Jan. 192012
 

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The British, the British, the British are best,
I wouldn’t give tuppence for all of the rest

Derartig stolzgeschwellte Bocksgesänge sang ich gern selbst gelegentlich mit meinen britischen Kolleginnen und Kollegen mit, wenn es um lustiges Laienspiel ging. Diese Zeilen fielen mir wieder ein, als ich kürzlich  „The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide“ von David Olusoga und Casper W. Erichsen las. Kein lustiges Thema. Die Autoren stellen bereits im Titel die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage. Denn wenn der deutsche Kaiser bereits in Deutsch-Südwest-Afrika einen Holocaust beging, wird dadurch unterstellt, es habe nicht nur einen von den Deutschen begangenen Holocaust gegeben. Die Deutschen wären erneut gebrandmarkt als das Volk des – diesmal doppelten – Holocaust. Soweit nichts Ungewöhnliches.

Gefröre einem nicht das Blut in den Adern, wäre man versucht zu singen:

The Germans, the Germans, the Germans are worst
I wouldn‘ give twoppence for all others‘ burst …

Dürfen die Autoren aber eigentlich die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage stellen? Viele kluge und weniger kluge Argumente für und wider sind darüber gesagt und gedruckt worden.

Die Welt ist offenbar weiterhin einig, dass die Deutschen und nur die Deutschen die schlimmsten Menschheitsverbrechen begangen haben. Selbst die Deutschen fangen ja bereitwillig an dies zu glauben. Das geht so weit, dass man sagen kann: Selbst wenn es einen zweiten Holocaust gegeben haben sollte, hätten ihn denknotwendig immer noch die Deutschen und nur die Deutschen begangen. So bleibt alles in Ordnung. Das ist der Sinn des Buchtitels „The Kaiser’s Holocaust“.

Auf über 6 Millionen Tote schätzen Historiker die Zahl der in der Shoah (vulgärsprachlich Holocaust) von staatlichen Organen und deren willigen Helfershelfern ermordeten europäischen Juden. Staatliche Organe und Bürger fast aller europäischen Länder waren an diesem entsetzlichen Massenmord beteiligt. Historiker, die sich in die Archive und Zeitzeugenberichte hineinwagen, wissen es längst: Offenkundig war der Holocaust nicht die alleinige Schuld Deutschlands und der mit ihm verbündeten Staaten. Sowohl besetzte Länder als auch unbesetzte europäische Länder haben mit staatlichen Organen und mit Bürgern am Holocaust mitgewirkt.  So hat etwa der nicht von den Deutschen besetzte Teil Frankreichs, der Französische Staat (vulgärsprachlich „Vichy-Regime“ genannt), haben französische Polizisten und Gendarmen bereitwillig und ohne jeden Zwang Juden an den deutschen Staat zur Ermordung ausgeliefert.

6 Millionen – eine schreckliche Zahl, hinter der sich unbeschreibliches Elend und Grauen verbirgt!

Auf weit über 55 Millionen Tote schätzt der Historiker Norman Davies die Zahl der von staatlichen Organen und Institutionen Getöteten, die von 1917-1953  in der Sowjetunion und sowjetisch annektierten Ländern ums Leben kamen – wohlgemerkt ohne Kriegsopfer. Weit über 55 Millionen tatsächliche oder vermutliche, echte oder eingebildete Gegner der kommunistischen Diktatur verloren ihr Leben in systematischen oder willkürlichen Erschießungen, durch Hinrichtungskommandos, in Lagern, in Gefängnissen, wurden erschlagen, deportiert, vertrieben, in den Hungertod getrieben. Schrecklich.

„Ein Toter ist eine Tragödie – eine Million Tote sind nur Statistik“, so sagte Stalin einmal. Die staatlichen Organe der Sowjetunion haben von 1917 bis mindestens 1953 dementsprechend gehandelt. Hinter den Dutzenden und Dutzenden Millionen Ermordeter der kommunistischen Diktaturen in der Osthälfte Europas stecken Tragödien, zerbrochene Familien, zerstörte Existenzen, verwüstete Landstriche.

6 Millionen Ermordete! 55 Millionen Ermordete! Das sind atemberaubende Zahlen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Leider muss man die ungefähren Opferzahlen zusammenrechnen, um eine Vorstellung von der Dimension der Verbrechen zu erhalten. Kein Zweifel kann daran bestehen, welches der beiden totalitären Regime mehr Ermordete durch brutale Repression auf dem Gewissen hat. Offenbar haben die kommunistischen linken Diktaturen durch Verfolgung und Repression insgesamt weit mehr Tote, weit mehr Ermordete in den eigenen zivilen Bevölkerungen verursacht als die nationalsozialistischen und faschistischen rechten europäischen Diktaturen.

Ob man nun den Holocaust oder die Shoah der europäischen Juden einzigartig nennt oder nicht, ist meines Erachtens zweitrangig. Man sollte sich nicht den Mund fusslig über Einzigartigkeit reden, sondern der Millionen Opfer aller systematischen Massenmorde, die sich gegen Völker, gegen Klassen, gegen echte oder eingebildete Feinde richteten, gedenken.

Jeder Mord ist in gewisser Weise einzigartig, ist das schlimmste Verbrechen. „Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit“, sagen Talmud und Hadithe übereinstimmend.

Dass aber systematischer Massenmord sich geplant oder willkürlich gegen ganze Völker, gegen Religionen oder Menschengruppen, gegen Klassen oder Rassen richtete, ist leider in der Menschheitsgeschichte mehrfach vorgekommen. Es geschah in deutschem Namen in Deutsch-Südwestafrika, es geschah aber auch nicht minder brutal in belgischem Namen in Belgisch-Kongo, in französischem Namen in Algerien, in italienischem Namen in Libyen und Abessinien.

Das EU-Parlament sollte versuchen, auch den vergessenen Opfergruppen Gerechtigkeit im trauernden Gedenken widerfahren zu lassen. Dabei sollten Deutsche vor allem die Opfer der von Deutschen begangenen Verbrechen, Russen die Opfer der von Russen begangenen Verbrechen, Belgier die Opfer der von Belgiern begangenen Verbrechen, Europäer die Opfer der von Europäern begangenen Verbrechen betrauern. Nur aus der Trauer über die selbstbegangenen Verbrechen der eigenen Völker kann Versöhnung erwachsen.

Ganz anders sieht dies jedoch eine Gruppe von EU-Abgeordneten, – worüber heute die taz berichtet:

EU-Abgeordnete formulieren Appell: Der Holocaust ist einzigartig – taz.de

Quellenangaben:

David Olusoga und Casper W. Erichsen: The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide. Faber & Faber, London 2010

Frank Brendle: Der Holocaust ist einzigartig. taz online, 19.01.2012

Norman Davies: Categories of people killed in Soviet Russia and the Soviet Union 1917-1953 (excluding war losses, 1939-1945), in: Europe. A History. Pimlico, London, 1997,  S. 1328-1329

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„Ich brauche meine Familie“, oder: jede lebe ihren Stiletto!

