jahren 1937 und 1938 in der Sowjetunion etwa drei Millionen unschuldige Menschen auf staatlichen Befehl hin ermordet. Zu den Terroropfern gehören auch etwa dreitausend Deutsche, darunter viele Kommunisten.
Die Mutter wird 1941 kurz nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion vom Sohn getrennt. Erst 1948 wird er sie in Karaganda wiedersehen. Alex schuftet unter Tage.
1956 darf Alex Glesel nach Berlin ausreisen. Reden über das, was er erlebt hat, darf er nicht. DU SOLLST NICHT WISSEN!, ist die Devise. „Für die Deutschen ist er der Russe, der seltsame Typ, der nicht mit ihnen lachen kann.“
Ab 1956 etwa setzte eine Umkehr ein. Man einigt sich darauf, dass Stalin diese Millionen und Abermillionen Menschen umgebracht hat. Man spricht von Fehlern und dass man die Zukunft meistern müsse. Die Vokabel „Stalinismus“ wurde gefunden. Es waren nicht Ulbricht, Pieck und Wehner, die die Todeslisten ergänzten, sondern es war der „Stalinismus“.
Zeitgeschichte: Lebenslänglich | Gesellschaft – Berliner Zeitung
In dem Waldstück, in dem Glesels Vater starb, wurden innerhalb einer Woche 43 000 Menschen von Erschießungskommandos ermordet und verscharrt. Das geht aus den Exekutionslisten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD hervor, die später gefunden wurden. Insgesamt wurden neuesten Forschungen zufolge allein in den Jahren 1937 und 1938 in der Sowjetunion etwa drei Millionen unschuldige Menschen auf staatlichen Befehl hin ermordet. Zu den Terroropfern gehören auch etwa dreitausend Deutsche, darunter viele Kommunisten.
Quelle: Maxim Leo: Lebenslänglich. Berliner Zeitung, 29.11.2011
Wieder und wieder stoße ich auf Grab- und Bodenplatten der europäischen Geschichte – Vorgänge, die verdrängt und vergessen werden, die aber machtvoll nach oben quellen. Die schrecklichen Bürgerkriege innerhalb vieler europäischer Länder gehören zu diesen furchtbaren Vergessenheiten. Wer weiß etwa in Italien, dass der italienische Bürgerkrieg in den Jahren 1943-1945 – „Italiener schießen auf Italiener“ – weit mehr Todesopfer im Bel paese gefordert hat, weit furchtbarer war als alle Kämpfe im Kontext des zwischenstaatlichen Krieges? Wer weiß etwa heute, dass die Massenmorde der Italiener in Addis Abbeba, der Hauptstadt des italienisch besetzten Abessinien, im Februar 1937 Tausende von unschuldigen Zivilisten das Leben kosteten? Kein Italiener ist für die staatlich gedeckten und angeordneten Massaker je zur Rechenschaft gezogen worden, es gibt meines Wissens über die Kriegs- und Kolonialgräuel der Italiener keinen einzigen Spielfilm. Keine Schulklasse reist mit einem Zug der Erinnerung nach Libyen oder ins kroatische Rab, um ehemalige italienische Konzentrationslager oder Stätten italienischer Massenmorde wie etwa Debrá Libanós zu besuchen. Die allermeisten italienischen Schüler hören nie etwas davon. Lieber bleibt man bei der Vorstellung Italiani – brava gente. „So etwas haben wir nicht getan, denn wir können es nicht getan haben. Denn wir sind gut.“ Und so bleiben die finstersten Kapitel des nationalen Epos versiegelt. Nur wenige Historiker wie etwa Angelo del Boca rütteln an diesen Überzeugungen.
Gleiche Situation in Griechenland, in Lettland, in der Ukraine, in Russland! Die Länder üben sich im Vergessen, Verschütten, Verdrängen. Und schuld an der Schuld, schuld an den Schulden sind immer die anderen. Das ist das große Thema etwa des griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos. Über ihn schreibt heute Andreas Kilb auf S. 36 in der FAZ:
„Das Land, das sich im Bürgerkrieg gespalten hat, ist niemals eins geworden, es hat seine Zerrisssenheit nur verdrängt. Damit die Mächtigen bei ihren Silvesterfeiern unter sich bleiben konnten, wurde das Wahlvolk mit Geldgeschenken beschwichtigt. Und wie der tote Partisan, der am Ende des Films wieder im Schnee verbuddelt wird, blieb das finsterste Kapitel des nationalen Epos unter Verschluss.“
Quellenangaben:
Andreas Kilb: Die letzten Tage der besseren Gesellschaft. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2011, S. 36
Paul Ginsborg: Salviamo l’Italia. Giulio Einaudi editore, Torino 2010, S. 71-72