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Jan. 182012
 

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Der arme Kreuzberger Blogger genoss nach dem Frühstück das herrlich frauliche Gespräch zwischen den feschen Münchner Darstellerinnen Birgit Minichmayr und Bibiana Beglau in der neuen Vogue deutsch, ab S. 206. Lesenswert, da wär ich aber gern dabeigewesen! Ein klares, spielerisches Plaudern über den Zwang zur Androgynität auf deutschen Bühnen, in deutschen Filmen, die fest in der Hand der ewigen Jünglinge, der ewigen Mädchen sind – und deren Herrscher natürlich vorzugsweise ihresgleichen einkaufen und einstellen.  

Toll andererseits das Geständnis: „Ich brauche meine Familie“, so Birgit Minichmayr . – Na endlich singt jemand wieder ein sehr sehr verdruckstes Loblied der Familie. Schön. Wobei Familie stets die eigenen Eltern sind, nie der Mann, die Frau oder die eigenen Kinder. Eigene Kinder, eigener Mann, das kannst du als Künstlerin und öffentliche Frau nicht bringen, mindestens nicht in der Öffentlichkeit! Dann bist du nicht mehr en vogue! Denn jede lebt ihren Stiletto und tankt auf bei Mutti.

FreundInnen! Die neueste VOGUE erzählt so viel über unsere Gesellschaft! Zunächst einmal: Das völlige Verschwinden des Mütterlichen aus dem öffentlichen Frauenbild. Das Abmagern, das Hinmagern zum knabenhaften Körper! Herrlich dieses Hermaphroditische, artistisch herausgestellt in der Schwarz-Weiß-Photographie eines Axel Hoedt, in Frisur, Körperhaltung und Makeup!  Jeder, die magersüchtige Mädchen kennt, weiß, welche Leiden dieser gesellschaftliche Druck erzeugt. Und doch die tiefe Sehnsucht nach dem Mütterlichen – vorzugsweise von Frau zu Frau – aber eben unter Ausschluss des Kindes, unter völliger Leugnung des Kinderwunsches, unter Leugnung des Älterwerdens. Supi! So entsteht die organisch schrumpfende Gesellschaft. Ein schallender Beleg dafür sind die neuesten, gestern herausgekommenen Bevölkerungsstrukturdaten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)! Die Zahl der alleinlebenden Singles, der alleinlebenden Alten und der Alten überhaupt, die Zahl der zeitweilig zusammenlebenden Paare ohne Kinder nimmt weiter zu – das sind wichtige, geldwerte Daten für Konsumforscher, Städteplaner, Autobauer, Friseure und Designer.

Auch die politischen Parteien haben sich längst auf diesen Megatrend der Konsumforscher eingeschworen. Es gibt beispielsweise in Deutschland keine Partei, die offen das Gründen von Familien, das Zeugen und Aufziehen von Kindern, das Zusammenleben mit Kindern und mit Großeltern, das Gründen und Wachsenlassen einer Familie für ein vorrangiges Ziel der Gesellschaftspolitik erklärte. Ich persönlich halte es allerdings für ein überragendes Ziel.

Ebenso gibt es meines Wissens keine namhaften PädagogInnen oder BildungsforscherInnen mehr, die Erziehung zu zwischenmenschlicher Verantwortung zu einem der obersten Ziele von Bildung und Erziehung zu erklären wagten. Motto ist heute: JedeR sorge für sich – der Staat sorge für alle!

Wichtig sind heute Punktezahlen im VERA-Test, sind die Erfüllung der EU-Konvergenzkriterien, sind Bologna-Prozesse und Europäische Qualifikationsrahmen.

Was heute gesellschaftspolitisch zählt, sind Quoten: Studierendenquoten – mindestens 40% eines Altersjahrgangs müssen es schon sein, die die Universitäts-Hörsäle füllen. Dass händeringend HandwerkerInnen gesucht werden – egal! Auch zählen die Frauenerwerbsquoten: je mehr Frauen im Erwerbsleben, desto besser! Mutterwerden muss warten können oder ganz ausfallen.  Lohnabstandsgebote, demographische Faktoren, Inflationsausgleich, Rentenformel, Kleinkinderbetreuungsquoten – das sind die Stellschrauben.

Überragendes Ziel ist ausweislich der VOGUE und der Gesellschaft für Konsumforschung offensichtlich die komplett verwertbare, ewig junge, selbständige, mädchenhafte, androgyne, die vollkommene Frau, die ewige Tochter und marktgerechte junge Frau. Sie soll es auch noch genießen, sie soll glücklich sein dabei.

Ohne SORGE, seid OHNE SORGE!

Das Gespräch zwischen Birgit Minichmayr und Bibiana Beglau offenbart die tiefen Risse, das tiefe Unwohlsein in diesen einseitigen Zuschreibungen dessen, wie die moderne Frau zu sein hat. Die moderne Frau zahlt einen hohen Preis für ihr ständiges Streben nach Bühnen- und Marktgerechtigkeit.

Danke, Frau Beglau, danke, Frau Minichmayer!

Quellennachweis: SPIEL-LUST. Birgit Minichmayer und Bibana Beglau über Liebe, Nacktheit auf der Bühne und den Verdacht, eine Diva zu sein. Moderation: Eva Karcher. VOGUE deutsch, 2/2012, Februar 2012, S. 206-211

Mode, Trends, Beauty und People – VOGUE

Foto: die Kirche St. Nikolai am Gasteig, München, aufgenommen gestern

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Die guten Nachrichten des Tages

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Jan. 152012
 

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Gute Nachricht 1:Der arme Blogger hat soeben einen N150 Wireless ADSL2+ Modemrouter erfolgreich – diesmal fehlversuchsfrei, diesmal sogar ohne Hilfe seines weit technik-kundigeren Sohnes – installiert. Alle, die mich besuchen, dürfen auch mal surfen, besonders mein weit technikkundigerer Sohn!

Gute Nachricht 2: Von Erna Woll, einer Komponistin, die wir in meiner Kindheit einige Male besuchen durften, entdeckte ich ein Lied beim Blättern durch ein vor wenigen Tagen im Kreuzberger Buchladen Anagramm gekauftes Buch. Ja, sie war ja eine Norddeutsche, und mit der spröden Schönheit ihrer Musik hatte sie es in Bayern nicht leicht! Ein paar Verse über gute Erziehung entnehme ich daraus – Lothar Zenetti dichtete sie:

[…]  hilf uns ihm zu helfen
daß es greifen lernt mit seinen eignen Händen
nach der Hand seiner Freunde,
nach Maschinen und Plänen,
nach dem Brot und den Trauben […]

Gute Nachricht 3: Die erste computergefertigte Papier-Ausgabe des „Kerzendorfer Blitzes“, herausgegeben von W. (9 Jahre), ist da! Auflage: 8 Stück. Rubriken:
Witziges
Kerzendorf-Nachrichten
Es weihnachtet sehr
Eisenbahniges
INTERNET (Sondermeldung),
Einkauftipps
Alles wohlgemerkt ohne Hilfe des Vaters oder eines anderen Erwachsenen!

Unser Foto zeigt einen Blick nach Kerzendorf, aufgenommen noch im Dezember 2011

Quellenangaben:

NETGEAR N150 Wireless ADSL2+ Modemrouter DG1000B Installationsanleitung Ressourcen-CD

Gotteslob Morus Vrlg Brln üb.arb. Aufl. 1996 GL 636 S 593

Kerzendorfer Blitz Ausgabe 1/2012 Kreuzberg 14. Januar 2012

 Posted by at 00:41
Jan. 122012
 

Gepriesen sei der unerschöpfliche Vorrat türkischer Sprichwörter! Mit kaum jemand unterhalte ich mich so gern wie mit den Kreuzberger Türken — oder Türk-Innen, wie ich korrekterweise und hässlicherweise sagen müsste. Fast immer springt eine verbindende Einsicht in Form einer Volksweisheit heraus.

„Unter den Füßen der Mütter ist das Paradies!“ Das erfuhr ich gestern. DARÜBER kann man aber lange nachdenken. Und das ist ja auch der Sinn der Sprichwörter.

 Posted by at 12:26
Jan. 092012
 

Weiterhin schwierig bleibt die hochdeutsche Sprache für uns Deutsche! Hier wieder ein beliebiges kleines Fundstück, diesmal aus der aktuellen Berliner Zeitung. Als Hintergrund sei erklärt: Ein malaysischer Politiker wurde von einem Gericht des Landes für unschuldig erklärt. Anwar Ibrahim habe sich nichts Strafwürdiges zuschulden kommen lassen. Denn er sei gar nicht homosexuell, und darüber jubelt die deutsche Presse von SPIEGEL bis TAGESSPIEGEL einmütig. Es war also nichts dran an der grundlosen Unterstellung, er sei homosexuell. Es war also nur versuchter Rufmord. Große Erleichterung für die deutsche und die malaysische Presse! Alles in Butter für unsere butterweiche deutsche Presse!

Dass nicht nur in Malaysia, sondern in vielen Ländern homosexuelle Handlungen unter hohen Gefängnisstrafen oder gar unter Todesstrafe durch Steinigung verboten sind, kümmert die deutsche Presse in ihrem Jubel nicht. Die Journalisten sind ja auch alle tagaus tagein mit Herrn Wulff beschäftigt. Da können sie sich tummeln – ohne jede Strafandrohung. Toll. Alles in Butter.

Hier unser deutscher Satz des Tages aus der Tagespresse:

Malaysia: Freispruch für Oppositionsführer Anwar Ibrahim | Politik – Berliner Zeitung
„Die Proben waren am Körper des ehemaligen Mitarbeiter – dem Hauptbelastungszeugen – gefunden worden.“

Richtig war bis meines Erachtens bis vor wenigen Jahrzehnten:

„Die Proben waren am Körper des ehemaligen Mitarbeiters – des Hauptbelastungszeugen – gefunden worden.“

Denn nicht der Körper des ehemaligen Mitarbeiters, sondern der ehemalige Mitarbeiter war Hauptbelastungszeuge. Sonst wäre es Mord gewesen.

Man nannnte das Phänomen Genitiv.

 Posted by at 13:21
Jan. 092012
 

Mit zünftigen Anhängern der Augsburger Panther heizte ich am Donnerstag im Kreuzberger Yorckschlösschen für das Match gegen die Berliner Eisbären vor.

„Bei euch in Berlin wird noch um 21 Uhr der Briefkasten geleert!“, staunte ein Panther, als ich einen Brief vor dem Rathaus Kreuzberg einwarf. „Bei uns in Augsburg wäre das undenkbar!“. „Ja, so ist das bei uns“, erwiderte ich: „Nehmt Briefkastenleerung, nehmt Kindergartendichte, nehmt Zahl der Lehrer pro Schüler, nehmt BVG-Taktung, Schuldnerberatung  oder Sozialarbeiter, Warmwasserbeheizung im Prinzenbad – bei uns ist der öffentliche Dienst üppigst ausgebaut. Die Stadt tut alles, was sie kann, um ihre Bürger, die Prinzen, bei guter Laune zu halten. Jetzt haben wir sogar auch eine öffentliche Beratungsstelle gegen Spielsucht in der Wartenbergstraße – zusätzlich  zu all den herrlichen neuen privaten Spielhallen in Kreuzberg-West, die überall aus dem Boden sprießen!“, pries ich das öffentliche Füllhorn.

„Und das Beste ist: Alle Südstaatler können hier in Kreuzberg ihre Post um 21 Uhr einwerfen, sie kommt dann eher in Augsburg an, als wenn sie sie in Augsburg selbst einwürfen!“ Ich geriet aus dem Hymnus auf die Großzügigkeit der arbeitsamen Südstaatler gar nicht mehr heraus.

Im Yorckschlösschen zeigte ich mich als redlicher Empfänger der wundersamen Geldgeschenke. Ich begann die Trinkrunde mit einem tiefempfundenen Dankeschön eines Berliners an die südlichen Bundesländer:

„Danke an euch Bayern und Schwaben, dass ihr Jahrzehnt um Jahrzehnt Dutzende von Milliarden ohne Murren und Klagen an uns Berliner überweist. Denn ihr wisst ja, dass wir Berliner nur etwa 42% unseres Haushaltes selbst erwirtschaften, alles andere, mehr als die Hälfte unseres Geldes kommt von euch, ihr edlen Spender, ihr anderen Bundesländer! Ihr seid um so mehr zu preisen, als die öffentliche Versorgung mit Geschenken und Wohltaten in euren Bundesländern nicht im entferntesten an uns heranreichen kann! Seht, wie gut euer sauer erarbeitetes Geld hier in Berlin gedeiht! Seid willkommen in Kreuzberg, oh Augsburger!“

Prost! Aber hallo!

Bild: So sah es gestern im Yorckschlösschen aus.

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La verità è contro-vertibile – die umkehrbare Wahrheit

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Jan. 052012
 

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Zu Beginn des unterhaltsamen Buches Der Name der Rose versetzen wir uns in eine Mönchsseele hinein. Sie sagt, es sei ihre Aufgabe, jeden Tag das einzige Ereignis zu wiederholen, dessen Wahrheit unbestreitbar sei, oder, in der unvergleichlich anmutigen Lautung der Muttersprache des Jubilars, der heute seinen 80. Geburtstag feiert:

ripetere ogni giorno con salmodiante umiltà l’unico immodificabile evento di cui si possa asserire l’incontrovertibile verità.

Schön gesagt! Und umgekehrt drückt’s auch das aus, worin ich das Wesen dieses großartigen Europäers, dieses unerschöpflichen Geschichtenliebhabers und Rätselerzählers sehe: Die Wahrheit ist bestreitbar, die Wahrheit ist im Wortsinn umkehrbar, sie ist ein wieder holbares Ereignis, sie ist das Ereignis der Wieder-Holung.

Ich entbiete somit Umberto Eco con salmodiante umiltà allerherzlichste Glückwünsche zur 80. Wiederholung des unbestreitbar großen, ja vielleicht des unbestreitbar größten Ereignisses seines Lebens!

In aenigmate la verità!

Quelle:

Umberto Eco: Il nome della rosa. Gruppo editoriale Fabbri, XXVII edizione „I Grandi Tascabili“, Milano, febbraio 1990, Seite 19

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Wo war eigentlich das Wort am Anfang?

 Griechisches, Johannesevangelium, Koran, Latein, Novum Testamentum graece  Kommentare deaktiviert für Wo war eigentlich das Wort am Anfang?
Jan. 032012
 

In the beginning were the words … so leitet der aktuelle Economist seine sehr kluge, sehr bedachte Umschau über die kritische Erforschung des Korans ein (S. 42-43). Lesenswert!

Also: Am Anfang waren die Worte. In der Tat, ausgerechnet am 27. Dezember kamen wir wieder jene vielzitierten Einleitungssätze des Johannes-Evangeliums in den Sinn, an denen sich der arme Faust schon abmühte:

Geschrieben steht: >>im Anfang war das W o r t!<<
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort!
Ich kann das W o r t so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen, […]

Eine kleine Übersicht in  wichtigen europäischen Sprachen der Jetztzeit ergab, dass alle das griechische Logos mit Wort (verbum, parola, слово, …) übersetzen. Es ist eine ur-europäische Tradition: das schaffende, das gesprochene, das zeugende Wort rückt im Johannes-Prolog in die höchste Wertigkeit auf.

Wie geht der Text weiter? „Sie können doch Griechisch – zitieren Sie doch mal bitte!“ So fragte mich kürzlich eine Runde an Fragenden. Ich ließ mich nicht bitten und antwortete:

καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν

… und merkwürdig, da fiel mir zum ersten Mal auf, wie seltsam dieses pros ton theon klingt. Ja, wer da mit den Augen hören, mit den Ohren denken möchte! Wer griechische Texte nicht nur stumm liest, sondern sie gelegentlich auch laut rezitiert, dem muss dieses πρὸς τὸν θεόν hart aufstoßen. Es klingt irgendwie falsch. Denn diese Präposition pros drückt zusammen mit dem Akkusativ  stets eine Richtung, eine Bewegung aus, fast niemals aber einen ruhenden Ort – pros mit Akkusativ bedeutet motus ad locum, nicht situs in loco. Dies gilt unverrückbar für die gesamte griechische Sprache bis weit über die Zeitwende hinaus – es gilt ohne Ausnahme auch für den Sprachgebrauch des Evangelisten Johannes.

Ich meine aus diesem Grund, dass die übliche vulgärsprachliche Übersetzung  nach der Vulgata „et verbum erat apud deum“ – „und das Wort war bei Gott“ den Sinn des zweifelsfrei überlieferten originalen griechischen Wortlautes nicht treffend wiedergibt.

Denn die Präpositionen bei oder auch lateinisch apud drücken keine Bewegung, sondern einen festen Ort aus. Ihr seht: Wie der arme Faust bin ich unzufrieden mit den jahrtausendealten verehrten Übersetzungen. Sie sind mir zu statisch, nicht dynamisch genug!

Es gibt jedoch eine Übersetzungsmöglichkeit, die das im griechischen Text Angelegte besser verstehbar macht, nämlich das lateinische „ad“ bzw. das deutsche „zu“.

Ich meine somit, als Übersetzung des griechischen

καὶ ὁ Λόγος ἦν πρὸς τὸν Θεόν

folgende Möglichkeiten vorschlagen zu dürfen:

lateinisch: et verbum erat ad deum

deutsch: und das Wort war zu Gott

Dieser deutsche Satz klingt ungewöhnlich, klingt gewagt – und genau so klingt auch das griechische Original, wie jeder gute Kenner des Griechischen bestätigen wird.

Wagnis – Ungewöhnliches – Regelverletzung!

Diese beiden Übersetzungen sind grammatisch zweifellos näher am griechischen Wort, sie eröffnen darüber hinaus ein räumlich-bildliches Verständnis des Prologs, das geeignet ist, auch die nachfolgenden Texte und Gleichnisreden besser, nämlich körperlicher zu begreifen. Man braucht dann viel weniger Theologie, viel weniger Kommentar, viel weniger Regalmeter Sekundärliteratur, wenn man mithilfe guter, freilich unerlässlicher Vertrautheit mit dem Griechischen versucht, diesen Grundtext, wie ihn der arme Faust nennt, besser zu verstehen.

Johannes sagt also:

Das Wort war zu Gott.

Es war nicht ortsfest, nicht am festen Ort angekommen, es war am Anfang nicht bei Gott, sondern es war unterwegs, es war gerichtet auf denjenigen, den keiner je gesehen hat.

Quellen:

Muslims and the Koran: In the beginning were the words | The Economist December 31st 2011-January 6th 2012, Seite 42-43

Johann Wolfgang Goethe: Faust. Texte. Herausgegeben von Albrecht Schöne. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main, 1999, S. 61

Nestle-Aland: Novum testamentum graece, ed. vicesima septima, Deutsche Bibelgesellschaft, Suttgart 1999, S. 247

 Posted by at 01:26
Jan. 012012
 

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Liebe Bloggerinnen und Blogger,

das Jahr, es dreht sich sausend ab, und wir blicken auf eine ereignisreiche Zeit zurück!  

Ich vertraue dem Menschen

Ich setze auf den Menschen, ich glaube, dass die Menschen zur Freiheit gerufen sind. Die kleinen Einheiten tragen die Hauptverantwortung im Leben. Das sind für mich der einzelne Mensch, die Familie, die Schule, das Unternehmen. Ich will, dass alle Menschen die Freiheit, diesen Dreh- und Angelpunkt der Demokratie, erkennen und begrüßen, Tag um Tag, Woche um Woche.

Die Berliner Landespolitik, aber auch die Bezirkspolitik in Friedrichshain-Kreuzberg sah hingegen den Menschen zumeist als Gegenstand der Verwaltung und Versorgung. Sie berechnete ihn als Produkt der Umstände. Sie entmündigte und schwächte den Menschen. Sie verhinderte dadurch allzu oft, dass der verhängnisvolle Kreislauf aus staatlicher Fürsorge, Abhängigkeit und den Banden der sozialen Herkunft durchbrochen wurde.

Kreuzberger Pfade in die Zukunft schlagen

Eine Renaissance kultureller Bildung, gute deutsche und sonstige Sprachkenntnisse, persönliche Zuwendung im Geist der Nächstenliebe, individuelle Anstrengung, beruflicher Erfolg, die Wiederbelebung der kleinen solidarischen Gemeinschaften, vor allem der Familie, der Schule und des Unternehmens – das sind in meinen Augen die entscheidenden Mittel, um verfestigte Untätigkeit, um die stumm dahockende Lebenshaltung aufzulösen.

Um ein Europa von unten bittend

Die uns alle bedrängende Krise Europas sehe ich vor allem als selbstverschuldete Krise der Politik. Viel zu lange hat die Politik den Begehrlichkeiten der Interessenvertreter und der nationalen Regierungen nachgegeben. Wir haben zu lange auf Kosten der nachfolgenden Generationen gewirtschaftet. Ein ungelöster Gegensatz zwischen zentralstaatlicher Steuerung und föderativ-ausgleichenden Strukturen der Wirtschafts- und Währungspolitik trägt verschärfend zum Ungleichgewicht der Volkswirtschaften bei. Gleichzeitig fehlt es an sinnstiftenden Geschichten und Leitworten. So hab ich denn die Teile in der Hand – fehlt mir nur das einigende Band, wie es warnend der Zeichner in der Weimarer Republik einmal sagte. Europa singt eine Hymne ohne Worte,  Europa lechzt deshalb nach dem guten befreienden Wort, wie es damals die großen Revolutionen von 1989/90 entfacht hat.  

Ein neues Ethos

Hier liegt vor uns die Aufgabe, den Sinn und das riesige Potenzial der Europäischen Union lebhaft und glaubhaft zu schildern. Europa braucht ein neues Ethos, das nicht aus Mammutverträgen herabträufeln kann. Ebenso wenig ist der Euro Sinnklammer oder Fundament der EU. Sinn der EU ist es,  einen wahrhaft offenen, alle Menschen einschließenden Raum der Freiheit, der Demokratie, der Menschenrechte zu schaffen und zu pflegen. Und die beste, tragfähigste Gemeinschaftswährung dafür ist und bleibt das lebendige Wort, die Tüchtigkeit der Bürger, das Zutrauen in Einsicht und Lernfähigkeit der Menschen und der Gesellschaften.  Europa gelingt Schritt für Schritt mit vielen Begegnungen zwischen Menschen. Dieser neue „Pilgerweg“  zur echten Europäischen Gemeinschaft ist nicht leicht, er setzt sich aus vielen einzelnen Schritten zusammen. Wir alle wissen: Ein europäischer, ein globaler Weg liegt vor uns. Immer mehr Menschen spüren es: Europa ist ein großartiges Geschenk, ein Weg, den wir hegen und pflegen und vor allem mutig und zuversichtlich beschreiten wollen.

Liebe Freundinnen und Freunde,

den Geist der Zuversicht, die gültige Währung des freien Wortes wünsche ich Ihnen und Euch von Herzen für das anbrechende Jahr 2012. Lasst uns gemeinsam – einander stützend, helfend, verbindend  – gelingende Schritte tun.

Auf ein frohes, glückliches, gesegnetes neues Jahr!

Bildlegende:

Theodor Khalide: Bacchantin auf dem Panther. Friedrichswerdersche Kirche, Berlin

 Posted by at 11:55
Dez. 242011
 

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· Μὴ φοβεῖσθε· – Und der Bote sagte ihnen: Habt keine Angst (Lukas 2,10).

Dieses gestern aufgenommene Bild zeigt ein paar elektrische Lichter in der Dunkelheit, einen Hinweis auf einen Storchenparkplatz und einen Pfeil, der den Weg zur Brandmeldezentrale weist. Wir sehen: Für Geburten gibt es heute Krankenhäuser mit gut ausgeschilderten Storchenparkplätzen, das Risiko der Feuersbrünste ist gemindert durch Warnmelder, echte Dunkelheit gibt es nicht, da Strom und Licht überall vorhanden sind. Wir dürfen sogar das allgegenwärtige Handy einmal abschalten. Wir könnten uns zu Weihnachten alle entspannen und locker chillen.

Wie haben wir es doch so herrlich weit gebracht in den letzten Jahrzehnten!

Mein aus Ägypten stammender Freund, der die Ereignisse des letzten Jahres am Tahrir-Platz miterlebt hat,  sagt es mir schroff und klar ins Gesicht: „Zu diesem Weihnachten bleiben zwei Zimmer dunkel: meins und das von Jesus.“ Ein großartiges, ein geradezu herzbezwingendes Wort: es führt die Nähe zu Jesus vor Augen. Denn wie sonst könnte Hamed etwas über Jesu dunkles Zimmer sagen?  Und zugleich zeigt diese Aussage die absolute Ferne von Jesus, die schlichte Wahrheit: „Ich kann nichts mit eurem Weihnachtsfest und eurem Jesus-Gebimmel anfangen. Bleibt mir damit vom Leibe!“ Ich muss sagen, ich mag all diese Menschen, die den Weihnachtsrummel in voller Überzeugung oder gar angewidert ablehnen.

Doch meine ich, dass man durchaus hinter die Glitzer- und Rummelfassade hineinleuchten kann. Nicht alles ist schon ein abgekartetes Spiel, nicht alles ist schön aufgeräumt und glühweinselig. Es gibt Zweifel und Unsicherheiten auch im bestausgeschilderten Parkplatz.

Liest man etwa die Beschlüsse des Europäischen Rates vom 09.12.2011 genauer durch, so wird man erkennen, dass sie von mannigfachen Ängsten getrieben sind: Angst vor dem Auseinanderbrechen der Währung, Angst vor dem Staatsbankrott, Angst vor dem Bedeutungsverlust und der Verarmung Europas. Die Staats- und Regierungschefs haben offenkundig den Überblick über das komplizierte Gefüge der Staatsfinanzen verloren. Sie weisen in ihrem Abschlussdokument ausdrücklich die zentral regulierte Währungs- und Wirtschaftspolitik als das entscheidende Fundament der europäischen Integration aus. Gedeih und Verderb der Europäischen Union hingen also am Geld. Politik bestünde also  darin, Geldwerte zu sichern, bestünde darin, den höchsten Wert für sich und seine Schäflein herauszuholen.

Nicht zufällig erschüttern immer wieder und gerade auch  in den letzten Wochen Geschichten über den falschen oder leichtfertigen Umgang mit dem Geld die Glaubwürdigkeit einzelner Politiker und auch der Politik insgesamt. Politik wird am Umgang mit Geld gemessen, das Geld und die Geld-Gerüchte liefern das Maß für den Wert der Politik.  Mit starrem Blick aufs Geld steigen und fallen die Kurse der Politiker.

Ist Geld alles?

„Fürchtet euch nicht!“ Die Geburt Jesu ereignete sich nach der ausmalenden Schilderung des Lukas  in notdürftigsten Umständen als erlebte Freude unter den Armen und Angstgeplagten des Altertums, den Hirten, die des Nachts ihre Herden hüteten. Für Jesus stand kein Storchenparkplatz bereit. Er wurde vorerst in einen Futtertrog abgelegt, und der Raum, in dem er geboren wurde, war wohl eine Ein-Raum-Wohnung, in der mehrere Menschen und allerlei Vieh den Platz teilen mussten.

Eine Brandmelde-Zentrale gab es nicht: die Hirten, die von einer Licht- und Feuererscheinung in Panik versetzt wurden, konnten keine Notruftaste drücken. Ihnen blieb nichts anderes als dem Wort des Boten zu vertrauen: „Jetzt geratet nicht in Panik. Fürchtet euch nicht.“ Und diese Botschaft wirkte. Das gesprochene Wort war für die Hirten stärker als die begreifliche Angst vor dem Unerwarteten.

In einem Kinderlied heißt es: „Die redlichen Hirten knien betend davor?“ Wieso redliche Hirten? Redlichkeit, das kommt von Rede, dem Reden vertrauen, sein Reden vertrauenswürdig machen. Redlichkeit ist das, was wir von den Hirten lernen können.

Sollen wir vertrauen? Heißt es nicht zu recht: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Ich erwidere: Vertrauen in das redliche Wort ist nicht alles. Aber ohne Vertrauen in die redliche Kraft des Wortes ist alles nichts. Wenn wir dem grundsätzlich nicht mehr vertrauen können, was andere uns sagen, können wir uns alle Staaten und alle Staatenbündnisse oder Bundesstaaten und alle Europäischen und sonstigen Unionen gleich abschminken. Dann nützen auch Rettungsschirme und automatische Kontrollen nichts mehr.

Hat uns materiell unvergleichlich reicheren Europäern des 21. Jahrhunderts die Angst- und Armutsgeschichte des Lukas mit den redlichen Hirten heute noch etwas zu sagen?

Ich meine: ja! Der Evangelist Lukas rahmt die Geburtsgeschichte Jesu in einen staatspolitischen Rahmen höchster Stufe. Eine steuerliche Erfassung der Vermögenswerte aller Bürger war der Anlass der Wanderung von Maria und Josef. Der regierende Kaiser hatte offenkundig – wie die Regierenden in unserer Zeit – den nötigen Überblick über Soll und Haben verloren. In diese Ausnahmesituation fällt die Geburt Jesu. Spannend! Wie verhält sich der Erzähler Lukas zu den drängenden finanzpolitischen Fragen seiner Zeit? Welches Ergebnis brachte die Steuerschätzung? Wir erfahren es nicht.

Es ist enttäuschend: Die großen weltpolitischen Fragen werden ausgeblendet. Statt auf den Kaiser und seine großen Nöte richtet der Erzähler seinen Blick auf das Kleinste, Jämmerlichste, Ärmste und Unscheinbare.

Die Weihnachtsgeschichte spielt in einer Zeit größter Unsicherheit, größter finanzieller Risiken. Aber sie schlägt doch einen deutlich anderen Ton an als den Ton des großen und des kleinen Geldes, der heute unsere Medien und oft auch unser Denken beherrscht. Ich finde, die Weihnachtsgeschichte ist eine unterirdisch wühlende, wenn auch sanftmütige Kritik an der Anbetung des Geldes und der Macht.  Sie bereitet die Umwertung aller Werte vor, welche der Einbruch des Christentums für die damalige Welt und später für ganz Europa bedeutete.

Johannes, der vierte Evangelist, angeblich der Mann des Wortes, legt allergrößten Wert darauf, das Wirken Jesu in Jerusalem mit einer beispiellosen, ja gewaltsamen Tat beginnen zu lassen: mit dem Hinauswurf der Händler und Banker aus dem Tempel, der nicht nur religiöses Zentrum, sondern auch wirtschafts- und finanzpolitische Zentrale war. „Setzt euer Vertrauen nicht ins Geld, sondern in geistig-geistliche Werte!“  So deute ich diese Geschichte.

Die Geschichte von der Geburt Jesu  kann uns klarmachen, worin ein Sinn-Kern der Geschichte Europas besteht. Fürchtet euch nicht, habt keine Angst. Das sind wohltuende Worte in diesen wie wahnsinnig durcheinanderflatternden, viel zu aufgeregten Zeiten!

Wenn man sich heute, im Jahr 2011, in einen Zug setzt und von Moskau nach Lissabon fährt, wird man mehrere Zeitzonen durchmessen und Schlafwagenschaffner in 12 verschiedenen Sprachen Tee anbieten hören. Findet man Zeit auszusteigen und innezuhalten, wird man in allen Städten – ob nun in Moskau, Kiew, Warschau, Wien, Genf, Madrid oder Lissabon – chromstarrende Banken und Paläste finden, prachtvolle Schlösser und tuckernde Omnibusse. Aber man wird auch in allen diesen Städten Kirchen finden. Diese Gebäude sind gebaute Wahrzeichen,  die letztlich auf jene unscheinbare Geschichte in einer gedrängt vollen Einraumwohnung zurückgehen und auf jene Geschichten vom Vertrauen in das Wort verweisen: Fürchtet euch nicht. Diese Geschichte ist eine jener Geschichten, die Europa zusammenhalten könnten, wenn wir bereit wären, auf sie zu hören und einen Augenblick das Handy abzuschalten und innezuhalten.

Ich wünsche uns allen diese Fähigkeit, hinzuhören, Kraft zu schöpfen aus dem einigenden, dem redlichen Wort: Fürchtet euch nicht. Sicher: die weltpolitischen Fragen und Nöte sind nicht gelöst. Hunger, Tod und Krankheit, Krieg und Naturgewalten lauern.

Aber seien wir ehrlich: es geht uns in der Europäischen Union noch oder auf absehbare Zeit unvergleichlich gut. Kein neugeborenes Kind, so ersehnt wie sie alle sind, braucht heute in einem Futtertrog abgelegt zu werden. Der Storchenwagenparkplatz steht doch jederzeit bereit. Nahezu alle Menschen in der Europäischen Union sind dank Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft von Not und Armut befreit. Wir könnten uns eigentlich freuen und versuchen, möglichst viele Menschen außerhalb unserer 27-Länder-Wohlstandsinsel zu ähnlichen demokratisch-rechtsstaatlichen Verhältnissen zu führen, wie wir sie genießen.

Warum haben wir nicht mehr Glauben, mehr Zuversicht? Ich vermute, es hat damit zu tun, dass wir der Angst noch zu viel Platz einräumen. Angst lähmt. Angst um des Geldes willen ist die lähmendste Angst. Für diese Angst besteht kein echter Grund. Denn Angst ängstet sich zuletzt um sich selbst.

Zu Weihnachten bietet sich uns nun die große Chance, diese Grundlosigkeit der Angst zu durchbrechen. Wir werden die Ängste nicht los, ebenso wenig wie wir unsere Not und unsere realen Schulden schnell loswerden. Aber wir dürfen erkennen, dass es etwas Größeres, etwa anderes als die Angst gibt: Vertrauen in das Wort, Vertrauen in den Nächsten, Hoffnung auf unsere Veränderbarkeit, Hoffnung, dass die Wanderung zu einem sinnvollen Ziel findet.

Wir setzen also der kalten Faust der Angst unser unerschütterliches Vertrauen in die Kraft des befreienden Wortes, in die Tüchtigkeit der europäischen Bürger, in den unverwüstlichen Friedenswunsch der Völker entgegen.

Das Glockengeläute, das man in Moskau, Kiew, Wien, Madrid oder Lissabon hören kann, ist nicht das lärmende Jesusgebimmel, vor dem mein ägyptischer Freund vom Tahrir-Platz sich zu recht scheut. Es ist ein Zeichen für das andere der Angst, ein Weck- und Merkzeichen der Freude. Das Glockengeläute sagt:  „Freut euch vorläufig, mindestens solange diese Glocke läutet. Lasst sie hineinläuten ins dunkle Zimmer.

Mit einer Wendung, die ich einem ergreifenden Choral im Weihnachtsoratorium Johann Sebastian Bachs entnehme, rufe ich Euch und Ihnen  zu:

„Seid froh dieweil!“

 Posted by at 01:10

Ist Berlin besonders von Armut betroffen?

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Dez. 212011
 

191220111476.jpg

Wohlfahrtsverband: Berlin besonders von Armut betroffen – Berlin – Tagesspiegel
Buntes, lustiges Foto im Tagesspiegel: eine der wenigen Tausend Obdachlosen unserer Stadt, mit Einkaufswagen und allen Habseligkeiten. Aber das sind ja nicht nicht die definitorisch-statistischen Armen und Armutsgefährdeten, von denen es etwa 600.000 in unserer Stadt gibt. Echte, wirkliche Arme gibt es in Berlin höchstens einige Tausend. Alles andere ist gut gepolsterte Staatsabhängigkeit. Den Menschen, die als arm geführt werden, geht es materiell gut, sie führen ein materiell weitgehend sorgenfreies Leben, haben Wohnung, Essen, Kleidung, elektronische Unterhaltung, Heizung, die Kinder haben kostenlose Schulbildung, und alle haben medizinische Versorgung. Viele Arbeitslose haben darüber hinaus noch Arbeit. Noch einmal: „MIR FEHLT NICHTS!“, das höre ich straßauf, straßab bei uns im „Armutsviertel“ Kreuzberg.
Bilanz: Alles löchrig, was die wohlbestallten Armutsvormünder so verbraten. Die staatlich besoldeten Armutsvormünder und Armutsforscher leben gut von ihren Jeremiaden, und zwar üppig und reich.

Foto: Ein frisch gesprühtes Graffito im bunten Kreuzberg-West, Obentrautstraße. Mit Hammer und Sichel gegen die Massenverarmung und das Massenelend!

 Posted by at 17:38

Вас ждет ряд неприятных сюрпризов, oder: Eine Migrantenmutter packt aus (2)

 Gute Grundschulen, Integration durch Kultur?, Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Вас ждет ряд неприятных сюрпризов, oder: Eine Migrantenmutter packt aus (2)
Dez. 192011
 

16022010002.jpgКонтрольные работы.Контрольные работы бывают крайне редко и
служат не для проверки знаний по отдельным темам,как это было в наших
школах.Это,в основном,какие-то тесты,спускаемые „сверху“раз в
полугодие,где в одних школах проверяют одно,в других другое.В одной
школе почему-то тест только по математике,в другой по всем предметым,в
третьей по немецкому языку и т.д.Везде пункты,нет оценок.Иногда
результаты просто сравниваются со среднестатистическими по никому
неведомым критериям.
Дисциплина и ориентация на успех.
В Российской школе худших учеников пытались подтянуть к лучшим.Здесь
наоборот!Невероятно,но факт!Ребенок быстро выполнил задание и решил еще
пять лишних примеров.Его ругают,и говорят,чтобы в другой раз он так
делать не смел!Много слышала подобных историй от разных мам из разных
школ.На родительском собрании по случаю начала первого учебного года
меня отчитали за то,что я испортила жизнь своему ребенку,который давно
умеет читать и писть на двух языках,т.к. ему теперь будет скучно в школе.
Часто распущенность в поведении приравнивается к свободе
самовыражения,которую ни в коем случае нельзя ущемлять.До сих пор стоят
перед глазами полосатые носки одной девицы,которая в присутствии учителя
и директора школы,отвечала урок,положив ноги на парту!И никто ей не
сделал замечание!Школа гордилась своей особой свободой
самовыражения,т.к.называлась Школой Монтессори,хотя по сути ею далеко не
являлась,но это отдельная тема.
И последний гвоздь в гроб немецкого среднего образования попытались
забить неизвестные (нам!)чиновники,которые в виде эксперимента (над
нашими детьми!)ввели объединение с первого по третий и с четвертого по
шестй класс в одном классе.Подобные примеры были известны в деревнях
18-19 века,где была одна школа в какой-нибудь избе и такое малое
количество учащихся,что их нельзя было разделить на классы,как в
рассказе Толстого „Филиппок“.И напрасно отчаявшиеся родители писали
письма и ходили на демонстрации.Никто с ними не считался,систему ввели
во всех школах Берлина,обосновав это тем,что дети более старшего
возраста будут обучать младших.А что будет делать учитель в это время?И
кто будет учить старших детей?К счастью,через два года это отменили,как
обязательное нововведение,и школы,которые особо бурно
протестовали,смогли вернуться к старой системе.Только кто вернет детям
два года жизни в наиболее оптимальном для обучения возрасте?Не ввести ли
уголовную ответственность за подобные подвиги?Но,к
сожалению,преступления против культуры преступлениями не считаются!За
кражу вещей предусмотрено наказание,за кражу лет и образования Вам не
принесут никаких извинений.Это называется „просто не повезло“.
Самое страшное.Все вышеизложенное собираются вводить и уже почти
ввели в России,вместе с так наз.ЕГ.Храню статью из газеты Frankfurter
allgemeine Zeitung о реформе в русской школе под названием „Школа для
зомби“ от 21 января 2011 года.Они только забыли приписать в конце этой
статьи,что их собственная школа такой является уже давно!!!И что плоды
уничтожения культуры вцелом мы уже давно пожинаем здесь!От этого нам так
страшно,что теперь волна всеобшей дебилизации докатилась до России!
Но это тоже отдельная тема.
О школе имени Ломоносова.Минус только один – она платная.Но иначе
не выжить!Плюсов масса.Преподавание ведется на двух языках,причем всех
предметов!И этим она выгодно отличается даже от т.наз.Europa-Schule,где
одни предметы всегда на немецком,а другие всегда на
русском.Непонятно,как дети должны переводить сравнительно сложные
понятия с одного языка на другой,если они выучили материал только на
одном языке.С этим они столкнутся при переходе в гимназию.В нашей школе
немецкая и русская программы соотнесены друг с другом и идут
параллельно.Русская литература и остальные предметы изучаются по
учебникам и программе русской средней школы.В программу включены
произведения классической литературы.Есть учебники,программы и домашние
задания,контрольные работы и оценки.Конечно есть и фронтальные занятия
по всем предметам на обоих языках.При том,что в нашей школе существует
строгая дисциплина и организованность,атмосфера удивительно теплая и
доброжелвательная.Помимо русского и немецкого большое внимание уделено
изучению английского языка.Есть множество кружков и группа продленного
дня,где с детьми занимаются опытные и доброжелательные
воспитатели.Педагоги отличаются высоким профессионализмом,любовью к
своему делу и к детям.
Приходите в нашу школу!

18 декабря 2011г.

Irina Potapenko

 Posted by at 23:47
Dez. 192011
 

Immer wieder erstaunt es mich zu sehen, dass in der Berliner Schulpolitik sehr viel über die Migranten gesprochen wird, aber zu wenig mit ihnen.  Was wollen die Väter und Mütter, die aus Italien, Türkei, Syrien oder Russland nach Deutschland zuwandern, für ihre Kinder? Was erwarten sie von der deutschen Schule? Was sind sie selbst bereit zu leisten? Ich suche jede Möglichkeit, mit den Eltern selbst zu sprechen und freue mich über jedes offene Wort. Soeben erreicht dieses Blog aus der Tastatur einer russischen, in Berlin lebenden Zuwandrerin, der Mutter eines Grundschülers, eine erfahrungsgesättigte Analyse des deutschen oder besser Berliner Schulwesens.  Die Verfasserin kennt zahlreiche Berliner Schulen und Kitas, leistet seit einigen Jahren Theater- und Musikarbeit an Kitas und Grundschulen. Sie jammert also nicht rum, sondern macht sehr viel.

Irina Potapenko räumt mir das Recht ein, diese Rede einer russischen Mutter an die Eltern mit Migrationshintergund unverändert abzudrucken. Eine knappe Zusammenfassung der von mir gehörten Rede habe ich übrigens bereits am 26.11.2011 in diesem Blog unter dem Titel Warum-will keiner Berlins größtes Problem in die Hand nehmen eingestellt.

Eine deutsche Übersetzung der nachfolgenden Rede ist in Bearbeitung. Meine eigene knappe Antwortrede auf Irina Potapenko werde ich demnächst ebenfalls hier in diesem Blog zur Diskussion stellen.

Уважаемые родители!

Если Вам еще не приходилось сталкиваться с немецкой системой начального и среднего образования,мужайтесь!Вас ждет яд неприятных сюрпризов.Речь пойдет не о каких-то отдельных исключениях,а об общих тенденциях современной немецкой школы.Вам придется обучать детей не благодаря школе,а вопреки,т.к. вместе с самим бразованием отменены семь основополагающих моментов,на которых и держалось классическое образование.

Это:1)Программы,2)фронтальные
занятия,3)Учебники,4)Оценки,5)Домашние задания,6)Контрольные
работы,7)Дисциплина и ориентация на успех.
Теперь конкретно и по пунктам.Программы.В разных школах проходят совершенно разные темы в совершенно разных последовательностях.Педагоги самостоятельно выбирают материал и последовательность его зложения.Многие критиковали „программное единство“ советских школ,когда
начав учиться в Москве,ученик мог продолжить свое обучение в любом ругом городе прямо с той же страницы того же учебника из-за единой для сех школ программы.Оказалось,что это имело большой смысл.Любой педагог ог проследить как усвоен материал,на какие отдельные моменты нужно
обратить внимание,что необходимо повторить,с чем ученик справился.Здесь, ерейдя из одной школы в другую,невозможно составить никакого понятия о
том,какие темы пройдены,а какие нет,т.к. просто неизвестно, чем с детьми анимался предыдущий педагог.Часто темы излагаются сумбурно.Особо важные моменты не прорабатываются,не закрепляются.Пример из собственного
опыта.Ребенок приносит из школы тетрадь,которая называется „Мои части ечи“,где сразу собраны все подряд части речи.Если хочешь разобраться –
смотри и читай сам.Вскоре после этого на листочке получаем следующее адание :“Напиши,как здесь:
прохладный – холодный – ледяной.“Я спрашиваю:“Вы проходили равнительные степени прилагательных?“- „Нет.А что такое рилагательные?“При этом в тетрадке с частями речи прилагательные,конечно есть,просто изучать их ребенок должен,по всей вероятности сам.Еще один пример „новаторского“отношения к преподаванию немецкого
языка был приподнесен моей знакомой в средней школе,которая считается учшей в их районе.Там дети до третьего класса пишут слова так,как
слышат.Они потом,якобы сами научатся правильно
писать!Спрашивается:откуда?И где гаранития?
Фронтальные занятия.Объяснение педагогом материала у доски,когда весь класс проходит одну и ту же тему, встречается крайне редко.Обычно раздаются листочки с заданиями и все сидят за партами и выполняют их, кто как может.Одна моя
знакомая,чьи дети посещают школу в Панкове,решила в течение трех недель оприсутствовать на занятиях,чтобы выяснить,почему дети за два года очти ничему не научились.Ей удалось подсчитать,что время фронтальных
занятий по немецкому языку составляет примерно 15 минут в неделю.Точно ак же было и в нашей предыдущей школе.Удивительно,что при потрясающем
богатстве немецкой литературы, из программы просто изъяты произведения лассиков!Вместо Айхендорфа и Гете изучаются неизвестно кем составленные римитивные по содержанию тексты о пиратах и индейцах,или шедевры“,вроде „Анна и Петер в овощном отделе супермаркета“.
Учебники.
В школах постоянно раздаются листочки с заданиями.В лучшем случае существуют рабочие тетради по некоторым предметам.Учебников же,как аковых,нет!Я решила выяснить почему.Сначала мне сказали,что у школы нет
денег!В Германии,в Берлине,у школы,где есть настоящий концертный зал с роялем,кружок керамики с керамической печью,собственный автобус с шофером,который возит детей в бассейн,куча самых разных спонсоров,разные ружки и многое другое,нет денег на самое необходимое,на учебники! Я
предложила собрать деньги с родителей и сделать копии,что будет стоить остаточно дешево.Тогда мне сказали,что учебники у них в школе не приняты и все.Без дальнейших объяснений и обоснований.

Оценки.
С покон веков во всех школах существовали оценки.Знаете ли Вы,что они,оказывается,унижают учащихся?!Никогда не унижали,а теперь стали нижать!Ребенок может внезапно выяснить,что он плохой ученик, и асстроиться,еще чего доброго!А так не сравниваешь себя ни с кем,не знаешь хорошо ты учишься,или плохо,зато спокоен!Ни тебе унижений,ни
критериев учебы!Все равны,и двоечники и отличники!Не надо стремиться лучшить успеваемость,да и родители спокойны,понятия не имеют ,как ты чишься.
Домашние задания.
Домашние задания практически не задавались.Дневник был всегда бсолютно пустой.За три недели две-три записи,одна из которых ласила,например :“Принести пластилин“.Если что-то задавалось,то почти е проверялось.Или проверялось в двух случаях из шести.
(продолжение следует)

 Posted by at 23:40